Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

802 Presseschau-Absätze - Seite 58 von 81

Magazinrundschau vom 05.09.2006 - New York Times

Im Magazin der New York Times bezweifelt Ann Hulbert, dass "private Diplomatie" für Amerikaner im Ausland ein probates Mittel ist, um das angeschlagene Image der USA aufzupolieren. Vom betont bescheidenen Auftreten nicht-arroganter, nicht-hässlicher Amerikaner hält sie wenig: "Vor lauter Selbstbeherrschung könnte uns entgehen, wie verwirrend eines anderen Landes eigene Mischung aus Unverschämtheit und glühendem Glauben, aus Offenheit und Missachtung, aus Rückständigkeit und Fortschrittlichkeit und internen Differenzen sein kann. Anzunehmen, wir seien der Hauptgrund für die Identitätskrisen anderer, ist genauso narzisstisch, wie zu glauben, wir allein hätten die Lösungen. Die schmerzhafte und befreiende Wahrheit ist: So wichtig sind wir gar nicht."

Außerdem: Lynn Hirschberg porträtiert die talentierte Charakterdarstellerin Vera Farmiga, für die Hollywood erst noch ein paar anspruchsvolle Rollen schreiben muss. James Traub denkt über Chinas neues Selbstbewusstsein auf dem UN-Parkett nach. Und im Interview mit Deborah Solomon spricht die Frauenrechtlerin Gloria Steinem über ihr neues Projekt eines "all-female" Talkradios mit Jane Fonda.

Zum fünften Jahrestag von 9/11 bespricht die New York Times Book Review Bücher, die sich dem Schrecken auf subtile Weise nähern. So beschreibt Garrison Keillor "Watching the World Change", David Friends Buch über die Geschichten hinter den Fotos, die wir alle kennen, als wichtigen Beitrag zur Wahrheitsfindung: "Fotos können die Fehler der Geheimdienste oder der Stadt New York bei der Koordination der Einsatzkräfte oder bei der Konstruktion des WTC nicht beschreiben. Wenn die Bilder allgemeingültig werden, braucht es Worte, um die Wirklichkeit zu sehen." Hier ein Audiointerview mit dem Autor.

Jonathan Mahler ist da anderer Meinung. Beim Durchsehen des Bildbands "Aftermath" (Leseprobe) von Joel Meyerowitz, der die Aufräumarbeiten auf Ground Zero mit einer antiken Großformatkamera dokumentiert hat, überlässt er sich der Suggestion der Bilder: "Man sieht diese Leute den Schmerz der ganzen Nation schultern, während sie die Trümmer wegschaffen. Der Effekt ist dennoch erhebend. Sie erobern den Ort zurück und geben ihm eine Zukunft."

Weitere Artikel: Gary Giddins gefällt an Simon Callows Biografie über Orson Welles, dass sie das Genie nicht fallen lässt. Und Richard Brookhiser staunt über die geistreichen Randbemerkungen, die der zweite Präsident der Vereinigten Staaten, John Adams, in den 3700 Büchern seiner Bibliothek hinterlassen hat.

Magazinrundschau vom 29.08.2006 - New York Times

Alaa Al Aswanys Roman "The Yacoubian Building" (Leseprobe), ein Gesellschaftsporträt des heutigen Kairo, ist in Ägypten ein Bestseller. Die Verfilmung rief die Zensur auf den Plan, und Lorraine Adams weiß auch, warum: "Das Buch wurde gefeiert wegen seiner tabubrechenden Beschreibung von Homosexualität. Aber schwule Protagonisten gab es schon in den Romanen von Machfus und in ägyptischen Filmen. Was den Erotizismus von Aswanys Roman so provozierend macht, ist vielleicht eher die Art wie er, vergleichbar mit Milan Kunderas 'Buch vom Lachen und Vergessen' die staatliche Tyrannei durch sexuelle Lust und Verzweiflung spiegelt. Aber wo Kundera eine selbstreflexive Erzählform sucht, die das Wesen der Literatur in Frage stellt, ist Aswany (der sein Geld als Zahnarzt verdient) ein sozialer Realist."

Der Fall von John Robert Lennons Roman "Happyland" lässt Rachel Donadio am Mumm der Verlage zweifeln. Lennons Buch über die Allmachtsfantasien einer millionenschweren Puppenfabrikantin wurde von mehreren Verlagen abgelehnt. Grund: Die Hauptfigur hat ein reales Vorbild. Unverständlich, meint Donadio: Nicht nur sei's "selten, dass eine nicht-öffentliche Figur eine solchen Fall gewinnt", die hier Betroffene habe gar keine Lust zu klagen. "Happyland" erscheint nun als Fortsetzungsgeschichte in Harper's Magazine.

