Besprochen werden Schorsch Kameruns Inszenierung von Henry Purcells "King Arthur" am Bremer Theater (die Jan-Paul Koopmann in der taz zwischen Punk-Avantgarde und barocker Semioper verortet) und Martin Crimps "Wenn wir einander ausreichend gequält haben" am Schauspiel Köln (Welt) und Peter Jordans und Leonhard Koppelmanns Stück "Marie-Antoinette oder Kuchen für alle!" an der Kömodie am Kurfürstendamm (Nachtkritik).
Politdrama oder Vaudeville? Sartres "Schmutzige Hände" Foto: Birgit Hupfeld / Frakfurter Schauspielhaus Am Schauspiel Frankfurt hat Lilja Rupprecht Jean-Paul Sartres Politdrama "Die schmutzigen Hände" inszeniert, in dem mit großem Ernst Fragen zu politischem Mord, Gehorsam und Verrat verhandelt werden. In der FAZ ist Sanrda Kegel begeistert: "Dem herausragenden Frankfurter Ensemble gelingt es, dem Sartre'schen Thesen-Gewitter seine burlesken Qualitäten zu entlocken, bis sich aus dem Mantel des Brecht'schen Lehrstücks eine Tragikomödie herausschält und manchmal sogar Vaudeville. In der FRversteht Judith von Sternburg dagegen gar nicht, was ihr Rupprecht sagen will: "Nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die siebziger Jahre hinein waren das mit Leidenschaft geführte Diskussionen, heute sind sie gruselig aus der Zeit gefallen oder bedürfen einer neuen, beinhart politischen Justierung - ist doch zum Beispiel das Thema der Selbstzerfleischung unter Linken keineswegs erledigt, ebenso wenig die politische Balance zwischen Kompromiss und Geradlinigkeit. Oder die soziale Aneignung: Hugo, der Westentaschensozialist, dem die 'echten' Proletarier misstrauen. Nun dokumentiert die Inszenierung von Lilja Rupprecht im Frankfurter Schauspielhaus allerdings im Übermaß, dass sie mit alledem gar nichts anfangen will. Dies aber mit Aufwand."
Die Berner Bühnen haben jetzt auch ihren Skandal von Übergiffigkeit und kläglichem Managment. In der SZwundern sich Dorion Weickmann und Isabel Pfaff eigentlich nicht, dass die Sparte Tanz mit ihrem frühkindlichen Drill und ihren Körperidealen anfällig für sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch ist. Aber dann irgendwie doch: "Schließlich ist eine Kunst, die Essstörungen aller Art triggert und Karrieren um den Preis des Wegduckens und der Demütigung begünstigt, heute weder arbeitsrechtlich noch gesellschaftlich akzeptabel."
Weiteres: Im Standardblickt Margarete Affenzeller auf die einst erfolgsverwöhnten Wiener Festwochen, die mit ihren ständig wechselnden Intendanten und Schauspielchefinnen nicht aus der Dauerkrise herauskommen. Für Affenzeller sind aber nicht nur die hausinternen Intrigen schuld an am Ungemach, sondern auch Unübersichtlichkeit und Kleinteiligkeit des demokratisierten Theaters. Zum Siebszigsten gratuliert in der FAZ Gerhard Stadelmaier himself der Regisseurin Andrea Breth, die Großes liebt und wagt, wie er schreibt: "Sie ragt - Zadek, Grüber, Bondy, Brook und Chéreau sind leider nicht mehr am Leben - neben Peter Stein als glanzvolles Restmitglied der einstigen europäisch humanen Welttheater-Genie-Phalanx weit hinaus über die G'schaftlhuber-Szene des deutschen Theaters als dramenloser, dafür schrei- und moralinsatter aktivistischer Aktual-Modenanstalt."
