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Heute in den Feuilletons

Außerdem graupelt es

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.03.2009. Die FAZ fragt: Ist noch ein Kraut gegen die Google Buchsuche gewachsen? Und eines gegen Grace Jones? Die taz weiß, warum die Journalisten nicht vor der Finanzkrise warnten: sie waren einfach nicht kompetent. In der Zeit verbreitet Roger Norrington Bad Vibrations. Die Blogs stricken Pullover für Legehennen. Die Welt ist froh: Christian Ströbeles Aktion "Waffen für El Salvador" hat's doch noch gebracht.

FAZ, 19.03.2009

Etwas ratlos steht Hannes Hintermeier vor dem "Google-Dilemma" und beschreibt die Digitalisierung von Büchern durch Google als eine Art geistiges Raubrittertum, das Autoren und Verlage mit dem "Google Book Settlement" vor vollendete Tatsachen stellt und sie dann zu einer "Einigung" zwingt. "Mit den Urheberrechten gebe man, so der Schriftsteller Thomas Hettche, auf, wofür man Jahrhunderte gekämpft habe. Aber derselbe Thomas Hettche räumt auch ein, dass er sich mit dem Google-Vergleich noch nicht beschäftigt habe. So dürfte es derzeit den meisten Autoren hierzulande gehen. Die Schriftstellerin Petra Morsbach dagegen hat entschieden: 'Ich werde die Opt out-Klausel nicht ziehen. Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Passiv, als Nutzerin von Google, profitiere ich bereits davon.' Da ist es wieder, das Google-Dilemma." Ob die VG Wort die Autoren im Internet besser vertreten wird, wie Hintermeier nahelegt? Ilja Braun hat dazu kürzlich im Tagesspiegel einige Zweifel angemeldet.

Gestern französische Sängerinnen, heute Grace Jones - welches Kraut rauchen FAZ-Kritiker vor Konzerten, hm? Till Krause hat nach dem Jones-Konzert in Berlin eine Fritz-Lang-Vision: "Auf dem Heimweg, das angestrahlte Tempodrom liegt bereits hinter einem, reißt in der Phantasie die Erde auf, und eine godzillagroße Grace Jones steigt aus dem Asphalt empor, das Vulkan-Dach des Tempodroms als Hut tragend, ein Heer aus tanzenden Menschen folgt ihr nach, wie sie, im Viervierteltakt stampfend, in die Berliner Nacht verschwindet."

Weitere Artikel: Wirtschaftskrise? Der Schweiz geht's gold, meldet Jürg Altwegg in der Leitglosse: "In der Goldschmiede von Mendrisio, wo die berühmten Barren hergestellt werden, laufen die Schmelzöfen auf Hochtouren. Die Nachfrage hat sich verdoppelt." Jordan Mejias amüsiert sich bei der Met-Gala. Andreas Rossmann lauscht auf der lit.cologne dem Gemurmel von David Lodges fast taubstummem Helden, der "den Kopf tief in das Dekollete einer amerikanischen Doktorandin senkt". Venezuelas Nationalgalerie hat seit November darauf gewartet, ihre fix-und-fertige neue Dauerausstellung eröffnen zu dürfen, heute hat Hugo Chavez Zeit dafür, berichtet Josef Oehrlein, der schon mal gucken durfte. Gerhard Rohde schreibt zum Tod des Pianisten und Dirigenten James Avery. Eine Meldung informiert uns, dass Joachim Kaiser sein Privatarchiv Marbach übergeben hat.

Auf der Filmseite schreibt Michael Althen zum Tod des Schauspielers Ron Silver. Kulturstaatsminister Bernd Neumann verteidigt im Interview die Zwangs-Filmtheaterabgabe, gegen die einige Kinobetreibern geklagt haben: "In Wahrheit geht es doch um den Kinofilm! Die Kinobesitzer sind dabei, den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen." Auf der Medienseite empfiehlt Jochen Hieber den am Freitag von Arte ausgestrahlten Film "Heute trage ich Rock!", in dem Isabelle Adjani als Lehrerin ihre Schüler mit vorgehaltener Pistole dazu zwingt, sich den ollen Moliere anzuhören (mehr hier).

Besprochen werden die Ausstellung "Bogdan Bogdanovic - Der verdammte Baumeister" im Architekturzentrum Wien (der Titel "spielt an auf Claude-Nicolas Ledoux, einen historischen Wesensverwandten: Der Klassizist und Utopist war nach der Französischen Revolution 1789 durch das neue Regime zur Untätigkeit gezwungen worden und hatte sich deshalb fortan als architecte maudit betrachtet", schreibt Reinhard Seiss) und Bücher, darunter John Dickies "Delizia! Die Italiener und ihre Küche" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 19.03.2009

Auf der Medienseite erklärt Ulrike Winkelmann, weshalb die meisten deutschen Journalisten erst über die Wirtschaftskrise berichtet haben, als sie nicht mehr zu übersehen war: ökonomischer und wissenschaftlicher Kompetenzmangel. Die Wirtschaftspresse unterliege besonderen Gesetzen, "Bad news are good news" gelte hier nicht und Wirtschaftszeitungen pflegten risikofreudiges Unternehmertum ausführlich zu loben. Sebastian Dullien, ehemaliger FTD-Redakteur, jetzt Professor für Allgemeine Volkswirtschaftslehre, jedenfalls meint: "'Eine ganze Reihe von Journalisten ist nicht dafür qualifiziert, Bilanzen zu lesen.' Dass in den Bilanzen der Banken Zeitbomben tickten, war nun noch nicht einmal den Bankenaufsichten aufgefallen. Doch Journalisten 'ohne vernünftige wissenschaftliche Ausbildung' seien ihren Informanten, den Analysten, ausgeliefert und 'neigen zu Anpassungsverhalten', sagt Dullien."

Im Kulturteil berichtet Natascha Freundel über eine Reise zur Eröffnung des neuen Goethe-Instituts in Nowosibirsk und die dortige quirlige Kulturszene. Der Sänger Will Oldham, der derzeit unter dem Pseudonym Bonnie Prince Billy auftritt, erläutert im Interview die Vorteile eines Alter Ego. Besprochen werden ein Berliner Konzert von Grace Jones ("Erwachsene Menschen drängen sich nach vorne, um die Dame mit den Beinen bis zum Hals und beneidenswertem Po - nicht selten an einer Strip-Stange räkelnd - aus der Nähe zu sehen", staunt Maurice Summen), eine Ausstellung der Arbeiten der Nominierten für den diesjährigen Deutsche Börse Photography Prize in der Photographers Gallery in London und Stefan Ripplingers Essay "I can see now. Blindheit im Kino" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Und Tom.

Aus den Blogs, 19.03.2009

Via Jezebel. Auf diese Idee kann nur kommen, wer nicht den ganzen Tag vor dem Bildschirm hängt: Eine Frau aus Oxford strickt Pullover für Legehennen, die ihre Federn verloren haben. "When I saw these poor battery hens without any feathers, I thought I'd give it a try." In den Niederlanden wirbt ein Fitnessclub an Bushaltestellen mit Anzeigentafeln, die öffentlich Ihr Gewicht anzeigen, wenn Sie sich auf die Bank setzen (Bild). Und Hortenses Kritik des Britney-Spears-Konzerts sollte man auch lesen.

Der Defamer bringt einen Nachruf mit einigen Videos auf die Schauspielerin Natasha Richardson, die im Alter von 45 Jahren nach einem Skiunfall gestorben ist. Und Huffington Post hat eine Bilderstrecke zusammengestellt, die sie seltsamerweise ausschließlich an der Seite ihres Ehemanns Liam Neeson zeigt.

Pierre Assouline singt in seinem Literaturblog auf lemonde.fr eine Hymne auf den Resistant Klaus Mann, dessen politische Schriften in Frankreich erscheinen: "Nur eine Zeile von ihm: Man diniert nicht mit dem Teufel, und sei es mit sehr langem Löffel. Nicht der geringste Kompromiss, nicht das leiseste Bedauern. Hätte das Dritte Reich wie vorgesehen tausend Jahre gedauert, so hätte es in ihm einen Feind für tausendundein Jahr gehabt. Nur wenige französische Intellektuelle jener Zeit haben seine Widerstandkskraft."

Von nun an geht's bergab, meint Andreas Göldie in Netzwertig zu Facebook und Twitter: "Die aktuelle Medienhysterie um Twitter und die Welle von Mainstream-Prominenten, die plötzlich einen Twitter-Account haben, deutet stark auf den Höhepunkt des Hypes rund um den rasant wachsenden Microblogging-Dienst hin. Aber Twitter ist strukturell noch gefährdeter als Facebook, weil es schon immer ungeordnet und chaotisch war. Es droht unter seinem eigenen Gewicht zusammenzubrechen."

Nerdcore bringt ja immer die seltsamsten Videos. In diesem hier spielen leuchtende Schafe Pong, das Videospiel.


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Welt, 19.03.2009

Autor Marko Martin wundert sich, dass der historische Wahlsieg der Linken in El Salvador von Europas Linke überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wurde: "Man reibt sich die Augen und fragt sich, ob womöglich auch für politisches Engagement das berühmte Diktum des Popstars Falco gilt: 'Wer sich an die Achtzigerjahre erinnert, hat sie nicht erlebt.' Dritte-Welt-Läden, die Bücher aus dem Peter-Hammer- und dem Lamuv-Verlag, Unterschriftenlisten und Solidaritätskonzerte mit der üblichen 'Guantanamera'- und 'El condor pasa'-Folklore, Ernesto Cardenals weihevoll-revolutionäre Pose, Christian Ströbeles Waffensammeln für eben jenes El Salvador (im Rückblick die wohl am wenigsten törichte Handlung dieses Vollblut-Ideologen), dazu Günter Grass' und Henning Scherfs Reisen in ein arg idealisiertes Nicaragua ..."

Matthias Heine kann der Meldung Positives abgewinnen, dass Google News mit den Agenturen direkt zusammenarbeiten will: "Die Konsequenzen für manche Internetmedien könnten fatal sein. Denn gerade bei den Großen macht der Klickverkehr, der durch die Verlinkung bei Google News auf ihren Seiten landet, oft ein Drittel des Gesamtaufkommens aus. Bisher gab es gerade deshalb ein Wettrennen in den Redaktionen, wer seine Fassung der Agentur-Meldung zehn Sekunden schneller online stellt als die Konkurrenz. Wenn irgendwann einmal alle Nachrichtenagenturen direkt bei Google News präsent sind, wäre damit dieser Art Journalismus die Grundlage entzogen."

Weiteres: Eckhard Fuhr denkt über Waffen in der Demokratie nach und möchte sich den Staatsbürger auch bewaffnet vorstellen, den Privatbürger aber nicht unbedingt - und wenn, dann ohne Patronen. Hanns-Georg Rodek befragt Kulturstaatsminister Bernd Naumann zum Streit um die Filmförderung, der neu entbrannt ist, seit die Kinos ihre Pflichtabgabe nur noch unter Vorbehalt zahlen. Peter Dittmar meldet, dass vor der chinesischen Küste nahe der Stadt Shantou ein mit alten Porzellanen beladenes, vierhundert Jahre altes Wrack entdeckt wurde.

Besprochen werden die Konzerte von Grace Jones' erster Tournee seit 19 Jahren, Nury Bylge Ceylans türkischer Film "Drei Affen" und Mario Barths Klamotte "Männersachen".

Spiegel Online, 19.03.2009

Christian Stöcker sieht das Abkommen zwischen Google und den Nachrichtenagenturen für Google News kritisch: "Die Agenturen, die das Rohmaterial für die maschinengenerierte Nachrichtenseite liefern, werden nun also entlohnt, über Verträge mit den Suchmaschinisten. Die Redaktionen aber, die aus dem Rohmaterial Nachrichtenangebote machen, die sichten, sortieren, gewichten und einordnen, liefern ihre Arbeitsleistung unfreiwillig und kostenlos ab."
Stichwörter: Google, Google News

Tagesspiegel, 19.03.2009

Sonja Pohlmann liest eine in Berlin vorgestellte Studie des Medienwissenschaftlers Hans Mathias Kepplinger zur Frage, wieviel Einfluss Journalisten auf die Politik nehmen. Viel, so scheint es: "Das gilt insbesondere für die Hauptstadtjournalisten. Auf einer Skala von 0 bis 10 gaben sie im Durchschnitt mit 5,47 Punkten an, wie stark Medien Einfluss auf den politischen Betrieb ausüben sollten. Den Ist-Zustand bewerteten die Korrespondenten allerdings mit durchschnittlich 7,04 von 10 Punkten. Damit nimmt ein großer Teil der Hauptstadtjournalisten offenbar an, dass sie bereits spürbar in das politische Geschehen eingreifen. Kepplingers Fazit: 'Der Journalismus in Berlin ist selbstbewusst und aggressiv.' Die Medienvertreter in Berlin würden deutlich offensiver in der Politik mitregieren wollen, als Politiker nach Wegen suchten, ihre Macht in den Medien geltend zu machen."
Stichwörter: Berlin, Journalismus

FR, 19.03.2009

Neunzig Jahre Bauhaus, und was haben wir davon? Eine vermurkste Erinnerungskultur!, klagt Oliver Herweg. "Und das nicht etwa, weil wir so viel wüssten über die einflussreichste Wirkstätte der Moderne, in der mittlerweile jeder Türdrücker zerlegt und jeder Farbanstrich zu einem Forschungsprojekt mit anschließender Monographie avancierte, sondern weil wir im Gegenteil viel zu wenig erlebt haben von den Ideen, die zwischen Weimar, Dessau und Berlin verhandelt wurden, bevor sie nach der Machtübertragung an Hitler ihren Siegeszug um die Welt antraten. Deshalb gleicht das Bauhaus heute einem wabernden Klischee aus Stahlrohrrahmen, Primärfarben und rechten Winkeln, das zweitklassige Einrichtungshäuser auf Einladungskarten drucken und mit dem gescheiterte Designer als Wohnexperten im Bauhausstil auftreten."

Weiteres: Daniel Kothenschulte unterhält sich mit Danny Boyle über die "romantische Armut" in seinem oscarprämierten Film "Slumdog Millionär". Hans-Jürgen Linke spricht mit dem Komponisten Peter Eötvös über dessen Oper "Angels in America", nach Tony Kushners Broadwaystück. Auf der Medienseite berichtet Ralf Siepmann, dass dem ORF das Geld ausgeht und Österreichs einzige öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt deswegen zum Spielball der Politik wird.

Besprochen werden die Kirchenoper "Die Jünglinge im Feuerofen" in Heidelberg, Rebekka Krichels Inszenierung von "Das Ding aus dem Meer" am Staatstheater Kassel, der Animationsfilm "Desperaux" und Michael Collins' Roman "Nicht totzukriegen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 19.03.2009

Zur Eröffnung des neuen Goethe-Instituts reiste Andreas Breitenstein nach Nowosibirsk, das einen enormen Aufschwung erlebt und mittlerweile zur drittgrößten Metropole Russlands avanciert ist: "Während auf dem Platz vor dem Gebäude ein übergroßer Lenin im ironischen Schein der Nokia-Reklame ausharrt, steht unweit davon, mitten auf dem Krasnyi-Prospekt, wo einst Stalin aufragte, seit 1993 wieder jene orthodoxe Kapelle, die einst den 'Mittelpunkt Russlands' markierte. Von vollendeter Eleganz schließlich, wie junge Russinnen mit asiatisch angehauchten Gesichtern in Pelz und Stilettos dem betondicken Eis auf den Trottoirs Paroli bieten. Lastendes hat man in Sibirien erwartet, nicht aber solche Leichtigkeit."