Weitere Artikel: Meghan O?Rourke lobt Claire Messuds "The Emperor?s Children" (Leseprobe) als gänzlich unamerikanischen Roman über Amerika. Wyatt Mason vergleicht den zweiten (Leseprobe "Voyage Along the Horizon") mit dem jüngsten ("Your Face Tomorrow") Roman von Javier Marias. Und Adrian Desmond riecht den Bekehrungseifer in David Quammens Darwin-Biografie "The Reluctant Mr. Darwin": Hallo Kreationisten!

Magazinrundschau vom 22.08.2006 - New York Times

Robert Macfarlane hat die undankbare Aufgabe, einen "außerordentlich schlechten" neuen Roman von Irvine Welsh zu besprechen. "The Bedroom Secrets of the Master Chefs", eine Schmuddeladaption von Wildes "Bildnis des Dorian Gray" mit zwei subalternen Restaurantinspektoren in den Hauptrollen, haut mit Wucht in jede Kerbe des schlechten Geschmacks: Tautologien, unreine Metaphern, Fehler ("der Gebrauch des Wortes 'sorgfältig', wo 'vorsichtig' gemeint ist") und verunglückte Doppeldeutigkeiten (Welsh beschreibe die Erektion einer Figur als "sich durch das Material der Hose bohrend", was nahelege, dass der Mann einen ungewöhnlich spitzen Penis habe). Macfarlane kann die Knaller gar nicht alle aufzählen. Klischees ohne Ende, billige Bildlichkeit und, was das Schlimmste ist: "Welsh kann nicht mal richtig übers Trinken schreiben."

Weitere Artikel: Caroline Weber schlüpft in James Sullivans "faszinierende" Kulturgeschichte der Jeans. Terrence Rafferty findet Richard Pevears Neuübertragung von Alexandre Dumas' "The Three Musketeers" so toll, weil sie die Grellheit des Originals bewahrt. Und in einem Essay vergibt Rachel Donadio Sterne für Künstler-Camps in den USA; Kategorien: Arbeit und Sex.

Magazinrundschau vom 08.08.2006 - New York Times

Online lesen dürfen wir schon Michael Youngs höchst informatives Hintergrundstück über das vertrackte politische und konfessionelle System der libanesischen Demokratie, das eigentlich erst in der nächsten Woche im Magazin der New York Times erscheinen soll. Ausführlich beschreibt Young die vergeblichen Versuche der libanesischen Politik, die Hisbollah einzubinden und straft alle israelischen Hoffnungen eine Illusion, die Miliz zu schwächen. "Die große Angst vieler Libanesen ist, dass das Land weder mit einem Sieg der Hisbollah gegen Israel fertig werden würde noch mit ihrer Niederlage. Wenn die Hisbollah diesen Krieg als politische und militärische Organisation einfach nur übersteht, kann sie den Sieg für sich beanspruchen. Das Ergebnis könnte ein größerer Einfluss der Partei auf das politische System sein, dank ihrer Waffenstärke und ihrer Macht über die libanesische Armee, die auf einer erheblichen schiitischen Basis ruht. Dies wiederum würde zu einer Festigung des iranischen und der Wiederherstellung des syrischen Einflusses führen. Eine Niederlage der Hisbollah dagegen, würde von den Schiiten als Niederlage ihrer Gemeinschaft insgesamt angesehen werden und das System bedeutend schwächen."

Weiteres: Übernommen wurde Bernard-Henri Levys Bericht über seine Reise in die Kampfzonen Israels. (Hier die deutsche Übersetzung in der Welt, hier das französische Original in Le Monde). Lynn Hirschberg stellt den 29-jährigen belgischen Modedesigner Olivier Theyskens vor, der nach einer Blitzkarriere arbeitslos wurde, weil er mehr Talent als Selbstvermarktungsgeschick besitzt. Und im Interview mit Deborah Solomon spricht die Mitherausgeberin des Bitch magazine Andi Zeisler über Feminismus in postfeministischen Zeiten.

