Im Interview mit der FRverteidigt Ulrich Khuon, derzeit Leiter des Zürcher Schauspiels, die umstrittene Initiative GG 5.3 Weltoffenheit, weil er fand, dass der Bundestag zu weit gegangen war, als er im Mai 2019 den BDS als antisemitisch klassifizerte und deshalb empfahl, seinen Anhängern weder Räume noch Förderung aus öffentlichen Geldern zukommen zu lassen: "Die Politik darf nicht in die Kunstfreiheit reingrätschen, also in den Rahmen, den sie etwa mit befristeten Intendantenverträgen selbst setzt. Innerhalb dieses Rahmens herrscht Freiheit; die durch die konkurrierenden Grundrechte begrenzt ist, durch das Persönlichkeitsrecht oder das Strafrecht. Mit diesem Beschluss stört die Politik das Prinzip dieses Rahmens und etabliert Einschränkungen." Er würde lieber debattieren - aber auch nur in Grenzen: "Boykotte funktionieren immerhin ohne Waffengewalt. Dennoch haben sie insbesondere in der Kunst nichts zu suchen. Ich würde mit niemandem zusammenarbeiten, der mir sagt, dass ich dafür jemand anderen boykottieren müsse."
Kann man in diesem Jahr guten Gewissens in Tschaikowskys "Nussknacker" gehen? Man kann, versichert in der NZZ Christian Wildhagen: "Das Werk symbolisiert gleichsam eine positive kulturelle Gegenwelt zu jenem Russland, das uns täglich aufs Neue mit blutigen Schlagzeilen an den Zivilisationsbruch erinnert, den es seit Februar 2022 begeht. Offenbar taugt gerade der 'Nussknacker' besonders gut dafür, sich eine solche Idee von einem anderen, einem 'guten' Russland zu bewahren. Nicht zuletzt deshalb, weil er kaum politisch zu vereinnahmen, geschweige denn für irgendein Propaganda-Gedröhn zu missbrauchen ist."
Weiteres: Besprochen wird das Musical "Ku'damm 56" in der Alten Oper Frankfurt (FR)
"Der Sturm/Das Dämmern der Welt" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Armin Smailovic."Die Wirklichkeit als tropenfieberhaftes Albtraumspiel im Perpetuum mobile von Krieg und Frieden" erlebt Teresa Grenzmann für die FAZ in den Münchner Kammerspielen: Jan-Christoph Gockel inszeniert mit "Der Sturm/Das Dämmern der Welt" eine Mischung aus Shakespeares letztem Stück und Werner Herzogs Beschäftigung mit dem japanischen Soldaten Hiroo Onoda, der sich auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs fast dreißig Jahre nicht ergeben will. Von einer solchen Auseinandersetzung mit dem Krieg ist Grenzmann tief beeindruckt: "Am Krieg als Normalzustand einer Zivilisation, die sich des Friedens der Natur nur der Tarnung wegen bedient, daran lässt 'Der Sturm/Das Dämmern der Welt' von Anfang an keine Zweifel: Neblige Düsternis liegt über der Bühne. Wo zunächst nur ein kahler Mast aus der schwarzen Ebene ragt, wird bald ein verrostetes Schiffswrack gehoben. In der hinteren Mitte das Podest der Musiker. Oft begleitet der dröhnende Sound des Unheimlichen das Spiel, manchmal der klimpernde Klang des Lieblichen.' Auf die Besserung des menschlichen Zusammenlebens macht die Inszenierung wenig Hoffnung: "Als Höhepunkt des Abends lässt Regisseur Gockel seine Schauspieler vorm erhellten Zuschauersaal minutenlang alle Kriege seit 1945 herunterbeten. Onoda hatte recht: Der Krieg hat niemals aufgehört. 'Die Schauplätze haben sich nur verlagert.' Der vermeintliche Frieden ist - mit Kant - nur die Vorbereitung auf einen neuen Kampf."
Weiteres: In der SZ interviewt Egbert Tholl Barrie Kosky, der an der Bayerischen Staatsoper gerade "Die Fledermaus" inszeniert.
