Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2022 - Bühne

Operation gelungen, Ensemble beschädigt: Stefanie Reinsperger in Thomas Bernhards "Theatermacher". Foto: Matthias Horn

Judith Liere trifft für die Zeit die fantastische Stefanie Reinsperger, die ab heute am Berliner Ensemble Thomas Bernhards "Theatermacher" spielen wird: "Reinsperger fand die Idee erst mal 'verrückt', auch weil sie ein Elfriede-Jelinek-Fan sei: Entweder Jelinek oder Bernhard, das sei eine Grundsatzentscheidung. Auch habe ihr erst der Zugang zur Figur gefehlt, 'ich muss eine Rolle lieb haben können, schließlich muss ich sie ja auf der Bühne verteidigen'. Das sei nicht einfach bei so einem narzisstischen, frauenverachtenden Arschloch wie Bruscon - zumal der, in Überzeichnung, auch noch die Regietyrannei verkörpert, unter der auch Reinsperger schon zu leiden hatte. Letztlich sei es Bruscons Einsamkeit gewesen, über die sie eine Verbindung zur Figur herstellen konnte, dieses Unverstandenfühlen in der eigenen Kunst. Reinsperger bei der Probe zuzuschauen macht großes Vergnügen, weil anschaulich wird, wie schnell sie die Gefühlszustände wechseln kann, wie sie den widerlichen Theatertyrannen gibt, der schwitzend und ätzend alle anderen niedermacht, während sie außerhalb der Rolle freundlich, rücksichtsvoll, empathisch wirkt."

Chancenlos im Statuskampf: Robert Ickes "Die Ärztin". Foto: Kerstin Schomburg / Schauspiel Hannover

Sehr verdienstvoll findet Till Briegleb in der SZ, wie sich das Schauspiel Hannover mit Robert Ickes Stück "Die Ärztin" der destruktiven Dynamik woker Diskurse entgegenstellt. In einer Überschreibung von Schnitzlers "Professor Bernhardi" erzählt der britische Autor die Geschichte eines Arztes, der einem Priester den Zugang zu einer jungen Patientin verwehrt, die nach einer missglückten Abtreibung im Sterben liegt. Alle vermuten Übles und sehen für sich eine Chance: "Das Prinzip getäuschter Erwartung wird zur ständigen Mahnung, schnellen Zuschreibungen zu misstrauen. Allerdings nur für die erste Hälfte des Abends, in der sich im Stil eines psychologischen Thrillers die heuchlerische Seite laut proklamierter Integrität entblößt. In clever geschriebenen Szenen werden ständig gutmeinende Argumente als strategische Waffen enttarnt, um den eigenen Vorteil zu vergrößern. Dieser intrigante Statuskampf um die Herrschaft in der Klinik, geführt mit Verweisen auf Religion, Hautfarbe und Geschlecht, ändert im zweiten Teil kategorisch seine Gesichter."

Weiteres: Lena Bopp schickt der FAZ ein paar Eindrücke aus der Beiruter Kulturszene. Nina Bub berichtet in der FAZ, wie die Theater mit nötigen Energieeinsparungen Besprochen wird eine Ausstellung über den Theaterstar Tilla Durieux im Wiener Leopold Museum (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2022 - Bühne

Daniel Barenboim ist mit seinen fast achtzig Jahren schwer erkrankt, es ist ungewiss, wann er wieder dirigieren kann und wie lange er noch Generalmusikdirektor der Staatsoper bleiben kann. In der Berliner Zeitung blickt Peter Uehling mit wenig Begeisterung in die Zukunft: Mit Elisabeth Sobotka bekommt das Haus 2024 eine Intendantin, die sich vor allem auf "gediegen massentaugliches Musiktheater" versteht, meint Uehling, der allerdings Christian Thielemann als Barenboims Nachfolger noch mehr fürchtet: "Er fragt nicht nach der gesellschaftlichen Relevanz von Oper und Konzert, er interessiert sich nicht für Formate jenseits des zweistündigen Konzerts, seine Vorliebe für das deutsche Repertoire des 19. Jahrhunderts ist berüchtigt, Uraufführungen werden vermieden, so weit es irgend geht... Indes spricht für Thielemann, dass er mit 63 Jahren in einem eben noch akzeptablen Alter für den Posten ist. Denn Barenboim hat durch die Einladung vorwiegend sehr junger oder sehr alter Dirigenten an das Pult der Staatskapelle verhindert, dass sein Orchester möglichen Nachfolgern begegnet. Dass ein Orchester dieses Ranges blind einen Dirigenten wählt, der es noch nie dirigiert hat, ist unvorstellbar, insofern hat Thielemann bei der Staatskapelle gute Karten."

