Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2023 - Bühne

"Die schweigsame Frau" am Badischen Staatstheater. Mit Friedemann Röhlig (Sir Morosus) - Foto: Felix Grünschloß

Ganz formidabel, was das Badische Staatstheater Karlsruhe da auf die Bühne zaubert, jubelt Lotte Thaler in der FAZ. Gegeben wird Richard Strauss' komisches Spätwerk "Die schweigsame Frau", eine spritzige Heirat- und Scheidungskomödie in Opernform um den gelackmeierten Morosus. Die Aufführung ist ein Triumph, nicht zuletzt aufgrund eines Orchesters, "das sich in formidabler Verfassung zeigt als Quell sprudelnder Melodien, leitmotivischer Hörnerrufe, glühender Klangräusche, harmonischer Berg-und-Tal-Wanderungen, haarfeiner Anspielungen auf dreihundert Jahre Oper, verborgener und offener Zitate - man kommt beim Hören kaum mit. Dazu die selbstironischen Verweise auf das eigene Werk - 'Elektra', 'Rosenkavalier'. Und welche Lust muss es dem Komponisten bereitet haben, Lärm zu produzieren, denn dieser macht Morosus verrückt. Vor allem hasst er Glocken, welche sofort symphonisch läuten wie ein Gruß von Rachmaninow. Eine markerschütternde Explosion im Orchester erklärt die Aversion: Ein Kanonendonner hat sein Trommelfell zerstört. Vor Schreck fallen alle auf der Bühne um, die etwas genderverwirrten schrägen Vögel inklusive Papagei aus Henrys fahrender Operntruppe."

Jakob Hayner besucht für die Welt Berliner Theateraufführungen abseits des Mainstreams und ist besonders beeindruckt von einer Adaption des Films "Einer flog übers Kuckucksnest", die AufBruch, die Theatertruppe der Justizvollzugsanstalt Plötzensee auf die Bühne bringt. Viele der Schauspieler - Insasssen der Anstalt - haben nie zuvor Theater gespielt. Und doch: "Es ist ein Abend von funkensprühender Komik - und ergreifender Tragik. Man merkt, dass die Schauspieler mit diesem Stück an diesem Ort auch ihr eigenes Leben mit auf die Bühne bringen. Im Publikum fließen Tränen, vor Lachen und Rührung. Unterstützt wird das von der Musik. Abgründig singt Schwester Ratched vom Sandmann - 'Kinder, liebe Kinder, es hat mir Spaß gemacht' - und am Bett des durch eine Lobotomie außer Gefecht gesetzten McMurphy wird der Bach-Choral 'Ach wie nichtig, ach wie flüchtig' angestimmt. Großes Theater."

Weitere Artikel: Ebenfalls im Tagesspiegel porträtiert Sandra Luzina die Theatergruppe "Nico and the Navigators", die ihr 25-jähriges Bestehen feiert. In der nachtkritik schreibt Georg Kasch über Aufführungen von Weihnachtsmärchen mit queeren Untertönen. Hubert Spiegel gratuliert in der FAZ dem Schauspieler André Jung zum Siebzigsten, den er als "funkelnde Eleganz- und Ironieteilchen in den Bühnenraum diffundierenden Zurückhaltungsartist" beschreibt.

Besprochen werden Johan Ingers "Schwanensee"-Inszenierung in der Semperoper Dresden (FAZ), die Adaption des Kinderbuchs "Siri und die Eismeerprinzessin" am Wiener Renaissancetheater (Standard), Harry Kupfers zeitgenössische "Elektra"-Inszenierung an der Wiener Staatsoper (Standard) und eine Bühnenfassung von Michel Friedmans Buch "Fremd" am Staatsheater Hannover (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2023 - Bühne

Platée und Jupiter. Foto: Opernhaus Zürich. 

