Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2021 - Bühne

Im Pandaemonium: Alban Bergs "Wozzeck" am Staatstheater Kassel. Foto: N. Klinger

Ein Musiktheater der Zukunft hat SZ-Kritiker Egbert Tholl mit Florian Lutz' Eröffnungspremiere am Staatstheater Kassel mit Alban Bergs "Wozzeck" erlebt. Die ZuschauerInenn saßen nicht im Parkett, sondern im Pandaemonium, einer Raumbühne: "Im Geschehen, irgendwo in dem spektakulären, mehrgeschossigen Stahlgestänge, mit dem Sebastian Hannak den Bühnenraum gefüllt hat, die Seitenbühnen und die Hinterbühne, um das Portal herum und auch ein bisschen in den 'normalen' Zuschauerraum ragend. Unter einem, auf dem leicht terrassierten Boden der Bühne, sitzt das Staatsorchester Kassel, weit aufgefächert, und Francesco Angelico dirigiert es mit so bei diesem Stück noch nie erlebter Poesie. Alban Bergs 'Wozzeck', per se schon ein Schrei nach Humanität, wird hier zu einem ganz neuem Erlebnis, weil man im Klang sitzt, der den Raum ausfüllt, weil man wirklich jedes einzelne Instrument orten kann und man so ganz unmittelbar erfährt, was die Arbeit eines großen Orchesters ja immer ist: ein Gesamtergebnis hergestellt von vielen Individuen."

Besprochen wird Marie Bues' Inszenierung von Thomas Köcks "Klimatrilogie" am Schauspiel Hannover (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2021 - Bühne

Mehr vom Mehr: Sivan Ben Yishais "Like Lovers Do". Foto: Krafft Angerer / Kammerspiele

Schier vom Sitz reißt es taz-Kritikerin Johanna Schmeller in Pinar Karabuluts Inszenierung von Sivan Ben Yishais "Like Lovers do - Memoiren der Medusa", so fertig und so begeistert ist sie nach dieser Hölle einer Missbrauchsfantasie in den Münchner Kammerspielen: "Dabei lotet Sivan Ben Yishai die Grenzen der Sprache in einer Weise aus, die Medien, sozialen Netzwerken und selbst Filmen üblicherweise verboten ist und die in dieser Härte und Unmittelbarkeit dem Theater vorbehalten bleibt. Mehr wird an diesem Abend mehr: Mehr Schmerz, mehr Furor, mehr Angst, mehr Gefühl werden unterstützt durch fast durchgehend brüllende, singende oder greinende Schauspieler. Mehr grelle Farben, flackerndes Licht, ein Ufo, das sich - natürlich im Trockennebel - auf die Bühne senkt, ein Finale als Luftperformance (Bühnenbild: Michela Flück). Ein Tümpel, in dem Blut oder Sperma rot blubbernd kocht und in den die Figuren kopfüber abstürzen."

Besprochen werden Robert Borgmanns Inszenierung "Passion I und II" nach Bulgakows "Der Meister und Margarita" in Bochum (SZ) und Barbara Freys bereits bei der Ruhrtirennale gezeigte Inszenierung von Edgar Allen Poes "Untergang des Hauses Usher" am Wiener Burgtheater (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2021 - Bühne

Angélica Liddell beim FIND Festival. Foto: Christophe Raynaud de Lage/Schaubühne

So begeistert wie ergriffen zeigt sich Barbara Behrendt in der taz von Angélica Liddells radikaler Performance beim FIND-Festival an der Berliner Schaubühne, bei ZuschauerInnen ohnmächtig aus der Schaubühne getragen werden musste, wie Behrendt berichtet: "Liddell beschwört die Theokratie, die überrationalisierte Welt habe die Menschen zu Idioten gemacht. Ihre Worte sind voller Poesie und Furor ... Ihr Ziel ist nicht Provokation - und doch darf man sich von der zweiten Festivaleinladung provoziert fühlen: 'The Scarlett Letter' spielt auf Nathaniel Hawthornes Roman an, der die Prüderie der Gesellschaft um 1850 beklagt. Die Inszenierung ist nicht deshalb provokant, weil einer der zehn nackten Männer der Performerin demonstrativ einen Finger in die Vagina schiebt oder sie den Penis eines anderen genussvoll in den Mund nimmt. Sondern weil Liddell das Loblied auf den Mann als solchen singt, dem sie bis in alle Ewigkeit die Füße küssen möchte."

