Das Verfahren gegen den Choreografen Marco Goecke, der die Kritikerin Wiebke Hüster mit Hundekot attackiert und damit "für das Theaterereignis des Jahres gesorgt" hatte, wie Egbert Tholl in der SZbekundet (unser Resümee), wird gegen eine Geldzahlung eingestellt. "Mittelfristig dürfte sein Ausraster seiner Karriere kaum geschadet haben", vermutet Tholl, hätte er damit doch wichtige Diskussionen über die Stellung der Kritik im Kulturbetrieb angestoßen. Hüster eigne in der Schärfe ihrer Besprechungen "durchaus eine Art Alleinstellungsmerkmal." Die Zeitzitiert aus einem Interview, das der Choreograf der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung gegeben hat: "Goecke bereut seine Hundekot-Attacke inzwischen. 'Es ist tragisch, was passiert ist, und auch zu bereuen' (…). Er habe immer versucht, gerade bei der Arbeit ein guter Mensch zu sein. 'Ich bin entsetzt und traurig, dass ich mit einer solchen Tat nun auch Teil des Schlechten bin', sagte er." Eine "mittlere vierstellige Summe" komme nun einem gemeinnützigen Verein für Konfliktschlichtung zu, melden beide Zeitungen übereinstimmend.
Hotel Utopia. Foto: Verena Kathrein. Zu gleichen Teilen beeindruckt, mitgenommen und überfordert ist taz-Kritikerin Amelie Sittenauer von Christiane Mudras interaktivem Theaterstück "Hotel Utopia", das passenderweise, wie sie findet, im THF Tower des alten Flughafens Tempelhof gespielt wird. Die Erfahrungen Geflüchteter, die hier im Zentrum stehen, können aus nächster Nähe nachvollzogen werden: "Beim 'Check-In' wird jede*r Teilnehmer*in mit einem Pass und einer Nationalität ausgestattet, so auch die Autorin dieses Textes, mit jenem von Zahra Naseri. Plötzlich befindet sie sich wie etwa 30 andere Menschen in den Transitzonen des internationalen Grenzsystems, mitten im Dickicht des Behördendschungels zwischen Jobcenter, Bamf, Erstaufnahmeeinrichtung, Botschaft, Integrationskurs und Ausländerbehörde. Anhand ihres afghanischen Passes (Pass-Index Nummer 93) wird sie dort vermessen, befragt und bewertet." Mudra habe hier immens viele Informationen und Erfahrungen verarbeitet, allerdings "wirkt die Inszenierung dadurch teils überfrachtet. Da vermitteln die eigens gemachten Erfahrungen des Publikums mit der bürokratischen Gewalt des Grenzregimes die Thematik viel deutlicher und direkter", wie der Kritikerin ein anderer Besucher zeigt: Er "ist überwältigt von der Akkuratheit der Darstellung. Vor zwölf Jahren floh er selbst aus Afghanistan nach Deutschland: 'Es war genauso. Wir haben tage- und monatelang gewartet.'"
Nachtkritiker Janis El-Bira hält fest: "Eine erschlagende Materialfülle, die zur Banalität des Behördenrundgangs etwas streberhaft draufgesetzt wirkt, vor allem aber den Eindruck einer Ebenenverwechslung erzeugt. Denn die vielen eingeschobenen Exkurse und Frontalunterrichte lassen das Spielelement leicht vertrocknen. Dann vollzieht man im erschöpften Schlangestehen und Stempelsammeln bloß noch symbolisch die Unmenschlichkeit eines Systems nach, das einem hier Mal ums Mal eh unmissverständlich ausexpliziert wird."
Weiteres: Judith von Sternburg (FR) interviewt die Regisseurin Lydia Steier zu ihrer "Aida"-Inszenierung an der Oper Frankfurt.