Die historische Uraufführung der Barockoper "Platée" von Jean-Philippe Rameau war ein ziemlicher Skandal, klärt Christian Wildhagen in der NZZ amüsiert auf: Sie fand in Versailles statt, anlässlich der Hochzeitsfeier des Sohns König Ludwigs XV. mit Maria Theresia von Spanien. Die Hauptrolle spielt im Original eine "hässliche, alte Sumpfnymphe", die sich in Jupiter, den schönsten aller Götter verliebt und ihn heiraten möchte - der Kritiker denkt sich seinen Teil. Jetske Mijnssens hält in ihrer Inszenierung im Opernhaus Zürich der Schadenfreude des Publikums hingegen den Spiegel vor. Platée ist hier ein verliebter Mann, der sich an einem Theater in den "Star der abendlichen Ballettaufführung" verliebt: "Die Dirigentin Emmanuelle Haïm sorgt am Pult des hauseigenen Barockorchesters La Scintilla dafür, dass es auch für uns Hörer genug zum Lachen gibt. Sie hat..eine verdichtete Fassung erstellt, in der alles Höfische und Zeremonielle der Barockoper zurückgedrängt ist. Mit ihrer unablässig vorantreibenden Energie und einer gewissen Lust an der Überzeichnung stellt Haïm gerade nicht Platées Eitelkeit, sondern die der anderen aus: Wenn Jupiter die Muskeln spielen und es stürmen und donnern lässt, stürmt und donnert es so theatralisch, dass die Wände wackeln; wenn L'Amour die Liebe preist, tönt das so selbstverliebt, als gäbe es gar keine Hoffnung mehr."

Weiteres: Kultursenator Joe Chialo spricht im Nachtkritik-Interview mit Christine Wahl über seine Pläne für die Berliner Theaterszene und fehlende Gelder für den Kulturbereich: "Dass die haushalterische Situation in Berlin schwierig ist, ist ja eine Realität. Wir haben in den letzten Jahren, während Corona, ein Stück weit eine Paradoxie erlebt: Die Künstler durften nicht auftreten, aber gleichzeitig stand der Kunstwelt aufgrund der aufgelegten Hilfsfonds mehr Geld zur Verfügung als je zuvor. So viel, dass sie es teilweise gar nicht ausgeben konnte. Insofern wird hier auf der einen Seite eine Warnung ausgesprochen und eine Katastrophe heraufbeschworen, die auf der anderen Seite gar nicht spürbar ist."

Weiteres: Nachdem die österreichische Künstlerinitiative "art but fair UNITED" um den Tenor Wolfgang Ablinger-Sperrhacke am Donnerstagabend wegen "rechtswidriger Verschiebung von Produktionen" Strafanzeige gegen die Festspiele Salzburg gestellt haben, erwägen diese ihrerseits eine Klage wegen "übler Nachrede", meldet die FAZ.

Besprochen werden Kornelius Eichs Inszenierung von Evelyne de la Chenelières Stück "Zur Nacht" in den Landungsbrücken Frankfurt (FR), Sarah Groß' Inszenierung von Goethes "Der Zauberlehrling" an der Frankfurter Volksbühne (FR), Lorenzo Fioronis Inszenierung von Arnold Schönbergs Opernfragment "Moses und Aron" an der Oper Bonn (taz) und Hakan Savaş Micans Inszenierung von Sasha Marianna Salzmanns Stück "Muttersprache Mameloschn" am Maxim Gorki Theater in Berlin (FAZ), Claus Guths Inszenierung von Puccinis Oper "Turandot" an der Wiener Staatsoper (VAN, FAZ) und Lluis Pasquals Inszenierung von Verdis "Don Carlo" an der Mailänder Scala (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2023 - Bühne

Szene aus "Bucket List" an der Schaubühne Berlin. Foto: © Ivan Kravtsov, 2023  

Ziemlich ergriffen ist Nachtkritiker Christian Rakow am Ende von Yael Ronens Musical "Bucket List", das sie zusammen mit dem Komponisten Shlomi Shaban für die Berliner Schaubühne geschaffen hat. Das Stück ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung Ronens mit dem seelischen Schock, den der Hamas-Terror am 7. Oktober bei der Regisseurin hinterließ, so der Kritiker. Ronen entschied sich in der Folge, ihr Stück "The Situation" vom Spielplan des Gorki-Theaters zu nehmen, erinnert Rakow, in ihrem Statement schrieb sie, ihre Realität sei "in ihren Grundfesten erschüttert" worden. Diesen Schmerz kann Rakow hier fühlen und hören: "Shaban zaubert Rhythmen und sanfte Melodielinien in einem schier unerschöpflichen Reichtum von Broadway-Schmelz über Midnight-Jazz bis große Pophymne. Aber atmosphärisch sind wir ganz woanders. 'Der Krieg singt (komm und sing mit ihm)' heißt es schon im ersten Lied des Abends. Es schleicht sich schmerzlich, bis zum Zerreißen ambivalent heran. In schwarzen, klassisch kühlen Kostümen treten die vier Protagonisten dieses Abends auf: Moritz Gottwald, Carolin Haupt, Damian Rebgetz und Ruth Rosenfeld. Sie agieren sparsam, bewegungsarm in ruhigen Bildkompositionen, aber ihre Stimmen, die schwingen sich fort, werden von viel Hall in sphärische Zwischenwelten getragen." Auch Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl ist bewegt von diesem Abend und schließt sich den Standing Ovations am Ende ohne Zögern an. 

