Szene aus "Siegfried". Foto: Monika Rittershaus Mit dem "Siegfried" geht Dmitri Tcherniakovs "Ring des Nibelungen" an der Berliner Staatsoper in die dritte Runde (Unsere Resümees), und so recht weiß Udo Badelt im Tagesspiegel immer noch nicht, wohin Tcherniakov mit seiner Inszenierung eigentlich will. Wie auch immer, Christian Thielemann brilliert: "Kaum ein lebender Dirigent dürfte mit Wagners Partituren so vertraut sein, sie so inspiriert zum Leben erwecken wie Thielemann. Am Donnerstag in der Staatsoper scheint er sich eine spezielle Dramaturgie zurechtgelegt zu haben: Alle Details mit feingespannter Aufmerksamkeit auszuspinnen, doch so gedämpft, dass der Klang immer erst am Ende eines Aufzugs richtig hochfährt und zu voller Pracht aufblüht. Wenigstens dann bietet die Musik jene Üppigkeit, die die Szene verweigert."
Für den Tagesspiegel+ streift Rüdiger Schaper durch Tiflis, vorbei an "Fuck Russians" und "No Russians welcome - good or bad"-Graffitis, und mit dem Ziel das Internationale Theaterfestival "Georgian Showcase" aufzusuchen, wo neben den alten Griechen, Heiner Müller auch nach wie vor Russen gespielt werden: "Aber nur Klassiker, nichts Zeitgenössisches oder Sowjetisches. Am Marjanishvili Theater gibt es auch Dostojewskis 'Schuld und Sühne'. Das Neue Theater begeistert das Publikum - fast alle Vorstellungen beim Show Case sind voll - mit einer leidenschaftlich interpretierten 'Möwe' von Tschechow. Vier Stunden Gefühlsathletik, mit reichlich Handy- und Videoeinsatz. Eindeutig der Einfluss von Frank Castorf und der Volksbühne, dort begann vor 25 Jahren die schöne neue Videowelt."
Besprochen werden Nicoleta Esinencus "Sinfonie des Fortschritts" beim Festival Politik im Freien Theater in Frankfurt (FR), Piet Baumgartners und Julia Reicherts Stück "EWS - Der einzige Politthriller der Schweiz" am Zürcher Theater Neumarkt (nachtkritik, NZZ), Camille Dagens Inszenierung von Uwe Johnsons "Mutmaßungen über Jakob" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik) und Christina Tscharyiskis Inszenierung von Stefanie Sargnagels "HEIL. Eine energetische Reinigung" am Wiener Rabenhof Theater (Standard, nachtkritik).
Szene aus "Macbeth". Foto: Lalo Jodlbauer Mit "Macbeth" bringt Karin Henkel nach ihrem Erfolgsstück "Richard the Kid & the King" erneut einen Shakespeare auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses - und Nachtkritiker Falk Schreiber ist angetan: "Auf grausame Weise humorvoll" erscheint ihm die Inszenierung, die zwar ganz schön viel weglässt, aber mit Splatter und grandiosen Schauspielleistungen aufwartet: "Jan-Peter Kampwirth, der die Nicht-Rolle des betrunkenen Pförtners zu einem mehrminütigen Solo macht, zu einer echten, vielschichtigen Figur, die gar nicht merkt, wie sich der Tod hinter ihrem Rausch versteckt. Oder an Strong, die mit mittelenglischer Prollhaftigkeit durch die Handlung holzt." FAZ-Kritiker Simon Strauss erliegt vor allem dem hinreißenden Kristof Van Boven als Macbeth: "So wie Kristof Van Boven ihn spielt, wie er ihn erscheinen lässt, muss man sagen, wie er ihn hinsetzt auf diese düstere, haltlose Schräge, hat er keinen Funken Testosteron im Leib. (...) Nervös, verloren, ausgesetzt. Ein Aussätziger mit Blut an den Händen, noch bevor er zum Messer greift. Verletzt von seinen eigenen Phantasien."