Leos Janaceks "Das schlaue Füchslein". Foto: Monika und Karl Forster / Theater an der Wien

Auch in Wien schwindet das Publikum, dabei prunken die dortigen Bühnen mit hervorragenden Inszenierungen, wie Helmut Mauró in der SZ feststellt. Vor allem die kleineren Bühnen holen gegenüber der Staatsoper auf, berichtet er, etwa das Theater an der Wien, das sich den norwegischen Regisseur Stefan Herheim als Künstlerintendanten ins Haus geholt hat: "In seiner Inszenierung von Janáčeks 'Das schlaue Füchslein' zeigt Herheim nicht nur virtuoses Regiehandwerk und elegante Personenregie, sondern changiert auf die für ihn so typische Weise zwischen theatraler Leichtigkeit und spielerischem Ernst. Als würde er beidem misstrauen, legt er das Gewicht auf der einen Seite auf lustig agierende Tierdarsteller, ein andermal wieder auf die tiefergehende Frage, was uns eigentlich berechtigt, über Tiere zu herrschen." Weniger begeistert zeigt sich Reinhard Kagel indes in der FAZ, für ihn lässt die Inszenierung zu viele Fragen offen.

Besprochen werden Clemens J. Setz' Stück  "Der Triumph der Waldrebe in Europa" am Schauspiel Stuttgart (SZ), Evelyn Herlitzius' Regiedebüt mit Beethovens "Fidelio" am Staatstheater Wiesbaden (FR) und Anne Lenks Inszenierung von Lessings "Minna von Barnhelm" am Deutschen Theater in Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2022 - Bühne

Lessings "Minna von Barnhelm am Deutschen Theater. Foto: Arno Declair

Hingerissen ist Peter Laudenbach in der SZ von Anne Lenks Inszenierung der "Minna von Barnhelm" am Deutschen Theater, die ihm den Klassiker ganz frisch und voller Spielfreude präsentierte: "Lessings Witz und seine Komödienpoetik, die er der Titelfigur in den Mund legt, passen hervorragend zu Lenks Theaterstil: "Kann man denn auch nicht lachend sehr ernsthaft sein?" Doch, kann man, absolut. Und dass Minnas Verlobter, der im Krieg zum Krüppel geschossene, wegen Korruptionsvorwürfen unehrenhaft entlassene und auch noch bankrotte Major von Tellheim vor lauter Standes- und Männlichkeitsdünkel keinen klaren Gedanken hinkriegt und mit seiner Ehrbarkeits- und Edelmut-Eitelkeit endlos rumzickt, ist natürlich vor allem eines: sehr komisch und keinesfalls tragisch."

Maresi Riegner und Dörte Lyssewski. Foto: Susanne Hassler-Smith


Mitreißend findet Bernhard Loy in der FAZ Thomas Bernhards Kampfspiel "Am Ziel", das Matthias Rippert am Burgtheater inszeniert hat. Es erzählt von einer Frau, die sich aus einfachen Verhältnissen mit maximaler Härte gegen sich und andere zur Unternehmergattin aufgeschwungen hat: "Es ist eine überwältigende Theatererfahrung: Wie Dörte Lyssewski mit ihrem gewaltigen stimmlichen und physischen Repertoire den Dramatisierungszwang dieser absoluten und zugleich tief zerrissenen matriarchalen Herrscherinnenfigur ausschreitet und über zwei Stunden lang pausenlos alle Register zwischen grotesker Selbstentblößung und Gefühlskälte, zwischen Zärtlichkeitsattacken und vulgär-animalischen Ausfällen bedient. Nicht minder großartig gibt Maresi Riegner die Tochter, die als eine der Bernhardschen 'Schweigefiguren' kunstvoll auf der Grenze zwischen Debilität und Verschlagenheit wandelt."