Alexandre Cagnat, Weronika Frodyma in "2 Chapters Love" am Staatsballett Berlin. Foto: Carlos Quezada. 

Im Tagesspiegel schwärmt Sandra Luzina von einem zweiteiligen Abend am Staatsballett Berlin. Schon Sol Léons "Stars like moths" fasziniert die Kritikerin, gar nicht genug bekommen kann sie dann von Sharon Eyals Choreografie "2 Chapters of Love": "Die fabelhafte Danielle Muir ist die Vortänzerin, die sich extrem verbiegt und bisweilen wie eine indische Göttin aussieht. Die anderen Tänzer treten im Pulk auf, dicht aneinander gedrängt. Sie bewegen sich, als seien sie ein Körper, nehmen den Groove von Ori Lichtiks Soundtrack auf, werden zu Sklaven des Rhythmus. Die Musik wird richtig aufgedreht, der Klassiktempel wird zum Club. Fantastisch, wie sich das Ensemble zwischen Disziplin und Ekstase bewegt. In den repetitiven Bewegungsmustern lassen sich viele überraschende Details ausmachen. Man kann sich gar nicht satt sehen an diesen Körper-Verkettungen, die eine skulpturale Raffinesse besitzen."

Weiteres: Im Tagesspiegel-Interview mit Patrick Wildermann schildert der Regisseur Ariel Efraim Ashbel, der in Anlehnung an "Anatevka" das Musical "Fiddler!" am HAU inszeniert, welche Folgen der 7. Oktober für seine Arbeit hat.

Besprochen werden Niklas Ritters Inszenierung von Sibylle Bergs Roman "GRM. Brainfuck" am Deutschen Theater Göttingen (nachtkritik), Tim Egloffs Inszenierung von John von Düffels Stück "Tartüff oder Der Geistige" frei nach Molière am Stadttheater Bremerhaven (nachtkritik), Georg Schmiedleitners Inszenierung der Strauss-Operette "Die Fledermaus" im Staatstheater Meiningen (nmz), Christian von Götz' Inszenierung von Hugo Hirschs Operette "Der Fürst von Pappenheim" am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz (nmz), Ronny Scholz' Inszenierung von Laura Kaminskys Kammeroper "As One" am Theater Regensburg (nmz), Anne Lenks Adaption von Tennessee Williams Roman "Die Katze auf dem heißen Blechdach" am Deutschen Theater Berlin (SZ, FAZ, tsp) und Peter Atanassows Adaption von Ken Keseys Roman "Einer flog über das Kukucksnest" mit dem Gefangenentheater aufBruch in der JVA Plötzensee (taz), Claus Guths Inszenierung von Giacomo Puccinis "Turandot" an der Wiener Staatsoper (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2023 - Bühne

Eine fulminante Saisoneröffnung erlebt FAZ-Kritiker Jan Brachmann an der Mailänder Scala mit Verdis "Don Carlo", inszeniert von Lluis Pasqual. Anna Netrebko, die die Elisabetta gibt, ist auf dem "Gipfel ihrer Kunst" schwärmt der Kritiker, der von ihrem Gesang nicht genug bekommen kann: "Irisierende Farben einer durch majestätische Selbstbeherrschung erstickten Traurigkeit schwingen in ihrer Stimme. Den Oktavsprung vom f'' zum f' abwärts auf dem Wort 'Frankreich' verbindet sie mit einer anrührenden messa di voce, lässt also die Lautstärke anschwellen bis zur hellsten Brillanz des Klangs und nimmt sie wieder zurück. Wenn sie das f'' erneut erreicht auf der Schlusssilbe von 'Fontainebleau', ist der Klang geheimnisvoll verschattet. Nur durch die Farben drückt sie einmal Stolz in der Erinnerung an die Heimat, einmal verborgene Wehmut in der Erinnerung an den glücklichen Moment des Verlöbnisses mit Carlo aus." Über ein "Fest für Gesangstechniker und Stimmenschlürfer" freut sich Judith von Sternburg in der FR, auch Elina Garanca als Prinzessin Eboli meistert "die filigranen Verzierungen, das Farbenspiel, aber auch den Aplomb" bravourös. Das entschädigt die Kritikerin für den Rest der Inszenierung, die gar zu altmodisch geraten ist.