Als "Gegenwartskommentar" ist dieser Macbeth nicht angelegt, stöhnt Till Briegleb indes in der SZ. Mit Blick auf Putin, Xi Jinping oder Ebrahim Raisi scheint ihm diese "Komödienversion vom Mad Dictator inhaltlich doch arg dürftig": "Die Diagnose einer Gesellschaft, die sich vollkommen überfordert nur noch mit der Selbstinszenierung beschäftigt, ist aber nicht halb so interessant, wie es ein ernsthafter Versuch gewesen wäre, den Weg vom Vasall zum Verbrecher zu erklären. Shakespeare konnte das. Aber wenn man ihn nur noch als Stichwortgeber benutzt, wie es so viele unter dem Label 'nach Shakespeare' heute tun, wirkt auch die Unterhaltung so welk wie das Laub, das im Schlussbild Macbeths Ende verkünden soll."
Außerdem: In der SZ sträubt sich Nele Pollatschek mit Händen und Füßen dagegen, Lin-Manuel Mirandas nun auch in Hamburg aufgeführtes Broadway-Musical "Hamilton" gut zu finden, um sich schließlich einzugestehen: Alles ziemlich "perfekt".
Besprochen werden Katie Mitchells Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" an der Kölner Oper (FR) und Armin Petras' Inszenierung von Wassili Grossmans Roman "Leben und Schicksal" am Theater Bremen (taz).
"Müssen nicht wir, die Generation zwischen 50 und 60, die weißen 'Boomer', die Verantwortung für die Verhältnisse übernehmen, zum Beispiel dafür, dass die Jugend so ernst, so woke ist und eine Moral einklagt, die sie anscheinend nirgendwo vorfinden?", fragt die Dramaturgin Sabine Reich in der nachtkritik in einem Essay, in dem sie eigentlich über ein freieres und offenes Stadttheater nachdenken will: "Waren wir nicht in den letzten 30 Jahren damit beschäftigt, öffentliche Räume und Institutionen zu vernichten, zu privatisieren, zu ökonomisieren, zu globalisieren, Märkte zu deregulieren? Uns selbst achtsam zu optimieren und nachhaltig zu konsumieren? Wird nicht das Gemeinwohl auch von denen besonders verteidigt, die jahrzehntelang freie Märkte und die Eigenverantwortung des Individuums predigten? Dreißig Jahre neoliberale Politik und nun soll das Aufbegehren der Minderheiten Schuld daran sein, dass es kein Gemeinwohl mehr gibt?" Sie fordert ein Schuldbekenntnis, auch für Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus - und "auch das Theater als weiße, bürgerliche Institution ist Problem und Teil der Lösung. Und wie der Humanismus braucht es einen Striptease: Es entblößt sich und wird durchsichtig."
Außerdem: Lin-ManuelMirandas Hip-Hop-Musical "Hamilton", in dem People of Colour und Latinos die Gründerväter der USA spielen, wurde spätestens zum Politikum, als Darsteller Brandon Dixon auf der Bühne den anwesenden Vize-Präsidenten Mike Pence kritisierte und Trump per Twitter zum Boykott des Stückes aufrief, erinnert Jakob Biazza in der SZ. Jetzt kommt das Erfolgsstück nach Deutschland und vor allem die deutsche Übersetzung stellte die Beteiligten vor große Hürden: "Fast 25 000 Wörter enthält 'Hamilton' - ungefähr dreimal so viele wie in durchschnittlichen Musicals. Die Textdichte, die Schlagzahl, der Rhythmus, die Komplexität der (Binnen-)Reime, Wortspiele, Metaphern und Referenzen sind mörderisch." Im Van Magazinporträtiert Albrecht Thiemann den brasilianischen Pianisten, Komponisten, Schriftsteller und Kulturpolitiker Mário de Andrade, dessen in den 1930er Jahren verfasste Choroper "Café" in São Paulo nun erstmals auf die Bühne kommt. Matthias Pees, der neue Intendant der Berliner Festspiele, schafft den Stückemarkt des Theatertreffens ab, meldet die Berliner Zeitung. Besprochen wird Magdalena Fuchsbergers Inszenierung von Ernst Kreneks Oper "Leben des Orest" am Theater Münster (FAZ).
