Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

3684 Presseschau-Absätze - Seite 30 von 369

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.03.2025 - Literatur

Unsere Kritikerumfrage, welche fünf Bücher deutscher Sprache in den letzten 25 Jahren die prägendsten waren, kann Sieglinde Geisel gar nicht ohne weiteres beantworten: Sie rezensiert eher internationale Literatur und viele der breit besprochenenen Bücher treffen auch nicht ihren Geschmack. Deshalb ist sie "intuitiv vorgegangen" und hat "nach jenen Werken gegriffen, die mir damals beim Lesen am besten geschmeckt hatten (ja, ich halte Geschmack für einen Qualitätsindikator). Sprache ist mir wichtiger als das, was sie transportiert: Aufladung, Drive, Risiko, etwas so erzählen, etwas so sagen, wie es zuvor noch niemand gesagt hat - das ist ein Kriterium für meine Auswahl." Diese umfasst Bücher von Sibylle Lewitscharoff, Katja Petrowskaja, Emine Sevgi Özdamar, Arno Geiger und Thomas Kling, letzter für sie "der größte Dichter seiner Generation. Sein letztes Buch 'Auswertung der Flugdaten' (2005) zeigt schon im Titel die sprachliche Schöpfungskraft und Genauigkeit, zu der er fähig war. In Klings Texten gibt es kein schwaches Wort, alles ist 'bis zum Äußersten mit Bedeutung aufgeladen' (Ezra Pounds Kriterium für Literatur)."

Außerdem antwortet Marc Reichwein auf unsere Kritikerumfrage und nennt Bücher von Christian Kracht, Herta Müller, Daniel Kehlmann, Lutz Seiler und Florian Illies, dessen "1913" von 2018 "ein ganzes Genre geprägt hat. Gar nicht mal, weil Bücher seit 2012 gehäuft Jahreszahlen im Titel tragen, sondern dahingehend, dass kaleidoskopisch und szenisch, lebensnah wie in einer Reportage erzählt wird, um Literatur- oder Kulturgeschichte Revue passieren zu lassen. Uwe Wittstocks Bücher 'Februar 33' und 'Marseille 1940' sind ohne Illies gar nicht denkbar, zugleich ist er kein Kopist. Die Methode ist größer als ihr Erfinder oder Anwender - ein Paradigma. Das Bühnen-Prinzip der Revue in Buchform." Alle Beiträge zu unserer Kritikerumfrage finden Sie hier.

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In einem neuen Vorwort stellt Angela Schader die amerikanische Autorin Sarah Bernstein vor, die mit ihrem Debütroman "Übung in Gehorsam" ein "ungewöhnliches Buch vorlegt, das seine Kraft und Eigenart aus klug angelegten inneren Spannungsfeldern bezieht. ... Die Form der Erzählung, erläutert Bernstein im Gespräch mit dem Online-Magazin Public Books, habe sie sich als eine Art geschlossene Spirale vorgestellt, die sich nach einem Zentrum, einem Grund, einer Erklärung hin bewege, ohne je dort anzukommen. Kein Wunder. Denn diese Spirale umkreist nicht allein das Schicksal der Hauptfigur, sondern dasjenige ihres - des jüdischen - Volkes; und damit die Frage nach dem Zusammenleben europäischer Juden und Nichtjuden im langen, weit hinter den Holocaust zurückreichenden Schatten des Antisemitismus. Doch diese schwere Materie wird weitgehend aus ihrem historischen Terrain gehoben und in jenen namen- und beinah auch zeitlosen Ort verpflanzt."

Weitere Artikel: Marc Reichwein empfiehlt in der Welt zehn unverzichtbare Hörbücher. Ronald Pohl erinnert im Standard an Rainer Maria Rilke, der vor 150 Jahren geboren wurde. Besprochen werden unter anderem Christopher Koppers Biografie über Olga Benario (FR), Bea Davies' Comic "Super-GAU" (taz) und Sydney Smiths Bilderbuch "Erinnerst du dich?". Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Matthias Weichelt über Johannes Bobrowskis "Wolfzeit":

"Finsternis,
dem fliegenden Mond zu.
Wir kamen den Sternenpfad ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.03.2025 - Literatur

