Szene aus "Hyäne Fischer". Bild: Elsa Okazaki. Trotz viel Bombast, Wasser und Vagina-Vulkan auf der Bühne kommen die KritikerInnen ziemlich übellaunig aus Marlene Engels feministisch-aktivistischer Inszenierung von Lydia Haiders "Hyäne Fischer - Das totale Musical" an der Berliner Volksbühne. Nachtkritikerin Stephanie Drees seufzt nach der "Dämmerung der Matriarchinnen": "Mit Lydia Haider, der Königin des fein sezierenden Blicks auf beidseitig panierte Identitätsfolklore, ist eigentlich eine starke Autorin am Werk - deren lyrische Wut-, Revolutions-, Schimpf-, und Schnitzeltiraden an diesem Abend leider verpuffen." Mit dieser "Stumpfsinnshölle" hat sich die Berliner Volksbühne blamiert, schimpft Peter Laudenbach in der SZ, obwohl er der Vorlage des Stückes einiges abgewinnen konnte: "Mit der Kunstfigur Hyäne Fischer recyceln die als Regisseurin hilflos dilettierende Musik-Kuratorin Marlene Engel, die Libretto-Lieferantin Lydia Haider und die musikalische Leiterin Eva Jantschitsch einen Scherz, den die Wiener Burschenschaft Hysteria, ein feministisches Satireprojekt, 2019 inszeniert hat. Damals stellten sie ein lustiges Musikvideo ins Netz, in dem sich eine Hyäne Fischer mit einem Schlager im Helene-Fischer-Stil für den Eurovision Song Contest bewirbt: 'Im Rausch der Zeit bist Du bereit'. Der Film zeigt die Künstlerin im Eva-Braun-Look im Berghof-Ambiente, die Herren- beziehungsweise Damenrasse in der Sommerfrische - schöne Grüße vom Obersalzberg."
Zu wenig Humor und zu viel "aktivistische Agenda" attestiert auch Rüdiger Schaper im Tagesspiegel dem Stück: "Pollesch-Passagen flackern auf. Dann wieder klingt 'Hyäne Fischer' irgendwie nach Altem oder Neuem Testament, mehr Oratorium als Musical." "Originell ist hier nichts, eher brachial brechstangig", stöhnt indes Stefan Hochgesand in der Berliner Zeitung: "Wenn Theaterleute argumentieren, wie systemrelevant sie seien für den gesellschaftlichen Diskurs im Lande, sollten sie 'Hyäne Fischer - Das totale Musical' besser unter den Teppich kehren oder mittels Hebebühne in den Keller versenken." "Ein erhebender Abend fürs Gemüt", kommentiert immerhin Margarete Affenzeller im Standard beim Anblick skalpierter Nazis amüsiert: "'Hyäne Fischer' ist vieles zusammen: eine vertonte Kampfschrift, ein Horrormärchen, vor allem aber Exerzitien im Revuekleid, die einer zu überwindenden Gegenwart gelten."
Besprochen wird das bundesweite Festival "Zeit für Zirkus" (taz), Marlene Anna Schäfers Inszenierung von Amanda Lasker-Berlins "Ich, Wunderwerk und How much I love disturbing content" am Theater Aachen (nachtkritik) und David Dawsons neue Fassung von Sergej Prokofjews "Romeo und Julia" (FAZ).
"Schön und aufrecht, Haltung bewahrend" und durch und durch feministisch - so sahFR-Kritikerin Sylvia Staude die Choreografin Wen Hui mit ihrer "offensichtlich fitten und gut gelaunten Mutter" tanzend beim Tanzfestival Rhein-Main: "Die ältere Frau führt, denn das konnte sie schon immer richtig gut, sagt sie, ihr Mann dagegen nicht. Er ist auf einem Familienbild zu sehen, das zur Hochzeit entstand, aber Männer spielen in 'I am 60', das stark mit Projektionen, auch mit Ausschnitten aus alten chinesischen Filmen arbeitet, keine Rolle - außer, dass Frauen ihre Gewalt zu ertragen haben."
