Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

802 Presseschau-Absätze - Seite 65 von 81

Magazinrundschau vom 12.04.2005 - New York Times

"Jeder Abenteurer ist ein geborener Mythomane." Diese Feststellung aus Andre Malraux' "La Voie Royale'' liest Christopher Hitchens nach der Lektüre von Oliver Todds überzeugender Malraux-Biografie (erstes Kapitel) als Selbstbekenntnis eines genialen Selbstvermarkters und brillanten Wendehalses (hier die andere Seite, von den "Freunden Malraux"). Todd erzählt unter anderem, wie Malraux noch 1944 allen Versuchen der Resistance auswich, ihn für den Widerstand zu gewinnen. "Als er die Lage kippen sah, trat er kurz vor der alliierten Landung in der Normandie ein. Sein Held Napoleon fragte bei jedem neuen General 'Hat er Glück?'. Malraux hatte teuflisches Glück. Er machte einige nützliche Bekanntschaften innerhalb des britischen Geheimdienstes und schaffte es kurzzeitig, in der Belagerung von Straßburg eine gute Figur zu machen." Der Nachruf von 1976 zeigt, wie erfolgreich Malraux mit seiner Methode war.

Weitere Besprechungen: Die Privatsphäre gibt es nicht mehr, weiß William Safire aus "No Place to Hide" (erstes Kapitel) von Robert O'Harrow Jr. und "Chatter" (erstes Kapitel) von Patrick Radden Keefe, die die ungenierte Zusammenarbeit von privaten Unternehmen und Regierungsorganisationen zwecks Erfassung mannigfaltiger Daten über jeden Bürger schildern. Und David Kamp genießt die vergnüglichen Erinnerungen der Gourmetkritikerin Ruth Reichl an die kulinarischen Boomjahre der Neunziger. Hier das erste Kapitel von "Garlic and Sapphires". Hier der erste Gang.

Im New York Times Magazine hält Deborah Solomon einen kurzen Plausch mit dem Schriftsteller Ha Jin, der glaubt, die politische Einflusslosigkeit seiner Kollegen in den USA liegt an ihrer Lehrtätigkeit in Kursen für "creative writing": "Sie treffen sich einfach nicht." Jon Gertner berichtet in der Titelgeschichte von einem Feldversuch, den Medien und Werber herbeisehnen wie fürchten. Durch unschuldig aussehende People Meter soll endlich herausgefunden werden, was Werbung wirklich bringt. Jamie Shreeve diskutiert den wissenschaftlichen Sinn und die ethische Vertretbarkeit der Chimären, die Forscher demnächst durch die Injektion von menschlichen Stammzellen in Tiere erschaffen wollen. Und Linda Greenhouse entlarvt den Schriftsteller Justice Harry Blackmun mit Hilfe jetzt veröffentlichter Tagebuchnotizen als doch nicht immer aufrechten Verfechter von Frauenrechten.

Magazinrundschau vom 05.04.2005 - New York Times

Es ist das New York Times Magazine, das in dieser Woche die Akzente setzt. In der komprimiert-verständlichen Art und Weise, wie sie vielleicht nur aus der Distanz möglich ist, porträtiert Christopher Caldwell nicht nur die niederländische Politikerin und Menschenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali als "Tochter der Aufklärung", sondern beschreibt auch die Unruhe, die Holland seit den Morden an Pim Fortuyn und Theo van Gogh ergriffen hat. Den Anfang macht eine eindrückliche Anekdote, die Ali in einer Brasserie nahe des Parlaments in Den Haag erlebt hatte. "Hirsi Ali saß mit dem Rücken zum Restaurant, als ihr ein Student, der offensichtlich zum Islam konvertiert war, an die Schulter tippte. 'Ich drehte mich herum', erinnert sie sich in ihrem eleganten Englisch, 'und sah diesen süßen, jungen holländischen Jungen, etwa 24 Jahre alt. Mit Pickeln! Und er sagte so etwas wie: Madam, ich hoffe die Mudschaheddin erwischen Sie und bringen Sie um.' Hirsi Ali reichte ihm ihr Messer und fragte: 'Warum machst Du es nicht selbst?'"

Als Einführung in den kleinen Japan-Schwerpunkt dieser Ausgabe stellt Arthur Lubow den Andy Warhol Japans vor, Takashi Murakami. Der ist nicht nur der bestbezahlte Gegenwartskünstler der Insel, sondern auch Kurator, Theoretiker, Designer, Geschäftsmann und natürlich eine Berühmtheit. Takashi macht fast nichts mehr selbst, er überwacht aber die Arbeit der Assistenten in seiner Kunstfabrik "Kaikaikiki" (im Webauftritt stellt er sich selbst recht bunt dar). Hier gibt es einige seiner Arbeiten zu sehen, die sich aus Mythen wie Mangas speisen. Dazu noch Fotos von einigen verlorenen Kindmädchen in Tokio oder Aufnahmen einiger Werke der aufstrebenden Modedesigner Japans.