Marc Reichwein berichtet in der Welt von dem "klug komponierten" Abend für Boualem Sansal, der gestern in Berlin stattfand. "Ernüchterndes ergab das von Thierry Chervel geführte Gespräch mit dem aus Paris eingeladenen Schriftsteller Kamel Daoud. Sansals algerischer Landsmann, seinerseits Opfer von Diffamierungskampagnen des Regimes, berichtete, dass er nichts berichten dürfe, was die inoffiziellen Informationskanäle zum Versiegen bringe. Der über 80-jährige Sansal sei krebskrank und zeitweilig in einen Hungerstreik getreten, seine Frau dürfe ihn besuchen, doch sein französischer Anwalt erhalte kein Visum - wohl auch, weil er Jude sei. 'Die Situation ist völlig blockiert, es gibt keine Hoffnung', ließ Daoud das Berliner Publikum wissen. Die Islamisten in Algerien kontrollierten inzwischen mehr und mehr auch den Kultursektor, doch wer das feststelle oder kritisiere, werde postwendend als islamophob gebrandmarkt, so Daoud. ... Den traurigsten Satz des Abends sprach Sansals deutsche Verlegerin: 'Ich stelle mir die Frage, ob wir ihn lebend wiedersehen.'"

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Gerrit Bartels schließt sich unserer Kritikerumfrage an nach den prägendsten fünf Büchern deutscher Sprache im letzten Vierteljahrhundert an und nennt Bücher von Rainald Goetz, Wolfgang Herrndorf, Judith Hermann, Saša Stanišić und Peter Kurzeck, dessen 2011 veröffentlichter Band "Vorabend" aus dem zehnbändigen Romanzyklus "Das alte Jahrhundert" für Bartels "einer der wichtigsten, vielleicht bis heute immer noch unterschätztesten Romane der deutschsprachigen Literatur seit 2000" ist. "Man muss nicht gleich mit Proust kommen, um darin trotz oder auch gerade wegen Kurzecks Erinnerungsfuror einen Zeit- und Gesellschaftsroman zu erkennen. 'Vorabend' erzählt in seinem Kern vom Fortschrittsglauben der fünfziger- bis siebziger Jahre und den Zurichtungen der Moderne." Kurzeck "ist bis heute sprachlich ein Solitär in der deutschsprachigen Literatur: sein Sound aus kurzen, elliptischen Sätzen, seine repetitiven Sprachmuster, die Aufzählungen, die ständigen Fragen, das unentwegte Anrufen der Zeit. ... Dass 2011 die Autofiktion noch weit entfernt war von ihrer Blütezeit in den vergangenen Jahren, ist ein weiterer Aspekt der Einmaligkeit von Kurzecks Werk." Alle weiteren Beiträge zu unserer Kritikerumfrage finden Sie hier.

"Was dem Teufel das Weihwasser ist den Autokraten die Literatur", erinnert Sandra Kegel erinnert im FAZ-Kommentar unter den Eindrücken der globalen Weltlage: Literatur fördert Einsicht in andere Welten und damit Empathie, die nach Elon Musks Ansicht "die grundlegendste Schwäche der westlichen Zivilisation" darstellt. "Mit sicherem Instinkt für die Gefahr, die Literatur für derlei zerstörerische Ambitionen bedeutet, hat Musks Kahlschlag-Truppe 'Doge' nun auch Literaturprogramme wie das renommierte 'International Writing Program' der University of Iowa ins Visier genommen. Das Bildungsministerium stellt seine Unterstützung ein, weil der Schriftstelleraustausch nicht dem 'nationalen Interesse' diene. Das einzigartige Programm lud jährlich 35 Autoren aus aller Welt zu einer zwölfwöchigen 'Fall Residency' nach Iowa City. Die deutsche Lyrikerin Anja Utler rühmt wie viele andere den besonderen Charakter dieser Veranstaltung: 'Ein Intensivkurs in internationalen Beziehungen' sei das gewesen, der den weltumspannenden, kulturübergreifenden und offenen Austausch förderte. Das empathielose Amerika nimmt lieber die eigene Provinzialität in Kauf, als eine Veranstaltung zu dulden, die ihm den Spiegel vorhält."

