25 Jahre Perlentaucher

Bericht aus der inneren Bibliothek

Von Jutta Person
03.03.2025. "Je länger ich frage, desto mehr Bücher antworten."Jutta Person antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.
25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.

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Perlentaucher: 25 Jahre, fünf Bücher.

Wie klingt das letzte Vierteljahrhundert? Ein Bericht aus der inneren Bibliothek

Das war hart! Aber eigentlich auch klar, dass die Sache mit der Selbstbefragung ausufern würde. Je länger ich frage, desto mehr Bücher antworten, und wenn es eben nur fünf sein dürfen, dann nehme ich diese hier. Weil sie mich mit irgendwas angesteckt haben, weil ich hin und weg war beim Erst-, Zweit- oder Drittlesen, weil ich mir ihren Klang ins Gedächtnis rufen kann, weil mir ihre Figuren durch den Kopf geistern, weil sie mit ihren Sätzen neue Welten bauen, weil sie abgründig, psychedelisch, traurig oder komisch sind oder alles zusammen. In alphabetischer Reihenfolge der Autorinnen und Autoren:

"Der Teufelssporn", heißt es in Esther Kinskys Roman "Rombo" von 2022, "wirkt wie ein handelndes Wesen, das sich in die Welt hinauszulehnen entschlossen hat". Dieses Buch schichtet Pflanzen, Tiere, Menschen, Steine und Legenden so ineinander, dass die Geschichte einer Landschaft sicht- und hörbar wird. 1976 bebt das Gebirge zweimal im nordostitalienischen Friaul; Rombo heißt das Grollen, mit dem sich die Erdbeben ankündigen. Ein Chor aus Bewohnerinnen und Bewohnern sucht nach Erinnerungsbruchstücken, und ihre lang nachwirkende, irgendwie karstige Sprache lässt mich nicht mehr los.

Hier driftet alles zwischen Tag und Traum: Georg Kleins 2010 erschienener "Roman unserer Kindheit" erzählt von einer Kinderbande, die in einer süddeutschen Stadt aufwächst. Aber diese Nachkriegsgeschichte steckt voller uralter Bärentötermärchen. Eine Nachtschattenkombo aus Kriegsversehrten führt die Vergangenheit auf, und auch die Kinder wiederholen als steinzeitliche Jäger und Sammler eine frühere Menschheitsstufe. Der Coup des Romans ist seine bauchrednerische, dämonisch komische Erzählstimme: eine Sprechblase, die sich nicht überbieten lässt. Und jeder Satz hat seinen Rhythmus.

"Ich will der Roman sein, der dir dein Leben erleuchtet und es beherrscht." Das ist nur eine der vielen Anmaßungen, die Brigitte Kronauers Roman "Der Scheik von Aachen", 2016 erschienen, anbetungswürdig ad absurdum führt. Die blauäugige Anita lenkt ihre prollige Tante mit Geschichten vom Trauern ab. Währenddessen dreht sich alles ums Dämonisieren und Idealisieren, um Verklärung und Zertrümmerung, auch um zerstörte Natur - und um die Frage, wie man der Trauer mit Erzählen begegnen kann. Die Tante rülpst, die Nichte schwärmt, Gewächse höhlen sich zu Saugschlünden und Vögel flöten wie Ganoven: so elegant klingt nur der Kronauerkosmos.

Das phantastischste Freundes- und Gegensatzpaar, das ich kenne, stammt aus Marion Poschmanns Roman "Die Sonnenposition" von 2013. Altfried kümmert sich als Psychiater um Wendeopfer, die in einem bröckelnden Barockschloss leben; Odilo untersucht als Lichtforscher die Biolumineszenz von Tieren. Zugleich geht es um Schloss Sonnenstein, die einstige NS-Anstalt für psychisch Kranke. Licht und Schatten sind die Triebkräfte dieses geschichtsbesessenen Romans: ein A und O der Erinnerung und Erfindung, voller Leuchtfeuerwerke und Camouflagetricks.

"Die völlige Abwesenheit von Chlorophyll war zutiefst verstörend". Diesem Pflanzenfetischismus bin ich seit 2011 verfallen, vielleicht, weil die gallige Lehrerin aus Judith Schalanskys Roman "Der Hals der Giraffe" auch eine zarte Seite hat und etwas Lebendiges bewundert. Vorerst aber sitzt Inge Lohmark in ihrer ideologischen Kapsel fest und hält sich die Welt mit Zynismus vom Leib. Überall Fressen und Gefressenwerden, Begattung als Kampfhandlung, Ordnung als Hackordnung. Zum Glück bricht ihr Panzer allmählich auf, und: es wächst wieder was. So befreiend war Chlorophilie noch nie!