Besprochen werden das Musikdrama "Negar" von Marie-Éve Signeyrole und Keyvan Chemirani, das die iranische Protestbewegung behandelt, an der Deutschen Staatsoper (Tsp),Suna Gürlers "My Heart Is Full of Na-Na-Na" am Zürcher Schauspielhaus (Nachtkritik), Simon Stones Instagram-Fassung von Verdis "La Traviata" an der Wiener Staatsoper (Standard), Claudia Bossards Goethe-Abend "Feeling Faust" am Münchner Volkstheater ("Ein offenes Assoziationskaleidoskop, in dem die brillanten Momente in der Flut der Uneigentlichkeit schwierig aufzuspüren sind", seufzt Egberth Tholl in der SZ), der Auftakt des Rhein-Main-Tanzfestivals (FR), Albert Lortzings "Undine" an der Oper Leipzig (FAZ).
Für die SZbesucht Christine Dössel Frank Castorf in Belgrad bei den Proben zu Dantes "Göttlicher Komödie", die diesen Samstag am Belgrader Drama Theatre uraufgeführt wird. Castorf wird vor Ort verehrt wie eine Gottheit, überhaupt macht Dössel eine starke "Obsession" für das deutsche Theater aus: "Ist das nicht kultureller Kolonialismus? Ivan Medenica, Direktor des internationalen Theaterfestivals Bitef, beschwichtigt lachend: 'Im Gegenteil: Man kann eher sagen, dass es sich um eine freiwillige Selbstkolonialisierung des serbischen Theaters durch das deutsche Theater handelt, vor allem wenn es um euer ,Regietheater' geht.' Dieses, Jahr für Jahr vorgestellt beim 1967 gegründeten Bitef-Festival, sei in Belgrad immer als 'Markenzeichen für die neuesten und anspruchsvollsten Tendenzen in der Welt der darstellenden Künste' wahrgenommen worden. Enttäuscht sei das Publikum nur gewesen, als das deutsche Theater durch ein kleines, unabhängiges, dokumentarisches Theater vertreten war. So etwas haben sie in Belgrad selber. Medenica sagt: 'Sie alle wollen von Deutschland einen theatralischen Mercedes Benz.'"
Im November soll die britische Dramatikerin Caryl Churchill den vom Staatstheater Stuttgart verliehenen "Europäischen Dramatiker:innen-Preis" erhalten, in der Jury ist auch das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Churchill unterstützt seit Jahren den BDS - und im Gegensatz zu Annie Ernaux findet sich ihre BDS-Agitation auch in ihrem Werk, schreibt Thomas Wessel bei den Ruhrbaronen: "Umso erstaunlicher, dass sie, so die Jury, für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet werden soll: 'Caryl Churchill ist eine der größten lebenden Dramatikerinnen', begründete die Jury ihre Wahl, 'ihr Werk ist bekannt, aber nicht berühmt und wird nur noch selten gespielt. Zeit für eine Neubewertung und Neubetrachtung.' Zeit für eine Erinnerung: Irgendwann hat sich die Londonerin 'Artists for Palestine UK' verschrieben, der von Ex-Pink-Floyd Roger Waters orchestrierten BDS-Abteilung für Attacke. 2015 gab sie öffentlich bekannt, 'während der südafrikanischen Apartheid kündigten Musiker an, sie würden nicht mehr in Sun City spielen. Jetzt sagen wir, dass wir in Tel Aviv, Netanya, Ashkelon oder Ariel keine Musik spielen, keine Preise annehmen, an Ausstellungen, Festivals oder Konferenzen teilnehmen und keine Meisterklassen oder Workshops veranstalten werden'. Keine Preise in Israel annehmen, dafür in Stuttgart?"
Außerdem: Im Tagesspiegelberichtet Kirsten Liese von den Protesten von Tierschützern gegen den Einsatz von Kaninchen in Dmitri Tscherniakovs Neuinszenierung von Wagners "Ring der Nibelungen" an der Berliner Staatsoper. Der spanische Tänzer und Choreograf José Martinez übernimmt im Dezember das Pariser Opernballett, meldet die SZ. Hakan Savaş Mican inszeniert zur Eröffnung des transkulturellen Festivals "Nachbarşchaften - Komşuluklar Sasha Marianna Salzmanns Identitätssuche-Roman "Im Menschen muss alles herrlich sein" und nachtkritiker Falk Schreiber erkennt in dem Regisseur einmal mehr den "Spezialisten für theatrale Familienaufstellungen".
