Swinton in Laura Bettis scharlachroter Robe aus den Erzählungen von CanterburyFAZ-Kritiker Marc Zitzmann hat sich eine jener glamourösen Mode-Performances angesehen, die Tilda Swinton zusammen mit dem Kurator Olivier Saillard in Pariser Industriehallen abhält. Es war nicht die stärkste Revue, räumt Zitzmann ein, aber beeindruckt hat ihn schon, was Swinton mit Kostümen aus Pasolinis Filmen veranstaltete, die sie sich auf der Bühne anzog: "Immer wieder ahmt Swinton eine Geste, eine Mimik nach, nimmt gefrorene Posen an, als transponiere sie Filmstills in die dritte Dimension. Orgelmusik der Renaissance, ein belcantistisches Chopin-Nocturne, Strawinskys 'Histoire du soldat' oder Instrumentalstücke aus Namibia begleiten das spröde Ritual."
Weiteres: In der tazzeigt Chris Schinke Verständnis für die jüdischen Studierenden, die Wajdi Mouawads Ergolgsstück "Die Vögel" als antisemitisch gebrandmarkt und gegen das Münchner Metropoltheater dessen Absetzung durchgesetzt haben (unser Resümee). Ihm missbehagt, wie hier der Identity-Komplex verhandelt wird: "Ob der Kulturbetrieb einen souveränen Umgang mit der Kritik der Studierendenverbände, die bei ihren Positionen bleiben, findet, wird die weitere Debatte zeigen."
Besprochen werden John Neumeiers Tanzstück "Dona Nobis Pacem" zu Bachs h-Moll-Messe (das dezidiert vor dem Krieg gegen die Ukraine konzipiert wurde, wie Sylvia Staude in der FR betont), Christian Stückls Inszenierung der "Brüder Karamasow" am Münchner Volkstheater ("Alles freudlos und aschgrau. Hartes Theaterbrot", seufzt Christine Dössel in der SZ), Wagners "Lohengrin" an der Bayerischen Staatsoper (Kornel Mundruczós Inszenierung findet FAZ-Kritiker Florian Amort etwas wirr, aber François-Xavier Roths Dirigat durchaus elegant) und Reinhard Keisers Barockoper "Ulysses" in Schwetzingen (FAZ).
Genderfluidity avant la lettre: Cavallis "Eliogabalo" an der Oper Zürich. Foto: Monika Rittershaus Schlichtweg atemberaubend findet Christian Wildhagen in der NZZCalixto Bieitos Zürcher Inszenierung von Francesco Cavallis Oper "Eliogabalo" von 1667. Es ist das Werk der Stunde: Der Monteverdi-Schuler Cavalli erzählt darin vom ersten offen queeren Kaiser des Römischen Imperiums, am Pult steht der russische Dirigent Dmitry Sinkovsky, die Titelpartie singt der ukrainische Countertenor Yuriy Mynenko: "Bei den Proben sei die Arbeit mit Sinkovsky kein Problem gewesen, versichern die Beteiligten, und genau diesen Eindruck gewinnt man auch bei der Aufführung: Durch das intensive Zusammenwirken mit dem Dirigenten wird Mynenko zum musikalischen Kraftzentrum, um das alle anderen Figuren wie Satelliten kreisen. Calixto Bieito, der Regisseur der Produktion, unterstreicht diesen Fokus, indem er der Rolle des Elagabal szenisch viele Aspekte hinzufügt, die der Librettist Aurelio Aureli zu seiner Zeit nicht zeigen konnte. Darunter die verbürgte Bisexualität des Kaisers, der sich ebenso mit zahllosen Frauen wie mit gut bestückten Soldaten vergnügt haben soll; seine Lust an Frauenkleidern, die er auch öffentlich trug; und schließlich sogar sein die Zeitgenossen bis aufs Blut provozierendes Spiel mit einer Trans-Identität avant la lettre, das hier gegen Ende in eine angedeutete Selbstkastration mündet. Das ist harter Tobak, keine Frage, beruht aber auf den einigermaßen gesicherten historischen Fakten."