Weitere Artikel: Ines Geipel (FAZ) und Tom Schulz (NZZ) erinnern an die DDR-Dichterin Inge Müller, die vor 100 Jahren geboren wurde. Gemeinsam mit Noemi Schneider hat Schulz außerdem ein Literatur-Feature für Dlf Kultur über Müller geschrieben. Christian Thomas ergänzt in der FR seine Ukraine-Bibliothek um Oleksandr Irwanez' im Original bereits 2002 erschienenen Roman "Pralinen vom roten Stern". Andreas Platthaus erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an die Gründung der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe vor hundert Jahren (damals noch unter der Bezeichnung "Deutscher Scheffelbund"). Außerdem dokumentiert "Bilder und Zeiten" die Dankesrede des Schriftstellers Gert Loschütz zur Auszeichnung mit dem Günter-Grass-Preis. Und Manfred Rebhandl fragt für den Standard beim Schriftsteller Thomas Meinecke nach, was der gerade liest.

Besprochen werden unter anderem Chimamanda Ngozi Adichies "Dream Count" (NZZ), die von Franziska Hauser und Maren Wurster herausgegebene Anthologie "Ost*West*frau*: Wie wir wurden, wer wir sind" (Freitag), Willi Achtens Roman "Die Einmaligkeit des Lebens" (FR) und der von Ralph Ludwig herausgegebene Band "Irrschweifen und Lachen" mit Erzählungen und Essays aus der karibischen Literatur (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.03.2025 - Literatur

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Elke Schmitter nennt auf unsere Kritikerumfrage nach den fünf prägendsten deutschsprachigen Büchern des letzten Vierteljahrhunderts Romane von Karen Duve, Peter Kurzeck, Jochen Schmidt, Gisela von Wysocki - und sie erinnert an "Kaiserstraße" von Judith Kuckart aus dem Jahr 2006: "Kein Wort zuviel, und alles, was da ist, nötig. Das ist Judith Kuckarts Stil, so auch in der 'Kaiserstraße', wo Rosemarie Nitribitt starb, eine Heldin dieses Romans: 'Die ersten Mieter waren Ende 1955 eingezogen. Unter ihnen eine junge, alleinstehende Frau mit Hund. Sie war zweiundzwanzig, als sie einzog, und vierundzwanzig, als ihre Leiche aus dem Haus getragen wurde.' Nicht Kuckarts Stil sind das Tremolo und die Lust am Opfer. Auch wenn ihre Figuren  mit der Armut kämpfen, dem Alter oder der Traurigkeit: Immer ist da ein Widerstand, der Lebenslust werden kann, immer ist da ein Haken, an dem man sich aufhängen könnte, doch man kann ihn auch schlagen. Äußerste Genauigkeit in jedem Satz, dabei der größte Spielraum in der Geschichte, in der Wahrnehmung des Plötzlichen, das innen wie außen die Biografien bestimmt; das ist ihre besondere Kunst." Alle Beiträge unserer Umfrage finden Sie hier.

Außerdem: Die Welt hat Richard Kämmerlings' Porträt der norwegischen Schriftstellerin Vigdis Hjorth online nachgereicht. Die SZ bringt eine gekürzte Version von Uwe Timms ursprünglich in der Zeitschrift Sinn und Form erschienener Würdigung seines 2018 verstorbenen Schriftstellerkollegen Günter Herburger.

Besprochen werden Chimamanda Ngozi Adichies "Dream Count" (Standard), Gabriela Wieners "Unentdeckt" (online nachgereicht von der FAZ), Meral Kureyshis "Im Meer waren wir nie" (FR) und Florentine Anders' "Die Allee" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.03.2025 - Literatur

