Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2021 - Bühne

Szene aus "Outside". Foto: Ira Polar


In Berlin hat das FIND Festival 2021 an der Berliner Schaubühne eröffnet mit "Outside", Kirill Serebrennikows Hommage an Ren Hang, und "Love", einem Londoner Gastspiel von Alexander Zeldin. In der nachtkritik ist Sophie Diesselhorst trotz aller Sympathie leicht enttäuscht von Serebrennikows Stück. Zusammenarbeiten konnten der russische Theatermacher und der chinesische Fotograf nie (Ren Hang nahm sich 2017 das Leben) also stellt sich Serebrennikow eine Begegnung einfach vor, "indem er sich und Ren jeweils ein Alter Ego gibt. Die beiden tauschen sich aus über verschiedene Arten der Isolation - die psychische sowie die, zu der Serebrennikow durch den Hausarrest nach einer politisch motivierten Anklage wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder von August 2017 bis April 2019 verbannt war. ... Ren wurde in China wiederholt festgenommen mit dem Vorwurf, seine Bilder seien pornografisch. Auch er wurde also als Künstler von einem repressiven Regime unter Druck gesetzt, aber eine wirklich große Rolle spielt das nicht in 'Outside'. Auch seine eigene Situation im Hausarrest in Moskau biegt Serebrennikow weniger auf die Rolle des verfolgten Künstlers hin als vielmehr auf die Sehnsucht nach den Freiheiten, die er entbehren muss" und die er durch Nachstellen der Bilder Rens simuliert. Das ist anrührend, findet Diesselhorst, aber verliert auch bald seine Spannung.

Besprochen werden außerdem Heike M. Goetzes Inszenierung des "King Lear" am Luzerner Theater (nachtkritik) und René Polleschs "Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.10.2021 - Bühne

"Rappresentatione di Anima et di Corpo" im Theater an der Wien. Foto © Werner Kmetitsch


420 Jahre Jahre alt ist Emilio de' Cavalieris Oper "Rappresentatione di Anima et di Corpo" - es ist eine der ersten Opern überhaupt. Robert Carsen hat sie jetzt im Theater an der Wien so inszeniert, dass das Publikum von heute voll mitgeht, freut sich Joachim Lange in der nmz. "Carsen nähert sich dieser religiösen Belehrung darüber, was Menschen sollen, um in den Himmel zu kommen, und was sie lassen müssen, um die Hölle zu vermeiden, radikal von heute aus. Auf leerer Bühne sind alle Mitwirkenden zu Beginn wie Reisende in Alltagszivil versammelt. Eine Probensituation bei der jeder seine Sprache spricht und seine Fragen an den Sinn des Unternehmens  und den des Lebens hat. Aus dieser Tabula-rasa-Situation heraus beginnt das Spiel, wenn die personifizierte Zeit wie ein Obdachloser dazwischenstolpert, die Vergänglichkeit des Lebens beschwört und dazu auffordert, so viel Gutes wie möglich zu tun. ... Die Allegorien Anima und Corpo erleben als junges Paar von heute in Jeans eine Reise zu sich selbst."

In der Welt schreibt Manuel Brug zum Tod der Sopranistin Karan Armstrong.

Besprochen werden außerdem Herbert Fritschs Inszenierung von Rossinis "Il Barbiere di Siviglia" an der Wiener Staatsoper (nmz), Kay Voges und Jan Friedrichs Inszenierung von Hauptmanns "Einsame Menschen" am Volkstheater Wien (Standard, nachtkritik) und Guy Cassiers' Inszenierung "Les Démons" nach Dostojewski an der Comédie-Française (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2021 - Bühne

Besprochen werden Andrej Koroliovs "Die Vorüberlaufenden" von an der Deutschen Oper Berlin (nmz), Rossinis "Barbiere" an der Staatsoper Wien (Standard), Verdis "Il trovatore" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Judith Herzbergs Trilogie "Die Träume der Abwesenden" am Münchner Residenztheater (FAZ) und Twyla Tharps Choreografie "Commentaries on the Floating World" mit dem Ballett am Rhein in Düsseldorf (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.09.2021 - Bühne