Fricka (Claudia Mahnke) und Wotan (Michael Volle) in der "Walküre" an der Berliner Staatsoper
An der Berliner Staatsoper geht die neue Inszenierung von Wagners "Ring des Nibelungen" nach dem "Rheingold" gleich mit der "Walküre" weiter. Die ersten Eindrücke (unser Resümee) bestätigen sich: Christian Thielemann dirigiere erstaunlich heiter, findet Clemens Haustein in der FAZ, aber Dimitri Tcherniakovs Inszenierung wirft bei ihm Fragen auf: "Es ist der Tod des Mythos durch die Wissenschaft, den Tcherniakov hier vorführt mit allen Vor- und Nachteilen, die daraus erwachsen. Sicher ist man nun vor allen Peinlichkeiten der Wagner'schen Sagenwelt; gleichzeitig verkommen die mythologischen Erzählungen in der Handlung zum Gerede, das völlig verzichtbar wäre. Und man bezahlt mit einem gewaltigen Verlust an Poesie und Wärme." Schlüssig, aber unintensiv findet Peter Uehling in der Berliner Zeitung Tcherniakovs Regie: "Als der erschöpfte Siegmund nach einem 'Quell' verlangt, erwartet man fast, dass Sieglinde beim Gang zum Kühlschrank fragt: 'Mit oder ohne Gas?'"
Der Dirigent Philippe Jordan verlässt die Wiener Staatsoper als Musikdirektor mit Aplomb: Das deutsche Regietheater sei eine Zumutung fürs Publikum, schimpfte er im Boulevardblatt Kurier, Zusammenarbeit zwischen Bühne und Orchester gar nicht möglich. Im Standardnimmt ihm Ljubiša Tošic das nicht ab und vermutet ein Zerwürfnis mit Staatsoperndirektor Bogdan Roščić: "Dass Jordan sich nun als eher reaktionär outet, lässt auf eine tragikomische Flucht nach vorn schließen. Roščić jedenfalls widerspricht ihm. Nicht Jordan habe eine Verlängerung abgelehnt; es war er, der Direktor, der ihm keine weitere Amtsperiode zugestand. Der sehr plausible Hintergrund: Es ist längst Stadtgespräch, dass die Chemie zwischen dem Staatsopernorchester und dem Dirigenten nicht die beste war."
Aber was wäre Wien, wenn sich daraus nicht eine Posse entwickelte:
What the heck: Philippe Jordan's answer to Bogdan Roscic seemes to be a payed advertorial. Not just in "Kleine Zeitung" - what's going on? pic.twitter.com/W8kAxVlRLh
Besprochen werden Armin Petras' Bühnfassung von Wassili Grossmans Romanwerk "Leben und Schicksal" am Theater Bremen (Nachtkritik) und Zukunftsszenarien des Theaterkollektivs Hashtagmonike am Theaterhaus Jena (FAZ).
"Rheingold" an der Staatsoper Berlin. Foto: Monika Rittershau Hochamt an der Berliner Staatsoper. Dimitri Tcherniakov beginnt einen neuen "Ring" mit der Inszenierung des "Rheingold", Christian Thielemann dirigiert. In der SZ ist Reinhard J. Brembeck hin und weg, auch wenn er Wagner dabei leicht schizophren denken muss: "Während Regisseur Dmitri Tcherniakov das 'Rheingold', also den ersten 'Ring'-Schnipsel, konsequent entgöttert, entdämonisiert und entmythologisiert, macht Dirigent Christian Thielemann genau das Gegenteil... Es besticht und überwältigt, wie schön belcantoverliebt und textverständlich in Berlin gesungen wird. Das wird möglich, weil Thielemann und die Staatskapelle wundervoll leise die Sängerinnen und Sänger mit einem Zauberklangteppich ummanteln, sie nie bedrängen, unterjochen. Thielemann kann es aber auch donnern lassen, das ist dann, aus dem grundsätzlich Leisen kommend, umso beeindruckender. Noch beeindruckender ist der leichte Tonfall, das Strahlen, die Leichtigkeit und Beweglichkeit des Klangs. Thielemann rührt keine Schicksalsapokalypse an, er bietet eine Konversationskomödie." Noch krasser beschreibt Frederik Hanssen die Diskrepanz im Tagesspiegel: Tcherniakovs Inszenierung hätte ihn höchstens als Leistungsschau auf einer Technik-Messe beeindruckt, aber aus dem Orchestergraben strömt reinstes Glück: "Grandios, wie das Orchester atmet, wie es schimmert und funkelt, transparent bleibt und dennoch in üppigsten Klangfarben schwelgt. Fantastische Bläsersoli entfalten sich, die Streicher betören mit samtiger Dichte, es ist das pure Glück. Christian Thielemann waltet als virtuoser Rhetoriker, verzögert hier, prescht dort vor, wählt immer wieder auch extreme Tempi, die seine Solist:innen herausfordern. Doch facettenreicher, detailgenauer, faszinierender vermag derzeit niemand diese Partitur zu deuten." Die Berliner Zeitungtraf Thielemann zur Generalprobe.
