Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 14.11.2006 - New York Times

Jim Windolf ist einfach hingerissen von Stephen Kings Gruselmärchen "Lisey's Story" (Auszug), eine "Ode an Schwesternschaft und Blut". Das überrascht den Leser, der zu Beginn der Rezension erfährt, dass die Hauptperson in dem Roman eigentlich Liseys Mann ist, der verstorbene Pulitzerpreisträger Scott Landon. "Stephen King hat über Zombies geschrieben, Vampire und das Ende der Welt. Er hat ein mörderisches Auto, einen mörderischen Hund, einen mörderischen Clown und ein mörderisches Handy erfunden. Aber wenn er Ihnen wirklich Angst einjagen will, holt er das fürchterlichste Monster von allen hervor, diese zitternde Masse aus Ego und Unsicherheit - den Schriftsteller."

Nathaniel Rich hat keinen Gefallen gefunden an Will Selfs neuem Roman "The Book of Dave" (Auszug). "Self überlegt, was wäre, wenn die englische Gesellschaft in 500 Jahren nicht von der jüdisch-christlichen Theologie, sondern von den unflätigen Schimpfreden eines hasserfüllten Londoner Taxifahrers aus dem 21. Jahrhundert geprägt wäre." Diese Vision missfällt Rich nicht nur, er versteht sie auch nicht, denn Selfs Held spricht einen Cockney-Dialekt, der einem Amerikaner den letzten Nerv raubt: "Mi awdas R onle 2 tayk U sarf 2 Wyc, ware U R 2 B landid. Eye no nuffing uv oo U R aw wot U av dun, mayt, so folla ve rools uv mi ferre an Eyel giv U no aggro." Hugh.

Weitere Besprechungen: James Traub nennt Anatol Lievens und John Hulsmans Bush-Kritik "Ethical Realism" eine "perverse Errungenschaft neokonservativer Theorie und Praxis". Elena Lappin stellt nach der Lektüre von Jeffrey Goldbergs Buch "A Muslim and a Jew Across the Middle East Divide" (Auszug) fest: "Der Nahe Osten wird ein großes Gefängnis bleiben, solange es keine Bücher über die Freundschaft zwischen Juden und Arabern gibt, die Araber geschrieben haben." Charles Taylor stellt Nick Rennisons (natürlich) unautorisierte Biografie über Sherlock Holmes vor.

Magazinrundschau vom 07.11.2006 - New York Times

In der Book Review stellt Michael Kinsley eine Handvoll Bücher vor, die sich mit dem schlechten Zustand der amerikanischen Demokratie beschäftigen. Kinsley macht dafür vor allem eins verantwortlich: "die enorme Toleranz für intellektuelle Unredlichkeit". Als Beispiel nimmt er die Wahlen im Jahr 2000. "Einige Tage vor der Wahl 2000 versammelte das Bush-Team Leute, die sich mit folgendem Problem beschäftigten: Angenommen, Bush würde die meisten Wählerstimmen, Gore aber die meisten Wahlmänner gewinnen. Sie beschlossen für diesen Fall eine große Kampagne, um die Bürger zu überzeugen, dass es falsch wäre, wenn Gore die Präsidentschaft übernehmen würde. Und sie beabsichtigten, enormen Druck auf Gores Wahlmänner auszuüben, damit diese für Bush stimmen. Die Wahlmänner hätten zweifellos das Recht dazu gehabt. Tatsächlich entstand jedoch genau die entgegengesetzte Situation. Und sofort lancierten die Bushies auch das entgegengesetzte Argument: die Wahlmänner seien ein vitaler Teil unserer Konstitution, sie seien nicht frei in ihrer Entscheidung und so weiter. Gore focht übrigens die Entscheidung der Wahlmänner nie an, obwohl einige Berater ihn dazu drängten. Von all den Dingen, die Bush in der Wahlkrise 2000 tat und sagte, war dieses 'having-it-both-ways' das korrupteste."