FAZ-Kritiker Simon Strauß hat immer noch die Stimme von Oskar Werner im Ohr, der Max Ophüls' Bearbeitung von Goethes "Novelle" liest, "diesen feinfühligen, zwischen Vergeblichkeit und Stolz changierenden Singsang" des vor hundert Jahren geborenen österreichischen Schauspielers. "Auf Youtube gibt es einen dreiminütigen Ausschnitt aus diesem legendären Hörspiel, das der Filmregisseur Ophüls 1954 als musikalisch unterlegte Anschauung einer Welt inszenierte, die ihre Beherrschung verloren hat. Vor sechs Jahren hat es der Westdeutsche Rundfunk noch einmal ausgestrahlt, der Hörverlag hält dieses einzigartige Tonkunststück lieferbar. Und so kann man heute also noch einmal hören, wie dieser Erzähler mit seiner Stimme das fromme Lied vom Kind anklingen lässt, als wäre es wirklich ein 'himmlischer Gesang'. ... Wo bei anderen ein gerolltes 'r' nur nach Aufmerksamkeit heischt, wo ein Weghauchen der letzten Silben manieriert und künstlich wirkt - hier, in Werners bewegender Vertonung von Goethes letztem Prosastück, hat all das seine Berechtigung. Wird Kunst durch Kunst groß gemacht."
Besprochen wird außerdem "Ariadne auf Naxos" an der Wiener Staatsoper, mit Camilly Nylund, die gerade mit dem Lotte-Lehmann-Gedächtnisring ausgezeichnet wurde, in der Titelrolle (Standard).
Besprochen werden Stephan Kimmigs Inszenierung von Nikolai Rimsky-Korsakows Oper "Der goldene Hahn" in Weimar ("Ganz großes Musiktheater, bei dem die Kategorien von Erfüllung und Sublimation zerfließen", erlebt der begeisterte nmz-Kritiker Roland H. Dippel), Wagners "Meistersinger" in der Inszenierung von Johannes Erath an der Oper Frankfurt (ein Beispiel für "überragende Ensemblepolitik", lobt Wolf-Dieter Peter in der nmz), der "Hamlet"-Tag in Hildesheim mit einer Uraufführung von Fredrik Schwenks Choreografie "Ambleto" (nmz) und Ingo Kerkhofs Inszenierung von Hauptmanns "Michael Kramer" in Wiesbaden (FR).
Seit die NZZ dem Zürcher Schauspielhaus vorwarf, mit seiner Wokeness das Publikum zu vergraulen (mehr hier), steht das "Schuldtheater" in der Diskussion. Im NZZ-Interview mit Benedict Neff und Ueli Bernays verteidigt Regisseur Milo Rau das Haus: "Wenn ich zum Beispiel das Wort 'woke' nur geflüstert höre, schlafe ich ein. Man kann einen Kampf für die Vergangenheit nicht gewinnen. Seit es das Theater gibt, fährt es künstlerisch und intellektuell vor seiner Zeit. Es zertrümmert, es versucht, es versöhnt, es blüht. Ein Stadttheater darf nicht die Tradition pflegen, es muss Avantgarde sein... Die Wahrheit ist doch: Schiller, Goethe, Schnitzler, Dürrenmatt und all die anderen Klassiker, die man unbedingt ungekürzt sehen will, haben tolle, aber in Wahrheit erzieherische Stücke geschrieben. Die Stücke, die man ungekürzt sehen will, sind Erziehungsstücke. Man will die Schiller-Peitsche aus dem 18. Jahrhundert, aber die gibt's eben im 21. Jahrhundert nur noch an der Uni. Stemann hat gerade den ganzen 'Faust' aufgeführt, zum Glück modernisiert. Schiller und Goethe waren nämlich ober-'woke', das würden Sie im Original gar nicht aushalten. Deshalb machen wir etwas anderes."
Weiteres: Alexander Menden freut sich in der SZ mit dem Schauspiel-Intendanten Stefan Bachmann, dass sich Köln-Mühlheim als wunderbaren Standort für städtisches Theater entpuppt hat.
Die Meistersinger und ihre Gesellen. Bild: Monika Rittershaus / Oper Frankfurt In Frankfurt haben Regisseur JohannesErath und Dirigent Sebastian Weigle Wagners "Meistersinger von Nürnberg" neu auf die Bühne gebracht. Musikalisch lässt FR-Kritikerin Judtih von Sternburg auf die Inszenierung nichts kommen: "Jedenfalls ist das Ergebnis federnd strahlend im Detail. Feines Gewirk statt Klangmasse, das glänzend aufgelegte Orchester bietet das komplette Gegenteil einer Ohrenbetäubung... Es geht in Frankfurt nicht um Kleinformat, es geht um Transparenz. Das Pathetische, weitgehend selbst das ironisch Gravitätische hat sich verabschiedet, nicht weil die Musik banalisiert, sondern weil sie sublimiert wird." In der FAZ jubelt Jan Brachmann auch über die Inszenierung: "Das Stück hat uns mit seiner Geschichte über eine traurige, ausweglose Liebe, aber auch dem Streit darüber, was gute Kunst sei, noch viel zu sagen. Am Ende hält Hans Sachs seine berüchtigte Ansprache über das, 'was deutsch und echt' in der Kunst sei, vor dem geschlossenen Vorhang. Beckmesser steht ihm bei. Im bunten, vielfältigen Volk hinter ihnen ist für beide kein Platz mehr. Ihre Kunstanschauungen sind nicht inklusionsfähig. Zum Nachspiel leuchtet über dem Volk das Wort 'Germania' auf, bis die drei ersten Buchstaben verlöschen. Wenn man also, 'was deutsch und echt', aus der bunten Vielfalt streicht, bleibt 'mania' übrig. Wahnsinn, diese tollkühne Inszenierung!"
