Am Neuen Theater in Riga inszenierte Alvis Hermanis in diesem Sommer "Postscriptum", ein Stück, das er mit einer der berühmtesten Theaterschauspielerinnen Russlands, Chulpan Khamatova, verfasst hat, die mit grauer Perücke eine Literaturlehrerin spielt. Das Stück half der Kritikerin Alla Shenderova zu verstehen, "wie Russland an den Punkt gekommen ist, wo es gerade steht", schreibt sie in einem eindrucksvollen Theaterbrief aus Lettland für die nachtkritik. Hermanis und Khamatova haben Kapitel aus Dostojewskis "Die Dämonen" (russ. "Bessy"), Auszüge aus Artikeln der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja und das Videofragment eines Gesprächs zwischen dem Schriftsteller Dmitrij Bykov und dem ukrainischen Politiker und Blogger Oleksij Arestovych in ihr Stück gemischt: So gelingt es den beiden "nicht nur, das Publikum an die Existenz einer dunklen Macht glauben zu lassen und sondern sehr disparate Geschichten zu einem Theaterabend über die neuen russischen Dämonen und ihre Vorfahren zusammenzufügen. ... Unfähig, den Dämon zu besiegen und Buße zu tun, erhängt Stavrogin sich am Ende. Auch Matrescha legt sich eine Schlinge um den Hals und tötet sich selbst. Die mit Gas vergifteten 'Nord-Ost'-Geiseln [im Moskauer Theater 2002] sterben an Erstickung, wie zwei Jahre zuvor die dreiundzwanzig Matrosen des Atom-U-Boots 'Kursk', das in der Barentsee versank. Anna Politkowskaja wurde ermordet. Auf Dmitriy Bykov wurde ein Mordanschlag verübt. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. 'Rettet unsere Seelen, / Wir leiden an Atemnot …' schrieb der Dichter, Sänger und große Meister der Selbstzerstörung Wladimir Wyssotskij schon vor einem halben Jahrhundert."
Besprochen werden Jörg Pohls Inszenierung von Lasse Kochs Mediensatire "Wilhelm Troll" am Theater Basel (nachtkritik) und die Uraufführung von Nuran David Calis' Stück "Das Erbe", inszeniert von Pınar Karabulut an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik, SZ).
Die britischen Theater boomen - vielleicht, weil sich hier alles um die Schauspielstars dreht, überlegt Marion Löhndorf in der NZZ. Und: "Im britischen Theater zählen Texte - altbekannte und neue - weiterhin viel. Es beweist dabei eine politische und gesellschaftliche Hellhörigkeit, die das deutschsprachige Theater vermissen lässt. Im letzten Jahrzehnt sind die Bühnen immer näher an die Gegenwart gerückt, um konkrete politische und gesellschaftliche Fragen aufzugreifen - von der Schlacht um das Referendum und dem staatlichen Gesundheitssystem bis hin zum Börsencrash und zum Datenschutz im Internetzeitalter. Die Zuschauer kommen als Fragende ins Theater, die auf der Bühne nach Antworten und Argumenten suchen. Sie sind neugierig und bereit, sich auf Herausforderungen einzulassen, soweit es um Inhalte geht. Und selbst die Theatertexte setzen sich weniger mit experimentellen Formen auseinander als mit dem unmittelbaren Wirklichkeitsbezug einzelner Produktionen."
Weitere Artikel: Lilo Weber stellt in der NZZ den Genfern ihren neuen Ballettdirektor vor: den phantastischen Sidi Larbi Cherkaoui. Im Van Magazin berichtet Anna Schors von den fatalen Auswirkungen gestiegener Energie- und Produktionskosten auf die deutschen Theater. Margarete Affenzeller unterhält sich für den Standard mit Sahar Rahimi, Emilia Thelen und Ed. Hauswirth über ihre Produktion "Dudes. Halten endlich die Klappe".
