Heute in den Feuilletons

Wir brauchen keine Achsen mehr

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.08.2010. In der Jungle World spricht Agnes Heller über die Kontinuität des Antisemitismus in Ungarn. Im Freitag unterhalten sich vier Architekten über Sinn und Unsinn des Stadtschloss-Wiederaufbaus in Berlin. Die FAZ wirft Thilo Sarrazin Rassi... äh, Biologismus vor. In der Zeit sagt Sarrazin: "Ich bin kein Rassist" und stellt dann Thesen über Fertilität und Durchschnittsintelligenz auf. Außerdem feiern wir die Renaissance des Lindy Hop.

Jungle World, 26.08.2010

Im Interview mit Karl Pfeiffer spricht die Philosophin Agnes Heller über den Antisemitismus in Ungarn, der heute stärker sei denn je, der aber durchaus auch im sozialistischen Ungarn gepflegt wurde: "Es gab Antizionismus und eine strenge antiisraelische Politik, man verteidigte offiziell die palästinensische Bewegung gegen das 'imperialistische Israel'. Es war kein traditioneller Antisemitismus, man sprach nicht direkt von Juden, doch auch in der Parteizeitschrift hieß es: Israel ist der Feind, Israel ist aggressiv, Israel ist mit Amerika verbündet, Israel spioniert, Israel nimmt teil an einer Weltverschwörung. Man erwähnte die Juden nicht, doch es war klar, Juden waren gemeint. Wer anti­semi­tisch schreiben wollte, konnte dies tun, allerdings hinter einer antiimperialistischen Maske."

Cord Riechelmann erinnert noch einmal daran, dass das Bienensterben nicht nur ein Kniff in Douglas Couplands neuem Roman "Generation A" ist, sondern Realität: "Etwa jedes vierte Bienenvolk der USA ist zusammengebrochen. Auch hierzulande sind die Bienenvölker etwa um ein Viertel des Bestandes zurückgegangen. Für Finnland, Polen, Griechenland, Dänemark und die Schweiz gelten ähnliche Werte, während in Italien und England sogar ein Drittel der Stöcke abstarb."

Freitag, 26.08.2010

Vier Architekten unterhalten sich über Sinn und Unsinn der geplanten Stadtschlossattrappe in Berlin, darunter Diebedo Francis Kere, der in Burkina Faso Schulen baut - für 50.000 Euro pro Schule (und übrigens mit Christoph Schlingensief zusammenarbeitete). Er sagt: "Man vergisst, dass wir heute nicht mehr im Absolutismus leben. Wir brauchen keine Achsen mehr. Es sei denn, man plant Militärmärsche. Wenn wir in Paris wären, wo am 14. Juli immer noch defiliert wird, da könnte man über Achsen reden. Aber hier gibt es keine Militärparaden."

Die Suhrkamp-Lektorin Katharina Raabe schreibt in eienm Schwerpunkt zur osteuropäischen Literatur aus Anlass des bevorstehenden Literaturfestivals in Berlin: "Die Zuständigkeit der Schriftsteller für die Wahrheit, und sei sie noch so schmerzhaft, diese aus der Epoche der Unterdrückung bekannte Haltung, hat sich in den Ländern Osteuropas nicht geändert."

Außerdem stellt Jörn Dege auf zwei Seiten fünf neue Lyriker aus Leipzig vor. Der Philosoph Volker Gerhardt erinnert in einem Essay an die systemsprengende Kraft des Menschenrechtsbegriffs. Thomas Knauf schreibt den Nachruf auf Christoph Schlingensief. Und Jan Pfaff unterhält sich mit der "liberalen Muslima" Lamya Kaddor.

TAZ, 26.08.2010

Die Kuratorin Cordula Rau hat den Beitrag des Autors Andreas Neumeister "Neverlandia. Wahnsucht und Sehnfried" für den Katalog der am Montag beginnenden Architekturbiennale in Venedig abgelehnt, weil darin das Thema Nationalsozialismus nicht vorkommen solle bzw. weil er zu lang sei. Jetzt druckt ihn die taz, zumal er so schön auf eine Zeitungsseite passt. Thema der Ausstellung ist Sehnsucht. Neumeister hat dazu eine Art Textcollage verfasst: "Deutschland als Gesamtkunstwerk. Im Konvoi fährt ein Architektur- und Wagnerfan rastlos von der Reichskanzlei in der Reichshauptstadt über ein Netz von Reichsautobahnen via Hauptstadt der Bewegung quer durchs Reich zum Obersalzberg, trifft heikle Entscheidungen und fährt schließlich quer durch ein geschlossenes Wahnsystem wieder in die Reichskanzlei in der Reichshauptstadt zurück".