In der SZ betont Peter Laudenbach, dass Europas wütendste Theaterkünstlerin in der Tiefe ihrer Seele eine Moralistin sei: "Liddell steigert sich in einen immer aberwitzigeren Furor, in dem sie von wohlerzogenen französischen Schulmädchen (die sie auf der Bühne am liebsten 'von unten bis oben aufschlitzen' würde) bis zum laizistischen Staat so ziemlich alles zum Teufel wünscht und sich zu reaktionär schillernden Anti-Utopien versteigt ('Ich fordere eine Theokratie'). Das hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den Hasstiraden des Übertreibungskünstlers Thomas Bernhard und ist bei allem durchaus ernst gemeinten Hass immer wieder genauso komisch wie Bernhards Ausfälle." In der Nachtkritik verehrt Gabi Hift Liddell eher als "Hohepriesterin der bildschönen Theaterverstörung".

Besprochen werden außerdem Sivan Ben Yishais neues Stück "Like Lovers Do" an den Münchner Kammerspielen (SZ, Nachtkritik), das Radar Ost Festival am Deutschen Theater Berlin (Nachtkritik), "Victor/Victoria" am Staatstheater Main (FR), Alban Bergs "Wozzeck" am Staatstheater Kassel (FR), der letzte Teil von Hilary Mantels Trilogie um Thomas Cromwell an der Royal Shakespeare Company (FAZ) und der letzte teil von Hakan Savaş Micans Berlin-Trilogie "Berlin Karl Marx Platz" an der Neuköllner Oper (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2021 - Bühne

Bild: Edouard Louis. Wer hat meinen Vater umgebracht? Schaubühne Berlin. Foto: Jean-Louis Fernandez.

Die schwierige Aufgabe sich selbst zu spielen, meistert Edouard Louis in Thomas Ostermeiers Inszenierung von des Louis-Romans "Wer hat meinen Vater umgebracht?" bravourös, findet die bewegte Nachtkritikerin Gabi Hift: "Édouard Louis verwandelt sich vom verletzten Kind in einen Ankläger, der sich zum Rächer der Menschen erklärt, die ihm die Kindheit zur Hölle gemacht haben. Das ist auf dem Papier etwas zweifelhaft. In der Inszenierung funktioniert es aber großartig. Es ist nämlich nicht der erwachsene Édouard Louis, der zum Rächer wird. Es ist das Kind, das sich ein Superheldenkostüm wie vom Fasching anzieht - Cape und Maske - und Fotos der Männer an eine Wäscheleine hängt, die seinen Vater fertiggemacht haben (und damit mittelbar auch ihn): Chirac, Sarkozy, Hollande, Macron. Der Superheld verliest ihre Untaten und beschießt die Bilder mit Sylvesterkrachern."

So recht kann Mateja Koležnik die Theaterkritiker am Berliner Ensemble mit ihrer Inszenierung der "Hexenjagd", jenem Stück über die Hexenverfolgung in New England im 17. Jahrhundert, das Arthur Miller vor dem Hintergrund der McCarthy-Ära schrieb, nicht erreichen. Nachtkritiker Michael Wolf mangelt es etwa an Aktualität: "Welcher spezifische Faschismus hier am Werke ist, welche Ideologie unserer Zeit da grassieren soll, bleibt im Dunkeln." Rüdiger Schaper erkennt zwar im Tagesspiegel mit dem Hinweis auf Fake News und Verschwörungstheorien durchaus Aktualitätsbezüge, hat aber ein anderes Problem: "Mateja Koležnik hat eine Idee, die auf den ersten Blick bestechend wirkt, sich aber als fatal erweist. Sie verlegt große Teile der Story in einen hinteren Raum, halb Turnhalle, halb Gerichtssaal - für das Publikum kaum einsehbar." In der FAZ behält auch Simon Strauss nur einzelne Bilder im Gedächtnis: "Wie gekonnt diese Mädchen ihre Hysterie vorspielen, mit jener Mischung aus lolitahafter Erotik und zelotischem Wahn, das treibt einem die Angst in die Knochen. Da denkt man an die Kinderkreuzzüge."

