Gestern wurde bekannt, dass der Prozess gegen Boualem Sansal in Algerien eröffnet wurde. Der Staatsanwalt, berichten die Medien, fordert zehn Jahre Haft gegen den Schriftsteller. In Le Mondeschafft es Simon Roger, zumindest indirekt vom ersten Prozesstag zu berichten: "Einem ortsansässigen Journalisten zufolge, der der Verhandlung beiwohnte, erschien Boualem Sansal, 80 Jahre alt und an Prostatakrebs erkrankt - für den er im Gefängnispavillon des Universitätsklinikums Mustapha-Pacha in Algier behandelt wird -, 'in guter Verfassung, mit kurz geschnittenem Haar'. Er habe sich entschieden, sich selbst zu verteidigen, obwohl ihm von der algerischen Justiz ein Pflichtverteidiger zugewiesen worden sei. 'Ich wollte nichts gegen mein Land unternehmen, ich habe nur eine Meinung geäußert, wie jeder algerische Bürger', rechtfertigte sich der Autor auf Französisch." Sansal hat sich offenbar entschieden, ganz auf Anwälte zu verzichten, nachdem sein französischer Anwalt François Zimeray nach wie vor kein Visum für Algerien bekommen hat - Zimeray schreibt in einer Erklärung über einen "im Geheimen abgehaltenen Fantomprozess, ohne Verteidigung, der mit der Idee der Gerechtigkeit unvereinbar ist". Der Le Monde-Journalist möchte übrigens die Strafforderung des Staatsanwalts als eine "Geste der Beschwichtigung" interpretiert wissen, da noch weit schlimmere Strafen gegen Sansal verhängt werden könnten.
Am Rande des EU-Gipfels hat sich gestern Abend lautLe Point auch Emmanuel Macron zu Sansal geäußert: "Unser Wunsch ist es, dass Boualem Sansal behandelt werden kann, freigelassen wird und dorthin gehen kann, wo er hin will. Ich wünsche mir, dass wir eine schnelle Lösung für diese Situation finden, die eine Frage der Menschlichkeit und der Würde für alle Seiten ist. Das ist auch für Algerien sehr wichtig." Übrigens wusste nicht einmal Macron, dass überhaupt eine Prozesseröffnung gegen Sansal angesetzt war, sagt Noëlle Lenoir, Vorsitzende des französischen Unterstützungskomitees für Sansal in einem Radio-Interview von heute früh.
Weiteres: Das Oberlandesgericht Hamburg hat die Beschwerde des Galeristen Johann König in der Auseinandersetzung um Christoph Peters' Roman "Innerstädtischer Tod" abgelehnt, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Mathias Mayer legt uns in der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" Ludwig Marcuses Platon-Studie "Der Philosoph und der Diktator" ans Herz. In der FAZschreibt Patrick Bahners zum 90. Geburtstag des C.H.-Beck-Lektors Ernst-Peter Wieckenberg. Doris Kraus und Mirjam Marits stellen in der Presseneue Krimis aus Norwegen vor.
Besprochen werden Christoph Heins "Das Narrenschiff" (online nachgereicht von der FAZ), Dagmar Leupolds Lyrikband "Small Talk" (FR) und Ismail Kadares "Der Anruf" (SZ).
Die Zeit kommt heute mit ihrer Frühjahrsbeilage. Adam Soboczynski plaudert dafür mit JuliZeh und DavidFinck über deren Leben als schriftstellerndesPaar, das zwar weit weniger bohèmeartig ausfällt, als sich das mancher Zeitgenosse vielleicht ausmalen mag ("Notorische Übermüdung statt Künstlerorgien", Zeh), aber dafür auch einige Vorteile bietet: "Wir überarbeiten die Texte des anderen. So ein bisschen, als wäre es der eigene. Schreiben Sätze um, löschen Passagen oder fügen neue hinzu", sagt Finck. Und der jeweils Andere akzeptiert das "erstaunlich oft", sagt Zeh. "Im ersten Moment ist es manchmal aber auch der pure Hass. Wenn ich das Dokument aufmache und sehe Davids drei Millionen Vorschläge, denke ich schon manchmal: Oh, comeon."