Weiteres: Peter Dizikes glaubt, dass es bald keine Wissenschaftler-Biografien mehr geben wird, denn die größten und bedeutendsten Erfolge in der Wissenschaft verdanken sich nicht mehr einzelnen Personen, sondern ungeheuer großen Teams. Besprochen werden unter anderem David Mamets Buch "The Wicked Son. Anti-Semitism, Self-Hatred, and the Jews" (Nextbook/Schocken) und Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt", das Tom LeClair ein bisschen zu kurz findet, dem er aber "schnelles Tempo und eine leichte Hand" bescheinigt.

Magazinrundschau vom 31.10.2006 - New York Times

Google ist überall. Auch Intellektuelle sollten darüber nachdenken, meint Steven Johnson in einem Essay für die New York Times Book Review. Wer Definitionsmacht über Begriffe sucht, sollte die richtigen Suchbegriffe besetzen: "Sagen wir, Sie sind ein Juraprofessor, der sich ein Renommee als Experte für 'affirmative action' erwerben will. Früher hätten Sie diesen Ruf durch Artikel in verschiedenen Prestigepublikationen und Zeitschriften mit hoher akademischer Glaubwürdigkeit aufgebaut. Viele dieser Artikel würden in einer Google-Suche dann bei der Eingabe von 'affirmative action' auch genannt, aber verstreut über die ganze Ergebnisliste. Da Google Links als Abstimmung für den Inhalt einer bestimmten Seite ansieht, würden Sie aber - sofern Sie eine 'Affirmative Action'-Website aufbauen, wo Ihre Artikel versammelt sind, und andere ermuntern, darauf zu verlinken - den Begriff bei Google bald 'besitzen'... Und wenn Sie es in die Top Ten der Ergebnislisten bringen, würde Ihre Seite noch populärer werden, da sie zu den ersten gehört, die über Google gefunden werden." (Haben wir schon mal erwähnt, dass der Perlentaucher auch Websiten baut? Gern auch für Akademiker.)

Weitere Artikel in der Book Review vom Samstag: A.O Scott bespricht den neuen Roman von Richard Ford, "The Lay of The Land" (man darf sich die Kritik auch als MP3 anhören).

In einem großen und etwas ungemütlichen Essay für das New York Times Magazine fragt der Verfassungsrechtler Noah Feldman (der an der irakischen Verfassung mit geschrieben hat), was passieren würde, wenn der Iran die Bombe hätte: "Die Nachbarn des Iran werden keine Wahl haben - sie müssen aufschließen. Nordkorea, das jetzt durch seine eigene Bombe geschützt ist, hat bereits mit Weitergabe gedroht. Und im Nahen Osten würde es willige Käufer finden. Kleine Fürstentümer mit riesigen US-Basen wie Qatar mögen sich unter den Schutz der USA begeben. Aber Saudi Arabien, das Iran stets als bedrohlichen Konkurrenten ansah, würde seine nukleare Sicherheit nicht allein in die Hand der Amerikaner geben. Sobald die Saudis mit von der Partie sind, wird Ägypten Nuklearwaffen brauchen, um in der regionalen Machtbalance nicht an Bedeutung zu verlieren. Schon im letzten Monat hat Gamal Mubarak, der Sohn und wahrscheinliche Erbe des Präsidenten Mubarak, in aller Öffentlichkeit ein ägyptisches Nuklearprogramm gefordert."

Magazinrundschau vom 24.10.2006 - New York Times

Das Magazin der New York Times bringt den ersten Teil einer langen Reportage über das Wiedererstarken der Taliban in Afghanistan. Elizabeth Rubin beschreibt die pakistanisch-afghanische Grenzregion als eine Art "Taliban Spa", wo die Kämpfer Erholung und neue Inspiration suchen, während die von den Amerikanern und der NATO sich selbst überlassene, unterbezahlte afghanische Polizei sich mit Opium berauscht: "Eines Nachmittags begegnete ich einer Gruppe Polizisten. Sie sagten, ihre Freunde seien gerade von einem als Polizist verkleideten Taliban vergiftet worden. Ein zottiger Officer in einer schwarzen Tunika schaute auf meine Füße. 'Ich beneide dich um deine Schuhe', sagte er mit Blick auf seine ausgetretenen Gummisandalen. 'Ich beneide dich um deinen Toyota'. Und als er meinen Stift und mein Notebook sah: 'Ich beneide dich darum, dass du lesen und schreiben kannst.' Er war 35 Jahre alt und davon 20 Jahre im Krieg."