Terence Blanchards "Fire Shut Up in My Bones". Foto: Metropolitan Opera

Völlig berauscht startete New York in die neue Saison der Metropolitan Opera, berichtet Frauke Steffens in der FAZ, mit Chamapagner, Nationalhymne aus dreitausend Kehlen und Glitzersteine an der Samt-Maske. Aber wie Steffens versichert, war es tatsächlich ein historischer Abend, denn erstmals brachte die Oper das Stück eines schwarzen Komponisten auf die Bühne: Der Jazztrompeter Terence Blanchard, der bereits viel Filmmusik für Spike Lee komponierte, hat "Fire Shut Up In My Bones" nach den Memoiren des schwarzen Journalisten Charles Blow geschrieben, mit Camille A. Brown führete ebenfalls zum ersten Mal eine schwarze Frau Regie in der Met. Themen sind Liebe, Trauer, Wut in einer schwarzen Erfahrungswelt: "Die Mutter arbeitet in einer Hähnchenfleischfabrik, um ihre fünf Söhne durchzubringen. Der Vater, die Brüder und Freunde flüchten sich in eindimensionale Männlichkeitsvorstellungen, und die Kirche spielt angesichts der eigenen gesellschaftlichen Ohnmacht eine große Rolle im Leben der Protagonisten. Charles Blow in seiner Autobiografie und Blanchard auf der Bühne zeigen eine kleine und rigide Welt, in der Charles, dargestellt von Will Liverman, aufwächst. Der Süden, singt der Chor ein ums andere Mal, das sei kein Ort 'for a boy of peculiar grace'."

Besprochen werden die Uraufführung von Bernhard Langs "Otello"-Überschreibung "Der Hetzer" an der Oper Dortmunf (taz), Simon Stones "Komplizen" am Wiener Burgtheater (das Wolfgang Kralicek in der SZ als tolles Ensemblestück lobt), Anne Lenks Inszenierung von Molières "Eingebildetem Kranken" im Schauspiel Hannover (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.09.2021 - Bühne

Cimarosas "Italienerin in London: Foto: Monika Rittershaus / Oper Frankfurt

Hingerissen ist
Judith von Sternburg in der FR von Domenico Cimarosas "L'Italiana in Londra", die R.B. Schlather an der Oper Frankfurt herrlich albern und flirrend von Lebendigkeit inszeniert hat: "Aus Sicht der Italiener ist der Italiener die entspannteste und irgendwo sogar vernünftigste Figur, Don Polidoro aus Neapel, Gordon Bintner, der zwar schon häufiger sein komisches Talent zeigen konnte, aber noch nie so sehr wie hier. Als sympathische Karikatur des Machos und Trottels singt er gleichwohl mit kraftvoll kultiviertem Bassbariton, ein ganzer Kerl, und musikalisch ist es eben kein Witz, sich lächerlich zu machen, sondern die hohe Schule. Außerdem tanzt er und schwingt das Becken, guckt und staunt und hofft und zagt und ist so peinlich, dass man ganz hingerissen ist." Auch in der FAZ bekennt Wolfgang Fuhrmann, selten in einer Oper so gelacht zu haben: "Über die in den Obertiteln flapsig, aber texttreu übersetzten Scherze des Librettisten Giuseppe Petrosellini ebenso wie über die komischen Aktionen der Darsteller, deren körperlicher Einsatz an einen der Ursprünge des Werks erinnerte: an die Commedia dell'arte - und nicht zuletzt über den witzigen Drive der Musik. "

Mit Jubel quittiert Egbert Tholl in der SZ auch Judith Herzbergs jüdische Familientrilogie "Die Träume der Abwesenden", die Stephan Kimmig am Münchner Residenztheater inszeniert hat, ein Tableau jüdischen Lebens und Überlebens, meint Tholl, aber auch ein großes Epos über das Leben überhaupt: "Es gibt hier so viele Geschichten und ihre Verkörperung, man kann sie nicht ansatzweise wiedergeben. Da sind die anrührende Carolin Conrad und der vollkommen furchtlose Robert Dölle, da ist Hanna Scheibe. Sie spielt Riet. Grandios. Mit naivem Wundern tritt sie von einem Fettnäpfchen ins andere, ein Beispiel: Ein Stück über Juden, nur mit Juden, das gehe doch nicht, weil wenn alle Juden sind, dürfe doch nicht einer schlechte Eigenschaften haben. Doch, dürfen sie. Das ist das Leben. Und man muss Herzbergs Stücke in Deutschland wieder und wieder spielen. Sie sind eine holländische Geschichte. Und deutsche Vergangenheit, Gegenwart."

