Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.12.2022 - Bühne

Fritzi Haberlandt, Linn Reusse und Susanne Wolff in Elfriede Jelineks "Angabe der Person". Foto: Arno Declair

Am Deutschen Theater hat Jossi Wieler Elfriede Jelineks neues Stück "Angabe der Person" inszeniert, in dem Jelinek vom Tod ihres Mannes erzählt, aber auch von ihrem Leiden an deutschen Finanzämtern. Grandios findet Christine Dössel in der SZ den Abend: "Als 'Totendompteuse' schimpft sie in ihrem Text, der Anklage- und Verteidigungsschrift, Trauer- und Wutrede zugleich ist, ein sprudelnder Sermon voller Zynismen, Kalauern, ätzendem Witz. Es ist ein starker, phänotypischer Text, widerständig und widerborstig, dringlich und bedrängend, in Wunden bohrend und an Nerven sägend. 'Ich bin eine Art Windel für die Welt', heißt es einmal, 'ich lasse nichts durch'. Jelinek at her best. Ein Signature-Text." Dass Jossi Wieler ihn ganz "ohne Regietheaterbrimborium" auf die Bühne bringt beglückt auch Irene Bazinger in der FAZ: "Ansonsten hat Wieler mit Herz, Hirn und Fingerspitzengefühl die ganze Theaterwelt für die Schauspielerinnen Fritzi Haberlandt, Linn Reusse und Susanne Wolff freigeräumt, die Elfriede Jelineks Worte in einer Weise sprechen, wie man es nie zuvor gehört hat. Die drei entpuppen sich als hinreißende Alleinunterhalterinnen im Interesse der Autorin und zeigen, wie klug und gut deren Text konstruiert ist, wie witzig und schräg, theatral und spielbar. "

Jelinek jagt eigentlich nur zwei Stunden lang Wut über die Rampe, stellt Ulrich Seidler in der FR fest, erkennt aber trotzdem, vor allem im Vergleich zu Albert Camus' "Caligula", warum die Demokratie jeder Tyrannei auch auf der Bühne überlegen ist: "Zum Wesen der Tyrannei gehört, dass sie undramatisch ist. Denn der Tyrann handelt nicht, wie er muss, sondern wie er will. So funktioniert, weil der Unterschied zum unfreien Zuschauer prinzipiell ist, die Identifikation nicht mehr, und zwingende Situationen lassen sich auch nicht bauen, wenn der Protagonist je nach Gusto die Regeln bricht. Deswegen kann man mit Tyrannen auch nicht verhandeln, sie halten sich an nichts. Umbringen und fertig - das ist, bei allem Gerede, das diesen Ausgang verzögert, nicht abendfüllend."

Weiteres: In der SZ umreißt Dorion Weickmann die Schwierigkeiten der Ballettwelt, die in diesem Winter ohne Gastspiele aus Moskau oder Petersburg auskommen und ihre "Nussknacker"-Inszenierungen generalüberholen muss.  

Besprochen werden Tina Laniks Inszenierung von Shakespeares "Wie es euch gefällt" am Wiener Burgtheater (Nachtkritik), Sivan Ben Yishais "Bühnenbeschimpfung" am Berliner Gorki-Theater (Nachtkritik, Tsp), Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" am Theater Basel (Nachtkritik), Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Endzeitrevue "Sonne, los jetzt" am Schauspielhaus Zürich (taz, Welt), Claudia Bauers Karl-Valentin-Abend am Münchner Residenztheater ("Meisterstück!", ruft Egbert Tholl in der SZ) und Kurt Weills Musical-Komödie "Ein Hauch von Venus" an der Oper Graz (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.12.2022 - Bühne

Szene aus Charles Tournemires "La Légende de Tristan" am Theater Ulm. Foto: Jochen Klenk