Bild: Szene aus "Karl May". Foto: Luna Zscharnt Ein Stück mit dem Titel "Karl May" - muss das ausgerechnet jetzt sein, fragt sich Jolinde Hüchtker in der Zeit. Unbedingt - wenn es nach Enis Maci und Mazlum Nergiz geht, die das Stück geschrieben und an der Berliner Volksbühne inszeniert haben. Und Hüchtker stimmt zu, denn das Stück widmet sich "erfrischend neugierig den Nebenschauplätzen der Karl-May-Debatte. (...) Auf der Bühne führen ein Psychiater (Oscar Olivo), ein Bullriding-Betreiber (Martin Wuttke) und eine Hotelangestellte (Ann Göbel) durch eine gewaltige Geschichte. Auf der Leinwand leuchten Jahreszahlen von Kolonialkriegen, der ersten Kreuzfahrt und Western-Filmpremieren auf, davor spielen die drei Darsteller Karl-May-Szenen nach." Hüchtker ist glücklich: "Dies ist ein Stück über den Versuch, den Fremden zu imaginieren, um sich selbst zu sehen. Auf dieser Bühne ist alles Fake, alles wahr, alles Entertainment, solange niemand vom Bullen fällt. Also halten sie sich fest, Karl May an Old Shatterhand, die Buffalo Bills an der Haut ihrer Opfer, die deutschen Trucker am American dream, nur Enis Maci und Mazlum Nergiz halten nicht fest an der altbekannten Debatte - was für ein Glück."
Besprochen werden Bettina Rehms Inszenierung von Andreas Sauers Stück "Schwemmholz" an der Berliner Vagantenbühne (Tsp), die Wiederaufnahme des "Rosenkavalier", inszeniert von Christoph Waltz am Grand Théâtre de Genève und unter dem Dirigat von Joana Mallwitz an der Staatsoper Berlin (VAN-Magazinhier und hier) und Jan Bosses Inszenierung von Ferdinand Schmalz' "Hildensaga. Ein Königinnendrama" am Wiener Burgtheater (FAZ).
Auch Jakob Hayner ist in der Welt sehr angetan von der "Ursonate" ("versponnene und verspielte Huldigung des Nonsens"). Aber, meint er, das Deutsche Theater hat einen solchen Erfolg auch bitter nötig. Denn zuletzt machte sich dort ein massives Premieren-Problem breit: "Wo das Thema bereits als zeitgenössisch und aktuell gilt, ist die künstlerische Durcharbeitung oft besonders schwach: In 'Der Auftrag / Psyche 17' trifft Heiner Müller auf Elemawusi Agbédjidji, einen Autor aus dem Togo. Doch das Drama um Revolution, Kolonialismus und Verrat wird durch banale Bildsprache und plumpe Kommentierung unterlaufen (...). Und bei 'Männerphantasien' nach Klaus Theweleits Theorieklassiker wird der Inhalt kaum spielerisch entwickelt, sondern schlicht ins Publikum deklamiert. Das Ärgerliche ist nicht, dass der eine oder andere Abend misslingt, das ist im Theater normal. Was hier stört, ist der Eindruck, dass man es mit einer Regie zu tun hat, die Erfahrungen im Theater eher verhindert statt ermöglicht."
Einen eindringlichen Theaterabend erlebt FAZ-Kritikerin Philine Bickhardt am Züricher Schauspielhaus. Der ukrainische Regisseur Stas Zhyrkov inszeniert hier "Antigone in Butscha", ein Stück, in dem eine Schweizer Kriegsfotografin und eine Ukrainerin gemeinsam in einem Keller ausharren, während oben der Krieg tobt. Manches gerät etwas platt, gesteht Bickhardt ein, aber was erwartet man vom Theater eines Landes, das um seine bloße Existenz kämpft? "Entgegen der westlichen Tradition des Hinterfragens von Darstellungsmöglichkeiten ist dieses Theaterstück von der Notwendigkeit des Bezeugens geleitet. Warum sich in Metafragen verlieren, wenn Zeugnis abgelegt werden muss? Der Regisseur überträgt diese Unbedingtheit auf die Figur der Schweizer Kriegsfotografin, problematisiert zugleich aber auch die Vermarktung des Sterbens. Einmal in Butscha angekommen, lässt sie das Kriegsgeschehen nicht mehr los. ... 'Antigone in Butscha' ist auch ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit einer Schweiz, die sich nach dem 24. Februar lange nicht positionierte und stattdessen russischen Oligarchen in aller Ruhe gewährte, ihr letztes Geld aus Schweizer Banken zu retten."
Besprochen wird die Meta-Operette "Lass uns die Welt vergessen" an der Volksoper Wien (Welt).