Besprochen werden Stephanie van Batums Inszenierung von William Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" am Staatstheater Mainz (nachtkritik), Robert Borgmanns Inszenierung "Passion I und II" nach Meister und Margarita von Michael Bulgakow und Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion am Schauspielhaus Bochum (nachtkritik), Volker Löschs "Stadt der Arbeit" im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen (nachtkritik) und Jan Lauwers' Inszenierung der Monteverdi-Oper "L'incoronazione di Poppea" an der Wiener Staatsoper (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2021 - Bühne

Besprochen werden Sebastian Nüblings Inszenierung von Sibylle Bergs "GRM Brainfuck" am Hamburger Thalia Theater (taz) und Leandro Kees' Stück "Apokalypse Resistance Training" am Theaterhaus Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2021 - Bühne

Bild: Edouard Louis. Wer hat meinen Vater umgebracht? Schaubühne Berlin. Foto: Jean-Louis Fernandez.

Edouard Louis' Texte werden auf deutschen Bühnen rauf und runter gespielt, aktuell rezitiert Louis den Monolog aus "Wer hat meinen Vater umgebracht" an der Berliner Schaubühne. Aber weshalb ist Louis im Ausland so beliebt und in Frankreich so "verhasst", fragt Kevin Hanschke in der FAZ den Autor: "Um ihn selbst gehe es ihm dabei nicht, sagt Louis, vielmehr wolle er dadurch seinen Eltern eine Stimme geben. Denn: 'Die politische Aussage ist wichtiger als persönliche Befindlichkeiten.' Seine Stimme hebt sich. Wiederholt benutzt er den Begriff der 'dominierenden Klasse', darunter verstehe er die Schichten, die über jene Druck ausüben, die nicht Teil ihrer Gemeinschaft sind. 'Macron redet andauernd über arme Menschen. Sie müssen sich mehr anstrengen, mehr arbeiten, mehr kämpfen.' Es gibt seiner Meinung nach in der französischen Öffentlichkeit eine regelrechte 'Obsession' , arme Menschen im öffentlichen Diskurs zu diskreditieren und ihnen die politische Meinungsfähigkeit abzusprechen."

Die Regierung Macron "zerstört" die Armen, ergänzt Edouard Louis im Freitag-Gespräch mit Christine Käppeler: "Ich will linke Denker erschaffen, ich will linke Kämpfer erschaffen, eine Crowd, die es noch nicht gibt."

Außerdem: Eine "seiner besten Inszenierungen" nennt Martin Krumbholz in der SZ Armin Petras' Adaption von Eugen Ruges Roman "Metropol" am Schauspiel Köln: Wie Armin Petras mit einem wunderbaren Ensemble die Ängste und Hoffnungen einer Handvoll Deutscher, gefangen in der Falle einer zerrinnenden Illusion, anschaulich werden lässt, ist unbedingt sehenswert."
Besprochen wird Katja Lehmanns Inszenierung des zweiten Teils von Virginie Despentes "Vernon Subutex" am Frankfurter Stalburg Theater (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2021 - Bühne

Wilde Frauen: Medea (Sarah Sandeh) und Akama (Sina Kießling). Foto: Thorsten Wulff / Staatstheater Karlsruhe 

SZ-Kritiker richtet hohe Erwartungen an die Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann, die an neuen Leitungsstrukturen für die Bühnen arbeitet und am Staatstheater gerade Christa Wolfs "Medea" inszeniert hat - als Gefangene eines Systems: "Sie, Medea, kennt die Geheimnisse der Städte, egal ob Kolchis oder Korinth, sie kennt die Abgründe deren Herrscher, die ihre Macht auf der Ermordung der eigenen Kinder bauten. In dieser Medea gerinnen Jahrtausende eines Mythos, und nun sitzt Sarah Sandeh da, die diese Medea mit rauer Emotionalität, mit Liebe und Stolz füllt, Glutofen einer selbstbewussten Frau: 'Ich bin keine junge Frau mehr, aber wild noch immer, das sagen die Korinther, für die ist eine Frau wild, wenn sie auf ihrem Kopf besteht.'"