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Adam Soboczynski hat für die Zeit Christian Kracht über ein ausgedehntes Wochenende in Kalkutta besucht. "Air", der neue Roman des Schweizer Schriftstellers, sieht den "Ausweg aus unserer Zeit", anders noch als Krachts "1979", nicht in der Strafkolonie, "sondern im utopischen Reich der Fantasie, der Literatur, des Jenseits, des Immateriellen." Es "ist ein eskapistischer Roman, von sprachlich prägnanter, zeitloser Eleganz, die besonders verstört, wenn Grausames erzählt wird". Nur deuten mag der Schriftsteller seinen eigenen Roman nicht, da "wirkt er aufrichtig ratlos, fast beschämt." Doch "über Lektüren, die ihn inspiriert haben, lässt sich" mit ihm "hervorragend sprechen: über Astrid Lindgrens 'Die Brüder Löwenherz' zum Beispiel. Oder die Science-Fiction-Romane von Cixin Liu. Oder Cormac McCarthys 'Die Straße'. Aber nicht über den allgemeinen Sinn und Zweck von Air. Es werden aber, so viel ist sicher, diesem Roman, der vollgepackt ist mit literarischen Verweisen, eine große Zahl wissenschaftlicher Abhandlungen folgen."

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Perlentaucher Arnim Eisenhut antwortet auf unsere Kritikerumfrage nach den fünf prägendsten Büchern deutscher Sprache der letzten 25 Jahre. Er nennt Werke von Christoph Hein, Leif Randt, Kim de l'Horizon, Tijan Sila und Katja Oskamp, letztere, weil sie etwas ungewöhnliches macht: Sie verlässt ihre Komfortzone, "spuckt in die Hände und pflegt Füße. Sie lässt sich zur Fußpflegerin ausbilden und in einem Salon in Marzahn, in Europas einst größter Plattenbausiedlung, anstellen, empfängt KundInnen, oft alt, einsam und in der ehemaligen DDR aufgewachsen und hört ihnen zu: Liebevoll, zugewandt - und im wahrsten Sinne ganz ohne Berührungsängste. In wenigen Strichen entstehen Einzelschicksale und Lebensläufe vor unseren Augen, genau beobachtete Vignetten von geradezu August Sander'scher Qualität. Richtungsweisend, weil Oskamps Demut beispielhaft ist." Alle Beiträge unserer Umfrage finden Sie hier.

Außerdem: In der juristischen Auseinandersetzung (unser Resümee) zwischen dem Galeristen Johann König und dem Autor Christoph Peters, gegen dessen Roman "Innerstädtischer Tod" ersterer gerichtlich vorzugehen versucht, hat das Landgericht Hamburg in erster Instanz "die Kunst großräumig abgesichert", schreibt Paul Jandl in der NZZ. An diesem Wochenende auf nach Leipzig, ruft uns Andreas Platthaus in seiner Comickolumne auf FAZ.net zu: Denn nur noch an diesem Wochenende ist dort die dem Comiczeichner Chris Ware gewidmete Ausstellung zu sehen. Tobias Schwartz erinnert im Tagesspiegel an die vor 150 Jahren geborene Schriftstellerin Alice Berend.

Besprochen werden unter anderem Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" (online nachgereicht von der FAZ), Dmitrij Kapitelmans "Russische Spezialitäten" (online nachgereicht von der FAZ), Florentine Anders' "Die Allee" (FR), Sven Pfizenmaiers "Schwätzer" (Jungle World), Thomas Manns "Deutsche Hörer! Radiosendungen nach Deutschland" (NZZ), Camilla Barnes' "Keine Kleinigkeit" (FAZ) und eine Neuausgabe von J. G. Ballards "Super-Cannes" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Und die Nominierungen für den Leipziger Buchpreis stehen fest - in unserem Online-Buchhandel Eichendorff21 haben wir Sie für einen Büchertisch mit allen Titeln zusammengestellt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.03.2025 - Literatur

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Martin Ebel reiht sich ein in unsere Kritikerumfrage zu den prägendsten deutschsprachigen Büchern der letzten 25 Jahre - so lange, wie es den Perlentaucher in diesem Jahr gibt. Der Schweizer Kritiker nennt Bücher von Uwe Tellkamp, Jenny Erpenbeck, Jonas Lüscher und Daniel Kehlmann - und erinnert an den 2016 verstorbenen Schriftsteller Markus Werner: Seine Romane "sind für mich ein Maßstab für stilistischen Rang, sprachliche Dichte und moralische Lauterkeit. Da ist kein Wort zuviel, und keins, das nicht genau trifft. 'Am Hang', 2004 erschienen, ist sein letztes Buch. Ein älterer und ein jüngerer Mann sitzen zwei Abende lang auf einer Hotelterrasse, trinken, reden, streiten und entdecken, wie ihr Leben miteinander verquickt ist. Das Gewichtige und das Leichte bringt Werner in Thema und Ton in eine traumwandlerische Balance." Alle Beiträge unserer Umfrage finden Sie hier.

