Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.09.2022 - Bühne

"Haus" von Sarah Nemtsov bei den Ruhrfestspielen. Foto © Katrin Ribbe, Ruhrtriennale 2022


Als "musiktheatrale Raumperformance" würde ein nicht unbeeindruckter Joachim Lange in der nmz die Uraufführung von Sarah Nemtsovs "Haus" auf der RuhrTriennale beschreiben. Oder auch als "eine Art aus der Form geratene, in einer Halle explodierende Kammermusik umschreiben. Vier instrumentale Solisten, Laurent Bruttin (Klarinette), Valeria Kafelnikov (Harfe), Susanne Peters (Flöte) und Jonathan Shapiro (Perkussion), versuchen immer wieder, in der Verfremdung durch Elektronik und Synthesizer für die Sebastian Berweck sorgt, den Ton anzugeben und die Richtung des Klangstromes zu bestimmen. Aus diesem Wechselspiel entsteht eine ganz eigene, den Raum füllende und jeden - zunächst sich frei im Raum bewegenden - Zuschauer umspielende, packende Wirkung."

Weiteres: Im Standard überlegt Stephan Hilpold, wer Nachfolger von Burgtheaterdirektor Martin Kušej werden könnte, falls dessen Vertrag nicht verlängert wird. Besprochen werden außerdem Jan Bosses Inszenierung von Shakespeares "Sturm" am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik), Benny Claessens Weltuntergangs-Disco "White Flag" im Zürcher Theater Neumarkt (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.09.2022 - Bühne

Sophie Diesselhorst unterhält sich für die nachtkritik mit dem Unternehmer Hannes Tronsberg, der den Theatern mit Künstlicher Intelligenz helfen will, ihr Publikum wiederzufinden. Außerdem streamt die nachtkritik noch bis heute abend 20 Uhr die Aufzeichnung der Premiere von Alvis Hermanis' Inszenierung des Stücks "Gorbatschow" am Moskauer "Theater der Nationen" 2020.

Besprochen werden Dušan David Parízeks Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" am Theater Bremen (nachtkritik) und die Performance "A&E / Adolf und Eva / Adam & Eve" von Paul McCarthy und Lilith Stangenberg (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.08.2022 - Bühne

Bruno Beltrão / Grupo de Rua: "New Creation". Foto: Tanz im August

In der SZ bedauert Dorion Weickmann den offenbar nicht ganz freiwilligen Abgang von Kuratorin Virve Sutinen, die bei ihrer letzten Ausgabe vom Tanz im August noch einmal in ihrer ganzen Lässigkeit brillierte: "Annemie Vanackere, Leiterin des Theaterkombinats Hebbel am Ufer, das als Gastgeber und Produzent des Festivals firmiert, hat ihren hauseigenen Tanzkurator Ricardo Carmona zum Nachfolger bestellt. Er tritt kein leichtes Erbe an. Seine Vorgängerin hat ein paar Pflöcke eingeschlagen, die dem Festival zwar nicht den Glanz seiner Anfangsjahre in den Achtzigern zurückbrachten, aber Alleinstellungsmerkmale bescherten. Zum Beispiel die ausschließlich mit Tanzmacherinnen bestückten Retrospektiven: Ob Rosemary Butcher, La Ribot oder zuletzt Cristina Caprioli - immer gab es Originäres und Originelles zu entdecken. Zudem kannte Sutinens Tanzverständnis keine Scheuklappen: Sie stellte Formate aus aller Welt und allen Genres zur Diskussion und riskierte durchaus auch Reinfälle."

Besprochen wird Dušan David Pařízeks Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" am Theater Bremen (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.08.2022 - Bühne

Trajall Harrell: The Köln Concert". Foto: Reto Schmidt / Schauspielhaus Zürich

Beim Berliner "Tanz im August" gastierte Trajal Harrell mit einer Choreografie zu Keith Jarretts "Köln Concert", und FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster schwebt im siebten Himmel, zumal Harrell vor Jarretts Musik auch noch Joni Mitchells 'The Last Time I saw Richard' spielt: "Es ist einer der schönsten Songs aller Zeiten und erzählt die Geschichte des desillusionierten Künstlers in der postromantischen Phase seiner Existenz: 'Richard got married to a figure skater / And he bought her a dishwasher and a coffee percolator / And he drinks at home now most nights with the TV on / And all the house lights left up bright.' So beginnt auch Trajal Harrell: Das Publikum sitzt im hellen Licht, und der Choreograph, indem er allein zu tanzen beginnt, rechts vorne am Bühnenrand, schaut über die Zuschauer hinweg. Mitunter aber schaut er uns auch an: Mit der ihm eigenen Insichgekehrtheit, die nichts Ablehnendes hat, aber doch unmissverständlich darauf verweist, dass wir einer für das Theater im Moment des Spielens geschaffenen Persönlichkeit zuschauen."