Besprochen werden Emre Akals "Göttersimulation" an den Münchner Kammerspielen (SZ), Dušan David Pařízeks Inszenierung von Anne Webers "Annette, ein Heldinnenepos" am Schauspiel Stuttgart (taz), Jonathan Meeses neues Stück "Barrier Reef" (in der Welt grübelt Jacob Hayner noch immer, was ihm diese "Mischung aus clowneskem Nazi-Karaoke, öffentlicher Therapiesitzung und absurder Propaganda-Dauerschleife" sagen soll) und Fritz Wittenbrinks "Pippi Langstrumpf" an der Komischen Oper Berlin (Tsp, FAZ, Nachtkritik).
Mit dreifacher Annette: Anne Webers "Heldinnenepos" am Schauspiel Stuttgart. Foto: Thomas Aurin Dušan David Pařízek hat am Schauspiel StuttgartAnne Webers Roman "Annette, ein Heldinnenepos" auf die Bühne gebracht. In der SZlobt Adrienne Braun die dichte und temporeiche Inszenierung, in der drei Schaupielerinnen die französiche Kommunistin Annette Beaumanoir geben, die erst für die Resistance, dann für die algerische Unabhängigkeit kämpfte: "Pařízek hat eine Textfassung erstellt, die keinen Zweifel an der Stärke von Webers Sprache lässt. Sie besticht nicht nur durch Treffsicherheit, sondern auch durch eine verführerische Ironie, hinter der Gewalt, Tod und Verlust umso schmerzlicher aufblitzen."
In der Nachtkritikzeigt sich Steffen Becker weniger zufrieden: "Gerne wäre man tiefer in die psychologische Ebene eingestiegen. Wie verarbeitet Annette die Unvereinbarkeit von Familienleben und Revolution (sie verlässt die Kinder, weil sie vor einer Haftstrafe flieht), wie erlebt sie den Konflikt zwischen konkreter Handlung und abstrakter Ideologie (sie rettet Juden vor den deutschen Besatzern gegen die Anweisung ihrer Führungskader), wie kämpft sie mit der Einsamkeit, als sie erkennt, dass sie für eine Unabhängigkeitsbewegung arbeitet, die ebenfalls foltert und Gegner beseitigt?"
Besprochen werden ein Volksbühnenabend in Erinnering an den Schweizer Regisseur Benno Besson, den Bertolt Brecht 1949 in die DDR holte und der dort das aufregendste Theater des Landes machte, bis er entnervt von der DDR-Bürokratie das Land verließ (SZ), Jonathan Meeses dröhnendes Stück "Barrier Reef" im Wiener Volkstheater (Standard), ein Chopin-Abend des Choreografen Stephan Thoss in Mannheim (FR) und Ibsens "Nora" am Vorarlberger Landestheater in Bregenz (Standard).
Eine Countryoper ist "Burt Turrido", vom Nature Theater of Oklahoma im Berliner Hau aufgeführt, nur insofern, als die Sänger in voller Cowboykluft regelmäßig in Line Dances ausbrechen. Inhaltlich ist es eine "wilde Mischung aus dutzenden Stories", erklärt eine amüsierte nachtkritikerin Gabi Hift, die eigentlich nur eines auszusetzen hat: "Ein Grundprinzip der Truppe ist, dass hier zwar lauter Profis auf der Bühne stehen - aber nicht in dem Fach, das sie gerade präsentieren. Genau in dem Spalt, der sich zwischen ihren Fähigkeiten und dem ergibt, was man in der Hochkultur zum Beispiel von einem Opernsänger erwarten würde, soll sich etwas offenbaren, eine Art Wahrhaftigkeit. Das Problem dieser Produktion ist: Die Darsteller:innen sind diesmal zu gut. Bence Mezei, der den mörderischen Ehemann von Emily spielt, kann wirklich tanzen. Als knackiger Cowboy mit arschfaltenkurzer Jeansshorts, speckigem Hut und Pornobürste beherrscht er Sprünge, Schuhplattler, Schnalzer und Schnörkel mit seinen flinken Füßen, dass einem die Augen schnackeln - und er erreicht im Tanz eine Dimension an Freiheit, bei der man sieht, dass hochprofessionelles Können eben doch eine eigene Qualität hat." In der Berliner Zeitung ist Doris Meierheinrich unentschieden. Auch wenn es ihr gut gefallen hat, wurden ihr die vier Stunden etwas lang.