Weiteres: Martin Erdmann blickt für den Tagesanzeiger auf Onlineaktivitäten von Bücherfans. Besprochen werden unter anderem Alan Moores "Jerusalem" ("ein fulminanter Geistertanz auf den Ruinen des Kapitalismus", schwärmt Thomas Hummitzsch auf Intellectures), Chimamanda Ngozi Adichies "Dream Count" (FR), Natasha Browns "Von allgemeiner Gültigkeit" (Standard), neue Bücher über Thomas Mann (Tell), Aldous Huxleys Reiseberichte "Along the Road" (online nachgereicht von der FAZ), Aria Abers Debütroman "Good Girl" (Zeit Online), Tarjei Vesaas' "Frühlingsnacht" (NZZ), das Comic-Comeback von "Captain Future" (Standard), António Lobo Antunes' "Am anderen Ufer des Meeres" (FAZ) und Annegret Liepolds Debütroman "Unter Grund" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.03.2025 - Literatur

Sich für Boualem Sansal auszusprechen, ist in Frankreich nicht ohne - vor allem nicht für algerische Schriftsteller, selbst wenn sie in Frankreich leben. Sie haben Angst. Aber es gibt noch andere Motive, schreibt Kamel Daoud in seiner Kolumne für Le Point. Unter anderem diesen: "Sansal? Das ist das Foto von seiner Reise nach Israel, das von islamistischen Medien immer wieder verbreitet wird. Es dient als Urteil. Man darf ihn nicht unterstützen, weil man riskiert, im Namen der angeblichen Befreier Palästinas gelyncht zu werden. Von denen, die glauben, sie würden die Palästinenser lieben, indem sie den Rest der Welt hassen. Sansal steht für Israel, die Juden, den Westen, Verrat, den 'Weg der Normalisierung', Komplize eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Indem man durch sein Schweigen die Inhaftierung von Sansal unterstützt, glaubt man, Palästina zu befreien, während man nur dasitzt und die Inhaftierung eines 80-jährigen Mannes begrüßt."

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Stefan Kister antwortet auf unsere Kritikerumfrage anlässlich unseres 25-jährigen Jubiläums, welche Bücher deutscher Sprache in diesem Zeitraum am prägendsten waren. Er nennt Romane von Uwe Tellkamp, Wolfgang Herrndorf, Clemens J. Setz, Natscha Wodin und Terézia Mora: "Die besten deutschen Romane schreiben Autorinnen und Autoren, die aus anderen Sprachen eingewandert sind wie Saša Stanišić, Katja Petrowskaja oder Terézia Mora: 2018 hat das auch die Akademie für Sprache und Dichtung gemerkt und der 1971 in Ungarn geborenen Autorin als erster aus diesem Einzugsgebiet den Büchner-Preis verliehen. Mit dem Roman 'Der einzige Mann auf dem Kontinent' beginnt Terzia Mora ihre Trilogie um den Informatiker Darius Kopp, ein durchschnittlicher, mäßig attraktiver Mittvierziger. Während ihm beruflich und privat die Felle davonschwimmen, birgt Mora diese Geschichte einer Selbstauflösung in einem komplexen Netz aus erzählerischen Verknüpfungen und Rückblenden. Es spannt sich über zwei weitere Romane und die wichtigsten Buchpreise, die in Deutschland vergeben werden - zurecht." Alle weiteren Beiträge zu unserer Kritikerumfrage finden Sie hier.

Weitere Artikel: Kerstin Holm berichtet für die FAZ vom Internationalen Literaturfestival Odessa, das in diesem Jahr kriegsbedingt erneut im Exil in Krakau stattfand (hier unser erstes Resümee). Paul Jandl findet es in der NZZ durchaus nachahmenswert, dass der US-Verlag Simon & Schuster sich von den Blurbs - also meist überschwänglichem, aber rein gefälligkeitsdienstlichem Lob unter Schriftstellerkollegen auf Büchern - verabschieden will: "Man könnte auf so etwas gerne verzichten." Für das CrimeMag spricht Alf Mayer mit Garry Disher über dessen neuen Krimi "Desolation Hill".