Ferner: Jeneen Interlandi dokumentiert einen besonders schweren Fall von wissenschaftlichem Betrug. Alex Witchel porträtiert die Choreografin Twyla Tharp und stellt ihr neues Broadway-Projekt vor. Und im Gespräch mit Deborah Solomon erklärt der Princeton-Philosoph und Bestseller-Autor Harry G. Frankfurt ("Bullshit"), wie wir zur Wahrheit finden: durch Selbstlosigkeit.

Ist Gott eine Illusion? Die zu einer positiven Antwort führende Argumentation des Evolutionsbiologen Richard Dawkins in seinem Buch "The God Delusion" (Auszug) kommt Jim Holt in der Book Review bekannt vor: "Erstens, misstraue den üblichen Begründungen für die Existenz Gottes. Zweitens, sammle ein, zwei Argumente für die gegenteilige Hypothese. Drittens, streue Zweifel an den transzendenten Ursprüngen der Religion und zeige, dass es für sie eine natürliche Erklärung gibt. Zuletzt zeigst du, dass ein glückliches und sinnvolles Dasein ohne Gott möglich und Religion kein Garant für Moralität ist, sondern mehr Böses als Gutes schafft." Nach dem Prinzip, so Holt, funktionierte schon Bertrand Russells "Why I Am Not a Christian" von 1927. Die Gottesfrage aber bleibt für ihn spekulativ und das Buch also "eine intellektuell frustrierende Erfahrung".

Außerdem: Marcel Theroux entdeckt in dem Cicero aus Robert Harris' historischem Thriller "Imperium" (Auszug) einen modernen Politiker. Christopher Benfey lobt Michael Hofmanns Übertragung von Thomas Bernhards Roman "Frost" (Auszug), der erstmals auf Englisch erscheint. Und Henry Louis Gates Jr. macht sich an eine Revision von Harriet Beecher Stowes Roman "Onkel Toms Hütte" und entdeckt anstelle von Sentimentalität: Sex!

Magazinrundschau vom 17.10.2006 - New York Times

Pankaj Mishra stellt im New York Times Magazine den chinesischen Intellektuellen Wang Hui vor, einen der Mitbegründer des Magazins Dushu (hier einige Artikel auf Englisch) und profilierteste Leitfigur der "Neuen Linken". Diese noch kleine, aber umtriebige Gruppe hält die kritiklose Übernahme des kapitalistischen Modells für einen Fehler und einen Verrat an den 800 Millionen Armen des Landes. "Wang gibt ohne Zögern zu, dass die chinesischen Anstrengungen zur Reform des Marktes große Fortschritte gebracht haben. Er befürwortet die erste Phase von 1978 bis 1985, die die Nahrungsmittelproduktion und den Lebensstandard der Landbevölkerung steigerte. Die Besessenheit der Zentralregierung aber, in den städtischen Gebieten Wohlstand zu erzeugen - und die Entscheidung, politische Macht an lokale Parteiführer abzugeben, die sich oft ausdrücklich nicht um die Direktiven der Zentralregierung scheren - habe die eklatante Ungleichheit innerhalb Chinas verursacht. Die Einführung einer neoliberalen Marktwirtschaft führte bisher immer zum Einsturz des Sozialsystems, zu einer wachsenden Einkommenskluft zwischen Arm und Reich und immer häufiger auftretenden Umweltkrisen, nicht nur in China, sondern auch in den USA und anderen entwickelten Ländern. Für Wang liegt die Aufgabe der Intellektuellen darin, den Staat nun an seine nicht eingehaltenen Verpflichtungen gegenüber Bauern und Arbeitern zu erinnern."

