Bestellen Sie bei eichendorff21!Die beiden Berliner Galeristen Johann und Lena König sind mit ihrem Antrag auf ein gerichtlich durchgesetztes Verbot von ChristophPeters' Roman "Innerstädtischer Tod" gescheitert. "Die erste Runde hat der Verlag gewonnen", kommentiert Andreas Platthaus in der FAZ. "Ob und wann es eine zweite geben wird, werden wir wohl wieder erst in einigen Wochen erfahren. Käme es dazu, dann würden weitere Richter 'Innerstädtischer Tod' lesen. Und sicher auch ein noch größeres Publikum. Auch so kommt gute Literatur unter die Leute." Eine gute Entscheidung, findet auch Dirk Knipphals in der taz: "Ein Verbot des Romans hätte schwerwiegende Folgen für das Schreiben aktueller politischer Romane insgesamt gehabt. Jede Anspielung auf reale Hintergründe hätte möglicherweise Verbotsprozesse durch Personen, die sich ungünstig porträtiert wähnen, nach sich gezogen."
RichardKämmerlingsantwortet auf unsere Kritikerumfrage nach den fünf prägendsten deutschsprachigen Büchern der letzten 25 Jahre - und liefert einen ganzen Kanon der Gegenwartsliteratur als Bonusmaterial dazu. Für die Umfrage im engeren Sinne nennt er Bücher von BrigitteKronauer, Ernst-WilhelmHändler, MartinKluger, ClemensJ. Setz und AntjeRávikStrubel. Seine "Kriterien für diesen Kanon sind zweierlei: Es geht um Werke, die zentrale Fragen des zeitgenössischen Bewusstseins spiegeln und dabei für ihre Themen und Inhalte formal gelungene Lösungen finden. Um Literatur, die als Medium von Welterkenntnis funktioniert, indem sie in ihrer Sprache oder in der Erzählstruktur, besondere, innovative, ganz spezifisch literarische Perspektiven auf die Wirklichkeit entwickelt." Alle Beiträge zu unserer Kritikerumfrage finden Sie hier.
Tilman Krause erinnert in der Welt an den LiteraturkritikerFritzJ. Raddatz, der vor zehn Jahren den Freitod wählte (unser Resümee). Einer wie er, dieser "Feuilletonist schlechthin", fehlt heute, findet Krause: Raddatz war "der farbigste, schrillste, amüsanteste Paradiesvogel in einem Zoo, der überwiegend von blassen Mehlwürmern und sinistren Grottenolmen bevölkert wird. ... Sich noch einmal in die Texte zur Literatur von Raddatz zu vertiefen, bedeutet daher, die Maßstäbe wieder aufzurichten. Bedeutet, in einer Zeit, die im Netz tagtäglich die Selbstermächtigung der Unberatenen erlebt, daran zu erinnern, dass Kulturjournalismus etwas mit Kompetenz und Kenntnissen zu tun hat." Raddatz' "Essays lebten von einer Verknüpfungskompetenz, die das Ganze des kulturellen Lebens in den Blick nahm."
Weitere Artikel: In der NZZporträtiert Nadine A. Brügger den Schweizer Politiker GerhardPfister, der eben seinen Einstand als Kritiker beim "SRF-Literaturclub" hatte. Besprochen werden unter anderem ZachWilliams' "Es werden schöne Tage kommen" (Standard, unsere Kritik), GarryDishers Krimi "Desolation Hill" (FR), KatharinaGreves an den Cartoonklassiker "Vater und Sohn" angelehnter Online-Comic "Meine Geschichten von Mutter und Tochter" (Tsp), HeinzLiepmans "Das Vaterland" (Tsp), HannesKöhlers "Zehn Bilder einer Liebe" (FAZ) und TakisWürgers "Für Polina" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
MeikeFeßmannantwortet auf unsere Kritikerumfrage nach den prägendsten Büchern deutscher Sprache in den letzten 25 Jahren - so lange, wie es jetzt den Perlentaucher gibt (siehe dazu heute in der taz auch das Gespräch, das Jan Feddersen mit ThierryChervel geführt hat). Feßmann nennt Bücher von KatjaLange-Müller, ThomasLehr, ClemensJ. Setz, Judith Hermann und FriederikeMayröcker, die von vielen Kritikern genannt wird. Und das aus gutem Grund: "Die 2021 verstorbene Lyrikerin war die vielleicht freieste Prosa-Autorin, die man sich vorstellen kann. Sie hat die Wörter geschüttelt und gerührt und neu zusammengesetzt. Sie hat ihre legendären Zettel geschichtet und verloren und wiedergefunden. Das war bei aller Melancholie immer heiter, lebenszugewandt, einfallsreich. Rhythmus und Wiederholung gerieten niemals zum Leerlauf." Alle Beiträge zu unserer Kritikerumfrage finden Sie hier.
