Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.12.2022 - Kunst

Der Vatikan gibt all seine Fragmente des Parthenon-Tempels an Griechenland zurück. Das hat Papst Franziskus gestern bekanntgegeben, meldet Hyperallergic. In der NZZ berichtet Thomas Ribi über den Streit um den Naumburger Dom: Mit der Aufstellung des Cranach-Altars im Westchor soll der Dom seinen Status als Weltkulturerbe gefährden. In der FAZ erinnert Boris Motzki an die Uraufführung von Jean Cocteaus "Antigone" 1922 (Arthur Honegger komponierte, Coco Chanel nähte, Pablo Picasso malte und Cocteau und Artaud spielten, pas mal, no?). Und Rose-Maria Gropp gratuliert der Fotografin Bettina Rheims zum Siebzigsten.

Besprochen wird die Ausstellung "Data Streaming" mit Arbeiten von Michel Majerus im Hamburger Kunstverein (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.12.2022 - Kunst

Gisèle Freund, Selbstporträt mit Rolleiflex, Mexico City, 1952; bpk | IMEC, Fonds MCC | Gisèle Freund


In der FAZ freut sich Freddy Langer, dass das Jüdische Museum Frankfurt den Nachlass der Fotografin Gisèle Freund erwerben konnte: zweiunddreißig Archivboxen immerhin, in die Langer schon mal einen Blick werfen durfte: "In den Schachteln findet sich allemal genügend Material für mehr als eine Ausstellung - gerade für ein Museum, das sein Augenmerk immer auch auf die Geschichte hinter den Kunstwerken gerichtet hat, um sie einzubetten in ein Geflecht aus Kultur, Politik und Privatem. Blättert man sich durch die Boxen, blickt man auf ein Leben zwischen Berliner Großbürgertum - bis dorthin, dass ihr Vater sich von Max Liebermann hatte porträtieren lassen -, den Frankfurter Intellektuellen und der Pariser Boheme - das handgeschriebene Adressbuch gleicht einem Who's who der Nachkriegszeit. ... Höhepunkt der Sammlung aber sind die Bilder, darunter Collagen in dadaistischer Manier, zahlreiche unveröffentlichte Schwarz-Weiß-Aufnahmen früher Reisen und Reportagen, die einen neuen Aspekt des Werks erschließen, und eben die bekannten Künstlerporträts, die als alte, matte Farbabzüge mit einer charmanten Blässe vorliegen, die in den späteren Hochglanzabzügen verloren ging."

Weitere Artikel: Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie, zeigt sich im Gespräch mit der FR optimistisch, was die viel kritisierte Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz angeht: "Das ist endlich eine klare Entscheidung für die Autonomie der einzelnen Museen. Ich empfinde das als Befreiungsschlag." In der taz berichtet Benno Stieber von der ersten Übergabe von Benin-Bronzen durch Baden-Württemberg. Entsetzt blickt Gesine Borcherdt in der Welt auf das Kunstjahr 2022 zurück und den Drang von Künstlern und Kuratoren, "sich ostentativ moralisch gegen andere abzugrenzen, und zugleich diese Moral mühelos zu unterwandern". Weil dabei auch immer wieder von Traumata gesprochen wird, hakt Borcherdt bei dem Trauma-Experten Thomas Hübl nach, der der Kunstwelt zu "kollektiver Traumaarbeit" rät. Und bis dahin? "Sind die Museen bald voller Triggerwarnungen, weil die Welt zu zartbesaitet ist für böse Bilder, also auch für Balthus, Hans Bellmer und Paul McCarthy?" Gerhard Richter hat mit 90 Jahren nochmal den Galeristen gewechselt, staunt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung: "Künftig wird der mit Standorten in New York, London, Paris und Hongkong ausgestattete Deutsche David Zwirner Richters General-Impresario sein." In der SZ versucht Nils Minkmar anhand von Konrad R. Müllers Olaf-Scholz-Porträt das Wesen des Kanzlers zu ergründen.

