In der NZZporträtiert Lilo Weber die Balletttänzerin Sarah-JaneBrodbeck, die aktuell in der sogenannten "Transition" steckt - der Phase, in der TänzerInnen altersbedingt Abschied vom Bühnenleben nehmen müssen. Besprochen werden Lola Arias' Stück "Mother Tongue" am Berliner Gorki Theater (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), Carlos Wagners Inszenierung von Jörg Widmanns Oper "Das Gesicht im Spiegel" im Wiener Museumsquartier (Standard), Armin Petras' Inszenierung "Im Berg" nach Franz Fühmann am Staatstheater Cottbus (nmz) und Nicolas Stemanns Performance-Abend "Ödipus Tyrann" am Zürcher Schauspielhaus (FAZ).
Lola Arias: "Mother Tongue". Foto: Ute Langkafel / Gorki-Theater Eine Pionierarbeit sieht Nachtkritikerin Christine Wahl im Rechercheabend "Mother Tongue", mit dem Regisseurin Lola Arias' neue Lebens- und Familienmodelle auffächert. In der tazgoutiert Katrin Bettina Müller das Stück über Coparenting, Kinderwunsch, queere Familienformen zunächst als "Enzyklopädie der Reproduktion im einundzwanzigsten Jahrhundert", findet die aufgezeigte Utopie am Ende aber doch etwas fragwürdig: "von Elternschaften, die auf Kollektive von mindestens zehn Menschen verteilt werden sollen. Von Samenspenden und Eizellen, die in allen zugänglichen Banken lagern. Das erinnerte dann doch eher an Science-Fiction-Szenarien, in denen die Kontrolle der Reproduktion der Anfang des Totalitarismus ist."
Weiteres: Im Standardplaudern Daniel Kehlmann und Martin Kusej über die anstehende Bühnenpremiere von Daniel Brühls Film "Nebenan" am Burgtheater.
Besprochen werden Nicolas Stemanns Inszenierung von Sophokles' "Oedipus" (deren "eleganten Minimalismus" Ueli Bernays in der NZZ zu schätzen weiß), das Kriegsstück "Sich waffnend gegen eine See von Plagen" an der Berliner Schaubühne (SZ), Lola Arias' "Mother Tongue" im Gorki Theater (taz), Luk Percevals Feuchtwanger-Adaption "Exil" am Berliner Ensemble (FAZ).
Formalismus deluxe: Robert Wilsons "100 seconds to midnight". Foto: Lucie Jansch / Thalia Theater Erhabene, aber auch sehr düstere Momente erlebte SZ-Kritiker Till Briegleb mit Robert Wilsons Inszenierung "H - 100 seconds to midnight" am Hamburger Thalia Theater, wo der amerikanische Regisseur mit Stephen Hawking, der libanesischen Dichterin Etel Adnan und Walter Benjamins Engel der Geschichte in den Weltuntergang reiste: "Wilson gestaltet spartanische architektonische Bilder und kalte Lichtstimmungen um die fünf Schauspielerinnen und Schauspieler, die das schwarze Drama der Menschheit nicht als Tragödie geben, sondern als stoische Erwartung des Unvermeidlichen." In der FAZ gibt Simon Strauß zu, dass auch er hingerissen ist von Wilsons unbedingtem Formwillen, Unvernunft und Bedingungslosigkeit. Trotzdem lassen ihn diese exakt ausgearbeiten Traumwelten kalt, wie er schreibt: "Denn wen Wilson nicht als Bedingung seiner Kunst anerkennt, sind die Schauspieler. Stets richtet er sie sich auf die gleiche Art und Weise her, weist ihre Individualität zurück und macht sie zu seinen Typen. Nicht sie selbst wirken dann auf der Bühne, sondern ihre Schminke, ihre Haltung, ihre abrupten Roboterbewegungen. Selbst ein so großartiger Einzelgängerspieler wie Jens Harzer kann sich dagegen an diesem Hamburger Abend nicht zur Wehr setzen - er wirkt trotz wunderbarer Szenen als tänzelnder Conférencier oder mokanter Witzeerzähler wie eine aufgezogene Puppe. Sein sonst so lebenskluger Manierismus wird hier durch Wilsons Stilregie fast schon karikiert."