Thomas Hahn hat sich für die SZ per E-Mail mit der Übersetzerin Ki-HyangLee über deren Handwerk ausgetauscht. Für Deutschland überträgt sie die Werke der LiteraturnobelpreisträgerinHanKang ins Deutsche. Aber lässt sich Koreanisch überhaupt reibungslos ins Deutsche übersetzen? Eher nicht, erfahren wir: "Sprachen wie Englisch oder Deutsch formen Sätze mit klaren Zuordnungen: Subjekt, Objekt, Prädikat. Wer macht was? Das ist immer klar. ... Ki-Hyang Lee erklärt, die deutsche Sprache 'fördert Reflexion und Diskussion, erlaubt es, komplexe Sachverhalte detailliert darzulegen und Widersprüche offen anzusprechen. Dadurch rückt oft die individuellePerspektive in den Mittelpunkt.' In japanischen und koreanischen Sätzen hingegen gibt es oft kein Subjekt, und viele Worte strahlen für sich schon so viel Bedeutung aus, dass genauere Beschreibungen nicht nötig sind. Der Kontext ist wichtig, um diese Sprachen zu verstehen, die soziale Beziehung der Handelnden, der Unterton in Anspielungen und unausgesprochenen Botschaften, mit denen man in Asien Konflikte und schmerzhafte Klarheiten vermeidet. 'Emotionen und Gedanken werden oft durch Metaphern oder subtile Andeutungen vermittelt, was der Sprache eine poetische Tiefe und eine assoziative Qualität verleiht', schreibt Ki-Hyang Lee über Koreanisch."
Weitere Artikel: Dass das Literaturarchiv Marbach Kafkas "Brief an den Vater" (der sich als Leihgabe dort bereits befand) nun auch dauerhaft angekauft hat, ist eine Sensation, "aber eine der stilleren", findet Paul Jandl in der NZZ. Besprochen werden unter anderem Adelheid Duvanels "Nah bei Dir - Briefe 1978-1996" (Welt), Heinz Strunks "Zauberberg 2" (JungleWorld), Meral Kureyshis "Im Meer waren wir nie" (online nachgereicht von der Zeit), Luke Wilkins' "Auf den Flügeln" (NZZ), NoraSchramms "Hohle Räume" (FAZ) und TommieGoerz' "Im Schnee" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Gabi Koldewey berichtet in der taz über den Buchladen "Sens" in Kiew, in dem es keine russischsprachigen Bücher mehr zu kaufen gibt. Damit kämpfen die Besitzer gegen die fortschreitende Russifizierung der Ukraine an: "Im Buchclub 'Sens' werden jeden Monat neue Bücher vorgestellt. Die Veranstaltungen werden als Podcast mitgeschnitten und können von überall gestreamt werden. Bei ihrer Aktion 'Befreit die Regale von russischer Literatur' konnten Menschen ihre russischsprachigen Bücher abgeben; 40.000 Kilogramm seien zusammengekommen und wurden zum Recyceln gegeben. 'In der Sowjetzeit mangelte es an vielem. Nur Bücher gab es immer und sie waren billig. Aber viele Ukrainer möchten jetzt keine russischsprachigen Bücher mehr zu Hause haben', erklärt Erinchak. Solche Aktionen gibt es in der ganzen Ukraine, sie haben großen Zuspruch. In einem Land, das fast jede Nacht russische Luftangriffe erlebt, ist das vielleicht auch nicht besonders verwunderlich. Eines stellt Erinchak dann aber doch klar: 'Wir sind proukrainisch, nicht antirussisch.'"