Als echten Unsympath schildert Daniel Mendelsohn in der New York Times Book Review den Autor Jonathan Franzen in seiner Besprechung von Franzens autobiografischen Essays "The Discomfort Zone" (Auszug). Franzen sei eine tragische Figur, die ihren Sturz in der Publikumsgunst selbst zu verantworten habe (zur Erinnerung: Franzen fand seinen Bestseller "Die Korrekturen" zu genial für Oprah Winfreys populären Buchclub): "Wie dieses unappetitliche Buch zeigt, hat Franzen, anders als Ödipus oder Hippolytus, nichts dazu gelernt. Die während der Oprah-Affäre zur Schau gestellte selbstgefällige Cleverness einerseits, die entwaffnende, manchmal unangebrachte Offenheit andererseits, Egozentrik, Altklugheit und die von Unreife zeugende Unfähigkeit, die Wirkung seiner Brillanz auf andere zu ermessen - sie bestimmen nicht nur Franzens Karriere, sondern den Mann selbst." Darum, meint Mendelsohn, habe sich Franzen als Kind auch nicht mit dem Loser Charlie Brown identifiziert, sondern mit Snoopy, "der zu ichbezogen ist, um zu merken, dass er kein Mensch ist".

Weiteres: Douglas Brinkley lobt das entmythisierende Potential in Michael Streissguths Biografie "Johnny Cash". Elissa Schappell bedauert das überstürzte Ende in Joyce Carol Oates' neuem Roman "Black Girl / White Girl". Und Megan Marshall schätzt an Antonia Frasers populärgeschichtlichem Werk über König Ludwig XIV. und die Frauen ("Love and Louis XIV") nicht zuletzt die kuschelige Schlafzimmer-Atmosphäre.

Magazinrundschau vom 10.10.2006 - New York Times

Ist die Welt nach dem 11. September wirklich eine andere? In einem Essay erklärt der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, dass zumindest die Sicherheitspolitik der USA heute nicht fantasievoller ist als im Kalten Krieg. Edward Shils unter dem Eindruck der Ära McCarthy entstandendem Buch "The Torment of Secrecy: The Background and Consequences of American Security Policies" von 1956 entnimmt Fukuyama, "dass die USA Bedrohungen von außerhalb schon früher gern übertrieben und sich Verschwörungstheorien ausgedacht haben. Dies rechtfertigte die Schaffung eines Geheim-Staates, der die Grundrechte und den freien Datenaustausch aushöhlte, die Fundamente des Erfolges für die USA als Gesellschaft ... Solche Erfahrungen zeigen, dass die Regierung ihren Kenntnisstand transparent machen muss; nur so können wir die anstehenden Herausforderungen richtig einschätzen."

William Kennedy stellt Cormac McCarthys neuen Roman "The Road" vor, der in biblischen Bildern schildert, wie Vater und Sohn die Welt sehen - nach der Apokalypse: "Alle Farben, außer des Feuers und des Blutes, existieren nur noch in der Erinnerung oder in Träumen. Feuerstürme haben Städte und Wälder verschlungen ... Wilde Orchideen stehen, aschfarbene Abbilder ihrer selbst, wartend, dass der Wind sie zu Staub macht." (Hier ein Feature zu McCarthy)

Außerdem: Tom Reiss erinnert der Detailreichtum in den Memoiren des Historikers Fritz Stern (Auszug "Five Germanys I Have Known") an Stefan Zweigs "Die Welt von Gestern". Und Thomas Mallon bespricht Biografien "der beiden Hepburns" (William J. Manns "Kate" und Donald Spotos "Enchantment") und findet, Audrey und Katharine könnten verschiedenartiger nicht sein.

Was der Renaissance die Zentralperspektive war, ist uns der "lange Zoom" - bestes Beispiel: Google Earth. Oder Spore, das neue Spiel des SimCity-Machers Will Wright, das fürs New York Times Magazine Steven Johnson probegespielt hat: "Zuerst bist du ein Einzeller ... Hast du genug 'DNA-Punkte' gesammelt, wird es spannend - du kannst den "Kreaturenschöpfer" benutzen ... Im nächsten Level kommt das fertige Geschöpf in ein vollfunktionsfähiges Ökosystem ... Schließlich erlangst du eine UN-ähnliche Perspektive, wenn es darum geht, einen ganzen von rivalisierenden Zivilisationen zerrütteten Planeten zu einen. Hast du das "Krieg der Zivilisationen"-Stadium Richtung "Ende der Geschichte" verlassen, gewährt das Spiel dir die ultimative Hegelsche Belohnung: Ein Raumschiff. Los geht?s zu anderen Planeten ..."