In der New York Times Book Review gibt man sich recht selbstbezüglich diese Woche. So langsam beginnen die Literaten mit der Aufarbeitung des großen Traumas vom 11. September, und Jonathan Safran Foer macht mit "Extremely Loud and Incredibly Close" (erstes Kapitel), eine Geschichte um einen neunjährigen Erzähler, der seinen Vater in den einstürzenden Twin Towers verloren hat, einen vielbeachteten Anfang in Romanform. Walter Kirn zeigt sich zunächst unbeeindruckt von leeren Seiten, Videoeinlagen und anderen Aufmerksamkeitserhaschern. Die kühle Distanz schmilzt allerdings recht schnell. Aus Ärger. "Der Avantgarde-Werkzeugkasten, einst entwickelt, um etablierte Ansichten auseinanderzunehmen und durch rostige Haltungen zu schneiden, scheint nun der beste Weg zu sein, sie wieder herzustellen und aufzufrischen. Keine traditionelle Geschichte könnte die Banalität hervorbringen, die Foer neu abmischt, faltet, in Streifen schneidet in sieben verschiedene Umschläge steckt, um sie dann erstaunlicherwesie wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. Die Leser machen dann 'Ooh' und 'Aah' bei Bemerkungen, die sie vorher haben aufstöhnen lassen." Hier liest der geschmähte Autor selbst.

Tom LeClair feiert William T. Vollmanns Geschichtenband "Europe Central" rund um den Zweiten Weltkrieg in Europa als "riesiges, kulturübergreifendes Schaltbrett" das trotz einiger weniger falscher Verbindungen eine ebenso "virtuose" Historienerzählung wie konzentrierte Studie der Gewalt abgibt. Jernnifer Schuessler bewundert W. G. Sebald und dessen nachgelassenen Essay "Campo Santo" (erstes Kapitel): "Dieser großartige Schriftsteller mag abrupt von uns gegangen sein, aber sein Schatten wird bleiben." Hier die melancholischen Hymnen der deutschen Kollegen. In den weiteren Rezensionen bespricht Cynthia Ozick ein wenig gezwungen die Erinnerungen von Joseph Lelyveld, dem ehemaligen Chefredakteur der New York Times, und Walter Isaacson ehrt Stacy Schiffs Studie über Benjamin Franklins Jahre als Botschafter in Frankreich als wichtigste Ergänzung der Franklin-Forschung in den vergangenen Jahren.

Magazinrundschau vom 29.03.2005 - New York Times

Lawrence H. Summers, Präsident der nicht nur ruhmreichen Eliteuniversität Harvard, ist nicht gerade für sein diplomatisches Feingefühl bekannt, bemerkt Rachel Donadio süffisant. Seine Äußerungen zu Frauen in den Naturwissenschaften oder der Zwist mit einigen Professorenstars wie dem nun nach Princeton gewechselten Theologen Cornel West hält sie aber für eher nebensächlich. Es geht um mehr. "Diese Auseinandersetzungen sind trotz ihrer Heftigkeit nur Scharmützel in einer viel größeren Schlacht, die sich in Harvard und darüber hinaus abzeichnet. In mancherlei Hinsicht erinnert sie an die Campus-Unruhen der Sechziger. Allerdings sind die Protestierenden diesmal nicht die Studenten, sondern die Dozenten, die mehr oder weniger in den Werten und dem Glauben der Sechziger verankert sind und nun mit einem Präsidenten aneinandergeraten, der Harvard den heutigen politischen und ökonomischen Realitäten anpassen will." Vielen in der traditionell linksliberalen Universität ist Summers eindeutig zu staatsnah, zu "mainstream", wie Donadio einen Kommentator zitiert. "Summers hat die Zukunft der Vereinigten Staaten im Krieg gegen den Terrorismus ausdrücklich mit dem Erfolg von Harvard verknüpft."

Aus den Besprechungen: Pete Hamill genießt Kenneth D. Ackermans "exzellente" Biografie des politischen Strippenziehers William M. 'Boss' Tweed, der die Kunst der Korruption mit einer im 19. Jahrhundert noch unbekannten Dreistigkeit betrieb (erstes Kapitel). Dazu gibt es den dezent pikanten Nachruf von 1878 als Faksimile-pdf. Liesl Schillinger verweist zunächst auf den deutschen Neonazi-Aussteiger Ingo Hasselbach (mehr) und dessen Bewunderung für Ignatz Bubis, um zu zeigen, wie plausibel Francine Proses neuer Roman "A Changed Man" doch sei. Prose lässt einen amerikanischen Neonazi-Aussteiger sich mit einem jüdischen Menschenrechtler anfreunden (erstes Kapitel).

New York Times Magazine: Auf dem Land, in den am schnellsten wachsenden Gemeinden, den explodierenden Exurbs, ersetzt die Megachurch das Dorfzentrum, beobachtet Jonathan Mahler in einer großartigen Reportage aus Surprise, Arizona. Die Radiant-Gottesmall hat mit hiesigen Gotteshäusern nicht mehr viel zu tun. Zum einen kommen 5000 Menschen in die Wochenendmessen, die eher Glaubensevents sind. "Tatsächlich ist bei Radiant alles daraufhin entworfen, die Leute von anderen Wochenendzielen abzuhalten. Das Foyer besitzt fünf 50-Inch-Plasmafernseher, einen Buchladen und ein Cafe mit einem von Starbucks ausgebildeten Personal, das Espresso zubereitet. (Für diejenigen, die es eilig haben, gibt es einen Drive-Through-Schalter für Milchkaffee außerhalb des Hauptgebäudes.) Krispy Kreme Doughnuts gibt es bei jeder Messe. (Das jährliche Budget für Krispy Kreme liegt bei 16.000 Dollar.) Für Kinder stehen XBoxen bereit (alleine zehn für Fünft- und Sechstklässler). 'Das wollen die', sagt McFarland. 'Man kann entweder dagegen ankämpfen oder anerkennen, dass sie ein Werkzeug für Gott sind.'"