Weitere Artikel: Bei Zeit Onlinemeldet Iris Radisch, dass der krebskranke algerische Schriftsteller Boualem Sansal in einen Hungerstreik getreten ist. Sansal sitzt seit November in Algerien in Haft, ohne sich öffentlich äußern zu können. Auch mit seinem Anwalt François Zimeray darf er nicht sprechen, weil dieser jüdisch ist (unsere Resümees).
Besprochen werden Liza Marklunds Krimi "Der Polarkreis" (FR), Linda Wolfsgrubers Kinderbuch "Eine Stadt" (FAZ), Mieko Kanais Roman "Leichter Schwindel" (NZZ) und Wolfgang Benz' "Exil. Geschichte einer Vertreibung 1933-1945" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die russischeLiteratur unterteilt sich seit Jahrhunderten in eine territoriale, mithin staatstragende Literatur und in die exterritoriale Literatur derjenigen, die sich wegen Zensur und Repressionen zur Flucht ins Ausland gezwungen sahen, schreibt der russische, mit Beginn des Ukrainekriegs selbst nach Berlin geflohene SchriftstellerViktorJerofejew in der NZZ. Auch unter Putin "setzte wieder ein neuer Strom der Emigration von Intellektuellen und Schriftstellern ein. ... Man kann sagen, der Baum der Literatur hat sich so verbogen, dass all die goldenen Äpfel im Westen gelandet sind. Es wächst auch eine neue Generation von Emigrantenschriftstellern heran, eine zweite Literatur wird stärker. Schon gibt es Sergei Lebedews Romane in verschiedenen Sprachen, besonders gut ist der Roman 'Das perfekte Gift' über staatliche Giftmischer. In der Lyrik sticht das Talent von Alexander Delfinow hervor, der neulich erklärte, die russische Sprache habe sich in eine Mördersprache verwandelt ... In Russland ist die Literatur auch während des Krieges nicht gestorben. Entweder ist sie zur Z-Poesie der Fanatiker des Präsidenten verkommen. Oder sie dreht sich um neutrale Themen. In Russland gibt es heute keine klar umrissene Ideologie außer Putins Traum von seiner eigenen Unsterblichkeit."
Dazu passend stellt Ulrich Schmid in der NZZFelix SandalowsOrganisation "Straight Forward" vor, "die es sich zum Ziel gesetzt hat, russischen Autoren, die im repressiven Russland verstummt sind, eine Stimme zu geben". Und der 1986 in Moskau geborene, in der Schweiz lebende SchriftstellerAlexanderEstis erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an den "unbedingten universellen Freiheitsdrang" des ukrainischen Nationaldichters TarasSchewtschenko, der in Russland noch heute übel aufstößt: Der Studentin DariaKosyrewa droht in Russland nun "siebeneinhalb Jahre Strafkolonie", weil sie an ein Denkmal des Dichters mit einem Stück Papier ein paar seiner Verse angebracht hat (mehr dazu bereits hier).
Bestellen Sie bei eichendorff21!FrankHertweckantwortet auf unsere Kritikerumfrage, welches die prägendsten deutschsprachigen Bücher der letzten 25 Jahre waren - und nennt Werke von FriederikeMayröcker, UweTellkamp, BrigitteKronauer, WolfHaas und MaximBiller. Dessen "Biografie" von 2016 ist "ein monströsesBuch, das auch die Grenzen sprengt, die Billers andere Romane akzeptiert haben. Wenn man heute die Rezensionen von damals nachliest, spürt man die unschönen Ressentiments, die diese literarische Zumutung erzeugt hat: Ein wildes, aber auch verzweifeltes Gerede über Sex in jedem nur erdenklichen Jargon, ein Roman, der Freud widerlegen will, es ist nicht die Sexualität, die verdrängt wird, sondern das uferlose und unkontrollierte Sprechen über Sexualität verdrängt das eigentliche Trauma, das das Leben der Romanfiguren bestimmt: den Holocaust." Alle Beiträge zu unserer Kritikerumfragen finden Sie hier.
Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass die Geschworenen Salman Rushdies Attentäter schuldig gesprochen haben. Besprochen werden unter anderem NinaBußmanns "Drei Wochen im August" (taz), JosephVogls "Meteor. Versuch über das Schwebende" (online nachgereicht von der Zeit), VictorHeringers "Die Liebe vereinzelter Männer" (taz), Jean d'Amériques "Zerrissene Sonne" (online nachgereicht von der FAZ), neue Rilke-Biografien von ManfredKoch und SandraRichter (NZZ, FAS), MarionPoschmanns "Die Winterschwimmerin" (FAZ), die Ausstellung "Intime Kommunikation. Bettina Brentano, Rahel Levin Varnhagen und Karoline von Günderrode" im Deutschen Romantik Museum in Frankfurt (FAZ), NatashaBrowns "Von allgemeiner Gültigkeit" (FAS) und FlorentineAnders' "Die Allee" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
"Während der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance den Verlust der Meinungsfreiheit in Europa anprangert, sperrt seine Administration für eine Woche den Zugang zu 160 Schulbibliotheken", schreibt Nadine A. Brügger in der NZZ. Im Zuge wurde auch Julianne Moores autobiografisch grundiertes Kinderbuch "Freckleface Strawberry" aus den Regalen entfernt. Von dem Buch über ein Mädchen, das sich mit seinen Sommersprossen arrangieren muss, geht in der Vorstellungswelt des sonst so toughen Gespanns Trump und Vance offenbar eine unmittelbare Bedrohung für die USA aus. "Zu den Büchern, die aus den Pentagon-Schulbibliotheken verschwunden sind, gehören neben Moores Buch über Sommersprossen auch KathleenKrulls 'No Truth Without Ruth' über RuthBaderGinsburg, die zweite Frau am Obersten Gericht. Oder 'Becoming Nicole' von AmyEllisNutt, die wahre Geschichte eines Transgender-Mädchens und seiner Familie. ... Eines der Bücher, das auf vielen - laut Trump inexistenten - Verbotslisten steht, ist MargaretAtwoods 'Der Report der Magd'. Die Geschichte spielt in einer dystopischen Theokratie, bestehend aus einigen US-Gliedstaaten, in denen Bücher nicht nur aus dem Alltag verbannt wurden, sondern die breite Bevölkerung gar nicht mehr lesen und schreiben lernen darf. Damit will die herrschende Elite sich vor Rebellion schützen und ihre Macht sichern."
Außerdem: Das Literaturarchiv Marbach hat Franz Kafkas "Brief an den Vater" erworben, meldet Tilman Spreckelsen in der FAZ. Besprochen werden unter anderem SilkeMaier-Witts "Ich dachte, bis dahin bin ich tot. Meine Zeit als RAF-Terroristin und mein Leben danach" (NZZ), BelaB. Felsenheimers "Fun" (Presse) und DmitrijKapitelmans "Russische Spezialitäten" (FR).
Nach einigen Wochen des Ausharrens veröffentlicht das französische Unterstützerkomitee für Boualem Sansal einen sehr dezidierten Appell an Emmanuel Macron und fordert ihn zu deutlichen Sanktionen gegen Algerien auf. Auf stille Diplomatie hofft man in dem Komitee nicht: "Wenn einige Verantwortliche uns raten, 'Diskretion' zu wahren, während unser schwerkranker Freund an Leib und Seele leidet und vielleicht sein baldiges Ende vor Augen hat, sind wir fassungslos. Schlimmer noch: Wenn uns einige erklären, dass er es in Wirklichkeit 'selbst verschuldet' hat, sind wir empört. Was ist die Strategie dieser Befürworter des 'krummen Rückens'? Sie mag der natürlichen Neigung von Menschen entsprechen, die glauben, dass Unterwerfung unter Widrigkeiten sie weniger kostet als jede Form des Widerstands. Doch die Geschichte lehrt uns, dass hinter der Unterwerfung auch Infamie stehen kann und in diesem Fall das Risiko besteht, einen unauslöschlichen Fleck in der Geschichte der Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien zu hinterlassen."
Rachel Binhas berichtet unterdessen in der Wochenzeitschrift Marianne, dass das algerische Regime Emissäre in Sansals Krankenhaus geschickt habe, die ihn aufforderten, seinen französischen Anwalt zu wechseln. Wenn er einen nicht jüdischen Anwalt wähle, dürfe dieser auch - anders als Sansals jetziger Anwalt François Zimeray - nach Algerien reisen und direkten Kontakt mit seinem Mandanten aufnehmen.