Auch politisch ist der Start der Saison an der Scala immer ein Ereignis: Proteste gegen Anna Netrebko blieben dieses Mal weitgehend aus, berichten die Kritiker. Dafür gab es Empörung im Saal: Staatspräsident Sergio Mattarella hatte seinen Besuch demonstrativ abgesagt, berichtet Kirsten Liese im Tagesspiegel: "Grund dafür war wohl das unerwünschte Erscheinen des Senatspräsidenten Ignazio La Russa, Mitglied der rechtsextremen Partei Fratelli d'Italia, sowie des stellvertretenden rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Matteo Salvini und des Kulturministers Gennaro Sangiuliano. Allen voran gegen La Russa, dessen politische Karriere in den frühen 1970er Jahren in der neofaschistischen Movimento Sociale Italiano begonnen hatte, erhoben sich im Saal Stimmen der Empörung, provoziert von dem Umstand, dass der sich nicht scheute, neben der 93-jährigen Senatorin Liliana Segre Platz zu nehmen, die als Kind den Holocaust knapp überlebte."

Weiteres: Zwischen den Mitgliedern des Jungen Ensembles am Deutschen Theater gibt es seit dem Terrorangriff des 7. Oktober schweren Streit, berichtet Thomas Lindemann in der FAS. Jüdische und arabische Jugendliche sollten gemeinsam Lessings "Nathan der Weise" auf die Bühne bringen. Am Anfang funktionierte das gut, doch seit Ensemblemitglieder kurz nach den Attacken israelfeindliche Statements auf Instagram posteten und den Angriff der Hamas als "Befreiungskampf" deklarierten, ist ein Graben entstanden, der kaum überbrückbar erscheint. Ab 2025 werden Pinar Karabulut und Rafael Sanchez das Zürcher Schauspielhaus leiten, meldet Uli Bernays in der NZZ.

Besprochen werden Ulrich Rasches Inszenierung von Aischylos' "Agamemnon" am Residenztheater München (nachtkritik), die Performance "Radical Hope - Eye to Eye" von Stef van Looveren in den Sophiensaelen in Berlin (tsp), Nuran David Calis Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" am Staatstheater Mannheim (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.12.2023 - Bühne

Das Flex-Ensemble mit Tom Pearson und - unverkennbar - Calder


Der Multimedia-Künstler und Choreograf Tom Pearson und das Flex-Ensemble schaffen mit ihrer Show "Calder Moves" im Sprengel-Museum Hannover einen immersiven Begegnungsraum zwischen der Kunst von Alexander Calder, und Musik und Tanz des Ensembles. Was Immersion dabei genau bedeutet, erklärt Pearson im taz-Interview mit Alexander Diehl: "'immersiv' ist schon sehr zum Buzzword verkommen. Es gibt aber doch ein ganzes Spektrum an interaktiven Möglichkeiten bis hin zur Immersion; ich verstehe darunter die vollständige Kontrolle über einen gewidmeten und rigoros gestalteten Raum. 'Calder Moves' liegt da irgendwo in der Mitte. Der Saal ist halböffentlich und wir verändern ihn auch nicht - aber wir antworten ihm. Insofern ist das Projekt ortsspezifisch, bezogen auf Umgebung und Architektur. Calders Kunst stellt aber auch einen Bezugsrahmen bereit: Das Ganze ist inspiriert von 'Calders' Mobiles', mit denen es sich zugleich ja ganz konkret den Saal teilt. Noch immersiver dürfte die Idee sein, ein Ritual zu erschaffen, an dem das Publikum teilnehmen kann; der Versuch, ihm Wege zu eröffnen, eine noch intimere Beziehung zur Musik einzugehen: durch den Klang, durch eigene Bewegung und durch den direkten Kontakt zu den Aufführenden."