Besprochen werden Tschaikowsky selten gespielte Oper "Die Zauberin" an der Oper Frankfurt (als reines Wunder feiert die SZAsmik Grigorian in der Titelpartie, Tsp, FR, FAZ), Dostojewskis "Brüder Karamasow" am Münchner Volkstheater (Nachtkritik), René Polleschs Hommage auf Benno Bessons Arbeitertheater "Und jetzt?" an der Berliner Volksbühne (die "selbst den sauertöpfischsten Zuschauer Tränen lachen lässt", frohlockt Till Briegleb in der SZ), Virginia Woolfs "Orlando" als Gendertrouble-Stück am Londoner Garrick Theatre (SZ) und Wagners "Meistersinger" an der Wiener Staatsoper (Standard).
Die Augfen weit geöffnet: Gogols "Wij" am Thalia Theater. Foto: Fabian Hammerl Am Hamburger Thalia Theater hat Kirill Serebrennikow Nikolai Gogols Schauergeschichte "Der Wij" inszeniert. Der Wij ist in der slawischen Mythologie ein Dämon, der Vernunft und Moral bekämpft und dessen Blick tötet, wenn seine Augen geöffnet werden. In Serebrennikows Version kommen ukrainische Soldaten hinzu, die einen russischen Soldaten gefangen haben und ihn für sein Morden und Vergewaltigen zahlen lassen wollen, erklärt Till Briegleb in der SZ: "Während zwei Brüder sadistische Tötungsfantasien entwickeln, versucht der dritte davor zu warnen, so grausam zu werden wie ihre Feinde. Dann erscheint der Großvater (Falk Rockstroh) auf der Szenerie und befiehlt eine Form der humanistischen Folter. Der Soldat (Filipp Avdeev) soll sich in einen Menschen zurückverwandeln und dem toten Mädchen 'Romeo und Julia' vorlesen, ein Stück über zwei verfeindete Clans und die Liebe. Allein gelassen mit der Toten erlebt der stumme Soldat den Horror des Fantastischen.auf dem blauen Kanal"
In der Nachtkritikerlebt Falf Richter den "Wij" als absoluten Schrecken, und zwar in aller Drastik: "Unerträglich ist es, was man hier miterleben muss, das Schlagen und das Stöhnen, das Blut, den Schweiß und die Scheiße. Dazu kommt der ultrarealistische Raum, den Serebrennikov gebaut hat, ein dunkler Schlund aus Asche und Dreck. Ein Alptraum. Und als Theatermittel nicht unproblematisch. Darf man das eigentlich: Folter und Entmenschlichung so eins zu eins ungebrochen darstellen?" Emotional verständlich, aber irrig findet FAZ-Kritikerin Kerstin Holm daher die Demonstrationen aufgewühlter Ukrainer gegen das Stück: "Die Schlussszene gehört dem schuldigen Russen, den der phänomenale Filipp Awdejew als Kabinettstück einer zerstörten Persönlichkeit gibt, das doch an keiner Stelle Mitleid erzeugt."
Besprochen werden außerdem René Polleschs neues Stück "Und jetzt?" an der Berliner Volksbühne (das an den Versuch Benno Bessons erinnert, im Petrochemischen Kombinat Schwedt Arbeitertheater zu machen, aber taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller mit seinen selbstreferenziellen Spiralen dann sehr enttäuschte), Marius von Mayenburgs Komödie "Nachtland" über ein Nazi-Bild und die Diskursfallen in den gebildeten Ständen (Tsp), Kornél Mundruczós Inszenierung des "Lohengrin" an der Bayerischen Staatsoper (die Marco Frei in der NZZ als Befreiungsschlag für die Staatsoper wertet, SZ), Reinhard Keisers "Ulysses"-Fragment beim Schwetzinger Winter (FR), Barrie Koskys Inszenierung von Puccinis "Turandot" an der Amsterdamer Nationale Opera und Umberto Giordanos Revolutionsoper "Andrea Chénier" in der Wiener Staatsoper (Standard).