Besprochen werden Joan Antón Rechis Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper "Das schlaue Füchslein" am Opernhaus Chemnitz ("Rechtis Regie hat höchst fantasievoll an der Oper vorbei inszeniert und eine eigene Deutung entwickelt, in der die weiße Gummizelle gegen prollig rotes Ambiente ausgetauscht wird und ein Revuepersonal agiert, das von keusch bis kokett so ziemlich alles aufbieten soll", schreibt ein amüsierter Michael Ernst in der nmz) und ein Shakespeare-Abend der Hochschule für Musik Nürnberg mit fünf neuen Mini-Kammeropern im Schauspielhaus Nürnberg ("Riesenapplaus - berechtigt", freut sich Roland H. Dippel in der nmz).
Das Kopenhagener Ballett kündigt dem Choreografen John Neumeier die Zusammenarbeit, wie Thomas Borchert in der FRberichtet. Stein des Anstoß ist offenbar Neumeiers Othello-Choreografie, in der sich Desdemona Othello als wilden Stammeskrieger imaginiert, was einige Tänzer als "rassistische Stereotypen" werten, aber Borchert sieht mit Blick auf Ballettchef Nicolaj Hübbe auch veränderte Machtverhältnisse: "In der TV-Dokumentation 'Tanz mit Rassismus' hat der 55-jährige Hübbe einen faszinierend offenen Einblick in seine Beweggründe für die Absetzung von Neumeiers 'Othello' gegeben. Nie im Leben würde er dem Choreografen Rassismus unterstellen. 'Aber wenn sich die jungen Kräfte beim Tanzen unwohlfühlen, muss ich mich dem stellen.' Auch weil die Zukunft des Balletts von deren Arbeitskraft abhängig sei."
Besprochen werden Yael Ronens Komödie "Blood Moon Blues" am Maxim-Gorki-Theater Berlin (SZ) und Vivaldis Barockoper "Il Giustino" an der Staatsoper Berlin (FR, FAZ).
Wajdi Mouawads "Vögel" am Metropoltheater München. Foto: Jean-Marc Turmes Irrig findet Jakob Hayner in der Welt die Vorwürfe, die jüdische Studentenverbände gegen Wajdi Mouawads Stück "Die Vögel" am Münchner Metropol Theater erhoben haben. Von israelbezogenem Antisemitismus könne in dem oft gespielten Erfolgsstück des libanesisch-kanadischen Autors keine Rede sein. Theaterleiter Jochen Schölch hat das Stück dennoch schockiert abgesetzt und vergeblich um Gespräche gebeten: "Nicht nur, dass Autor und Regie in eins gesetzt werden, auch aus dem Zusammenhang gerissene Passagen, offensichtliche Fehllektüren, als politisches Statement behandelte Figurenrede sprechen für eine kunstferne Einschätzung. In keinem theater- oder literaturwissenschaftlichen Einführungsseminar an der Universität würde das Bestand haben." Aber etwas ist Hayner wichtig: "Am Vorgehen der jüdischen Studentenverbände Kritik zu üben, heißt nicht, das Anliegen abzuwehren. Es heißt, das Anliegen mit dem Gegenstand zu vermitteln, um den es hier eben auch geht: Nämlich ein trotz aller Mängel komplexes Kunstwerk, das sich eben nicht auf eine ideologische Botschaft herunterbrechen lässt. Dementsprechend sollten kulturpolitische Waffen wie Subventionskürzungen wohlverstaut bleiben, während sich die geistigen Waffen der Kritik gerne weiter schärfen dürfen."
Besprochen werden Vivaldis "Il Giustino" bei den Barocktagen an der Staatsoper in Berlin (taz, Tsp, BlZ), Tobias Kratzers Inszenierung von Rossinis "Diebischer Elster" am Theater an der Wien (FAZ), Yael Ronens "Blood Moon Blues" am Berliner Gorki-Theater (Tsp), die Uraufführung von Sidi Larbi Cherkaouis Choreographie "Ukiyo-e" und Damien Jalets "Skid" am Grand Théâtre de Genève (FAZ) und das Stück "revision. Beobachtungen aus dem Saal 165 C" im Frankfurter Mousonturm, mit dem die junge Theatertruppe Big Image Collective den Mord an Walter Lübcke in den Blick nimmt (taz).