Weiteres:  In der taz stellt Katja Kollmann die russische Schauspielerin Tschulpan Chamatowa vor, die in Russland ein Star war und jetzt im lettischen Exil in Riga mit dem Regisseur Alvis Hermanis Theater macht. Christine Dössel freut sich in der SZ über die Goethe-Medaille für Nimi Ravindran und Shiva Pathak vom indischen Sandbox Collective, zwei Theatermacherinnen, Schauspielerinnen und Initiatorinnen eines Gender Bender Festivals in Bangalore. Besprochen wird Tschechows "Drei Schwestern" in der Regie von Dušan David Parízek am Theater Bremen (und Nachtkritiker Jens Fischer zufolge auch mit nur zwei Schwestern beeindruckend und unbedingt sehenswert).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.08.2022 - Bühne

Rezo Tschchikwischwili in Kafkas "Bericht für eine Akademie". Foto: Matthias Jung / Theater Essen


Fasziniert verfolgt Karin Yeşilada in der Nachtkritik, wie Zafer Tursun im Essener Grillo Theater Kafkas "Bericht für eine Akademie" in Szene setzt - mit "syrischem Akzent" und "georgischen Timbre", wofür der große Rezo Tschchikwischwili sorge: "Zappeln, in Pose setzen, das Publikum fixieren, nervöses Lächeln, ein Anlauf, noch ein Anlauf, dann erhebt er sich, steht aufrecht - und er spricht! So ähnlich muss sein Durchbruch gewesen sein, vom Affen zum Menschen. Er spricht, mit sonorem Timbre, großer Geste und einer unschlagbaren Erfahrung des Lebensweges vom Opfer zum Star, zum Verzauberer des faszinierten Publikums - wir. Und dann als Berichtender für die 'Werte Akademie!' - wieder wir. Wozu aber berichtet er? Das mag sich schon Kafkas Lesepublikum 1917 bei Erscheinen der Erzählung gefragt haben. Worüber entscheiden wir Akademiemitglieder? Über die gelungene Menschwerdung des Affen? Über die Assimilation des zum Scheitern Verurteilten?"

Besprochen werden Gus Van Sants Andy-Warhol-Musical am Hanburger Schauspielhaus (dessen unkritische Oberflächlichkeit Till Briegleb in der SZ zur Verzweiflung treibt), Michel Houellebecqs "Serotonin" in der Bühnenfassung des Theaters Willy Praml (das FR-Kritikerin Sylvia Staude zufolge gut Houellebecqs herzlosen Scharfsinn rüberbringt) und die Choreografien beim Festival "Tanz im August" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.08.2022 - Bühne

Helmut Mauró unterhält sich für die SZ mit dem Tenor Piotr Beczala, der in Salzburg einen öffentlichen Meisterkurs gab. Den besten Unterricht im Singen bekommt man allerdings nicht bei einem Gesangslehrer, erklärt ihm Beczala. "'Ein Gesangslehrer hat einen entscheidenden Nachteil: dass er selber singt', sagt Beczala. 'Das heißt, er vergleicht, was er bei seinem Studenten erreichen will, mit sich selber.' Und nachdem es eher selten ist, dass ein Gesangsprofessor auch auf der Bühne glänzt, werden mit dem Unterricht auch Zweifel tradiert, Probleme, Unsicherheiten. Bei Beczala geht es dagegen um die reine Stimmtechnik, 'um den Motor, der laufen muss, der die nötige Leistung bringen soll'. Beczala liebt Auto-Vergleiche. 'Das Musikalische liegt beim Sänger, der Lehrer muss sich um die Technik kümmern. Das bietet das Ausbildungssystem in den östlichen Staaten, Polen, Russland, Litauen besser, da gibt es auch bessere Gesangsprofessoren, die sich nicht selber in den Vordergrund stellen, sondern wirklich versuchen, etwas mit dem Studenten zu erreichen.'"

Weiteres: Ralph Bollmann schickt der FAS ein Stimmungsbild aus den deutschen Theatern, die in der neuen Saison zaghaft anfangen, Besucher zu umwerben: "Auf ihrem jüngsten Jahrestreffen im Mai beschlossen die Intendanten, sich künftig stärker dem 'Audience Development' zu widmen." Für die taz erkundet René Hamann die Theaterprogramme für den Herbst.

Besprochen werden Stefan Puchers Inszenierung von Shakespeares "Julius Caesar" beim Lausitz Festival (nachtkritik, FAZ) und Constanza Macras' Choreografie "Hillbrowification" auf der Ruhrtriennale (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.08.2022 - Bühne

Ingolstadt sollte ein neues Ausweichtheater bekommen, während das alte Theater saniert wird. Und was passierte? Die Bürger lehnten es bei einem Bürgerentscheid ab: Man wolle keinen "Palast" für "Elitenkultur", hieß es. Die Kritiker, berichtet Christine Dössel in der SZ, argumentierten mit dem Wegfall von vierzig Bäumen und den Kosten von 45 Millionen Euro. "Dies alles wurde - das war das Perfide - als Projekt der Hochkultur ausgespielt gegen Soziales, gegen die 'Hausaufgaben der Stadt', die wichtiger seien als Kammerspiele. 'Jugend auf der Straße, Theater im Palast', hieß es auf einem der Plakate, mit denen die Freien Wähler unter dem Motto 'David gegen Goliath' in den Kampf zogen. Auf dem Foto dazu sah man einen eingemummelten Jugendlichen einsam an einer Straßenecke kauern - der Pennäler als Penner."