Weiteres: Das Schauspielhaus Zürich bekommt mit der Saison 2025/26 ein neues Intendantenduo, meldet dlf Kultur: Pinar Karabulut und Rafael Sanchez lösen Ulrich Khuon ab.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.12.2023 - Bühne

"aerocircus" von Jacob Höhne auf der Bühne der Berliner Festspiele © Phillip Zwanzig

Gemeinsam mit dem argentinischen Performance-Künstler Tomás Saraceno und dem inklusiven RambaZamba-Theater hat Jacob Höhne Thomas Köcks Stück "aerocircus" auf die Bühne der Berliner Festspiele gebracht, die großen Schauspielerinnen Ilse Ritter und Angela Winkler traten auf, dazu tanzten Elefanten, Zebras und Geister im Angesicht der Apokalypse. Kann da noch was schiefgehen, fragt Nachtkritiker Michael Laages. Ja, viel sogar, "weil Köcks Text schwach wie keiner zuvor geraten ist." Die Fabel ist "derart proppevoll gestopft mit Köck-Ideologie, plattgeklopft mit dem größtmöglichen politischen Holzhammer, dass sie in zwei Theaterstunden dann eben doch nie wirklich 'typisch RambaZamba' wird. Ganz ernsthaft etwa scheint der Autor vermitteln zu wollen, dass das Ende aller Dinge nur den finstren Umtrieben gewinngeiler Wirtschaftsbosse geschuldet sei, die sozusagen die Welt zum Frühstück verspeisen, und nicht etwa ausgelöst worden ist durch Jahrhunderte blinder Fortschrittsgläubigkeit auch all derer, die da täglich mitarbeiten an der Vernichtung rundum - also von uns selbst, unschuldig schuldig geworden, um des kurzfristigen Überlebens und des Wohlstands willen. Wie praktisch, wenn statt uns allen immer nur böse Männer zuständig waren."

Ähnlich, wenngleich gnädiger urteilt Daniel Völzke im Monopol-Magazin: "Der Text von Thomas Köck rührt dann leider … fahrig in einem Themenbrei herum, dessen Zutatenliste von Artensterben über Frauenrechte bis Robotik reicht, wobei jeder einzelne Komplex doch nur scheinbar aufgelöst wird in der redundanten Anklage gegen die verdammten neoliberalen CEOs, die 'Ausbeuter' und die Reichen dieser Welt." "Bewegend" findet Katja Kollmann in der taz allerdings einen bewegenden Abend.

Unter seiner Leitung werden die Wiener Festwochen "Widersprüche, Absurditäten, faschistisches Denken zulassen und untersuchen", warnt Milo Rau, der im Standard-Gespräch auch erklärt, weshalb er sich als "linksradikal" versteht: "Heute gilt jeder, der aufgeschlossen ist und an das Gute glaubt, schon als 'linksradikal'. Und rundherum hat sich ein gewisser faschistischer Realismus durchgesetzt, der besagt, dass die anderen zuerst dran sind mit Sterben und in der Sonne verbrutzeln. Das ist eine rationale Einstellung nach dem Prinzip 'Rette sich, wer kann'. Das kann ich verstehen, aber man muss für kurze Zeit Nachteile in Kauf nehmen, um als Menschheit eine bessere Zukunft zu haben. Linksradikal heißt für mich also, dass ich in langfristigen Strukturen versuche zu denken. Aber das Problem ist das Handeln: Wir haben zwar das Wissen, aber als Bürgerinnen und Bürger keine Möglichkeit, außer die bekannten Parteien zu wählen, die dann nichts ändern. Die Grünen in Deutschland haben nicht einmal eine Geschwindigkeitsbegrenzung durchgekriegt. Das führt dazu, dass sich Menschen vom parlamentarischen System abwenden. Diese Entwicklung möchte ich als Theatermacher gerne aufhalten."

Weitere Artikel: In der SZ wirft Egbert Tholl einen vielversprechenden Blick auf das kommende Programm der Salzburger Festspiele, die unter anderem mit einem von Christian Thielemann dirigierten "Capriccio", einem "Don Giovanni" unter dem Dirigat von Teodor Currentzis, aber auch mit Opern fernab vom Mainstream wie Georg Friedrich Haas' "Koma" oder Beat Furrers "Begehren" aufwarten. Für die Berliner Zeitung blickt Doris Meierhenrich derweil auf das Programm der Berliner Sophiensäle, das erstmals gemeinsam von Jens Hillje und Andrea Niederbuchner verantwortet wird und schon von finanziellen Kürzungen bedroht ist. Pinar Karabulut und Rafael Sanchez übernehmen ab der Saison 2025/26 für zunächst fünf Jahre die Intendanz am Zürcher Schauspielhaus, meldet Ueli Bernays in der NZZ.