Apokalypse Miau mit Teletubbies am Volkstheater Wien. Foto: Birgit Hupfeld
Margarete Affenzeller (Standard) - und mit ihr viel junges Volk - hat sich prächtig amüsiert bei der Uraufführung von Kristof Magnussons Weltuntergangskomödie "Apokalypse Miau", die Kay Voges am im Volkstheater Wien inszeniert hat. im Setting einer Theaterpreisverleihung nehmen die beiden jede Meinungsschlacht der letzten Jahre aufs Korn: "Identifikationsangebote für alle!" sind gefragt. "Während sich die Nominierten zunehmend in die Haare kriegen ('Du musst race, class und gender mitdenken!'), nimmt auch die äußerliche Bedrohung zu. Supervulkane vernebeln den Globus, und auch ein Asteroid ist im Anmarsch - ein von Jura Soyfer bis Lars von Trier gleichbleibend faszinierender Untergangstopos. Mit dem allmählich unter Sprühfunken und Donner aus den Fugen geratenden Backstagegelage sind auch bald die guten Sitten dahin. Der Regiealtmeister fällt über die Postdramatikerin her und versucht, sie stöhnend rumzukriegen: 'Komm, sag was Gegendertes.'" Zünftig, aber nicht platt, versichert die Kritikerin. FAZ-Kritiker Martin Lhotzky wurde es dagegen ein bisschen lang.
Weitere Artikel: Im Interview mit dem Standard erklärt der Direktor der Wiener Staatsoper Bogdan Roščić, warum er nach dem Abgang von Musikdirektor Philippe Jordan keinen Musikdirektor mehr braucht. Johanna Adorján unterhält sich für die SZ mit dem Schauspieler-Ehepaar Franziska Walser und Edgar Selge, die in der Komödie "Rosige Aussichten" in der Komödie am Kurfürstendamm ein Ehepaar spielen, das sich nach 50 Jahren scheiden lässt.
Besprochen werden Jacopo Godanis Choreografie "Anthologie" im im Schauspielhaus Frankfurt (FR), die Choreografie "Hip piece" von Verena Billinger und Sebastian Schulz im Frankfurter Mousonturm (FR), Christina Tscharyiskis Inszenierung von Ferdinand Schmalz' "hildensaga" am Volkstheater München (nachtkritik), Moritz Sostmanns Inszenierung von Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" am Schauspiel Köln (nachtkritik), Umberto Giordanos Revolutionsoper "Andrea Chénier" in der Wiener Staatsoper mit Jonas Kaufmann in der Titelrolle (Standard), Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Kleists "Käthchen von Heilbronn" am Münchner Residenztheater (SZ) und Katie Mitchells Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg als Ökokatastrophe ("Erzieherische Kommunikation muss kollabieren, wenn sie die Gutwilligkeit ihrer Adressaten für die eigene Rechthaberei missbraucht", seufzt in der SZ Till Briegleb).
Saba-Nur Cheema und Meron Mendel protestieren in der FAZ gegen die Absetzung des Theaterstücks "Vögel" im Münchner Metropoltheater nach Antisemitismusvorwürfen: Es sei zwar einseitig, aber nicht antisemitisch, finden die beiden. Die Mezzosopranistin Claudia Mahnke, die ab Sonntag an der Oper Frankfurt als giftmörderische Fürstin in der Tschaikowski-Oper "Die Zauberin" zu hören ist, spricht im Interview mit der FR über ihren Beruf. Die Ballettschule Theater Basel beendet nach Missbrauchsvorwürfen ihre Profiausbildung, berichtet in der NZZ Lilo Weber. Die Salzburger Festspiele zeigen 2023 den "Jedermann" mit Michael Maertens und Valerie Pachner in den Hauptrollen, meldet die FAZ.
Besprochen wird die Uraufführung von Angelika Messners "Iphigenie" im Theater an der Gumpendorfer Straße in Wien (Standard).