Nicht die Pandemie ist schuld am Publikumsschwund der deutschen Theater, donnert Christian Gampert in der FAZ, sondern sein politischer Aktivismus: Das Bühnengeschehen sei narzisstisch, selbstbezüglich und anmaßend geworden, meint Gambert: "Ja, das Theater dient (auch) der gesellschaftlichen Selbstverständigung und ist dazu sehr notwendig. Aber das Problem ist, dass die Theater genau diese Funktion kaum noch erfüllen. Das liegt einerseits an einer weitverbreiteten ästhetischen und sprachlichen Beliebigkeit - etwa bei den ausufernden Textflächen, die große Teile des Publikums nicht mehr hören möchten. Es liegt aber auch an der politischen Belehrungssucht, mit der man den Zuschauern das Wahre und Gute, Antidiskriminierende, Klimakritische, Wegweisend-Fortschrittliche immer wieder eintrichtern möchte."
Ebenfalls in der FAZ beklagt der Schauspieler Sebastian Rudolph vom Zürcher Schauspielhaus in einem Interview mit Simon Strauß die kulturrevolutionäre Stimmung an den Theatern: "Ich persönlich hatte im Theater nie Angst vor den gefährlichen Machttypen an der Spitze. Das hat mich immer herausgefordert, die habe ich bekämpft. Jetzt aber wird es komplizierter, es bilden sich Gruppen, die suggerieren, eine Mehrheitsmeinung zu vertreten, um andere damit zum Schweigen zu bringen. Die Angst, ausgestoßen zu werden von dieser angeblichen Mehrheitsmeinung, ist so stark, dass viele im Theaterbetrieb inzwischen große Furcht haben, sich überhaupt noch abweichend zu bestimmten Themen zu Wort zu melden."
Besprochen werden Ted Huffmans reduzierte Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" in Frankfurt (FR, FAZ), Stefan Bachmanns Version von Molières "Eingebildetem Kranken" in Köln (der SZ-Kritikerin Alexander Menden zufolge zu einer "Quasi-Volkskomödie mit Analfetisch" geronnen ist, die sowohl der Wokeness als auch den Querdenkern "verbale Arschtritte" verpasst), Christian Weises Reenactment von Thomas Langhoffs legendären Inszenierung der "Drei Schwestern" (ahnungslos findet Barbara Behrendt in der taz, "inhaltsleer" Gabi Hift in der Nachtkritik) und Thorsten Lensings "Verrückt nach Trost" in den Berliner Sophiensälen (taz).
Pīnar Karabulut hat die Texte der Fotografin und Surrealistin Claude Cahun (1894-1954) entdeckt und daraus das Stück "La mer sombre" für die Münchner Kammerspiele gemacht. Die Inszenierung findet taz-Kritikerin Johanna Schmeller eher banal (ein "klitzekleiner Eskapismus"), aber die Texte sind eine Entdeckung, versichert sie: "Die Fotografin wohnte in einer lebenslangen Partnerschaft mit ihrer Stiefschwester zusammen, umgab sich mit der Pariser Bohême der Zwischenkriegszeit ... Geschlecht und Identität versteht Cahun als rein performativ, als unverbindlichen Vorschlag zur Lebensgestaltung. Diese damals revolutionären Gedanken verankert sie im Symbolismus und der griechischen Antike, deren Erbe bis heute unser Verständnis von Lust und Sünde mitprägt, von drinnen und draußen." Cahun, erzählt Egbert Tholl in der SZ, "überforderte selbst die Mitglieder des Surrealisten-Kreises in Paris, in dem sie sich bewegte. In Frankreich, England und auch den USA wird sie, gerade wegen ihres fotografischen Werks, als frühe Ikone eines geschlechterfluiden Ausdruckswillens rezipiert. 'Neuter ist das einzige Geschlecht, das mir immer entspricht', schrieb Claude Cahun 1930 in ihrer autobiografischen Erzählung 'Aveux non avenus'. Die Surrealisten beschäftigte zwar auch der Gedanke, die Kategorien des Männlichen und des Weiblichen hinter sich zu lassen, aber Künstler wie Marcel Duchamp oder Man Ray gingen da eher scherzhaft vor, nicht mit der dunklen, eskapistischen Ernsthaftigkeit Cahuns."
