Außer Atem

Berlinale 6. Tag

Von Thekla Dannenberg, Lukas Foerster, Thomas Groh, Ekkehard Knörer
11.02.2009. Eine zirzensische Tour de Force unternimmt Sean Penn in Gus van Sants "Milk". A la tete de Mehmet zielt Isabelle Adjani in Jean-Paul Lilienfelds "La journee de la jupe". Ivy Hos "Claustrophobia" erzählt vom sang- und klanglosen Ende einer Liebe im Auto. Chen Kaiges "Forever Enthralled" porträtiert den Künstler als Leerstelle. Hinter den idyllischen Bildern von Ichii Masahides "Naked of Defenses" rumort Grausiges.
Zirzensische Tour de Force: Sean Penn in Gus van Sants "Milk" (Panorama)

Das Ungewöhnliche an Gus van Sants Film über den Schwulenrechte-Aktivisten Harvey Milk ist, wie sehr sich der zu Experimenten aller Art fähige Regisseur hier an die Regeln des ganz gewöhnlichen Hollywood-Biopic hält. Dazu gehört, um das Leben als Film geschlossen zu kriegen, ein Rahmen: Harvey Milk (Sean Penn) diktiert, von Todesahnungen bewegt, Erinnerungen ins Tonband und wird dabei von Rückblenden unterbrochen, die die Erinnerungen in Bild und Ton illustrieren.



An Harvey Milks vierzigstem Geburtstag beginnt der Film. Auf der Treppe zur U-Bahn quatscht der einen Mann an, nimmt ihn mit nach Hause und beschließt bald darauf, sein Leben zu ändern. Die beiden ziehen als Paar ins Castro-Viertel von San Francisco, Milk eröffnet, sehr zum Widerwillen der schwulenfeindlichen Ladenbesitzer in der Gegend, ein Foto-Geschäft. In diesem Widerstand lokalisiert "Milk" den Ursprung des Aktivismus, der Harvey Milk einige Jahre und viele Kämpfe und eine Wahlbezirksumverteilung später zum ersten offen schwulen Politiker im Parlament einer US-Großstadt machen wird. Den Weg dahin rekonstruiert der Film. Mehr will er nicht tun, nur eine Erfolgsgeschichte erzählen, deren blutiger Ausgang allen bekannt ist. Keine Experimente. (Oder fast keine. Aus heiterem Himmel gibt es mitten im Film einen hinreißenden Split-Screen-Flickenteppich aus ineinander gewirkten Kleinbildern. So schnell, wie das kommt, geht es wieder. Es ist ein wenig wie damals in seinem ostentativ unoriginellen "Psycho"-Remake, in das Gus van Sant seine eigene Signatur explizit nur an ganz wenigen Stellen des Films zwischen die nachgebauten Bilder schmuggelte.)



Wie es die Regeln des Biopic, denen zu folgen van Sant nun mal beschlossen hat, vorschreiben, werden die Stationen von Milks Leben Punkt für Punkt abgehakt. Damit ist, durchaus auch genretypisch, eine Privatisierung des Politischen verbunden. Milk, der eine Symbolfigur der Schwulenbewegung war, wird hier zu ihrer Verkörperung - soll heißen: Was darum herum passierte, kommt in weiten Teilen gar nicht vor. Dazu passt, dass die Widerstände gegen ihn in der Figur seines späteren Mörders Dan White (Josh Brolin) psychologisch, nicht sozial oder politisch gefasst werden. Der Film deutet White, einen Kollegen Milks im Stadtparlament, als heimlichen Schwulen, der dem Konkurrenten nicht nur - was der Auslöser der Tat sein wird - einen Führungsposten neidet, sondern ihn als prinzipielle Bedrohung seiner mit aller Kraft aufrecht erhaltenen Fassade begreift. So plausibel diese Deutung sein mag, so - für den Film exemplarisch - kurz greift sie doch, wenn es um den politischen Kontext der amerikanischen Schwulenbewegung geht.