Szene aus "Turing" von Anno Schreier in Nürnberg. Foto: Ludwig Olah
Schön, das Publikum hat enthusiastisch applaudiert, aber er hat trotzdem alles richtig gemacht, tröstet FAZ-Kritiker Klaus Heinrich Kohrs den Komponisten Anno Schreier, dessen Oper über den Kryptologen Alan Turing am Staatstheater Nürnberg uraufgeführt wurde: "In einem Prolog und sechzehn knappen Szenen nähert sie sich fragmentiert der Geschichte eines rätselhaften Helden des zwanzigsten Jahrhunderts an, dessen tatsächliches 'Innenleben' jenseits von kaum erahnbarem wissenschaftlichem Höhenflug und hilfloser Alltagsbanalität sie nicht ergründen kann. Gelänge das, wäre es romantische Oper, von der hier nur - auch durch ein gewaltiges Chor-Aufgebot - die Anmutung, die große Geste bleibt. Voll von Gesten, die alle nicht mehr ganz sie selbst sind, ist das gesamte Werk, dessen rhythmischer Grundimpuls sich einem raffiniert adaptierten Schlagzeug aus der Pop-Sphäre verdankt. Er ist fast allgegenwärtig und garantiert damit der Oper den Charakter einer realistischen Atemlosigkeit, der dort am fühlbarsten wird, wo er einmal aussetzt".
Weiteres: In der nachtkritikschreibt Esther Slevogt über vier exemplarische Inszenierungen aus der DDR, die die nachtkritik im Dezember als Stream zeigt.
Besprochen werden außerdem Verdis "Alzira" an der Opéra Royal de Wallonie-Liège (nmz), die Aufführung von Erwin Schulhoffs Oper "Flammen" an der Prager Oper (Van), die Uraufführung der performativen Installation "Heimweh" von Darum in der WUK Wien (nachtkritik) und Antonio Vivaldis Oper "Giustino", die René Jacobs an der Berliner Lindenoper dirigierte (SZ).
Alicia Bischoff und Miguel Klein Medina in Wolfgang Herrndorfs "Weg des Soldaten". Foto: Felix Grünschloß Das Schauspiel Frankfurt bringt Wolfgang Herrndorfs Erzählung "Der Weg des Soldaten" über einen Nürnberger Malereistudenten auf die Bühne, und auch wenn Tobias Rüther in der FAZ nicht hundertprozentig überzeugt ist von der Inszenierung, so begeistert er sich doch für den bestens getroffenen Herrndorf-Sound: "Herrndorfs Sinn für Timing, seine fehlerfreie Prosa, in der Sentimentalität und Kälte elegant wechseln, und vor allem: Seine auf immer und ewig jugendliche Opposition gegen die verlogene Falschheit und moralische Korruption der erwachsenen Welt. Und wie in 'Tschick' ist der Erzähler auch hier ein genauer Beobachter seiner pädagogischen Anstalt. Ein junger Mensch, der irgendwie schon, aber dann doch lieber gar nicht dazugehören will zur Gesellschaft der anderen Menschen - und der zu Pointen und Erkenntnissen zerlegt, was er sieht."
Weiteres: Im NZZ-Interview skizzieren die Zürcher Tanzpädagogen Jason Beechey und Samuel Wuersten, wie sie die Tanz-Akademie reformieren wollen, durch moderne Lehrmethoden, ein achtsameres Gesundheitsmanagement - und einen Tag Pause: "Die Lehrpersonen haben festgestellt, dass die Konzentration nach einer Pause am Wochenende viel besser ist." Besprochen wird Ersan Mondtags "Phädra"-Version am Kölner Schauspielhaus, die SZ-Kritikerin Cornelia Fiedler in ihrer Krawalligkeit allerdings etwas ziellos findet.
Die Schönheit des Kirschgartens. Foto: Stephen Cummiskey / Schauspielhaus Katie Mitchell erzählt am Hamburger Schauspielhaus Tschechows "Kirschgarten" aus Sicht der Bäume, die gefällt werden sollen. Die Personen Ranjewskaja, Lopachim, Varja und Co. sind in die Nebenrolle verschoben. In der tazbewundert Katrin Ullmann die feine Perfektion dieser Inszenierung: "Oberhalb der beiden Glaskästen, auf einer dreigeteilten Projektionsfläche, wechseln Fuchs und Hase, Biene und Eule, Sonne und Mond einander ab. Feiern Grant Gree (Video Director) und Ellie Thompson (Videodesign) die Schönheit des Kirschgartens und damit der Natur. Führen in höchst eindrucksvollen Nahaufnahmen durch die vier Jahreszeiten, porträtieren wippende Amseln auf blühenden Kirschbaumzweigen, surrende Bienen an roten, prallen Früchten, zeigen faulende Kirschen im Gras und Eichhörnchen auf kahlen, froststarren Zweigen. Die Darsteller*innen erschaffen jeweils die Geräusche dazu. Bald wirkt das Ganze gerade so, als wohne man einer Hörspielaufzeichnung mit Livevideo bei, deren Soundtrack das Streichquartett mit treibenden, atonalen Kompositionen liefert. Diese filmisch-musikalischen Eloge an die Natur ist mehr Installation als anbindendes Theatererlebnis."