Nicholas Ofczarek und Michael Maertens am Wiener Burgtheater. Foto: Matthias Horn. Was ist die Revolution? FAZ-Kritiker Hubert Spiegel erhält in Johan Simons' Inszenierung von Büchners "Dantons Tod" am Wiener Burgtheater eine eindeutige Antwort: "Ein Clownstheater!" Simons zeigt sie als "einen Ort, an dem die Uhren anders gehen, einen abgetakelten Wanderzirkus, der blutig auf der Stelle tritt", so Spiegel. In der Mitte dieser Farce stehen Nicholas Ofczarek und Michael Maertens als Danton und Robespierre: "Beide tragen die Melone des Komikers, für beide hat die Kostümbildnerin Greta Goiris Zirkuskostüme entworfen. Aus den Helden von gestern sind traurige Weißclowns geworden - oder waren sie nie etwas anderes? Gelangweilt, arrogant und überheblich noch in seiner Todessehnsucht: Nicholas Ofczareks Danton, als blasser Tod geschminkt, watschelt immer wieder wie ein angeschlagener Pinguin über die Bühne, ein Kraftkerl, dem es von Mal zu Mal schwerer fällt, in die alten Heroenposen zu verfallen. Ganz anders Michael Maertens, der seinen Robespierre oft ganz weich agieren lässt, ein verhärmter Einzelgänger mit Sendungsbewusstsein, die Händchen reibend, sich noch im Watschelgang pfäffisch heranschleichend, ein Blut trinkender Mörder aus verletzter Seele, zaghaft, einsam, unerbittlich."
Weiteres: Astrid Kaminski stellt in der taz das deutsch-griechische Theaterprojekt "Romaland" vor, mit dem die Regisseure Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris auf gesellschaftliche Benachteiligung der Roma aufmerksam machen wollen.
Besprochen werden Selma Selmans Performance "her0" im Gropius Bau Berlin (taz), Claudia Bauers Inszenierung der "dadaistischen Sprechoper" "Ursonate (Wir spielen, bis uns der Tod abholt)" nach Kurt Schwitters Lautgedicht am DT Berlin (taz), David Aldens Inszenierung der Donizetti-Oper "Anna Bolena" an der Deutschen Oper Berlin (taz), Ralf Hockes Inszenierung von Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" am Theater Hof (nachtkritik), Nina Braziers Inszenierung der Mozart-Oper "Ascanio in Alba" an der Oper Frankfurt (FR), Goyo Monteros Ballett "Steppenwolf" nach dem Hesse-Roman am Staatstheater Nürnberg (SZ) und Alexei Ratmanskys Inszenierung des E.T.A. Hoffmann-Balletts "Coppélia" von Léo Delibes an der Mailänder Scala (die Wiebke Hüster in der FAZ "unfassbar schön" findet).
Szene aus "Anna Bolena" an der Deutschen Oper Berlin. Foto: Bettina Stöß. Stilsicher findetFR-Kritikerin Judith von Sternburg David Aldens Inszenierung der Donizetti-Oper "Anna Bolena" an der Deutschen Oper Berlin und dazu gehört nicht nur die "elegische schwarze Seide", in der die Königin stirbt: "Geschmackvolle Bilder müssen nicht verstaubt aussehen, Kühle und Intensität widersprechen sich nicht. Alden entscheidet sich für die Öffentlichkeit, in der sich monarchische Liebesgeschichten abspielen, und gegen Intimität und psychologische Tiefenbohrung, die ebenfalls im Angebot wären. Wenn Anna Bolena leidet, und sie leidet ohne Unterlass, so tut sie dies mit großen Gesten. Alden achtet aber darauf, dass es keine konventionellen Operngesten sind, und er parodiert nicht. Er zeigt Menschen, die sich ständig beobachtet wissen. Königinnenschicksal." In der FAZ hätte sich Gerard Felber auch ein paar starke Männer für diese Aufführung gewünscht: "Da gibt es zunächst eine auch für den Frauenstimmen-Anbeter Donizetti ungewöhnliche Verzwergung der Männerrollen, die durch David Aldens Regie (im Wesentlichen ein Remake seiner Züricher Inszenierung von 2021 mit der einfallsschlicht schattenspielenden, aber immerhin akustisch vorteilhaften Ausstattung Gideon Daveys) noch potenziert wird." Ulrich Amling hat im Tagesspiegel einiges an der Inszenierung auszusetzen.
