Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 21.06.2005 - New York Times

Die rapide Entwicklung der Stadt von 1860 bis 1920 lässt sich direkt an der Sprache der Romane ablesen, behauptet Robert Alter in seinem schmalen Buch "Imagined Cities". Jed Perl zumindest ist nach der Lektüre überzeugt, dass es ohne Städte keinen Flaubert, Dickens oder Kafka gegeben hätte. "Nur die Metropolis konnte ebenso exaltiert groteske wie unglaublich karge Bilder heraufbeschwören. In Kafkas "Prozeß" sieht Alter den verwirrenden Lärm, das Durcheinander und die unüberschaubare Unordnung der städtischen Szenerie als ein 'äußeres Spiegelbild der moralischen und spirituellen Unordnung' im Innern von K.'. Die Leere der Stadt, von ein paar eindrücklichen Bildern durchbrochen - Schemen hinter einem Fenster, Geräusche aus einem Betrieb - beschwören eine innere Landschaft herauf."

Garry Trudeau leidet zum Glück nicht am "Woody-Allen-Syndrom", schreibt Kurt Andersen in seiner Besprechung von Trudeaus fein austariertem Comicband über Einsatz und Verwundung eines Soldaten im Irak-Krieg. "Weder an Phase 1 (verzweifelt versuchen, ernst zu sein) noch Phase 2 (die Fähigkeit verlieren, lustig zu sein). Diese Geschichte von Krieg und Amputation und Depression und physischer Therapie kann sogar lustig, ja vielleicht noch überraschender, frei von jedem Antikriegs-Argument sein."

Weitere Besprechungen: Phoenixgleich lässt John Crowley mit "Lord Byron's Novel" (erstes Kapitel) den legendären letzten Roman Lord Byrons aus der Asche der Geschichte (Byron hat das Manuskript nach eigenen Aussagen verbrannt, weil es sich zu sehr der Realität annäherte) wieder auferstehen, notiert Christopher Benfey, der die Mischung aus "gotischer Extravaganz" und "pikaresker Abenteuergeschichte" allerdings für gewöhnungsbedürftig hält. Ethisches Verhalten wird durch die Gesellschaft und ihre Kultur bedingt und nicht durch die Gene, erfährt Sally Satel aus der Schrift "The Ethical Brain" (erstes Kapitel) des Neurowissenschaftlers Michael S. Gazzaniga.

In den USA wird die Schwulenehe zwar zunehmend von den Gerichten akzeptiert, aber noch lange nicht von der Bevölkerung und der Politik, berichtet Russell Shorto, der sich für das New York Times Magazine bei der rechtsreligiösen Arlington Group umgesehen hat, die mit ihrem Marriage Amendment Project professionell und dezidiert gegen allzu Liberales vorgeht.

Außerdem: Guy Trebay widmet sich dem Phänomen des martialisch-clownesk anmutenden "Krump-Tanzens" (mehr), das im südlichen L.A unter den Jugendlichen der ärmeren Viertel Furore macht. Anlass ist wohl David LaChapelles Filmdokumentation "Rize". Richard A. Clarke befürchtet, dass die amerikanische Freiwilligenarmee der USA der Menge an globalen Konflikten auf Dauer nicht gewachsen ist. Im Kurzgespräch mit Deborah Solomon spricht sich der oberste Gesundheitswächter Richard Carmona für die Stammzellenforschung aus.

Magazinrundschau vom 14.06.2005 - New York Times

Orhan Pamuks (noch nicht auf Deutsch erschienene) Erinnerungen von "Istanbul" enden für Christopher de Bellaigue viel zu früh. Er hätte in seiner Besprechung gerne gewusst, was der Schriftsteller von der aktuellen Annäherung an Europa hält (Wir empfehlen ihm ein aktuelles Interview auf unserer englischsprachigen Schwesterseite). "Für viele säkulare Türken hat das Wort 'Nachahmung' einen unguten Klang. Natürlich schäumen sie, wenn es heißt, ihr Streben nach einer europäischen Identität sei Nachäfferei. Pamuk ist eine Ausnahme, ein säkularer Türke, der zu integer ist, die Authentizität in einer derart gekünstelten nationalen Mission zu suchen - die er exemplarisch in seinem Elternhaus besichtigen kann, wo das Klavier unberührt da steht, das Porzellan nur zur Show vorhanden ist und der Art Nouveau-Wandschirm nichts zu verbergen hat. Wieder wendet er sich auf der Suche nach Sinn den heruntergekommenen Außenbezirken Istanbuls und dem Fotografen Ara Guler zu, dessen Bilder Istanbul illustrieren und der Pamuks Faszination für Verfall und für Schnee teilt."

Weitere Artikel: In einem Essay skizziert Lila Azam Zanganeh die Entwicklung der frühen französischsprachigen afrikanischen Literatur, die - natürlich - in Paris ihren Ausgang genommen hat. James Shapiro preist die gesammelten Essays des Literaturkritikers John Bayley, der Lesen immer für eine Talentsache gehalten hat. "Alleine was Bayley über Philip Larkin und Isaac Babel zu sagen hat, und besonders sein unvergessliches Stück über Paul Celan rechtfertigt den Preis dieses Buches". Niall Ferguson stellt zwei neue Bücher über Stalin vor, in denen untersucht wird, warum das Unternehmen Barbarossa die Sowjetunion trotz eindeutiger Agentenberichte so überrascht hat. Der Aufmacher ist John F. Harris' Biografie "The Survivor" gewidmet, in der Bill Clinton laut Alan Ehrenhalt hart aber fair behandelt wird. Fürs europäische Ego kränkend kurz besprochen werden Umberto Ecos "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana", das Thomas Mallon überdies zu hermetisch findet, und Nick Hornbys "A Long Way Down", das Chris Heath immerhin als "spielerisch" klassifiziert.

Brauchen wir die Folter, fragt sich Joseph Lelyveld in einem langen Essay im New York Times Magazine. In Anbetracht der Tatsache, dass ein Verbot in Krisenzeiten offensichtlich illusorisch ist, tendiert Lelyveld zur "Folter light" mit strengen gesetzlichen Auflagen. Die könnte so aussehen, wie es etwa bei einem libyschen Agenten in den Achtzigern funktioniert hat. "Alles was es brauchte war die vollständige, schrittweise Dekonstruktion des Weltbilds, das der Gefangene hatte. Dazu wurde ihm in unvorhersagbaren Abständen ein Blick in arabische Zeitungen gewährt, die von Unruhen und irgendwann einer Revolte in Tripolis berichteten, um schließlich auf der Titelseite den Tod Ghaddafis und den Kollaps des Regimes anzuzeigen. Der Gefangene konnte nicht wissen, dass die Zeitungen von der CIA nur für ihn gedruckt wurden. Also zog er die gewünschte Schlussfolgerung, dass er niemandem mehr Gefolgschaft schuldete außer seinem freundlichen Vernehmungsbeamten. Von Anfang bis Ende zog sich die Befragung ein knappes Jahr hin, wie mir erzählt wurde."

Deborah Solomon erfährt im Interview vom Maler Ed Ruscha, der die USA auf der Biennale in Venedig vertritt (im Gegensatz zu den afghanischen Kollegen aber leider nicht im Netz vertreten ist), wie Autos die amerikanische Kunst beeinflusst haben. Und Jon Gertner zweifelt, ob die Erfindung eines gesunden Zigarettenfilters so positiv ist.

Magazinrundschau vom 07.06.2005 - New York Times

Deborah Friedell zweifelt an der Aussagekraft von Statistiken mit den häufigsten Wörtern eines Titels, deren neueste vollautomatische Version Amazon mittlerweile bereithält (hier ein Beispiel). "So ein Protokoll zu lesen heißt eine Welt zu betreten, in der alle aufgenommenen Wörter gleich gewichtet sind, jedes bekommt genau einen Eintrag. Während Amazons Übereinstimmungsliste uns die Häufigkeit der Wörter 'Tag' und 'soll' bei Whitman zeigt, schaffen es 'enthalten' und 'Mengen' nicht in die Top 100. Genausowenig wie 'sein' bei Hamlet oder 'verdammt' in 'Vom Winde verweht'. Die Kraft dieser Wörter bleibt selbst von den stärksten Computern unentdeckt."

Weitere Artikel: Barry Gewen beschreibt überzeugend, wie sich die historische Lesart des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs schon immer den aktuellen Bedürfnissen der Gesellschaft angepasst hat. Die aktuellen Veröffentlichungen betonen nun die globalen Dimensionen von 1776. Randy Kennedy macht auf die gern verschwiegene Praxis des Buchhandels aufmerksam, die prominente Platzierung eines Bandes nicht von dessen Qualität oder dem Geschmack des Händlers, sondern allein von den finanziellen Zuwendungen der Verlage abhängig zu machen.

Außerdem bespricht George Johnson zwei Bücher, die sich mit den höchst menschlichen Fehden der Astrophysiker über die Herkunft und Beschaffenheit des ewigen Alls beschäftigen. Und die Sommerbücher des Jahres werden vorgestellt, und zwar in den Bereichen Reise, Kochen, Garten und in Form einiger sommerspezifischer Romane. Schließlich ist mittlerweile die literarische Karte Manhattans abrufbar.