Im Welt-Interview mit Jakob Hayner erzählt der Theaterkünstler Achim Freyer, der gerade in Düsseldorf mit dem Faustpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, von seiner Zeit als Meisterschüler bei Bertolt Brecht: "Ich habe alles gelernt von Brecht. Das war der erste Mensch, mit dem man über die Fragen sprechen konnte, die einen bewegten, ob Malerei oder Literatur. Ich hatte Fragen, die ich allein nicht lösen konnte. Im Studium wurde akribisches Zeichnen gelehrt. Und dass der Impressionismus westliche Dekadenz sei, die Zersetzung des Menschen und des Körpers. Nur Picasso wurde respektiert, weil er die Friedenstaube gemacht hatte. Es war eine große Flucht, die ich vor diesem Studium und seinen Lehren antrat. Ich hatte eine Aufführung im Berliner Ensemble gesehen, mit Ekkehard Schall in 'Mutter Courage und ihre Kinder'. Als seine Figur, er spielte den Eilif, sprach er genau so tonlos und schlecht wie ich. Wir sprachen alle leise in der DDR. Wenn man etwas Kluges sagte, hörte das womöglich noch jemand, das war gefährlich. Heiner Müller sprach auch leise. Er schaute aus dem Fenster, ob ein Abhörwagen auf der Straße stand."
Weiteres: In der SZsammelt Dorion Weickmann Stimmen zum Streit zwischen John Neumeier und dem Königlichen Ballett Kopenhagen, die Neumeier gegen Rassismus-Vorwürfe in Schutz nehmen. Im Interview mit dem Standard muss Volksopernchefin Lotte de Beerzugeben, dass es für sie einfach gut läuft in Wien. Außerdem meldet der Standard unter Verweis auf APA, dass sich Gregor Bloéb als neuer Intendant der Tiroler Volksschauspiele im Widerstand gegen die "spießige" und "faschistoide" Wokeness sieht.
Besprochen werden Johan Simons' Inszenierung von Dostojewskis Roman "Dämonen" am Wiener Burgtheater (SZ), Herbert Fritschs Fassung von Wagners "Fliegendem Holländer" an der Komischen Oper ("schrill" findet ihn die taz, "albern" die FAZ), Edward Clugs Fassung von Tschaikowskys "Nussknacker" in Suttgart (FAZ, Welt), Alexander Nerlich Bühnenfassung von Tolstois Romans "Anna Karenina" in Mainz (FR).
Der Großroman als Konversationsstück: Dostojewskis "Böse Geister" am Burgtheater. Foto: Matthias Horn Eine Gesellschaft exaltierten Unglücks hat Jürgen Kaube in Johan Simons' Inszenierung von Dostojewskis "Bösen Geistern" am Wiener Burgtheater erlebt. Verzweifeltes Reden steigere sich zu verzweifelten Taten, stellt Kaube in der FAZ fest und fühlt sich dicht dran an der letzten Generation: "Sarah Viktoria Frick, die immer noch den rot bepunkteten Brautschleier trägt, gibt diese schwierige Rolle (der marja) hoppelnd und zappelnd, plappernd und spöttelnd, als Irrlicht, das den Abend unheimlich beleuchtet: 'Das Feuer ist in den Köpfen, nicht auf den Dächern.' Um diese schreckliche Komödie herum gruppiert sich die zündelnde Gruppe der Umstürzler, Gottsucher und Gottesleugner, eine letzte Generation, angeführt von Werchowenskijs hitzköpfigem und kaltherzigem Sohn Pjotr, den Jan Bülow böse, herablassend und intrigant spielt. Er hält fest, was es zu einer Revolution braucht: Uniformen und Ränge für ihre Betreiber, das Gefühl, an etwas Großem mitzuwirken, Gauner wie ihn, Chaos und Sündenböcke aus den eigenen Reihen." Standard-Kritikerin Margarete Affenzeller ist Simons' Settings zu museal, mit den Weltproblemen wälzenden Herren und den Damen als Heiratsobjekten: "Neues Theater hat Simons daraus nicht gemacht. Mit wenigen Ausnahmen bremsen die Vorgänge in ihrer Trägheit und Überraschungslosigkeit das Zuschauen aus. Dem luxuriösen Ensemble folgt man deshalb auch nur bedingt begeistert."