Berührt berichtet Patrick Wildermann im Tagesspiegel vom ukrainischen Theaterabend "Sich waffnend gegen eine See von Plagen", mit dem der Regisseur Stas Zhyrkov und der Dramatiker Pavlo Arie an der Schaubühne die Schrecken des des Krieges erfahrbar machen wollen: "Rund zehn Interviews haben Zhyrkov und Arie geführt und eine handvoll davon zu schlaglichtartigen Erzählungen vom Wahnsinn des Krieges verdichtet. Das Stück soll nicht einfach dokumentarisch sein, sagt Arie. Was er sich wünscht, ist ein 'Theater der Zeugen'. Einer der Interviewten, Wowa Kovbel, bekennt einmal: 'Keine Angst habe nur Dumme und Verrückte… oder Tote.'" Nachtkritikerin Esther Slevogt bemerkt anerkennend, wie tief sich dieser Abend in "die emotionalen Gemengelagen und inneren Abgründe hereinwühlt, die dieser Krieg, seine Umstände, aber auch seine Propaganda auslösen, von Zynismus bis zu ohnmächtiger Verzweiflung."
Besprochen werden Luk Percevals Inszenierung von Feuchtwangers antifaschistischen Roman "Exil" am Berliner Ensemble (SZ, Tsp, Nachtkritik), Trajal Harrells Version von Federico Garcia Lorcas Stück "Bernarda Albas Haus", in der der amerikanische Choreograf Bernardas Töchter durchs Haus Dior voguen lässt (FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster ist überwältigt von der Extravaganz der Kostüme und der "Bewegungsbrillanz der durchweg charaismatischen Mitwirkenden", NZZ), Łukasz Twarkowskis bei der Ruhrtriennale gezeigte Mockumentary "Respublica" über eine Aussteiger-Community, die mit Raves in den litauischen Wäldern Glück und Miteinander sucht (taz), Nicolas Stemanns Inszenierung von Sophokles' "Ödipus Tyrann" am Zürcher Schauspielhaus (Nachtkritik), Johan Simons Inszenierung von Euripides' "Alkestis" am Schauspielhaus Bochumn (Nachtkritik) und Davide Enias Monolog "Finsternis" mit dem Freien Schauspiel Ensemble Frankfurt (FR).
Das Theater der Zukunft: Chris Salters "Animate" beim Kunstfest Weimar. Foto: Tim Thomasson
Kevin Hanschke begibt sich für die FAZ beim Kunstfest Weimar in die ehemalige Halle für Kartoffelerntetechnik, um mit sieben weiteren Besuchern an einem Seil, neueste Virtual-Reality-Brille auf der Nase, durch "Animate" geführt zu werden, ein immersives Stück des kanadischen Computerkünstlers Chris Salter. Es ist eine dystopische Liebesgeschichte in einer vom Klimawandel zerstörten Welt. In Neufundland finden sie noch Reste einer überlebenden Natur und mit ihnen die acht Zuschauer. "Die Industriehalle mit all ihren natürlichen Hindernissen bietet dafür eine surreale Kulisse. Im Video verschwimmen die Bilder, das Vogelgezwitscher verwandelt sich in einen wummernden Basston, und Felsbrocken scheinen umherzufliegen. In dem Moment beginnt die Performance, ihr immersives Versprechen einzulösen. Jetzt wird das Seil abgelegt. Das Publikum bewegt sich frei im Raum, verfolgt die herumschwirrenden Steine und weicht ihnen aus. Mit der Hand versucht man das Geröll abzuwehren, was aufgrund neuster VR-Technik auch wirklich funktioniert. Die Steine ändern ihre Bahn und fliegen vorbei. Salters Stück, das mit Technologie des Konzerns Meta realisiert wurde, gibt einen Vorgeschmack, wie Theater in zehn Jahren aussehen könnte."