Besprochen werden Demis Volpis Tanzdrama "Geschlossene Spiele" in Düsseldorf (SZ) und Barrie Koskys Inszenierung von Brechts/Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" an der Komischen Oper (die Niklaus Hablützel in der taz vor allem musikalisch wunderbar findet).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.10.2021 - Bühne

Alexander Zelgins Stück "Love" beim Find-Festival an der Schaubühne. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Ein großes Fenster zur Welt tat sich SZ-Kritiker Peter Laudenbach auf dem Festival Internationaler Neuer Dramatik (FIND) in Berlin auf. Geradezu umgehauen hat ihn das Stück "Love" des britischen Dramatikers Alexander Zeldin, das Laudenbach als "Theater der nüchternen Empathie" empfiehlt: "Die Szenerie könnte nicht trostloser sein: der Flur eines Übergangswohnheims des Sozialamts mit schäbiger Gemeinschaftsküche und einer einzigen Toilette für die acht Bewohner in ihren engen Zimmern. Eine vierköpfige Familie, ein Mann mit seiner alten Mutter, ein scheuer Syrer mit verkrüppeltem Bein, eine alleinstehende Frau, die nur lacht, wenn sie am Handy mit ihren Kindern spricht. Zeldin macht nicht mehr, als diesen Menschen dabei zuzusehen, wie sie Reste von Würde und Hoffnung zu bewahren versuchen. Vorsichtige Gesten der Annäherung wechseln mit Abgrenzung, weil man sich mit den anderen Abgerutschten nicht gemein machen will. Die Bitterkeit entlädt sich in hilflosen Wutausbrüchen nach Bittgängen zu den Ämtern."

Wie in einem Schaumbad fühlte sich taz-Kritikerin Katrin Ullman in Bonn Parks Stück "Die Räuber der Herzen" am Hamburger Schauspielhaus, das Schillers Klassiker mit Steven Soderberghs "Ocean's Eleven" kreuzt. Klar wird's ein bisschen langweilig, aber angenehm: "Völlig unbekümmert schreibt und inszeniert Bonn Park, der zum ersten Mal in Hamburg arbeitet, sein 'Räuber'-Stück nicht um der Handlung willen. Ihm geht es um gute Gefühle und schöne Stimmungen. Er will, wie er im Programmheft sagt, dieses wütende Schiller-Stück, 'dieses Reclam-Heft, in die Hand nehmen und es liebevoll streicheln'."

Besprochen werden Mozarts "Così fan tutte" an der Staatsoper Berlin ("So müde klang Mozart lange nicht mehr", winkt Helmut Mauró nach dieser "klamaukigen" Inszenierung in der SZ ab, Tsp, Blz, FAZ), Hanoch Levins "Krum" am Hamburger Thalia-Theater (SZ), Schillers "Wallenstein" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Sara Ostertags Bühnenfassung von Thomas Manns "Zauberberg" in St. Pölten (Standard) und Robert Hunger-Bühlers Soloabend mit Yasmina Rezas "Anne-Marie die Schönheit" in Freiburg (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.10.2021 - Bühne

Nadja Mchantaf als Jenny Hill. Foto: Iko Freese / Komische Oper

Zum Auftakt seiner letzten Saison an der Komischen Oper inszeniert Barrie Kosky Bertolt Brechts und Kurt Weills Goldgräberdrama "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". Im Tagesspiegel findet Frederik Hanssen diese Inszenierung meisterlich und von höchster Intensität: "Schrill und krachledern wird Weills Werk normalerweise auf die Bühne gebracht, als Zerrbild des american way of life mit jeder Menge meist missratenem Mummenschanz. Barrie Kosky geht einen anderen Weg: Er lässt alles weg, das Groteske wie auch die Ausstattungsorgie, und fokussiert sich ganz auf die biblischen Konnotationen, die er bei Brecht findet. Alttestamentarisch ist für ihn der erste Akt, ein neues Sodom und Gomorra, mit Hurrikane und Taifun als Plagen, den zweiten Akt sieht er als Variante der Passionsgeschichte, wenn Jim von jenen verleugnet wird, die ihm nahestehen, und kurz vor seinem Tod ein christusgleiches "mich dürstet" ausspricht. Kosky betont, dass Arnold Schönbergs 'Moses und Aron' zeitgleich entstanden ist. Schon als Teenager haben ihn beide Stücke berührt, als Parabeln, als tiefernstes Moralitäten-Theater."