Weiteres: Joachim Güntner erinnert an den malaysischen Ursprung des Wortes "Amok!", ein Schlachtruf und Bekenntnis von Kriegern, ihr Letztes zu geben und betrachtet den heutigen, gewandelten Amoklauf: Kein Töten im Affekt, sondern kaltblütige Planung, das Schießen auf Autopilot und der heroische Tod am Ende.

Besprochen werden Filme, unter anderem der zweite Kinofilm des Schweizers Micha Lewinsky "Die Standesbeamtin" (der für Alexandra Stäheli nicht zu der Kategorie romantische Komödie gehört, in der "unsere letzten armen Hirnzellen in einer Mühle von Klischees zermartert" werden), und Bücher, darunter Jiang Rongs chinesischer Bestseller "Der Zorn der Wölfe" (den Ludger Lütkehaus gleichzeitig für groß, grausam und problematisch erachtet), ein Buch von Alois Maria Haas über den Mystiker Nikolaus von Kues und die illustrierte Anthologie "Frauen, die wir liebten" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 19.03.2009

Erika Steinbach und ihre polnische Gegenspielerin Dorota Arciszewska-Mielewczyk machen den gleichen Fehler, ärgert sich Jens Bisky, der seine eigene Vorstellung von einem Zentrum gegen Vertreibungen hat. "Derzeit schnurrt die Geschichte der Vertreibungen zu einem deutsch-polnischen oder deutsch-tschechischen Streitfall zusammen. Das war sie auch, aber nur halb. Wer von Stalin nicht reden will, der soll von den Vertreibungen schweigen. Von Teheran, Jalta und Potsdam wäre zu reden, von Großmachtinteressen und der Aufteilung der Einflusssphären. Die Briten haben später bereut, dass sie den Sowjets weitgehend freie Hand in Polen ließen, aber sie haben zugestimmt. Die Westausdehnung band Nachkriegspolen enger an die Sowjetunion, auch das ein Ziel Stalin'scher Politik. Doch die Ideen des Bevölkerungstransfers, der 'Umvolkung' stammten nicht aus bolschewistischen Hirnen. Sie waren nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt worden. Spätestens mit Versailles hätte eine Ausstellung über Vertreibungen im 20. Jahrhundert zu beginnen."

Alex Rühle stürzt in einen Abgrund, nachdem er mit dem indischen Schriftsteller Kiran Nagarkar "Slumdog Millionär" gesehen hat: "Als ein gemeinsamer Freund beschwingt zu Nagarkar sagt, 'mir hat's gefallen', schaut der ihn mit geradezu versteinertem Gesicht an: 'Schön für Dich.' Oha. Beklommenes Herumstehen in der Winterkälte. Wir beiden versichern einander mit halblauter Stimme, dass es doch okay war, klar, ein Märchen, aber gutgemacht, aber fühlen uns dabei schon so, als hätten wir irgendwas grundlegend falsch gemacht. Außerdem graupelt es."

Weitere Artikel: Michael Knoche, der Leiter der Anna-Amalia-Bibliothek, will jetzt endlich ein paar Lehren aus den letzten Unglücken gezogen wissen: "Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe muss in die Lage versetzt werden, die Verfilmung von national wertvollem Archiv- und Bibliotheksgut auszubauen. Gleichzeitig müssen Strukturen für die Restaurierung des schriftlichen Kulturguts jenseits der einzelnen Institutionen aufgebaut werden. Wir brauchen ein nationales Programm zur Erhaltung der Originale." Stefanie Sonnentag hat eine Schrift des Vulkanologen Giuseppe Mastrolorenzo gelesen, der die Szenarien aller Vesuvausbrüche der Vergangenheit beschrieben hat - damit die Italiener wissen, was ihnen bevorsteht und einen Evakuierungsplan anlegen können (mehr und Bilder hier. Das 18. Jahrhundert kann uns einiges über Amokläufer lehren, meint Gustav Seibt und empfiehlt Schillers "Der Verbrecher aus verlorener Ehre" und Karl Philipp Moritz' "Anton Reiser". Eine Meldung informiert uns über die Auswahl für die 34. Mülheimer Theatertage.

Auf der Seite 3 macht Philipp Selldorf die Kölner Gemütlichkeit für den Einsturz des Stadtarchivs verantwortlich. Und Thorsten Schmitz stellt uns Achinoam Nini und Mira Awad vor, die eine Israelin, die andere Araberin, die als Duo Israel mit "There must be another Way" beim Eurovision Song Contest vertreten und dafür ausgerechnet von linken Israelis und israelischen Arabern angegriffen werden: "Eine Petition macht die Runde in Israel, in der prominente und weniger prominente Linke und israelische Araber die Sängerinnen auffordern, den geplanten Auftritt bei der Eurovision in Russlands Hauptstadt abzusagen. Nini und Awad vermittelten einen 'falschen Eindruck von Israel', denn tatsächlich gebe es gar keine 'echte Koexistenz'. Israels 1,3 Millionen Araber seien 'Bürger zweiter Klasse' und stünden eben nicht im Rampenlicht."

Hier ein Interview mit den beiden, oh, und die Dunkle ist die Israelin, die Rotblonde die Palästinenserin:



Besprochen werden Nuri Bilge Ceylans Familiendrama "Drei Affen" (von Susan Vahabzadeh sehr gelobt, dazu gibt's ein Interview mit dem Regisseur), Felix Moellers Film "Harlan - Im Schatten von Jud Süß", die Ausstellung "Gute Aussichten" mit Foto-Arbeiten aus 39 Kunsthochschulen in Stuttgart und Bücher, darunter T. J. Englishs - bisher nur auf Englisch erschienenes - Buch "Havana Nocturne. How the Mob Owned Cuba - And Then Lost It to The Revolution" und Philipp Sarasins "Darwin und Foucault" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Zeit, 19.03.2009

Im Interview mit Claus Spahn votiert der Dirigent Roger Norrington noch einmal für die historische Aufführungspraxis und gegen das Vibrato und hadert mit dem deutschen Musikbetrieb: "Gucken Sie sich das deutsche Opernsystem an: Wenn Sie als zweiter Kapellmeister in der Karriere weiterkommen wollen, müssen Sie den 'Fidelio' genau so dirigieren, wie der Generalmusikdirektor es vormacht. Da können Sie keine eigenen Vorstellungen einbringen, sonst gerät der ganze Laden in Aufruhr. Ich frage mich: Ist das womöglich der Grund dafür, dass es im Moment so wenig gute deutsche Dirigenten gibt? Wo sind sie?"

Weiteres: Evelyn Finger ärgert sich - einen ganzen Aufmacher lang - über den ZDF-Dreiteiler "Krupp", der den guten alten Wirtschaftseliten huldigt: "Ein Triptychon von heiliger Einfalt und nationaler Größe." Jens Jessen weist in der Randspalte darauf hin, dass er und die Literatur schon immer wussten, dass "der Untergang des Sozialismus nicht die demokratische Gesellschaft bringen wird, sondern eine "Regression zu ältesten Feudalverhältnissen". Michael Naumann stellt klar, dass Kanzlerin Merkel mit ihrem "etatistischen Kurs" keineswegs konservative Grundwerte verrate. Der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl erklärt im Interview mit Thomas Assheuer, dass es für Amokläufe keine hinreichenden Gründe gibt, höchstens "diffuse Motive". Hanno Rauterberg schreibt zum Tod der Konzeptkünstlerin Hanne Darboven.

Besprochen werden Christian Petzolds Theaterdebüt mit Schnitzlers "Der einsame Weg" in Berlin und die Klanginstallation "The Murder of Crows" von Janet Cardiff und George Bures Miller im Hamburger Bahnhof in Berlin.

Auf der Meinungsseite sieht der Soziologe Ulrich Beck die große Stunde der "kosmopolitischen Realpolitik" gekommen: "Wenn es die Europäische Union nicht gäbe, müsste sie heute erfunden werden. Am Beginn des 21. Jahrhunderts gefährdet die EU nicht die nationale Souveränität, sondern ermöglicht diese erst. In der Weltrisikogesellschaft sind isolierte Nationalstaaten weder handlungsfähig noch überlebensfähig, noch souverän."