In der nachtkritikzeichnet Lena Myhashko am Beispiel von vier Inszenierungen nach, welche Bedeutung der Euromaidan 2014 für die Darstellenden Künste und die Herausbildung einer ukrainische Identität hatte. "Heute, da wir den seit über sechs Monaten andauernden Krieg in seinem schlimmsten Ausmaß erleben, werden vielerorts Hintergrundinformationen zusammengetragen, um zu einer Art Erklärung der Ereignisse zu gelangen. Ich glaube, dass einige der Schlüssel für solche Erklärungen in den hier beschriebenen ukrainischen Theaterproduktionen zu finden sind, die zwischen 2014 und dem Ausbruch des Krieges im Februar 2022 entstanden sind..."
Weiteres: Meltem Kaptan bekommt den Deutschen Schauspielpreis für ihre Rolle im Film "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush", meldetZeit online. In Dlf Kulturärgert sich Tobi Müller über das Bashing von Theaterkritikern. Karin Beiers Erklärung, die Theaterkritik sei "die Scheiße am Ärmel der Kunst" ist ihm noch gut in Erinnerung, und jetzt beleidigte offenbar Benny Claessens, der am Zürcher Theater Neumarkt Regie führt, auf Facebook eine nachtkritikerin: "Würden wir Kritiker:innen nur im Ansatz so beleidigende Anwürfe in Richtung Theater schmeißen, wären wir den Job zu recht los."
Besprochen werden Leonardo Vincis Oper "Alessandro nell'Indie" beim Bayreuth Opera Festival (nmz), und Wagners "Lohengrin" am Theater Lübeck (nmz). Aprospos Lohengrin: Christian Thielemann hat sich im Interview mit der Welt darüber aufgeregt, dass Katharina Wagner im Bayreuther "Lohengrin" das Wort "Führer" durch "Schützer" hat ersetzen lassen. Das wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zwar oft praktiziert, aber Thielemann wittert Zensur, berichtet Christian Wildhagen in der NZZ: "'Entschuldigung, aber wo kommen wir denn da hin?', fragt er rhetorisch. In dem Fall könne man gleich noch viel mehr ändern, etwa die Textpassage 'Für deutsches Land das deutsche Schwert'. Der ganze 'Lohengrin' sei ja 'voll von solchen Stellen'. Einmal in Fahrt, mutmaßt Thielemann, man könne bald wohl auch Puccinis 'Tosca' nicht mehr spielen - wegen der Darstellung von 'versuchter Vergewaltigung, Mord und so weiter'."
Szene aus: "Solastalgia". Bild: Robert Schittko Selten war Thomas Köck so "wütend, entsetzt und traurig" wie in seinem Stück "Solastalgia" beim Kunstfest Weimar, schreibt Egbert Tholl in der SZ und staunt, wie Köck den sterbenden deutschen Wald mit einem suizidgefährdeten Familienvater zusammenbringt: "Köck schreibt durchrhythmisiert, musikalisch. Hier, als Regisseur des eigenen Werks, verdichtet er die Uraufführung zu einem langen Schrei. Dafür hat er drei Musikerinnen aus Portugal und Katalonien, die Horn, Oboe und Klarinette spielen, mit ihren Instrumenten kreischen und singen, selten pausieren. Eine von ihnen resümiert die Lage: 'Let's face it: We are fucked.' Sie tragen 'Pussy-Riot'-Strickmasken."
Ein "zirzensisches, nervenzehrendes, oft Ohren strapazierendes Sprach- und Sprechexperiment" erlebtNachtkritiker Harald Raub, wenn Köck sein Klagelied über Klimakrise, Waldsterben und Depression anstimmt - und doch, es gelingt: "Immer Tempo, immer Action. Die Schauspielerinnen lassen mit Körpereinsatz und Stimme eine Geschichte entstehen, die das Publikum in ihren Bann zieht - und auch gehörig strapaziert. (...) Inquisitorisches und staatsanwaltschaftliche Plädoyers vor dem moralischen Weltgericht dann im ausufernden Kapitel Wald und Flur: Waldsterben, Baumleichen. (...) Man lernt viel über Waldwirtschaft und deren Geschichte, über Tannen und norwegische Fichten und den Rettungsversuch mit importierten Douglasien aus Nordamerika."
