Die Ausstellung über Expressionismus am Folkwang öffnet der FAZ die Augen für das Kleingedruckte. Hubert Spiegel konzentriert sich in seinem Artikel auf den Grundstock des Hauses, das 1922 noch in Essen residierte und vom Sammler Karl Ernst Osthaus stammt, der eine Vorliebe für die heutigen Klassiker der Moderne hatte. "'Entdeckt - Verfemt - Gefeiert', so der Titel der gut durchdachten Ausstellung zum Jubiläumsjahr, zeigt etwa 250 zum Teil großartige Kunstwerke, von Munch bis Münter, von Lehmbruck und Barlach bis Schiele. Aber im Zentrum steht das wechselvolle Schicksal des Expressionismus als einer Strömung, mit der das Museum auf eine geradezu existenzielle Weise verknüpft war. Bereits im Sommer 1933 wurde Ernst Gosebruch, der als vormaliger Direktor des Essener Kunstmuseums den von Osthaus eingeschlagenen Weg weiter verfolgt hatte, aus dem Amt gedrängt und durch Klaus von Baudissin ersetzt, der die Nationalsozialisten bei der Beschlagnahmeaktion von 1937 tatkräftig unterstützen sollte. In einem der Nebenräume der Ausstellung sind Auszüge aus der Liste der beschlagnahmten Kunstwerke zu sehen, eine ganze Wand füllend, ins Gigantische vergrößert. Der Effekt ist erstaunlich: Das Dokument selbst ist völlig unscheinbar, aber die Vergrößerung führt die unheimliche Macht einer Bürokratie vor Augen, die Urteile nicht fällt, sondern vollstreckt und nicht selten in Form von Listen kodifiziert, um sich des Vollzugs zu rühmen."
Weiteres: Im FR-Interview mit Lisa berins spricht Schirn-Direktor Sebastian Baden über die Arbeit am Kanon, Identitätspolitik und Klimaaktivismus: "Das Festkleben an Kunstwerken würde ich mit einem Begriff aus meiner Dissertation als 'Mindbomb' beschreiben, einen Akt zur Aufmerksamkeitsgewinnung durch Guerillatechniken. Allerdings zeigen die Attacken auf das Kulturgut eine Missinterpretation vonseiten der Klimaaktivist:innen; denn sie greifen damit keine Gegenposition an." In der tazberichtet Ulrich Gutmair von einer Berliner Tagung zum Antisemitismus auf der documenta 15, auf der etwa Doron Kiesel angesichts der neuen Fokussierung auf koloniale Verbrechen die Frage aufwarf, ob es für Deutsche bequemer sei, sich in ein gesamteuropäisches Versagen einzuordnen?
Gerd Höhler meldet in der FR, dass London und Athen geheime Verhandlungen um eine eventuelle Rückgabe des Parthenon-Fries führen. Besprochen werden eine Ausstellung zur Art Brut im Kölnischen Kunstverein (taz), eine Überblicksschau mit junger Kunst aus Berlin in den KunstWerken (Tsp) sowie die bereits vielfach gefeierte Ausstellung zu ungarischer Kunst "Magyar Modern" in der Berlinischen Galerie (FAZ).
In der Welt beschreibt Marcus Woeller, wie der Galerist Johann König weiter im Netz an den Pranger gestellt wird: Aktiv ist dabei vor allem das anonyme Kollektiv "Soup du Jour", das auf Facebook, Instagram und Twitter unterwegs ist. König wurde von mehreren Frauen sexuelle Belästigung vorgeworfen, die allerdings nie zur Anzeige gebracht wurde. König hat die Vorwürfe bestritten. Inzwischen haben sich mehrere Künstler von König getrennt, darunter Monica Bonvicini, der von "Soup du Jour" mit einem Shitstorm gedroht wurde. "Das Kollektiv verbreitet Schuldzuweisungen, erteilt Benimmrat schläge und schreibt 'offene Briefe'. Es nutzt sein Netzwerk - dem unter anderen die Braunschweiger Kunstprofessorin Candice Breitz und die Sprecherin des Berliner Künstlerverbands, Zoë Claire Miller, nahestehen -, und weist auf 'patriarchale' Strukturen im Kulturbetrieb hin. Der Fall Bonvicini zeigt, dass sich der Einfluss erhöht hat. Jeder Abgang eines Künstlers wird in den sozialen Medien gefeiert, die, die bleiben, werden an den Pranger gestellt."