Von Vorteil für alle Seiten findet Michael Stallknecht die Reinszenierung älterer Produktionen, auf die immer mehr Opern zurückgreifen: "Man zeigt, was ohne Wenn und Aber ästhetisch auf der Höhe der Zeit ist, aber sich andernorts bereits bewährt hat."

Besprochen werden Martin Kušejs Fassung des Kino-Kammerspiels "Nebenan" von Daniel Brühl und Daniel Kehlmann im Wiener Burgtheater ("rechtschaffen-brav" findet Ronald Pohl im Standard, SZ), Pia Richters Inszenierung von Shakespeares "Romeo und Julia" am Schauspiel Leipzig (Nachtkritik) und Gustav Mahlers "Lied von der Erde" in der Neuköllner Oper (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2022 - Bühne

"Der Triumph der Waldrebe in Europa". Foto: Björn Klein/ Schauspiel Stuttgart 

Absolut begeistert ist Björn Hayer in der taz von Clemens J. Setz' Stück "Der Triumph der Waldrebe in Europa", das Nick Hartnagel in einer fulminanten Inszenierung am Schauspiel Stuttgart auf die Bühne bringe. Es geht um eine Frau, die ihren verstorben Sohn als Tablet mit Kamera auf einem Rollstuhl weiterleben lassen möchte, doch die Schule will dieses Wesen nicht aufnehmen: "Überall nimmt die Inszenierung das Geschehen auf und projiziert es teilweise mehrfach in Großaufnahme für das Publikum. Allerdings nicht auf klassische Leinwände, sondern auf Holzflächen, die wiederum den oberen Teil des Hauses des Ehepaars abdecken. Darunter schauen wir auf weiße Vorhänge, das eigentliche Spielfeld der DarstellerInnen. Bereits bei diesen durchsichtigen Stoffen wird deutlich, dass es hierbei um die Veranschaulichung des erschreckenden Innenlebens der Transparenzgesellschaft à la Byung-Chul Han geht. Alles ist transparent, alles wird einem pornoiden Blick ausgeliefert: die Trauer, die bizarre Beschäftigung mit dem maschinellen Gravitationszentrum David, dessen vermeintlicher Wille übrigens von der Mutter über einen Laptop gesteuert wird." In der FAZ ist Andreas Platthaus nicht mit allen Deutungen Hartnagels einverstanden, betont aber: "Selten wurde jüngst im Theater so lebensecht gesprochen und so körpersprachlich betont gelebt: hohe Sprach- und Spielkultur, weil beides nicht wie die Kostümgestaltung ins Forcierte fällt."

In der NZZ bekundet Bernd Noack seinen Überdruss am deutschsprachigen Theater, das nur noch politischen und gesellschaftlichen Diskursen hinterherlaufe und dabei sein Publikum verliere: "In kaum einer anderen (kulturellen) Institution wurde in jüngerer Vergangenheit so betroffen und heftig über Machtmissbrauch, Cancel-Culture, Rassismus und Ungleichbehandlung in den eigenen Reihen und Räumen diskutiert wie im Theater. Da gibt man sich dann freilich kaum kleinlaut und verletzt, sondern prescht vor mit Selbstbezichtigungen und Analysen, sägt hausintern an den Intendanten-Thronen, gründet Kontrollgremien wie in einem Überwachungsstaat, zieht vor Gerichte. Man will sich reinwaschen und hält den zielgerichteten Angriff auf sich nicht etwa für selbstmörderisch, sondern für die beste Verteidigung des eigenen demokratischen, diversen, politischen, systemrelevanten Anspruchs."