Weiteres: Mark Sundeen porträtiert den demokratischen Spitzenpolitiker und Gouverneur von Montana, Brian Schweitzer. In einem unter die Haut gehenden Text untersucht Charles Siebert beunruhigende Veränderungen im Seelenleben der Elefanten.

Magazinrundschau vom 03.10.2006 - New York Times

Im New York Times Magazine porträtiert Arthur Lubow den deutschen Bariton Thomas Quasthoff (mit Audio Clips) als begnadeten Sänger und Lehrer: "'Können Sie sich eine Situation vorstellen in der Sie auf einem Stein sitzen, und plötzlich hören Sie im Kopf eine Melodie?' fragt er eine junge Sopranistin, die Schuberts Lied 'Im Frühling" singt. 'Hoffentlich erinnert Sie das an eine Liebesgeschichte mit einem gutaussehenden Mann und nicht - entschuldigen Sie bitte - mit einem deutschen Bauern... Sie erinnern sich beim Singen, wie glücklich Sie einmal waren. Wenn Sie so gucken, sehen Sie aus, als hätten Sie ein Verdauungsproblem. Aber wenn Sie während dieser Phrase lächeln, werden Sie feststellen, dass Ihre Stimme aufleuchtet. Lächeln Sie.' Viele seiner Ratschläge haben mit der physischen Präsentation zu tun. Vielleicht weil seine eigenen Möglichkeiten auf diesem Gebiet begrenzt sind (Quasthoff ist ein Contergan-Kind), hat Quasthoff starke und überlegte Ansichten über die korrekte Positionierung eines Liedersängers. Ihm missfällt die Art wie sein Freund, der englische Tenor Ian Bostridge, auf der Bühne herumlümmelt. Quasthoff glaubt, dass ein Sänger mit gedankenlosen und unnötigen Bewegungen eine intensive Verbindung mit dem Publikum zerstört."

Und Matt Bai fragt im Aufmacher: "Is Howard Dean willing to destroy the Democratic Party in order to save it?"

Der Anfang des Essays von Gary Shteyngart (mehr hier und hier) über eine neue Ausgabe von Iwan Gontscharows Roman "Oblomow" in der Book Review ist wirklich sehr hübsch: "Um elf, als ich gerade noch die letzten Momente eines erquickenden Schlafs auskoste, bringt mir ein Bote die Neuübersetzug des 'Oblomow' vor die Tür, jenes berühmten Slacker-Romans aus dem 19. Jahrhundert, dessen Held, ein Mitglied des faulen russischen Landadels, den größten Teil des Tages im Bett verbringt. 'Scheine im falschen Augenblick gekommen zu sein', sagt der Kurier mit einem Augenzwinkern. Er missversteht meine übliche nachlässige Erscheinung als Symptom eines unterbrochenen Koitus. Ich kehre in mein Bett zurück und werfe einen unglücklichen Blick auf den dicken Band in meiner Hand. Vorerst fühle ich mich schläfrig." Die neue Übersetzung ist von Stephen Pearl, und wenn Sie weiterlesen, werden Sie sehen, dass er wirklich ganze Arbeit geleistet hat.

Außerdem in der Buchbeilage der wichtigsten Zeitung der Welt: Paul Berman bespricht zwei neue Bände über den in den USA legendären Journalisten I.F. Stone. David Orr liest Stephen Frys Plädoyer für die Form in der Lyrik "The Ode Less Travelled" (Auszug). A.O. Scott befasst sich mit der gastronomischen Revolution in den USA, die in David Kamps Buch The United States of Aragula" (Auszug) beschworen wird.

Magazinrundschau vom 26.09.2006 - New York Times

Ein starkes Stück "investigativer Empathie" nennt Ron Rosenbaum Daniel Mendelsohns "The Lost" über das Schicksal seiner Familie im Holocaust: "Mendelsohns Suche nach lebendigen Einzelheiten bringt uns der Erfahrung der mächtigen Katastrophe näher als es möglich schien. Dieser Blick auf die Menschen nicht als bereits vom Schatten der kommenden Tragödie Gezeichnete, sondern als durch ihre unschuldige Einfachheit Erleuchtete ist selten in der Literatur über den Holocaust." (Hier ein Audiointerview mit dem Autor.)