Besprochen werden die Cezanne-Ausstellung in der Londoner Tate Modern (SZ) und die Ausstellung "Zerrissene Moderne - Die Basler Ankäufe 'entarteter' Kunst im Kunstmuseum Basel (die Andreas Platthaus in der FAZ einfach "vorbildlich in ihrer Breite und Offenheit" findet, "gerade im Vergleich mit den jüngsten Diskussionen um die zögerliche Aufarbeitung der Sammlungsgeschichte im Kunsthaus Zürich)).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.12.2022 - Kunst

Kliment Redko, Kyivo-Pecherska Lavra, 1914. The Kyiv National Art Gallery


Wer es nicht bis Madrid schafft, um ukrainische Kunst zu sehen, schafft es vielleicht bis Basel? Auch dort zeigt die Kiewer Gemäldegalerie als Gast des Kunstmuseums Basel - die Berliner Museen sind offenbar zu sehr mit sich selbst beschäftigt - gerettete Werke aus seiner Sammlung. Philipp Meier fällt dabei auf, wieviel neue ukrainische Künstler es gibt: Malewitsch? In Kiew geboren. Iwan Aiwasowski? Auf der Krim geboren. Repin? Stammt aus einer ukrainischen Kosaken-Familie. Dass sich viele als Russen verstanden, wundert allerdings nicht. Als ukrainische Künstler wären sie vielleicht geendet wie die Menschen auf diesem Bild: Es "'zeigt einen Völkermord, wie sie in der Ukraine öfter vorkamen. Auch jetzt gerade wieder', sagt Josef Helfenstein, der Direktor des Kunstmuseums Basel. Zwei Kutschen preschen über weites Feld, je zwei Pferde vorgespannt, in fliegendem Galopp. Auf den Wagen vergreifen sich Männer an Frauen. Diese sind nackt. Genauso wie die gefesselten Frauen, die an Seilen an die Gefährte gebunden, hinterhergeschleift werden. Auch Männer werden da zu Tode geschleift, ihnen hat man die Kleider belassen. Das große Gemälde mit surrealistischen Stilanleihen thematisiert die Partisanenkriege und antisemitischen Pogrome in der für kurze Zeit unabhängigen, anarchischen Ukraine während des russischen Bürgerkriegs zwischen 1917 und 1921. Es stammt von Oleksandr Tyschler. Wer war dieser Maler? Unter Alexander Grigoryevich Tyschler findet man im Internet einen russischen Künstler, der 1898 in eine jüdische Familie hineingeboren wurde."

Weitere Artikel: In der FR berichtet Lisa Berins dass das Bundespatentgericht den Markenkern der Documenta anerkannt hat: "Der Verfahrensgegner habe, so das Gericht, die Wertschätzung der Marke 'documenta' ausgenutzt." Nun ja. In der taz empört sich Renata Stih über die Kündigung der Räumlichkeiten des Werkbund-Archivs in der Berliner Oranienstraße: "Und wieder wird ein Stück Berliner Stadtgeschichte durch gierige Spekulanten zerstört".

Besprochen werden die Ausstellung: "1922 - George Grosz reist nach Sowjetrussland" im Kleinen Grosz-Museum Berlin (BlZ), die Rosemarie-Trockel-Ausstellung "Misleading Interpretation" im MMK Frankfurt (Zeit-Kritiker Hanno Rauterberg erscheinen die späteren Arbeiten der Künstlerin "banal und blasiert"), die Ausstellung "Clara und Crawly Creatures" im Rijksmuseum in Amsterdam (FAZ-Kritiker Hubert Spiegel blickt mit viel Mitgefühl auf Clara, das einsamste Nashorn der Welt, das jahrelang in Europa zur Schau gestellt wurde) und die Ausstellung "Vision Seemacht. Ein Marinestück für den Großen Kurfürsten" im Gemäldegalerie am Kulturforum Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.12.2022 - Kunst