Seit Miranda Julys "Auf allen Vieren" im vergangenen Jahr rückt die Menopause zusehends in den Fokus der Literatur, fällt Rabea Weihser in der Zeit auf - und bezieht sich dabei auf neue Bücher von AnikaDecker, KristineBilkau, StefaniedeVelasco und StephanieHielscher. "Es musste wohl erst eine Generation von Autorinnen heranreifen, die mit Ende 40 über genügend mediale oder künstlerische Relevanz verfügt, um ihre eigenen Geschichten erzählen zu dürfen: Die Wechseljahre sind kein plötzlicher hormonbedingter Absturz in die Unsichtbarkeit, sondern im besten Fall eine faszinierende Phase des Umbruchs, der Selbstbefragung und Verwandlung. Deshalb heißen sie ja Wechseljahre. Und was gäbe es Spannenderes zu ergründen als eine Metamorphose? Die Perimenopause, also die Dekade vor dem Ende der weiblichen Fruchtbarkeit, wird endlich auch in Deutschland als eine der literarisch fruchtbarsten Phasen des Lebens erkannt."
Weitere Artikel: Nachdem eine Spiegel-Recherche bereits im vergangenen Dezember Zweifel daran geäußert hatte, dass das unter dem Pseudonym LatifeArab veröffentliche Buch "Ein Leben zählt nichts - als Frau im arabischen Clan" tatsächlich aus einer authentischen Perspektive geschrieben ist, hat der Verlag das Buch nun, nach eigenen Zweifeln an der Identität der Autorin, aus dem Angebot genommen, meldet Leon Frei in der SZ. In ihrem Blog gibtKatjaKullmann Einblicke in die Recherche zu ihrem demnächst erscheinenden Debütroman "Stars". Irisch Radisch schreibt in der Zeit einen Nachruf auf den norwegischen SchriftstellerDagSolstad (mehr zu dessen Tod bereits hier).
Besprochen werden unter anderem AntjeRávikStrubels "Der Einfluss der Fasane" (NZZ), AnnettGröschners "Schwebende Lasten" (Welt, FAZ), BarbaraYelins exklusiv bei den Münchner Kammerspielen erhältlicher Comic "Die Giehse" über die Theaterschauspielerin ThereseGiehse (FAZ.net) und MartinMosebachs "Die Richtige" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Bascha Mika collagiert in der FR Passagen aus AnnettGröschners neuem Roman "Schwebende Lasten" und Interview-Antworten der Autorin zu ihrem Buch. Dieses erzählt von der Drangsal der Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna Krause, die von Magdeburg aus das ganze deutsche 20. Jahrhundert mit all seinen politischen Katastrophen und Zäsuren miterlebt - eine Figur, die lose an die eigene Großmutter angelegt ist, wie Gröschner sagt. "Sie ist ja schon von klein auf ziemlich hart im Nehmen und muss es auch sein. So was wie Tränen verbietet sie sich, bis auf Ausnahmen. Interessanterweise kann sie weinen, als sie nach dem Inferno die erste Magnolienblüte sieht. Sie weint auch, als das Kind einer Freundin stirbt. aber nicht beim Tod ihrer eigenen Kinder. ... In der DDR gab es sehr viel Gewalt, vor allem gegen Kinder. Ich kannte welche, die mit dem Feuerhaken verdroschen wurden. Und nicht zu weinen war dann die Trotzredaktion: Du kannst mich schlagen, aber es macht mir nichts. Es war ein ganz starkes Wegdrängen. Vielleicht lag es auch an dieser harten Stadt Magdeburg mit ihrem Schwermaschinenbau - Stahl gießen, dem Feuer trotzen. Sensibilität war ein Fremdwort."
Weitere Artikel: Alice Fischer resümiert im Perlentaucher unseren Abend im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Oliver Jungen berichtet in der FAZ vom Auftakt der lit.Cologne, wo es auf zwei Veranstaltungen (RobertoSaviano über die Rolle von Frauen, CarolineDarian - die Tochter von GisèlePelicot - über die Verbrechen und Übergriffe ihres Vaters) um "toxischeMännlichkeit in ihrer abscheulichsten Form" ging. Im BR-Nachtstudio sprichtChristophHein über seinen neuen Roman "Das Narrenschiff". Francesca Polistina erzählt in der taz von ihrem Besuch im feministischen Buchladen Libreria delle donnein Mailand. Roman Bucheli gratuliert in der NZZ dem Schweizer Limmat-Verlag zum fünfzigjährigen Bestehen.