Für das Van-Magazin unterhält sich Lotte Thaler mit dem Tenor Jonathan Tetelman, der gerade als "Werther" in Robert Carsens Inszenierung von Jules Massenetes Oper in Baden-Baden zu sehen ist. Über Massenets musikalische Darstellung des Werther sagt er folgendes: "Extrem lyrisch! Aber im Text und der Musik steckt so viel Dramatik, dass die Rolle zwischen den Fächern liegt. Die Stimme braucht auch Heroisches, damit der Charakter glaubhaft wird, sie darf weder zu leicht noch zu schwer werden. Dazu kommt, dass der französische Stil dieser Oper von den Regeln des italienischen Belcantos abweicht. Das muss man lernen, um die Rolle korrekt zu singen. Donizetti, Bellini oder Verdi geben dem Tenor nie Rätsel auf, welche Töne offen und geschlossen zu singen sind. Bei Massenet ist das anders: Töne, die im italienischen Repertoire geschlossen, also gedeckt und nobel erklingen sollen, werden im französischen oft offen und hell gesungen."
Weiteres: Shermin Langhoff, Intendatin des Gorki-Theaters, schreibt in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel darüber, wie Berlin sich seine Vielfalt erhalten kann.
Gerald Felber besucht für die FAZ eine Gesprächsrunde des Wiener Richard-Wagner-Verbands unter dem Titel "Regietheater - ein Irrweg?" - allerdings speziell auf Opernregie bezogen. Abgerechnet wurde da, lernen wir, mit einer Generation von Opernmachern, die postmoderne Beliebigkeit mit politischem Sendungsbewusstsein verbinden. Wie aber könnte es jenseits des Regietheaters weitergehen mit der Oper? Vielleicht, so die Sopranistin und Regisseurin Cathrin Chytil, "mit der eigenen Erfahrung einer wirklich kollektiven Inszenierungsarbeit, die dem Team kein vorgefertigtes Konzept präsentiert, sondern von Beginn an alle auf und hinter der Bühne Beteiligten einzubeziehen sucht. Sie hatte darin auch die Zustimmung von Roland Schwab, Regisseur unter anderem des letzten, von Publikum wie Kritik wohlwollend aufgenommenen Bayreuther 'Tristan', der aber auch unterstrich, dass nicht pedantische Buchstabentreue das Korrektiv überzogener inszenatorischer Profilierungssucht sein könne, sondern einzig die Gewinnung von assoziativ-emotionalem Neuland in kundig-liebevoller, sich angesagten Moden verweigernder Annäherung an die Stückautoren und ohne den Anspruch, das Publikum betreuen zu müssen: Räume öffnend und nicht verengend."
In der tazschreibt Mahinur Niyazova über Schamil Dyikanbaew, einen kirgisischen Regisseur, der Bühnenstücke nach Vorlagen des Schriftstellers Tschingis Aitmatow inszeniert. Für den Standardbesucht Stefan Ender eine Aufführung eines Stücks, die die Wiener Staatsoper bereits seit 60. Jahren gibt: Puccinis "La Bohème" in der Inszenierung Franco Zeffirellis. Swantje Karich bewundert in Welt+ die Schauspielerin Edith Clever, die in der Berliner Akademie der Künste für Besucher einer ihr sowie dem belgischen Künstler Luc Tuymans gewidmeten Ausstellung aus einem Botho-Strauss-Text liest.
Besprochen werden Arrigo Boitos Oper "Mefistofele" in der Opera di Roma (nmz), Patty Kom Hamiltons "Schmerz Camp" am Theater Bremen (taz Nord) und die Wagner-Inszenierungen des "Lohengrin" und der "Meistersinger" an der Deutschen Oper Berlin (VAN).