Besprochen werden die Produktion "Soapera" der Choreografin Mathilde Monnier und des bildenden Künstlers Dominique Figarella im Mousonturm Frankfurt, James Bennings Essayfilm "Ruhr" und eine DVD mit Bertrand Taverniers Krimi "In the Electric Mist".

Und Tom.
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Aus den Blogs, 26.08.2010

Bestseller werden immer öfter von Übersetzerteams übersetzt, erzählt Katy Derbyshire in ihrem Blog love german books, damit sie möglichst nah am Originalerscheinungstermin auch in anderen Ländern veröffentlicht werden können. Bei Dan Brown oder zuletzt Jonathan Safran Foer war das so und bei Jonathan Franzens "Freedom" wird es auch so sein: "Meanwhile, Jonathan Franzen's previous translator Bettina Abarbanell has been working with Eike Schönfeld on changing 'Freedom' into 'Freiheit'. It's due for release on 17 September, just over two weeks after the official US publication date. As in the case of Foer's book, the German publishers Rowohlt have chosen excellent translators for the job - but one wonders whether an 800-page novel can be translated excellently by two different people. Won't we be able to see the gaps? Schönfeld gave a couple of clues about the process in an interview with the Hamburger Abendblatt last month, if you read between the lines ..."

Welt, 26.08.2010

Andrea Seibel unterhält sich auf der Forumsseite mit Thomas von der Osten-Sacken von der ungewöhnlichen, Werte wie Demokratie vermittelnden Entwicklungshilfeorganisation WADI, die sich vor allem im kurdischen Nordirak engagiert. Dort wird inzwischen auch offen über die Genitalverstümmelung von Frauen diskutiert, berichtet er: "Alle Informationen bezüglich der Gewalt gegen Frauen sind immer auch ein Indikator für Freiheit. Der Staat lässt dies zu, muss es bei einer sich regenden Öffentlichkeit tun. Unfreie Gesellschaften unterdrücken diese Informationen, etwa Syrien. Daher ist der Nordirak auch nicht über die Maßen brutaler als andernorts, sondern frei, darüber zu diskutieren und zu informieren."

Im Feuilleton plädiert Mateo Kreis, Kurator des Vitra Design Museums in Weil am Rhein für eine bewusstere und nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell orientierte Förderung des Designs in Deutschland. Ulli Kulke erinnert daran, dass Rom mit der Varusschlacht noch nicht endgültig geschlagen war. Berthold Seewald erkennt Zeichen der religiösen Entspannung in der Türkei, wo der mächtige Religionsminister Ali Bardakoglu die Sankt-Paulus-Kirche in Tarsus wieder zu einem Ort des christlichen Kulturmachen will.

Besprochen werden Filme, darunter der Animationsfilm "Mary & Max" des Australiers Adam Elliott und eine Verfilmung des "Kleinen Nick".

NZZ, 26.08.2010

Leopold Federmair stellt Wolfgang Hermanns seiner Ansicht nach zu unrecht übergangenen Roman "Mit dir ohne dich" vor und erkennt darin eine Absage an die Pornografie des Beststeller-Schreibens.

Außerdem besprochen werden Ferzan Ozpeteks Sozialstudie "Mine vaganti", die rumänische Komödie "Police, adjective" von Corneliu Porumboiu, der Auftritt des Lucerner Sinfonieorchesters beim Lucerne Festival. Und Bücher: Jonathan Safran Foers Buch "Tiere essen", Harry Graf Kesslers Tagebuch seiner letzten Lebensjahre, Emmanuel Boves Kurzroman "Schuld", Peter Trawnys Studie "Adyton. Heideggers esoterische Philosophie" und Roland Merks Lyrikband "Wind ohne Namen" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 26.08.2010

Arno Widmann erinnert an Mutter Teresa, die vor hundert Jahren geboren wurde. Sebastian Moll berichtet von den mühsamen Planungen für ein 9/11-Museum am Ground Zero. Claus-Jürgen Göpfert war auf einer Ost-West-Diskussion in Frankfurt. Tanja Kokoska widmet sich in Times mager Roland Koch und McDonalds.