Besprochen werden unter anderem YasminaRezas "Die Rückseite des Lebens" (Standard), ChaimNachmanBialiks Erzählungsband "Wildwuchs" (Zeit), CristinaHenríquez' "Der große Riss" (FR) und RobertoSavianos "Treue. Liebe, Begehren und Verrat - die Frauen in der Mafia" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die Feuilletons trauern um den Schweizer SchriftstellerPeterBichsel. "Er war eine Ausnahmeerscheinung unter den Schweizer Autorinnen und Autoren", schreibt Roman Bucheli in der NZZ, und "zugleich ein helvetisches Monument, wie es typisch ist für unser Land: Er wirkte aus dem Hinterhalt seiner Verborgenheit, er gehörte nicht zu den Lauten, aber er war keineswegs kleinlaut. Seine Texte bewahrten sich stets einen Rest an Verschrobenheit und bezogen gerade daraus ihre unvergleichliche poetische Kraft." Bichsel "schaute aus seinem Fenster und hörte den Leuten zu, die ihm auf der Straße, in der Kneipe oder im Zug begegneten. Was er sah und was ihm zu Ohren kam, verwandelte sich unter dem Zauber seiner einfachen, nie preziösen Sprache in ein poetisches Universum. (...) Nicht das Außergewöhnliche hat Bichsel an den Menschen interessiert, sondern das Unscheinbare, bis hin zu ihrem kleinen Glück in der Ereignislosigkeit eines versäumten Lebens."
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Über nichts schreiben: Das war das reine Schreiben, und da ist er nicht weit von GustaveFlaubert, der seinen Traum, 'un livre sur rien' zu verfassen, nie realisiert hat", schreibt Martin Ebel in der SZ. "Bichsel schon: in den Hunderten von Kolumnen, die einen sehr legitimen Teil seines Gesamtwerks ausmachen. Auch der andere Teil, die Geschichten, besteht aus kleinen Formen. ... Ein Kleinmeister aber - in dem Sinne, dass die Gedanken, die Spannkraft, die Kondition nicht für Größeres ausreichen - ist er nicht. Bichsels Geschichten offenbaren ihre Größe, wenn man sich ihnen überlässt: Tief fällt man in sie hinein."
Auch Pia Reinacher hört für die FAZ in Bichsels Poetik des Unscheinbaren hinein: "Literatur sei darauf angewiesen, Unbedeutendes tun zu dürfen. Mit diesem scheinbar schlichten Leitsatz startete der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel 1982 den ersten Teil seiner 'Frankfurter Poetikvorlesungen'. ... Die Schwierigkeiten der Schriftsteller mit den Kritikern und Germanisten, so Bichsel damals, rühre von ihrem ständigen Drang, etwas Bedeutendes erklären zu wollen. Damit aber schlügen sie dem Schriftsteller die Hintertüre zu, der sich dem Erzählen des Lebens verschrieben habe und aus dem Unscheinbaren etwas Bedeutendes extrahiere. ... Bichsel war davon überzeugt, dass in einer Welt der inflationären Kommunikation und der überschwemmenden Informationsflut das Erzählen der Literaten ein geradezu aufklärerischer Akt sei - dringend notwendiger Widerstand gegen das Dominat austauschbarer News."
Bichsel war zwar ein harter Kritiker der Schweiz, aber "ein annehmbarerOppositioneller", schreibt Samuel Tanner in der NZZ: "Mochte er noch so radikal denken und schreiben - von ihm hatte niemand eine Revolution zu befürchten." Die NZZsammelt Stimmen von Wegbegleitern. Der Tagesanzeigerstellt Bichsels Kurzgeschichte "Ein Tisch" online. Weitere Nachrufe in Tagesspiegel, FR und taz.