Weitere Artikel: In der Welt stellt Manuel Brug Valery Barkhatovs Inszenierung von Puccinis "Turandot" an der Oper San Carlo in Neapel der von Claus Guth an der Wiener Staatsoper gegenüber. Im Grand-Théatre de Genève hat der Schauspieler Christoph Waltz seine Inszenierung von Strauss' "Rosenkavalier" wiederaufgenommen - NZZ-Kritikerin Eleonore Büning sieht eine "sanft nachpolierte" Fassung von Waltz' Regie-Debüt. Katrin Bettina Müller teilt in der taz Eindrücke vom Eröffnungsprogramm der Sophiensäle unter der neuen Leitung von Andrea Niederbuchner und Jens Hillje.
Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Wolfram Hölls Stück "Niederwald" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik), Enis Macis und Mazlum Nergiz' Stück "Karl May" an der Volksbühne Berlin (nachtkritik, BlZ), Christian Breys Inszenierung von "Hannah und ihre Schwestern" eine Tschechov-Adaption nach Woody Allen von Jürgen Fischer am Staatstheater Mainz (nachtkritik, FR), Johan Simons Inszenierung von Georg Büchners "Dantons Tod" am Burgtheater Wien (nachtkritik, Standard), Claudia Bauers Inszenierung der "dadaistischen Sprechoper" "Ursonate (Wir spielen, bis uns der Tod abholt)" nach Kurt Schwitters Lautgedicht am DT Berlin (FAZ), Ulrich Mokruschs Inszenierung von Yael Ronens und Dimitrij Schaads Stück "(R)evolution" am Theater Osnabrück (taz), Ran Chai Bar-zvis Adaption von Kim de l'Horizons Roman "Blutbuch" am Staatstheater Hannover (SZ), Sebastian Ritschels Inszenierung von Joseph Beers Operette "Der Prinz von Schiras" am Theater Regensburg (SZ), Jan-Christoph Gockels Kombi-Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" und Werner Herzogs Roman "Das Dämmern der Welt" an den Münchner Kammerspielen (SZ, nachtkritik).
Szene aus "Lasst uns die Welt vergessen" an der Volksoper Wien. Foto: Barbara Pálffy / Volksoper Wien
Im Frühjahr 1938 probte man an der Wiener Volksoper Jara Beneš' Operette "Gruß und Kuss aus der Wachau", doch nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland im März war es damit erst mal vorbei: die jüdischen Schauspieler wurden entlassen, der Text der jüdischen Librettisten durch einen nazikonformen ersetzt und der Name des tschechischen Komponisten gelöscht. Jetzt hat sich die Volksoper mit einem eigenen Stück dieser Vergangenheit gestellt, erzählt ein beeindruckter Ljubiša Tošić im Standard: "Der Abend basiert auf der 2018 erschienenen Recherche 'Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt' von Marie-Theres Arnbom. Regisseur und Autor Theu Boermans hat davon ausgehend 'Lass uns die Welt vergessen', ein zwischen Operettenseligkeit und Politdüsternis changierendes Stück, behutsam zu einem eindringlichen Exempel der Erinnerungskultur geformt - mit durchaus direkten Stilmitteln. ... Zum einen mündet die konfliktbeladene Probensituation in fidele Operettenszenen, bis die Kitschwelt durch den Besuch etwa eines von den Nazis bestellten neuen Intendanten brutal unterbrochen wird. Eine weitere Stilebene - wohl die eindringlichste - zeigt auf einem Podest eine Art Collage privater Szenen aller zentral Beteiligten." Auch die Musik ist beeindruckend, versichert Reinhard Kager in der FAZ: "Da die Partitur verschollen ist, instrumentierte die junge Dirigentin Keren Kagarlitsky den erhaltenen Klavierauszug mit Sorgfalt neu. Überdies fügte sie zeitgeschichtliches Kolorit hinzu", Auszüge von Arnold Schönbergs "Verklärte Nacht", aus Viktor Ullmanns im KZ Theresienstadt entstandener Oper "Der Kaiser von Atlantis" und aus Mahlers 1. Symphonie.
