Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

802 Presseschau-Absätze - Seite 56 von 81

Magazinrundschau vom 30.01.2007 - New York Times

Reformkost, nein danke! Im Magazin der New York Times appelliert Michael Pollan ("The Omnivore's Dilemma") gegen Essen als medizinische Maßnahme und für eine Rückkehr zum, nun ja, Lebensmittel als solchem: "In den 80ern begannen die Nährstoffe die Lebensmittel zu ersetzen. Wo vormals 'Eier' oder 'Getreide' draufstand, hieß es plötzlich 'Ballaststoffe', 'Cholsterin' oder 'gesättigte Fettsäuren'. Der An- oder Abwesenheit dieser unsichtbaren Substanzen wurde heilende Wirkung zugesprochen. Lebensmittel waren altmodisch und undurchsichtig - wer konnte sagen, was sie wirklich enthielten. Nährstoffe aber versprachen wissenschaftliche Gewissheit - mehr von den richtigen, weniger von den falschen und du würdest länger leben ... Zeit für eine kulturell und ökologisch geprägte, weniger reduktionistische Vorstellung davon, was Essen ist. Essen als eine Art von Beziehung vielleicht."

Magazinrundschau vom 23.01.2007 - New York Times

Zehn Jahre nach "Das Jesus-Evangelium" liefert der 83-jährige Norman Mailer mit "The Castle in the Forest" (Auszug) einen neuen Roman ab. Eine Phänomenologie des Bösen am Beispiel des jungen Adolf Hitler und seiner Familie. Der Erzähler ist der Teufel persönlich in Gestalt eines SS-Mannes namens Dieter. Lee Siegel beschreibt das tollkühne Buch so: "Eine Geschichte über das einfache Volk, gutmütige Bauern, erzählt von einem Teufel mit samtweicher Stimme, geschrieben im Geist heilsamer Ironie. Wir sehen Hitler und die Seinen im Schweinestall ihrer Instinkte, hastig erfüllten Bedürfnisse und primitiven Ängste, ein jeder überzeugt von der Vornehmheit und Ehrenhaftigkeit seines Existenz. Mailer, der Meister des menschlichen Egos, zeigt diese Illusionen in klarem Licht - als das, was sie sind: die trügerisch heimeligen Ursprünge des Bösen."

Weiteres: Liesl Schillinger findet die Heldin in Roddy Doyles neuem Roman "Paula Spencer" authentisch unglücklich. Alan Wolfe hält Dinesh D'Souzas Appell, christliche und islamische Konservative gegen die kulturelle Linke in Stellung zu bringen, für heiße Luft (Auszug "The Enemy at Home"). Und in einem Essay verrät Joe Queenan sein oberstes Lektürekriterium: das Buch muss "erstaunlich" sein.
Stichwörter: Hitler, Adolf, Mailer, Norman

Magazinrundschau vom 16.01.2007 - New York Times

Das Magazin der New York Times bringt einen Vorabdruck aus Ishmael Beahs Erfahrungsbericht "A Long Way Gone: Memoirs of a Boy Soldier," der demnächst als Buch erscheint; grausige Eindrücke aus dem Bürgerkrieg in Sierra Leone: "Josiah, mit elf Jahren etwas jünger als ich, lag neben mir, seine Augen auf das unsichtbare Ziel im Sumpf gerichtet ... Ich hörte, wie Josiah nach seiner Mutter schrie. Noch nie hatte ich eine so durchdringende Stimme gehört ... Eine Raketengranate hatte seinen kleinen Körper in die Luft gerissen und auf einen Baumstumpf geschleudert. Seine Beine zuckten und sein Schrei verstummte ... Manchmal mussten wir raus, während wir einen Film ansahen. Wir töteten viele Menschen und dann schauten wir den Film weiter, als kämen wir nach der Werbepause zurück."

Außerdem: Jim Holt stellt mit leuchtenden Augen den neuen Teilchenbeschleuniger des Cern vor, neben dem die Alpen "fast ein wenig schlampig" aussehen. James Traub porträtiert den Vorsitzenden der jüdischen Anti-Defamation League, Abraham Foxman, der die Vorstellung von einer angeblich allmächtigen "Israel Lobby" bekämpft. Deborah Solomon plaudert mit dem Lyriker John Ashbery über amerikanische Selbstverliebtheit und postum veröffentlichte Texte.