Besprochen werden unter anderem Ulf Erdmann Zieglers "Es gibt kein Zurück" (FR), Ricarda Messners "Wo der Name wohnt" (NZZ), Oliver Lovrenskis "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" (Welt), Ričardas Gavelis' "Vilnius Poker" (FAZ) und Christina Henríquez' "Der große Riss" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.03.2025 - Literatur

"Das war hart", antwortet Jutta Person auf unsere Kritikerumfrage nach den fünf prägendsten Büchern deutscher Sprache der letzten 25 Jahre. "Aber eigentlich auch klar, dass die Sache mit der Selbstbefragung ausufern würde. Je länger ich frage, desto mehr Bücher antworten, und wenn es eben nur fünf sein dürfen, dann nehme ich diese hier. Weil sie mich mit irgendwas angesteckt haben, weil ich hin und weg war beim Erst-, Zweit- oder Drittlesen, weil ich mir ihren Klang ins Gedächtnis rufen kann, weil mir ihre Figuren durch den Kopf geistern, weil sie mit ihren Sätzen neue Welten bauen, weil sie abgründig, psychedelisch, traurig oder komisch sind oder alles zusammen." Schreibt's und listet Bücher auf von Esther Kinsky, Georg Klein, Brigitte Kronauer, Marion Poschmann und Judith Schalansky. Alle weiteren Beiträge zu unserer Kritikerumfrage finden Sie hier.

Viktoria Großmann berichtet in der SZ vom Internationalen Literaturfestival Odessa, das wegen der russischen Invasion erneut in Krakau stattfinden muss. Der estnische Schriftsteller Paavo Matsin reagiert mit galligem Galgenhumor auf die auch durch Trumps Entgleisungen nochmal neu aufgeladene, geopolitische Großwetterlage: "Falls die Russen kommen, sagt Paavo Matsin: 'Wir sind vorbereitet.' Ein paar Vorräte und ein Kurbelradio hätten die meisten Esten im Haus, sagt der Schriftsteller aus Tartu. Er selbst mache Judo und habe auch Waffen. Dann lacht er. Ernst, Scherz und Prophetentum bilden eine Einheit bei dem Autor des grotesken Romans 'Gogols Disko'. Vor zehn Jahren hat er den Roman geschrieben und darin die Dystopie entworfen, dass die Russen zurück sind im Baltikum. ... Das mit den Russen meint Matsin schon ernst. Er habe schließlich noch 20 Jahre in der Sowjetunion gelebt. ... Die Sowjets hätten zu Beginn der Besatzungszeit in den Vierzigern aus manchen Orten fast die gesamte Bevölkerung nach Sibirien deportiert und andere Menschen angesiedelt. Dass die Russen nun wieder sein Land überfallen, das 'kann jeden Moment passieren', sagt Matsin: 'Vor allem jetzt, nach dieser Trump-Disko.'"

Außerdem: Die Schriftstellerin Sabine Scholl erinnert sich in einem Standard-Essay ans Aufwachsen in Armut. Mia Eidlhuber spricht für den Standard mit der Schriftstellerin Elke Laznia, die in einer Woche mit dem erstmals vergebenen Helena-Adler-Preis ausgezeichnet wird. Meredith Haaf porträtiert für die SZ die Schriftstellerin Natasha Brown, die früher in der Finanzbranche gearbeitet hat. Für die NZZ porträtiert Nadine A. Brügger den Schriftsteller Joël Dicker. Björn Hayer schreibt in der FR zum 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke.

Besprochen werden Lukas Maisels "Wie ein Mann nichts tat und so die Welt rettete" (NZZ), Bea Davies' Comic "Super-GAU" (Standard), Anna Weidenholzers "Hier treibt mein Kartoffelherz" (Standard) und neue Krimis, darunter Liz Moores' "Der Gott des Waldes" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Mirko Bonné über Hedva Harechavis "Migo":

"bringt meinen Migo wieder
bringt mein Heiliges wieder
bringt meinen Orakelstern meinen Augenstern wieder ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.03.2025 - Literatur