Die erste Hälfte ist eigentlich eher amüsant, aber nach der Pause, so SZ-Kritiker Egbert Tholl, wenn es um die Geschichten der jüdischen Künstler nach ihrer Entlassung geht, "schnürt es einem die Kehle zu. Eine Nazi-Leitung übernimmt die Proben, der Souffleur sieht schon die Geister der Toten, Kagarlitskys eigene Musik malt den dunklen Untergrund, auf dem in präzisen szenischen Miniaturen die Einzelschicksale erzählt werden. Viktor Flemming, der Star das Wachau-Märchens, wird an der Grenze verhaftet, nach Theresienstadt deportiert; bevor ihn dort der Kommandant nach Auschwitz in den Tod schickt, will er noch ein Autogramm von ihm, für die Gattin, Sie wissen schon. Der Souffleur hängt sich auf. Fritz Löhner-Beda, der Texter der Songs, kommt ins KZ Buchenwald, schreibt dort das 'Buchenwaldlied', das beklemmend an das 'Wachaulied' aus dem Singspiel erinnert, kurz darauf wird er in Auschwitz erschlagen."
Wie wenig Peymann sich in den Text und die Regieanweisungen Becketts einmischt, fällt auch FAZ-Kritiker Hubert Spiegel auf: "Peymanns Godot ist Handarbeit. Man mag das bieder nennen, puristisch oder auch konventionell. Aber es hat etwas Unerschütterliches, unerschütterlich in seinem Vertrauen auf den Text, auf die Zeitlosigkeit der darin verhandelten existenziellen Fragen, unerschütterlich in seinem Glauben an die schütteren Kräfte des Theaters in schmerzversehrter Zeit und unerschütterlich in seinem Glauben an die Schauspieler und ihre Kunst. Castorf war auch unter den Zuschauern, bemerkt im Standard Margarete Affenzeller, für die die Aufführung "ein Gruß aus vergangener Zeit, als solcher aber stimmig" ist. Clownsspiel, wenig spannend, urteilt Wolfgang Kralicek in der SZ.
Weiteres: Ulrich Seidler berichtet in der Berliner Zeitung über den Gütetermin zwischen dem gekündigten geschäftsführenden Direktor des Deutschen Theaters Klaus Steppat und dem Land Berlin. Elmar Krekeler besucht für die Welt den Tenor Jonas Kaufmann in Wien bei den Proben zu "Turandot". Besprochen werden außerdem Juli Mahid Carlys Inszenierung von "Hänsel und Gretel" als queere Revue am Münchner Volkstheater (nachtkritik) und "Hausmeister Krause" in der Komödie Frankfurt (FR),
Richard Strauss: Die schweigsame Frau. Foto: Felix Grünschloß.
Auch wenn die Handlung von Richard Strauss' Oper "Die schweigsame Frau" um einen genervten Alten, der die Opernmusik nicht mehr aushält, Judith von Sternburg in der FR eher an "eine Art Konstruktionsfehler" denken lässt, ist die Inszenierung von Mariame Clément am Staatstheater Karlsruhe musikalisch doch zu empfehlen: "Gleichwohl natürlich eine Gelegenheit, die Musik in sehr guter Form zu hören. Blendend auf einen gewieften, delikaten Strauss-Klang eingestellt ist das Orchester unter der Leitung von Georg Fritzsch, der hellwach die komplexen musikalischen (übrigens auch hübsch anspielungsreichen) Vorgänge im Griff hat." Grund zum Lob geben Sternburg auch die Darsteller: "Danae Kontora brilliert als Titelheldin spielerisch und stimmlich. Es muss eine Herausforderung für eine Sängerin sein, lange still zu sein und dann direkt zu kreischen und zu zicken, dass die Wände beben. Eleazar Rodriguez ist der strahlende Tenor-Neffe. Den musikalischen Höhepunkt bildet das langgestreckte Finale des ersten Aktes. Es ist so rossinimäßig satt und sich noch und noch steigernd, dass es für sich genommen schon jede Bemühung um 'Die schweigsame Frau' belohnt."