Fast hundert Jahre hat es gedauert, bis die Oper "La Légende de Tristan" des französischen Orgelmusikers Charles Tournemire erstmals aufgeführt wurde - am Theater Ulm. Diese Aufführung "wird Folgen für unseren Blick auf die Musikgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts haben", prophezeit Jan Brachmann (FAZ), der in Ulm gelernt hat, dass "die Modernetauglichkeit katholischer Intelligenz in der Musik keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal Messiaens" war: Anders als Wagner, so Brachmann, bleibe Tournemire "näher an den mittelalterlichen Quellen ... Es geht Tournemire nicht um die überwältigende Erotisierung des gemeinsamen Todes. Für ihn ist die Liebe Tristans, des Ziehsohnes des Königs von Cornwall, zur irischen Prinzessin Iseut ein spirituelles Martyrium. Jede Erfüllung - gerade die sexuelle - erscheint als Trivialität. Der Tod ist kein ästhetisch verstärkter Orgasmus wie bei Wagner, sondern eine stille Erlösung von der Wirklichkeit." Auch Roland H. Dippel (nmz) war tief beeindruckt von dieser Uraufführung. Er fragt sich, wie es wäre, "La Légende de Tristan" statt mit der Wagneroper "in Beziehung zu anderen französischen Opern nach Sagenstoffen zu setzen - also in die genealogische Reihe von Reyers 'Sigurd' und Chaussons 'Le roi Arthus'. Dann offenbart sich eine Synergie von Mystik und Eros, zu der Tournemire mit seiner Musik mehr Fragen stellt als Antworten gibt. Durch diese Fragen nach den Rätseln der menschlichen Seele steht 'La Légende de Tristan' in weitaus größerer Geistesverwandtschaft zu Debussys 'Pelléas et Mélisande' als zu Wagner."

Weitere Artikel: Willi Winkler trifft sich für die SZ mit dem Schauspieler Mark Waschke in London. Und: heute bis 19.30 Uhr kann man bei der nachtkritik noch die 1983 entstandenen Brecht-Inszenierung "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe" von Alexander Lang am Deutschen Theater Berlin im Stream sehen.

Besprochen werden außerdem "Is Anybody Home?" der Performancetruppe Gob Squad an der Volksbühne (nachtkritik, BlZ), Stephan Thoss' Choreografie "Nüsseknacker" in Mannheim (FR), "Der Schnee von gestern" von pulk fiktion in der Freien Werkstatt Theater Köln (nachtkritik) und Elfriede Jelineks "Sonne, los jetzt!" in der Inszenierung von Nikolaus Stemann am Zürcher Schauspielhaus (das Stück "ist irritierend resignativ, didaktisch auf eine verlorene Art, versponnen und selbst für Jelinek-Verhältnisse in einem Maße verrätselt, dass man nach den zweieinhalb Stunden der Aufführung verschiedene Bedürfnisse hat: sich in eine tiefe Höhle zurückzuziehen oder einen großen Schnaps zu trinken", notiert ein deprimierter Egbert Tholl in der SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.12.2022 - Bühne

Szene aus Elfriede Jelineks "Sonne, los jetzt!" am Schauspielhaus Zürich. Foto: Philip Frowein


Janis El-Bira war für die nachtkritik in der Uraufführung von Elfriede Jelineks Stück "Sonne, los jetzt!", das Nicolas Stemann am Schauspielhaus Zürich inszeniert hat. Ein Theaterabend zu Klimakrise und Zerstörungslust. Der Untergang ist bereits in vollem Gange, "was jetzt noch bleibt, sind individuelle Haltungsfragen im Sein-zum-Tode", erklärt ein mäßig beeindruckter El-Bira. "Manches an diesem gerade in der zweiten Hälfte textlich weit aufgesprengten Abend gerät recht läppisch. Eine Strandparty, in deren Verlauf Alicia Aumüller zum schmelzenden Matterhorn mit gehisstem Schweizerfähnchen wird, lässt die Text-Bild-Schere doch ähnlich deutlich aufklappen wie eine späte AC/DC-Nummer in zerfledderter Rokoko-Klamotte (hier wie überall sehr toll: die Kostüme von Katrin Wolfermann). Anderes - ein Sonnen-Selbstverbrennungsmonolog von Sebastian Rudolph in Reaktion auf einen Greta-Thunberg-Einspieler - macht dagegen grandios weite Hallräume auf. Ebenmäßigkeit ist jedenfalls nicht Stemanns Sache in dieser so hoch- wie tiefstapelnden, ungleichmäßig temperierten Uraufführung. Aber es gibt viel zu holen, herauszugreifen, zu drehen und zu wenden. Vielleicht ist 'Sonne, los jetzt!' auf seine sehr eigene, verstiegene Art sogar der bislang theatereigenste Beitrag zur Klimafrage."