In der Book Review:  Einen Thriller nennt Dexter Filkins Lawrence Wrights Buch über die Vorgeschichte zu 9/11 (Leseprobe "The Looming Tower"). Wright erwecke ein Personal zum Leben (bin Laden, al-Zawahiri oder den F.B.I.-Terrorexperten O'Neill), von dem Krimiautoren träumen, dokumentiere Unmengen Tonmaterial und lege die Wurzeln islamischer Militanz und die Fehler der Geheimdienste offen. Der Thrill hat aber noch einen Grund: "So erstaunlich diese Geschichte für sich ist, sie ist noch nicht zu Ende."

Sie lesen immer zwei, drei Bücher auf einmal? Joe Queenan liest 25, und er ahnt, warum: "Erst dachte ich, ich sei auf der Suche nach dem richtigen Buch. Falsch. Jedes dieser Bücher ist das richtige. Sie sind alle so gut, dass ich mir Zeit nehme; die schlechten habe ich in ein paar Stunden durch."

Weitere Artikel: Rachel Donadio hält Alexander Stilles Buch "The Sack of Rome" über Berlusconis Italien für eine klare Analyse mit wenigen, verzeihlichen Romantizismen. Und Nick Tosches findet, Alessandro Bariccos Nacherzählung der Ilias (Leseprobe "An Iliad") sei eine Schande.

Magazinrundschau vom 01.08.2006 - New York Times

Noah Feldman stellt zwei neue Bücher vor, die sich der Frage widmen, wie Amerika das Thema "Irak" in den Griff bekommen könnte: "The End of Iraq" (Leseprobe) von Peter W. Galbraith und Fouad Ajamis "The Foreigner's Gift" (Leseprobe). Insbesondere in Galbraiths bereits von führenden US-Demokraten werbewirksam übernommenen Vorschlag eines zweigeteilten Iraks und eines unabhängigen Kurdistans sieht Feldman ein traditionsreiches, "sich in Byrons Liebe zu Griechenland, wie in T. E. Lawrences arabischem Nationalismus widerspiegelndes" Problem: "Auch wenn die Kurden einen Anspruch auf Selbstbestimmung haben, sollte es doch ihnen selbst überlassen bleiben, mehr Autonomie zu fordern als sie gegenwärtig genießen."

Vor zwei Jahren veröffentlichte Chris Anderson seinen Aufsehen erregenden Essay "The Long Tail", in dem er all den bisher unverkäuflichen Backlist-Büchern dank des Online-Handels einen neuen Markt versprach. Denn im Gegensatz zum Einzelhandel ist der Internet-Handel nicht an Quadratmeter gebunden und muss sich nicht auf Bestseller beschränken. Nun hat er seine Theorie zu einem Buch ausgearbeitet, Rachel Donaldio aber immer noch nicht überzeugt. Denn Andersons Theorie ignoriert völlig, so schreibt sie, dass es sich die Verlage nicht mehr leisten können, schlecht verkäufliche Backlists in Druck zu halten: "So weit erkennbar profitieren in dem 'Long Tail'-Szenario nicht die Verleger, sondern die Online-Händler und die Datenbanken."

Weiteres: Will Blythe bespricht das wahrscheinlich eintausendste Buch von T. C. Boyle : "Talk Talk" - ein Thriller! Jim Holt vermisst die griffige These in Deirdre N. McCloskeys Wälzer über Kapitalismus und Moral (Leseprobe "The Bourgeois Virtues"). In einem Essay erklärt Rachel Donadio, was eine Backlist ist und wer davon profitiert.

Im Magazin der New York Times untersucht Rob Walker, wie rebellische Jugend sich heute artikuliert. Nicht zynisch, sondern optimistisch, pragmatisch. Nicht in Kunst oder Musik, sondern als Marke. Strikt nicht-utilitaristisch versteht sich, in der Welt der 1000 Gegenkulturen: "Wenn der Tanz zwischen Subkultur und Mainstream von Kompromissen lebt und jede neue Boheme unternehmerischer ist als die vorherige, ist eine auf Produkten basierende Gegenkultur vielleicht unausweichlich. Vielleicht bedeutet Subkultur, seinen Lebensstil zum Geschäft zu machen, und der alte Gegensatz ist schlicht ungültig."

Außerdem befragt Deborah Solomon den israelischen Schriftsteller A. B. Yehoshua über sein Leben in Haifa. Und Heidi Levine und Stephanie Sinclair fotografieren die gepeinigten Menschen im Libanon und in Israel.