Siebzehn Jahre nach dem Ende des blutigen Kriegs mit dem Nachbarn Irak können sich die iranischen Machthaber endlich die Hände reiben, warnt der ehemalige Sicherheitsberater Richard A. Clarke. "Aus iranischer Perspektive war der Zweck des Krieges, die größte Bevölkerungsgruppe, die Schiiten, im Irak an die Macht zu bringen, Saddam Hussein zu stürzen, die heiligen Stätten der Schiiten zu schützen und möglicherweise die riesigen irakischen Ölvorkommen zu kontrollieren. Nun hat der Iran drei dieser vier Kriegsziele erreicht, dank 13.000 amerikanischer Gefallener und Abermilliarden amerikanischer Steuergelder."

Magazinrundschau vom 22.03.2005 - New York Times

In einem Essay beklagt Joe Queenan die Inflation der Ghostwriter. Niemand könne sich mehr sicher sein, ob er nun die Meinung des Prominenten oder des angeheuerten Schreiberlings lese. Der Basketballveteran Charles Barkley soll sich darüber beschwert haben, in seiner Autobiografie falsch zitiert worden zu sein. Und durch die ängstlichen, schüchternen, politisch korrekten Zweitautoren seien all diese Werke so unerträglich sauber. Keiner traue sich mehr wie Klaus Kinski in seinen Memoiren zu wüten: "Kein Außenstehender kann sich die Dummheit, Hysterie, das Autoritätsgehabe und die lähmende Langweile vorstellen, die bei einem Dreh für Billy Wilder vorherrscht."

Dass Flo Conway und Jim Siegelman mit ihrem Buch The Dark Hero of the Information Age den Erfinder der Kybernetik Nobert Wiener vor dem Vergessen bewahren wollen, hält Clive Thompson für angebracht. Richtig faszinierend aber findet er die Erkenntnis, wie eine Lebenskrise des zeitweilig mit Einstein auf gleicher Höhe verkehrenden Wiener auch seine Bedeutung für die Nachwelt zerstörte. Zoe Heller bewundert an Ian McEwans Roman "Saturday" (erstes Kapitel) nicht nur die "strukturelle Eleganz und Schlüssigkeit", sondern auch die "aristotelische Disziplin", mit der Mc Ewan die Handlung nur auf einen Samstag im Leben eines distinguierten britischen Neurochirurgen beschränke.

Neil Genzlinger erfährt aus zwei Büchern über Hollywood, die im Augenblick im Wochentakt herauszukommen scheinen, dass die Studios immer weniger Wert darauf legen, dass ein Film im Kino Erfolg hat: Denn dann wird er auch länger gezeigt, und das verzögert den Geldfluss aus dem mittlerweile zentralen DVD-Markt. (Hier das erste Kapitel von "Blockbuster" und hier von "The Big Picture".) Wenig überzeugt ist Jack Shafer vom Etikett "New New Journalism", das Robert S. Boynton einigen von ihm verehrten jungen Journalisten aufklebt. Allerdings, und das müsse man Boyntons Buch zugute halten, schreibt Shafer, bekommt man eine Ahnung davon, was und wer das Genre des literarischen Journalismus ausmacht.

Im New York Times Magazine berichtet Ben Neihart aus der Parallelwelt von Degrassi. Das ist eine 25 Jahre alte kanadische Endlosserie über Jugendliche, die aufgrund ihrer ungewohnten Offenheit in den USA Furore macht. Hier wird über Kondome gesprochen! Mittlerweile ist "Degrassi" ein eigener Kosmos geworden. "Die übriggebliebenen Schauspieler, die sich selbst 'Degrassi Classic' nennen, spielen nun Eltern oder beraten und unterrichten die neue Besetzung. Mit dem Recyceln von Charakteren und Schauspielern können nun Handlungsstränge über Jahrzehnte fortlaufen und damit erwachsene Anhänger mobilisiert werden, die sich an die früheren Ausgaben erinnert fühlen." Stacie Mistysyn hat einen Großteil ihres Lebens in der Serie verbracht. Mit zehn Jahren hat sie angefangen, mit 33 ist sie immer noch dabei.

Weiteres: Stephen J. Dubner stellt einen "Baby-Star" der Wissenschaft vor: Roland Fryer ist Ökonom, 27 Jahre alt, Professor ohne Lehrverpflichtung in Harvard und vor allem - schwarz. Er kann als "Betroffener" ungehemmt erforschen, wo die schwarzen Amerikaner etwas falsch machen. Alex Kotlowitz bringt eine Reportage über Ibrahim Parlak, einst beliebter Cafe-Besitzer in Michigan, nun ein Terrorist - zumindest in den Augen der Regierung. Und Deborah Solomon befragt Jeff Gannon, wie er als falscher Reporter unter falschem Namen zwei Jahre lang einen Zugang zu den Pressekonferenzen des Weißen Hauses bekam.