In der NZZresümiert Benedict Neff den Streit ums Zürcher Schauspielhaus, dem vorgeworfen wird, mit zu "woken" Inszenierungen das bürgerliche Publikum abzuschrecken. Nachdem er eine Woche jeden Abend im Theater war, resümiert Neff: Von Diversity keine Spur. "Es ist kein Stadttheater für alle, sondern ein Selbstbestätigungsvehikel für ein überschaubares Milieu - und eine Erziehungsanstalt für die Mehrheit. Der Anspruch dieses Theaters sollte eine Offenheit sein, die hin und wieder auch die eigenen ideologischen Muster infrage stellt und nicht bloß versucht, die eigene Haltung propagandistisch zu verbreiten. Dann nähme es das Publikum auch eher in Kauf, gelegentlich als Ödipus nach Hause zu marschieren." Und auch die Leitung in Person von Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg findet er nicht gerade divers, wobei ihn das noch am wenigsten wundert: "Alle und alles zu fördern, was nicht männlich und weiß ist, ist ein probates Mittel, um als weißer Mann im linken Milieu - aber nicht nur da - an der Macht zu bleiben."
Besprochen werden Núria Guius Choreografie "Cyberexorcism" beim Tanzfestival Rhein-Main (FR), Ingo Kerhofs Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Künstlerdrama "Michael Krämer" in Wiesbaden (nachtkritik), Nina Mattenklotz' Inszenierung von Wolfram Lotz' "Das Ende von Iflingen" am Theater St. Gallen (nachtkritik), Strauss' "Rosenkavalier" am Théâtre de la Monnaie in Brüssel (nmz), Somtow Sucharitkuls Oper "Helena Citrónová" in Hof (nmz) und Günther Rühles Band "Theater in Deutschland 1967 - 1995" (Tsp).
In der NZZdenkt Lilo Weber darüber nach, wie eine Reform des von Missbrauchsvorwürfen gezeichneten klassischen Balletts aussehen könnte. In der SZ erzählt die Schriftstellerin Kristen Roupenian, wie sehr sie Lars Eidinger in Thomas Ostermeiers "Hamlet"-Inszenierung, die sie in Brooklyn gesehen hat, beeindruckte.
Besprochen werden ein Auftritt des Griessner Stadls mit Elfriede Jelineks Frauenmördermonolog "Moosbrugger" im Studio Mahlerstraße in Wien (Standard), Marco Goeckes Choreografie "A Wilde Story" am Opernhaus Hannover (taz) und Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung von Hindemiths "Cardillac" an der Wiener Staatsoper (Standard).
Regine Müller hat für den Tagesspiegel in der Bonner Bundeskunsthalle die Schau "Die Oper ist tot - Es lebe die Oper!" besucht. Dem Ausstellungstitel wird sie nicht gerecht, meint sie, es geht hier eher um Nostalgie und Rückschau. Die werden dafür überaus opulent inszeniert in dieser Schau, "die sich von den Anfängen der Oper im Florenz Ende des 16. Jahrhunderts in großen Sprüngen bewegt und mittels multimedialer Aufbereitung via Audio-Guide auch viele akustische und filmische Leckerbissen bietet. Schlaglichtartig beleuchtet werden die Zeiten der Gattung, als Opernhäuser vor allem Neues produzierten, umstrittene und bejubelte Uraufführungen herausbrachten und damit Musikgeschichte schrieben. So gesehen wird aus der limitierten Sicht unter Ausblendung der Gegenwart eine konsequente Dramaturgie, wird doch heute überwiegend Repertoire gespielt, während neue Opern rar sind, und häufig nach der ersten Aufführungsserie auf den Friedhof der Uraufführungen umgebettet werden."