Das alles wäre noch langweiliger, als es bei aller Eleganz im Grund ist, wäre da nicht Sean Penn. Wer einmal Aufnahmen des echten Harvey Milk gesehen hat, wird Penns schauspielerische Leistung mindestens als zirzensische Tour de Force einer staunenswerten Anverwandlung bewundern können. Es ist aber mehr als das. Virtuos entfaltet Penn nämlich die nuancenreiche Skala einer Persönlichkeit, die zwischen Engagement, Menschenliebe und Narzissmus nie auf einen einzigen Ton oder Punkt zu bringen ist. Penns Darstellung widersetzt sich den öden Erklärungsversuchen der Biopic-Mechanik nicht - aber sie weitet den Film doch nach innen und eröffnet da einen Schauplatz, der mehr Tiefe und feine Verläufe und Tiefenschärfen hat als das konventionelle Spektakel, dessen Zentrum diese Figur ist.
Ekkehard Knörer
Gus van Sant: "Milk". Sean Penn, Emile Hirsch, Diego Luna, Josh Brolin, James Franco. USA 2008, 128 Minuten. (Alle Vorführtermine)


A la tete de Mehmet zielt Isabelle Adjani in Jean-Paul Lilienfelds "La journee de la jupe" (Panorama)

Fünf Jahre ist es her, seit Isabelle Adjani zuletzt in einem Film aufgetreten ist, ihre letzte große Rolle hatte sie 1994 als Königin Margot in der "Bartholomäusnacht". In Jean-Paul Lilienfelds Schuldrama "La journee de la jupe" spielt sie eine überforderte Lehrerin und dieser Lehrerin sieht man an, wie viel Frust sie in den vergangenen Jahren heruntergeschluckt hat: Isabelle Adjani, die fatale, die zarte Schöne, ist moppelig geworden.



Sie spielt die Lehrerin Sonja Bergerac, die an einem dieser üblichen aufreibenden Tage in der Pariser Banlieue die Nerven verliert, sich die Waffe schnappt, die einer ihrer Schüler in seinem Rucksack hatte und die ganz Bande als Geisel nimmt: Einmal Kontrolle haben über diese Egomanen, die sich für nichts und niemanden interessieren, immer nur die Klappe weit aufreißen, aber sofort zu jammern anfangen, wenn sie mal gefordert sind. Mit der Pistole in der Hand bläut sie diesen Heulsusen Moliere ein und versucht es auch mit einem bisschen Anstand, aber das ist schon schwerer. Zugleich liest sie dem Geißelbefreiungskommando die Leviten und treibt der zuständigen Ministerin ein paar Flausen über den Zustand des Feminismus aus: Als Bedingung für die Freilassung der Geiseln fordert Bergerac die Einführung eines Tages im Jahr, an dem die Mädchen im Rock zur Schule kommen dürfen. Dies tun sie nämlich schon lange nicht mehr, aus Angst, in diesem islamischen Macho-Klima zur Hure und damit zum Freiwild abgestempelt zu werden. Natürlich rückt auch das Fernsehen an und schließlich diskutiert das ganze Land über den schlechten Zustand der Schulen, die Gewalt, den Rassismus und Antisemitismus.

Der Film hat einige prickelnde Momente, wenn die mollige Adjani tanzend mit der Knarre auf einen der verängstigten Schüler zielt ("A la tete de Mehmet"), bedrohlich ist hier aber ganz nichts. Der Film ist so harmlos wie didaktisch; jede Wendung, jeder Gefühls- oder Gewaltausbruch ist nur Anlass, um einen weiteren Punkt des Themenkomplexes "Gewalt an Schulen" zu diskutieren. Man ahnt und fürchtet die Fernsehdiskussionen, die an einem Sonntagabend daran anschließen könnten.
Thekla Dannenberg
Jean-Paul Lilienfeld: "La journee de la jupe". Mit Isabelle Adjani, Denis Podalydes, Yann Collette, Jackie Berroyer, Khalid Berkouz, Yann Ebonge, Sonia Amori, Kevin Azaïs und anderen. Frankreich, Belgien, 2008, 87 Minuten. (Alle Vorführtermine)


Ende einer Liebe: Ivy Hos "Claustrophobia" (Panorama)