In der Book Review der New York Times liest sich Daniel Handler durch einen Haufen "sinnloser" Benimmliteratur für Kinder. Robert Pinsky findet Barbara Ehrenreichs Geschichte der kollektiven Ekstase, "Dancing in the Streets", nicht uninteressant, allein: "Dieser Pop-Anthropologie fehlt es an Pep." Maggie Galehouse schätzt Isabel Allendes historischen Roman "Ines of My Soul" (Auszug) für sein Zeitkolorit. Und Liesl Schillinger vermisst in Martin Amis' Gulag-Roman "House of Meetings" ein Gegengewicht zu den düsteren Erinnerungen eines Rotarmisten.

Magazinrundschau vom 09.01.2007 - New York Times

Von wegen Schriftsteller! Richard Powers (mehr) outet sich als Vokalist. Liegt im Bett und sabbelt seine Romane in ein Spracherkennungsprogramm, seit Jahren schon! Nichts naheliegender als das, schreibt, pardon, sagt Powers: "Was könnte dem Fluss unserer Gedanken hinderlicher sein als die ständigen Unterbrechungen, wenn sich das Kurzzeitgedächtnis müht, riesige musikalische Einheiten durch unsere Finger zu pressen, einen langweiligen Buchstaben nach dem andern ... Ich vergesse die Anwesenheit der Maschine. Ich kann mich über den Satz hinaus und in ganzen Abschnitten bewegen und die rhythmischen Bögen erfassen, bevor sie verschwinden. Ich muss nicht warten, verarbeiten, abschicken und wieder warten. Ich verwende weniger Zeit auf Orthografie und Fingerakrobatik und mehr darauf, meinen Figuren zu lauschen, wie sie sich ins Leben sprechen. Vor allem bin ich näher an der Bedeutung meiner Sprache, wie sie sich durch die innere Stimme des Lesers/Hörers materialisiert."

Weitere Artikel: Ethan Bronner wundert sich über die verquere Parteilichkeit in Jimmy Carters Darstellung des israelisch-palästinensischen Konfliktes ("Palestine Peace Not Apartheid"). Fouad Ajami zweifelt, ob er Pervez Musharrafs "In the Line of Fire" für die Autobiografie eines Staatslenkers oder eines Popstars halten soll. Und Dave Itzkoff hält Michael Crichtons neuesten fiktionalen Wurf (Auszug "Next") für gezielte Desinformation.

Magazinrundschau vom 01.02.2007 - New York Times

Dass wir unsere Memoiren lieber selber schreiben sollten, legt ein Beitrag von Rachel Donadio nahe. Es geht um das Gerangel um Ronald Suresh Roberts' Biografie über die südafrikanische Schriftstellerin Nadine Gordimer ("No Cold Kitchen"). Gordimer wirft Roberts Vertrauensbruch vor, Roberts sieht in Gordimers Einwänden gegen das Buch das Gebaren eines autokratischen Kontrollfreaks: "Roberts beschreibt Gordimer als Verkörperung eines scheinheiligen weißen Liberalismus, der noch in seiner Parteinahme für das schwarze Südafrika paternalistisch bleibt." Für Donadio klingt diese Kritik nicht neu: "Indem Roberts Gordimers Einwände gegen die südafrikanische Aids-Politik kritisiert, verfällt er in eine populistische Rhetorik, die die westliche Medizin als neue Form des Imperialismus begreift."

Weitere Artikel: Joshua Clover bewundert Keith Waldrops Prosafassung von Baudelaires "Blumen des Bösen" für ihren eleganten Umgang mit der komplexen Bildlichkeit. Terrence Rafferty wünscht guten Appetit mit Thomas Harris' "Hannibal Rising", der Vorgeschichte zur Hannibal-Lecter-Reihe. Und Rober Leiter folgt gebannt Kati Martons Nachzeichnung der Lebenswege berühmter ungarischen Juden wie Leo Szilard, Arthur Koestler und Robert Capa (Auszug "The Great Escape").