Naja: So richtig zufrieden ist Nachtkritikerin Frauke Adrians nicht mit dem etwas unsortierten "Fiddler! A Musical" im Hebbel am Ufer, mit dem das Kollektiv Ariel Efraim Ashbel and friends sein zehnjähriges Jubiläum feiert: Sie sieht "ja, was? Eine Loseblattsammlung zum Thema jüdische und jiddische Unterhaltungskultur? Ein Spaßprogramm für Eingeweihte?" Erst gegen Ende der dreistündigen Aufführung "kann 'Fiddler!' wirklich fesseln. Da wird Tacheles gespielt, da ist das von Ethan Braun geleitete Streicherensemble 'Kaleidoskop' dem Graben entstiegen, da schreit eine Sängerin in einer finsteren, rockigen Blues-Nummer wieder und wieder 'We trusted you!' in den Saal - die Anklage könnte sich gegen die Regierung Netanjahu richten, aber ganz bestimmt gegen Deutschland mit seinem alten und neuen Antisemitismus."
Weiteres: Arno Lücker interviewt die israelische Dirigentin und Komponistin Keren Kagarlitsky anlässlich ihres Stücks "Lass uns die Welt vergessen - Volksoper 1938", mit dem die Volksoper Wien auch ihre eigene Vergangenheit aufarbeitet (VAN).
Lviv vibriert vor Leben, die Stadt hat heute 200.000 Einwohner mehr als vor dem Krieg, weiß Dorothea Marcus, die für die taz der Kölner Theatergruppe Futur.3 hinterhergereist ist. Futur.3 zeigt auf Deutsch und Ukrainisch das Stück "Ich will leben", das die Geschichte von Selma Merbaum, einer jungen Dichterin, die 1942 in einem NS-Arbeitslager ums Leben kam, erzählt. "Ist es in Ordnung, sich als unbedrohtes deutsches Theater im Kriegsgebiet Ukraine bejubeln zu lassen? Oder geht es hier um eine Form von Western Saviourism, auch wenn man das Gefühl, im Krieg zu sein, in Deutschland kaum nachvollziehen kann?", fragt Marcus. Für Olha Puzhakovska, künstlerische Leiterin des Lesi Theaters, mit dem Futur.3 kooperiert, "ist es völlig eindeutig, dass deutsche Theater gerade momentan in die Ukraine reisen müssen. Internationale Kooperationen bedeuteten für sie finanzielle Unterstützung und Solidarität - auch, weil in der Ukraine die Kulturbudgets seit Kriegsbeginn empfindlich gekürzt wurden, Schauspieler und Techniker an der Front sind. Seit Monaten tobt im Land eine emotionale Debatte, ob Kultur zurzeit überhaupt gefördert werden sollte - oder ob nicht alle Mittel lieber ins Militär fließen. Aber wofür kämpfen, wenn nicht um die Kultur und Identität des Landes?"
Szene aus "Wer Wind sät". Bild: Christina Iberl. Während aktuell der linke Antisemitismus an Universitäten offen zutage tritt, bringt das Staatstheater Meiningen mit Frank BehnkesInszenierung von Paul Grellongs "Wer Wind sät" ein Stück über rechten Antisemitismus und Holocaust-Leugnung an Unis auf die Bühne. Harvard-Professor Charles will einen Nazi an der Uni reden lassen, die jüdische Dekanin intrigiert dagegen, irgendwie geht es um Meinungsfreiheit, resümiertNachtkritiker Henryk Goldberg, der das Stück für ein Ärgernis hält: "Nicht nur aus Gründen der Ästhetik, nicht nur weil der US-Amerikaner Story und Figuren auf dem Reißbrett entworfen hat, das wäre nur langweilig. Vor allem, weil hier ein wichtiges, ein zunehmend wichtiges Thema versenkt und verspielt wird. Muss man Rechtsradikalen, muss man Antisemiten ein Podium bieten um der Meinungsfreiheit willen? Und wenn sie 30 Prozent der Wähler haben wie in Thüringen? Hier in Grellongs Harvard aber geht es nicht um die Meinungsfreiheit, es geht darum, wie verrottet der universitäre Betrieb ist. Nichts als Intriganten und Opportunisten. Die Gefährdung des offenen Diskurses kommt heute eher aus den Reihen einer aggressiven studentischen Meinungsführerschaft."
Den britischen Theatern kommen die Intendanten abhanden, schreibt Brian Logan im Guardian und fragt: Brauchen Theater überhaupt noch Intendanten? "Die Vorstellung, dass ein Alleinführer die Macht monopolisiert, widerspricht dem Zeitgeist. Der berechtigte Impuls, Macht zu teilen und sie integrativer zu gestalten, wurde durch die Covid-Pandemie, die Privilegienmuster in den Künsten offengelegt hat, erheblich verstärkt. Außerdem fühlt es sich einfach an wie ein noch härterer Job, nach der Corona-Krise und inmitten einer Krise der Lebenshaltungskosten, mit versiegenden Kunstgeldern, einer bedrängten Belegschaft und einem Publikum, das es nicht eilig hat, zu seinen Theatergewohnheiten von vor 2020 zurückzukehren."