Magazinrundschau vom 15.03.2005 - New York Times

Einen überraschenden Auftritt in der Literaturbeilage hat der rührige Politikwissenschaftler Francis Fukuyama mit einem Essay über Max Webers "Protestantische Ethik" (hier Webers Text als RTF), die vor 100 Jahren erschienen ist. Die Moderne kommt laut Fukuyama auch ganz gut ohne Säkularisation und Rationalismus aus, die Weber noch als Kennzeichen der menschlichen Entwicklung ansah. Die Spitze des Fortschritts, die für Fukuyama immer noch in den USA zu Hause ist, sei vielmehr tief religiös. "Überraschenderweise trifft die Webersche Vision einer Moderne, die sich durch 'Spezialisten ohne Geist, sinnliche Menschen ohne Herz' auszeichnet, mehr auf das moderne Europa zu als auf das gegenwärtige Amerika. Heute ist Europa ein friedlicher, wohlhabender, durch die EU rational verwalteter Kontinent, der durch und durch säkular ist. Die Europäer benutzen vielleicht Begriffe wie 'Menschenrechte' und 'Menschenwürde', die in den christlichen Werten ihrer Zivilisation wurzeln, aber nur wenige könnten schlüssig erklären, warum sie immer noch daran glauben. Die Geister abgestorbenen Glaubens suchen Europa weitaus mehr heim als Amerika."

In einem Brief aus Peking verschafft uns Mike Meyer einen Überblick über den chaotischen, explodierenden und weltgrößten Buchmarkt. "Nach einem Jahrzehnt in China dachte ich, alles gesehen zu haben: Mord, Knast, Aliens, Rodeo. Aber nichts davon hat mich auf dieses Verlagswesen in der Hochpubertät vorbereitet." Das chinesische Buchgeschäft ist abenteuerlich. Eigentlich dürften nur die 568 staatseigenen Verlage ISBN-Nummern herausgeben und damit Titel herausbringen. "Aber wie in so vielen anderen Sektoren der chinesischen Wirtschaft hat sich unter den geschätzten 30.000 privaten Verlagshäusern ein eigener, inoffizieller Markt mit ISBN-Nummern gebildet. Sie firmieren als 'Kulturhaus' oder 'Buchverkäufer' und agieren wie Abpackbetriebe: sie suchen Titel, kaufen die Rechte und verkaufen sie an staatseigene Verlage, die eine ISBN-Nummer zur Verfügung stellen, gegen eine Gebühr von 1.250 bis 2.500 Dollar. Dann wird das Buch im Namen des Staates herausgegeben. Es ist ein offen illegales System und wird bis zu einem gewissen Punkt toleriert."

Aus den Besprechungen: Ohne Zögern überreicht Henry Alford zwei Hollywoodinsidern für ihre Romane aus dem Zentrum des Filmgeschäfts zwei neugeschaffene Auszeichnungen. Bruce Wagner erhält für "The Chrysanthemum Palace" (erstes Kapitel) den "Schulen-Komiker-Preis", Peter Lefcourt darf sich für "The Manhattan Beach Project" (erstes Kapitel) über den "Koyotenkot-Preis" freuen. Jonathan Ames liest Julian Fellowes' ersten Roman "Snobs" als Führer durch die aussterbende englische Oberschicht: "Ein gutes, kein großes Buch, aber mit vielen großartigen Passagen". Fellowes kennt sich in seinem Sujet aus, er hat das Drehbuch zu Gosford Park verfasst. Harold Evans hat dank Steve Frasers "gründlicher" Untersuchung zur kulturellen und pyschologischen Rolle der Wall Street im Werden der USA (erstes Kapitel) mehr über die Protagonisten des Geldflusses gelernt, ist aber froh, dass Fraser bescheiden bleibt und zur Entwicklung des Dow nur bemerkt: "Er wird fluktuieren."

Im New York Times Magazine versucht James Bennet herauszufinden, ob Mahmoud Abbas es schaffen wird, den Palästinensern zu einem eigenen Staat zu verhelfen. "Sein Stil ist nicht der eines charismatischen Führers, sondern der eines Unterhändlers, und sowohl Palästinenser als auch die Israelis argwöhnen, er sei zu weich. Er hat die oberflächliche Milde eines Unterhändlers, nicht die durchdringende Leidenschaft eines Politikers- vielleicht ein großer Nachteil für den Führer einer Freiheitsbewegung. Aber seine Milde sollte nicht als Unsicherheit missverstanden werden, so wie Arafats aufbrausende Art für Entscheidungsfreude gehalten wurde."

Außerdem stellt Roger Lowenstein die Ideen des Harvard-Ökonomen David Cutler vor, der die Misere des amerikanischen Gesundheitssystems unorthodox mit mehr statt weniger Geld lösen will. Er will Ärzte, die gute Arbeit abliefern, auch besser bezahlen. Langfristig nützt das Wirtschaft und Patienten, glaubt er.

Magazinrundschau vom 08.03.2005 - New York Times

Al Jazeera ist mit seinen 40 Millionen Zuschauern zur wichtigsten Stimme der arabischen Welt geworden, und wird seinem geplanten englischsprachigen Programm noch bedeutender werden, prophezeit die Reporterin Isabel Hilton, nachdem sie Hugh Miles' Porträt des TV-Senders aus Qatar gelesen hat (erstes Kapitel). Miles sympathisiert bisweilen zu deutlich mit Al Jazeera, findet Hilton. Doch habe der Autor in seiner "faszinierenden" Beschreibung auch einige interessante Geschichten auf Lager: Im Zusammenhang mit Al Qaida bat Colin Powell etwa den Emir von Qatar, Al Jazeera dazu zu bringen, ihre Berichterstattung einzuschränken. Er handelte sich eine Abfuhr ein. 'Ein parlamentarisches System braucht freie und glaubwürdige Medien', sagte er, 'und das versuchen wir zu erreichen.' In einer Region, die oft für ihre demokratische Rückständigkeit kritisiert wird, war das für die USA ein Schlag in den Nacken."