Szene aus "Dona Nobis Pacem". Foto: Kiran West

Im kommenden Sommer muss Hamburgs Ballettchef John Neumeier seine fünfzigste Spielzeit ohne den Besuch des Bolschoi-Balletts feiern, in diesem Winter verzichtet er erstmals seit 1974 auf seinen "ikonischen" Nussknacker, seufzt Dorion Weickmann in der SZ. Stattdessen zu sehen ist Bachs h-moll-Messe "Dona Nobis Pacem" "in 'choreografischen Episoden', die Krieg, Flucht, Einsamkeit spiegeln und doch ein Fünkchen Hoffnung auf bessere Zeiten schüren sollen. Der Anfang ist klar, scharf, unerbittlich. Da stolpert der charismatische Aleix Martínez als Anonymus mit einem Köfferchen in die Schwärze des Bühnenkastens hinein, der sich nach hinten auf einen entfernten Schützengraben öffnet. Zwei Dutzend Vermisstenfotos starren von einer Betonwand ins Publikum - Menschen, die in der Kampfzone verloren gegangen sind. Als der Mann sein Gepäckstück öffnet, quellen weitere Aufnahmen heraus. Mehr als diese Bilder und ein kleines Püppchen hat er nicht retten können. In den nächsten anderthalb Stunden wird er durch trostlose oder heiter gestimmte Körperlandschaften irren. Wird leiden, mitleiden und irgendwann auch wie Christus am Kreuz hängen."

Wird Martin Kusejs Burgtheater-Intendanz um weitere fünf Jahre verlängert? Bitte nicht, hofft Simon Strauss in der FAZ und hat einen Traum: "Die Burg als Gegenteil zur Blase".

Besprochen werden Saliha Shagasis Inszenierung von Sibylle Bergs "Helges Leben" am Schauspiel Köln (nachtkritik) und Suat Ünaldis Inszenierung von Daniela Eggers "Zwei Frauen, ein Leben" am Landestheater Bregenz (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.12.2022 - Bühne

Die im Berliner Exil lebende russische Theaterkritikerin Marina Davydova wird Schauspielchefin in Salzburg. Im Gespräch mit der SZ erzählt sie, dass ihre Flucht aus Russland nicht ihre erste war: "Ich wurde in Baku geboren, der Hauptstadt Aserbaidschans, damals noch Sowjetunion. Mein Vater war ethnischer Armenier. In den Neunzigern kam es in Baku im Zusammenhang mit den Ereignissen in Nagorny Karabach zu furchtbaren Pogromen. 200 000 Armenier mussten aus der Stadt fliehen. Wir verloren unsere Wohnung, unser Familienarchiv wurde vernichtet, die Gräber meiner Eltern und der ganze armenische Friedhof wurden zerstört. Vor ein paar Tagen habe ich ein Theaterstück über diese Ereignisse fertig geschrieben, für das Münchner Residenztheater. Es heißt 'Land of No Return'. Du fliehst, fängst von vorn an, baust dir ein Leben auf, und dann verlierst du wieder alles... Ich schaue zurück auf meine Anstrengungen in Russland - auf das Moskauer NET-Festival beispielsweise, das ich 23 Jahre lang mit aufgebaut habe, auf die Zeitschrift TEATR, die ich seit 2010 herausgebe. Das war mein Leben. Und plötzlich, mit einem Schlag, ist nichts mehr davon da."

Weitere Artikel: Das Van Magazin unterhält sich mit der Theaterfotografin Monika Rittershaus über ihre Arbeit. In der FAZ schreibt Jürgen Kesting zum Siebzigsten des Frankfurter Opernintendanten Bernd Loebe. Auch die FR gratuliert. Außerdem meldet die FAZ, dass die finnische Mezzosopranistin Lilli Paasikivi neue Leiterin der Bregenzer Festspiele wird.