Besprochen werden Yana Ross' Inszenierung von Virginie Despentes Roman "Liebes Arschloch" am Schauspielhaus Zürich (FAZ) und Gisèle Viennes Produktion "Extra Life", zu sehen im Rahmen des Pariser Festival d'Automne in der MC93 - Maison de la Culture de Seine-Saint-Denis in der Vorstadt Bobigny (FAZ).
"Die schweigsame Frau" am Badischen Staatstheater. Mit Friedemann Röhlig (Sir Morosus) - Foto: Felix Grünschloß Ganz formidabel, was das Badische Staatstheater Karlsruhe da auf die Bühne zaubert, jubelt Lotte Thaler in der FAZ. Gegeben wird Richard Strauss' komisches Spätwerk "Die schweigsame Frau", eine spritzige Heirat- und Scheidungskomödie in Opernform um den gelackmeierten Morosus. Die Aufführung ist ein Triumph, nicht zuletzt aufgrund eines Orchesters, "das sich in formidabler Verfassung zeigt als Quell sprudelnder Melodien, leitmotivischer Hörnerrufe, glühender Klangräusche, harmonischer Berg-und-Tal-Wanderungen, haarfeiner Anspielungen auf dreihundert Jahre Oper, verborgener und offener Zitate - man kommt beim Hören kaum mit. Dazu die selbstironischen Verweise auf das eigene Werk - 'Elektra', 'Rosenkavalier'. Und welche Lust muss es dem Komponisten bereitet haben, Lärm zu produzieren, denn dieser macht Morosus verrückt. Vor allem hasst er Glocken, welche sofort symphonisch läuten wie ein Gruß von Rachmaninow. Eine markerschütternde Explosion im Orchester erklärt die Aversion: Ein Kanonendonner hat sein Trommelfell zerstört. Vor Schreck fallen alle auf der Bühne um, die etwas genderverwirrten schrägen Vögel inklusive Papagei aus Henrys fahrender Operntruppe."
Jakob Hayner besucht für die Welt Berliner Theateraufführungen abseits des Mainstreams und ist besonders beeindruckt von einer Adaption des Films "Einer flog übers Kuckucksnest", die AufBruch, die Theatertruppe der Justizvollzugsanstalt Plötzensee auf die Bühne bringt. Viele der Schauspieler - Insasssen der Anstalt - haben nie zuvor Theater gespielt. Und doch: "Es ist ein Abend von funkensprühender Komik - und ergreifender Tragik. Man merkt, dass die Schauspieler mit diesem Stück an diesem Ort auch ihr eigenes Leben mit auf die Bühne bringen. Im Publikum fließen Tränen, vor Lachen und Rührung. Unterstützt wird das von der Musik. Abgründig singt Schwester Ratched vom Sandmann - 'Kinder, liebe Kinder, es hat mir Spaß gemacht' - und am Bett des durch eine Lobotomie außer Gefecht gesetzten McMurphy wird der Bach-Choral 'Ach wie nichtig, ach wie flüchtig' angestimmt. Großes Theater."
Weitere Artikel: Ebenfalls im Tagesspiegelporträtiert Sandra Luzina die Theatergruppe "Nico and the Navigators", die ihr 25-jähriges Bestehen feiert. In der nachtkritikschreibt Georg Kasch über Aufführungen von Weihnachtsmärchen mit queeren Untertönen. Hubert Spiegel gratuliert in der FAZ dem Schauspieler André Jung zum Siebzigsten, den er als "funkelnde Eleganz- und Ironieteilchen in den Bühnenraum diffundierenden Zurückhaltungsartist" beschreibt.
Besprochen werden Johan Ingers "Schwanensee"-Inszenierung in der Semperoper Dresden (FAZ), die Adaption des Kinderbuchs "Siri und die Eismeerprinzessin" am Wiener Renaissancetheater (Standard), Harry Kupfers zeitgenössische "Elektra"-Inszenierung an der Wiener Staatsoper (Standard) und eine Bühnenfassung von Michel Friedmans Buch "Fremd" am Staatsheater Hannover (taz).