Im Magazine erinnern Redakteure der New York Times an berühmte Menschen, die im Jahr 2006 verstarben: "The Lives They Lived"

Magazinrundschau vom 19.12.2006 - New York Times

Wieviel sollte ein Milliardär spenden - und wieviel Sie? Unter dieser Überschrift prüft der Bioethiker Peter Singer im Magazin der New York Times, unter welchen Kriterien eine Spende als gerecht angesehen werden kann. Hätten Bill Gates und Warren Buffett nicht locker mehr als zusammen rund 60 Milliarden Dollar stiften können? Immerhin hatten sie dabei keine Hintergedanken, im Gegensatz zu Mutter Teresa. "Interessanterweise wurden weder Gates noch Buffett durch die Vorstellung motiviert, im Himmel für ihre guten Taten auf Erden belohnt zu werden. 'Ich kann an einem Sonntag morgen einiges mehr tun' als in die Kirche zu gehen, sagte Gates einem Times-Reporter... In einem Land, in dem 96 Prozent der Bevölkerung sagen, sie glaubten an eine höhere Macht, ist das eine bemerkenswerte Aussage. Es bedeutet, dass Gates und Buffett wahrscheinlich weniger selbstsüchtig in ihrer Wohltätigkeit sind als Mutter Teresa, die als gläubige Katholikin an Belohnung und Strafe im Jenseits glaubte."

Außerdem: Zev Chafets besucht eine Prediger-Familie, die New Yorks Finanzwelt den Teufel austreiben will. Im Interview mit Deborah Solomon erklärt der Mitbegründer der Zagat-Restaurantführer, Tim Zagat, wie industriell hergestellte Fette unser Leben verändern. Und Tom Mueller stellt einen Mann vor, der Psychogramme von Kunsträubern erstellt und selber ein Auge auf Berninis Ludovica-Statue hat.

Magazinrundschau vom 12.12.2006 - New York Times

Die Schriftstellerin Cynthia Ozick schildert eindrucksvoll ihre ethische Bekehrung durch Leo Baecks Essay "Romantische Religion": "In meiner Jugend stand ich auf 'Weltschmerz, Schwärmerei, Welttrunkenheit', diese entfesselten Wagnerschen Emotionen ... Durch Baecks Revision des romantischen Zaubers - seines Jubels, seiner Trauer und seiner illusorischen Schönheit - erschien mir das alles nur noch abstoßend ... Wo führte das schon hin? Zu Eitelkeit, Größenwahn und ins Delirium. Das war Dionysos. Ich wählte Rabbi Baeck."

Weitere Artikel: Simon Winders Buch über 007 (Auszug "The Man Who Saved Britain") nennt Isaac Chotiner achtungsvoll "geopolitische Kunstkritik". Edward Lewine findet John Grishams Tatsachenbericht "The Innocent Man" über einen authentischen Mordfall und Justizirrtum lange nicht so packend wie Capotes "Kaltblütig". Rachel Donadio porträtiert die einflussreiche Literaturwissenschaftlerin und Lyrikkennerin Helen Vendler. Joel Brouwer empfiehlt neue Gedichte von Frederick Seidel, Erin Belieu u. a. Und Jim Holt blättert vergnügt in Alain de Bottons Buch über glückbringende Bauten (Auszug "The Architecture of Happiness").

Magazinrundschau vom 05.12.2006 - New York Times

Die 9/11-Kommission hat in ihrem Bericht festgestellt, dass die Anschläge vom 11. September deshalb nicht verhindert wurden, weil die amerikanischen Geheimdienste nicht in der Lage waren, ihre Erkenntnisse zu vernetzen. In einem spannenden Report berichtet Clive Thompson, wie die Dienste nun versuchen, in Sachen Informationsfluss auf den Stand gewöhnlicher Teenager zu kommen. So hat die CIA den Galileo Award ausgeschrieben, der erste Preis ging an den Essay von Calvin Andrus, Cheftechnologe beim Center for Mission Innovation der CIA. Spione könnten durchaus einen Nutzen ziehen aus der Schwarmintelligenz, die sich in Blogs und Wikis manifestiert. "In der traditionellen Spionagebürokratie des Kalten Kriegs entschieden Launen der Hierarchie über Leben und Sterben einer Analyse. Befand sich der Analytiker am richtigen Ort in der Hierarchie, konnte sein Bericht über sowjetische Raketen nach oben geschickt werden. Ignorierte ihn sein Vorgesetzter, verschwand er. Blogs und Wikis dagegen arbeiten demokratisch. Erkenntnisse erregen einfach deshalb Aufmerksamkeit, weil jemand sie interessant findet...- egal, was der Vorgesetzte darüber denkt."