Besprochen werden Peter Tschaikowskis Oper "Jolanta" am Theater Kiel (nmz), Philippe Boesmans' posthum uraufgeführter Oper "On pourge Bébé" an der La Monnaie Oper in Brüssel (nmz), Tschaikowskis "Pique Dame" in Kassel (FR) und She She Pops "Mauern" am Berliner HAU (Welt)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.12.2022 - Bühne

Im SZ-Interview mit Alexander Menden zeigt der Leiter der English National Opera, Stuart Murphy, wie in Großbritannien Kulturpolitik funktioniert: Von einem Tag auf den anderen wurde der ENO, das zweite große Opernhaus in London neben Covent Garden, mitgeteilt, dass ihre Subventionen gestrichen würden: Sie könnte aber nach Manchester ziehen, dann würde sie Gelder aus dem regionalen Fördertopf fürs Levelling-Up bekommen. Murphy: "Es hat uns niemand gesagt, wie wir alle Musiker und Mitarbeiter samt ihren Familien in eine andere Stadt verpflanzen sollen. Es hieß immer nur: Wir haben der ENO ein finanzielles Angebot gemacht, nun liegt es an ihr, uns zu sagen, was sie damit machen will. Das ist, als würde ich zu Ihnen sagen: Du kriegst von jetzt an nur noch ein Drittel deines Gehalts, und das auch nur, wenn du 300 Kilometer weit wegziehst - aber letztlich ist es deine Entscheidung. Und bei alldem hat das ACE sich wie gesagt nicht mal an seine eigenen Regeln und Kriterien gehalten. Es ist empörend!" Mehr dazu im Guardian.

Besprochen wird Tschaikowskys wiederententdeckte "Zauberin" an der Frankfurter Oper (die für NMZ-Kritiker Wolf-Dieter Peter von jetzt an in jedes Repertoire gehören sollte).
Stichwörter: English National Opera

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2022 - Bühne

Besprochen werden Kevin Rittbergers Stück "Der Entrepreneur" am Münchner Residenztheater (SZ), der missglückte Saisonauftakt der Mailänder Scala mit Modest Mussorgskys Zarendrama "Boris Godunow" ("Geht es hier um Politik? Oder eben doch wieder nur um schön gesungene Oper?", fragt Christian Wildhagen in der NZZ, etwas später als die anderen), Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein" als musikalisches Schauspiel im Wiener Theater in der Josefstadt (FAZ) und die Produktion "Unter uns. Unsichtbar?", mit der das Junge Schauspiel Frankfurt an die NS-Zwangsarbeit erinnert (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2022 - Bühne

Die Nachtkritik trauert um ihren Mitbegründer und Kollegen, den Theaterkritiker Nikolaus Merck, der gestern im Alter von nur 65 Jahren starb, wie sie im Nachruf schreibt: "Er konnte so schön schimpfen, übers Theater, über Künstler:innen, die alle priesen, er jedoch für 'völlig überschätzt' hielt. Er konnte die Schauspieler:innen, die er liebte, wundervoll plastisch beschreiben, und auch herrlich imitieren, mit diesem beweglichen Gesicht, voller Lebensfreude und Schalk, Angriffslust auch, mit diesem hinreißend großen, offenen Lächeln, diesen ausgreifenden Händen, diesem Lebendigen, Wachen."

Besprochen werden Martin Kusejs Wiener Inszenierung von Lucy Prebbles Dokudrama "Extrem teures Gift" über die Ermordung des einstigen FSB-Agenten Alexander Litwinenko durch russische Aiuftragsmörder (den Ronald Pohl im Standard leider "ästhetisch unterblichtet" fand, FAZ), Kleists "Familie Schroffenstein" am Staatsschauspiel Dresden (Nachtkritik), Peter Handkes "Zwiegespräch" am Wiener Akademietheater (den Welt-Kritiker Björn Hayner im "Theaterbudenzauber" von Regisseurin Rieke Süßkow untergehen sieht), das neue Stück "Mauern des Performance-Kollektivs She She Pop am Berliner HAU (taz), eine Bühnenfassung von Sofi Oksanens Roman "Hundepark" am Stadttheater Gießen (FR), Robert Ickes Schnitzler-Fortschreibung "Die Ärztin" im Schauspielhaus Graz (Nachtkritik) und die Uraufführung von Georg Blaschkes "Extinct Choreography" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.12.2022 - Bühne