Besprochen werden außerdem Simon Stones Stück "Komplizen" im Wiener Burgtheater (von dessen Erklärwut sich Margarete Affenzeller im Standard etwas erschlagen fühlt) Florentina Holzingers grelle Produktion "Göttlicher Komödie" an der Berliner Volksbühne ( die Welt-Kritiker Manuel Brug zwischen Provokationsmurx und flauer Flatulenz einordnet), René Polleschs "J'accuse" am Hamburger Schauspielhau (FAZ) sowie David Dawsons Ballettproduktionen "Voices" und "Citizen Nowhere" mit dem Staatsballett Berlin ("Edelkitsch", winkt  Sandra Luzina im Tsp ab).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.09.2021 - Bühne

Ruben Reniers' "Requiem" im Dok 11. Foto: Carlos Collado

Gegen die Geschichtslosigkeit des zeitgenössischen Tanzes empfiehlt Wiebke Hüster in der FAZ nachdrücklich Ruben Reniers' "Requiem. Mangongkal Holi" im Berliner Dock 11, das auf dem Grat zwischen Ritual und zeitgenössischem Tanz wandele, ohne ins Spirituelle zu verfallen: "Reniers ist in Indonesien geboren, aber in den Niederlanden aufgewachsen, und auf den Spuren der Rituale der Batak in Sumatra wandelt er mit diesem Stück. 'Mangongkal Holi' heißt das Ritual, bei dem etwa zehn Jahre nach dem Tod die Verwandten des Verstorbenen seine Knochen ausgraben und an einem neuen Ort bestatten. Dabei wird Reis geworfen, getanzt, es werden Gaben ausgetauscht, und es wird gemeinsam gegessen. So versichert man sich seiner Wurzeln, lebt im Einklang mit den Geistern, während sich in den Gaben deutlich der jeweilige soziale Status manifestiert. Reniers und dem Ensemble geht es um die poetischen und physischen Bedingungen des Erinnerns, der Verbindung mit den Toten, der Vergewisserung der eigenen Position in der Mitte - zwischen den eben Geborenen und den Verstorbenen."

Besprochen werden René Polleschs "J'accuse!" am Hamburger Schauspielhaus (ein Ereignis, versichert Stafan Forth in der Nachtkritik), Claus Peymanns Inszenierung von Eugène Ionescos absurdem Stück "Der König stirbt" am Theater in der Josefstadt in Wien (nach dem Margarete Affenzeller im Standard dem Regisseur Wien als neues künstlerisches Zuhause empfiehlt, Nachtkritik), Stefan Bachmanns Inszenierung von Rainald Goetz' 9/11-Stück "Reich des Todes" in Düsseldorf (FAZ), Händels Oper "Amadigi" im Bockenheimer Depot (FR) und das Corona-Stück "Wuhan - Die Verwandlung" am Staatstheater Wiesbaden (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.09.2021 - Bühne

Szene aus: "Im Reich des Todes". Bild: Thomas Rabsch

Bereits vor einem Jahr wurde Rainald Goetz' Stück "Im Reich des Todes" über 9/11 und Abu Ghraib in der Inszenierung von Katrin Beier am Deutschen Schauspielhaus uraufgeführt (Unsere Resümees), jetzt zeigte Stefan Bachmann seine Version am Schauspielhaus Düsseldorf - nach dem Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan genau zum richtigen Zeitpunkt, wie die Kritiker schreiben. Einen wahren "Hirnrave" erlebt Nachtkritiker Andreas Wilink, der staunt, wie Bachmann seine sieben weiblichen Darstellerinnen in "Rokoko-Roben" und SS-Leder-Lack-Kostümen durch Goetz' "minoisches Verweis-Labyrinth" führt: "Das Ensemble von sieben Darstellerinnen hebt die 'typische' Rollenzuteilung wirkmächtig auf. Dem auch von Pasolini her geläufigen Steigerungs-Aspekt von Sexualität als Gewalttakt und Verfügbar-Machen und wie sich dabei die Opfer-Täter-Relation nach Geschlecht sortiert, wird ein Strich durch die zu einfache Rechnung gemacht. Das ist ebenso 'skandalös' wie der Terror von Brutalität und Angst, der sich hier in frommer Litanei und religiöser Ekstase outet." In der SZ erlebt auch Alexander Menden eine "gezielte Überforderung des Zuschauers durch Sprache, Lärm und Unberechenbarkeit."