Aysima Ergün in "Blood Moon Blues" Foto: Ute Langkafel ( Gorki Theater Endlich mal ein Stück mit einer Frau über fünfzig in der Hauptrolle, frohlockt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung über Yael Ronens Boulevardkomödie "Blood Moon Blues" am Gorki-Theater. Und noch schöner: Opfer und sexuelle Objekte pflastern ihren Weg! "Elinor ist eine kluge, kreative, offenherzige, lebenshungrige, liebenswerte Frau, wenn sie nicht gerade in einer suizidal-depressiven Krise festsitzt oder in einer manischen Phase Polizeieinsätze auslöst. Sie ist eine unberühmte Schriftstellerin um die Fünfzig, lebt seit zwei Jahren in einer Beziehung mit ihrer Therapeutin Gabriella (Vidina Popov) in Berlin." Ihr größtes Opfer ist ihre Tochter, die gern mit den Wölfen in Brandenburg den Mond anheult: "Die Bilder, der Sound, der jaulende kleine Mensch - ja, kitschig, effektsicher, ein bisschen manipulativ ist das schon, aber egal, es fehlt nur ein bisschen und man möchte sich die letzte Schamschicht vom Herzen krempeln und mitheulen." In der Nachtkritikzeigt sich Christian Rakow weniger angetan. Er billigt dem Stück durchaus dramatische Finesse zu, aber weniger Konversationskunst als von Ronen gewohnt.
Beeindruckt berichtet Dorothea Marcus in der taz von zwei Kölner Inszenierungen, die den Krieg in der Ukraine zum Thema haben. Neben "Die Revolution lässt ihre Kinder verhungern" (unser Resümee) hat sie auch das Stück "Putins Prozess" sehr beeindruckt, das kein Tribunal darstelle, sondern darauf blicke, was uns innerlich prägt: "'Putin-Prozess' erzählt davon, wie manipulierbar der Prozess unserer Menschwerdung ist, unsere Haltungen letztlich Zufälle sind. Am Ende bleibt das Bild der drei entrückten Surfer auf dem Meer der Meinungen zurück: Solange sie geschmeidig an der Oberfläche surfen, läuft alles glatt. Direkt darunter lauert der Untergang."
Besprochen werden außerdem Eugène Labiches "Die Affäre Rue de Lourcine" am Münchner Residenztheater (SZ, FAZ), Alexander von Zemlinskys "Der Zwerg" in Verbindung mit Strawinskys "Petruschka" an der Oper Köln (FR), Jette Steckels "Himmelszelt" und Bastian Krafts "As You Fucking Like It"am Deutschen Theater in Berlin (Tsp), das Salzburger Open Mind Festival (Nachtkritik), Tomas Schweigens Orwell-Adaption "Faarm Animaal" am Schauspielhaus Wien (Nachtkritik) und Kevin Rittbergers "Wir sind nach dem Sturm" am Staatstheater Hannover (Nachtkritik).
Einen "informativen wie aufwühlenden Abend" verbrachte Standard-Kritikerin Margarete Affenzeller mit Ali M. Abdullahs Inszenierung von Josef Haslingers "Mein Fall" am Theater Werk X in Wien. Haslinger Buch ist eine Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs, den er als Kind durch katholische Geistliche erfuhr. "Verzeichnet Haslingers Buch vor allem die Genese der eigenen Erinnerung und Interpretation des Erlebten sowie den Versuch, den österreichischen Weg der Entschädigungszahlungen über die sogenannte Klasnic-Kommission zu gehen (Vorsitzende der Opferschutzkommission ist die frühere steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic), so reicht die Anklage der Inszenierung weiter. Sie setzt das Milliardenvermögen der katholischen Kirche ins Verhältnis zu jenen Summen, die Opfer kirchlicher Gewalt hierzulande erhalten (bis zu 25.000 Euro). ... Zum Sinnbild für die unzureichende Anerkennung erlittenen Missbrauchs macht Abdullah sogenannte Therapiehaserln, sich im angrenzenden Gehege vollfressende weiße Kaninchen, die mit Engelsblick und weichem Fell Trost spenden sollen."