Besprochen werden: Stefan Zimmermanns Inszenierung von "Bei Anruf Mord" im Fritz-Rémond-Theater (FR), Miet Warlops "One Song. Histoire(s) du Theatre IV" am Berliner Hebbel am Ufer (nachtkritik), Benedict Andrews' Neuinszenierung von Mozarts "Cosi fan tutte" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ, nmz), Volker Löschs Inszenierung von Arnolt Bronnens und Lothar Kittsteins "Recht auf Jugend" mit Aktivisten der Letzten Generation am Schauspiel Bonn (nachtkritik), Lilja Rupprechts Inszenierung von Jean-PaulSartres "Die schmutzigen Hände" am Schauspiel Frankfurt (nachtkritik) und Pauline Beaulieus Inszenierung von Hans Werner Henzes Oper "La Piccola Cubana" im Alten Orchesterprobensaal der Berliner Staatsoper (Tagesspiegel).
In Georgien explodieren die Mieten seit die Russen über die offene Grenze kommen, überall sind antirussische Graffitis zu sehen - die Russen sind hier nicht willkommen, schreibt Esther Slevogt (nachtkritik) in einem Theaterbrief aus Georgien. Sie hat den "Georgian Showcase" besucht, ein im Jahr 2008 gegründetes Theaterfestival, und ist alten Griechen, georgischen Klassikern und alten Bekannten begegnet, etwa in Zurab Getsadzes Inszenierung von Heiner Müllers "Hamletmaschine", die die "Paradoxien der jüngeren georgischen Geschichte" verhandelt: "Zum Beispiel das Paradox, dass die ersten Forderungen nach der Unabhängigkeit Georgiens von der Sowjetunion 1956 ausgerechnet von Gegnern der Entstalinisierung kamen, die nämlich in der Entsorgung des stalinschen Erbes eine Verschwörung gegen Georgien sahen. Lange war man stolz auf geborenen Georgier Iosseb Dshugashvili genannt Josef Stalin, der die gesamte große Sowjetunion anführte und den Großen Vaterländischen Krieg gewonnen hatte. Als nach den 20. Parteitag der KPDSU drei Jahre nach Stalins Tod sein Nachfolger Nikita Chruschtschow Anfang des Jahres 1956 dessen Verbrechen enthüllte, war der georgische Nationalstolz verletzt, kam der Verdacht einer Verschwörung Moskaus gegen Georgien auf."
Derweil hat sich Simon Strauss (FAZ) in der griechischen Theaterszene umgesehen. Welche Rolle spielt das Theater heute in Griechenland? "Auf internationalen Theaterfestivals ist vom griechischen Schauspiel wenig zu sehen. In den transnationalen Kritikumschauen kommt die Szene nicht vor. Es scheint, als ob das griechische Theater - im Gegensatz etwa zu dem vom Balkan - unterhalb der europäischen Wahrnehmungsschwelle bliebe. Warum?" "Generell leide das Theater in seinem Heimatland unter dem Einfluss der Parteipolitik", erklärt ihm der Regisseur Sotiris Roumeliotis, "denn alle Führungspositionen würden von der gerade amtierenden Regierung bestimmt."
Bild: Rogelio de Egusquiza y Barrena. Parsifal. 1903. Photographic Archive. Museo Nacional del Prado, Madrid.Wehmütig angesichts der gegenwärtigen "Biedermeierisierung des Publikumsgeschmacks" spaziert Egbert Tholl (SZ) durch die Ausstellung "Die Oper ist tot - es lebe die Oper" in der Bundeskunsthalle Bonn, die ihm nochmal die einstige Opulenz der Oper vor Augen führt: "Guckt man genauer hinter die Opulenz der Ausstellung, entdeckt man die Avantgarde, die Oper auch immer war und ist. Man vergisst zu leicht, dass die Häuser, die hier gefeiert werden, Uraufführungshäuser waren, weil sich die Idee eines wiederkehrenden Repertoires, das man so pflegen wollte wie etwa Gustav Mahler in seiner Zeit als Wiener Opernchef, erst im Laufe des 19. Jahrhunderts herausbildete. Die Nazis schließlich vernichteten einen Opernbetrieb, der permanent neue Werke produzierte, die das Publikum auch sehen wollte. Daran wurde nie mehr angeknüpft, die Innovation verlagerte sich zusehends von neuen Werken zur Interpretation alter."