Oscar Muñoz: Aliento, 1995-2002. Foto: Kunsthalle Hamburg

Was bedeutet es, wenn Pandemie, Umweltverschmutzung, Kriege uns die Luft zum Atmen rauben? In der sehr anregenden Ausstellung "Atmen" in der Kunsthalle Hamburg begegnet FAZ-Kritikerin Alexandra Wach ganz unterschiedlichen, aber immer interessanten Positionen: "Schon im Foyer fallen Seifenblasen von der Decke herab. Kaum am Boden angekommen, hauchen sie ihr Leben aus. Man könnte die Installation 'En el Air' der Mexikanerin Teresa Margolles für verspielt halten. Das Gegenteil ist der Fall. Die gerichtsmedizinische Assistentin und Künstlerin bevorzugt Materialien, die mit Toten in Berührung gekommen sind. In Mexiko-Stadt mit ihrem Drogenkrieg muss sie nicht lange suchen. Die Seifenblasen hat sie mit Wasser aus durchnässten Stoffen hergestellt, die an Orten von Gewalttaten gefunden wurden. Die Vergänglichkeit zum Anfassen sollte man deshalb als Anleitung zum langen Atem verstehen, denn die Lebensluft oder das Pneuma, anima oder spiritus, sind heute schließlich bedrohter denn je. Leidet in Zeiten, in denen der Mundschutz das Atmen beeinträchtigt, nicht auch die Inspiration, die der Barock an den beweglichen Luftmolekülen so schätzte?"

Besprochen werden die große Rosemarie-Trockel-Retrospektive zum siebzigsten Geburtstag der Künsterin im Museum für Moderne Kunst Frankfurt (taz) und Douglas Gordons Ausstellung "Neon Ark" in der Londoner Gagosian Davies Street (Guardian).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2022 - Kunst

Oleksandr Bohomasow: Schleifen der Sägen, 1927: Bild: Nationalmuseum der Ukraine

Das Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid zeigt mit der Ausstellung "Im Auge des Sturms" Kunst der ukrainischen Avantgarde, und in der FAZ kann sich Kerstin Holm sinnvolleres Kuratieren gar nicht vorstellen, zumal im Madrid etliche Werke vor russischen Angriffen sicher sind. Die Bilder dieser facettenreichen modernistischen Kunst werfen sie um: "Einen eigenwillig ukrainischen Weg in eine Retro-Moderne beschritt der aus dem agrarischen, vormals habsburgischen Westen des Landes stammende Maler Mychailo Boitschuk (1882 bis 1937), dessen Monumentalstil von byzantinischer Sakralkunst und Fresken der italienischen Frührenaissance inspiriert ist. ... Monumentaldarstellungen traditionell gewandeter Bauern und Arbeiter, mit denen Komsomol- und Metallarbeiter-Klubs, Theater und Sanatorien geschmückt wurden, priesen Alltag und Herkommen des einfachen Volkes in prekärer Umbruchzeit. Für jene Epoche steht auch Oleksandr Bohomasows konstruktivistisches Spätwerk 'Schleifen der Sägen' von 1927, das, als Teil eines Triptychons konzipiert, in glühenden Farben den Aufbau der neuen Welt als gemeinschaftliches Präzisionshandwerk beschwört."

Ausgerechnet auf dem Friedrichshof im Burgenland plante das Zentrum für Politische Schönheit über zwei Jahre lang eine großangelegte Werkschau, berichtet Sebastian Meissner im DlfKultur ziemlich entgeistert: Es wäre der Ort gewesen, an dem der Wiener Aktionist Otto Muehl jahrelang Kinder und Jugendliche missbrauchte. Erst nach massiver Kritik von innen und von der Opfergruppe "Mathilda" ließ sich ZPS-Gründer Philipp Ruch offenbar von der Idee abbringen, berichtet Meissner, der aus einer Mail an Muehls Nachlassverwalter zitieren kann, was Ruch überhaupt angetrieben: "Wie Sie vielleicht wissen, gilt Otto Muehl bei uns im Haus als eine Art Säulenheiliger. Wir brauchen - immer - vor allem Geld. Wir bieten dafür die radikalste politische Kunst, die es derzeit gibt."