Szene aus "Zwiegespräch". Foto: Susanne Hassler-Smith

Erst im Frühjahr bei Suhrkamp erschienen, feierte Peter Handkes "Zwiegespräch" schon Premiere in der Inszenierung von Rieke Süßkow am Wiener Akademietheater. Wenn Süßkow ein Senioren-Trio in Sepia-Farben im Pflegeheim "Reise nach Jerusalem" spielen lässt, während das "La Paloma" singende Pflegepersonal schon die "Beerdigungsroutine" abspult, ist Margarete Affenzeller im Standard erstaunt, wie die Regisseurin aus Handkes "schmaler Gedankenflatterei" ein ganzes Stück macht: "Die Inszenierung übersetzt die Härte am Lebensende und die in Handkes Text widersprüchlich abgehandelte Wehmut in eindrückliche Bilder." "Süßkow macht aus dem intimen Zwie- beziehungsweise Selbstgespräch eine polyphone Komposition, die nicht zuletzt auf die musikalische Qualität des Textes abstellt", meint Nachtkritikerin Andrea Heinz. "Doch spätestens ab der Hälfte verpuffen mögliche Assoziationen, wird zunehmend offenbar, dass der Text sie nicht hergibt, zu sehr der Autorenpersona Handke verhaftet ist, als dass man ihn von ihr ablösen könnte."

"Handkes empfindsame Reflexionen kurzerhand in die Geriatrie zu verlegen, ist natürlich frech und streckenweise auch bitterböse", amüsiert sich Christine Dössel in der SZ: "Sie bekommen dadurch etwas Schnurrenhaftes, Anekdotisches, als seien es letzte rhetorische Zuckungen aus der Abteilung 'Großvater erzählt vom Krieg', und alle verdrehen die Augen, weil sie die Geschichten schon tausend Mal gehört haben. Das klingt nach Respektlosigkeit und Banalisierung, aber Handkes 'Zwiegespräch' hält das aus, und auch wenn in dieser sarkastischen szenischen Aneignung hinten raus nicht alles aufgeht, muss man doch sagen, dass es erfrischend ist, wenn da mal jemand Junges ganz unehrfürchtig rangeht." "Skandal!", ruft indes ein empörter Simon Strauss in der FAZ: "Dumpf vorgeführtes Alter. Abfällig parodierte Jugend. Der hoffentlich bald aus seinem Amt scheidende Burgtheater-Intendant Martin Kušej hat das Stück aus leicht durchschaubaren PR-Gründen einer 1990 geborenen Jungregisseurin gegeben, die die in sie projizierten Erwartungen pflichtschuldig erfüllt: nämlich so gar nicht ehrfürchtig zu sein. Sondern: desinteressiert am Text, desinteressiert an seiner Stimmung."

Am Münchner Metropol Theater wurde Wajdi Mouawads Stück "Die Vögel" nach den Antisemitismus-Vorwürfen jüdischer Studentenverbände abgesetzt (Unsere Resümees) - für Stefan Bachmann, Intendant des Schauspiels Köln völlig unverständlich, er zeigt seine Inszenierung als Stream. "Warum sehen Verlage oder Theatermacher wie Stefan Bachmann nicht, dass ein Stück wie Mouawads 'Vögel' sich simpelster antijüdischer und antiisraelischer Stereotype bedienen?", fragt Andreas Fanizadeh in der taz: "Mouawad leugnet den Holocaust nicht. Aber er lässt seine klischeehaft gestalteten Theaterjuden selbst behaupten, dass das, was Juden einst im Holocaust erlitten, sie nun den arabischen Palästinensern zufügten. Für panarabische und panislamische Reaktionäre ist das ethnisch plurale Israel der demokratische Stachel im Nahen Osten."