Gleich am Anfang dieser komödie sehen wir das sang- und klanglose Ende einer Liebe. Sie geht ohne ein weiteres Wort. Auch er weiß nicht, was er sagen soll, fährt ihr mit dem Auto noch eine Weile hinterher, aber wenn sie ihre Wohnung erreicht hat, wird auch er nach Hause fahren - zu seiner Frau und seinen zwei Kindern. Von da an erzählt der Film die Geschichte der beiden, die die Liebe nicht glücklich gemacht hat, rückwärts. Und erst nach und nach kann man sich zusammenreimen, wie alles zusammenhängt und was für eine Geschichte "Claustrophobie" eigentlich erzählt: eine heitere Bürokomödie, die Tragödie des Car-Sharings oder das Rätsel vergebener Chancen? Am Schluss, wenn dieses Puzzle gelöst ist, wird man sagen können: Es ist ein gutes Ende, dieser Anfang.



Eigentlich verbringen die beiden, Pearl und Tom, zwangsweise ihr halbes Lebens miteinander. Sie arbeiten gemeinsam als cubicle slaves in einer Marketingfirma, die besonders enervierende Werbespots für Kaugummis herstellt. Und weil diese Firma am anderen Ende der Stadt liegt, sitzen die beiden auch noch stundenlang miteinander im Auto. Zu ihrer Fahrgemeinschaft gehören außerdem noch Karl, der alle Enttäuschungen im Leben schon hinter sich hat, sowie die naive Jewel mit ausgeprägtem Handy-Fetisch und der empfindsame bis sentimentale John.

Auch deren Leben und Liebe spielt sich im Büro oder im Auto ab. Und hier spielt auch der Großteil des Films. Viel Platz gibt es in Hongkong bekanntlich nicht, und auch keinen Raum für große Gefühle. Immer wieder fahren wir bei Nacht durchs glitzernde Hongkong oder stecken im Stau. Jewel und John werden ihren großen Moment des Glücks haben, wenn sich Jewel nach einer Betriebsfeier am Straßenrand übergibt. Pearl wird Tom verpassen, weil ihr Taxi in einem Taifun liegenbleibt. Tom wird den Moment, der sein Leben hätte verändern können, auf dem Beifahrersitz verschlafen.

"Claustrophobia" ist der erste Film Ivy Hos, die bisher als Drehbuchautorin in Hongkong gearbeitet hat. Manchmal merkt man dem Film an, wie hart an seinem leichten Dialogwitz gefeilt wurde, und Tom ist ein viel zu großer Langweiler, als dass man sich wirklich erklären könnte, warum sich Pearl gerade von ihm unglücklich machen lässt. Aber wenn man am Ende alle Puzzleteile zusammengesetzt hat, und begreift, wie unspontan, gefasst und erwartungslos Pearl durch diese Affäre geworden ist, dann staunt man, was für eine melancholische Liebesgeschichte Ivy Ho lachend serviert hat.
Thekla Dannenberg
Ivy Ho: "Claustrophobia". Mit Karena Lam, Ekin Cheng, Felix Lok, Derek Tsang und Chucky Woo. Hongkong, China, 100 Minuten. (Alle Vorführtermine)


Chen Kaiges "Forever Enthralled" (Wettbewerb)

Mei Lanfang gilt als einer der wichtigsten Künstler in der Geschichte der chinesischen Oper. Im frühen 20. Jahrhundert revolutionierte seine Interpretation der gegengeschlechtlich besetzten "Qingyi"-Frauenrollen die traditionsreiche Kunst. Er unternahm Tourneen in die USA und die UdSSR, die sowohl seine Kunst, als auch ihn selbst weltbekannt machten. Zu seinen Verehrern zählten Eisenstein und Chaplin. Auch aufgrund seiner Weigerung, während der japanischen Okkupation Chinas in den dreißiger und vierziger Jahren aufzutreten, ist er in China bis heute eine nationale Ikone.

Chen Kaige galt einmal als einer der wichtigsten und kritischsten Regisseure des chinesischen Kinos. In seinen letzten Filmen schien er sich jedoch mehr und mehr der Staatsraison unterzuordnen. Misstrauen war also durchaus angebracht, als Chen Kaige ein Mei-Lanfang-Biopic ankündigte. Doch die von vielen erwartete nationalistisch verbrämte Mythologisierung ist ausgeblieben. "Forever Enthralled" ist ein seltsam hybrider Film, der zwar nicht rundum gelungen ist, aber die Fallen seines Genres weiträumig umfährt.