Besprochen wird Gus Van Sants Musical über Andy Warhol "Trouble" beim Sommerfestival im Hamburger Kampnagel (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.08.2022 - Bühne

Szene aus Carlo Pallavicinos "L'amazzone corsara" in Innsbruck. Foto © Birgit Gufler


Eine beglückende Entdeckung macht nmz-Kritiker Roland H. Dippel bei den 46. Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, wo Carlo Pallavicinos Oper "L'amazzone corsara, ovvero L'Alvilda regina de' Goti" aufgeführt wurde. "Der Opernkomponist Carlo Pallavicino (1630-1688) agierte quasi auf halber Zeitstrecke zwischen Monteverdi und Händel. Er beschleunigte die Entwicklung zur Kontrastierung von Rezitativen und Arien, setzte auf orchestrale Harmoniefülle. Das war in der Premiere von 'L'amazzone corsara' zu hören. In jeder Partie gibt es packende und betörende Stellen. Der Dirigent Luca Quintavalle lässt so manche Arie nur von einem Instrument begleiten und greift dann wieder in einen der Szene angemessenen instrumentalen Farbtopf. Alles klingt vom Barockorchester Jung straff, leicht und mit einer Vielzahl von Schattierungen."

Paul McCarthy und Lilith Stangenberg in "A&E / Adolf & Eva / Adam & Eve". Foto: Thomas Aurin


Nachtkritikerin Katrin Ullmann kommt dagegen mit einem in die Stirn gemeißelten Fragezeichen aus einer Performance-Installation am Hamburger Schauspielhaus: "Ist das schon Kunst oder noch schlechter Sex? Ein volltrunkenes Paar spielen Paul McCarthy und Lilith Stangenberg in 'A&E / Adolf & Eva / Adam & Eve' am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Ein toxisches, das sich, kaum ist es ins eigene Zuhause gestolpert, unkontrolliert belitert, dabei beschimpft, bespuckt und besteigt. In der Küche, auf und unterm Küchentisch, später auf dem Wohnzimmerteppich. ... Die beiden spielen mal Adolf Hitler und Eva Braun, mal Adam und Eva, mal Filmproduzent und Schauspielerin und sowieso das Böse im Menschen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.08.2022 - Bühne

Vor Beginn der neuen Spielzeit an der Volksbühne resümiert Jakob Hayner erwartungsgemäß enttäuscht in der Welt die erste Spielzeit des Intendanten René Pollesch, der eigentlich lieber nicht Intendant sein möchte und sich deshalb hinter ein Kollektiv zurückzieht, das mal Intendanz genannt wird, dann wieder nur Plattform: "Das kann Kollektiv nämlich auch bedeuten: Alles wird irgendwie laufen gelassen, alle wollen bei allem mitsprechen, alle versuchen Einfluss auf alles zu nehmen. Womit am Ende alle gegeneinander und nicht miteinander agieren. Als beispielsweise eine Lesung mit Caroline Fourest ('Generation beleidigt' und 'Lob des Laizismus') angekündigt wurde, führten der Widerstand und Versuche der Einflussnahme aus dem Haus letztlich zur Absage durch die Autorin. Das Kollektiv zeigte seine Macht, vor allem auch gegenüber der langjährigen Mitarbeiterin, die die Veranstaltung organisiert hatte. Und die kollektive Intendanz? Hielt sich vor allem kollektiv zurück. So blieb der Eindruck, dass hinter der Schwärmerei vom Gemeinsamen die eigentliche Aufgabe, nämlich Formen zu schaffen, in denen politische und inhaltliche Auseinandersetzungen vernünftig geführt werden können, zurückblieb."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.08.2022 - Bühne

Szene aus "Monster und Margarete" in Telfs. Foto: Victor Malyshev / Tiroler Volksschauspiel


Nicht besonders tief, aber herrlich grotesk inszeniert findet Ivona Jelcic im Standard Thomas Arzts Historiendramal "Monster und Margarete" bei den Volksschauspielen Telfs. Der Stoff ist echt tirolerisch: "Wir befinden uns im Spätmittelalter: Margarete von Tirol-Görz ist Landesfürstin, legt sich mit den europäischen Herrschern ihrer Zeit an, setzt ihren Ehemann vor die Tür und heiratet einen anderen (14. Jahrhundert!); sie wird dafür vom Papst mit einem Bann belegt und geht als 'Margarete Maultasch' in die Geschichte ein. Der Beiname hat nebst übelster Propaganda dazu beigetragen, das Bild vom liederlichen Weibsbild, das die Pest über das Land brachte, bis in die Gegenwart zu transportieren."

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung von Schnitzlers "Das weite Land" bei der Ruhrtriennale in Bochum (taz), Philipp Preuss' Inszenierung von Ibsens "Frau vom Meer" in Mülheim (SZ) und Carlo Pallavicinos komödiantische Barockoper "L'amazzone corsara" bei den Innsbrucker Festwochen (FAZ).