Tilman Krause möchte in der Welt eher nicht auf die Knie gehen, zumal er Brechts Kapitalismussatire ohnehin nur wegen Weills cooler Musik ertragen kann: "So erstarrt in Ehrfurcht vor der hoffnungslosen Message dieses Stückes, dass dem Menschen auf dieser Welt, so wie sie ist, nicht mehr geholfen werden kann, hat man 'Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny' selten gesehen. Auch nicht so brutal. Jim Mahoney, zugleich Held und Antiheld, erlebt am Schluss des Stückes nicht den gnädigen Tod auf dem elektrischen Stuhl, den Brecht/Weill ursprünglich vorsahen. Er wird vielmehr als Blutopfer des Kapitalismus durch Messerstiche aller Darsteller, auch der Darstellerinnen, so zugerichtet, dass da am Ende nur noch ein Bündel Fleisch liegt. Dazu wird das oratorienhafte Aufrauschen im Orchestergraben, kräftig unterstützt vom Trommelwirbel, noch künstlich akustisch gesteigert. Das ist so peinvoll, dass in der Premiere eine empfindsame Seele vom Rang herunter ihrer Not in einem 'Alles Scheiße'-Schrei meinte Luft machen zu müssen. Prompt kam aus dem Parkett, ebenfalls gut berlinisch, ein derbes 'Schnauze!' zurück."

Weiteres: Wirklich großartig findet Verena Harzer in der taz die Oper "Fire Shut Up in My Bones" von Terence Blanchard, mit der die New Yorker Met zum ersten Mal überhaupt das Stück eines schwarzes Komponisten zeigte (mehr hier). Dass sich die Met um mehr Diversität bemüht, erklärt sich Harzer aber auch aus dem Niedergang der wachsenden Not der gegen sinkende Einnahmen und Besucherzahlen kämpfenden Institution.Sonja Zekri besucht für die SZ Themis, die Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in Theater, Film und Fernsehen, die auch während des Corona-Lockdowns viel zu tun hatte. In der FAZ gratuliert Herbert Grönemeyer dem Theatermann Robert Wilson zum Achtzigsten.

Besprochen werden René Polleschs neues Stück "Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer" an der Berliner Volksbühne (dessen Banalität bei Welt-Kritiker den Verdacht aufkommen lässt, es klemmt bei Pollesch oder dem neuen Leitungskollektiv), Crystal Pites elektrisierende Choreografie "Angels' Atlas" am Opernhaus Zürich (NZZ), Kornél Mundruczós Inszenierung von Hanoch Levins "Krum" am Hamburger Thalia Theater (Nachtkritik), Kris Defoorts Oper "The Time of our Singing" nach Richard Powers' gleichnamigem Roman an der Brüsseler Opéra de la Monnaie (SZ), Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Corneilles "Spiel der Illusionen" am Nürnberger Staatstheater (SZ), Marc Beckers Komödie "Der Fall Nitribitt - gelöst!" an der Volksbühne Frankfurt (FR), Der Abend "Der Himmel über meinem Kopf" mit der AMP Dance Company im Frankfurter Gallus-Theater (FR), Wiener Inszenierungen von Claus Paymann, Simon Stone und Kay Voges (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2021 - Bühne

Szene aus "Outside". Foto: Ira Polar


In Berlin hat das FIND Festival 2021 an der Berliner Schaubühne eröffnet mit "Outside", Kirill Serebrennikows Hommage an Ren Hang, und "Love", einem Londoner Gastspiel von Alexander Zeldin. In der nachtkritik ist Sophie Diesselhorst trotz aller Sympathie leicht enttäuscht von Serebrennikows Stück. Zusammenarbeiten konnten der russische Theatermacher und der chinesische Fotograf nie (Ren Hang nahm sich 2017 das Leben) also stellt sich Serebrennikow eine Begegnung einfach vor, "indem er sich und Ren jeweils ein Alter Ego gibt. Die beiden tauschen sich aus über verschiedene Arten der Isolation - die psychische sowie die, zu der Serebrennikow durch den Hausarrest nach einer politisch motivierten Anklage wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder von August 2017 bis April 2019 verbannt war. ... Ren wurde in China wiederholt festgenommen mit dem Vorwurf, seine Bilder seien pornografisch. Auch er wurde also als Künstler von einem repressiven Regime unter Druck gesetzt, aber eine wirklich große Rolle spielt das nicht in 'Outside'. Auch seine eigene Situation im Hausarrest in Moskau biegt Serebrennikow weniger auf die Rolle des verfolgten Künstlers hin als vielmehr auf die Sehnsucht nach den Freiheiten, die er entbehren muss" und die er durch Nachstellen der Bilder Rens simuliert. Das ist anrührend, findet Diesselhorst, aber verliert auch bald seine Spannung.

Besprochen werden außerdem Heike M. Goetzes Inszenierung des "King Lear" am Luzerner Theater (nachtkritik) und René Polleschs "Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik).