In der NZZschildert Christian Wildhagen, wie vehement der Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Uwe Eric Laufenberg, das Engagement Anna Netrebkos für die Rolle der Abigaille in Verdis "Nabucco" verteidigt. Leicht ist es nicht: "Das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst bezeichnete die Einladung Netrebkos auf Anfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung inzwischen als 'unangemessen' und nannte ihr Engagement eine 'Provokation' all derjenigen, 'die unter den täglichen Angriffen Russlands auf die Ukraine' zu leiden hätten 'oder bei uns davor Schutz suchen'. ... Laufenberg und das Hessische Staatstheater halten jedoch an dem geplanten Engagement Netrebkos fest. Das passt zum bisherigen kulturpolitischen Kurs des streitbaren Intendanten, der schon während der Corona-Pandemie angesichts von Aufführungsverboten und Theaterschliessungen immer wieder vehement auf die vom deutschen Grundgesetz garantierte Freiheit der Kunst gepocht hatte."
Weiteres: Susanne Lenz unterhält sich für die Berliner Zeitung mit Barrie Kosky über dessen Inszenierung von "La Cage aux Folles" an der Komischen Oper und die queere Szene. Rahel Zingg berichtet in der NZZ über die Generalversammlung des Schauspielhauses Zürich, die den Geschäftsbericht der Spielzeit 2021 und 2022 vorlegte, der einen Verlust von 2,05 Millionen Franken aufweist.
Besprochen werden Nicolas Stemanns Adaption von Kamel Daouds Roman "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung" fürs Schauspielhaus Zürich ("ine mehrfach verspiegelte Sache", grübelt nachtkritiker Andreas Klaeui), Christa Wolfs "Der geteilte Himmel" als Musical am Theater Schwerin (Vielleicht etwas unterkomplex, aber "Erfolgreich ist das Ergebnis zu nennen, weil es das Theater füllt", findet Arndt Voß in der nmz), Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" an der Hamburgischen Staatsoper (Ute Schalz-Laurenze lobt in der nmz das exzellente Orchester unter Kent Nagano und den Chor, Regisseurin Angelina Nikonova erzähle immerhin gut und spannend, wenn auch etwas unklar), Andrea Moses' Inszenierung des Kaiser-Weill-Wintermärchens "Der Silbersee" am DNT Weimar (dieser Silbersee "glänzt mit einem Sarkasmus, der wie Lack einen ätzenden Pessimismus überlagert", lobt Roland H. Dippel in der nmz), Ayad Akhtars "The Who and the What" am Berliner Renaissance-Theater (Tsp), Antonín Dvoráks Oper "Rusalka" in Wiesbaden (FR), Leonie Böhms Inszenierung "Schwestern" am Schauspielhaus Zürich (FAZ), Peter Konwitschnys Inszenierung von Giuseppe Verdis Oper "Die Macht des Schicksals" am Musiktheater Linz (FAZ) und Philipp Stölzls Inszenierung von Finegan Kruckemeyers Stück "Der lange Schlaf" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (FAZ).
Seit Jahrzehnten arbeitet sich Niklas Frank an seinem Vater Hans Frank ab, dem berüchtigten Generalgouverneuer von Polen, der als Herr der deutsche Besatzung die Ermordung von Millionen Polen und Juden organisierte. Für die SZ begleitet Josef Wirnshofer den unglücklichen Sohn für eine seltsam morbide Aufführung nach Turin. Zusammen mit dem Komponisten Erik Battaglia hat Niklas Frank ein triviales Ständchen weitergearbeitet, das Richard Strauss dem NS-Verbrecher einst gewidmet hatte: "Cello und Bratsche umspielen sich, die Geigen greifen das Strauss-Thema auf, setzen immer wieder Pausen, Diego Maffezzoni rezitiert dazu Niklas Franks Text. Er spricht die Worte in die Stille hinein: "'Wer tritt herein, so Geistes blank? Es ist der Massenmörder Frank. Wie Beelzebub von Gott gesandt, hat die Moral er abgebrannt. Drum ruf ich Heil! und tausend Dank dem lieben Judenschlächter Frank.' Der Sänger heizt seinen Ton immer weiter auf, 'wer wurde schnell zum Polen-butcher, es ist Hans Frank, der Nazi-Lutscher' noch weiter, 'wir Deutschen haben das verdrängt, wofür Hans Frank wurd' aufgehängt'. Die Streicher klingen bedrohlicher, chaotischer, 'wer kommt herein vor Wut ganz krank, der Sohn ist's von Minister Frank', und erst ganz am Schluss beginnt der Bariton zu singen. 'Bis heute bin ich hoch geehrt und von Orchestern sehr begehrt', er wird lauter, 'drum sage ich dem Himmel Dank, bin stets zu Diensten jedem Frank'. Dann ist Stille."
Weiteres: In der SZ berichtet Reinhard Brembeck vom Streit in Wiesbaden um einen Auftritt Anna Netrebkos bei den Maifestspielen, wo Opernintendant Uwe Eric Laufenberg den umstrittenen Star zur Schlüsselfigur in der westlichen Selbstbehauptung stilisiert.