Im New York Times Magazine geht es ums Geld. Joseph Nocera versucht vom erfolgreichen Hedge-Fonds-Manager Cliff Asness zu erfahren, wie man Risiko und Ertrag am besten ausbalanciert. Stephen Metcalf stellt jene vor, die in diesen unsicheren Zeiten am meisten verdienen. Gary Rivlin wittert eine Neuauflage des Silicon-Valley-Booms. Außerdem gibt es einen Cartoon zum Rosenkrieg bei Morgan Stanley.

Magazinrundschau vom 31.05.2005 - New York Times

Dass The Nation 140 Jahre lang überlebt hat, ist Besessenen wie Victor S. Navasky zu verdanken, der nun seine Memoiren über die Zeit als Herausgeber des ruhmreichen linksliberalen Meinungsblattes veröffentlicht hat (erstes Kapitel). Thomas Powers ist ganz befeuert von solch journalistischer Hingabe. "Sein Bericht über die täglichen Hindernisse ist wunderbar vollständig, eine Art Anleitung, so detailliert wie eine Bezirks-Straßenkarte, über die praktischen, politischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Herausforderungen, die auf jeden zukommen, der ein geldvernichtendes Magazin betreibt. Dazu gehört, Männer mit Millionen zu überzeugen, eine Kanzel bereitzustellen für ein kritzelndes Lumpenpack, das sich über alles aufregt, während man gleichzeitig die oft provozierten Mäzene irgendwie dazu bringen muss, sich auf ihre Zungen zu beißen." William F. Buckley Jr., Navaskys berühmtes Gegenstück von der konservativen National Review, antwortet auf Renditefragen in ähnlicher Manier. "Sie erwarten doch von der Kirche auch nicht, dass sie Profit macht."

In den höchsten Tönen lobt Toni Bentley Lyndall Gordons "Vindication" (erstes Kapitel), ein Porträt der Frauenrechtler-Ikone Mary Wollstonecraft: wegen der Eleganz, Klarheit und der vielen neuen Erkenntnisse. Sehr überzeugend beschreibt Reza Aslan in "No God but God" (erstes Kapitel) die innerislamische Auseinandersetzung über die zukünftige Marschrichtung der Umma, meint Max Rodenbeck. Der Westen sei Zeuge eines Konflikts, den er nicht beeinflussen könne, von dem aber nichtsdestotrotz die Zukunft eines Großteils der Welt abhänge. Adrian Nicole LeBlanc empfiehlt "Without Apology" (erstes Kapitel), Leah Hager Cohens Porträts von vier Boxerinnen, jedem, der mehr über Kampfesmut in jeder Hinsicht erfahren möchte.

Poker hat in den USA eine erstaunliche Renaissance erlebt, seit das Spiel im Fernsehen als perfektes Drama inszeniert wird. Im New York Times Magazine stellt Pat Jordan Daniel Negreanu vor, der vor kurzem zum besten Spieler der Welt gekürt wurde, dem seine Mutter aber immer noch ein Lunchpaket ins Casino mitgibt. "Mehr noch als Negreanus Wissen und erhebliche Intelligenz ist es die Aggressivität, die ihn zu einem wirklich Großen macht - manche nennen es auch Skrupellosigkeit. Einmal bluffte er seine eigene Freundin, ebenfalls eine professionelle Spielerin, aus einem großen Spiel. 'Ich habe mit gar nichts gesetzt, und sie hat zurückgezogen. Um noch ein wenig Salz in die Wunde zu streuen, hab ich ihr meine Karten gezeigt. Sie stürmte ins Bad, und wir konnten hören, wie sie Türen schlug, schrie und Sachen zerschmetterte. Als sie wieder herauskam, trat sie mir vors Schienbein und sagte, ich soll ein Taxi nach Hause nehmen.' Sie ist nicht mehr seine Freundin."

John Bowe geht der Frage nach, warum die meisten Hotel- und Barmusiker von den Philippinen kommen. 120.000 sollen über die Welt verstreut tätig sein. Und Cynthia Gorney porträtiert Tracy Della Vecchia, die Mütter vernetzt, deren Kinder im Irak für Bush und die USA kämpfen.

Magazinrundschau vom 24.05.2005 - New York Times

Mit Verve verreißt Christopher Hitchens den "Johns Hopkins Guide to Literary Theory and Criticism", den er als Symbol einer elitär-verschwurbelten Sprachwissenschaft geißelt, die zuviel Foucault und Derrida gelesen hat. "Die Franzosen haben einen Ausdruck für diese Sorte Prosa: la langue de bois, die hölzerne Zunge, mit der nicht Nützliches oder Erhellendes gesagt werden kann, die aber mannigfaltige Entschuldigungen für das Beliebige und Unehrliche bietet."

Weitere Artikel: In einem kurzen Essay enttarnt Jeff Shesol die Legendenbildung, die um Ronald Reagan betrieben wird, als Mittel, um ganz aktuelle Ziele zu rechtfertigen. Geoff Nicholson musste bei Caleb Carrs hochoffiziell genehmigtem und sehr ernst gemeintem neuen Sherlock-Holmes-Abenteuer "The Italian Secretary" trotz allem an die Simpsons denken. Grausam und doch blutleer kommt Chuck Palahniuks neuer Roman "Haunted" daher, seufzt Tom Shone, der den Gothic-Erneuerer und "Fight Club"-Autor Palahniuk bisher mit Interesse verfolgt hat. 75 Millionen Fans soll die Autorennserie Nascar in den USA schon haben, staunt Jonathan Miles, der aus diesem Anlass zwei der wenigen literarischen Annäherungen an die Welt der Im-Kreis-Raser vorstellt.

Christopher Caldwell sorgt sich im New York Times Magazine um die britischen Freiheitsrechte: Auf der Grundlage von anti-social behavior orders können dort erstaunliche Eingriffe in das Privatleben unliebsamer Bürger vorgenommen werden. "Es gibt eine steigende Tendenz, Leuten genau das zu verbieten, was sie früher nach dem Motto 'Es ist ein freies Land' getan haben", wie zum Beispiel laute Musik hören, Graffitis malen oder betteln. "Man muss die Übertretung nicht einmal selbst begehen. Es wurde vorgeschlagen, Hundebesitzer für einen widerspenstigen Hund zu bestrafen und Eltern für das Schuleschwänzen oder Vergehen ihrer Kinder. Die Dinge verkomplizierten sich noch letztes Jahr, als Aktivisten das House of Lords beinahe überzeugt hätten, Eltern zu verbieten, ihren Kindern eins auf den Hintern geben. Es muss den fassungslosen Eltern so vorkommen, als würden sie bald in jedem Fall strafrechtlich verantwortlich gemacht, mal weil sie ihre Kinder disziplinieren, mal weil sie es nicht tun."

Weiteres: Michael Sokolove porträtiert in der Titelreportage Senator Rick Santorum, den nach George Bush wichtigsten religiösen Politiker der USA. Der 47-jährige Santorum gilt mittlerweile als einflussreicher Impulsgeber der republikanischen Partei. Und Alex Witchel bewundert die Autorin und Produzentengattin Gigi Levangie Grazer, die nicht nur reich, sondern auch geistreich zu sein scheint.

Magazinrundschau vom 17.05.2005 - New York Times

Mark Lilla, Professor für Social Thought an der Universität von Chicago, bemerkt in einem zeitlich weit ausholenden Essay, dass die zivilisierende Wirkung der Demokratie auf die Religion, wie sie sich die amerikanischen Staatsgründer ausmalten, nun eine Grenze erreicht habe. "Die führenden Denker der britischen und amerikanischen Aufklärung hofften, dass das Leben in einer demokratischen Ordnung die Christen von einer im Glauben begründeten Realität zu einem realitätsbegründeten Glauben bringen würde. Amerikas Religion entwickelt sich heute in die entgegengesetzte Richtung, zurück zum ekstatischen, buchstabengetreuen und gutgläubigen Geist der Great Awakenings. Die benunruhigendsten Auswirkungen sind nicht politischer Art, noch nicht. Sie spielen sich auf kultureller Ebene ab. Die Faszination für die 'Endzeit', der Glaube an persönliche (und eigennützige) Wunder, die Ignoranz gegenüber elementarer Wissenschaft und Geschichtsschreibung, die Dämonisierung der populären Kultur, die Zensur von Schulbüchern, die abweichenden Ziele der Heim-Schul-Bewegung - alle diese Entwicklungen sind auf lange Sicht hin verstörender als ein paar Sitze weniger im Kongress."