Weiteres: Die Passionsspiele von Oberammergau sind vorbei, für die SZ trifft Christian Lutz den Spielleiter Christian Stückl und spricht mit ihm über Weitermachen, über kulturelle Aneignung und die sanfte Modernisierung.

Besprochen werden Anne Lenks Inszenierung von Lessings "Minna von Barnhelm (die Nachtkritikerin Frauke Adrians als "großen Spaß und großes Literaturtheater" in einem feiert), das Stück zu kolonialer Raubkunst "Les statues rêvent aussi" von Jan-Christoph Gockel und Choreograf Serge Aimé Coulibaly (keine Feuilletondebatte auf der Bühne, versichert Christiane Lutz in der SZ, sondern richtig gutes Theater, und zwar mit bezaubernden Marionetten, wie Sabine Leucht Nachtkritik ergänzt) und Wolfgang Herrndorfs Erzählung "Der Weg des Soldaten" im Schauspiel Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2022 - Bühne

In seiner Theaterreihe stellt das Van Magazin diesmal das Theater Magdeburg vor. Besprochen wird der neue Ring an der Berliner Staatsoper (Van).
Stichwörter: Magdeburg, Theater Magdeburg

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2022 - Bühne

In der nachtkritik diskutieren die Autorin und Regisseurin Anne Habermehl und Ilia Papatheodorou von der Gruppe She She Pop über Dramatik und Postdramatik.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2022 - Bühne

"Götterdämmerung" an der Staatsoper. Foto: Monika Rittershaus


Dmitri Tschernjakows "Nibelungen"-Tetralogie an der Berliner Staatsoper mit dem kurzfristig eingesprungenen Christian Thielemann am Pult war eine kleine Offenbarung für Zeit-Kritiker Alexander Cammann: "Angesichts der sich neigenden, dreißigjährigen Ära Barenboim hatte sich plötzlich eine bezwingende Zukunftsoption für das Berliner Opernhaus aufgetan", erkennt er. Auch Julia Spinola scheint sich das in der NZZ ganz gut vorstellen zu können: "Spektakulär, atemberaubend präzise durchleuchtet Thielemann das Motivgeflecht der Wagner-Partituren und verleiht ihm eine beinahe gestochene Plastizität und Tiefenschärfe: ein 'High Definition'-Wagner in 3 D. Über weite Strecken dominiert darin ein verblüffend durchhörbarer, kammermusikalischer Klang, dem 'Rheingold' entlockt Thielemann gar eine Mendelssohnsche Leichtigkeit. Umso gewaltiger heben sich die Klangballungen und die bläserlastig-knirschenden Steigerungen ab: das Poltern der Riesen, die Zuspitzungen der Schmiedeszene oder die schwarzen Tritonussprünge der Posaunen, mit denen in der Gibichungen-Welt das Böse auf den Plan tritt. Das Publikum tobt nach den Aktschlüssen vor Begeisterung." Und auch Nikolaus Hablützel, von Tschernjakow in seiner Theatersucht gestärkt, meint in der taz: "Ein seltener Glücksfall für Wagners Musik."

Thomas Hahn sitzt für die SZ im Kabukiza von Ginza in Tokio und staunt: das größte und berühmteste Kabuki-Theater Japans adaptiert den Anime-Klassiker "Nausicaä aus dem Tal der Winde"? Läuft alles im Rahmen der Modernisierung des Theaters. "Man muss immer etwas Neues schaffen", erklärt ihm Matsumoto Koshiro X., 49, Kabuki-Schauspieler seit er fünf Jahre alt ist, "sonst wird es unmöglich, die Tradition an die nächste Generation weiterzugeben."