Natürlich ist "Forever Enthralled" zunächst ein Prestigeprojekt des chinesischen Films und - vielleicht sogar in erster Linie - Ausstattungskino. Doch der Film schwelgt bei weitem nicht so sehr in seiner eigenen technischen Brillanz und in den schmucken Details des Setdesigns wie etwa Zhang Yimous neuere Werke. Vielmehr scheint Chen Kaige langsam wieder zu einer originelleren, weniger staatstragenden Ästhetik zurückzufinden. Die großen Gesten, nach denen die Kamera immer noch sucht, etwa zu Ehren des letzten Vorhangs für den alten Meister Swallow 13, sind eher rührend naiv als falsch grandios.

Entscheidend ist aber, dass Chen Kaiges Film Mei Lanfang von Anfang an als Leerstelle anlegt. Mei, der von zwei unterschiedlichen Schauspielern verkörpert wird, die ihr Spiel beide auf ebenfalls genau zwei Gesichtsausdrücke zu beschränken scheinen, ist den gesamten Film über fremdbestimmt, zeigt keine Eigeninitiative, seine Individualität ist reduziert auf sein Genie. Eine ähnliche Konzeption ist das wie in Tian Zhuangzhuangs letztem Werk "The Go Master", in dem dessen Titelheld, ein chinesischer Go-Spieler, ebenfalls ein von jeder Handlungsmächtigkeit befreites Genie ist.

Der erste Abschnitt des Films dreht sich um ein künstlerisches Duell zwischen Mei und seinem Meister Swallow 13. Der Film kontrastiert Swallows traditionell bunte Folklore mit Meis eleganten Melodramatisierungen und Psychologisierungen klassischer Formen. Die moderne Form soll, so sieht es zumindest Meis Mentor Qiu Rubai, eine Kunst sein, die Regeln bricht, anstatt ihnen zu folgen. Nach einem Drittel der Laufzeit und einem Zeitsprung wechselt der Film abrupt Tonart und Genre. Wie aus dem Nichts tauchen zwei Frauen auf, um die sich ein minimalistisches Melodrama entspinnt.



Zum einen ist Mei plötzlich verheiratet. Daran, dass er es vorher nicht gewesen zu sein schien, ist der Hongkonger Teeniestar Edison Cheng schuld. Der hatte Anfang letzten Jahres seinen Laptop zur Reparatur gegeben, ohne den Inhalt der Festplatte zu löschen. Wenig später tauchten im Internet Fotografien auf, die Edison beim Sex mit gleich mehreren ostasiatischen Starlets zeigen. Eine davon hatte da gerade ihre Rolle in "Forever Enthralled" abgedreht. Was genau Chen Kaige auf die Idee brachte, daraufhin alle Szenen, in denen Gillian Chung Meis junge Ehefrau spielt, ersatzlos aus dem Film zu entfernen, weiß ich nicht; aber genau das hat er getan. Im fortgeschrittenen Alter nun hat Mei plötzlich eine Frau. Und außerdem eine Geliebte. Die spielt in der Oper Männerrollen und wird von einer mäßig gut besetzten Zhang Ziyi verkörpert. Beide Frauen wollen unbedingt diesen einen Mann und man vermag nicht recht zu sagen, wieso.

Der letzte Teil des Films scheint dann auf den ersten Blick manches nachzuholen, was man am Genre Biopic kennt und nicht schätzt und was davor weitgehend außen vor geblieben ist: bedeutungsschwere Rückblenden beispielsweise, oder die unreflektierte Engführung von Zeitgeschichte und individueller Biografie. Es geht, nach einem kurzen, auf interessante Art wirren Amerikaausflug, um die japanische Okkupation und Meis Weigerung, sich für Propagandazwecke instrumentalisieren zu lassen. Doch auch hier fügt sich "Forever Enthralled" nicht zum Heldenporträt. Bei Chen Kaige scheint Meis Verweigerung gegenüber den Japanern weniger einem bewussten Willensakt, als einer ganz grundlegenden Lethargie zu entspringen. Ähnlich wie im ersten Abschnitt die kunstgeschichtliche Opposition und im zweiten das Melodrama, so werden am Ende auch die nationalistischen Diskurse komplett von außen an Mei herangetragen. Sie bleiben zwar an ihm hängen, schlagen aber keine Wurzeln. Und dadurch wird Mei als die Projektionsfläche erkennbar, die er in einem gewöhnlichen Biopic wäre.