Magazinrundschau vom 25.07.2006 - New York Times

David Margolick hat "Fear: Anti-Semitism in Poland after Auschwitz" (Leseprobe) von Jan T. Gross (mehr) gelesen und stimmt Jan Karskis Urteil von 1940 zu, wonach der Antisemitismus der Nazis "eine Art Brücke bildete, auf der sich die Deutschen und ein großer Teil der polnischen Gesellschaft in Harmonie traf". Doch wie kam es, dass der polnische Antisemitismus nach dem Krieg ungebrochen weiter lebte? "Gross glaubt, die Polen hätten sich schuldig gefühlt: Sie waren so sehr in die jüdische Tragödie verwickelt - (den Nazis) helfend, begünstigend, enteignend - dass der bloße Anblick dieser Wracks, die überlebt hatten, dieser Leute, die das schmutzige Geheimnis der Polen kannten und die ihren Besitz zurückforderten, einfach zu viel für sie war. Darum ermordeten sie die Juden oder verjagten sie." Über diese Theorie kann man streiten, meint Margolick, aber ihm ist das "warum" ohnehin nicht so wichtig wie die Tatsache "dass". Die polnischen Pogrome nach 1945 dokumentiert und erinnert zu haben, ist für ihn das größte Verdienst von Jan T. Gross.

Weitere Artikel: Ben Macintyre empfiehlt aufgeklärten Lesern Pankaj Mishras Buch über Indien, Pakistan und Afghanistan im Strudel der Modernität (Leseprobe "Temptations of the West"). Liesl Schillinger bespricht zwei Romane des literarischen Senkrechtstarters Will Clarke: "Lord Vishnu?s Love Handles" und "The Worthy" (Leseprobe). Und Henry Alford widmet sich in einem Essay der ungemein spannenden Frage: Lesen wir auf dem Klo, weil hier Zeit und Ruhe ist oder weil es "ein symbolischer Akt des Ersetzens dessen ist, um das wir uns erleichtern"? Alford weiß es genau: "Wie die Erstausgaben von Noam Chomsky, die wie zufällig die alten Nummern des Lifestyle-Magazins verdecken, wenn Gäste kommen, so sind die Bücher auf dem Klo genau diejenigen, die der Gast sehen soll."

Im Magazin der New York Times sucht John Hodgman das Erfolgsrezept des asiatischen Horrorfilms. Im Interview mit Deborah Solomon erzählt der Ex-Microsoftler und jetzige Vollzeitphilanthrop John Wood über sein Alphabetisierungsprojekt. Stephen Mihm verfolgt die Spur der weltbesten Geldfälscher und landet bei der nordkoreanischen Regierung. Und Walter Kirn empfiehlt die lässige Atmo der neuen, direkt fliegenden "microjets": "5, 6 Leute zusammen wie bei einer Dinnerparty; Zeit zum Schwatzen und Flirten ... Diese erhabene Gemeinschaft. Dieser erregende Luxus. Fliegen wie ein Vogel. Im Schwarm."

Magazinrundschau vom 18.07.2006 - New York Times

In einem witzigen Essay erkundet Benjamin Kunkel die Metamorphose der Autobiografie. Wo heute Selbstmitleid und Nostalgie die vorherrschenden Schreibhaltungen sind, erklärt er nostalgisch, waren die Romantiker (Wordsworth, Thoreau!) noch richtig revolutionär: "Für sie war die Krise allumfassend: nicht um einen Platz in einer korrupten Gesellschaft ging es ihnen, sondern um eine Seinsform, die es noch nicht gab ... Die säkulare Autobiografie und das Ideal radikaler Demokratie gingen Hand in Hand." Die schlaffen Memoirenschreiber von heute, schimpft Kunkel, lehren uns zwar das Überleben, doch nicht wie man lebt.

Die Alliterationen in Josef Joffes Buch "Überpower" über Amerikas Image als Imperialmacht schicken Roger Cohen glattweg ins Delirium. Hier ein Originalzitat: "'Balance, bond and build,' he advises, invoking Britain's imperial strategy of balancing rival powers and Bismarck's late-19th-century bonding tactics placing Berlin at the hub of European relationships. He identifies a 'Baghdad-Beijing Belt,' sometimes extended to a 'Belgrade-Baghdad-Beijing Belt,' where menacing nationalism and fundamentalism thrive, and contrasts it with a happier 'Berlin-Berkeley Belt' (of which Israel is an honorary member). Only through balancing, bonding and building will the Berlin-Berkeley Belt bulge and the baleful Baghdad-Beijing Belt be bettered." Davon abgesehen hält Cohen das Buch jedoch für "eine wichtige Reflektion über eine Zeit, in der Anti-Amerikanismus die vielleicht prickelndste Idee der Welt ist".