Weiteres: Carmela Thiele blickt in der taz auf Ansätze deutscher Kunstakademien, Machtgefüge abzubauen.

Besprochen werden außerdem eine prächtige Ausstellung mit Ruth Baumgartes Afrika-Gemälden "Visions of Light and Color" in der Wiener Albertina (Standard), Stillleben-Schau "Les Choses" im Pariser Louvre ("Eine gut gemalte Rübe ist wertvoller als eine schlecht gemalte Madonna", zitiert Franz Zelger in der NZZ Max Liebermann), der hippe Remix der Wiener Mumok-Sammlung (Standard), Carola Göllners Ausstellung "Vivre sa vie" im Institut français Berlin (taz) und eine Ausstellung des Kunstmuseums Bern zum Erbe der Sammlung von Hildebrand Gurlitt (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2022 - Kunst

Olga Costa, Autorretrato, 1947. El Museo del Palacio de Bellas Artes, Mexiko

In der FAZ lernt Andreas Platthaus das Werk der Künstlerin Olga Costa kennen, die als Kind mit ihren kommunistischen Eltern nach Mexiko emigriert war und deren Arbeiten das Leipziger Museum der bildenden Künste in ihrem mexikanischen Kontext von Diego Riviero, Frida Kahlo und Co zeigt: "Das passt, weil es im Mexiko der Nachkriegszeit eine ungemein lebendige Künstlerinnenszene gab, zu der auch Costa zählte: María Izquierdo ist in Leipzig stark vertreten, aber die wahren Überraschungen sind hierzulande noch Unbekannte wie Alice Rahon mit ihren sphärisch-phantastischen Luftstädten oder Rosa Rolanda, deren Selbstporträt von 1952 aus allen damaligen Rastern fällt - formal, denn sie malte, als hätte sie schon Keith Haring kennen können (der dann viel später wohl auch sie nicht gekannt hat), und thematisch, denn wie sie sich selbst auf dem Bild die Ohren zuhält, ist das die weibliche Antwort auf Munchs 'Schrei'. Costa dagegen porträtierte sich selbst 1947 in geradezu klassischer Pose: mit dem Pinsel in der Hand in einem Sessel, Kleid und Schmuck mexikanisch, aber Frisur und hellblaue Augen europäisch, den Blick wie die Fürstin eines Renaissancegemäldes auf den Betrachter gerichtet."

Besprochen werden die Schau "Female View" im Schloss Moyland (die FAZ-Kritiker Freddy Langer zufolge aber den Nachweis schuldig bleibt, dass weibliche Modefotografinnen ihre Auftragsarbeiten autonomer oder mit einem anderen Selbstverständnis gestalteten).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.12.2022 - Kunst

Zum Siebzigsten beschert das Frankfurter Museum für Moderne Kunst Rosemarie Trockel eine große Werkschau, zu sehen sind auch aktuelle Arbeiten. Noch immer gibt die Konzeptkünstlerin keine Ruhe, stellt Stefan Trinks in der FAZ erfreut fest, der in der Ausstellung mehr als 300 Werke bestaunt, in denen sich Trockel "bitterernst, beißend ironisch" und dennoch humorvoll einem ihrer Kernthemen, den Rechten von Frauen, widmet. Etwa in der "Schwarz-Weiß-Fotografie 'Sabine' von 1994, auf der die Künstlerschwester gleichen Namens bis auf eine Sonnenbrille nackt auf einem Herd hockt und die drei Kochplatten mit Händen und Füßen abdeckt. Zum einen spielt Trockel hier mit dem Klischeebild der Fünfziger (das Retro-Schwarz-Weiß!), der Frau am Herd, die dennoch sexy sein soll; zum anderen nutzt sie dafür aber eine der berühmtesten Statuen der Antike, die noch Rubens und das neunzehnte Jahrhundert zahllose Male zitierten: die kauernde Venus, die frisch aus dem Bade steigt und ihre Scham dabei vor dem erwartbaren männlichen Blick bedeckt und verhüllt."