Der Kultursenator von Hamburg und Präsident des Deutschen Bühnenvereins Carsten Brosda unterhält sich im FAZ-Interview mit Sophie Klieeisen über die Reaktionen der Theater auf die Attentate der Hamas. Es sei wichtig, betont er, künstlerischen Institutionen nicht die gleichen Aufgaben zuzuschreiben wie der Politik : "Ich bin zurückhaltend bei der Frage, inwieweit wir nun von den Kunstinstitutionen eine Eindeutigkeit des öffentlichen Bekennens erwarten müssen. Sie können uns schließlich auch helfen, über die Ästhetik Formen zu finden, die uns in die Lage versetzen, gesellschaftlich zum Diskurs zu kommen. Da findet ja tatsächlich eine Kategorienverschiebung der beiden Bereiche statt und damit auch eine Schwächung dessen, was sie jeweils können. Wir haben öffentlich momentan den Hang, von Kulturinstitutionen eine Orientierung der Bevölkerung zu erwarten, für die eigentlich die Politik zuständig ist."
Berthold Seliger hat sich bei den Barocktagen der Staatsoper Berlin drei unterschiedliche Inszenierungen des "Medea"-Stoffes von Euripides angesehen und berichtet begeistert im ND darüber. Die größte Überraschung hielt für ihn die konzertante Aufführung des Melodrams von Georg Anton Benda mit dem Text von Friedrich Wilhelm Gotter bereit: "Bendas 'Medea' ist ein ganz erstaunliches Werk - und hier steht (fast) nur noch Medea im Mittelpunkt. Das Melodram ist eine Art Soloshow für eine Sprecherin als Medea, deren Aussagen von einem Kammerorchester unterstrichen, kommentiert und verstärkt werden."
Weiteres: Kathrin Bettina Müller porträtiert in der taz die Regisseurin Clara Weyde. Jorinde Minna Markert schreibt in der Nachtkritik ein Essay zum Boom des Autofiktionalen an Deutschen Theatern.
Besprochen werden Boris Charmatz Tanzstück "Club Amour" im Tanztheater Wuppertal (taz), Robert Carsens Inszenierung von Jules Massenets Oper "Werther" am Festspielhaus Baden-Baden (FR), Jan Lauwers Inszenierung von Györgi Ligetis Oper "Le Grand Macabre" an der Staatsoper Wien und Vasily Barkhatovs Inszenierung desselben an der Oper Frankfurt (Welt) sowie Trajal Harrells Choreografie "Tambourines" beim Pariser Festival d'automne (FAZ).
Lotte Thaler schmilzt in der FAZ dahin vor Johann Tetelmans Performance des "Werther" in Robert Carsens Inszenierung von Jules Massenets Oper. Wer könnte diesem Mann widerstehen, ruft sie hingerissen. Und auch der Gesang lässt nichts zu Wünschen übrig am Festspielhaus Baden-Baden: "Sogar in den hochdramatischen Passagen im zweiten und dritten Akt verliert seine Stimme weder an Leichtigkeit noch goldenem Schmelz. Tetelman schöpft seine heroischen Spitzentöne vielmehr aus einem ungeahnten Kraftreservoir und lässt sie lange über dem Balthasar-Neumann-Orchester leuchten, als wäre sein Atem unbegrenzt."
Weiteres: Im Tagesspiegelberichtet Uwe Friedrich vom Donizetti Opera Festival in Bergamo. Besprochen werden Philipp Arnolds Adaption von Erich Kästners Großstadtroman "Fabian oder: Der Gang vor die Hunde" im Volkstheater München (nachtkritik, SZ), Gustav Ruebs Inszenierung von Marcel Luxingers Fassung von "Wilhelm Tell" (nachtkritik, FR), K. D. Schmidts Inszenierung von Arthur Sullivans Oper "Die Piraten von Penzance" am Staatstheater Mainz (FR), Anne Habermehls Inszenierung "Frau Schmidt und das Kind aus Charkiw" an den Münchner Kammerspielen (taz, SZ), Benjamin Abel Meirhaeghs Inszenierung von "Death Drive - Everything everyone ever did" an der Volkbühne (taz), in eine Doppelbesprechung Karl Alfred Schreiners Ballett "Peer Gynt" am Staatstheater München und Laurent Hilaires Inzenierung von Angelin Preljocajs Ballett "Le Parc" an der Bayerischen Staatsoper (SZ).