Aus den Besprechungen: Für einen "Triumph der Beobachtung" hält Steve Erickson Hector Tobars Studie "Translation Nation". In einer Mischung aus Alexis de Toquevilles "Democracy in America" und Che Guevaras "Motorcycle Diaries" erzähle Tobar, wie die lateinamerikanischen Einwanderer allmählich das Gesicht der Vereinigten Staaten veränderten. Als angenehm bescheiden würdigt William Deresiewicz die Memoiren "If This be Treason" des Übersetzers Gregory Rabassa, dem einige lateinamerikanische Autoren wie Miguel Angel Asturias, Gabriel Garcia Marquez, Julio Cortazar, Mario Vargas Llosa, Jorge Amado und Antonio Lobo Antunes ihren erfolgreichen Eintritt in die englische Welt verdanken. Wenn Crack Dealer so viel verdienen, warum wohnen sie immer noch bei ihrer Mutter?" Interessante Fragen, die der Ökonom Steven D. Levitt in "Freakonomics" (erstes Kapitel) beantwortet. Und das "unterhaltsalm" und "lehrreich", wie ihm ein von so viel interdisziplinärer Chuzpe sichtlich begeisterter Jim Holt bescheinigt.

Im New York Times Magazine, einer Architektur-Ausgabe, wird die bevorstehende Historisierung der Moderne behandelt. Nicolai Ouroussoff sorgt sich um das architektonische Gedächtnis Moskaus. Bauwerke der russischen Avantagarde und der Stalinzeit werden in rekordverdächtigem Tempo abgerissen, meist um gleich darauf in einer gefälligeren Fassung wiederaufzuerstehen. "Das Hotel Moskau, gebaut zwischen 1934 und 1936, auf der Höhe der Schauprozesse Stalins, zählte nicht zu den besten Werken Schtschussews. Trotzdem belegte es einen bedeutenden Platz in der Stadtgeschichte. Seine brütende, vage moderne Form, verbrämt mit klassischen Referenzen, Schmucksäulen und Kasettendecken, weist auf die inneren Kämpfe hin, die die sowjetischen Architekten ausfochten, um Stalins ästhetischen Launen zu genügen.(Die berühmten ungleichen Türme des Hotels gehen laut Gerücht auf einen Flüchtigkeitsfehler in Stalins Notizen zurück, der ihn dazu brachte, zwei rivalisierende Entwürfe zu genehmigen.)"

Weiteres: Michael Kimmelmann porträtiert Oscar Niemeyer, deutsches Urgestein der Moderne und Erbauer von Brasilia. Pilar Viladas beschreibt, wie der Sotheby-Angestellte James Zemaitis das Interesse für Möbel des 20. Jahrhunderts steigerte, und damit nebenbei deren Wert. Matt Steinglass erzählt, was der Architekt Vann Molyvann für Phnom Penh, die Hauptstadt des unabhängigen Kambodscha plante. Bis dann die Roten Khmer kamen.

Magazinrundschau vom 10.05.2005 - New York Times

Elmore Leonards Bücher sind "gnadenlos effiziente Unterhaltungsmaschinen", konstatiert Charles McGrath. In Leonards neuem Roman über "The Hot Kid" Carlos Webster und seinen Aufstieg zur Ikone der Polizei entdeckt McGrath aber so etwas wie eine Ethik des Geschichtenerzählens. "Über die Jahre hat er sein an Hemingway geschultes Ideal eines klaren, einfachen und direkten, ja nahezu transparenten Stils perfektioniert, frei von auktorialen Fingerabdrücken." Nun hat der Rezensent den Eindruck, dass Leonard, der auf die achtzig zugeht, damit beginnt, "seine Berufung zu hinterfragen".

Weitere Artikel: Der wahre Zusammenprall der Kulturen ereignet sich zwischen denjenigen, die an das Unbewusste glauben, also die Religion als Illusion auffassen, und denjenigen, die es ablehnen, also den Glauben als bare Münze nehmen, meint Lee Siegel in seinem Essay zur Neuauflage von Sigmund Freuds "Unbehagen in der Kultur". Eric Foner erfährt aus den "Presidential Recordings" von Lyndon B. Johnson nicht nur viel über die Mechanismen des Regierens, sondern auch einiges über Johnsons farbige Ausdrucksweise (hier einige Beispiele). Laura Kalman empfiehlt "Becoming Justice Blackmun" ihrer Kollegin Linda Greenhouse, nicht nur ein Porträt des bekannten Richters (Nachruf), sondern eine "Horatio Alger-Geschichte der Justiz". James Salter porträtiert Frank Conroy, den langjährigen Leiter des renommierten Schriftsteller-Seminars an der Universität von Iowa, und erinnert sich wehmutsvoll an die Abende mit Conroy und seinem silbernen Martini-Shaker. Kate Zernike hat aus den Briefen des Physikers Richard Feynman mehr über den Popstar erfahren als über den Wissenschaftler.