An anderer Stelle begegnet der Herd auch FR-Kritikerin Lisa Berins in dieser "spielerisch-klugen" Schau: "In einer Art Darkroom im hinteren Teil des Erdgeschosses läuft die Videoarbeit 'Mr. Sun' aus dem Jahr 2000. Innig wird dort ein Herd abgefilmt, eine weibliche Stimme singt davon, dass Mr. Sun bei ihr bleiben solle. Die Gefahr ist groß, sich zu verbrennen. Die Schriftstellerin Sylvia Plath hat sich 1963 das Leben genommen, indem sie den Kopf in den Gasofen steckte - das assoziiert Susanne Pfeffer. Der Herd - ein Symbol für die gewaltvolle Unterdrückung der Frau. Trockel erkennt das Absurd-Komische daran." Und in der Welt wundert sich Swantje Karich, "wie sehr diese Ausstellung visuell beseelt, wie aufrecht und trotzig, warum man nicht genug kriegen kann von dieser eigenwillig-versponnenen Künstlerinnenwelt."

Ist Kunst, die von Algorithmen geschaffen wurde, überhaupt Kunst? Und wie sieht es mit den Urheberrechten aus?, fragt in der NZZ Marie-Astrid Langer nach einem Besuch der Ausstellung "Artificial Imagination" in der Bitforms Gallery in San Francisco. "Ob ein mit KI geschaffenes Bild tatsächlich Kunst sei, hängt für den Galeriebesitzer Sacks auch davon ab, wie viel Mühe sich der Künstler gegeben habe: Einen Algorithmus mit ein paar Begriffen zu füttern, sei für ihn nur der erste Schritt des künstlerischen Prozesses. Doch kann nicht ein jeder die Kunstwerke nachbauen, indem man die gleichen Begriffe in das KI-Programm eingibt? 'Das Referenzieren auf andere Künstler war schon immer ein fester Teil der Kunstgeschichte', sagt Sacks, 'aber man muss das Referenzwerk klar ersichtlich machen, sonst ist das ein Problem.'" Auf René Walters Substack "Good Internet" sind einige beeindruckende Bildergalerien zu von KI erstellten Film-Mashups zu sehen: hier, hier und hier.

Besprochen wird Sandra Mujingas Installation "IBMSWR" im Hamburger Bahnhof (taz), die Ausstellung "Roads not taken" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (FAZ, FAS) und Heinz Bühlers Dokumentarfilm "Malstunden bei Raffael" über den Schweizer Maler Albert Anker (NZZ) Ebenfalls in der NZZ widmet Alain Claude Sulzer Anker, dem "Genie des genauen Blicks" ein großes Porträt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2022 - Kunst