Besprochen werden Manfred Trojahns Kammeroper "Septembersonate" im Opernhaus Düsseldorf (VAN, FAZ) und Lydia Steiers Inszenierug der "Aida" in der Oper Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.12.2023 - Bühne

Juliane Banse (Ellice Staverton), Holger Falk (Osbert Brydon), Statisterie,
© Wolf Silveri


Eine berückend schöne, der Poesie des Unsagbaren verpflichtete Musiktheateradaption der Henry-James-Novelle "The Jolly Corner" hat Manuel Brug (Welt) im Opernhaus Düsseldorf gesehen. "Septembersonate" heißt die Bühnenfassung von Manfred Trojahn. Brug begeistert sich insbesondere für die Figuren, etwa für den Protagonist Osbert, der "sich immer mehr in seine Geschichten und Gespinste verstrickt. Ein Narzisst, durchaus. Ellice, die Actrice, eine Lulu in vielfachen Gestalten als Marilyn, Revuegirl, schließlich Osberts Doppelgänger, mit dem er sich verknüllt und verschlingt. Juliane Banse macht das mit viel Empathie für das gemeinsame Gestern, aber auch als nicht fassbar Fragende ganz fabelhaft, herbstlich schön schwingt sich die Stimme mit herbem Vokalrand auf, intensiv und doch distanziert. Singend ist Osbert II (Roman Hoza) sein Klon mit Mein-Freund-Harvey-Hasenohrenhelm, vampirhaft, horrorfilmnostalgiegruselig." Joachim Lange bespricht die Aufführung für die nmz.

Lotte Thaler besucht für die FAZ das Rokokotheater Schwetzingen, wo Reinhard Keisers Barockoper "Nebucadnezar" gegeben wird. Die Modernisierung des Stoffes durch den Regisseur Felix Schrödinger findet nicht durchweg den Zuspruch der Rezensentin ("peinliches voyeuristisches Waterboarding"), die Musik jedoch ist eine Wucht: "Das Philharmonische Orchester Heidelberg, das auf modernen Instrumenten spielt, legte sich höchst motiviert für Keisers Musik ins Zeug, im Tutti wie auch in den vielen Soli des Fagotts und der fabelhaften Oboe. Einmal stürmte das Orchester wie von der moralischen Leine gelassen los, als Adina ihren Darius wie einen Hund auf die Bettkante zitiert, den Ehebruch schon in Gedanken vorwegnehmend. Und keine Frage, wer hier am Pult des Orchesters steht: eine Frau, Dorothee Oberlinger, die ihre Musiker kollegial animierend durch die Partitur führt und einmal sogar selbst, wie mitleidend, zu ihrer Blockflöte greift. Eine Entdeckung."

Paris, le 21 novembre 2023. Karlheinz Stockhausen / Sonntag aus Licht (scènes 3,4 et 5). Foto © Denis ALLARD / Philharmonie de Paris


In der Pariser Cité de la Musique und der Philharmonie de Paris wurde, über zwei Tage und zwei Orte verteilt, Karlheinz Stockhausens "Sonntag aus 'Licht'" gegeben, mit Maxime Pascal am Pult. In der NZZ zeigt sich Eleonore Büning beeindruckt von der Spannbreite des Werks: "Auch im zweiten Aufzug, den 'Engelsprozessionen', kreuzen sich Scherz und Ernst, Raum und Zeit. Sieben Engelschöre tanzen jauchzend durch die Gänge des sternförmig platzierten Publikums. Ein Happening - heute sagt man 'immersiv' dazu. Als Stockhausen das musikalische Geschehen ins Innere der Zuhörer verlegte, war dieses Modewort noch nicht erfunden. Der dritte Teil, 'Lichter-Bilder', bezieht die gesamte Natur mit ein, alle sollen Gott, die Liebe und das Leben lobpreisen. Im vierten, 'Düfte-Zeichen', wird das Publikum gründlich eingenebelt mit Weihrauch. Und es taucht endlich Über-Eva auf, die wie Wagners Erda eine Packung Weisheit im Gepäck hat: 'Männer, hört auf die Frauen. Ihr seid von Frauen geboren.'"