Monica Bonvicini hat inzwischen ihre viel erwartete Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie eröffnet. SZ-Kritiker Jörg Häntzschel schaut sich um und - ist enttäuscht. "Industriematerialien, Anspielungen auf SM und Bondage, grafisch hochskalierte Sentenzen: So viele dieser Methoden und Motive sind in der Kunst der letzten zwanzig Jahre zum Klischee geworden. Längst haben Dekorateure sie gekapert, um damit Hotellobbys und Boutiquen spannender erscheinen zu lassen. Provoziert fühlt sich niemand. Das aufregendste Kunstwerk in der Ausstellung stammt denn auch von 1997: Im Video 'Hausfrau Swinging' schlägt eine in einer Ecke stehende Frau ihren von einer Kiste geschützten Kopf keuchend an die Wände. So unmöglich es wäre, dieses Video heute zu drehen, so lebendig wirkt es im Vergleich zur braven Ausstattungskunst im Rest dieser Ausstellung."
Weiteres: Swantje Karich begleitet für die Welt einen Tag lang Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Besprochen wird außerdem Micha Ullmans Advents-Ausstellung "Körper" in der St.-Matthäus-Kirche am Kulturforum in Berlin (FR).
Géza Perneczky: Drei Figuren mit Maske, 1964 | Mit freundlicher Genehmigung des Petőfi Literaturmuseums
In der Berlinischen Galerie kann man zur Zeit eine Ausstellung ungarischer Künstler im Berlin der Weimarer Zeit sehen. Das Collegium Hungaricum knüpft gewissermaßen daran an und zeigt eine Schau mit inoffiziellen ungarischen Bildkünstlern der Nachkriegszeit, die Irmgard Berner in der Berliner Zeitungempfiehlt. "Viele von ihnen agierten im Untergrund und waren mit Deutschland verbunden. ... Sie standen damit in scharfem Gegensatz zu Kunstauffassungen des sozialistischen Realismus. So wandte sich der Maler Imre Bak, 83, Mitinitiator der Iparterv-Bewegung früh ab von den tristen Braun-/Grautönen des Realismus und hin zur Farbfeldmalerei, wobei ihm eine Stuttgart-Reise, die er 1965 zusammen mit dem Malerfreund István Nádler unternahm, zum Schlüsselerlebnis wurde. In der Galerie Müller trafen sie neben Thomas Lenk und Günther Uecker auch auf Werke der Amerikaner Frank Stella und Ellsworth Kelly. Die Werke symbolisieren einen Wendepunkt in der modernen Kunstgeschichte Ungarns: Der Autodidakt István Harasztÿ brachte die kinetische Kunst ins Land. Endre Tót wiederum experimentierte mit informeller Malerei und László Méhes stellte auf der Ipartev-Ausstellung das erste ungarische fotorealistische Gemälde aus."
Die indonesische Künstlergruppe Ruangrupa wurde von der englischen Zeitschrift Art Review auf Platz 1 der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der internationalen Kunstwelt gewählt (auf der Liste von Monopol schafften sie es nur auf Platz 2). "Glückwunsch, Deutschland!", ruft in der Welt Ulf Poschardt. Die Antisemiten haben es mit deutscher Hilfe wieder ganz nach oben geschafft. "In der Kunstwelt steht jetzt Ruangrupa ganz oben. Ein Kollektiv, das den zeitgenössischen, mit einem antikolonialen Anstrich daherkommenden Antisemitismus mit aller Härte aus der Salonfähigkeit in den Status des Musealen erhoben hat. Seit 1945 hat es einen solchen antisemitischen Dreck nicht mehr mit Steuergeld finanziert ausgestellt gegeben. Nun, 2022, hat es ausgerechnet das Land der Täter und seiner Nachfahren geschafft, diesen Antisemitismus global zu einer großen Nummer zu machen. Roth, Görgen, der Oberbürgermeister und das ganze opportunistische Kunst-Establishment und das pseudoliberale Maulheldentum können stolz auf sich sein. Sie haben ganze Arbeit geleistet." In der FAZ wundert sich Andreas Platthaus nicht über die Erhebung Ruangrupas: "Dumm und frech, das passt zusammen", meint er.
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Sunset. Ein Hoch auf die sinkende Sonne" in der Kunsthalle Bremen (taz) und die Beckmann-Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne (FAZ).
Staunend steht Welt-Kritikerin Gesine Borcherdt in der Langen Foundation in Neuss vor den verstrahlten Kokosnüssen, die der Schweizer Künstler Julian Charrière vom Bikini-Atoll mitgebracht hat. "Natur und deren menschengemachter Niedergang" ist das Thema Charrières, dessen riesige Installation in den riesigen, von Tadao Ando erbauten Räumen offenbar gut passen: Es ist "eine MiniRetrospektive geworden, die zeigt, wie nonchalant Charrière den Klimawandel mit Schönheit übergießt, was, sobald man die Werke entschlüsselt, den Schrecken doppelt spürbar macht. Tropisme etwa ist eine rosaromantische Aufnahme vom Bikini-Atoll, die der Künstler mit radioaktivem Sand bearbeitet hat - die Überreste der Atombombentests durch die Amerikaner in den Vierziger und Fünfzigerjahren reagieren mit dem Fotopapier, was aussieht wie toxischer Sternenstaub. Vom Bikini-Atoll hat Charrière auch verstrahlte Kokosnüsse mitgebracht, sie in Blei gegossen und wie beiläufig an der Fensterfront platziert - sie wirken wie Kanonenkugeln, womit der Künstler den Bogen einer bellizistischen Bildgeschichte bis zur Nato-Basis spannt, die sich hier einmal befand."
Besprochen werden außerdem die Schau "Magie Bergkristall" im Kölner Museum Schnütgen (FAZ) und die Ausstellung "1922 - George Grosz reist nach Sowjetrussland" im Kleinen Grosz Museum in Berlin (taz).
Für eine große Reportage besucht Thomas Abenarius in der SZ auf der Seite 3 das einst prachtvolle Oleksij-Schowkunenko-Museum von Cherson, das die russischen Truppen während der Besetzung der plünderten, obwohl Alina Dozenko über die Sammlung wachte, wie es nur sowjetisch geschulte Direktorinnen können: "Schätzungsweise 14.000 Kunstwerke, Bilder und Skulpturen aus dem 17. bis hin zum 21. Jahrhundert. Weggeschafft, gestohlen. 'Keine andere Sammlung in der Ukraine war besser', sagt Dozenko. Die Direktorin ist eine überzeugte, eine beinharte ukrainische Nationalistin. Sie fängt gleich wieder an zu schimpfen: 'Na chui idi, habe ich den Russen gesagt.' Na chui idi - das bedeutet im Russischen so viel wie 'Leck mich'. Aber es ist viel grober, richtig unflätig."
Besprochen wird eine Schau des Künstlers und DJ Gerwald Rockenschaub im Wiener Belvedere (Standard).