Jonathan Meese, ""Hagen-von-Troja-Kino" (Hanswurscht "Keinangst"!), 2022


Alexander Gorkow und Matthias Grundmann haben sich für die SZ ins "Fleurs du mal" begeben, um mit Jonathan Meese und Alexander Kluge über deren Ausstellung in der Galerie "Knust / Kunz" zu plaudern. Um die Ausstellung gehts dann aber gar nicht, sondern um Bayreuth, Wagner, Kollektivängste und die Freiheit der Kunst. Und zu der hat Meese, der wie immer erst mal völlig gaga rüberkommt, eine kompromisslose Meinung: "Ich bin ein Kind und zugleich eine Traumfigur. Denn ich will nichts mit mir zu tun haben. Ich interessiere mich für mich selber überhaupt nicht. Ich schlafe viel. Und ich döse, wenn ich wach bin. Ich mache Kunst und döse, mache Kunst und döse. Ich schaue aus dem Fenster. Auch nach Feinden natürlich. Ob sich welche von ihnen nähern. Dann rufe ich Mami. Oder ich zanke mit Mami. Und wir vertragen uns dann und gehen einkaufen. Mein 'ich' aber ist vollkommen uninteressant, mein 'ich' ist eine maßlose Überschätzung von außen, mein 'ich' gibt es gar nicht ... Ich interessiere mich, wenn ich mich für mich interessiere, ausschließlich für meine privatesten Ängste, und wie ich sie besiege. Das sind auch keine Kollektivängste, verstehen Sie?" Kollektivpanik sei für ihn Religionsausübung. Gruppen wie die Klimaaktivisten "sprechen nur noch im Chor: Wir werden alle sterben! Wir müssen erwachen und den Weg zur Sonne finden! Bis dahin müssen wir leider alle Kunst zerstören! Jeder ein Ikarus seines eigenen, mickrigen 'Ichs'!"

Eigentlich sollte das Kunsthistorische Museum Wien dieser Tage eine Ausstellung der Al Thani Collection aus Katar eröffnen, dazu kam es nicht, weil die Provenienz einiger Bilder ungeklärt war, berichtet Olga Kronsteiner im Standard. Moral spielte bei der Entscheidung keine Rolle. Wie bei Kunst ja selten, denkt sie sich: "Egal ob Saudi-Arabien oder Katar: Wenn es abseits des Sports eine Branche gibt, die trotz Menschenrechtsverletzungen oder fragwürdiger Haltung zur Meinungsfreiheit keinerlei Berührungsängste mit diesen Regimes aufweist, dann die Kunstszene. Davon zeugen schon seit Jahren diverse Kooperationen, die, etwa im Falle Frankreichs und Saudi-Arabiens, sogar auf Regierungsebene und teils im Abgleich mit Waffengeschäften paktiert wurden. Ein profitables Business für alle Beteiligten. ... Scheicha Al-Mayassa gilt als eine der einflussreichsten Person im globalen Kunstbetrieb, mit einem geschätzten Einkaufsetat von zumindest einer Milliarde Dollar jährlich. Davon profitiert auch die lokale, aber vor allem die zeitgenössische Künstlerelite des Westens".

Weiteres: Ingeborg Ruthe stellt in der Berliner Zeitung die Turner-Preisträgerin Veronica Ryan vor. Im Tagesspiegel plädiert Rolf Brockschmidt dafür, die Elgin Marbles künftig als digitale Repliken in England zu zeigen.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Deconstructed Bodies - In Search of Home" der sudanesischen Künstlerin Amna Elhassan in der Rotunde der Frankfurter Schirn (taz), eine Ausstellung Michel Majerus im Kunstverein Hamburg (taz), die Ausstellung "Blick, Macht und Gender" in der Hamburger Kunsthalle, die den Topos der männervernichtenden Femme fatale von 1800 bis heute untersucht (Welt), die Ausstellung "Roads not Taken" im Deutschen Historischen Museum Berlin (Tsp), eine Ausstellung mit abstrakter Kunst seit 1917 in der Berliner Galerie Brockstedt (Tsp) und eine Ausstellung des Schweizer Comiczeichners Cosey im Cartoonmuseum von Basel (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.12.2022 - Kunst

Marcus Gheeraerts the Younger Flemish, Elizabeth I ("The Ditchley Portrait") ca. 1592. Metropolitan Museum of Art