Mei ist einer, an dem nichts Wurzeln schlägt, auch kein geschlossenes Narrativ. Und so schieben sich die einzelnen Teile des Films nie harmonisch ineinander, jede Episode fängt wieder bei Null an. "Forever Enthralled" ist in gewisser Weise ein entkerntes Biopic. Mit der unbedingten Handlungsmacht der Hauptfigur hat Chen Kaige ihm genau das entzogen, was es dem Genre sonst ermöglicht, aus einem von Zufälligkeiten bestimmten Lebenslauf ein geschlossenes Narrativ zu zimmern. In "Forever Enthralled" tritt die Kontingenz des Lebens und der Geschichte wieder ein ins Biopic, nicht programmatisch und mit Wucht, sondern heimlich und vielleicht unbeabsichtigt, über eine Leerstelle.
Lukas Foerster
Chen Kaige: "Forever Enthralled". Mit Leon Lai, Zhang Ziyi, Sun Honglei, Chen Hong. Volksrepublik China, 2009, 147 Minuten. (Alle Vorführtermine)


Ichii Masahide: "Naked of Defenses" (Forum)

Die Zikaden sind so etwas wie der heimliche Haupt-Nebendarsteller jedes Jahr im Forum. Hier, wo kleine asiatische Produktionen ihre traditionelle Umgebung finden, die auf eine avancierte Tongestaltung oft aus Budgetgründen, häufiger aus ästhetischen verzichten, hört man sie alljährlich in mindestens einer Handvoll Filme vom Rand her zirpend-spottend ins Bild schnattern. Alte Bekannte, sozusagen.

Die Zikaden schnattern auch hier. Wenn die junge Ritsuko mit ihrer neuen, hochschwangeren Arbeitskollegin Chinatsu im Park sitzt (und, ein Geheimnis, das bleibt, von einem Unbekannten einen Frisbee zugeworfen bekommt), oder wenn Ritsuko am Abend das Essen für ihren Ehemann zubereitet, kann man sie deutlich hören. Doch hinter solchen schlichten, fast idyllischen Bildern rumort Grausiges.



Eine überschaubare Welt: Hier das Fabrikgelände, wo Ritsuko Chinatsu einarbeitet; dort drüben die Siedlung, in der beide wohnen. Dazwischen reichen Reisfelder bis an den Horizont, ein grauer Weg - über den oft geschritten wird, auf dem Wesentliches geschieht - verbindet beides. Auf dem Nachhauseweg ein schlechter Scherz: Chinatsu spielt frühzeitige Niederkunft - und reißt damit ein Trauma auf. Einst erlebte Ritsuko eine Fehlgeburt bei einem Autounfall, seitdem ist das Leben mit ihrem Mann von schmerzhaft drückender Isolation bestimmt und Ritsuko in eine Art Wachdämmerzustand gefallen.

Ichii Masahide wählt lange, präzise akzentuierte Einstellungen, um diese kleine Geschichte einer traumatisierten Frau zu erzählen. Behutsam rücken sie nahe an die Figuren - in einigen lakonisch-witzigen Momenten schon zu nah - ohne Grenzen zu überschreiten: Es geht nicht um psychologischen Realismus, Episoden des Alltags mit genau temperiertem Tonfall stehen im Mittelpunkt. Während im Wettbewerb meist viel Bohei um kleinste Gesten betrieben wird, bleibt die Erzählweise hier in ihrer luziden Klarheit sanft auf Augenhöhe mit dem Zuschauer: Schritt für Schritt voran im Geschehen, wie die beiden Hauptfiguren auf ihren zahlreichen Wegen zwischen Siedlung und Fabrik.
Thomas Groh
Ichii Masahide: "Naked of Defenses". Mit Moriya Ayako, Konno Sanae, Nishimoto Ryuki, Nakamura Kuniaki, Kakinuma Naoko, Kumanomido Aya, Asama Yuki, Ichii Hayate. Japan 2008. 88 Minuten. (Alle Vorführtermine)