Alfred Ehrhardt: Spiel der Spiralen, 1951 In der Berliner Zeitunggratuliert Ingeborg Ruthe der Alfred-Ehrhardt-Stiftung, die seit zwanzig Jahren in ihren intimen Räumen in Mitte das Werk des Bauhaus-Fotografen und Naturfilmers zeigt: "Unvergleichlich sind seine Filme in Science-Fiction-Ästhetik, die mit dramatischer, auch mal fröhlicher Musik unterlegt sind und in denen Pflanzen, Blüten, Blätter, Korallen, Muscheln, Schnecken, Fische zu Hauptdarstellern werden. Ehrhardt macht uns Betrachtern einzigartige Formungen der Natur bewusst, deren Nachahmung durch Künstler ja doch immer nur epigonal sein kann. Der Fotograf und Filmer lehrt uns somit auch Hochachtung und Demut vor der Natur und ihren genialen Schöpfungen in Fauna und Flora. Und selten erlebt man eine derartige Schönheit und Lebendigkeit in Motiven von Spiralen, von Kristallen und Mineralien. Ehrhardt beweist, dass auch anorganische Materie nicht einfach tot, sondern ein recht lebendiges Element im Kontext zum Organischen ist."
Max Beckmann: "Departure" 1932/35. Foto: Pinakothek der Moderne
Auch einen leichtfüßigen Max BeckmannerlebtSZ-Kritikerin Kia Vahland in der Münchner Pinakothek der Moderne, die ihre Beckmann-Ausstellung um das Thema der Abreise herum komponiert hat. Aber natürlich ist Beckmann vor allem schwermütig: "Hatte er früher einen spätimpressionistischen Stil mit hellen Farben und weichen Formen gepflegt (wie in der großen Leinwand 'Junge Männer am Meer' von 1905), so wurden seine Werke mit der Zeit immer kantiger, klarer, farbintensiver; schließlich konturierte er die meisten Figuren schwarz, was sie voneinander und von der Welt hart abgrenzt. Die moderne Unverbundenheit und Einsamkeit zog so noch offenkundiger in seine Kunst ein." Einwände erhebt Vahland allerdings, wenn die Schau Beckmann auf eine Stude mit Pablo Picasso stellt, der viel mutiger ins Offene geflogen sei: "Beckmann dagegen fährt seine schwarze Karosserie bisweilen lieber mit angezogener Handbremse. Zu sehr steht der Fahrer selbst im Mittelpunkt dieser Kunst, mit seinen Möglichkeiten und Grenzen. Weswegen Beckmanns Selbstbildnisse, die ein zwischen Wut, Zweifel und Verzagtheit hin- und hergerissenes Ich zeigen, besonders eindrucksvoll sind." Im Tagesspiegelschreibt Bernhard Schulz.
Thomas Sandberg: "Fischhändler in Catania", 2021. Bild: Galerie Pankow Überwältigt von der trägen Schönheit Sizilienszeigt sich Ingeborg Ruthe in der FR und empfiehlt nachdrücklich die Schau "Ostinato" des Fotografen und Ostkreuz-Mitbegründers Thomas Sandberg in der Galerie Pankow: "Sandbergs Fotomotive taugen nicht für den touristischen Gebrauch. Sie entfalten ihre Wirkung abseits der Klischees, erzählen, immer wie Abschied nehmend, eine posthistorische Geschichte, melancholisch, aber nie sentimental. Er verwebt seine Bilder von der Ankunft - mal mit dem Flugzeug, mal mit der Fähre - als feinsinniger Beobachter mit der heutigen Situation in den alten Straßen, auf den mit dramatischen Skulpturen überzogenen Plätzen, den pittoresk maroden, den hart kontrastierenden modernen Bauten der Stadt. Seine Bildsprache durchdringt die Sprachbilder des Romanciers Lampedusa. Sandberg porträtiert die Sizilianer beiläufig, nie direkt. Seine Kamera bannt die sonnengebleichte Landschaft mit gleichmütigen Schafen und den antiken Ausgrabungsstätten bis hin zum rauchenden Vulkan Ätna."
Durchaus inspiriert berichtet Jörg Häntzschel von einer Bonner Tagung zur Zukunft der Kritik. Hanno Rauterberg etwa begrüßte dort den neuen Geist in der Kunst, der neue Fragen auf die Agenda gesetzt habe: "Von der nach der Dominanz weißer Männer bis zu der nach Raubkunst in den Museen. Dass es nicht die Kritik, sondern die Kunst war, die diesen Wandel eingeleitet hat, das sieht er 'mit einiger Beschämung'."