Außerdem: Nach der viel gescholtenen ersten Spielzeit unter Serge Dorny wollte der Intendant der Münchner Staatsoper sich mehr auf die "Bedürfnisse der Zuschauer" einlassen, erinnert Marco Frei in der NZZ. Und dann steht zum Spielzeit-Auftakt mit Benedict Andrews' Neuinszenierung von Mozarts "Cosi fan tutte" eine dicke SUV-Limousine aus der Bühne? Ausgerechnet der Herstellers, der "Global Partner" der Bayerischen Staatsoper ist? Nun denn. In der SZ erlebt Reinhard J. Brembeck immerhin einen "wundervoll leichten" Abend.
In der Zeit ärgert sich Peter Kümmel über sogenannte Theaterkritiker, die das Theater in Grund und Boden schreiben: "Es ist Abrechnungszeit: Man rächt sich für all die Stunden, die einem das Theater gestohlen hat. Gerade Autoren, die sich früher dagegen verwahrt hätten, Publikumszuspruch mit künstlerischem Erfolg gleichzusetzen, ja die dem Theater das Recht auf das Experiment, die Laborsituation, das Spiel vor kaum gefüllten Rängen ausdrücklich zusprachen, gerade solche Kritiker sprechen nun davon, dass lauter ihr persönlich-politischesSüppchen kochende, in Blasen lebende Theateroberlehrer die Häuser leer gespielt hätten. Und dass solches Theater niemand brauche."
Besprochen werden Christopher Aldens "raffinierte" Inszenierung von Alberto Franchettis Oper "Asrael am Opernhaus Bonn (FR), Martin Schläpfers "Dornröschen" an der Wiener Staatsoper (Standard, FAZ) und Michael Thalheimers und Kent Naganos Interpretation von Wagners "Fliegenden Holländer" an der Hamburgischen Staatsoper (SZ).
Besprochen werden Leander Haußmanns Inszenierung von "Einer flog über das Kuckucksnest" am inklusiven Rambazamba-Theater in Berlin (SZ), Marco Goeckes Choreografie "A Wilde Story" in Hannover (deren Witzlosigkeit FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster furchtbar gelangweilt hat), Martin Schläpfers "Dornröschen"-Ballett an der Wiener Staatsoper (Standard) und Michael Thalheimers "Fliegender Holländer" an der Hamburger Staatsoper (NMZ).
Das Volk knurrt, der Hersrcher bellt: Offenbachs "Barkouf" . Foto: Monika Rittershaus / Oper Zürich Max Hopp hat an der Oper Zürich Jacques Offenbachs schrille Opéra bouffe "Barkouf" inszeniert, in der ein Großmogul zur Demütigung des knurrenden Volkes einen Hund namens Barkouf als neuen Herrscher installiert. In der NZZ muss Christian Wildhagen zugeben, dass der Witz der Politsatire heute nicht mehr zündet, aber er findet das gar nicht so schlimm. Offenbachs Musik sei fantastisch, eine wertvolle Erweiterung des Repertoires: "Die Musik der insgesamt 18 Nummern entpuppt sich als sehr viel lyrischer als erwartet, die originale Orchestrierung ist erstaunlich nuanciert und meidet über weite Strecken alles Vordergründig-Knallige der bekannten Offenbachiaden, viele thematische Einfälle sind betörend schön und eingängig - ohne Frage: ein erstklassiger Offenbach. Wer jedoch einen Gute-Laune-Ohrwurm vom Kaliber des Cancans aus dem 'Orpheus' erwartet, geht an dem Abend leer aus - der Komponist hält es hier sowieso mehr mit dem Walzertakt."