In der NZZantwortetNicolas Stemann, Co-Intendant des Zürcher Schauspielhauses, auf die Vorwürfe, das Theater vertreibe mit seinen woken Inszenierungen das Publikum. Er weist die Kritik als Häme zurück. Wokes Theater mache er nun wirklich nicht: "Es gibt keine 'woke' Ästhetik - ich wüsste gar nicht, was das sein sollte. Wie man es hinbekommt, zu denken, in meiner 'Ödipus'-Inszenierung gehe es zentral um eine pauschale Botschaft à la: 'Ihr seid alle schuldig', ist mir ein Rätsel - wird doch im Gegenteil genau dies problematisiert: 'Schuld sind immer die anderen.' Die Identitätspolitik. Die Regierung. Die alten weißen Männer. Die Gendersternchen. Die Künstler. Wer oder was auch immer. Das war schon in der Antike so, in der Zeit der sozialen Netzwerke schraubt sich diese Form der Verdrängung in ungekannte Höhen. Nur: Mit dem Verschieben von Schuld in die eine oder andere Ecke kommen wir nicht weiter." Was den Zuschauerschwund angeht müsse man herausfinden, ob er "ein Zeichen dafür ist, dass wir in einem Medium arbeiten, das von gestern ist und gerade stirbt, oder an einem Theater der Zukunft, das erst dabei ist zu entstehen."
Weitere Artikel: Dorothea Marcus überprüft für die nachtkritik die Energiesparmaßnahmen an deutschen Theatern. In der SZ berichtet Egbert Tholl vom Festival "Erinnerung als Arbeit an der Gegenwart" an den Münchner Kammerspielen.
Besprochen werden Peter Wittenbergs Inszenierung von Thomas Bernhards "Ritter, Dene, Voss" am Theater in der Josefstadt (Standard), Heike M. Goetzes Inszenierung von Nora Abdel-Maksouds Erbschafts-Komödie "Jeeps" am Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik) und Florian Fischers Adaption von Hervé Guiberts autobiographischem Roman "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat" für das Schauspielhaus Bochum (nachtkritik).
MiloRau, der heute von der Kulturstiftung St. Gallen mit dem Großen Kulturpreis ausgezeichnet wird, hat "unerschrocken hochtrabend in einer 'St. Galler Erklärung für Schepenese' bekannt" gegeben, erzählt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung, "dass er das Preisgeld von 30.000 Franken (30.400 Euro) 'reinvestieren' wolle. Er habe die Absicht, das Geld an Schepenese weiterzureichen, eine berühmte ägyptische Mumie, die in der St. Galler Stiftsbibliothek in einem gläsernen Sarg aufgebahrt liegt. ... Mit dem Geld solle nun eine pietätvolle Zwischenlösung finanziert werden. Ziel der Aktion ist die Rücküberführung oder 'Heimkehr' der Mumie in den Hatschepsut-Tempel von Luxor, zu Schepeneses Zeiten noch Theben". Tatsächlich hat aus Ägypten allerdings noch niemand um die Rückführung der Mumie gebeten, informierte laut Nadine A. Brügger (NZZ) auf einer Podiumsdiskussion Cornel Dora, Leiter der Stiftsbibliothek: "Dort habe man bereits genug Mumien und Sarkophage - und man trage ihnen oft nicht so viel Sorge, wie dies in St. Gallen geschehe. Wichtig sei den alten Ägyptern zudem gewesen, ihre Toten an einem Ort ruhen zu lassen, an dem sie mit Respekt behandelt würden und an dem es für sie einen Sinnzusammenhang gebe. Dieser finde sich in St. Gallen, wo die Mumie einen wunderschönen Grabraum habe. Und wo sie jeden Abend mit einem 'Gute Nacht, Schepenese' abgedeckt werde."