Besprochen werden unter anderem ChristophHeins "Das Narrenschiff" (FR, FAZ), KristineBilkaus "Halbinsel" (taz) und AntjeRávikStrubels "Der Einfluss der Fasane" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Der LiteraturwissenschaftlerWolfgang Hottnerschreibt in der FAZ zum Tod des SchriftstellersDagSolstad, der "mehr als fünf Jahrzehnte hinweg die prägende literarische Stimme" Norwegens war. "Solstad verstand sich als Chronist des Industrialisierungs- und Modernisierungsprozesses seines immer reicher werdenden Heimatlandes, das sich für ihn durch die Ölmillionen von einer sozialdemokratischen Utopie zu einem kapitalistischen Normalfall entwickelte. Die Auseinandersetzung mit gescheiterten politischen Hoffnungen wurde zum Stoff seiner besten Romane wie 'Gymnasiallehrer Pedersen' oder 'Roman 1987', in denen er von der 'höchst eigenartigen Geschichte dieses Landes' erzählt." Auch in späteren Roman "beschreibt Solstad die verlorenen Ideale der Achtundsechziger-Generation. ... Das Mäandernde, Umständlicheund Abschweifende wurde ihm früh zur Methode, und mit ebendiesem Tonfall hat er der norwegischen Literatursprache zu ungeahnten Höhen verholfen."
Weitere Artikel: Im Dlf Kultursprechen Jörg Plath und Dorothea Westphal mit den fünf für den LeipzigerBuchpreis nominierten Übersetzern. Ronald Pohl porträtiert im Standard den Schriftsteller MarioWurmitzer. Christoph Krummenacher meldet in der Solothurner Zeitung, dass der SchriftstellerPeterBichsel gestorben ist.
Besprochen werden unter anderem ChristianKrachts "Air" (FR, online nachgereicht von der Welt), eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn zu SusanSontag (online nachgereicht von der FAS), WalburgaHülks Biografie "VictorHugo. Jahrhundertmensch" (Standard), LukasMaisels "Wie ein Mann nichts tat und so die Welt rettete" (Standard), TimoBrandts "Oder die Löwengrube" (Standard), HeleneHegemanns "Striker" (SZ) und neue Hörbücher, darunter CharlyHübners Lesung von OtfriedPreußlers "Krabat" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Ralph Dutli über ChristinedePizans "Allein. Bin. Ich":
"Allein bin ich und will es immer bleiben, allein hat mich mein süßer Freund gelassen, allein ohne Gefährten schwunglos treibend ..."
Dreißig Jahre über seinen Tod hinaus ließ EliasCanetti seine Tagebuchaufzeichnungen sperren. Die Frist ist vergangenen Sommer abgelaufen - die Mainzer Akademie für Wissenschaften und Literatur gewährte nun bei einer Lesung der Sängerin Claudia Eder einen ersten Einblick ins Material. "Es ist mir ein angenehmer Gedanke, mein Tagebuch in dreißig Jahren gelesen zu sehen", schreibt Canetti darin, denn "die Wahrheit aus dieser Distanz ist erträglich" - so notiert es Andreas Platthaus in der FAZ. "Das war immer sein dezidierter Anspruch: die Wahrheit, aber was er darunter verstand, ist selten so deutlich geworden wie an diesem Mainzer Abend. Im Tagebuch konnte sie uneingeschränkt zum Ausdruck kommen, weil dort nur Canetti selbst mitlas. Gegenüber anderen Menschen hielt er sich mit ' der Wahrheit' zurück, weil er nur die eigene gelten ließ und das auch wusste." Und: "Über seine Eitelkeit hat sich Canetti nie hinweggetäuscht, aber umso eitler stellt er sie in den Tagebüchern aus."
"Die böseZunge spielt nicht die Hauptrolle" an diesem Abend, berichtet Lothar Müller in der SZ, der aber auch die blutrünstigen Mordfantasien nicht unerwähnt ließ, die Canetti gegenüber seiner Frau Veza Taubner-Calderon offensichtlich befielen. Und: "Vielleicht gehört zu den Rückseiten von Canettis Selbstbewusstsein, zu den wahrhaft bedeutenden Autoren zu zählen, seine Angst vor dem Bestohlenwerden. Sie zeigt sich an Begegnungen mit Günter Grass, dessen kurz zuvor publizierte 'Blechtrommel' er als uneingestandenen Abkömmling seines eigenen Romans 'Die Blendung' charakterisiert."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Für das "Literarische Leben" der FAZ porträtiert Christiane Pöhlmann den im Exil lebenden, russischen SchriftstellerDmitriBykow, der wohl als einziger seiner Berufszunft sowohl von Russland (weil er gegen Putin und den Krieg ist) als auch von der Ukraine ("weil ich Odessa eine Stadt großer russischer Kultur und alle Nationalisten Idioten genannt habe") als Feind angesehen wird, und der "Zeitbilder mit klugen kulturhistorischen Überlegungen" verfasst. Michael Töteberg präsentiert in "Bilder und Zeiten" das Fundstück, das RolfDieterBrinkmann mittels seiner Collagentechnik eine für eine Anthologie vorgesehene, allerdings unveröffentlicht gebliebene Perry-Rhodan-Geschichte verfasst hat (gemeinsam mit Alexandra Vasa hat Töteberg eben eine Biografie über Brinkmann veröffentlicht).