Besprochen wird eine Schau des Romantikers Johann Heinrich Füssli im Pariser Musée Jacquemart-André (FAZ).
Als "zärtlich-brutaleGotteslästerung" am Mies-van-der-Rohe-Bau erlebt Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) Monica BonvicinisInstallation "I Do You" in der Neuen Nationalgalerie, in der die in Berlin lebende Künstlerin ein überdimensionales Baugerüst errichten ließ, es dröhnen, poltern und krachen lässt und einmal mehr Machtverhältnisse in Frage stellt: "Bonvicini hat die Kühnheit, darüber noch eine metallene Empore als zweite Ebene zu setzen, mit einem Bilderteppich von wie nach einer wüsten Party oder einer Razzia auf dem Fußboden verstreuten Klamotten. Darüber hängen an SM-Interieur erinnernde Kettenschaukeln mit Lederlappen und grelle Neonröhrenleuchten. Von der Hallendecke baumeln Handschellen. Da kennt sich offenbar jemand aus in der Welt aus Macht, Sex, Spiel und bizarrer Partyszene. Dreht sich Mies jetzt wohl im Grabe um bei diesen anzüglichen Implantaten?" In der tazwürde sich Sophie Jung wünschen, Bonvicinis "humorvolle" Installation wäre eine "Ansage zu mehr kulturpolitischem Mut", etwa mit Blick auf das geplante Museum des 20. Jahrhunderts.
Bild: Tesfaye Urgessa: Hiatus. 2017. Courtesy Shariat Collections. Foto: Jorit Aust. Recht seltsam erscheint Olga Kronsteiner und Katharina Rustler im Standard die aktuelle Ausstellung "The New African Portraiture. Shariat Collections" in der Kunsthalle Krems schon. Direktor Florian Steininger zeigt Werke aus der Sammlung des Wieners Amir Shariat, der auch als Künstlermanager tätig ist. Unüblich ist, dass ein Großteil der gezeigten Werke erst während der Entstehung der Ausstellung angekauft wurden. Handelt es sich um eine reine Verkaufsschau?, fragen Kronsteiner und Rustler. Zu sehen sind auch Werke des in Ghana geborenen Künstlers Amoako Boafo, der vielen jungen Kollegen nicht nur Studios zur Verfügung stellt. Er gilt ihnen auch als "unmittelbares Vorbild": Das "verraten Werke von Millicent Akweley oder Aplerh-Doku Borlabi. Das Rezept scheint bewährt: monumentale Figuren, bunte Kleidung, Betonung der Hautfarbe. In den von Schiele beeinflussten Werken Boafos sind es mit den Fingern gemalte Brauntöne, bei Akweley Patchworkarbeiten und bei Borlabi Kokosnussschalen. Ein 'Signature-Style', der sich bei den in den letzten zwei Jahren entstandenen Arbeiten widerspiegelt. Durch die Nachfrage am Markt scheint Boafos Stil längst zur Marke geworden. Kunst und Markt seien nicht zu trennen, so Direktor Steininger."
Anfang September berichtete die Zeit von anonymen Belästigungsvorwürfen gegen den Galeristen Johann König, König selbst veröffentlichte in der Berliner Zeitung eine Stellungnahme, der Freitag warf der Zeit reine "Verdachtsberichterstattung" vor, online wurden schließlich Passagen von der Zeit gelöscht. (Unsere Resümees). Es gab Ermittlungen gegen König, die keinen Grund zur Klageerhebung gaben, berichtet Sören Kittel heute in der Berliner Zeitung. Dennoch: Die Karriere des Galeristen ist "schwer beschädigt". Für Kittel ein Fall von "aktivistischem Journalismus", wie er in einer ausführlichen Analyse darlegt: "Recherchen der Berliner Zeitung lassen den Schluss zu, dass dieser Bericht so niemals hätte veröffentlicht werden dürfen. Es gibt Compliance-Konflikte bei einer der Autorinnen und einem Herausgeber der Zeit. Der Text wirkt einseitig recherchiert - und obendrein existiert ein Drehbuch-Exposé für eine Art Netflix-Serie, in dem der König-Fall ebenfalls behandelt wird und das sich wie ein Handbuch für Aktivismus liest, geschrieben von einer Autorin jenes Zeit-Textes. Es ist einer anonymen Quelle zufolge vor der Veröffentlichung des Zeit-Textes entstanden und hat die anschließende Recherche quasi präjudiziert, also den Schuldspruch vorweggenommen."