Besprochen werden Giuseppe Verdis "Don Carlo" am Theater Osnabrück (nmz), Guntbert Warns' Inszenierung von John Vanbrughs "Das Halsband" am Renaissance-Theater (Tsp), Cosmea Spellekens "Odysseus.live" am Staatstheater Nürnberg oder online (SZ), Florian Fischers Inszenierung von Georg Kaisers Drama "Gas" am Theater Magdeburg (FAZ) und Karin Henkels Inszenierung des "Macbeth" am Hamburger Schauspielhaus (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2022 - Bühne

Besprochen werden Oliver Frljićs Inszenierung von Brechts "Mutter Courage" am Maxim-Gorki-Theater Berlin (die Peter Laudenbach in der SZ "bestenfalls halb gelungen" findet, aber zu einer Eloge nutzt auf "die Dringlichkeit und den oft ziemlich umwerfenden Lebensmut", mit dem das Gorki Theater macht, Tsp), Mozarts "Don Giovanni" in Darmstadt (FR), Stefan Puchers Inszenierung von Robert Ickes Diskurs-Stück "Die Ärztin" am Schauspiel Hannover (FAZ) sowie Ibsens "Nora" und Edward Louis' "Die Freiheit einer Frau" an den Münchner Kammerspielen (FAZ) .

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2022 - Bühne

Die "Götterdämmerung" an der Berliner Staatsoper. Foto: Monika Rittershaus

Mit der "Götterdämmerung" schließen Dmitri Tcherniakov und Christian Thielemann an der Berliner Staatsoper Wagners "Ring" ab. Und wie gehabt, findet SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck die Bildmacht der Partitur weniger von Tcherniakovs Inszenierung als von Thielemanns Musik eingelöst: "Der Klang ist hell, leicht, elegant. An den ersten beiden Abenden ist Thielemann, er hat den 'Ring' erst kurz vor der Premiere von dem erkrankten Daniel Barenboim übernommen, zauberhaft leise sängerfreundlich. In 'Siegfried' und 'Götterdämmerung' zeigt er dann Pranke. So wie Thielemann kann keiner die manchmal zu lebenslanger Abhängigkeit führende Drogenwirkung von Wagners Musik entfesseln. Thielemanns Wagner ist eine Musik der künstlichen Paradiese, die die Allmacht- und Göttlichkeitsträume des Laborpersonals als weltfremde Wunschidyllen ausmalt. Während Tcherniakov im Einklang mit dem Libretto die Mediokrität dieses Machtkampfs um die Weltherrschaft zeigt. Einen unbedarfteren Siegfried als Andreas Schager gab es nie. Der Mann ist Kraft, Kraft und Kraft. Kein Orchester ist laut genug, um ihn zu übertönen, die Gewalt dieser Stimme ist ein Naturereignis." Im Tagesspiegel widerspricht Udo Badelt nach der Götterdämmerung" sanft: "Zum dunklen Kraftzentrum des Abends aber avanciert Hagen. Mika Kares ist wahnsinnig gut, seine bullige Darth-Vader-Silhouette emaniert ununterbrochen eine Aura schwarzböser Autorität, die durch seine erdige Bassstimme noch den rechten Schimmer erhält."

In der FAZ verteidigt Clemens Haustein auch die Regie gegen die Buhstürme des Publikums: "Tcherniakov hat eine Regieidee geliefert, die alle vier Teile des 'Rings' trägt: jene eines Menschenexperimentes, das von einem zynischen, später bereuenden Wotan in Gang gesetzt wurde. Eine Idee, die auch deshalb so stark ist, weil sie dem Manipulativen Rechnung trägt, das dieses Großwerk Richard Wagners als Motiv durchzieht." In der Berliner Zeitung kann Peter Uehling Tcherniakovs "radikale Pathosdiät" gut verkraften. In der Welt erklärt Peter Huth in einem A bis Z, warum man von diesem "Ring" noch "lange, richtig lange" sprechen wird.

In der SZ interveniert Peter Laudenbach noch einmal gegen das selbstbezügliche Theater, das bei sinkenden Besucherzahlen nur noch das eigene Milieu bedient und sich mit den Diskursen der Cultural Studies gegen die Allgemeinheit abschottet. Theater, die nichts ans Publikum denken, missbrauchen ihr Privileg, schimpft Laudenbach: "Dagegen wirkt die schönste Definition eines guten Stadttheaters geradezu utopisch: Stadttheater ist Theater für eine Stadt, wenn möglich für die ganze Stadt. Und nicht nur, wie ganz früher, für das gehobene Bürgertum und die, die dazugehören wollten, ebenso nicht nur für die Gesinnungsgenossen der Künstler. Das unterscheidet Theater von Rechtsrock-Konzerten oder einer Fatwa gegen Ungläubige: Gutes Theater erlaubt mehr als eine Wahrheit. So entsteht Austausch, so entsteht Gesellschaft. Genau die werden wir weiß Gott noch brauchen."

