Andrzej Stasiuk

Galizische Geschichten

Cover: Galizische Geschichten
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783518413708
Gebunden, 134 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. In Südostpolen, früher ein Teil Galiziens und schon immer zu den ärmsten und rückständigsten Regionen Polens gehörig, findet Andrzej Stasiuk, was er sucht: Bilder aus dem imaginären Alltagsmuseum Mitteleuropas, Geschichten, die er sich in dämmrigen Wohnstuben, in Kirchenruinen und an den Busstationen einer vergessenen Provinz erzählen läßt, Lebensträume und Hoffnungen, die sich gegen die Gewalt einer ganzen Epoche behauptet haben. Ein sympathisierender Blick ruht auf den Gestalten, und auch dem Übernatürlichen und Unwahrscheinlichen verschließt der Autor sich nicht. Stasiuk entwirft Menschen mit sparsamen Strichen und ihr Drama auf wenigen Seiten, unter Verzicht auf jede Erklärung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.02.2003

Ganz verzaubert zeigt sich Rezensentin Kristina Maidt-Zinke von Stasiuks Erzählungen aus dem polnischen Galizien, diesem "von geheimnisvollem Eigensinn vibrierenden Schattenreich" an der Grenze zur Slowakei, das Stasiuks deutschen Lesern durch "Die Welt hinter Dukla" bekannte sein dürfte. Doch in seinen galizischen Geschichten, die im polnischen Original zuerst erschienen, verwandele Stasiuk die Region nicht in einen "metyphysischen Sehnsuchtsort", sondern nähere sich ihr erzählerisch. Dabei, freut sich die Rezensentin, kommt Stasiuks große Begabung zur literarischen Reportage voll und ganz zu ihrem Recht. Stasiuk erzählt in diesen Stücken, schwärmt Maidt-Zinke, von der "Monotonie des stoisch ertragenen Elends", Geschichten zwischen Finsternis und Zwielicht, von Traktoristen, Raupenschleppern, Kioskbesitzern und Dorfhuren, Figuren aus dem Armenhaus Europas ebenso wie aus einer zeitlosen tragischen Commedia. Und das alles in dem leisen, leicht-süchtig-machenden Stasiuk-Ton, den Renate Schmidgall, wie die Rezensentin lobt, "hervorragend" ins Deutsche übertragen hat.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.11.2002

Katharina Döbler findet diese galizischen Geschichten einfach zauberhaft. Andrzej Stasiuk zeichne darin die enge, "verschlunzte" Welt einer ländlichen LPG, in dem der sozialistische Traktorfahrer nicht fehlen dürfe, und in dem, nach dessen symbolischem Tod, auch sein "Gespenst nur wenig aus dem Rahmen der örtlichen Gewohnheiten und Gewissheiten falle". Diese Erzählungen als "eine Art Bauerndrama von Schuld und Sühne", in einer "spezifisch ländlich-polnischen Variante mit viel Katholizismus und sozialistischem Ruin" zu lesen, heiße allerdings, nur einen Aspekt dieser Prosa zu sehen. In den als sukzessive Porträts angelegten Erzählungen um die zyklische Eintönigkeit des Lebens zeige Stasiuk sein Interesse am Menschen, am "Realismus des Partikularen", der die Beschäftigung mit großen Zusammenhängen "höchst spekulativ" geraten lasse. Doch genau da liegt für Döbler der Reiz des Buches: Der Horizont hänge so tief, "dass die Aufmerksamkeit an einem dreckigen Stiefel hängen bleibt". Besonders gefallen haben der Rezensentin die Passagen über die "An- und Abwesenheit des Lichts". Fast wünscht sie sich, die Realität möge dieser Fiktion gleichen: "Man könnte glauben, dass die Welt dort tatsächlich so galizisch, so zauberhaft und so dreckig ist. Aber, realistisch betrachtet, ist nur das Buch so".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.09.2002

Ein großes, fast ehrfürchtiges Lob von Ulrich M. Schmid für die in gänzlich unironischer Art erzählten Geschichten aus der polnischen Provinz. Hier werde fasziniert von "archaischer Kraft" und "mythischer Ursprünglichkeit" berichtet und auch der in ihr steckenden Gewaltsamkeit nicht ausgewichen. Vielmehr scheint eine Bluttat hier "aus tragischer Notwendigkeit vollzogen", und das "Schweigen, Schwitzen und Trinken" ist alles, was eine Stasiuksche Gestalt erlebt und nicht darüber nachdenkt, "weil es nichts nachzudenken gibt". Es wundert einen dann, ehrlich gesagt, wenig, wenn Schmid von einem neuen "Element" des Phantastischen in Stasiuks Prosa berichtet: dem Totschläger beispielsweise, der als "Wiedergänger" auftaucht, und "der als gespenstische Signatur die unreflektierte Sinnlosigkeit des menschlichen Handels anzeigt". Schmid empfindet all das jedoch als "hellsichtige Analyse" und würdigt Stasiuk als das "reflektierende Bewusstsein der südostpolnischen Provinz".
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