Dan Halpern versucht im New York Times Magazine aus dem serbisch-muslimischen Regisseur Emir Kusturica schlau zu werden, der mit Ehrungen für seine Filme und mit Schmähungen für seine angebliche Nähe zu Milosevic&Co überschüttet wird. "Kusturica's impulsiver Charakter hat ihm in der Kunst mehr genützt als in der Politik: sein Markenzeichen ist eine außer Rand und Band geratene, raue Energie. Wie brutal sein Thema auch sein mag, seine Filme sind voller Freude, vorangetrieben von Screwball-Klassikern. Und immer gibt es verdammt viel Musik. Wenn es eine Szene in einem Kusturica-Film gibt, in der keine Blechbläser verwickelt sind, kommt bestimmt gleich eine. Währenddessen trotten überall Tiere herum und schleichen sich mit großer Nachdrücklichkeit in die Handlung: magische Truthähne, schwebende Fische, klauende Elefanten, plündernde Bären, eine Phalanx aus Gänsen. Ein zarter Dialog zwischen Liebenden beinhaltet wahrscheinlich einen Hund, der im Hintergrund ausdauernd ein Kissen zerfetzt. Man kann sich eine Szene, in der zwei Männer sich inmitten eines Kriegsgebiets unterhalten, fünfmal anschauen, bevor man bemerkt, dass sich einer der Männer während des Gesprächs wie nebenbei die Schuhe mit einer wild protestierenden Katze poliert."

Weiteres: Genießen wir unsere Vorstellung vom eigenen Selbst, bevor die Wissenschaft sie als Illusion entlarvt, rät Jim Holt, den die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung beunruhigen. Melanie Thernstrom berichtet von drei Afrikanerinnen, die als Kinder verschleppt wurden, um Rebellenführern in Uganda als Ehefrau zu dienen. Im Titel informiert Susan Dominus über einen Aufstand der geschiedenen Väter, die sich für eine gerechtere Gesetzgebung zusammenschließen.

Magazinrundschau vom 03.05.2005 - New York Times

Alle Augen sind auf den Nahen Osten gerichtet. Aber die Welt verändern werden nicht diese Verlierer der Globalisierung, sondern die Gewinner wie China und Indien, schreibt Thomas L. Friedman in seinem Traktat "The World is Flat" (erstes Kapitel), nach Meinung Fareed Zakarias eine ebenso weitsichtige wie "exzellente" Standortbestimmung zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Durch die technologische Vernetzung wird die Geografie immer unbedeutender. Bill Gates bringt es auf den Punkt. "Wenn man vor dreißig Jahren die Wahl gehabt hätte, als Genie in Bombay oder Shanghai oder als durchschnittliche Person in Poughkeepsie geboren zu werden, hätte man Poughkeepsie gewählt, weil dort die Chancen auf ein wohlhabendes und erfüllendes Leben viel größer waren, erklärt er Friedman. 'Jetzt', sagt Gates, 'würde ich lieber als Genie in China geboren werden als ein Normalo in Poughkeepsie." Hier stellt Friedman seine wichtigsten Argumente kurz in einem Artikel vor.

Trotz aller essayistischen Brillanz zieht der Schriftsteller Jonathan Lethem seinen Kafka den mehr als 300-seitigen Reflexionen Roberto Calassos über K. vor. Denn "Kafka ist so zugänglich für Leser wie er dunkel ist für Interpreten. In seiner Kommunikation mit dem Unbennenbaren, mag Kafka sich in die Gesellschaft gnostischer Seher reihen. Aber er ist auch so fremd und cool wie die beste Zeichnung von M.C. Escher, so bestürzend derb wie nicht nur Philip Roth und Samuel Beckett sondern auch R. Crumb; so giftig und furchterregend wie Poe und Lynch. Sie ist eine der genauesten und schneidendsten, die je zu Papier gebracht wurde, was von uns niederen Schreibern als Vorwurf aufgefasst werden könnte. Aber sie haut einem auch die Birne weg, wie eine Spur Kokain es tut."

Weiteres: John Grisham bespricht Buzz Bissingers fesselndes Porträt von Tony La Russa ("Three Nights in August"), Manager der Baseballmannschaft St. Louis Cardinals. Hier das Vorwort. Budd Schulberg stellt die "ebenso hingebungsvolle wie peinlich genau recherchierte" Orson-Welles-Biografie von Clinton Heylin vor. Randy Cohen will eine literarische Karte New Yorks entwerfen und bittet alle Leser der New York Times Book Review um Mithilfe. Es geht dabei nicht um die Wohnorte von Schriftstellern, sondern um die Ecken der Stadt, an denen sich deren Geschöpfe herumgetrieben haben.