"Irgendwie hat sich das verständliche Gefühl der politischen Bedeutungslosigkeit unter Briten in den Bereich der hohen Künste fortgepflanzt", vermutet Benjamin Markovits. Seine Überlegungen fußen auf der monatelangen Diskussion in England, ob man den Man Booker Prize (die Finalisten sind ausgewählt) denn internationalisieren dürfe. "Tony Blair spielt die zweite Geige an der Seite von Bush, und daraus scheint zu folgen, dass Schriftsteller wie Ian McEwan und Martin Amis nicht nur gegen Bellow und Roth und Updike den Kürzeren zögen, sondern auch gegen Jonathan Franzen und David Foster Wallace. Folgt man diesem Gedankengang, bedeutete die Begrenzung des Booker-Preises auf den Commonwealth, auch dem kleineren Hund die Chance zum Bellen zu geben."

Weiteres: Franklin Foer weist in einem hintergrundreichen Text auf die wachsende Bedeutung des Föderalismus in den USA hin. Einzelne Staaten unterlaufen nationale Politik mit eigenen Gesetzen, etwa im Bereich der von Bush ungeliebten Stammzellenforschung. Weshalb die Demokraten ihr Heil verstärkt auf regionaler und lokaler Ebene versuchen, um damit die republikanische Gesetzgebung sozusagen in letzter Instanz zu verhindern. Und noch ein Buch: Keine Angst, Sarah Churchwells "The Many Lives of Marilyn Monroe" ist nicht einfach nur eine weitere Biografie, beruhigt A. O. Scott. Churchwell gehe es vielmehr um die Mechanismen, durch die MM (ihre Filme) vom unbekannten Model zum Mythos wurde. Und diese Beschreibung gelinge der Autorin trotz der "exzessiven Länge und des lausigen Aufbaus" ihres Buchs recht passabel.

Im New York Times Magazine stellt Daisann McLane den ehrenwerten Leung Kwok-hung vor, in Hongkong besser bekannt als Cheung Mo oder "Langes Haar". Leung Kwok-hung ist Abgeordneter im Stadtparlament und immer für einen spektakulären Auftritt bei Sitzungen gut, darin dem jungen Joschka Fischer offenbar nicht unähnlich. "In einem Meer von Anzügen und Krawatten war der 48-jährige 'Langes Haar' wie ein radikaler Student aus den Sechzigern gekleidet, mit einem ranzigen Tweedjackett über einer schwarzen Hose, die wieder und wieder mit einer Million winziger Stiche geflickt war. Unter dem Jackett trug er ein blaues Sweatshirt mit dem Gesicht seines Idols, ein ungewöhnlicher Held für einen chinesischen Politiker aus Hongkong: Che Guevara. Schließlich zeigte er mit einem Finger auf den Vorsitzenden und erklärte in einer lauten tiefen Stimme, die durch 30 Jahre Demonstrieren auf der Straße und Tausende von Zigaretten gezeichnet war: 'Sie! Mr. Tung! Sie sind nicht berufen und haben kein Recht, vor diesem Gremium zu sprechen. Wir sind von den Menschen Hongkongs gewählt. Sie sind es nicht.'"

Außerdem gibt es einen langen Auszug aus den Memoiren des Chefredakteurs Joseph Lelyveld, der recht farbig von seinen Anfängen bei der New York Times in den Sechzigern erzählt. Damals war er für das Wetter zuständig, dessen Prophezeiung ihm vor der Erfindung des Faxgeräts jeden Tag vom Wettermann im Battery Park in einem braunen Umschlag überreicht wurde. Richard A. Clarke fordert in der Debatte um die erweiterte Ausweispflicht für Menschen in sicherheitsrelevanten Branchen eine unabhängige Institution, die diese Daten, die bis zum Fingerabdruck reichen, verwalten. Ebenso irritiert wie bewundernd berichtet Rob Walker über die Ladenkette C28, die mit religiös verbrämter Mode Erfolg hat. Und Arthur Lubow besucht den gereiften Musiker Beck.

Magazinrundschau vom 01.03.2005 - New York Times

Jacob Heilbrunn untersucht die Verehrung, die amerikanische Neokonservative Winston Churchill entgegenbringen. Seinen bedingungslosen Kampf gegen Hitlerdeutschland hat Reagan ebenso bewundert wie jetzt Bush. Heilbrunn vermutet aber, dass Churchill zur Legitimation einer neuen Politik missbraucht wird. "Bushs ehemaliger Redenschreiber David Frum hat Churchill als großen Mann des 20. Jahrhunderts gepriesen und zugleich Roosevelt getadelt, weil er dem Nationalsozialismus wie dem Stalinismus nicht deutlich genug entgegengetreten ist. Indem sie Roosevelt zur Seite schieben und Churchill erhöhen, tun die Neokonservativen mehr, als an einen neokonservativen Helden der Vergangenheit zu erinnern. Sie erfinden vielmehr einen neue interventionalistische Tradition für die Republikaner, die über alles hinausgeht, was sich Churchill oder ein britischer Politiker je vorgestellt haben."