Besprochen werden Oliver Frljić' Inszenierung von Brechts Klassiker "Mutter Courage" am Berliner Gorki-Theater ("Ein papierner Brecht, von dem die triviale Aussage bleibt, dass Krieg Menschen unmoralisch werden lässt, dekoriert mit den Leichen der Gegenwart", ärgert sich Ulrich Seidler in der BlZ, "das ist wohlfeiler Theaterpazifismus, der sich gedankenfaul auf die sichere Seite bringt und die Menschen in der Ukraine argumentativ alleinlässt", Nachtkritik), Leos Janaceks "Jenufa" an der Wiener Staatsoper (und mit einer brillanten Asmik Girgorian, wie Stefan Ender inm Standard findet), Thom Luz' "Warten auf Platonow" im Cuvilliéstheater (SZ) und die Country-Oper "Burt Turrido" vom Nature Theatre of Oklahoma im Bockenheimer Depot in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2022 - Bühne

Szene aus "GRM Brainfuck" am Theater Dortmund. Foto © Birgit Hupfeld


In der Nachtkritik rechnet Karin Yeşilada Regisseur Dennis Duszczak zur Generation Z, weswegen er ihr auch gar nicht den Rachefeldzug erklären muss, den er am Theater Dortmund nach Sibylle Bergs "GRM Brainfuck" und im tristen Ruhrpottgrau "durchdonnert": "Digitalität und Diktatur gehen Hand in Hand, soviel ist klar, und wenn sich die rauschende Wahlparty in ohrenbetäubendem Getöse entlädt (mit ordentlich Bühnenmusical-Spektakel, Sting-Song und Konfetti-Regen), wird klar: Macht ist geil. Dann aber folgt auch schon der dramatische Niedergang der politischen Elite, und am Ende wird der Sohn den abgehalfterten Vater töten, ganz wie in der antiken Tragödie. Da ist dann wieder mal urplötzliche Stille auf der Bühne, und die beiden Schauspieler können sie mit klassischem Drama füllen. Harte Wechsel sind das bisweilen, aber das rockt."

An den Münchner Kammerspiele zeigt Felicitas Brucker in einem anti-patriarchalen Double Feature mit Ibsens "Nora" und Edouard Louis' "Freiheit der Frau". SZ-Kritikerin Christine Dössel bemerkt starke Szenen und schöne Momente, aber so richtig ans Herz ging ihr das nicht. Und eines fällt ihr auf: "Im Parkett waren trotz Premiere doch sichtbare Lücken; und wirft man einen Blick auf den Monatsspielplan der Kammerspiele mit seiner Anhäufung von englisch- und französischsprachigen Titeln ('La mer sombre', 'Les statues rêvent aussi', 'Hungry Ghosts', 'Woman With Stones', 'Miseducation Munich - Wau Wau Collectif', 'Act Now! Vol.1', 'Coltan-Fieber: Connecting People'), stellt sich die Frage: An wen richtet sich das, und was soll es bedeuten?"

Weiteres: Im ganzseitigen FAZ-Interview plaudert der Musical-Produzent Lin-Manuel Miranda über sein HipHop-Musical "Hamilton", dessen deutsche Fassung heute Abend in Hamburg Premiere haben wird. Besprochen werden Thom Luz' Theaterabend "Warten auf Platonow" am Münchner Cuvilliés-Theater (FAZ), das Jules-Vernes-Musical "20 000 Meilen unter dem Meer" an der Alten Oper in Frankfurt (FR), Caroline Guiela Nguyens Stück "Kindheitsarchive" an der Schaubühne (Tsp) und Chaplins "Großer Diktator" in den Wiener Kammerspielen (Standard).