In der SZberichtet Christine Dössel von der Verleihung der Faust-Theaterpreise im Düsseldorfer Schauspielhaus. In der Welt wehrt sich Choreograf John Neumeier gegen den Vorwurf, seine "Othello"-Inszenierung sei rassistisch, weswegen Kopenhagens Königliches Ballett sie aus dem Programm genommen hat (unser Resümee): "Man hat in Kopenhagen offenbar mein 'Othello'-Konzept nicht verstanden."
Besprochen werden Alban Bergs "Wozzeck" in Freiburg (bei dem NMZ-Kritiker Georg Rudiger "konzentrierten Schmerz" erlebte), Herbert Fritschs Inszenierung von Wagners "Fliegendem Holländer" (die Nachtkritiker Georg Kasch als "erfrischend witzigen Wagner-Spaß" mit viel Kulleraugen und Kussmündern zu goutieren weiß), Katie Mitchells Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten" am Hamburger Schauspielhaus (Nachtkritik), Roy Assafs Choreografie "Please don't touch the art piece" in Mainz (FR) und erste Inszenierungen des Festivals "Erinnerung als Arbeit an der Gegenwart" an den Münchner Kammerspielen (taz).
"Das Spiel wird heute zerstört", sagt Sophie Bischoff, Regie-Studentin der an der Ernst-Busch-Schauspielschule, über den "Kulturkampf", der auch an Schauspielschulen Einzug gehalten habe, im Welt-Gespräch mit Jakob Hayner. "Einfach nur Schauspieler werden? Das geht nicht. Es muss immer mit einem moralischen Mehrwert einhergehen, ob Rassismus, Sexismus oder Ableismus (also Behindertenfeindlichkeit), irgendetwas soll mit dem eigenen Tun unmittelbar bekämpft werden. Für Bischoff ist das eine 'Privatisierung von Theaterpolitik', die Idee, man müsse das eigene Ich zum Austragungsort aller politischen Kämpfe unserer Zeit machen. Vor allem das eigene Schauspieler-Ich. Der Umweg über die Kunst stört dann nur."
Außerdem: Im Gespräch mit Michael Maier (Berliner Zeitung) macht sich Staatsopern-Intendant Matthias Schulz Gedanken, wer Daniel Barenboim als Generalmusikdirektor ersetzen könnte: Christian Thielemann kommt offenbar "gerade auf den Geschmack, dass es eigentlich das viel angenehmere Leben wäre, sich als freier Dirigent überall auf der Welt feiern zu lassen, nur noch das zu machen, was er will, sich mit keinen Institutionen beschäftigen zu müssen. Ich weiß nicht, ob er eine solche Position überhaupt noch anstrebt."
Besprochen werden Steffen Wilhelms Inszenierung "Ein Zimmer für zwei" in der Komödie Frankfurt (FR), das Donizetti-Festival in Bergamo (Tagesspiegel), das irische Opernfestival "Wexford" (FAZ), Lily Sykes' Inszenierung von Ben Jonsons "Der Alchemist" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik), Michael Rufs "Die Klima-Monologe" im Heimathafen Neukölln (nachtkritik), Adewale Teodros Adebisis Inszenierung von Shakespeares "Othello" am Nationaltheater Weimar (nachtkritik) und Anna-Sophie Mahlers Inszenierung von Johann Strauß' "Die Rache der Fledermaus" am Hamburger Thalia Theater (nachtkritik).
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