Weiteres: Rachel Donadio hat sich in der südafrikanischen Literaturszene umgetan, die ihr ungeheuer lebendig, aber auch sehr fragmentiert erscheint. Deborah Solomon unterhält sich mit dem chinesischen Komponisten Tan Dun über die Arbeiten in den Reisfeldern und die Lieder der Bauern. Und Negar Azimi erforscht die Lage der Homosexuellen in Ägypten.

Die New York Times Book Review hat die zehn besten Bücher des Jahres 2006 erkoren: Angeführt wird die Liste von Gary Shteyngarts "Absurdistan". William F. Buckley jr. findet Martin Gecks Bach-Biografie außerordentlich informativ (wenn auch etwas trocken), allein auch sie kann die Frage nicht beantworten, "was ein halbes Jahrhundert lang den Fluss der Magie aus diesem Mann strömen ließ".

Magazinrundschau vom 28.11.2006 - New York Times

Liesl Schillinger hat sich für die Book Review durch den neuen Pynchon gegraben. "Against the Day" - 1085 Seiten, losgelöst von Raum und Zeit und so witzig wie nie, findet Schillinger: "Pynchon scheinen seine Figuren große Freude zu bereiten. Manchmal ist es allerdings ein grausames Spiel. Er schleift sie durch zwielichtige Vergnügungsparks, von der Weltausstellung 1893 in Chicago (wo Franz Ferdinand auftritt und verzweifelt versucht, die Jagdrechte für den Schlachthof von Chicago zu bekommen) ... zum Wiener Prater, wo zwei seiner Figuren, Cyprian Latewood (ein 'bläßlicher Sodomit' und Geheimagent) und Yashmeen (ein bisexueller Mathematiker, der durch Wände geht) eine Gondelfahrt durch ein venezianisches Wien unternehmen, so wie ein Liebespaar in einem Ophüls-Film."

Eher gravitätisch dagegen erscheint der zweite Teil von Gore Vidals Autobiografie ("Point to Point Navigation", Leseprobe). Ein Abschiedsbuch vermutet Christopher Hitchens: "Diese beinahe schlicht zu nennenden Erinnerungen befassen sich hauptsächlich mit anderer Leute Angelegenheiten (Beerdigungen vor allem) und wecken das Bild eines silberhaarigen alten Löwen im Winter."

Weiteres: Robert F. Worth bespricht Denys Johnson-Davies' umfassende Anthologie arabischer Erzählliteratur ("The Anchor Book of Modern Arabic Fiction", Leseprobe). Und in einem Quiz untersucht Henry Alford die Willkür bei der Wahl von Buchtiteln. Außerdem stellt die New York Times die ultimative Lektüreliste für 2006 ins Netz.

Magazinrundschau vom 21.11.2006 - New York Times

Die Ära der Babyboomer - mit ihren Kulturkämpfen und ihren Extremen zwischen starkem Staat und keinem Staat - nähert sich ihrem Ende, meint Matt Bai im Magazin der New York Times. "Die Meinungsführer in Washington beschreiben die Wahlen immer noch als eine Reihe von Wellen, die abwechselnd die Befürworter des Roten Teams und des Blauen Teams an die Macht schwemmen; nach dieser Theorie kam erst die Woge der Republikaner vor 12 Jahren und jetzt kommt die demokratische Gegenwelle. Tatsächlich aber könnten die Wellen Teil derselben seismografischen Störung sein: der wachsenden Frustration der Wähler mit der Washingtoner Meute beider Parteien, die in den ideologischen Debatten des Jahres 1975 festzustecken scheinen, während der Rest des Landes mächtig mit den Wirtschaftskrisen und politischen Bedrohungen des Jahres 2006 kämpft." Das, so Bai, könnte einen jüngeren Kandidaten an die Macht bringen, der Distanz zum Establishment beider Parteien hält - jemanden wie Barack Obama.

Weitere Artikel: James Traub beschreibt das chinesische Abenteuer in Afrika. Charles McGrath porträtiert den irischen Lyriker Paul Muldoon, der nebenberuflich für eine Rockband textet: "I?m through with hitting the sake / With Kenzo and Miyake / I?m done with Valpol and polenta / With Oscar de la Renta..." John Bowe zeigt im Aufmacher, wie homosexuelle Männer und Frauen die Familie neu definieren. Und Chandler Burr besucht den Parfümeur Christophe Laudamiel, der Süskinds "Das Parfum" "beduftet" hat..