Ein BVG-Musical, muss das sein? Kann man machen, findet Peter Laudenbach in der SZ. Die den Berliner Verkehrsbetrieben gewidmete Show "Tarifzone Liebe" im Berliner Admiralspalast ist jedenfalls "schwungvoll und ohne Verspätungen im Takt inszeniert. Die Kalauer klingen, als hätten die Texter zu großzügig bei den mobilen Händlern in der U 8 eingekauft: 'BVG, die härteste Droge der Welt - ein Zug, und du bist weg.' Weil der BVG sowieso niemand eine 'Alles-super!'-Werbung abnimmt, hat ein Chor der genervten BVG-Kunden seinen Auftritt, um ein paar Beschwerden anzubringen beziehungsweise zu singen: 'Zu spät, zu laut, zu dreckig! Ich fand 'nen Krümmel in der Ritze! Warum darf mein Pudel nicht auf die Sitze?'"

Weitere Artikel: Wolfgang Behrens denkt in der nachtkritik über die Schwierigkeiten der Theaterwelt beim Umgang mit Israel nach. Jakob Hayner zeichnet in der Welt nach, warum Fortinbras, eine Figur aus Shakespeares "Hamlet", lange vergessen war, aber derzeit wieder wichtig ist.

Besprochen werden eine Inszenierung von Molières "Der Menschenfeind" am Wiener Burgtheater (FAZ), Anna Bergmanns Joyce-Carol-Oates-Adaption "Miss Golden Dreams" am Staatstheater Karlsruhe (SZ), Nestroys "Höllenangst" am Linzer Landestheater (Standard) und Igor Strawinskys "The Rake's Progress" am Freiburger Theater (nmz), Manfred Trojahns Kammeroper "Septembersonate" im Opernhaus Düsseldorf (nmz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.12.2023 - Bühne

Szene aus "Aida" am Schauspiel Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller.

Düster und wirkmächtig ist Lydia Steiers Inszenierung von Verdis "Aida" an der Oper Frankfurt, lobt Wolfgang Fuhrmann in der FAZ. Viele Referenzen an Hans Neuenfels skandalumwitterte Aufführung hat Steier hier eingebaut, erkennt der Kritiker, wie damals tritt Aida als Putzfrau auf. Manchmal geht Fuhrmann die Drastik der Szenen etwas zu weit - es sind vor allem die ruhigeren Momente, die ihn überzeugen: "In den beiden letzten Akten wird die Inszenierung, wie einst bei Peter Konwitschny, zum radikalen Kammerspiel. Hier vor allem zeigt Steier, dass sie nicht nur virtuos Massenszenen voll böser kleiner Details inszenieren kann (wie das geheuchelte Mitleid der aufgetakelten Siegesparty-Gesellschaftsdamen mit den Kriegsgefangenen), sondern auch die verstörende Flucht der Liebenden in den Tod als abgrundtiefe Verzweiflung bei Siegern wie Besiegten. Die harfenumrauschte Ges-Dur-Verklärung, die Verdi komponiert hat, erscheint nicht mehr glaubhaft." Sehr finster findet auch FR-Kritikerin Judith von Sternburg diese Inszenierung - aber auf der anderen Seite entspricht das ja auch irgendwie den Schrecken unserer Realität, meint sie.

Weiteres: In Krisenzeiten kommt dem Theater eine wichtige gesellschaftliche Rolle zu, meint der Kultursenator von Hamburg und Präsident des Deutschen Bühnenvereins Carsten Brosda in einem Gastbeitrag in der SZ. Besprochen werden Alireza Daryanavard und Mahsa Ghafaris Stück "Chronik der Revolution" am Berliner Ensemble (nachtkritik, taz) und Nuran David Calis Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" am Nationaltheater Mannheim (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.12.2023 - Bühne

Szene aus "Der Himbeerpflücker" im Theater in der Josefstadt in Wien. Foto: Theater in der Josefstadt.

Einen "vor Boshaftigkeit triefenden" Abend hat Martin Lhotkzy für die FAZ im Wiener Theater in der Josefstadt gesehen. Fritz Hochwälders Komödie "Der Himbeerpflücker" spielt in den sechziger Jahren im fiktiven Ort Bad Brauning (zu Recht denkt man dabei an Braunau am Inn, verrät Lhotzky). Ein Fremder taucht auf, angeblich ein ortsbekannter brutaler SS-Scherge - was den Dorfbewohnern aber keine Probleme bereitet, hat doch jeder im Ort von dessen Nachlass, bestehend aus "zwei Koffern voller Zahngold aus dem Konzentrationslager, in dem er stationiert war", profitiert, resümiert der Kritiker. Der Humor ist hier so rabenschwarz, dass man es in dieser Inszenierung von Stephanie Mohr vor allem dem großartigen Ensemble zu verdanken hat, dass man sich trotzdem manchmal traut zu lachen, lobt Lhotzky: "Günter Franzmeier verleiht dem Herrn Bürgermeister weniger Würde als vielmehr Schlitzohrigkeit und boshafte Arroganz. Wenn er sich vor dem vermeintlichen Massenmörder verbeugt, möchte man meinen, er habe wirklich kein Rückgrat. Und wenn er seinem Töchterlein - Paula Nocker verkörpert in ihrem kessen Dirndlkleid (Kostüme: Nini von Selzam) und der überaus üppigen roten Perücke die von sich selbst überzeugte Jugend der Sechziger tadellos - zuredet, sich doch mit dem "Himbeerpflücker" zu … 'treffen', traut man ihm einfach alles zu."

Weiteres: Für die Bayreuther Festspiele wurde ein rigoroser Sparplan verabschiedet, meldet die SZ mit dpa. Der Wirtschaftsplan wurde unter anderem vom Deutschen Musikrat heftig kritisiert.

Besprochen werden Anna Bergmanns Inszenierung von "Miss Golden Dreams" nach Joyce Carol Oates' Roman "Blond" am Staatstheater Karlsruhe (taz, nachtkritik), Toshiki Okadas "No Horizon" am Thalia Theater Hamburg (nachtkritik), Pia Richters Inszenierung von Jelineks "Das Licht im Kasten" am Landestheater Tübingen (nachtkritik), Alireza Daryanavards und Mahsa Ghafaris "Chronik der Revolution" am Berliner Ensemble (nachtkritik), Theresa Thomasbergers Inszenierung von Klaus Theweleits "Männerfantasien" am Deutschen Theater Berlin (taz), Pinar Karabuluts Adaption von Kafkas "Der Prozess" am Schauspiel Köln (nachtkritik), Axel Ranischs Inszenierung von Paul Zachers Stück "Mutti, was machst du da?" am Berliner Ensemble (nachtkritik, Tsp), die Adaption von Jurij Brězans Roman "Die schwarze Mühle" durch Showcase Beat Le Mot auf Kampnagel Hamburg (nachtkritik), Lilja Rupprechts Inszenierung von Elfriede Jelineks "Sonne/Luft" Schauspiel Frankfurt (FR), Stephan Kimmigs Adaption von Michel Friedmans biografischem Langgedicht "Fremd" am Schauspiel Hannover (SZ) und die Performance "Über das Unbehagen zu Wohnen" vom Kollektiv andpartnersincrime im Schweizer 5 (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.12.2023 - Bühne

In der Welt informiert Matthias Heine über das "Living Archive" des Royal Court Theatre in London, das "2.000 Stücke von etwa tausend Autoren" online zugänglich macht, darunter Stücke von "Edward Bond, Caryl Churchill, David Hare, Wole Soyinka, David Edgar, Mary O'Malley, Hanif Kureishi und Jez Butterworth. Auch die 'Rocky Horror Show' wurde dort 1973 uraufgeführt. Die ersten hundert sind schon online. Der Rest soll nach und nach folgen, wenn weitere Sponsoren gefunden sind. Der erste war die Bloomberg-Stiftung." Vielleicht könnte das eine Inspiration auch für deutsche Bühnen sein?

Weitere Artikel: In der Welt schreibt Manuel Brug eine kleine Hommage zum hundertsten Geburtstag der Callas, in der NZZ würdigt Christian Wildhagen die Primadonna assoluta, die auch heute noch "allen den Kopf" verdreht. Dazu gibt es eine Bilderstrecke. Auch der Dlf brachte gestern ein langes Feature zur Callas. Valery Gergievs Treue zu Putin zahlt sich immerhin in Russland aus: Er wird der neue Chef des Bolschois, nachdem der bisherige Leiter Wladimir Urin wegen seiner Kritik am russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gehen musste, meldet die SZ. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) würdigt Andreas Nentwich die "Schreibtechnik der Entzauberung" des Theaterkritikers und Essayisten Alfred Polgar.

Besprochen werden Lilja Rupprechts Inszenierung von Elfriede Jelineks "Sonne/Luft" am Schauspiel Frankfurt (nachtkritik), Pınar Karabuluts Inszenierung von Kafkas "Prozess" am Schauspiel Köln (SZ), Nuran David Calis' Inszenierung von Lessings "Nathan" am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik), Gob Squads "Handle with Care" am HAU Berlin (nachtkritik) und Bastian Reibers "Genesis" an der Berliner Schaubühne (nachtkritik).