Außerdem: Laut Standard entscheidet sich die Wahl zum nächsten Burgtheater-Intendanten zwischen Martin Kušej, der Schauspielerin Maria Happel und einer weiteren Frau. Für die SZ hat Egbert Tholl schon einen Blick ins Programm der kommenden Salzburger Festspiele geworfen: "Das Konzertprogramm ist überbordend wie gewohnt, inklusive einem Schwerpunkt mit Werken György Ligetis. Zwei Liederabende seien hervorgehoben: Evgeny Kissin begleitet Renée Fleming, Asmik Grigorian singt Lieder aus dem russischen Repertoire."

Besprochen werden Toula Limnaios Choreografie "Staubkinder" zu Musik von Gustav Mahler im Berliner "Fuchsbau" (Tagesspiegel), Paolo Genoveses "Das perfekte Geheimnis" im Frankfurter Rémond-Theater (FR) und Alejandro Tantanians und Oria Puppos Projekt "L7L - Die sieben Irren" nach dem Roman von Roberto Arlt an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2022 - Bühne

Ph. Marco Brescia & Rudy Amisano / teatro alla Scala

Die Mailänder Scala eröffnete die neue Saison trotz ukrainischer Proteste auf Russisch, meldet Kirsten Liese im Tagesspiegel. Ricardo Chailly dirigierte und Kasper Holten inszenierte Modest Mussorgskys Urfassung von "Boris Godunow". Sollte man ihn heute noch aufführen, fragt Liese und antwortet sich selbst: "Unbedingt sogar! Schließlich schildert Modest Mussorgski in seiner 1874 uraufgeführten, einzigen vollendeten Oper Zwangsherrschaft, Bespitzelung, Paranoia der Mächtigen und Manipulationen des Volkes." Schade nur, dass die Regie so hölzern ist und die musikalische Leitung eher oberflächlich, bedauert Liese. Der Chor der geschundenen Untertanen ist für sie der Höhepunkt des Abends: "Von wegen die Oper sende eine falsche Botschaft: In einem solchen Moment ist die reale Situation der Menschen in der Ukraine zum Greifen nahe". Michael Ernst findet in der nmz eigentlich die ganze Inszenierung gelungen: "Mit recht einfachen Mitteln wird überzeugend gezeigt, wie die Macht von Diktatoren und Usurpatoren funktioniert, während sie längst zum Scheitern verurteilt ist." In der FAZ sieht das Max Nyffeler ähnlich. Welt-Kritiker Manuel Brug hingegen hörte "Klangborschtsch" und die Chance, "wehtuende Gegenwart drastisch auf die Bühne zu stellen, nicht nur vage darauf zu verweisen", habe die Scala leider auch vergeben, bedauert er.

Weitere Artikel: Italiens Kulturminister Gennaro Sangiuliano "will mehr Geld und Tempo für die schleppende Digitalisierung" auch der Kultureinrichtungen, berichtet Andrea Dernbach im Tagesspiegel. Der Standard meldet, dass der neue italienische Kulturstaatssekretär Vittorio Sgarbi keine Ausländer mehr auf den Chefsesseln des Mailänder Opernhauses und der Uffizien will, wogegen sich Scala-Chef Dominique Meyer verwehrt. Die NZZ meldet, dass Paavo Järvi und Ilona Schmiel Zürich als Musikdirektor und Intendantin der Tonhalle bis 2029 erhalten bleiben.

Besprochen werden außerdem Rene Polleschs "Und jetzt?" an der Berliner Volksbühne (Leander F. Badura wünschte sich im Freitag, Pollesch würde mehr Lenin zu wagen), Caroline Creutzburgs "Die Vielhundertjährigen" im Frankfurter Mousonturm (FR), She She Pops Neuauflage ihrer Performance "Schubladen" im Berliner HAU (BlZ, nachtkritik) und die Bühnenfassung von Alja Rachmanowas Roman "Die Milchfrau" am Kosmos Theater Wien (BlZ, Standard), Tschaikowskis "Nussknacker" in Stuttgart und John Neumeisters "Dona Nobis Pacem" in Hamburg (SZ) und Felicia Zellers "Einsame Menschen" am Berliner Ensemble (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.12.2022 - Bühne