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Roman Bucheli antwortet mit einem thematischen Fokus auf unsere Kritikerumfrage zu den fünf prägendsten Büchern deutscher Sprache in den letzten 25 Jahren: Im Rückblick erweist sich nämlich Terézia Moras "Alle Tage" von 2004 als "stil- und traditionsbildend" für Romane über displaced Persons und Flüchtlinge - für die Bucheli weitere Romane von Martin Kluger, Herta Müller, Maxim Biller und Emine Sevgi Özdamar anführt. Moras Hauptfigur steht in der Tradition des "Außenseiters, der die Welt mit anderen Augen sieht, der auf dem Kopf steht und darum schärfer als andere erkennt, was in der Welt falsch ist, dass die Welt sich insgesamt in einer bedenklichen Unordnung befindet. Abel Nema ist die Inkarnation dieser archetypischen Figur für das 21. Jahrhundert: Er lebt nicht, wo er herkommt, er spricht nicht oder kaum, aber übersetzt aus zehn Sprachen. Er ist ein Flüchtling, und dass er unerwünscht ist, zeigt man ihm an einem Herbstmorgen, indem man ihn kopfüber aufhängt." Alle Beiträge unserer Reihe finden Sie hier.

Der Schriftsteller und Übersetzer Matthias Jügler liebt die norwegische Literatur - und staunt im Literarischen Leben der FAZ über den hohen hochwertigen literarischen Output aus Norwegen, wo das Land doch gerade einmal knapp über fünf Millionen Einwohner hat. Einen Grund dafür identifiziert er in "innkjøpsordningen", einer staatlichen "Ankaufsregelung", nach der der Staat von jeder Neuveröffentlichung, literarische Qualität vorausgesetzt, eine bestimmte Menge ankauft, um diese an Bibliotheken zu verteilen. "Das gibt viel, viel verlegerische Freiheit. Eine so fabelhafte Autorin wie Helene Imislund wäre in Deutschland vermutlich unentdeckt geblieben, ganz einfach weil ihre Art von Literatur nicht die verkäuflichste ist. Norwegische Verlage hingegen können (fast) ohne Druck Bücher veröffentlichen, und zwar die, auf die sie Lust haben. Und wie wir wissen, pfeift gute Literatur gerne auf Konventionen." Außerdem unterstützt Norwegen mit dem NORLA-Programm aktiv Übersetzungen: "Seit 2004 konnten so mehr als 8000 norwegische Bücher in 73 Sprachen übersetzt werden." Passend dazu erzählt Richard Kämmerlings  in der Literarischen Welt von seiner Reise nach Oslo, wo er die Schriftstellerin Vigdis Hjorth besucht hat.

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Weitere Artikel: Fernando Pessoas Erzählung 'Ein anarchistischer Bankier' aus dem Jahr 1922 ist für Tell-Kritiker Herwig Finkeldey unter den Eindrücken der aktuellen politischen Verheerungen in den USA ein "Buch der Stunde": Dieser "Bankier nichts anderes als eine Vorwegnahme von Elon Musk." Der Germanist W. Daniel Wilson reagiert in der Literarischen Welt auf Jeremy Adlers Verriss seiner Studie zu Goethes Verhältnis zu den Juden (unser Resümee) und wirft dem Goethe-Biografen eine völlig oberflächliche Lektüre seines Buches vor. Luciana Ferrando und Waltraud Schwab sprechen für die taz mit der seit über 40 Jahren in Deutschland lebenden, japanischen Schriftstellerin Yoko Tawada, die hellauf begeistert davon ist, dass Deutsch und Japanisch so absolut gar nichts miteinander zu tun haben: "Es ist, als würde man gleichzeitig Malen und Geige spielen".