Weitere Artikel: Die Sopranistin Lise Davidsen spricht im Interview mit Van über Bayreuth, Wagner-Heldinnen und ihre sehr strenge Gesangslehrerin. Judith von Sternburg berichtet in der FR vom Festival "Politik im Freien Theater" in Frankfurt.
Besprochen werden Marco Štormans Inszenierung von Nonos "Intolleranza 1960" an der Komischen Oper Berlin (im Van Magazin staunt Eleonore Büning, wie hier aus einem "politischen Agitpropstück eine Revue" mit "auf- und niederwallenden Muzakwogen" wird), Stefan Bachmanns Inszenierung von Molières "Der eingebildete Kranke" am Schauspiel Köln (nachtkritik), Cosmea Spellekens "Odysseus.live" am Staatstheater Nürnberg (nachtkritik), das "FestSpiel Utopia / Über Menschen" der Neuen Bühne Senftenberg (nachtkritik) und Ivo van Hoves Inszenierung zweier Fleißer-Dramen am Wiener Burgtheater (FAZ).
Die Oper Frankfurt wurde von der Zeitschrift Opernwelt zur Oper des Jahres gekürt, meldet der Tagesspiegel. Besprochen werden Shakespeares "Romeo und Julia" als Musical am Theater des Westens in Berlin (Tsp) und "Ein Sommernachtstraum" in Wiesbaden (FR).
In der nachtkritikplädiert Aljoscha Begrich vom Festivals "Osten", das Programm des "Bitterfelder Wegs" zu reaktivieren. Damit wollten die SED-Parteifunktionäre 1959 "die unsichtbare Grenze" zwischen Intellektuellen und Arbeitern aufheben. Diese Idee wurde schnell wieder fallen gelassen, zu unvorhersehbar waren die Ergebnisse. Aber warum heute - ohne den ideologischen Überbau - nicht noch mal probieren, wie es das Festival Osten in Bitterfeld tut? Hier ein Beispiel: "Den aus New York stammenden Komponisten und Musiker Ari Benjamin Meyers beispielsweise inspirierte der Ansatz des Bitterfelder Weges und die Frage 'Wer lernt von wem?' zu der Idee, dass junge Musikschüler:innen älteren Menschen ein Musikinstrument beibringen könnten, um dann gemeinsam ein Werkorchester zu gründen. Über ein Jahr lang trafen unterschiedliche Menschen und Erfahrungen aufeinander, erlernten neue Abhängigkeiten und Techniken, hörten zu - und wuchsen gemeinsam. Aus den musikalischen und sozialen Ergebnissen schuf Meyers eine Inszenierung, die auf dem Festival aufgeführt wurde. Diese Mischung aus Uraufführung neuer Musik und Mitmachtheater schuf eine Kontaktbasis für Publikum, die sich ins Festival verlängerte."
Außerdem: Heute vor hundert Jahren wurde an den Münchner Kammerspielen mit "Trommeln in der Nacht" das erste Stück von Bertolt Brecht uraufgeführt - daran erinnern Steffen Damm im Tagesspiegel und Jürgen Kaube in der FAZ.
Ruth Bohsung und Nina Steils in Heinrich Bölls "Verlorenen Ehre der Katharina Blum". Foto: Gabriela Neeb / Münchner Volkstheater Mit Erleichterung quittiert Teresa Grenzmann in der FAZ, dass das Münchner Volkstheater in seiner Bühnenfassung von Heinrich Bölls Roman "DIe verlorene Ehre der Katharina Blum" auf Anspielungen gegen die Sozialen Medien verzichtet. Das Stück bleibt auch in der Inszenierung von Philipp Arnold eines über die Gewalt fingierter Wirklichkeit: "Hauptdarstellerin Ruth Bohsung trägt diesen Zwiespalt, die Verzagtheit in stillen, bangen Blicken und kleinen, präzisen Handgriffen nach außen. Sie trägt den gesamten Abend, verleiht ihm, als natürliches Zentrum im Wirbel demonstrativer Inszeniertheit, eine klare, unaufgeregte Tiefe."