In einem Essay bricht der Autor Gore Vidal eine Lanze für den geschätzten Kollegen James Purdy, der aus seiner Rolle als Geächteter der amerikanischen Literatur wohl nicht mehr herauskommt. Zur Wertedebatte wird er nun wieder gelesen, Gerechtigkeit widerfährt ihm aber noch lange nicht. "'Schwule' Literatur, besonders von noch lebenden Schriftstellern, ist ein großer Friedhof, auf dem Autoren, die bis auf ihre angenommenen sexuellen Vorlieben völlig unterschiedlich sind, in einem Loch weit ab vom ausgetretenen Hauptweg der familiären Werte zusammengeschmissen werden. James Purdy, der eines Tages zusammen mit William Faulkner in die schattige Gotik-Ecke des Friedhofs der amerikanischen Literatur versetzt werden sollte, muss dagegen neben Fremden liegen."

Weitere Artikel: "Außergewöhnlich interessant" findet William T. Vollmann Philip Shorts Biografie (erstes Kapitel) über Pol Pot, den Anführer der Roten Khmer in Kambodscha. Gut, dass Tom Reiss sein Porträt des Schriftstellers Lev Nussibaum, der als Jude in Baku aufwuchs, als Araber posierte, 14 Bücher in vier Jahren schrieb (mehr) und schließlich im süditalienischen Positano starb, nicht als Roman verfasst hat, jubelt ein angeregter Geoffrey Wheatcroft. Diese Geschichte (erstes Kapitel) hätte ihm nämlich niemand abgenommen. Tom Bissell lässt die Charaktere seiner Kurzgeschichtensammlung "God Lives in St. Petersburg" (erstes Kapitel) durch Zentralasien irren. Pankaj Mishra reist gerne mit, denn Bissell hat in der Short Story sein Genre gefunden.

Im New York Times Magazine erzählt Roger Cohen in einer großen Reportage die Geschichte von 350 amerikanischen Kriegsgefangenen, die in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs ins KZ Berga, ein Außenlager von Buchenwald, geschickt wurden. Cohen besucht zwei Überlebende in Florida, die in ihren Träumen immer noch in Berga sind. In Deutschland, glaubt Cohen, möchten viele einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen. "Wenn sie auch nicht 'Genug' sagen, sie denken es. Schuld kann nicht vererbt werden wie ein Familienerbstück, auch wenn das Bewusstsein der Schuld ihrer Vorfahren nicht ausgelöscht werden kann. Sie beißen auf ihre Lippen, damit dieses Wort - 'Genug' - nicht ausgesprochen wird, wohlwissend dass, wenn sie ihr Kinn auch nur ein paar Zentimeter heben, jemand kommt und es wieder herunterdrücken wird. Aber ist es nicht verständlich, diesen Schlußstrich (deutsch im englischen Original) zu verlangen, wo die Nazitäter tot sind oder es bald sein werden? Es ist verständlich. Aber die Erinnerung ist nicht linear und Vernunft hat hier wenig zu sagen."

Deborah Solomon besucht Jonathan Safran Foer, dessen zweiter Roman "Extremely Loud and Incredibly Close" nach dem gefeierten "Alles ist erleuchtet" demnächst erscheint. Foer ist gerade 28 Jahre alt geworden. "Sein Büro besteht aus einem kleinen gemieteten Raum, der von seinem Zuhause aus zu Fuß zu erreichen ist. Das Zimmer ist spärlich eingerichtet, mit wenig mehr als einem langen Arbeitstisch, ein paar Bücherregalen von Ikea und einem überdimensionierten Hundebett, bestimmt für eine weibliche Kreatur namens George, offensichtlich eine Art Deutsche Dogge. Ein seltsames Objekt - die Bügelsäge eines Schreiners - hängt an einer ansonsten leeren Wand über dem Schreibtisch. ('Man weiß nie, wann man einen schlechten Tag hat', erklärt Foer). der Tür gegenüber befindet sich eine reizende Tuschezeichnung aus den 40ern, ein echtes Selbstporträt von Isaac Bashevis Singer, dessen Augen unter seinem ausgeprägten Schädel hervorblitzen. 'Sie sollten daraus nicht zu viel ableiten', meint Foer zu mir, nicht sehr überzeugend."

Außerdem spricht Solomon mit dem Brit-Art-Künstler Damien Hirst, der seinen neuen Hang zur Malerei erklärt. Allein wegen des ersten Bildes, ein in Zigarettenrauch eingehüllter Clint Eastwood, lohnt sich die Porträtserie der Lieblingsschauspieler der Redaktion.

Magazinrundschau vom 22.02.2005 - New York Times

Die New York Times Book Review druckt das Vorwort zu Halldor Laxness' Roman "Am Gletscher" ("Under the Glacier", Vintage International), das Susan Sontag einige Wochen vor ihrem Tod im vergangenen Dezember abgeschlossen hat. Darin schreitet sie die weitläufigen Grenzen des Genres ab. "Die lange Prosafiktion, die man Roman nennt, muss noch den Ruf abschütteln, eine Geschichte zu erzählen, die von Charakteren bevölkert ist, deren Möglichkeiten und Schicksäle aus dem gewöhnlichen, sogenannten realen Leben herrühren. Erzählungen, die von dieser künstlichen Norm abweichen, beziehen ihre Tradition aus Wurzeln älter als das 19. Jahrhundert, aber sie wirken auch heute noch ultraliterarisch oder bizarr. Um zu verdeutlichen, dass sie vom Stammterritorium des Romans weit abgelegene Gebiete besiedeln, werden spezielle Etiketten beschworen. Science fiction. Saga, Fabel, Allegorie. Philosophischer Roman. Traumroman. Visionärer Roman. Fantasyliteratur. Weisheitsliteratur. Bluff. Sexuell anregend ... Der einzige mir bekannte Roman, der in all diese Kategorien passt, ist Halldor Laxness' auf eine wilde Art origineller, mürrischer, tobender 'Under the Glacier'."