Besprochen werden unter anderem ChristianKrachts "Air" (NZZ, Presse), BettinaWilperts "Die bärtige Frau" (taz), KavehAkbars in den USA bereits gefeierter Debütroman "Märtyrer!" (taz), PatriciaHempels "Verlassene Nester" (taz), RolfDieterBrinkmanns von der ARDonline gestelltes Hörspiel "Die Wörter sind böse" (taz), MartinMosebachs "Die Richtige" (FAZ), AntonioPigafettas "An Bord mit Magellan. Bericht über die erste Reise rund um die Welt 1519-1522" (NZZ), InesBerwings Lyrikband "zertanzte schuhe" (FR), FriedlBenedikts "Warte im Schnee vor deiner Tür. Tagebücher und Notizen für Elias Canetti" (FAS) und LenaSchättes "Das Schwarz an den Händen meines Vaters" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
25 Jahre Perlentaucher - hier der Livestream unserer Veranstaltung gestern Abend im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
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Bestellen Sie bei eichendorff21!"Mich interessiert das alltägliche Unglück, Pech, Entgleisung. Geschichten von Männern und Frauen, die vom üblichen Weg abkommen und von der üblichen Moral", sagt die SchriftstellerinYasmina Reza im SZ-Gespräch mit Johanna Adorján zu ihrer vor einigen Jahren entwickelten Vorliebe, Gerichtsprozesse zu besuchen. Aus den dort beigewohnten Schicksalen schöpft sie auch für ihr neues Buch "Die Rückseite des Lebens". "Ich sehe, wie leicht man auf die andere Seite geraten kann. Pech. Ein falscher Umgang. Eine falsche Entscheidung. ... Es ist sehr selten, dass man wahre Bösewichter sieht. ... Ich sehe Literatur nicht als Ort des erbaulichen Denkens. Ich habe keine Lektion zu erteilen und keine Botschaft zu vermitteln. Ich will nichts beweisen. Ich untersuche menschliche Eigenheiten, Leidenschaften, Entgleisungen. Ich gebe sie so wieder, wie ich sie empfinde, und versuche auf diese Weise, das Leben zu hinterfragen."
Außerdem: Yi Ling Pan liest für die taz die neue Ausgabe der LiteraturzeitschriftDelfi. Philip Krohn wirft für die FAZ Schlaglichter auf Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" unter den Eindrücken aktueller großpolitischer Wetterlagen.
Besprochen werden unter anderem SerhijZhadans Erzählungsband "Keiner wird um etwas bitten" (NZZ), ChristianKrachts "Air" (JungleWorld, Standard) und JessicaAnthonys "Es geht mir gut" (FR). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Zeit-Gespräch mit Ijoma Mangold verrät die SchriftstellerinHeleneHegemann, dass das Thema ihres neuen Romans "Striker", der von einer jungen Kampfsportlerin handelt, auch mit ihrer eigenen, vor wenigen Jahren entdeckten Faszintation für aktiven Kampfsport zusammenhängt, den sie für eine "interessante Kulturtechnik" hält. "Beim Kampfsport, egal ob Boxen oder Mixed Martial Arts, geht es um Körperkontrolle und Choreografie. Und um Commitment. ... Beim Yoga wird ja immer die Verbindung zum Universum beschworen, genau dieser Effekt hat sich für mich beim ersten Kampfsporttraining eingestellt, und zwar sofort: Du betrittst einen Raum und guckst allen ins Gesicht, weil du dich potenziell mit jedem von denen gleich drei Minuten auf dem Boden wälzen wirst. Man arbeitet sich unmittelbar, mit aller Härte, an anderen ab, wird sehr konkret in die Gegenwart und in Beziehungen gezwungen. ... Diese Balance beim Sparring, also jemandem gegenüber brutal zu sein und gleichzeitig auf ihn aufzupassen - das ist eine Art der Begegnung, die in ihrer Direktheit schwer mit etwas anderem zu vergleichen ist."