Peter Maass berichtet im New York Times Magazine von einer neuen Entwicklung im Kampf gegen die Aufständischen im Irak: Ein ehemaliger General der irakischen Armee, Adnan, befehligt eine 5000 Mann starke Kommandotruppe, die mit Billigung der USA und im Auftrag der irakischen Regierung mit schmutzigen, aber erfolgreichen Methoden sunnitische Terroristen bekämpft. Als ein Untergebener berichtet, dass ein Waffenlager der Rebellen entdeckt wurde, gratuliert Adnan dem Mann, nicht ohne ihn gleich darauf zu warnen: "'Wenn auch nur eine einzige AK-47 gestohlen wird, bringe ich Dich um'. Nach einer Pause lächelte er und präzisierte die Drohung. 'Nein', sagte er, 'Töten werde ich nur Deine' - und er benutzte einen groben Ausdruck für den intimsten Körperteil des Offiziers. Es folgte nervöses Gelächter." Hier ein Audio-Kommentar von Maass mit Bildern von den martialischen Kommandos, die Gilles Peress fotografiert hat.

In den weiteren Artikeln rechnet sich Jonathan Dee durchaus Chancen für christliche Videospiele aus. Und Michael Crowley porträtiert den wegen seiner Glücksspielgeschäfte in indianischen Reservaten umstrittenen Lobbyisten Jack Abramoff. Hier kommentiert James Harding Abramoffs Geschäfte im Slate Magazine).

Magazinrundschau vom 26.04.2005 - New York Times

Sarah Glazer beobachtet wohlwollend, wie die immer zahl- und erfolgreicher werdenden Book on Demand Verlage für frischen Wind in der Buchbranche sorgen. An den traditionellen Verlagshäusern vorbei werden mittlerweile bis zu hunderttausend Exemplare eines Titels verkauft, und auch renommierte Autoren nutzen nun die Möglichkeit, ein Buch ohne Rücksicht auf kreativitätshemmende Konzessionen an die Verleger zu produzieren. "Der New Yorker Literaturagent Harvey Klinger hat kürzlich der Bestseller-Autorin Kathryn Harvey empfohlen, ihren neuesten Roman bei iUniverse herauszubringen, nachdem sie damit bei mehreren New Yorker Verlagshäusern abgeblitzt war. Laut Klinger beschwerten sich die Verleger, dass Harveys Roman 'Private Entrance' (gibt es immer noch nicht) - das er als sexy und spannend bezeichnet - weder in die 'Hühner'-Kategorie passe noch für die Zielgruppe der älteren Leserinnen geeignet sei - manchmal auch als 'Hennen'-Literatur bezeichnet."

David Orr fragt sich, wie es Jorie Graham zum allgemein akzeptierten Superstar der so zersplitterten amerikanischen Dichterszene bringen konnte, eine Diszplin, die "teils aus Professionalität, kokettierendem Geschnatter und Wettbewerbsgeremple" besteht. Graham ist einfach so nett, meint Orr, sie verbindet über alle Fronten hinweg. Ihren neuen Gedichtband "Overlord" findet Orr dann auch "schwammig". Jon Meacham hat Jonathan Mahlers neues Werk "Ladies and Gentlemen, the Bronx Is Burning" verschlungen und ist erstaunt, was im neuralgischen Jahr 1977 in New York so alles passiert konnte (hier das erste Kapitel). So atemlos, dass sie gar nicht zum Besprechen kommt, erzählt Maureen Dowd anhand der Autobiografie "My Life So Far" das Leben von Jane Fonda nach. John Hodgman stellt bei der Besprechung einiger Graphic Novels fest, dass der Superheld trotz allem immer noch das Fundament des Genres darstellt.

Im New York Times Magazine beruhigt uns Steven Johnson mit der Erkenntnis, dass Fernsehen das Gehirn trainiert und damit schlauer macht. Deborah Solomon nimmt Ken Feree, den neuen Chef der gemeinwohlorientierten Corporation for Public Broadcasting, ins Kreuzverhör. Feree scheint mit den Republikanern zu sympathisieren. David Dobbs plädiert für die Aufrechterhaltung der Routine-Autopsie in Krankenhäusern. Im Titel rätselt Michael Lewis über zwei Baseballspieler, die ihre wahre Bestimmung auf dem Feld erst allmählich finden.