Weitere Besprechungen: Nicht halb so gut wie Betty Friedan's Vorbild 'Feminine Mystique' findet Judith Shulevitz die mit "Perfect Madness" betitelte Polemik gegen das amerikanische Mutterbild von Judith Warner (erstes Kapitel). Aber in einem Punkt habe Warner recht: Wahrscheinlich werde im Perfektionsdrang der Mütter im Kleinen das Versagen einer großen Gesellschaftsutopie deutlich. Wenig Neues entdeckt Ishmael Reed dagegen in den zweiten Memoiren von Soullegende James Brown. Owen Gingerich findet Simon Singhs turbulente Geschichte (erstes Kapitel) der wissenschaftlichen Erforschung der kosmischen Gesetze zu logisch und stringent erzählt. Maggie Galehouse stellt konzentriert einige neue Kurgeschichtenbände vor. Und in einem kleinen Essay untersucht Ben Yagoda schließlich recht kurzweilig die Renaissance des epischen Untertitels.

Der Asienkenner und Journalist Ian Buruma teilt im New York Times Magazine seine Erfahrungen als Dozent für jüngere japanische Geschichte im Hochsicherheitsgefängnis "Happy Nap" unweit von New York. Statt mit Gesprächen über Schwertkampffilme überraschten ihn die Häftlinge, die ihr Material oft auswendig konnten, mit differenzierten Fragen: über die wirtschaftlichen Hintergründe der Opiumkriege in China, die kriminellen Machenschaften arbeitsloser Samurai, den Einfluss japanischer Kultur auf westliche Ideen. Einer der schwarzen Muslime, ein harter New Yorker, erwähnte Alexis de Tocqueville im Zusammenhang mit der Meiji Restauration."

In der Titelreportage besucht Nir Rosen den Schmelztiegel Kirkuk im Nordirak, wo sich langsam aber sicher die politische Zukunft der Region abzeichnet. Ein eigener kurdischer Staat scheint nur noch eine Frage der Zeit. Jim Holt polemisiert ein wenig gegen die Kreationisten, die in der Natur ein intelligentes, also göttliches Design erblicken wollen. Eine Stilbeilage widmet sich der Frage, was Frau im sehnlichst erwarteten Frühjahr tragen soll.

Magazinrundschau vom 15.02.2005 - New York Times

"Von innen heraus kompliziert Christopher de Bellaigue eine Welt, die zu viele von uns nur mit turbanbewehrten Ayatollahs und Slogans wie 'Tod den Amerikanern' identifizieren." Der Reiseschriftsteller Pico Iyer preist Bellaigues differenzierte Betrachtungen des Iran als Buch zur rechten Zeit. "Die Methode von 'In the Rose Garden of the Martyrs' (erstes Kapitel) ist es, auf eine Handvoll von Personen zu zoomen, deren Einzelfälle eine volksnähere Variante (und eine Fortsetzung) von Ryszard Kapuscinskis klassischem Porträt eines prärevolutionären Iran 'Shah of Shahs' bilden. Wir sehen Loyalisten, die für die Revolution gekämpft haben und nun meist dagegen kämpfen; Witwen in der heiligen Stadt von Qom, die sich an Mullahs heranmachen und sagen 'Entschuldigen Sie, mein Herr, wären Sie an einer guten Tat interessiert?' (wohlwissend, dass die religiösen Führer mehr als gewillt sind, für die gute Tat zu bezahlen); die Ledernacken, Schläger vom Basar, deren Namen Bellaigue als 'Kakerlake Asghar', 'Großspuriger Muhammad' oder 'Schädelkocher Mehdi' überträgt. Die Resultate sind, wie es sich für diese legendär geschmeidige und hochentwickelte Kultur gehört, selten das, was wir erwarten." Bellaigue hat übrigens schon vorige Woche im Konkurrenzblatt ein paar seiner Beobachtungen im Iran vorgestellt.

"Genauso mag ich meine Historiker", gluckst Rezensent Teller, selbst Magier, zu Peter Lamonts humorvoller Betrachtung (erstes Kapitel) des indischen Fakirtricks vom schwebenden Seil, der auf einer journalistischen Fälschung basiert. Joe Klein feiert Thomas Kellys historischen Roman "Empire Rising", der um den Bau des Empire State Buildings in den 30er Jahren angesiedelt ist, als eine Ode an das illegale "Schmiermittel", ohne das eine Stadt wie New York nicht funktionieren würde (erstes Kapitel). A. J. Jacobs erklärt außerdem in dringlichem, aber amüsanten Ton, dass er die schlechteste Besprechung in der 154-jährigen Geschichte der New York Times Book Review nicht verdient hat.

Nach ihrer Begegnung mit dem syrischen Schriftsteller, Vermittler und Liberalen Ammar Abdulhamid, der nach seiner Rückkehr zwar verhört, aber nicht verhaftet wurde, sieht Lee Smith im New York Times Magazine zarte Andeutungen eines Tauwetters in der arabischen Welt. Die Amerikaner wollen aber nicht zu viele Hoffnungen auf diese moderaten Stimmen setzen. "'Wir schätzen die Liberalen als authentische Rufe nach einem Wandel im Mittleren Osten', meint Jon Alterman vom Washingtoner Zentrum für Strategische und Internationale Studien. 'Was wir aber nicht hören ist der Akzent, den diese Leute auch im Arabischen haben.' Anders gesagt sind die Liberalen zu westlich, um einen Einfluss auf die arabischen Massen zu haben."