Besprochen werden unter anderem eine Ausstellung von PrimoLevis Briefen im Museum Palazzo Madama in Turin (FAZ), ChristianKrachts "Air" (taz, FAZ), IgorKordejs Comic "Texas Kid, mein Bruder" (FAZ.net), ChimamandaNgoziAdichies "Dream Count" (Zeit) und ChristophKramers "Das Leben fing im Sommer an" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Welche Bücher deutscher Sprache waren in den letzten 25 Jahren also nun die prägendsten? Gestern ging unsere große Kritikerumfrage dazu zu Ende, Anja Seeliger hat die Beiträge (hier alle zum Stöbern und Nachlesen) ausgewertet. Es zeigt sich: "Die Zeit der 'Großschriftsteller' ist endgültig vorbei". Wer in den Achtzigern und Neunzigern auf einer vergleichbaren Liste vollkommen unumgänglich gewesen wäre, wird 2025 kaum erwähnt. Stattdessen: "TeréziaMora (sechs mal), LutzSeiler, WolfgangHerrndorf und EmineSevgiÖzdamar (je fünf mal), gefolgt von DanielKehlmann, BrigitteKronauer, RainaldGoetz und ClemensJ. Setz (je vier mal). ... Viele der genannten Romane blicken zurück auf den Nationalsozialismus, den Gulag, die DDR oder die Folgen des Zerfalls der Sowjetunion. Die Lastdes20. Jahrhunderts wiegt auch im 21. noch schwer." Am meisten genannt wurde übrigens Özdamars "Ein von Schatten begrenzter Raum" - das ist "bei 28 Stimmen sicherlich nicht statistisch relevant, aber ein Zufall ist es wohl auch nicht. Denn dieser Roman führt einem vor Augen, wie selten in den eindrucksvollsten Büchern der deutschsprachigen Literatur die Vorstellung von Glück geworden ist. Und das in den letzten 25 Jahren, einer Zeit also, in der wir noch sicher und behaglich lebten." PerlentaucherThierryChervelspricht im Dlf Kultur über unsere nunmehr abgeschlossene Kritikerumfrage zu den prägendstendeutschsprachigen Büchern der letzten 25 Jahre.
Außerdem: Ronja Wirts berichtet auf Zeit Online vom Berliner Solidaritätsabend (hier zum Nachhören beim RBB) für BoualemSansal (siehe dazu bei uns auch das Transkript des Gesprächs, das Thierry Chervel an dem Abend mit KamelDaoud geführt hat). Die norwegischen Samit sind weiterhin sehr skeptisch, was den seit den Neunzigern trotz seiner Hitler-Begeisterung wieder verehrten, norwegischen SchriftstellerKnutHamsun betrifft, schreibt Aldo Keel in der NZZ. Paul Ingendaay stimmt in der FAZ auf die Boekenweek, ein Literaturfestival in den Niederlanden ein.