Die Koloratursopranistin Catherine Gayererzählt im Tagesspiegel, wie Luigi Nono sie für die Uraufführung seiner Oper "Intolleranza 1960" nach Venedig holte, um ihr die Rolle der Gefährtin auf den Leib zu schreiben. Die Premiere wurde tumultös: "Venedig war damals politisch gespalten. Die Statisten der Produktion stammten zumeist von der Giudecca-Insel, einem Arbeiterviertel, wo auch Luigi Nono wohnte. Bei der Uraufführung saßen dann auch Faschisten im Teatro La Fenice, mit der Absicht, die Vorstellung zu sabotieren. Sie haben sehr viel Lärm gemacht und sogar Stinkbomben auf das BBC Orchestra geworfen. Bruno Maderna schrie 'Fascisti!' ins Mikrofon bei seinem Dirigentenpult, die Vorstellung musste unterbrochen werden."
Weiteres: Im Tagesspiegelerinnert Steffen Damm, dass Bertolt Brecht vor hundert Jahren mit "Trommeln in der Nacht" sein erstes Stück auf die Bühne brachte. Besprochen wird Kay Voges' "Faust"-Inszenierung am Wiener Volkstheater (SZ).
Direkt aus der Vagina: Ströme von und guten Einfällen: Pussy Sludge. Foto: Konrad Festerer/ Volkstheater Einen fantastischen Saisonauftakt hat SZ-Kritiker Egbert Tholl am Münchner Volkstheater mit Gracie Gardners verrücktem Stück "Pussy Sludge" erlebt, in dem die Titelfigur Ströme von Erdöl aus ihrer Vagina fließen lässt, während verlorene Menschen zu ihr pilgern, um im gemeinsamen Masturbieren eine Beziehung zu ihr zu entwickeln. Oder so: Tholl ist begeistert: "Mirjam Loibl nimmt die trickreich verschraubten Sätze, wie sie kommen, lässt alle Beteiligten frei und lustig spielen, begreift klug das Stück als surreale, frei schwebende Metapher, die sehr viele mögliche Antworten auf Fragen der (geschlechtlichen) Selbstbestimmung enthält. Die Bühne birst vor Einfällen, gemalte Eierstöcke säumen die Öl-Vagina im Bühnenboden, die Figuren sind fantastisch ausstaffiert, tausend Ideen, alle gut, wenige unmittelbar zu erklären."
An gleich drei Bühnen wird Ibsens "Volksfeind" gerade aufgeführt. In der Nachtkritik verliert Verena Großkreutz ein paar grundsätzliche Worte zu Burkhard C. Kosminskis Stuttgarter Fassung, die das hochpolitische Drama auf einen Zwist zwischen zwei Brüdern reduziere: "Was könnte man von Ibsens 'Volksfeind' alles ins Heute spiegeln! Vom Absinken der Zeitungsbranche in die intellektuelle Bedeutungslosigkeit über den Wassermangel durch Dürren bis hin zu Fridays for Future oder Carola Rackete. So aber bleibt nicht viel übrig von der Sprengkraft des Stücks, das Kosminski gründlich entpolitisiert hat: Bloß kein Risiko eingehen, bloß nicht konkret werden und dadurch anecken. Ein Abend quälender Belanglosigkeit halt, wie so viele andere unter seiner Intendanz." In der FAZ kann auch Simon Strauss Kosminskis "Textregie mit der Brechstange" nicht viel abgewinnen. FR-Kritikerin Judith von Sternburg stört sich bei Lily Sykes ins Positive gewendeten Frankfurter Ibsen-Inszenierung an einer "Friedlichkeit, die in die Gefilde des Kitsches reicht".
Besprochen werden außerdem Kay Voges' "Faust"-Inszenierung am Wiener Volkstheater (taz), Berlioz' "Trojaner" in Köln (FAZ) und Erich Korngolds Schlageroper "Die tote Stadt" am Landestheater Linz (Standard).
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