Außerdem: In der SZporträtiert Christine Dössel den Schauspieler Dominique Horwitz, der aktuell einen Demagogen in Mauricio Kagels Solostück "Der Tribun" beim Kunstfest Weimar gibt. Besprochen wird Anthony Pilavachis Inszenierung des "Lohengrin" am Theater Lübeck (nmz).
Szene aus "Aria di Potenza". Bild: Sisi Kreft. Die ganze Bandbreite unserer katastrophalen Weltlage bekommt Dorothea Marcus in der taz beim Kunstfest Weimar geboten, das sich vor allem auf der Bühne inbrünstig Themen wie Klimaschutz oder Macht und Manipulation widmet. Etwa in der bombastischen Inszenierung "Aria di Potenza" im Weimarer Nationaltheater, für die Regisseur Krystian Lada drei Opernsänger, ihre Geschlechter sind fluide, Reden von Putin, Trump oder auch Angela Merkel nachspielen lässt. "Sie gehen in berühmte Arien der Operngeschichte über, die radikal und erschreckend populistische Konzepte entlarven. Bravourös performt wird die hetzerische Trump-Rede vor dem Sturm auf das Kapitol vom trans Heldenbariton Lucia Lucas in glitzernder Abendrobe, mit Richard Wagners 'Rheingold' tritt er ab - der Griff zur Weltherrschaft ist wie bei Alberich nur aufgeschoben - und macht Platz für Putins kalte, bedrohliche Kriegserklärung an die Ukraine. Trumps pathetische weiße Fahne wird zur riesigen schwarzen Flagge der Vernichtung, geschwungen vom Countertenor Théo Imart, in der Tonspur zischt und brodelt es, geht über in die Rache-Arie der Händel-Oper 'Xerxes': 'Grausame Furien aus schrecklichen Tiefen'."
Szene aus "Welcome to Paradise Lost". Bild: Candy Welz Um Klimawandel und Flüchtlingskrise geht's indes, wenn Falk Richter sein Stück "Welcome to Paradise Lost" uraufführt, stöhnt Manuel Brug in der Welt, nachdem ihm Richter in einem "renitenten Klangkrawall-Waldorfkindergarten" einen ganzen Strauß Thesen um die Ohren gehauen hat: Um einen Einpeitscher herum wuseln "15 Jugendliche im Aktivistenoverall, aber mit Vogelköpfen, die als aufgescheuchte Piepmätze nun die Rettung der Welt angehen wollen. Sie wissen nicht wie, und am Ende haben sie nur gelernt, dass sie selbst ihr König sind, dass es also erst recht auf jeden Einzelnen ankommt. Falk Richter ist ein geübter Phrasendrescher, seine Wortkaskaden funktionieren, treffen aber eigentlich nie, weil sie viel zu breit streuen."
Außerdem: Im Tagesspiegel (hinter einer Paywall) spricht BE-Intendant Oliver Reese über die neue Spielzeit, eine überraschend erfolgreiche vergangene Saison, Corona, die Energiekrise und die Arbeit mit Antidiskriminierungs-Coaches: "Die Debatte darüber, dass auch die Kunstfreiheit nicht grenzenlos sein muss, haben wir ja gerade erst erlebt, Stichwort: documenta fifteen. Ohne irgendwelche Vergleiche anzustellen - was spricht dagegen, zu bestimmten Fragen Fachleute zu hören?" Im Standardüberlegt Ljubiša Tošic, wie es nach dem Aus von Dirigent Walter Kobéra an der Neuen Oper Wien ab 2023 weitergehen soll.