Eine "Einstiegsdroge" für alle, die bisher die Lektüre von Thomas Manns monumentalem Familienepos "Die Buddenbrooks" scheuten , siehtNachtkritiker Tobias Hell in Bastian Krafts Adaption für das Münchner Residenztheater. Ein historisches Setting gibt es hier nicht, merkt Hell an, aber das tut dieser dichten und unterhaltsamen Inszenierung keinen Abbruch:"Stattdessen erzählt Kraft eine zeitlich nicht näher verortete und gerade dadurch überraschend zeitgemäß wirkende Geschichte über die Konflikte zwischen den Generationen und die Entscheidung zwischen Pflichterfüllung und persönlichen Gefühlen." Die Bühne wird dementsprechend auch zum die Zeiten überdauernden Familienalbum, in dem die Abgelichteten allerdings nicht brav in ihren Fotos verweilen wollen, freut sich Kraft: "Peter Baur hat für das intime Ambiente des golden verschnörkelte Cuvilliéstheaters einen gleichermaßen nüchternen wie wandelbaren Bühnenraum entworfen, der von rund zwei Dutzend Bilderrahmen dominiert wird, auf denen Video-Designerin Sophie Lux vielsagende Portraits der Familie auftauchen lässt. Mit trügerischer Idylle inszenierte Schnappschüsse, die hin und wieder sogar zum Leben erwachen, um sich mit fordernden Blicken ins Geschehen zu mischen." In der SZ kann Yvonne Poppek den Enthusiasmus nicht so ganz teilen und findet Inszenierung wie Figuren etwas flach, wie Fotos eben. Eine Ausnahme ist für sie Michael Wächter, der den Thomas gibt: "Wächter kommt auch mit zwei Sätzen aus, um eine Figur zu entwerfen, Betonung, Pause, Geste - präzise setzt er die Mittel ein, explodiert in der einen Sekunde, platziert in der anderen nur ätzend das Wort 'so'."
Weiteres: In Bilder und Zeiten der FAZ liest Gerhard Stadelmeier noch einmal Lessings "Nathan der Weise" und kann nur feststellen, wie aktuell dessen humanistische Botschaft immer noch ist: "Man stelle sich vor, man schriebe den 7. Oktober 2023 und einer der muslimischen Palästinenser, die in Gestalt der Hamas-Terroristen über Juden herfallen und 1200 von ihnen töten, schänden, vergewaltigen, massakrieren, einer nur von ihnen fände ein Baby vor, das er nun, obwohl es zu einer anderen, von ihm abgrundtief gehassten Ethnie, Rasse, Religion, was auch immer, gehört, eben nicht zerstückelt und es den Video-Handys zum triumphalen Bilderfraß vorwirft. Und dieser eine, 'denn gnug, es ist ein Mensch', verschonte das Baby und verschonte die anderen auch, die da tanzten, tranken, rauchten, sangen, Musik hörten und einfach nur leben wollten. Dieser eine wenigstens könnte sich einreihen in die stummen 'allerseitigen Umarmungen' am Ende des Dramatischen Gedichts."
Besprochen werden Abel Meirhaeghes Inszenierung "Death Drive" an der Berliner Volkbühne (eine "skurrile Schöpfungsgeschichte", die sich laut Nachtkritikerin Simon Kaempf trotz vieler guter Einfälle "nicht zu Höhen aufschwingen vermag", Christine Wahl schildert die Aufführung im Tagesspiegel als "naiven Spaß" fühlt sich aber trotzdem gut unterhalten.) und Boris Charmatz Tanzstück "Club Amour" im Tanztheater Wuppertal (FAZ) und Karin Baiers Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs fünfteiligem Theaterstück "Anthropolis" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (Welt am Sonntag).