Weiteres: Edward Rothstein findet in Edward Saids posthum kompiliertem Buch "On Late Style" (namentlich solcher Künstler wie Beethoven, Genet und Glenn Gould) leider nichts über Altersweisheit. Jennifer Senior findet Joseph Epsteins neues Buch über die Freundschaft ("Friendship") "anämisch".

Im Magazin der New York Times erzählt Daniel Coyle die unglaubliche Geschichte des Floyd Landis, der mit einer kaputten Hüfte gerade die Tour de France fährt. Mit Coyle spricht Floyd über Schmerz ("nichts, was der reine Wille bezwingen kann") und wie es ihm gelang, als jemand, der keine Treppe hochsteigen kann, zum härtesten Wettkampf der Welt zugelassen zu werden. "Zur Täuschung nahm er einen schulterrollenden, steifen Gang an. Teamkollegen spotteten, er gehe wie ein Rap-Star ... Im Gespräch wurden Codes benutzt. Man sprach von 'seinem Finger' oder 'schlimmen Rücken.'" Momentan hält Landis Platz zwei!
Außerdem: Jon Gertner besichtigt ein Atomkraftwerk und verrät, warum Kernenergie in den USA wieder eine Option ist. Und Ann Hulbert untersucht die Freundschaftsbande der Amerikaner und stellt fest: Der beste Freund ist der Partner.

Magazinrundschau vom 11.07.2006 - New York Times

In einem Essay untersucht Rachel Donadio das neue Umweltbewusstsein der Buchindustrie. Pläne großer US-Verlage zu mehr Recycling und weniger CO2-Ausstoß findet sie jedoch fragwürdig: "Wie grün kann eine Industrie sein, die von gefällten Bäumen und giftiger Tinte lebt und mit strategischer Überschussproduktion?" Besser gefällt ihr das Umwelt-Manifest "Cradle to Cradle" des Öko-Architekten William McDonough und des deutschen Chemikers Michael Braungart. Das Buch ist aus Plastik und Plastik lässt sich viel öfter recyceln als Papier.

Außerdem: Mit Douglas Brinkleys "The Great Deluge" (Leseprobe) und Jed Horns "Breach of Faith" empfiehlt David Oshinsky zwei schonungslos kritische Bücher über Hurrikan Katrina und die Folgen. Lawrence Downes bespricht illustrierte Piratenbücher für Kinder von John Matthews, Eric A. Kimmel und J. Patrick Lewis. Und Dave Itzkoff stellt Science Fiction vor von Charles Stross und Justina Robson.

Im Magazin der New York Times stellt Deborah Solomon eine Schriftstellerfamilie aus Maine vor, die sich nicht einig wird, literarisch gesehen: "Zusammen ergeben ihre Bücher eine Art New England 'Rashomon'. Verschiedene, manchmal einander widersprechende Darstellungen der gemeinsamen Vergangenheit. Und obwohl niemand ihre Romane als autobiografische Schlüsseltexte oder familiäre Abrechnungen lesen würde, lässt die Minots das Thema Kindheit nicht los - als wär's möglich, das Leben neu zu schreiben." Textproben hier, hier und hier.

Und im Interview spricht der Nahostexperte Peter W. Galbraith über sein neues Buch "The End of Iraq: How American Incompetence Created a War Without End" und seine Vision eines dreigeteilten Iraks. Die Titelgeschichte ist den amerikanischen Emigranten gewidmet.
Stichwörter: England, Irak, Recycling, Plastik, Co2

Magazinrundschau vom 27.06.2006 - New York Times

Die Debatte ist eröffnet! In einer leidenschaftlichen Rede vor amerikanischen Buchhändlern, die wir auszugsweise lesen oder komplett anhören können, nimmt John Updike sein Selbstverständnis als Autor in Schutz vor der Vision der digitalen Universalbibliothek, wie sie Google und Kevin Kelly vom Wired Magazine propagieren, auf den sich Updike ausdrücklich bezieht. Anders als Kelly, der den künftigen Autor als Performer sieht, der sein Geld macht mit allem, "was sich nicht kopieren lässt", befürchtet Updike den Rückfall in barbarische Zeiten, "als nur die Gegenwart zählte": "Das gedruckte, gebundene und bezahlte Buch ... ist Schauplatz der stillen Begegnung zweier Seelen, eine der anderen folgend, zum Fantasieren angeregt, zum Disput, zu gemeinsamer Betrachtung jenseits persönlicher Begegnung."