Besprochen werden Michael Thalheimers Inszenierung von Wagners "Fliegendem Holländer" ("Diese Sinnlosigkeit zweieinhalb Stunden lang anstarren zu müssen ist sehr ermüdend", stöhnt Jan Brachmann in der FAZ) und Marco Goeckes Oscar-Wilde-Ballett in Hannover (SZ).
Schnitzlers "Professor Bernhardi". Foto: Britt Schilling / Theater Freiburg Etwas mehr Screwball-Witz hätte sich Nachtkritiker Jürgen Reuß in Amir Reza Koohestanis Freiburger Inszenierung von Arthur Schnitzlers Klinikdrama "Professor Bernhardi" gewünscht: "Was in den insgesamt gut zwei Stunden dann vor aufs Notwendigste reduziertem Bühneninventar verhandelt wird, hebt allerdings schnell vom Klinikserienplot ab in ein Lehrstück über die Geburt des Populismus auf der Leiche eines Mädchens. "Professor Bernhardi" ist ein zu tiefst zynisches Stück, dem das Leben einer schwangeren 14-Jährigen, die sich beim Versuch selbst abzutreiben eine tödliche Blutvergiftung zuzieht, nur als Sprungbrett in den politischen Intrigenstadl dient... Kurz: Wer in diesem Krankenhaus lebt oder stirbt ist unwichtig. Wichtig sind Ehrenkodex, Karriere, Politik, Opportunismus - das übliche Männerspiel, bei dem tote Frauen höchstens als Fleck auf der weißen Weste betrauert werden."
Besprochen werden Nora Schlockers Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals Trauerspiel "Der Turm" am Münchner Residenztheater ("in seiner Gegenwartsferne sehr nah findet FAZ-Kritiker Hinter Hintermeier; "ein unintelligibler, hohl tönender Abend", winkt Christine Dössel in der SZ ab), Anna Smolars Slapstick-Abend "Hungry Ghosts" in München (SZ), Stephen Sondheims makabre Operette "Sweeney Todd" am Mainzer Staatstheater (FR), Leos Janaceks "Katia Kabanova" in Genf (FAZ) und Brigitte Fassbaenders Inszenierung von Rossinis "Barbier von Sevilla" in Meiningen (NMZ).
Bild: Stefanie Reinsperger als Thomas Bernhards "Theatermacher". Foto: Matthias Horn / Berliner Ensemble Geschlossen liegen die KritikerInnen der Wucht von Stephanie Reinsperger zu Füßen, die Thomas Bernhards menschenverachtenden, sadistischen "Theatermacher" in der Inszenierung von Oliver Reese am Berliner Ensemble gibt. "Die grandiose, mit allen Registern des robusten Rampenspiels ausgestattete Stefanie Reinsperger … spielt den Bruscon von Beginn an authentisch unangenehm", schreibt Simon Strauss in der FAZ: Sie "dampft und dröhnt, sie schmiert sich an und lässt ihrem Ressentiment ungehemmt Lauf - gegen Frauen auf der Bühne ('Theaterhemmschuh'), gegen die Dummheit der Provinz (eine gefährliche 'Kunstfalle'), gegen die Tonart anderer Schauspieler ('die sprechen so, dass es einer Sau graust'). Einmal wirft sie sich urplötzlich flach auf den Boden, ein anderes Mal bekommt sie Szenenapplaus für die Zertrümmerung eines armen Campingtisches." Zugleich zeigt sie auch "die zarte Seele im Widerling, die heillose Verlorenheit im Genie-Irrsinn, den Künstler als armes Würstchen", ergänzt Peter Laudenbach in der SZ und erklärt: "Dass der Theatermacher und Theatermacker hier von einer Schauspielerin dargestellt wird, ist keinGendertheorie-Ausrufezeichen, auch keine irgendwie ironische Brechung, sondern einfach ein Spiel."
Reeses Inszenierung kommt indes nicht ganz so gut weg, etwa bei Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung: "Tatsächlich wirkt alles an dieser unfassbar biederen Inszenierung wie im Peymann-Theater. Nur eine macht den Unterschied. Das hilft." Im Tagesspiegelerinnert Rüdiger Schaper: Es "kann gar nicht bezweifelt werden, dass Peymann das Vorbild war. Und Stein. All die Theaterkracher der guten alten Zeiten stecken in Bernhards Horrorfigur."