Auch Kamel Daoud sieht sich dem Zorn des algerischen Regimes ausgesetzt. Sein Roman "Houris" (unsere Resümees) ist in Algerien verboten. Daoud lebt inzwischen in Frankreich, die Behörden können auf seine Person nicht mehr zugreifen: "Wie schadet man also dem, den man nicht mehr erreichen kann? Wie kann man denjenigen diskreditieren, den man nicht mehr ins Gefängnis bringen kann", fragt der Philosoph Raphael Enthoven in seiner Kolumne für Franc-Tireur. Nun ja, man schwärzt ihn an: Gegen Daoud zirkulieren Vorwürfe, er habe seine Hauptfigur an eine tatsächliche Person angelehnt. Aber ein Roman ist immer Transfiguation der Realität, so Enthoven: "Ein Romanautor ist keine Rechenschaft schuldig für eine Geschichte, die es ihm ermöglicht, die Wunde eines ganzen Landes zu erzählen. Er ist nicht der kopierende Mönch der Realität, sondern ihr Alchimist, der aus dem Blei vieler Leben Gold macht. Eine Fiktion ist keine Parallelwelt, sondern der kürzeste Weg zur Realität. Und man muss schon eine Diktatur oder eine von Schlüssellöchern besessene Journalistin sein, um einem Roman den Vorwurf zu machen, er plündere das, wovon er inspiriert ist."
Unsere LyrikkolumnistinMarieLuiseKnottnimmt ebenfalls an unserer Kritikerumfrage zu unserem 25-jährigen Bestehen teil und nennt auf die Frage nach den prägendsten Büchern deutscher Sprache in diesem Jahrhundert Werke von Esther Kinsky, Herta Müller, Friedericke Mayröcker, eine von Alma Vallazza herausgegebene Anthologie sowie "Stern111" von LutzSeiler. Dieser "hat uns den Blick auf das Fremd-EigeneunsererZeit grandios erweitert. Seiler erweist sich nach 'Kruso' ein weiteres Mal als Porträtist deutschdeutscher Gegenwarten. Wo immer ich das Buch aufschlage, geht es verdichtet prosaisch, ja alltäglich zur Sache. Mit Schönheit, Fantasie und Präzision wird alles beleuchtet, was geschieht. Ein Wenderoman, der den Riss der Geschichte offenlegt. Immer neu belichtet. Und die Wunden, welche Geschichte in den Menschen schlägt, werden sichtbar." Hier finden Sie übrigens alle Beiträge unserer Kritikerumfrage im Überblick.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Der Versuch des Galeristen JohannKönig, ChristophPeters' Roman "Innerstädtischer Tod" wegen angeblicher Persönlichkeitsrechtverletzungen verbieten zu lassen (mehr dazu hier und in unseren dort verlinkten Resümees), beschert dem Verlag und seinem Autor erwartungsgemäß hoheVerkaufszahlen, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Katharina Teutsch porträtiert in der Zeit den SchriftstellerFranzobel. Jan Wiele resümiert in der FAZ einen Abend in Frankfurt mit BenjaminvonStuckrad-Barre und MartinSuter.
Besprochen werden unter anderem JuliaSteinmetz' Comic "Die Suche nach Kwik" (FAZ.net), MeralKureyshis "Im Meer waren wir nie" (NZZ), Marie-HélèneLafons "Die Quellen" (FAZ) sowie der Briefwechsel zwischen Freud und Rilke (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Boualem Sansal - Le Livre sur la Place 2018. Foto unter CC-Lizenz von ActuaLitté. Wikimedia Commons.Im Pariser Institut du Monde Arabe fand gestern ein Solidaritätsabend für Boualam Sansal statt. Für den PerlentaucherberichtetClaus Leggewie: "In Gestalt der vielen anwesenden oder eingeblendeten Preisträger, die Erinnerungen an Sansal teilten, seine Text lasen und seine Freiheit als Voraussetzung ihrer eigenen beteuerten, kam gewissermaßen eine Rushdie-Gemeinde zusammen, bevor erneut etwas noch Schlimmeres passiert. Dem Pariser Comité de soutien gehören rund tausend Personen aus zwanzig Ländern an, die sich die Mediatisierung dieses Anschlags auf die Meinungsfreiheit zur Aufgabe gemacht haben." Unter anderem traten Emmanuel Carrère und Pascal Bruckner auf. Leggewie fordert stärkere europäische Intiativen: "Wenn Europa schon vor Algerien Angst hat, wie soll es dann Donald Trump und Wladimir Putin die Stirn bieten?" Am 7. März findet in Berlin ein Solidaritätsabend statt, bei dem auch der Perlentaucher Partner ist, mehr hier.