Besprochen werden unter anderem Aiki Miras bereits vor einem Jahr erschienener deutscher Science-Fiction-Roman "Neongrau", der jetzt auch als WDR-Hörspielserie online steht (taz), Nadja Küchenmeisters Lyrikband "Der Große Wagen" (FR), Giulia Caminitos "Ein Tag wird kommen" (FR), Yael van der Woudens Romandebüt "In ihrem Haus" (taz), die von Sergej Lebedew herausgegebene Anthologie "Nein! Stimmen aus Russland gegen den Krieg" (taz), Daniel Glattauers "In einem Zug" (Zeit Online), Mary Shelleys "Mathilda" (FAZ) und Chimamanda Ngozie Adichies "Dream Count" (FAS, LitWelt, SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.02.2025 - Literatur

Julia Encke antwortet auf unsere Kritikerumfrage, welche der prägendsten deutschsprachigen Bücher der letzten 25 Jahre gewesen sind. Sie nennt Werke von Rainald Goetz, Benjamin von Stuckrad-Barre, Helene Hegemann, Ronya Othmann und ruft außerdem "Spione" von Marcel Beyer aus dem weit zurückliegenden Jahr 2000 in Erinnerung: Darin "geht es um die Legion Condor, die 1936 in den Spanischen Bürgerkrieg eingriff. Marcel Beyer ist ein Meister der Reflexion von Erinnerung und menschlicher Wahrnehmung und lässt hier, wo es nach dem Hören um das Sehen geht, mit den 'Spionen' auch das Moment der Überwachung und Beobachtung der Beobachtung nicht aus." Alle Beiträge zu unserer Umfrage finden Sie hier.

Ausführlich gibt Simon Roger in Le Monde Gerüchte wieder, die behaupten, Boualem Sansal sei gar nicht in den Hungerstreik getreten, und er habe alle seine Anwälte inklusive seines französischen Anwalts François Zimeray von seinem Fall entbunden. Verbreitet wurden diese Gerüchte vom Präsidenten der Anwaltskammer in Algier in der algerischen Zeitung El Watan (hier ein Link über Twitter). Roger zitiert auch Zimeray zu diesen Gerüchten: "sollte er wirklich einen Kündigungsbrief unterzeichnet haben?", fragt Zimeray, "Ich kann es nicht sagen, denn ich habe keinen Zugang zu meinem Mandanten - aus unwürdigen Gründen. Völlig sicher ist hingegen, dass Boualem nicht frei ist und dass er starkem Druck ausgesetzt war, seinen Anwalt zu wechseln. Er hat protestiert, wollte sich von seinem algerischen Anwalt trennen, aber den französischen behalten. In seiner Resignation hätte er sich dann entschieden, sich allein zu verteidigen. Meine einzige Gewissheit ist, dass das nicht seinem Willen entspricht, denn gegenüber Angehörigen hat er betont, dass ich sein Vertrauen genieße." Sansal soll nahegelegt worden sein, seinen franzöischen Anwalt zu wechseln, weil Zimeray Jude sei (unsere Resümees).

Weiteres: Ulrike Baureithel besucht für den Freitag die Tucholsky-Buchhandlung in Berlin-Mitte, die Ende März für immer schließen muss: Ein horrender neuer Mietpreis hat potenzielle Käufer des Ladens vergrault. Besprochen werden unter anderem Jessica Anthonys "Es geht mir gut" (Freitag), Bea Davies' Comic "Super-Gau" (Tsp), Leokadia Justmans "Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol" (Standard), Olga Flors "Ein kurzes Buch zum fröhlichen Untergang" (Standard), Catharina Valckx' Kinderbuch "Edith. Das Mädchen von hundert Jahren" (FR) und Dmitrij Kapitelmans "Russische Spezialitäten" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.02.2025 - Literatur

Der Berliner Galerist Johann König geht mit seinem Versuch, Christoph Peters' Roman "Innerstädtischer Tod" wegen angeblich verletzter Persönlichkeitsrechte gerichtlich aus dem Verkehr ziehen zu lassen, nach dem ersten Scheitern (unser Resümee) in die nächste Instanz, meldet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. Zum sich neigenden Februar holt Richard Kämmerlings (Welt) das gleichnamige Gedicht von Erich Kästner aus dem Regal.

Besprochen werden eine Neuausgabe von Rolf Dieter Brinkmanns Lyrikband "Westwärts 1 & 2" (FR), Joseph Vogls Essay "Meteor" (NZZ), Asta Sigurdardottirs Erzählungsband "Streichhölzer" (NZZ), Bela B Felsenheimers "Fun" (NZZ), Joël Dickers "Ein ungezähmtes Tier" (TA), Matthias Aréguis Comic "Ein Hundeleben" (FAZ.net) und Kim Hyesoons Lyrikband "Autobiographie des Todes" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.