Magazinrundschau vom 19.04.2005 - New York Times

Angenehm selbstironisch erinnert sich der Schriftsteller Salman Rushdie an den "legendären" Internationalen PEN-Kongress (hier die deutsche Filiale) 1986 in Manhattan, als die Schriftsteller noch dachten, es ginge um Ideen. "Ich weiß noch wie ich in den Titelkampf der Schwergewichte Saul Bellow und Günter Grass verwickelt wurde. Nach einer Rede Bellows mit dem bekannten Bellowschen Dreh, wie der Erfolg des amerikanischen Materialismus' das spirituelle Leben der Amerikaner beschädigt habe, erhob sich Grass, um darauf hinzuweisen, dass viele Leute routinemäßig durch die Löcher im amerikanischen Traum fallen würden, und bot Bellow an, ihm ein bisschen echte amerikanische Armut zu zeigen, etwa in der South Bronx. Bellow, verärgert, antwortete in scharfem Ton, und als Grass sich wieder auf seinen Stuhl setzte, der sich zufällig neben meinem befand, bebte er vor Wut. 'Sagen Sie etwas', befahl er. 'Wer, ich?', sagte ich. 'Ja. Sagen Sie etwas.' Also stand ich auf, ging zum Mikrofon und fragte Bellow, warum so viele amerikanische Schriftsteller die Aufgabe vermieden hätten - ich sagte wohl eher provokativer 'unterlassen hatten' -, die immense Macht der USA in der Welt zu thematisieren. Bellow wehrte sich. 'Wir haben keine Aufgaben', sagte er majestätisch. 'Wir haben Inspirationen.'"

Rich Cohen hat Hunter S. Thompson (mehr) besucht, nur wenige Monate vor dessen Selbstmord im Februar. Der Begründer des Gonzo-Journalismus war da schon längst das Opfer seiner eigenen Rolle geworden, schreibt Cohen nun. "Er versenkte einen Strohhalm in einer Plastikdose und nahm sich etwas Kokain auf die Zunge. Er griff in dieser Nacht mehrmals auf die Schublade zurück und holte sich Kokain, Pillen, Marijuana, das er in einer Pfeife rauchte - der Rauch war weich und würzig und blau -, gefolgt von Chivas, Weißwein, Chartreuse, Tequila und Glenfiddich. Der Effekt war unmerklich, aber bald lösten sich seine Züge, der finstere Blick schmolz dahin und seine Bewegungen wurden flüssig und elegant. Um Mitternacht war der Mann, der nur Stunden zuvor als triefäugige Ruine erwacht war, auf seinen Beinen, er fluchte und wedelte mit einer Schrotflinte. Wieder einmal hatte eine Hunter-S.-Thompson-Show begonnen." Nach einem weiteren Schluck Chartreuse liest er Cohen auch seine Lieblingspassage aus "Fear and Loathing in Las Vegas" vor (hier kann man dabei sein, außerdem gibt es diverse Interviewauszüge zum Anhören).

Weitres: Nachdem sie das schockierende Szenario von Kazuo Ishiguros neuem Roman "Never Let Me Go" (erstes Kapitel) verdaut hat, kämpft Sarah Kerr mit faszinierenden Bildern von seltsamer Schönheit und einem "wachsenden existentiellen Unbehagen, das noch lange anhält". Daniel Handler warnt vor einer Überdosis H. P. Lovecraft, zumindest hat er ab Seite 50 der von Peter Straub zusammengestellten Anthologie wirklich Angst bekommen: "nicht die Angst, dass einem unheimliche Kreaturen über den Weg laufen, sondern dass man sonst niemandem mehr begegnet." Frederic Beigbeders Reflektionen über den 11. September sind ins Amerikanische übersetzt worden und bewegen nun Stephen Metcalf, der gebannt zusieht, wie der Tod und das Leid selbst Beigbeder mit all seinem Gehabe "zu einem von uns" machen.

Im New York Times Magazine graut es dem Juraprofessor Jeffrey Rosen vor der "Constitution in Exile"-Bewegung (der Begriff tauchte das erste Mal in einer Buchbesprechung von Douglas H. Ginsburg auf), deren Anhänger die Verfassung in ihrer Auslegung vor 1932 favorisieren, also die Freiheitsrechte des Einzelnen puristisch auslegen, so dass nationale Errungenschaften wie die Sozialgesetzgebung des New Deals oder die Umweltschutzbestimmungen nicht von der Verfassung gedeckt und damit zu stürzen sind. Einige der Favoriten für die nächste freiwerdende Stelle im Supreme Court stehen dieser Denkschule nahe.

Weitere Artikel: Deborah Solomon erfährt von einer ehemaligen CIA-Agentin, warum die Regierung eine Festnahme Osama Bin Ladens vielleicht gar nicht bekanntgeben würde. Und Peter D. Kramer nimmt der Depression jedes künstlerisch-kreative Flair.