"Carmen" am Staatstheater Kassel. Foto: Sebastian Hannak. Eine neue immersive Bühne gibt es im Staatstheater Kassel zu entdecken, freut sich Regine Müller in der taz, die diese Art von Theatererlebnis bei dem Intendant Florian Lutz schon zu schätzen gelernt hat. In der "Antipolis" kann sie "Carmen" sehen - oder besser erleben: "Hat man eine Karte im Bereich 'Antipolis' gebucht, geht man durch den Backstagebereich zur Bühne, zunächst in einen muffigen Raum, wo man vom 'Verfassungsdienst' empfangen und instruiert und zur Spionage in der revolutionär unterwanderten Fabrik aufgefordert wird. Dann darf man auf die Bühne, muss einen blauen Kittel anziehen und ein Haarnetz aufsetzen, denn nun mischt sich das Publikum mit dem Chor und Extrachor in jener Zigarettenfabrik, in der auch die aufmüpfige Carmen arbeitet." Und das gelingt: "Florian Lutz erzählt unverschnörkelt und mit viel Sinn für Situationskomik die Geschichte von Freiheitsliebe, Aufbegehren, Eifersucht und Lebensgier im Milieu von Kleinkriminellen. Dabei geht es lustig zu auf der Bühne, zur Party werden (alkoholfreier) Sekt und Bier gereicht, man darf auch mitschwofen, und die Nähe zu den aufgekratzt spielfreudigen Akteuren macht tatsächlich Spaß, der den musikalischen Substanzverlust durch das weit entfernte Orchester verschmerzen lässt."
Eine "orchestrale Psychoanalyse" erlebt Jan Brachmann in der FAZ im Schlosstheater Potsdam mit den Opern "Blond Eckbert" von Judith Weir und "Acis und Galatea" von Georg Friedrich Händel, die unter der musikalischen Leitung von Justin Doyle zusammen aufgeführt werden: "Der schön timbrierte, farblich schillernde Sopran von Aoife Miskelly als Vogel lockt einen leicht in die Geschichte. Dominik Köninger singt den Eckbert irre und verstört, oft mit nicht genau bestimmbaren Tonhöhen. Heather Lowe legt die Berthe zurückhaltend, fast matt an. Offensiver, wenn auch nicht gespenstisch, agiert Oliver Johnston in der Wiedergängerrolle als Walther, Hugo und alte Frau. Wer die Geschichte nicht kennt und die Übertitel nicht mitlesen kann, wird Schwierigkeiten haben zu folgen. Wer vorbereitet kommt, kann sie aber durchaus genießen, vor allem dank der psychomusikalischen Manipulation, deren Technik Doyle und die Kammerakademie Potsdam gekonnt handhaben." Das ist noch nicht ganz ausgewogen, aber im Ganzen doch recht kurzweilig, befindet der Kritiker: "So ganz erschließt sich auch nicht, warum überwiegend englischsprachige Sänger die deutsche Textfassung des Händel-Enthusiasten und Mozart-Mäzens Gottfried van Swieten singen müssen. Die Textverständlichkeit leidet erheblich darunter. Aber die Liebe zwischen Nymphe und Schäfer wird von Katharina Ruckgaber als Galatea und Sam Furness als Acis ebenso leidenschaftlich wie geschmackvoll ausgespielt."
Besprochen werden: Das Theaterfestival "Ein Stück: Tschechien" im Berliner Theater unterm Dach (FAZ) und "Symmetrie" von Nils Corte und Philipp Löhle am Staatstheater Nürnberg (SZ).