Weiteres: In der SZ stellt Helmut Mauró den Countertenor Alois Mühlbacher vor. Besprochen werden Rossinis "La gazza ladra" am Theater an der Wien (Standard, nmz, SZ), Isabelle Redferns Inszenierung von Golda Bartons "Sistas!" an der Volksbühne Berlin (nachtkritik, BlZ) und die Uraufführung von Patty Kim Hamiltons "Sex Play am Schauspielhaus Graz (nachtkritik).
In der tazerklärt sich Uwe Mattheis den Zuschauschwund in den Theatern als Folge einer neoliberalen Denkweise, die Selbstverwirklichung durch identitätsstiftenden Konsum verspricht: "Große Theater sind Anachronismen in einer Gesellschaft, die sich immer mehr in voneinander abgrenzende Milieus ausdifferenziert, die ihre Identitäten entlang einer ausgesuchten (alltags)kulturellen Praxis herausbildet und sie nicht mehr nur vom ökonomischen Status ableitet. Der gesamte Kulturbetrieb gerät immer mehr in den Dienst der Reproduktion von Milieuidentitäten, die 'feinen Unterschiede' zeigen sich im Kulturkonsum. Die politische Bedeutung der Theater liegt aber gerade darin, Orte zu sein, an denen sich unterschiedliche gesellschaftliche Milieus überhaupt noch begegnen können, sie sind Teil des raren Zwischen-Raums, in dem über öffentliche Angelegenheiten mit den Mitteln der Kunst verhandelt werden kann."
Besprochen werden Pietro Mascagnis "Cavalleria rusticana" in der Urfassung in Baden-Baden (die SZ-Kritiker Michael Stallknecht mit einem größeren Chor und höheren Sopranrollen überwältigte, in der FAZ dagegen vermisste Lotte Thaler unter anderem "kantablen Opernschmelz"), Albert Lortzings Oper "Undine" in Leipzig (deren Wiederentdeckung Welt-Kritiker Manuel Brug ebenso zu schätzen weiß wie deren "filigrangliedrige Musik zwischen Melancholie und Frohsinn"), Verdis "Maskenball" in Klagenfurt (Standard).
Futur3: "Die Revolution lässt ihre Kinder verhungern". Foto: Ana Lukenda / Schauspiel Köln Bewegt und beeindruckt ist Gerhard Preußer in der Nachtkritik vom Stück "Die Revolution lässt Ihre Kinder verhungern", mit dem die Gruppe Futur3 am Schauspiel Köln den Holodomor aufarbeitet, Stalins Hungermord an den Ukrainern: "Mariana Sadovska und Yahia Sayenko kontrastieren immer wieder das Geschehen mit Liedern, die sie meist selbst geschrieben oder bearbeitet haben. Am eindringlichsten am Höhepunkt des genau abgezirkelten Spannungsbogens des Abends: Der junge Kopelew streitet mit seinem Vater und setzt dann gewaltsam die Abgabe des Getreides einer hungernden Bauernfamilie durch. Am Boden liegen die Darsteller:innen und summen in der typisch ukrainischen modalen Harmonik mit Sekunddissonanzen und melancholisch abfallenden Schlusstönen, während am Mikrofon Stalin seinen Sieg über die Kulaken verkündet."