Außerdem: In der FAS fragt sich der Film- und Opernregisseur Jan Schmidt-Garre, weshalb ein Großteil des Publikums Dmitri Tcherniakovs "Ring" an der Berliner Staatsoper (Unsere Resümees) durchfallen ließ: Weil er den "Code der Oper" nicht nutzte, meint Schmidt-Garre. Besprochen werden Matthias Faltz' Inszenierung von Rainer Dachselts "Nachverdichtung" an der Berliner Volksbühne (FR), Leander Haußmanns Inszenierung von "Einer flog über das Kuckucksnest" mit dem inklusiven Berliner Rambazamba-Theater (Berliner Zeitung, nachtkritik) und das Doppelstück "A Plot / A Scandal" der Choreografin Ligia Lewis im Hebbel am Ufer (Tagesspiegel).
Stefanie Reinsperger als Thomas Bernhards "Theatermacher". Foto: Matthias Horn / Berliner Ensemble Am Berliner Theater hat Oliver Reese Thomas Bernhards "Theatermacher"-Wutschwall inszeniert, als Solo für die Schauspielerin Stefanie Reinsperger. Nachtkritiker Janis El-Bira hat zwei Stunden Dauer-Crescendo mehr oder weniger unbeschadet überstanden: "Ein Untergeher, der alle mitreißt in eine dampfende Frittatensuppe, deren Fettaugen ihn würgen lassen. Ein armes Blutwürstchen aber auch, das nebenher Toilettenpapierrollen vom Stapel klaut und schluchzt und greint, wenn es an die angeblich glorreiche Theatervergangenheit, vor allem aber an den Ort der letzten Triumphe denkt: Gaspoltshofen. Wie Reinsperger das immer wieder sagt, Gaspoltshofen, als sei's New York oder besser noch Wien, das transportiert die ganze Kümmerlichkeit des Uneinsichtigen in einem einzigen Wort. Man steht erschlagen vor dieser Volldampf-Virtuosität, diesem achterbahnfahrenden Schauspiel-Superlativismus, der noch jeden Satz, jede kleine Geste steigen und stürzen lässt, der überall und alles zugleich sein kann. Die Kehrseite dieses atemberaubenden Spiels ist die Macht, mit der es sich seine Figuren unterwirft. Gibt es im Granteln des Bernhard-Theatermachers nicht auch einen Moment des authentischen Leidens am selbstgesteckten Maßstab der Kunstproduktion?"
Kevin Hanschke besucht für die FAZ die Proben zu Schnitzlers "Professor Bernhardi" in Freiburg, bei denen der Iraner Amir Reza Koohestani Regie führt: "'Die Theaterszene liegt im Iran am Boden. Kunst gibt es keine mehr. Selbst die freie Szene im Untergrund ist am Ende', sagt er. Übermorgen, am 23. Oktober, wird er nach Teheran zurückfliegen, wo er lebt. Normalerweise toure er in dieser Zeit mit seiner Theaterkompanie 'Mehr' durchs ganze Land, den Nahen Osten und die Welt. Aber jetzt ist ihm das nicht möglich. Warum 'Professor Bernhardi'? Seit Jahren interessiere ihn das Stück von Schnitzler, sagt Koohestani, denn es enthalte alle Konflikte, die das Mullah-Regime provoziere - die Frage nach der Legalität einer Abtreibung, der Wille nach Freiheit und die daraus folgende Unterdrückung der Wahrheit."
Im Standard kann Margarete Affenzeller den vielzitierten Publikumsschwund nicht generell feststellen, zumindest nicht für Theater in Wien oder Graz. Aber klar, die Konkurrenz um das Publikum werde härter: "Jetzt kommen noch der hippe Nichts-kaufen-Trend sowie Preissteigerungen hinzu. Aber Theaterpublikum ist hart gesotten, und die goldene Zeit des Streamings, wie man hört, auch vorbei."
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