Besprochen werden unter anderem Chimamanda Ngozi Adichies "Dream Count" (online nachgereicht von der Welt), Martin Mosebachs "Die Richtige" (FR, NZZ), Jente Posthumas "Woran ich lieber nicht denke" (NZZ), JohanHarstads "Unter dem Pflaster liegt der Strand" (FAZ) und eine Neuausgabe von StefanZweigs Romanfragment "Clarissa" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Perlentaucher Thierry Chervel hat das Gespräch transkribiert, das er am Freitagabend im Deutschen Theater mit dem algerischen Autor Kamel Daoud führte. Daoud war für den Abend aus Paris angereist, unter anderem um über seinen Freund Boualem Sansal zu sprechen, der seit mehr als drei Monaten wegen seiner Meinungsäußerungen vom algerischen Regime gefangen gehalten wird. Sansals aktuelle Situation beschreibt Daoud so: "Er hatte tatsächlich einen Hungerstreik angefangen, aber laut Quellen, mit denen ich in Kontakt bin, hat er ihn auf Anraten seiner Ärzte abgebrochen. Er hat drei Anwälte, einen französischen Anwalt, François Zimeray, und zwei algerische Anwälte. Das Regime hat Zimeray die Einreise verweigert, mit einer Begründung, die man inzwischen kennt, nämlich dass er Jude ist. Offiziell sagen sie, es liege daran, dass Zimeray zu viel in den Medien geredet habe. Eine Zeitlang war von einem zweiten französischen Anwalt die Rede, den man hinzuschalten könnte. Aber das ist wegen der immer stärkeren Spannungen zwischen Frankreich und Algerien ins Wasser gefallen. Hinzu kommt ein Spielchen, das die Behörden spielen. Mal lassen sie seine Frau ihn besuchen, mal darf er ins Krankenhaus, dann muss er wieder ins Gefängnis. Damit wollen sie zeigen, wer den Hammer in der Hand hält. Und im Moment ist die Situation blockiert, es gibt keine Hoffnung." Der Abend für Boualem Sansal im Deutschen Theater wurde im Radio 3 des RBB übertragen und kann hier nachgehört werden.
Die NZZbringt eine literarische Reportage des polnischen SchriftstellersSzczepanTwardoch vom Kriegsgeschehen in der Ukraine. Dieses wird vor allem von Drohnen bestimmt. "Das Kampffeld ist transparent geworden, Tod und Leben sind durch einen grauen Streifen getrennt, von einem Niemandsland: Da ist jemand, der nicht mehr lebt, aber auch noch nicht tot ist, schwebend zwischen den Zuständen, ausgeliefert der Gunst des Piloten. Der Major, der mir von den Drohnen erzählte, sprach auch über die Geländeformation, die seiner Ansicht nach keine größere Bedeutung mehr hat. Überall Kameras. Du brauchst keine Anhöhe mehr, um etwas zu sehen. Die Artillerie wird ohnehin möglichst tief versteckt. Strategische Bedeutung hat etwas anderes: Alles ruht auf Starlink. Die ganze Übertragung von Tausenden Videoaufnahmen, die Messenger Signal und Google Meet, der Informationskreislauf dieses Krieges, alles erfolgt mithilfe des Satelliteninternets. 'Wenn Musk uns das ausschaltet', sagte damals der Major, 'sind wir am Arsch. Dann haben wir nichts.'"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Mit HelmutBöttigersBeitrag schließen wir unsere Kritikerumfrage nach den fünf prägendsten Büchern deutscher Sprache der letzten 25 Jahre ab, bevor wir am kommenden Donnerstagim Literaturarchiv Marbach unser 25-jährigesBestehen feiern. Böttiger nennt Bücher von Sibylle Lewitscharoff, Lutz Seiler, Ulrich Peltzer, Emine Sevgi Özdamar und Wolfgang Hilbig, dessen "Das Provisorium" aus dem Jahr 2000 "wie ein Fanal aus dem 20. für das 21. Jahrhundert wirkt. Hilbigs Wiederaufnahme der schwarzen Romantik, die radikale Infragestellung seiner Biografie und seiner literarischen Prägungen führt eine existenzielle Aufladung des Schreibens jenseits des Literaturbetriebs vor: die obsessive Besetzung der Literatur durch einen Autodidakten aus der Unterschicht. 'Das Provisorium' entwirft zugleich ein hyperrealistisches Bild für das Weiterleben der DDR. Hilbig ist so etwas wie der letzte Klassiker der Moderne." Alle Beiträge zu unserer Kritikerumfrage finden Sie hier.
Weitere Artikel: Andreas Hartmann berichtet in der taz von seinem Treffen mit den Gründerinnen von zoraLit, einer genossenschaftlich organisierten Literaturagentur. Dazu passend berichtet Anna Hoffmeister in der taz von einer "Betriebsversammlung" in Leipzig, wo Schriftsteller sich über die prekären Bedingungen des Schreibens austauschten. Im Tagesspiegel-Fragebogen gibt die Comiczeichnerin ClaudyaSchmidt Auskunft über ihre Arbeit.
Besprochen werden unter anderem HeikeGeißlers Essay "Verzweiflungen" (FR), JovanaReisingers Essay "Pleasure" (Standard), VigdisHjorths "Wiederholung" (FAZ) und ChristianKrachts "Air" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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