25 Jahre Perlentaucher

Inkarnation des Außenseiters

Von Roman Bucheli
01.03.2025. "Er ist ein Flüchtling, und dass er unerwünscht ist, zeigt man ihm an einem Herbstmorgen, indem man ihn kopfüber aufhängt."Roman Bucheli antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.
25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.

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Terézia Mora, Alle Tage, 2004
Martin Kluger, Der Vogel, der spazieren ging, 2008
Herta Müller, Atemschaukel, 2009
Maxim Biller, Sechs Koffer, 2018
Emine Sevgi Özdamar, Ein von Schatten begrenzter Raum, 2021



Wenn eine Romanfigur Abel Nema heißt, dann ist sie zu Höherem bestimmt. Sie steht für mehr als nur sich selbst. Der Vorname erinnert an den ersten Ermordeten in der Bibel, der ungarische Familienname weist die Figur als "den Stummen" aus. Dabei beherrscht Abel Nema zehn Sprachen. Damit ist dieser Figur schon einiges an Bürde und inneren Widersprüchen mit auf den literarischen Lebensweg gegeben worden. Doch unter allen Möglichkeiten, wie ein Romanheld die literarische Bühne betreten kann, gehört Abel Nemas Auftritt, den Terézia Mora 2004 für ihren Roman "Alle Tage" ersonnen hat, zu den denkwürdigsten. Genauer müsste man sagen: Abel Nema betritt den Schauplatz nicht, er hängt in den Schauplatz hinein, kopfüber. Auf der ersten Seite dieses Romans heißt es über ihn: "An einem Samstagmorgen zu Herbstbeginn fanden drei Arbeiterinnen auf einem verwahrlosten Spielplatz im Bahnhofsbezirk den Übersetzer Abel Nema kopfüber von einem Klettergerüst baumelnd. Die Füße mit silbernem Klebeband umwickelt, ein langer, schwarzer Trenchcoat bedeckte seinen Kopf. Er schaukelte leicht im morgendlichen Wind."

Das Bild ist emblematisch geworden für eine Figur, die in der Literaturgeschichte seit ihren Anfängen eine eminente, wenn nicht die zentrale Rolle überhaupt gespielt hat: den Außenseiter, der die Welt mit anderen Augen sieht, der auf dem Kopf steht und darum schärfer als andere erkennt, was in der Welt falsch ist, dass die Welt sich insgesamt in einer bedenklichen Unordnung befindet. Abel Nema ist die Inkarnation dieser archetypischen Figur für das 21. Jahrhundert: Er lebt nicht, wo er herkommt, er spricht nicht oder kaum, aber übersetzt aus zehn Sprachen. Er ist ein Flüchtling, und dass er unerwünscht ist, zeigt man ihm an einem Herbstmorgen, indem man ihn kopfüber aufhängt. Also ausgerechnet an den Füßen, die er brauchen können müsste, um dahin zu gehen, wo er herkommt.

Der Roman ist zehn Jahre vor der großen Flüchtlingskrise erschienen, aber er hat die Bilder geschaffen, in der die westliche Welt sich heute erkennen kann. Millionen von displaced persons haben sich in Gesellschaften wiedergefunden, die ihrerseits orientierunglos sind und keine Vorstellung haben, was mit all den Zuwanderern zu tun ist. So wie die Migranten auf dem Kopf stehen, so tun es auch jene, die sie aufnehmen sollten. Und was sie empathisch verbinden sollte, trennt sie vielmehr.

Von alledem erzählt Terézia Mora in einem Buch, das stil- und traditionsbildend wurde. Es folgten zwei Jahrzehnte mit Geschichten von displaced persons. 2008 veröffentlicht der Berliner Schriftsteller Martin Kluger seinen Roman "Der Vogel, der spazieren ging" und schildert darin mit groteskem Humor die Geschichte einer jüdischen Familie, deren Mitglieder über die halbe Welt verstreut leben. Im Jahr darauf erzählt Herta Müller in "Atemschaukel" am Beispiel von Oskar Pastiors Geschichte das Schicksal der von den Sowjets nach dem Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter deportierten Rumänen. 2018 parodiert Maxim Biller in seinem Roman "Sechs Koffer" den Versuch, sich der Geschichte (s)einer Familie zu vergewissern, die nach Vertreibung und Flucht irgendwo wieder anzukommen gehofft hatten. Und schließlich verschränkt die deutsch-türkische Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar in ihrem 2021 erschienenen Roman "Ein von Schatten begrenzter Raum" die eigene Migrationsgeschichte mit dem zwangsweisen Bevölkerungstausch zwischen Griechenland und der Türkei in den 1920er Jahren. Er beendete das über Jahrhunderte entstandene Nebeneinander der Kulturen.

Fünf Bücher, in denen eines gewiss ist: Ihre Helden stehen auf dem Kopf. Doch auch die Welt, in die das Schicksal sie geworfen hat, steht kopf.

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