"The Tudors - Art and Majesty in Renaissance England" heißt eine Ausstellung im Metropolitan Museum in New York. Teppiche, Geschirr, Grabmalentwürfe, Rüstungen, Neujahrsgeschenke, astrologische Bücher, Kleidung und Stammbäume: "Kunst diente den Tudors massiv zu Propagandazwecken, was besonders für Heinrich VIII. gilt", lernt FAZ-Kritiker Benjamin Paul. "Doch für das Selbstverständnis von Heinrich VIII. mindestens ebenso offenbarend ist das Titelblatt der sogenannten 'Großen Bibel', der ersten offiziellen englischen Bibelübersetzung von 1540, auf dem Heinrich im Gewand König Davids von Gott bestätigt wird, auserwählt zu sein. Heinrich kommuniziert also direkt mit dem Heiland und ist damit niemandem, auch nicht dem Papst, Rechenschaft schuldig. ... Ungeachtet dieses Sanktifizierungsbestrebens hat Heinrich VIII. in England die Klöster aufgelöst und sich deren Besitztümer einverleibt. Die damit einhergehende Vernichtung von Kunst behandelt die Ausstellung leider kaum".

Weitere Artikel: Den diesjährigen Turner-Preis gewinnt Veronica Ryan, meldet Nadia Khomami im Guardian: "Die 66-jährige Ryan ist damit die älteste Künstlerin, die den Preis erhält. Nominiert war sie für die Windrush-Skulptur, die letztes Jahr in Hackney, London, enthüllt wurde, und für ihre Einzelausstellung 'Along a Spectrum' in der Spike Island Galerie in Bristol."  Sibylle Hoiman wird neue Direktorin des Kunstgewerbemuseums der Staatlichen Museen zu Berlin, berichtet der Tagesspiegel.

Besprochen werden die Lucian-Freud-Ausstellung in der National Gallery in London (NZZ), die Ausstellung "Roads not taken" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (BlZ, Zeit, Tsp), die Ausstellung "Klassenfragen" in der Berlinischen Galerie (BlZ), die Ausstellung "Still Alive" in der PSM Galerie in Berlin (taz) und eine Ausstellung über die ukrainische Moderne im Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.12.2022 - Kunst

Michel Majerus, 10 bears masturbating in 10 boxes, 1992, © Michel Majerus Estate, 2022. Courtesy neugerriemschneider, Berlin und Matthew Marks Gallery. Foto: Jens Ziehe, Berlin


Georg Imdahl berichtet in der FAZ von zwei Ausstellungen in Berlin und Hamburg, die an den vor zwanzig Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Luxemburger Maler Michel Majerus erinnern. Obwohl Imdahl die monumentalen Bilder von Majerus schätzt, wundert er sich doch, dass sie zur Sammlung vieler gediegener Museen gehören: Das frühe Werk, ausgestellt in den Kunst-Werken, "ist durch und durch gesampelt, auf Wandel durch Nachahmung programmiert, lädt Vorbilder hoch wie allen voran Frank Stella und Willem de Kooning - Majerus spricht von 'Stellamalerei', seinen 'Ab-Ex-Gesten' (nach dem Abstrakten Expressionismus), vom 'Ryman-Weiß' oder davon, wie er 'richtert' à la Gerhard Richter und als 'Denkpause einen De Kooning malt'.  ... Majerus' in einem kurzen Rausch entstandenes, aber stattliches Werk reißt sich die Appropriation Art der Achtzigerjahre nochmals unter den Nagel und produziert zeitgenössische Malerei über die Gleichzeitigkeit der Medien und Bilder im Datenstrom, übrigens auch über die Leere, den gelegentlichen Systemabsturz. Es gibt in der medialen Welt kein Außen mehr."

Weiteres: Ann Mbuti nähert sich auf ZeitOnline leider recht umständlich der brasilianischen Künstlerin Rosana Paulino, deren Arbeiten "Archetypen weiblicher Weiheit" zeigen und in diesem Jahr auf der Biennale in venedig zu sehen waren. In der FR kapituliert Lisa Berin vor dem Dezember und singt ein Loblied auf die Farbe Grau: "In der Zurückgenommenheit liegt der Reiz."

Besprochen werden die große Guido-Reni-Schau im Frankfurter Städel-Museum (SZ) und eine Schau zu weiblichen Skulpturen des 19. Jahrhunderts im Henry Moore Institute in Leeds (Guardian).