Rückkehr der Verfemten: Anna Netrebko als Mimi in "La Bohème". Foto: Barbara Zeininger/Staatsoper Wien Die Rückkehr Anna Netrebkos auf die Bühne der Wiener Staatsoper wurde mit Tumulten vor und zu Beginn von Puccinis "Bohème" quittiert, berichtet Stefan Ender im Standard: "Und wie war nun ihre Mimì? Wundervoll, speziell wenn man bedenkt, dass Netrebko diese Partie seit sieben Jahren nicht mehr gesungen hat... Mit Vittorio Grigolo hatte die zur Gemächlichkeit neigende Netrebko einen Turbo an ihrer Seite. Der Italiener ist dynamisch wie darstellerisch ein Heißsporn, der die Extreme liebt und zwischen ihnen Haken schlägt. Bei seinem Fortissimo fliegt das Dach weg, im Piano kann er schmachten wie Julio Iglesias." In der SZschmachtet auch Egbert Tholl, der allerdings weiß, dass Netrebko nur für die erkrankte Eleonora Buratto einspringt: "Die Wiener 'Bohème' stammt übrigens aus dem Jahr 1963, sie war damals schon eine Übernahme von der Mailänder Scala, mehr muss man zur Inszenierung auch nicht sagen. Bertrand de Billy dirigiert mit Kraft und Saft, die Besetzung ist sehr ordentlich, doch zum Ereignis wird der Abend durch die Wärme, die schauspielerische Wahrheit, die unvergleichliche Stimmschönheit, das irisierende Pianissimo Anna Netrebkos. Da kann man sich fragen, wer braucht wen mehr, Netrebko den Opernbetrieb, oder der Opernbetrieb Anna Netrebko? Die Antwort steht fest."
Weiteres: taz-Kritikerin Shirin Sojitrawalla kann bei der Theater-Biennale in Wiesbaden gar nicht genug "Postkoloniales, Queeres, Trashiges" bekommen.
Prinz Ramiro und Don Magnifico in Achim Freyers "La Cenerentola". Foto: Barbara Pálffy / Volksoper Wien Hin und weg ist Stefan Ender im Standard vom Saisonstart der Wiener Volksoper unter der neuen Leitung von Lotte de Beer, der er das "Sendungsbewusstsein einer Erweckungspredigerin und die unkaputtbare Bestlaune einer Ferienklubanimateurin" attestiert. Mit der Wiederaufnahme von Achim Freyers Inszenierung von Rossinis "Cenerentola" hat sie den Kritiker vollends bezaubert: "Der Prinz Ramiro von Timothy Fallon zum Beispiel. Wenn es Gott gäbe und dieser eine Stimme hätte, würde er genau so singen: wie ein gebündelter Lichtstrahl, mit quecksilberartiger Beweglichkeit, höhensicher, kraftstrotzend und nuanciert gleichermaßen. Und dieses Genie ist sogar fix im Ensemble! ... Von der skurrilen Poesie der Freyer-Inszenierung, die von Dorike van Genderen detailgenau neu einstudiert wurde, wird man sowieso von der ersten bis zur letzten Minute bezaubert, allen voran von Lauren Urquhart und Stephanie Maitland als Clorinda und Tisbe."
Weiteres: Reinhard J. Brembeck meldet in der SZ, dass Daniel Barenboim die geplante Neuproduktion von Wagners "Ring" an der Berliner Staatsoper aus gesundheitlich Gründen an Christian Thielemann abgeben muss.
Besprochen werden Anna Andereggs Performance im Deutschen Architektur Zentrum in Berlin (deren Tänzerinnen FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster als "schöne und krass trainierte Muskelmaschinen" bewundert) und Sebastian Hartmanns Musiktheaterabend nach Max Stirners "Der Einzige und sein Eigentum" am Deutschen Theater in Berlin (Tsp, BlZ).
Einzigartig: Sebastian Hartmanns "Der einzige und sein Eigentum". Foto: Arno Declair/Deutsches Theater Als "Referenzabend" und rauschhafte Elektropop-Oper feiertNachtkritiker Christian Rakow Sebastian Hartmanns Abend "Der Einzige und sein Eigentum" am Deutschen Theater, der den Vormärz-Philosophen und Individualismus-Propheten Max Stirner mit der Musik von PC Nackt aus den Angeln hebt: "Aus traurigen, kajalgeschwärzten Augen blicken sie uns an: Max Goeser, ein herztrauriger Entertainer, oder Anja Schneider als stille Diva. Linda Pöppel und Elias Arens schlenzen sich mit gummiartigen Bewegungen vor die karge Wand und bieten etwas längere Stirner-Monologe: 'Ist es mir recht, so ist es recht / Ist es mir recht, so ist es recht', lehrt Arens und stanzt Stirners Machtherrlichkeits-Doktrin Silbe für Silbe aus, in einem langen Mantra. Wer aber bald darauf Cordelia Wege mit Versen auf den Lippen wie ein dunkles Schneewittchen in einem Glassarg voll Wasser ertrinken sieht, - oder wer erblickt und leidet, wie der junge, fabulöse Niklas Wetzel im Finale gleich einem Sisyphus an der Spiralmauer mit stockenden Worten ächzt, der weiß, hier gibt's keine Apotheose des Ich, keine Feier des Egoismus. Hier drückt sich das Leiden unserer hyperindividualisierten Zeit aus, in der der Konsummensch in ungebremster Bedürfnis(über)sättigung zerfließt, während ihm die Umwelt abhanden kommt."