Auch Kamel Daoud, der auch zum Berliner Abend erwartet wird, ist zur Zeit starken Pressionen ausgesetzt. Vor einigen Tagen kam die Meldung, dass er nun in Frankreich eine gerichtliche Vorladung erhalten hat. Daoud erzählt in seinem Roman "Houris", für den er im Herbst den Prix Goncourt erhalten hat, die Geschichte einer jungen Frau, der bei einem islamistischen Messerattentat im "Schwarzen Jahrzehnt" die Kehle schwer verletzt wurde. In Algerien hat sich direkt nach Erscheinen die junge Frau Saâda Arbane gemeldet, der Ähnliches widerfahren ist und die auch mit Daoud bekannt war - sie war Patientin bei seiner Frau, die Psychotherapeutin ist. Sie hat nun also auch in Frankreich juristische Schritte eingeleitet. Das Internetmagazin Médiapart hat dazu eine Recherche vorgelegt.
Die Frage ist allerdings, ob ihr ihre Geschichte "gehört". Im Roman ist die Figur stark literarisiert. Die Heldin Aube ist wie eine Führerin durch eine Welt von Schattengestalten, die nicht sprechen können und nicht sprechen dürfen. Hintergrund ist ein algerisches Versöhnungsgesetz, durch das das Regime die Islamisten rehabilitierte, während die kaum abgefundenen Opfer gesetzlich zum Schweigen gezwungen sind. Eine wirkliche Aufarbeitung des "Schwarzen Jahrzehnts", in dem sich Islamisten und Regime auf dem Rücken der Bevölkerung bekriegten, gibt es nicht. Die Opferzahl der barbarischen Gewalt dieser Jahre wird meistens auf 200.000 geschätzt. In Le Pointverteidigt die Übersetzerin und Essayistin Bérengère Viennot den Schriftsteller: "Wer nicht schreibt, denkt vielleicht, dass ein Roman aus dem Nichts entsteht, dass die Fantasie von einer absoluten Leere ausgeht, die nichts mit dem Leben zu tun hat. Alle Schriftsteller lassen sich von der Realität inspirieren, um eine fiktive Welt zu erschaffen. Kamel Daoud erzählt keine völlig fiktionale Geschichte, die auf absolut imaginären Fakten beruht, die sich in einem Land ereignet haben, das es nicht gibt. Er geht vom Sprungbrett der Realität mit ihrem politischen Rahmen und ihren besonderen Anekdoten aus, um eine Erzählung vorzulegen, die er erfindet."
Weitere Artikel: Marion Löhndorf schreibt in der NZZ über die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegen den Fantasy-AutorNeilGaiman. Im Tagesspiegel-Fragebogen gibt Comiczeichnerin BarbaraStok Auskunft über ihre Arbeit. In der FAZ gratuliert Sandra Kegel der SchriftstellerinSiriHustvedt zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem NinaBussmanns "Drei Wochen im August" (NZZ), Chaim Nachman Bialiks "Wildwuchs" (Welt), SilkeMaier-Witts RAF-Erinnerungen "Ich dachte, bis dahin bin ich tot" (Welt), DanielGlattauers "In einem Zug" (FAZ) und JanSnelas "Ja, Schnecke, ja" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!GustavSeibtantwortet auf unsere Kritikerumfrage anlässlich unseres 25-jährigen Jubiläums, welche Bücher deutscher Sprache die prägendsten des ersten Jahrhundert-Quartals waren. Er nennt Bücher von Christoph Hein, Wilhelm Genazino, Jenny Erpenbeck, Angelika Klüssendorf und Walter Kempowski. Letzteren - mit "Alles umsonst" - ergänzt er, weil er auf unserer Liste der meistbesprochenen Bücher nicht auftaucht. "Gibt es einen verzweifelteren, umfassenderen historischen Roman zur deutschen Katastrophe, die alle ihre Aspekte, Holocaust, Krieg, Vertreibungen, das unentrinnbare Geflecht der Schuld, aufgreift? Ich kenne keinen. Kempowski ist hier ganz bei sich, bei seiner eigentlichen Stärke: nüchterner, abgründiger Trauer. Ich erkenne in dieser verhaltenen Trauer auch die einzige glaubwürdige Form eines Patriotismus, der nicht in purer politischer Gegenwart hängenbleibt." Alle Beiträge zu unserer Kritikerumfrage finden Sie hier.