Als tolles Rachsteück feiert Peter Laudenbach in der SZJette Steckels Inszenierung von Lucy Kirkwoods Stück "Das Himmelszelt" am Deutschen Theater, das er uns als "wuchtigen Hybrid aus überkonstruiertem Gerichtsdrama, Historienstück, feministischem Manifest und raunender Hexenbeschwörung" nahebringt. Es spielt im Jahr 1759 und erzählt von der Anarchistin Sally, die ihren Groll gegen jeden richtet, dem im Leben mehr vergönnt war: "Hier spielt Kathleen Morgeneyer die klassenbewusste Amokläuferin wie eine entsicherte Handgranate. Wenn sie nicht tobt, sackt sie teilnahmslos in sich zusammen, als würde sie die elende Welt schon lange nicht mehr interessieren. Morgeneyer lässt die Frage, ob ihre Sally komplett wahnsinnig oder die einzige Person mit Klarblick oder vielleicht beides ist, gekonnt offen. Sie zeigt eine Radikale, die kein Mitleid und sicher kein Verständnis braucht." In der FAZ imponiert es Irene Bazinger zwar, wie "quietschfidel" Kirkwood ihre Geschichte erzählt, trotzdem behagt ihr nicht, wie hier singend und tanzend die Gerechtigkeit ausgetrieben wird: "Steckels Regie ist bieder, naturtrüb eindimensional, und obwohl das Ensemble unter anderem mit Ursula Werner, Leila Abdullah, Franziska Machens und Anja Schneider hochkarätig besetzt ist, verläuft sich das Stück in obskurem Matriarchatsgeschwafel."
Besprochen werden das dada-feministische Musical "Hyäne Fischer" an der Berliner Volksbühne (taz) und die Komödie "Sister Act" im English Theatre Frankfurt (FR).
Tony Kushners "Engel in Amerika". Foto: Karolina Miernik / Burgtheater Am Wiener Burgtheater hat Daniel Kramer Tony Kushners modernen Klassiker "Engel in Amerika" mit viel Disco-Glamour auf die Bühne gebracht. Es geht um den Beginn der Aids-Pandemie im homophoben, rassistischen Amerika der achtziger Jahre. Im Standardfindet Stephan Hilpold Kramers Inszenierung zwar etwas zu historisch angelegt, dennoch zeige sie sehr deutlich, dass queere Ästhetik schon immer Widerspruch und Hedonismus zusammengedacht habe: "Mit 'Engel in Amerika' setzte er der Unsicherheit und Machtlosigkeit, der Angst und der Wut ein literarisches Denkmal entgegen, das genauso vom Stolz und Überlebenswillen der Betroffenen handelte wie von den Anwürfen, denen sie ausgesetzt waren. Den Realismus des amerikanischen Theaters ließ er auf die Phantasmagorien der schwulen Subkultur, die Welt des Drags und Fetischs treffen. Und wenn die Not am größten war, schwebte ein überlebensgroßer Engel von der Decke; allerdings nicht einer, der wie jener von Walter Benjamin auf die Geschichtstrümmer zurückblickte, sondern einer, der sein Antlitz in die Zukunft richtete."
In der Nachtkritik hätte sich Andrea Heinz zwar gewünscht, dass sich die Inszenierung mehr für den politischen Gehalt interessiert hätte, aber wie das Stück "neurotische Machtgier, religiösen Wahn und Bigotterie" behandelt, findet sie auf jeden Fall stark. Und auch die Hauptfigur, den schwulen Anwalt und Gauner Ray Cohn: "Cohn war Chefberater McCarthys, federführend bei der Hinrichtung der Rosenbergs, denen Spionage für die Sowjetunion vorgeworfen wurde, Anwalt von Donald Trump - und starb Mitte der 80er-Jahre an Aids. Oder, in seiner Lesart: Leberkrebs." In der FAZ wird es Martin Lhotzky mitunter zu laut, aber als Abbild eines zerrissenen Amerikas überzeugt ihn die Inszenierung gleichwohl.
Besprochen werden außerdem das Musical "Hyäne Fischer" an der Berliner Volksbühne (das SZ-Kritiker Peter Laudenbach für schlichtweg blamabel hält) und Wu Tsangs "Pinocchio" am Zürcher Schauspielhaus (Nachtkritik).