In einem Essay stellt Rachel Donadio die extrem erfolgreiche "For Dummies"-Buchreihe vor - eine "Parallelgeschichte zeitgenössischen Bewusstseins", findet sie, und typisch amerikanisch: "Liebenswürdig und ungefährlich, sind diese Bücher weniger von populistischem Antiintellektualismus geprägt als von dem tiefen Glauben, dass Wissen etwas Demokratisches ist, dass sich die Dinge meistern lassen, ohne Hilfe von Experten, die auf einen herabschauen."

Außerdem: Jennifer Senior hält Lewis H. Laphams "Pretensions to Empire" und Sidney Blumenthals "How Bush Rules" (Leseprobe) für zwei abschreckende Beispiele von Bush-feindlicher Regierungskritik. Ron Powers freut sich über "brillante" literaturkritische Essay von E. L. Doctorow (Leseprobe "Creationists" + Autorenfeature). Und in seiner Sci-Fi-Kolumne outet Dave Itzkoff sich als "Dunehead", Fan von Frank Herberts 40 Jahre alter "Dune"-Saga.

Magazinrundschau vom 19.09.2006 - New York Times

Wer könnte besser über die Bush-Regierung schreiben als ein ehemaliger Theaterkritiker? Ian Buruma ist begeistert von Frank Richs "The Greatest Story Ever Sold", das den Irak-Krieg als den kolossalen Schwindel beschreibt, der er war. Wie lässt sich der Ausfall einer kritischen Berichterstattung in den USA erklären? Buruma findet die Antworten im Buch: "Die neue Informationsgesellschaft hat Journalisten ungewöhnlich defensiv werden lassen. Dass jeder überall seine Meinung kundtut, hat die Autorität der Presse untergraben ... Angst, gute Verbindungen zu verlieren oder seiner liberalen Gesinnung wegen geächtet zu werden, sowie die Überbewertung von Zitaten einflussreicher Leute haben die Presse verkümmern lassen, als sie nötiger war denn je. Frank Rich ist ein exzellenter Vertreter seiner Zunft, und wird sie je ihren guten Ruf wieder erlangen, wird er dafür mit verantwortlich sein."

Weitere Artikel: Terrence Rafferty hält Haruki Murakamis neue Short-Story-Sammlung "Blind Willow, Sleeping Woman" für einen tollen Gemischtwarenladen. Lawrence Levi findet David Thomsons Biografie über Nicole Kidman (Leseprobe) zu spekulativ. Neil Gordon kann an John Le Carres neuem Roman "The Mission Song" (Leseprobe) keinen Realitätsmangel feststellen. Und Marilyn Stasio fällt auf, dass sich Kleinstadtschnüffler neuerdings mit globalen Waffenschiebereien und Terroristen herumschlagen müssen - in neuen Krimis von Steve Hamilton, Reggie Nadelson u.a.

Im Magazin der New York Times ruft Wyatt Mason das Zeitalter der Satire aus. Wenn Spott, das hehre "Verlangen nach dem Besseren" in unzulänglichen Zeiten, inflationär wird, meint Mason, wird's glitschig. Beispiel Bush: "Auf die Reporter-Frage nach der Gewalt im Nahen Osten antwortete Bush sarkastisch ... Nicht mit dem eleganten, treffsicheren, artistischen Sarkasmus eines Twain oder Colbert, sondern völlig unpassend und zugleich doch ganz entsprechend seines normalen rhetorischen Modus'. Denn Bush ist nicht unartikuliert, er ist gewissermaßen zu artikuliert: sein konsequent herablassender Ton verrät sein Überlegenheitsgefühl, wie bei einem Satiriker. Diesen unbekümmert sarkastischen, gedankenlos ironischen, willkürlich sardonischen Ton hören wir allerorten. Bush, das sind wir."

Außerdem: In einem irre langen Text dokumentiert Tim Golden die (vergeblichen) Bemühungen, aus Guantanamo einen menschlichen Ort zu machen. Lynn Hirschberg stellt den französischen Regisseur Michel Gondry vor. Michael Berube beschreibt den Zwist zwischen Konservativen und Liberalen an amerikanischen Universitäten und meint: Kein konservativer Student muss sich diskriminiert fühlen. Und im Gespräch mit Deborah Solomon erklärt der Kulturkritiker Lee Siegel, wie es kam, dass er sich im Blog des New Republic unter Pseudonym selbst beweihräuchern musste: Die Blogosphäre sei nämlich nichts für den Intellekt.