Peter Kümmel schaut sich für die ZeitLuk Percevals Adaption von Orwells "1984" im Berliner Ensemble und Robert Thalheimers Inszenierung von Kafkas "Der Prozess" im Hamburger Thalia Theater an. Während der Thalheimer-Prozess den Kritiker eher kalt lässt, hat Percevals Orwell ein überzeugendes Konzept: "Die vier Schauspieler, die sich die Rolle des 1984-Protagonisten Winston Smith teilen, drängen sich in einem spitzwinkligen, verspiegelten Raum in der Form eines liegenden V (Bühne: Philip Bußmann). Es sind gehetzte, geduckte, blasse, kahle, Brillen tragende, in grauen Anzügen steckende Männer der Masse, wie sie ähnlich in Trickfilmen zu sehen sind, wenn Rushhour-Szenen gezeigt werden. In der Enge ihrer Bühne wirken sie nun, doppelt und dreifach reflektiert, wie eine wimmelnde, vielarmige, seeanemonenhafte Kreatur, die sich dehnt und zusammenzieht in einer ständigen Bewegung des Ausweichens. Dass es vier Männer sind, die sich eine Rolle, einen Text teilen, ist eine willkürliche, nicht weiter begründbare Entscheidung: Es würde qualitativ nichts ändern, wenn es acht oder 16 wären."
Weitere Artikel: Anna Schors unterhält sich in VAN mit Anna Weber, Regisseurin einer "Carmen"-Inszenierung am Mecklenburgischen Staatstheater.
Magdalena Kožená als Medea an der Staatsoper unter den Linden. Foto: Ruth Walz. Eine "Feier der Textdetails, Zartheiten und Gespinste" erlebt SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck mit Peter Sellars Inszenierung der "Médée" an der Staatsoper Unter den Linden. Eine hochkarätige Truppe sieht Brembeck hier versammelt: Simon Rattle dirigiert, das Bühnenbild hat der berühmte Architekt Frank Gehry entworfen. Sellars hat Marc-Antoine Charpentiers Barockoper als modernes Stück über das Leid von Geflüchteten inszeniert, so der Kritiker. Das funktioniert nicht immer gut, findet er, aber Magdalena Kožená als Medea lässt ihn das vergessen: "Während der Jason des Reinoud Van Mechelen mit Siegerstrahlemachotenor seine neue Frau hemmungslos anbaggert und deren Vater Créon mit seiner Militärpotenz betört, ist Magdalena Kožená sanft, verhalten, geradezu unterwürfig. Koženás Stimme verkriecht sich, sie verbietet sich die alte Leidenschaft, mit der sie einst Jason gewonnen hatte. Diese Appeasement-Taktik kann nicht aufgehen, sie tut es auch hier nicht. Darauf zeigt Magdalena Kožená die andere Seite der Medea, die ganz Grausamkeit ist, Harmagedon und Weltumsturz. Wovon andere Frauen in ihrem Liebesleid nur träumen können, das kann Médée Wirklichkeit werden lassen. Denn sie ist gelernte Zauberin, die schlimmsten Mächte der Jenseitswelt gehorchen ihr aufs Wort." Peter Sellars Inszenierungen haben ihre besten Zeiten hinter sich, findet hingegen Manuel Brug in der Welt: "seine hermetischrituellen, kühlstilisierten Arrangements ... sind doch inzwischen ziemlich gestrig."
Weiteres: Eleonore Büning stellt in der NZZ fest, dass der zu Lebzeiten auch durch seine Zusammenarbeit mit Stanley Kubrick sehr bekannte Komponist György Ligeti, der dieses Jahr seinen einhundertsten Geburtstag gefeiert hätte, weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Er ist nicht der einzige, meint Büning: "Es ist, als habe sich die Musik des 20. Jahrhunderts, die bis vor kurzem noch als Lackmus-Indikator für Zeitgenossenschaft galt, von Letzterer verabschiedet. Oder umgekehrt: Zeitgenossenschaft ist keine Kategorie mehr für den Musikbetrieb. Eine Inventarisierung hat dort stattgefunden, ein Rückzug aus der Gegenwart zeichnet sich ab."