Außerdem: Erst der Juwelenraub im Grünen Gewölbe vor drei Jahren, dann ergriff ein von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit dem Rückkauf beauftragter Antwerpener Kunsthändler samt 40.000 Euro die Flucht, erinnert Peter Richter, der in der SZ noch einmal die Ereignisse nachzeichnet, aber auch nach der Rolle der Sicherheitsbehörden fragt. In der FAZ berichtet Wolfgang Krischke von einer Diskussion am Hamburger Institut für Sozialforschung über die Documenta 15, bei der der Präsident der Hamburger Hochschule für bildende Künste (HfbK), Martin Köttering, an dessen Hochschule auch zwei Mitglieder von Ruangrupa Gastprofessuren innehaben, eine "'tendenziell pauschalisierende Frontstellung' vor allem seitens der Medien, die durch 'Unverständnis, Unterstellungen' und 'Verurteilungen' geprägt sei." Auch ansonsten wurde viel relativiert, schreibt Krischke.
Besprochen werden die Etel-Adnan-Ausstellung im Münchner Lenbachhaus (FAS), die große Guido-Reni-Schau im Frankfurter Städel Museum (FR) und die Max-Beckmann-Schau "Departure" in der Pinakothek der Moderne in München (Welt).
Erna Pinner, Köpfe von vier Kronenkranichen, 1920er Jahre, Jüdisches Museum Frankfurt
Wer kennt die Künstlerinnen Rosy Lilienfeld, Amalie Seckbach, Erna Pinner und Ruth Cahn? Für Lisa Berins (FR) ist die Ausstellung "Zurück ins Licht. Vier Künstlerinnen - Ihre Werke. Ihre Wege" im Jüdischen Museum Frankfurt jedenfalls eine Entdeckung: "Das Publikum kann jetzt selbst durch die Ateliers der vier Künstlerinnen streifen. Es wird überrascht sein, wie progressiv diese vier Frauen waren, die sich zu einer schwierigen Zeit als Künstlerinnen neben ihren männlichen Kollegen behaupteten - und deren Karrieren mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten abrupt endeten."
Und taz-Kritiker Jochen Becker erhält in einer Ausstellung des Kunstpalasts Düsseldorf tiefen Einblick in das Leben der verstorbenen Fotografin Evelyn Richter: "Richters frühe Aufnahmen sorbischer Trachten stehen August Sanders ethnologischer Sicherungsarbeit im Westerwald nahe. Doch dann stürzte sich ihre Kamera berauscht in die sowjetischen Metropolen; auf einem Selfie in Minsk von 1957 fällt sie aus der kontrollierten Rolle und blickt verliebt in die Kamera. In der Stadtverwaltung von Kiew hängen Pläne zum Wiederaufbau - erst wenige Jahre zuvor hatte die Deutsche Wehrmacht hier nur Zerstörung und Tod hinterlassen. 'Von da an konnte ich einfach nicht mehr so fotografieren wie bisher', wird sie im Katalog zitiert."
Weitere Artikel: In monopolerinnert Jens Hinrichsen an die Fotografin Tina Modotti, deren Bilder gerade im Fhochdrei in Berlin zu sehen sind. Elke Buhr unterhält sich für monopol mit dem kanadischen Künstler Jon Rafman über Künstlicher Intelligenz in der Kunst.. Besprochen wird außerdem eine Ausstellung der abstrakten Malerei Hans Hartungs in der Berliner Galerie Max Hetzler (BlZ)
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