Szene aus "Divine Comedy" an der Volksbühne. Bild: Nicole Marianna Wytyczak

Masturbationsszenen, auf der Bühne verrichtete Notdurft, Blut und natürlich viel Nacktheit - Sandra Luzina (Tsp) versteht durchaus, weshalb Florentina Holzingers "Göttlicher Komödie" an der Volksbühne erst ab 18 Jahren empfohlen ist. Allein: Schock oder Verstörung wollen sich bei ihr nicht einstellen. Immerhin: "Florentina Holzingers Bühnenspektakel kreisen immer um den weiblichen Körper. Mit ihren feministischen Fantasien, überschreibt sie die überlieferten Imaginationen von Weiblichkeit. Auch diesmal lässt die Choreografin ihre Performerinnen wieder nackt auftreten. Athletische wie auch voluminöse Körper werden ausgestellt, Holzinger zeigt reale Körper, die sich in ganz realen Tätigkeiten verausgaben - und deswegen taugen sie nicht zur Projektionsfläche für schwüle Fantasien."

Besprochen werden Jossi Wielers und Sergio Morabitos Inszenierung von Hans Werner Henzes Oper "Das verratene Meer" an der Wiener Staatsoper (Standard), Adrian Nobles Inszenierung des "Otello" an der Wiener Staatsoper (Standard), Michael Quasts Inszenierung von Carl Malß' "Der alte Bürger-Capitain oder Die Entführung" an der Fliegenden Volksbühne Frankfurt (FR), Burkhard C. Kominskis Inszenierung von Andres Veiels und Jutta Dobersteins "Ökozid" am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik), Antonio Latellas Inszenierung von Edmond Rostands "Cyrano de Bergerac" am Münchner Residenztheater (nachtkritik), Anne Lenks Inszenierung von Molières "Der eingebildete Kranke" am Staatstheater Hannover (nachtkritik), eine Rekonstruktion der Zürcher Uraufführung von Dürrenmatts "Die Physiker" am Theater Basel (NZZ), Dörte Lyssewskis Inszenierung von J.M.R. Lenz' "Der neue Mendoza" in Salzburg (FAZ) und Wajdi Mouawads Inszenierung von George Enescus Oper "Oedipe" an der Pariser Nationaloper (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2021 - Bühne

Auch in Mexiko dürfen die Theater wieder öffnen, wenn auch nur mit einer Auslastung bis 30 Prozent, etwa 300 Veranstaltungsorte stehen vor dem Aus, schreibt Gaston Alzate, der in der nachtkritik in einem lesenswerten Theaterbrief aus Mexiko erzählt, wie die Regierung "von der prekären Situation der indigenen Bevölkerung, der Migrant:innen ohne Papiere, von den Femiziden und den bis August 2021 insgesamt 54.000 Corona-Toten abzulenken" versucht. Aber Mexikos Frauen zettelten einen "beispiellosen Aufstand" an, "der sich in verschiedenen theatralischen Formen gegen patriarchale Gewalt richtete. Diese politischen Darbietungen orientierten sich an den Strategien emanzipatorischer Frauenbewegungen, die sich gegen die Gesellschaftsordnung stellten, wie etwa die britischen Suffragetten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa, und erschütterten damit das Land. Junge mexikanische Frauen haben kreative und festliche Umzüge veranstaltet, künstlerische Performances und Zirkusnummern, sie haben ikonische Denkmäler bemalt, Schulgebäude besetzt und Fotos ausgestellt - von vermissten oder ermordeten Frauen oder von maskierten Frauen, die die mexikanische Flagge in Brand setzen unter dem Slogan 'ohne Vaterland, ohne Partei, ohne Ehemann'."

Außerdem: Der Dramaturg, Kurator und Theaterleiter Matthias Pees wird ab dem 1. September 2022 der neue Intendant der Berliner Festspiele und löst damit Thomas Oberender ab, meldet der Tagesspiegel. Die Zeit hat Peter Kümmels Besprechung Frank Castorfs Inszenierung von Peter Handkes "Zdeněk Adamec" online nachgereicht. In der FR kommentieren Ulrich Seidler und Judith von Sternburg: "Es scheint so, als wolle mit der Besetzung dieses nicht unwichtigen Postens, noch jemand bis zur letzten Sekunde seine Macht und seine Gestaltungmöglichkeiten auskosten." In der NZZ schreibt Philipp Meier den Nachruf auf die Schweizer Kulturmanagerin Anne Keller Dubach, die von der Zürcher Kunstgesellschaft gerade erst zur Nachfolgerin von Walter Kielholz gewählt worden war.