Besprochen werden Richard Linkslaters Film "Ich und Orson Welles", Sylvester Stallones Film "The Expendables", ein Auftritt der Londoner Aktionsgruppe Laboratory of Insurrectionary beim Sommerfestival Kampnagel, die Tanz-Show "Rock the Ballet" in Frankfurt, Emmanuel Boves Roman "Schuld" und Wolfgang Wippermanns Studie "Skandal im Jagdschloss Grunewald" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 26.08.2010

(Via 3quarksdaily) Alan Taylor hat für den Boston Globe Farbfotos aus Süd- und Zentralrussland ausgegraben. Aufgenommen wurden sie von dem Fotografen Sergei Mikhailovich Prokudin-Gorskii, der zwischen 1909 und 1912 mit Unterstützung des Zaren Nikolaus II. eine Erkundungsreise durch das Russische Reich machte. Die Farben sind ganz unglaublich! Hier ein Beispiel:



(Via BoingBoing) Viele Briten sind begeisterte Lindy-Hop-Tänzer, wie der Guardian vor einem Jahr berichtete. Wenn Sie sich fragen, wie genau man das hier



nun tanzt: Der Discovery Channel hat ein Video ins Netz gestellt, das den Lindy Hop in Zeitlupe zeigt. Das macht die Sache wirklich viel, hm, einfacher.
Stichwörter: Boston, Guardian, Nikolaus Ii

SZ, 26.08.2010

Der Reporter Richard Swartz besucht Sarajewo, wo das Leben längst weitergeht, wenn auch nicht unbedingt in für jeden erfreulicher Weise: "'Als Nicht-Muslim hat man es hier schwer', sagt meine kroatische Freundin. Die Christen seien nur zum Vorzeigen da. Sie sind da, um das internationale Ansehen des Landes zu stärken, um die Statistik zu schönen. Im Alltag aber würden Kroaten und Serben diskret verdrängt: 'Sie verlieren ihre Arbeitsplätze oder werden für neue Stellen nicht in Betracht gezogen.' Es hätte nicht so kommen müssen, sagt meine Freundin. Auch in Bosnien sei der Islam ja schon auf dem besten Wege gewesen, sich auf das zu beschränken, was in anderen Gegenden Europas vom Katholizismus oder Protestantismus übrig geblieben sei: eigene Sitten und Gebräuche an hohen Feiertagen oder bei Bestattungen."

Weitere Artikel: Den amerikanischen Streit um Ebook-Rechte, dessen vorläufiger Ausgang keinen eindeutigen Sieger kennt, stellt Andreas Zielcke dar. Jörg Häntzschel hat die amerikanische Fotografenlegende Stephen Shore (Bilder) getroffen, dessen Werk demnächst in Düsseldorf ausgestellt wird. Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler unterhalten sich mit Christian McKay, der in Richard Linklaters "Ich & Orson Welles" (mehr) keinen geringeren als letzteren spielt. Auf der Medienseite porträtiert Gunnar Herrmann den Wikileaks-Gründer Julian Assange.

Besprochen werden drei Schubert-Abende mit dem Bariton Matthias Goerne in Salzburg, das nunmehr eröffnete letzte, die Geschichte Berlins betreffende Kapitel der Dauerausstellung "Topographie des Terrors" (Website), das neue Album "Stories Yet To Tell" der Jazzsängerin Norma Winstone, neue Filme, darunter Franz Müllers Beziehungsgeschichte "Die Liebe der Kinder" (mehr), Dani Levys neue Komödie "Das Leben ist zu lang" (mehr) und Gaspard Noes Trip "Enter the Void" und Bücher, darunter Martin Mosebachs neuer Roman "Was davor geschah" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 26.08.2010

Christian Geyer referiert die wichtigsten Thesen von Thilo Sarrazins heftig umstrittenem Pamphlet "Deutschland schafft sich ab" und lässt keinen Zweifel daran, dass Sarrazins Kernargumente eine unverkennbar biologistische (rassistisch sagt Geyer nicht) Tendenz haben: "Das ganze Buch liest sich wie ein antimuslimisches Dossier auf genetischer Grundlage. Wie ein verdeckt operierender Detektiv versucht Sarrazin, aus 'elementarer Sicht' belastendes Material gegen Türken, Afrikaner und Araber zusammenzustellen. Um den Leser für die Genetik der Intelligenz zu gewinnen, legt Sarrazin die jüdischen Ursprünge der Intelligenzforschung und deren Verbot durch die Nazis dar."