Weitere Artikel: John Hodgman besucht David Lindsay-Abaire, einen jungen Dramatiker, der sich gerade an nicht weniger als vier großen Musicals versucht, darunter so große Nummern wie Shrek und Betty Boop. "Obwohl seine Stücke den wuseligen Vorwärtsdrang und die ausgeklügelte Struktur der Screwball Comedy besitzen, sind sie ebenso begeistert vom Grotesken: eine unflätige Puppe; ein mysteriöses, lispelndes Brandopfer; ein Mann, der glaubt, er werde von den Figuren auf seiner Tapete besessen; ein anderer, der auf Köpfe von Barbiepuppen fixiert ist." Außerdem gibt es eine Auswahl der Bilder von Jochen und Harf Zimmermann, die Dresden aus den gleichen Perspektiven fotografiert haben, kurz nach dem Bombenangriff vom 13. Februar 1945 und knapp sechzig Jahre später.

Magazinrundschau vom 08.02.2005 - New York Times

Mit Genuss hat der irische Schriftsteller Colm Toibin Christopher Hitchens Essaysammlung "Love, Poverty and War" gelesen, die er als "interessantes und abwechslungsreiches Schaufenster" der Arbeit des Polemikers, Reporters und Literaturkritikers preist. Die Literatur nimmt mit der Zeit zwar einem immer größeren Stellenwert ein, trotzdem kann Hitchens nicht aus seiner polarisierenden Haut, wie Toibin zufrieden feststellt. "Wie alle Polemiker ist Hitchens am glücklichsten, wenn er einen Feind hat und am unglücklichsten wenn er zufrieden ist. Folgerichtig ist das schwächste Stück der Bericht über die Reise entlang der Route 66, die er offensichtlich genoss, obwohl er rosa Socken trug. Wenn er weder gemein noch glücklich ist, schreibt er genauso gut wie George Orwell. Sein Zeugnis einer Hinrichtung eines Mannes mit der Giftspritze, der an einem Post-Vietnam Trauma litt, ist ein brillantes, eisiges Stück. 'Die medizinische Schlachtung eines hilflosen und verrückten Verlierers, Nachfahre von Sklaven und ausrangierter Legionär des Empires, hat weder die Gesellschaft noch irgendjemanden sicherer gemacht. Und eine moralische Schuld wurde auch nicht getilgt.'" Hier ein Auszug.

In bester buddhistischer Tradition beschäftigt sich Pankaj Mishra in seiner intellektuellen Biografie "An End to Suffering" (erstes Kapitel) mit Siddhartha Gautama, den er als weltlichen Pragmatiker beschreibt. Adam Goodheart zeigt sich von dieser frischen Perspektive recht angetan. "Buddha war kein Prophet - keine religiöse Figur, sondern eine säkulare. Er ignorierte die Frage nach der Existenz von Gut und Böse, die nahezu jede größere Religion heimgesucht hat. Sein Anliegen war ein praktisches: das Leiden zu lindern, sowohl in materieller als auch existenzieller Hinsicht. Seine Gebote kamen nicht als von himmlischem Donner begleitete Enthüllungen, sondern als kleine anekdotenreiche Einsichten: 'Ich erinnere mich noch gut, als ich im Schatten eines Jambu-Baumes saß, an einem Weg zwischen den Feldern...'"

Weiteres: Haruki Murakamis neuer Roman "Kafka on the Shore" ist eine "sehr alte Geschichte" des Schicksals in zeitgemäßen Kulissen, meint Laura Miller, die wenig überrascht ist, aber wie gewohnt der "nahezu unwiderstehlichen Tiefenströmung" des japanischen Bestsellerautors erliegt (hier beginnt sie). Julia Reed vergibt Mireille Guiliano ihre patriotische Hymne auf den angeborenene Chic und die Eleganz der französischen Frau ("French Women Don't Get Fat"), denn sie hat ja recht (ein Auszug). Noah Feldman weist auf einige neue Bücher zum konfliktreichen Verhältnis zwischen Islam und westlichen Ideen hin. Und Rachel Donadio entdeckt in den studentischen Verissen von Tom Wolfes Campusroman "I Am Charlotte Simmons" trotz aller Kritik eine Verbeugung vor Wolfes Scharfblick.

Im New York Times Magazine fährt Michael Kimmelmann in die Wüste und porträtiert den recht exzentrischen Land-Art-Künstlercowboy Michael Heizer, dessen Lebenswerk, die enorme Skulptur "45º, 90º, 180º/City" in der Ödnis von Nevada jetzt durch die geplante Bahnstrecke zum atomaren Endlager bei Yucca Mountain bedroht ist. "Dies ist eine Geschichte über einen Mann, seinen Traum und eine Eisenbahn. Alles in ihr hat Übergröße, die Landschaft eingeschlossen. Andererseits ist es auch eine vertraute Westernsaga, in der ein grüblerischer, entschlossener Einzelgänger gegen das große, böse Washington kämpft. Nur dass in diesem Fall die Persönlichkeit des Helden mindestens so radioaktiv ist wie der Zug, der auf ihn zurast." Hier eine Multimedia-Einführung zu Heizer. Kimmelmann kennt den Künstler und sein Werk schon länger.