Im Interview mit dem Van Magazin erklärt der Dirigent Iván Fischer, warum er mit dem Regietheater an der Oper nicht viel anfangen kann und lieber selbst inszeniert: "Mich interessiert die Einheit von Musik und Theater, die total organische Einheit - eigentlich das, was auch das Ziel von Wagner oder Monteverdi war: dass Wort und Musik das gleiche ausdrücken. Ich finde die Konvention an den Opernhäusern, was da in den letzten 50 Jahren gemacht wurde und wird, eher schwierig. ... Diesen Betrieb mit einem Regisseur und einem Dirigenten an der Spitze finde ich total veraltet. Man verteilt die Rollen so, dass der Dirigent verantwortlich ist für die Partitur wie ein Hohepriester, der für die Bibel sorgt - und der Regisseur ist verantwortlich für die Erneuerung des Stoffes, damit das Publikum einen modernen Zugang hat." Das Resultat sei dann "in der Regel zwar visuell erneuernd, aber akustisch konservativ. Weg damit! Für mich ist das eine uninteressante Lösung." (Auch die FAZ hat Fischer heute interviewt.)
Den Hornisten und Dirigenten Sebastian Weigele, der in Frankfurt gerade die "Meistersinger" dirigiert, stört es dagegen nicht, wenn auf der Bühne ein anderes Kopfkino abläuft als im Orchestergraben, erklärt er im Interview mit der FR: "Für mich ist das Wichtigste, dass sich meine musikalische Interpretation mit den akustischen Gegebenheiten deckt. Wenn Inszenierung und Bühnenbild für mich stimmen, bin ich noch glücklicher. Ein kluger Regieeinfall kann mich ja auch musikalisch auf eine andere Idee bringen."
Nach Antisemitismusvorwürfen, die die Ruhrbarone ausgegraben hatten, wird die britische Dramaturgin Caryl Churchill jetzt doch nicht mit dem "Europäischen Dramatiker:innen Preis" ausgezeichnet, meldet Christine Dössel in der SZ. "Die Jury, die sich im April für die 84-Jährige als Preisträgerin entschieden hatte, habe nach erneuter Beratung beschlossen, 'ihre Entscheidung zurückzuziehen' und den Preis 'zu ihrem großen Bedauern' in diesem Jahr nicht zu verleihen. Der Grund: Die Jury habe inzwischen Kenntnis von Unterschriften der Autorin im Zusammenhang mit der Israel-Boykottbewegung BDS. Außerdem gebe es von Churchill das Stück 'Seven Jewish Children', das antisemitisch wirken könne - wie die Jury nun offenbar erst im Nachhinein herausgefunden hat. Das Mini-Stück (mit dem Untertitel 'A Play for Gaza') ist von 2009." Im Gespräch mit Dlf Kultur wundert sich der Theaterkritiker Christian Gampert: "Wenn man jemanden hervorgehoben für seine politische Haltung auszeichnet, dann sollte man diese Haltung auch kennen."
Weitere Artikel: In der tazberichtet Katja Kollmann vom "Festival der Dinge" in Berlin. In der nachtkritikresümiert Valeria Heintges den Streit um das Zürcher Schauspielhaus, das Zuschauer verliert, die offenbar das woke Programm nervt. Laut Heintges ist die Kritik aggressiv, gelegentlich sogar rassistisch. Sie hält den jetzigen Kurs für "alternativlos", gibt aber zu, dass das Angebot für das traditionelle Publikum erweitert werden könnte.
Besprochen werden Steffen Schleiermachers Choreografie "Siegfried - eine Bewegung" am Theater Braunschweig (nachtkritik) und das Musical "The Last Five Years" am Staatstheater Darmstadt (FR).
taz-Kritiker Tom Mustroph bedauert ein wenig, dass beim Kosovo Theatre Showcase in Prishtina das "Handke-Projekt" des kosovarischen Autor Jeton Neziraj alle anderen Produktionen in den Schatten stellte. Neziraj zeichnet Handke darin, zumindest Mustroph zufolge, als eine Mischung aus Peter Pan und Joseph Goebbels: "Beim Publikum wird ein Nerv getroffen. Besonders in der Schlusssequenz wird dies deutlich. Das aus Schaupieler*innen aus dem Kosovo, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Italien und Frankreich bestehende Ensemble skandiert 'Fuck Handke, Fuck Milošević, Fuck Swedish Academy'. Und der halbe Saal stimmt enthusiastisch ein. Es ist eine Stimmung wie im Fußballstadion. So befremdlich dieser Griff in den Sprachbaukasten von Hooligans einerseits wirkte, so sehr verdeutlichte die Reaktion des Publikums andererseits, wie sehr sich die kosovarische Gesellschaft durch Handke verletzt fühlt."
Besprochen wird Jacques Offenbachs Irrsinnsoper "Barkouf" in Zürich (SZ).
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