Besprochen werden ein Performance-Walk mit dem Titel "The War of the Worlds" nach H.G. Wells organisiert vom Ballhaus Ost (taz), Oliver Hoppmanns Revue "Arise" am Berliner Friedrichstadt-Palast (Tagesspiegel, SZ), das Stück "(Ob)Sessions" der israelischen Choreografin Saar Magel im Kasino des Wiener Burgtheaters (Standard), Susanne Kennedys "Drei Schwestern" nach Motiven Tschechow am Wiener Volkstheater (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2021 - Bühne

Die Zeit hat ihre Besprechung zu Adrian Marthalers Zürcher Bühnenprojekt "Addio Amor", in dem sich SchauspielerInnen um die achtzig mit dem Alter auseinandersetzen, online nachgereicht. So "wie das Fruchtwasser einen Embryo" umhüllen Jeffrey Arlo Brown im Van-Magazin die Klänge, die er bei Andreas Homokis Inszenierung von Richard Strauss' "Salome" im Opernhaus Zürich, bei der 3. Sinfonie von Gustav Mahler unter der Leitung von Paavo Järvi in der Tonhalle Zürich und bei einer Georg-Friedrich-Haas-Uraufführung beim Kammerorchester Basel zu hören bekam.

Besprochen werden Rainer Prudenz' "Der Titel - Reise nach Davos" an der Frankfurter Kammeroper (FR), Nis-Momme Stockmanns "Das Imperium des Schönen" am Hans Otto Theater in Potsdam (Tagesspiegel), Thomas Ostermeiers Ödipus-Inszenierung an der Schaubühne (SZ) und Karin Beiers Inszenierung von Ian McEwans Roman "Kindeswohl" am Schauspielhaus Hamburg (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.09.2021 - Bühne

Szene aus "Die Jakobsbücher". Bild: Krafft Angerer

"Besser kann man Tokarczuks Werk im Theater wohl nicht gerecht werden", glaubt Christiane Lutz in der SZ nach Ewelina Marciniaks Adaption von Olga Tokarczuks Monumentalwerk "Die Jakobsbücher" am Hamburger Thalia Theater. Marciniak hat die Geschichte um den polnischen Juden Jakob Frank, der zunächst eine mystisch geprägte Befreiungsbewegung gründete, erst zum Islam und dann zum Christentum konvertierte, formstreng "auf den Punkt" inszeniert, staunt Lutz: "Marciniak führt die Religionen und Religiosität nicht vor. Der Diskurs, der Streit, ist immer auch ein Spiel, sich zu entwickeln. (…)  Tausende Juden sind damals in katholischem Übereifer in Polen (zwangs-)getauft worden, eine brutale Aktion vermeintlicher Gleichmachung, nur damit danach alle bedröppelt feststellen, so richtig gleich sei man immer noch nicht. Fremdheit ist für Marciniak nichts, das es grundsätzlich zu überwinden, plattzuwalzen gilt. Mit Eleganz balancieren sie und ihr großartiges Ensemble an diesem einnehmenden Theaterabend auf dieser feinen Linie zwischen Fremdheit und Nähe, die es vielleicht zu erhalten gilt, damit die Menschen respektvoll zusammenleben können."

Außerdem: Im Tagesspiegel gratuliert Frederik Hanssen der Deutschen Oper Berlin in einer "Liebeserklärung" zum sechzigjährigen Bestehen. Der Prozess gegen den belgischen Choreografen Jan Fabre, dem sexuelle Belästigung vorgeworfen wird, beginnt im kommenden März, ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft, meldet der Standard mit APA. In der nachtkritik denkt Janis El-Bira darüber nach, warum es an deutschen Bühnen derzeit gleich drei Inszenierungen gibt, die sich dem Ödipus-Mythos widmen.

Besprochen werden Christina Tscharyiskis Inszenierung von Brechts "Die Mutter" im Berliner Einsemble (taz), Simone Sterrs "99 Schritte zum Meer" inszeniert von der Bremer Shakespeare Company am Bremer Theater am Leibnizplatz (taz), Matthias Ripperts Inszenierung von Jaroslav Haseks "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" am Landestheater Linz (Standard), Karin Beiers Inszenierung von Ian McEwans Roman "Kindeswohl" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (SZ) und Frank Castorfs Inszenierung von Peter Handkes "Zdeněk Adamec" am Wiener Burgtheater (FAZ).