Weiteres: In der tazlässt sich Katrin Bettina Müller nicht von den Witzeleien bezirzen, mit denen René Pollesch sich um die niedrigen Auslastungszahlen der Volksbühne herumwindet. Vor Anna Netrebkos Rückkehr auf die Bühne der Wiener Staatsoper positionieren sich Ronald Pohl und Stefan Ender im Standard Pro und Contra.
Besprochen werden die Solo-Performance "I am 60" der chniesischen Choreografin Wen Hui bei der Ruhrtriennale (taz), das Musiktheaterstück "Welcome to Paradise Lost" von Jörn Arnecke und Falk Richter in Weimar (Nachtkritik), Paul McCarthys Sadomaso-Performance "NV/Night/Vater/Vienna" mit Lilith Stangenberg am Wiener Volkstheater (Standard) und das Musical "Sugar" am Schlosspark Theater in Berlin (Tsp).
Szene aus Anna Karenina. Bild: Moritz Schell Nachtkritikerin Andrea Heinz wird nicht recht warm mit Amelie NiermeyersInszenierung von Armin Petras' Theaterfassung von Tolstois "Anna Karenina" am Wiener Theater an der Josefstadt. Spielerisch mag die Inszenierung auf Schlittschuhen sein, aber es wird einfach zu viel gesprochen, seufzt sie: "Da scheint zu vieles, das Regisseurin Niermeyer unbedingt noch unterkriegen und erzählen wollte, Lewins religionsphilosophische Überlegungen etwa. Man hat vollstes Verständnis dafür, nur fehlt dem Abend dadurch eben Stringenz, eine Linie." Zu "simpel" ist Niermeyers Weltbetrachtung, zu "gestrig" die Übertragung in die Gegenwart, stöhnt auch Standard-Kritiker Uwe Mattheiß: "Theater wird an diesem Abend einmal mehr zur Nivellieranstalt. Auf der Suche nach dem vermeintlichen Kern einer allgemeinmenschlichen Wahrheit verheddert sich die totgelaufene Idee der Interpretation darin, jedweden Stoff auf den Horizont wohlfeiler Alltagserfahrungen 'herunterzubrechen'. In der geschichtsvergessenen Verblendung des Gegenwärtigen verlieren die Kunstwerke ihren utopischen Gehalt."
Filmstill aus "Die Wand" Nicht nur in ein Tiny House, nein direkt in die Psyche der Heldin aus Marlen Haushofers "Die Wand" blickt Christiane Lutz (SZ) mit Thomas KrupasVirtual-Reality-Inszenierung am Schauspiel Essen. Ein "Theater-Wunderwerk", jubelt sie: "Wenn auch deutlich sparsamer dosiert als im Roman, lässt diese Inszenierung immer wieder Momente des Innehaltens zu, das Staunen über die Natur, den unbedingten, fast rührenden Willen der Dinge zu leben. Immer mehr werden Frau und Haus in dieser Inszenierung verschlungen von der Natur, bis alle Grenzen verschwimmen. Im Buch hingegen bleibt die Frau bis zum Ende ein Mensch, der zwar über seine Rolle in der Natur reflektiert und nach ihren Regeln lebt, aber nicht in ihr verschwindet."
Besprochen werden Trajal Harrells Tanzstück "The Köln Concert", das die Wiesbaden Biennale eröffnet (FR) und Jan Bosses Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm", die zunächst bei den Bregenzer Festspielen und nun am Deutschen Theater in Berlin gezeigt wird (Tagesspiegel, FAZ).