Weiteres: Kathleen Hildebrand versucht für die SZ, den Erfolg von RebeccaYarros' Fantasy-Schmachtschinken zu ergründen. Besprochen werden unter anderem Édouard Louis' "Monique bricht aus" (NZZ), deutschsprachige Veröffentlichung von Colette-Texten (FAZ) und Yael van der Woudens "In ihrem Haus" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Unsere Kritikerumfrage nach den prägendsten deutschsprachigen Büchern des letzten Vierteljahrhunderts geht weiter (hier der Überblick über alle bisherigen Beiträge). Aktuell antwortet uns MarieSchmidt und nennt Bücher von Max Goldt, Angelika Klüssendorf, Jonas Lüscher, Emine Sevgi Özdamar und Clemens J. Setz, in dessen Büchern es für Schmidt "eine für mich völlig neue Wahrnehmung der Welt und der Wahrnehmung selbst gibt. Wahrscheinlich viel zu genau und sensibel für das brutal durch unser aller Gehirne rotierende Internetzeitalter, aber genau damit, mit merkwürdig codierten, unterschiedlich durchlässigen Mensch-Mensch- und Mensch-Maschinen-Schnittstellen immer beschäftigt. Wenn ich sagen müsste, wer der oder die ultimative Schriftsteller:in meiner Generation ist, wäre es Setz."
Weiteres: In ihrem Blog singt Katja Kollmann ein Loblied aufs antiquarisch gefundene Buch und insbesondere dessen Gestaltung: "Oft erzählt die Gestaltung der Bücher, die Cover-Motive, die Grafik, die Typografie, nämlich gleich etwas mit." Anja Reich spricht für die BerlinerZeitung mit dem SchriftstellerJakobHein. Marcus Hladek resümiert für die FR den Shortlist-Abend des Literaturpreises "Wortmeldungen". Gerhard Strejcek erinnert im Standard daran, als ThomasMann 1936 erfolglos beim österreichischen Kanzler vorsprach, um die österreichische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Ebenfalls im Standardwünscht sich Ronald Pohl im Thomas-Mann-Jahr mehr Aufmerksamkeit für HeinrichMann. In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Rüdiger Görner über Caspar David Friedrichs "Bleich und ernst blickt durch dunkle Wolken". In der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" legt uns Gerhard Stadelmaier Arthur Schnitzlers Zeitungssatire "Fink und Fliederbusch" ans Herz.
Besprochen werden unter anderem MiekoKanais "Leichter Schwindel" (Freitag), MichaelKöhlmeiers "Die Verdorbenen" (Standard), ColmTóibíns "Long Island" (Standard), ChristinaHesselholdts "Venezianisches Idyll" (NZZ), AldousHuxleys "Along the Road" mit Reisereportagen (Standard) und neue Hörbücher, darunter die Hörausgabe der von Daniel Kehlmann herausgegebenen Sammlung von Gedichten von MaschaKaléko (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Karin Janker spricht für die SZ mit dem spanischen SchriftstellerFernando Aramburu über dessen neuen Roman "Der Junge". Mara Delius porträtiert in der WamS die auf Literatenporträts spezialisierte FotografinIsoldeOhlbaum. Roman Bucheli hat sich für die NZZ mit dem SchriftstellerGeroldSpäth zum großen Gespräch über Leben und Werk getroffen. Thomas Combrink würdigt im Literarischen Leben der FAZ den Schriftsteller Gerhard Rühm, der in dieser Woche 95 Jahre alt geworden ist. Für die FAS spricht Tobias Rüther mit dem Schauspieler JeanReno, der mit "Emma" einen Thriller geschrieben hat. Im Literatur-Feature für Dlf Kulturwidmet sich Michael Hillebrecht der neuen irischen Literatur. Udo Badelt erinnert im Tagesspiegel an Baudelaire.
Besprochen werden unter anderem JanSnelas Romandebüt "Ja, Schnecke, ja" (taz), FemiKayodes Krimi "Gaslight" (taz) und ArnoFranks "Ginsterburg" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.