Magazinrundschau vom 12.09.2006 - New York Times

In seinem Buch zum Mord an dem niederländischen Filmregisseur Theo van Gogh ("Murder in Amsterdam") erkundet Ian Buruma die Grenzen der Toleranz. Christopher Caldwell hat es gelesen: "Buruma interviewt darin die beiden charismatischen Islam-Reformer Ayaan Hirsi Ali und Afshin Ellian. Beide glauben, dass der Islam den gleichen Skeptizismus und Spott erfahren muss, mit dem Voltaire und andere Aufklärer den Katholizismus überschüttet haben. Buruma bezweifelt dies. Er fürchtet, dass viele von denen, die die Aufklärung beschwören, nur eine konservative Ordnung verteidigen wollen. 'Voltaire hat seine Beschimpfungen gegen die Katholische Kirche gerichtet, während Ayaan nur riskierte, eine Minderheit zu beleidigen.' Das ist unfair. Voltaire riskierte mit seinen Äußerungen nicht, sich eine Milliarde Feinde zu machen, die sein Gesicht kennen und sich übers Internet mit Leuten austauschen können, die ihn ermorden wollen. Buruma hat aber Recht, wenn er nahe legt, dass Hirsi Alis Lob der Aufklärung als eine Bewegung, 'die jede Kultur abstreift und nur das menschliche Individuum übrig lässt', einiges mit den Versprechen des Islamismus gemein hat, der auch die Kultur abstreifen möchte, um nur das Individuum und Gott übrig zu lassen."

Die Uni ist links. Gut so, findet der Politikwissenschaftler Alan Wolfe in seiner Besprechung von Michael Berubes "What's Liberal About the Liberal Arts?", das den Zorn der Konservativen über diesen Fakt erklärt: "Die politischen Siege des Konservatismus, so Berube, können so schwer nicht wiegen, solang sich schwule Paare küssen und junge Menschen nur selten die Werte ihrer Eltern teilen. Ohne den Einfluss der Universitäten ist der Erfolg der Konservativen ein flüchtiger und das wissen sie."

Ferner: Will Self zeichnet Celines Lebensweg nach und liest die "Reise ans Ende der Nacht" wieder - als misanthrope Antithese zu Joyces "Ulysses" und La Rochefoucauld auf LSD. Marilyn Stasio bespricht neue Krimis von Philip Kerr ("The One From the Other"), Ellen Crosby ("The Merlot Murders") und anderen. Amy Krouse Rosenthal freut sich über ein zeit- und kindgemäßes "Cinderella"-Remake von Barbara Ensor.

Das Magazin der Times ist New York gewidmet. Einer Stadt, die so eng ist, dass selbst die Avantgarde kein Sache von Finesse, sondern von Immobilienpreisen ist. Und wenn auch der letzte Winkel von Brooklyn gentrifiziert ist, was dann? James Traub beobachtet, dass die kulturellen und ökonomischen Kräfte die gute alte Boheme und ihre Orte zu "Enklaven urbaner Eliten" und ganz schön beliebig gemacht haben: "Jeder Unangepasste ist heute hip. Hipness dgagen zieht Sneaker-Stores, Bistros und sogar Paare mit Kindern an. Die Derriere-garde holt auf; die Avantgarde fällt ihren eigenen Lockungen zum Opfer. Wenn Rodolfos Galeriefreund Marcello aus Puccinis La Boheme heute Vernissage hätte, würde Absolut das Catering besorgen."

Weitere Artikel: Jonathan Mahler stellt New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg und dessen Visionen für Lower Manhattan vor, das künftig wieder mehr von Menschen als vom Geld regiert werden soll. Im Interview mit Deborah Solomon erklärt der Star-Gastronom Danny Meyer den Big Apple zur Restaurant-Hauptstadt der USA. Und wir lesen Auszüge aus Susan Sontags Tagebüchern: "NYC ist wie der Vatikan - ein Staat im Staat, mit enormer Macht und Reichtum, aber für sich."