Besprochen werden Leonard Koppelmans Inszenierung "Die Weihnachtsfeier" im Renaissance-Theater Berlin (tsp), Moritz Ostruschnjaks Choreografie "Trailerpark" am Staatstheater Mainz (FR) und Luke Percevals Adaption von George Orwells Roman "1984" im Berliner Ensemble (SZ).
Ins "Herz der Familienfinsternis" reistNachtkritiker Christian Rakow in Falk Richters Stück "The Silence" an der Schaubühne Berlin. An diesem für den Kritiker sehr eindrücklichen Abend geht es um alles, was nicht gesagt wurde. Falk lässt hier sein schwieriges Aufwachsen Revue passieren, mit einem Vater, der nie darüber spricht, was ihm als Soldat im Zweiten Weltkrieg passierte und einer Mutter, die nicht zuhört. Als schwuler Jugendlicher wird er zusammengeschlagen, darüber reden kann er nicht, weiß Rakow. Diesen "poetischen Gang in die Vergangenheit" tritt auf der Bühne der Schauspieler Dimitrij Schaad an und überzeugt den Kritiker dabei vollkommen: "Dimitrij Schaad als Falk Richter navigiert durch all das mit bestechender Klarheit und sagenhafter Balance: zartbitter im Humor, zurückgenommen in allem Traurigen und Ungereimten, locker den Mantel des Metakommentars reichend, falls doch mal Seelenstriptease droht. Er rahmt die Videos mit dem Erzähltext Richters und mit kleineren Szenen, wenn Richter mit aktuellen oder früheren Geliebten telefoniert oder von einer Therapeutin gecoacht wird." Auch Rüdiger Schaper schreibt bewegt im Tagesspiegel: "Tief beeindruckt die Szene, in der er dem Vater eine Rede in den Mund legt, die der Sohn gern gehört und die dem Vater vielleicht gutgetan hätte. Aber der hatte die entsetzlichen Kriegserlebnisse tief verschlossen und um seine Seele einen Anker gelegt, der ihn hinabzog."
Momo nach Michael Ende / Regie: Christina Rast / Tanja Merlin Graf Foto: Robert Schittko Michael Endes Geschichte von Momo wird nie alt werden, da ist sich FR-Kritikerin Sylvia Staude nach dem Besuch von Christina Rasts Adaption des Buches von 1973 am Schauspiel Frankfurt sicher. Zumindest nicht, solange es die Zeit gibt, so Staude, denn die wollen ihr ja die "Grauen Herren" bekanntermaßen stehlen: "Diese Momo hat himmelblaue Haare und wohnt in einem seltsamen Iglu, der aus Sperrmüll gebaut zu sein scheint (Bühne: Franziska Rast). Drumrum ragt ein großes altes Amphitheater in den Himmel - und schon beginnt eine Geschichte, wonach in diesem Amphitheater einst ein Goldfisch schwamm, der sich aber als Wal entpuppte und einfach nicht golden werden wollte. Eine Pleite. Allerdings kommen Touristen mit Regenbogenhaaren, die sich von Fremdenführer Gigi alles erklären lassen - um dann noch schnell ein Selfie zu machen, was 1973 noch nicht möglich war."
Besprochen werden Tobias Kratzers Inszenierung von Jaromir Weinbergers Oper "Schwanda, der Dudelsackpfeifer" am Musiktheater an der Wien (Welt), Philipp Stölzls Inszenierung des Musiktheaterstücks "Andersens Erzählungen" im Münchner Residenztheater (FAZ), Peter Sellars Inszenierung von Marc-Antoine Charpentiers Oper "Médée" bei den Berliner Barocktagen an der Staatsoper Berlin (nmz, taz) und Lukasz Twarkowskis Inszenierung von "WoW-Word on Wirecard" an den Münchner Kammerspielen (SZ, nachtkritik).