Weitere Artikel: Dirk Schümer kommentiert die politische Lage in den Niederlanden, in denen nun der Rechtspopulist Geert Wilders durch eine Tolerierung quasi mitregieren soll. Für eine medizinische Selbstverständlichkeit hält Oliver Tolmein die nun auch nur sehr eingeschränkt vorgesehene Zulassung von Cannabis-Medikamenten zur Schmerztherapie. In der Glosse stellt Andreas Kilb nach Besichtigung der neuen Ausstellung in der "Topografie des Terrors" klar, dass Lesben anders als Schwule im Dritten Reich nicht verfolgt wurden und das Mahnmal im Berliner Tiergarten, das die Lesben mit darstellt, somit politisch überkorrekt und historisch falsch ist. Andreas Rossmann stellt das Industriedenkmal Sayner Hütte vor, das mit einer Stiftung gerettet werden soll. Von einer Vorlesung von Matthias Goerne und Christoph Eschenbach zu Schuberts "Winterreise" in Salzburg berichtet Patrick Bahners. Über eine geplante Verfilmung des Putschversuchs in Spanien im Jahr 1981 informiert Paul Ingendaay.

Jordan Mejias hat für die Medienseite die Fortsetzung von Spike Lees Katrina-Doku "When the Levees Broke" gesehen, die den Titel "If God Is Willing and Da Creek Don't Rise" trägt.

Besprochen werden die Ausstellung "Une Ville pour l'Impressionisme" in Rouen, das neue Quasi-Album "American Gong", Ray LaMontagnes neues Album "The God Willin' & The Creek Don't Rise" (ja, der gleiche Titel wie bei Spike Lee), Richard Linklaters Film "Ich & Orson Welles" (mehr) und Bücher, darunter der Schwarzmeer-Sammelband "Odessa Transfer" und Bob Willoughbys Fotoband "Audrey Hepburn" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Zeit, 26.08.2010

In einem Streitgespräch verhaken sich Özlem Topcu und Bernd Greiner recht ordentlich mit Thilo Sarrazin über die steilen Thesen seines Buchs "Deutschland schafft sich ab" und die Frage, ob den intellektuellen Defiziten muslimischer Einwanderer mit mehr Bildungsangeboten oder demografisch beizukommen ist. Zum Teil geht es hin und her: "Ich bin kein Rassist" - "Das sagen wir auch nicht, wir fürchten nur, dass es so verstanden wird." Aber dann kommt Sarrazin doch zur Sache: "Die Integrationsprobleme liegen ausschließlich bei den muslimischen Migranten. Die These meines Buch ist: Das liegt offenbar am islamisch-kulturellen Hintergrund. Ich kenne keine andere Erklärung", sagt er dann. Oder: "Wenn die im Durchschnitt weniger Intelligenten eine höhere Fertilität haben, sinkt die Durschnittsintelligenz der Population."

Im Feuilleton erklärt Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkewicz ihr Unbehagen an der digitalen Buchkultur sowie ihre Vorstellungen vom Büchermachen und Verlagswesen: "Wer die Gattungen missachtet, wer aus dem Bericht ein Gerücht macht, aus dem Gedicht einen beliebigen kopierfähigen Datensatz, aus dem Vertrag etwas, das sich ohne Verhandlung überschreiten lässt, wer die Analyse löscht und das Gesetz ignoriert, ist dem Untergang geweiht."

In zwei Nachrufen nehmen Florian Illies und Peter Kümmel Abschied von Christoph Schlingensief. "Der Mann rasselte mit seinen Ketten, zornig über sein blindes Allesdürfen und seine reale Ohnmacht. Er forderte die Köpfe berühmter Politiker, und die Leute lachten." In einem Streitgespräch lässt Hanno Rauterberg den Architekten Christoph Ingenhoven und den Tübinger Grünen-Politiker Boris Palmer über Stuttgarts Bahnprojekt S 21 streiten.

Besprochen werden Matthias Hartmanns "Phädra"-Inszenierung in Salzburg, Richard Linkslaters Film "Ich und Orson Welles", eine Ausstellung des Malers Pavel Feinstein im Osthaus Museum in Hagen, das Album "Bring mich nach Hause" von Wir sind Helden, Schumanns große Klavierstücke in einer Aufnahme von Eric Le Sage, Eric Rohmers Jahreszeiten-Zyklus auf DVD und Bücher, darunter Elisabeth Badinters Streitschrift "Der Konflikt" gegen übertriebene Mütterlichkeit, die von Deutschland nach Frankreich überzuschwappen drohe (Leseprobe) und Roberto Bolanos "Lumpenroman" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).