Weitere Artikel: Gründlich verstörend (besonders für US-Leser) findet Jonathan Freedland Noam Chomskys Generalabrechnung mit den USA "Failed States". Marilyn Stasio bespricht "schräge Krimis" von Christoper Fowler, John Hart u. a. Und Luc Sante findet Robert Greenfields Biografie "Timothy Leary" (Leseprobe) fesselnd wie einen postmortalen Roman von Sinclair Lewis.

Fürs Magazin der N. Y. Times untersucht Christopher Caldwell, was sich nach den Bombenattentaten vor einem Jahr in London getan hat. Die Kombination aus verschärfter staatlicher Kontrolle und der Integration lokaler muslimischer Wortführer scheint keine Lösung zu sein: "Die gemeinsame Opposition gegen den Krieg im Irak verstärkt die Bande zwischen radikalen und nicht radikalen Muslimen sowie Teilen der westlichen Linken; dies erschüttert gängige Vorstellungen von Terrorismus." Ein weiteres Problem sieht Caldwell in den aus dem Irak zurückkehrenden Gotteskriegern: "Folgen sie dem Beispiel ihrer afghanischen Kollegen und bringen den Jihad mit nach Hause, wird Britannien es schwer haben."

Ferner: Im Interview mit Deborah Solomon verrät Jack Carter, der jetzt in Nevada für den Senat kandidiert, was ihn von seinem Vater Jimmy unterscheidet ("ich muss nicht immer die Nr. 1 sein"). Und Benoit Denizet-Lewis erklärt, wie die Pharmaindustrie das Suchtproblem in den Griff kriegen will.

Magazinrundschau vom 20.06.2006 - New York Times

Nun ist er da: John Updikes neuer Roman "Terrorist" (Leseprobe) über die Radikalisierung junger Muslime in den USA. Robert Stone schreibt eine etwas lahme Besprechung dazu, als sei das Thema irgendwie schal. Ist es ja aber nicht. Beeindruckt zeigt sich Stone von Updikes Vorstellungskraft, die "glaubhafte" Charaktere und Orte hervorbringe: "Updike kann sich gut hineindenken in die moralische Entrüstung, die dieses Land in den Herzen derer erzeugt, die unterprivilegiert und zugleich überzeugte Traditionalisten sind. Andererseits ist das Buch auch keine endlose Folge von Selbstanklagen." Didaktisch möchte es sein, schreibt Stone, indem es "verschiedene Sichtweisen über die USA und ihr Image" in einem Plot zusammenführt.

Weiteres: Echte journalistische Kleinode sieht Adam Hochschild in John McPhees Porträts von Sattelschlepper- und Kohlenzug-Fahrern (Leseprobe "Uncommon Carriers"). Joe Queenan bespricht Spionage-Geschichten für Teens von Charlie Higson und Anthony Horowitz. Und Harold Bloom hält Rebecca Goldsteins Versuch, Spinozas Philosophie in einen jüdischen Kontext zu stellen (Leseprobe "Betraying Spinoza") für sympathisch, aber wenig ergiebig.

Im Magazin der New York Times untersucht Joe Nocera den Misstrauen erweckenden Wunsch des Tabakriesen Philip Morris nach mehr staatlicher Kontrolle in der Zigarettenindustrie: "Stell' dir vor, alle Hersteller müssten den gleichen Richtlinien folgen, Standards, die Zigaretten einst tatsächlich weniger gefährlich machen könnten. Stell' dir vor, es gibt keine Tabakwerbung mehr und kein Rauchen an öffentlichen Orten ... Und das nicht wegen vereinzelter Verbraucherklagen, sondern aufgrund nachhaltiger nationaler Anstrengung." Was Philip Morris davon haben könnte? Die Chance auf einen besseren Ruf, meint Nocera, und die Möglichkeit, mit harmloseren Produkten, wie rauchlosen Nikotinpräparaten, einen ganz neuen Markt zu erschließen.

Ferner: Chuck Klosterman stellt den Popavantgardisten Brian Burton aka Danger Mouse vor. Und Deborah Solomon interviewt den Komiker Jack Black ("High Fidelity").