Esther Slevogt unterhält sich für die nachtkritik mit der iranischen Dramatikerin Mahin Sadri über die Proteste im Iran, den Feminismus ("Die Welt, in der wir heute leben, ist das Ergebnis männlicher Herrschaft. Sie ist völlig korrupt und funktioniert nicht mehr. Es ist an der Zeit, dass die Frauen die Welt regieren") und die Eigenarten von Farsi, der Sprache der Iraner: "Ich glaube, dass die Iraner ein Volk sind, das mehr in seinen Vorstellungen lebt als in der Realität, weil es in einer Sprache denkt und spricht, die fast immer zweideutig und sarkastisch ist, in einer Sprache, die stets den Weg für viele Interpretationen offen hält. Deshalb ist Farsi eher eine Sprache der Poesie als der Philosophie, der Politik oder der Wissenschaft. ... Auch kennt unsere Sprache kein Geschlecht und wenn wir über jemanden sprechen, wissen wir nicht, ob diese Person männlich oder weiblich ist, bis wir ihren Namen nennen. Gott hat im Persischen ebenfalls kein Geschlecht. Dann steht das Verb stets am Ende des Satzes, so dass wir das Hauptereignis im Persischen erst am Ende des Satzes erfahren. Außerdem sprechen wir mit einer Grammatik und lesen mit einer anderen. Im Gegensatz zur deutschen Sprache, die aufgeklärter ist und daher sehr gut zur Formulierung philosophischer Diskurse verwendet werden kann, ist die persische Sprache vor allem eine Sprache der Verschleierung."

Asmik Grigorian (Nastasja) in Tschaikowskis "Zauberin". Foto: Barbara Aumüller

Tschaikowskis "Zauberin" erzählt von einer Familien- und Liebestragödie unter Fürsten. Vasily Barkhatov hat sie an der Oper Frankfurt inszeniert, mit Asmik Grigorian in der Titelrolle, Valentin Uryupin hat dirigiert. Das Ergebnis war phänomenal, schwärmt in der nmz Roland H. Dippel. Was auch an Tschaikowski lag: "Die meisten im Publikum wissen noch nicht, dass Tschaikowski mit dem Niedergang in die unerbittliche Tragödie die Grundfesten der von ihm bekannten musikalischen Welt einreißen wird. In einer geschlossene Formen und Harmonien defragmentierenden Collage wird er mehrfach an die Grenzen der Tonalität gelangen. ... In keinem anderen Werk war Tschaikowski mutiger, konsequenter und offener. Gleichzeitig finden sich immer wieder phänomenale Kantilenen und Ariosi. Sie haben fast Puccini-haft verkürzten Zuschnitt und taugen deshalb nicht zum Wunschkonzert wie die großen Melodien-Hits aus 'Eugen Onegin' und 'Pique Dame'. Ohne Zweifel: 'Die Zauberin' ist Tschaikowskis Vorstoß zu einem Musikdrama eigener Intensität."

Besprochen werden außerdem Sophia Aurichs "Der Fall Medea" am Staatstheater Wiesbaden ("Es gibt nicht den Hauch einer Perspektive. Stumm" zieht FR-Kritikerin Judith von Sternburg "von dannen"), Katie Mitchells Inszenierung des "Kirschgarten" am Schauspielhaus Hamburg (taz), Sara Ostertags Adaption von Alja Rachmanowas Stück "Die Milchfrau" am Kosmos Theater Wien (nachtkritik), Felix Mendelssohn Bartholdys Oper "Elias" am Staatstheater Oldenburg (nmz), Barrie Koskys Inszenierung von Puccinis Oper "Turandot" an der Amsterdamer Dutch National Opera (Welt), Armin Petras' Inszenierung von Hebbels "Nibelungen" am Staatstheater Nürnberg (SZ) und Wagners "Meistersinger" an der Wiener Staatsoper (mit Philippe Jordan am Pult, der einen "wahren Blumenregen" erntete, so Reinhard Kager in der FAZ) .