Oleksandr Irwanez

Pralinen vom roten Stern

Roman
Cover: Pralinen vom roten Stern
Haymon Verlag, Innsbruck 2017
ISBN 9783709972472
Gebunden, 224 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil. Mit einem Vorwort von Juri Andruchowytsch. Schauplatz Ukraine: der zerbrochene Osten Europas. Eine im Nordwesten des Landes gelegene Stadt wird durch eine Mauer in zwei Zonen geteilt - in das zur Westukrainischen Republik gehörende Riwne und in Rowno. Rowno ist Teil der Sozialistischen Ukrainischen Republik, in der man nicht nur politisch, sondern auch sprachlich in die sowjetische Vergangenheit zurückgekehrt ist. Verbunden werden die beiden Teile nur durch einen schmalen Korridor. Reine Fiktion? Oder ein mögliches Zukunftsszenario?
Schlojma Ezirwan hat einen Namen in der ukrainischen Literaturgeschichte. Schon lange vor der Teilung war er im ganzen Land bekannt. Nun, kurz vor der Premiere seines neuesten Theaterstücks in Riwne, besucht er seine in Rowno verbliebene Familie: eine Reise in die eigene Vergangenheit, zu den Orten seiner Kindheit, Jugend und ersten Liebe. Aber gleichzeitig auch eine gefährliche Reise in eine Gegenwart, die an die Zustände in der Sowjetunion erinnert: Anstatt in Ruhe seine Verwandten besuchen zu können, wird Schlojma Ezirwan von zwei Agenten der Inneren Sicherheit gekidnappt. Ein groteskes Abenteuer nimmt seinen Lauf. Was hat man mit ihm vor? Und welche Rolle spielt dabei sein kritischer Roman "Die Mauer"?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.03.2025

Hellwach liest Rezensent Christian Thomas den im Original bereits 2002 erschienenen und 2017 auf Deutsch übersetzten Roman von Oleksandr Irwanez. Unglaublich, wie Irwanez darin Gegenwärtiges vorwegnehme: im Setting einer geteilten Ukraine geht es um einen Erfolgsautor, der bei einer Reise aus dem westukrainischen Riwne ins sozialistische Rowno, durch eine Mauer voneinander getrennt, auf abenteuerliche Abwege gerät. Als Hintergründe nennt der Kritiker zum einen Berlinreisen des Autors nach dem Mauerfall, und zum anderen, wie er dem Vorwort von Jury Andruchowytsch entnimmt, Irwanez' Zugehörigkeit zum Autorentrio "Bu-Ba-Bu" (Burleske, Balahan bzw. Jahrmarktskunst, Buffonade, erklärt Thomas), dessen subversiver Anspruch sich auch klar in diesem Roman niederschlägt: So kann Thomas nur staunen über die fulminante Mischung aus Groteske, Verhöhnung des Theaters, Science-Fiction-Elementen und Sprachspielereien - "kotifiziert" statt "kodifiziert" zitiert er etwa begeistert aus Alexander Kratochvils Übersetzung. Keine Seite, die nicht in die "Abgründe des Absurden" führte, eine "Volte" nach der anderen, und dicht durchsetzt sei dies alles mit Verweisen auf die ukrainische Literaturszene, aber auch Gogol, Turgenjew, Schewtschenko, zählt Thomas auf. Ein Roman "sprudelnd wie Aspirin" und das "Buch der Stunde" für den angeregten Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.03.2018

Nicht vom "manieristischen" deutschen Titel abschrecken lassen, warnt Rezensent Ulrich M. Schmid. Denn dieser bereits vor fünfzehn Jahren im Original erschienene und laut Schmid inzwischen klassische Text der ukrainischen Gegenwartsliteratur ist nicht nur meisterlich geschrieben und von Alexander Kratchovil in ein "sarkastisches" Deutsch übertragen worden, sondern auch merkwürdig aktuell, versichert der Kritiker: Er begleitet hier Irwanez' Alter Ego, den Schriftsteller Erziwan, in die in einen kapitalistischen und einen sozialistischen Teil geteilte nordwestukrainische Stadt Riwne, und erlebt, wie dieser bei einem Familienbesuch im sozialistischen Teil der Stadt von der Geheimpolizei verhaftet und gezwungen wird, nach seiner Rückkehr in den Westen Propaganda für den Sozialismus zu betreiben. Allein wie Irwanez die ukrainische Sowjetliteratur als "missgelaunte Greisin" auftreten lässt, die als "schwadronierender Fleischberg" das Bett nicht mehr verlässt, hat Schmid bestens amüsiert.