Besprochen werden Lydia Steiers Inszenierung von - ja- Richard Strauss' "Rosenkavalier" (die NZZ-Kritiker Christian Wildhagen gleichwohl als erhellend und ironisch zugleich feiert), Leonid Andrejews russisches Revolutionsdrama "Hinauf zu den Sternen" am Theater Freiburg (FAZ), Angelina Nikonovas Inszenierung von Dmitri Schostakowitschs Oper ""Lady Macbeth von Mzensk" in Hamburg (FAZ), Maria Lazars "Die Eingeborenen von Maria Blut" am Wiener Akademietheater (SZ), Yana Ross' Inszenierung von Tschechows "Iwanow" (die SZ-Kritiker Peter Laudenbach schnell vergessen möchte) und Performances des französischen Choreografen Jérôme Bel im HAU (Tsp).
Bianca Andrew und Michael Porter in "Blühen". Foto: Barbara Aumüller/Oper Frankfurt
Brigitte Fassbaender hat an der Oper FrankfurtVito Žurajs Oper "Blühen" uraufgeführt, mit einem Libretto von Händl Klaus nach Thomas Manns Erzählung "Die Betrogene". Es geht um eine ältere Frau, die sich nach dem Tod ihres Mannes in den Klavierlehrer ihres Sohnes verliebt. Als ihre Periode wieder einsetzt, denkt sie, es liege an der Liebe, dabei ist sie an Krebs erkrankt. In der FR ist Judith von Sternburg bewegt und berührt: "Der Übergang von Geräusch zu Musik, von Melodielinie zu Gemurmel, von menschlicher zu instrumentaler Stimme, auch vom gesprochenen zum gesungenen Wort ist gleitend - was zum Raum passt, der ja auch zugleich ein Innen und ein Außen zeigt -, das Spektrum der Klangerzeugung ist breit. Auffällig dabei die Behutsamkeit, die wachsende Stille. Sterben ist totale Defensive. Exaltiertheit wird allein (zunächst) der Tochter Anna zugeschrieben, Nika Goric bei ihrem Hausdebüt, die in extreme Höhen muss und eine unerwartete, aber interessante Aggressivität bietet."
In der FAZ begeistert sich auch Jan Brachmann für so viel Mut zum Neuen - und für Žurajs Komposition, auch wenn sie mit den seit Schostakowitsch notorischen Posaunenglissandi arbeite: "Die genitale Mechanik wird musikalisch eher diskret gestreift als unverblümt abgebildet. Stattdessen entsteht - taktvoll austariert durch Michael Wendeberg - eine instrumentale Poesie des Taumels. Die Menschen verlieren die Schwerkraft." In der SZschwankt Helmut Mauró zwischen Faszination und gepflegter Langeweile, denn so leicht lasse sich eine Erzählung nicht in Musiktheater transformieren: "Interessanter noch, aufregend, stimmig ist der orchestrale Unterbau, die oft sublime Stimmungsmaschine dieses zwischen Melancholie und Hysterie changierenden Psychotheaters. Im Orchestergraben wird's Ereignis, dort zupfen, schlagen, streichen und tröten munter engagierte Spitzenmusiker des Ensemble Modern unter Leitung von Michael Wendeberg sich jene weite Welt zusammen, die auf der Bühne selber, zumal im tragenden Part, dem Gesang, selten aufscheint."
Boris Charmatz' "Frühlingsopfer". Bild: Tanztheater Wuppertal Boris Charmatz hat seine ersten Abend als Leiter des Wuppertaler Tanztheaters gestaltet. Nicht alles scheint gelungen, aber wenn die beiden Tänzerinnen Malou Airaudo und Germaine Acogny mit ihrer majestätischen Bühnenpräsenz den Stab an die nächste Generation weitergeben, ist FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster elektrisiert: "Diese nächste Generation zeigt am Ende des Abends, dass sie das Sprichwort, wonach man Feuer weitergeben, nicht Asche anbeten soll, wenn es um Tradition geht, verstanden hat. Das afrikanische Tanzensemble, das Pina Bauschs 1975 geschaffene Strawinsky-Choreographie 'Le Sacre du Printemps' tanzt, muss man gesehen haben, es ist besser als jede andere Besetzung, rauer, nüchterner, brutaler gegen sich selbst, ein Wunder an Unerschöpflichkeit, Präzision und Upbeat."
Besprochen werden Saar Magals Tanzstück "10 Odd Emotions" in Frankfurt (taz), Peter Konwitschnys Inszenierung von Verdis "Macht des Schicksals" in Linz (über die Stefan Ender im Standard Jubel und Freude zu Protokoll gibt), ein Musical nach Christa Wolfs Roman "Der geteilte Himmel" in Schwerin (das Welt-Kritiker Stefan Grund als insgesamt starkes, bewegendes Musiktheater lobt), Ulrich Rasches Inszenierung von Büchners "Leonce und Lena" und Yana Ross' Aufführung ovn Tschechows "Iwanow" (FR) und Maria Lazars "Die Eingeborenen von Maria Blut" am Wiener Akademietheater (FAZ).
Sozialrevolutionäre oder Wutbüprger? Büchners "Leonce und Lena". Foto: Arno Declair Wenn Ulrich Rasche Georg Büchners "Leonce und Lena" am Deutschen Theater in Berlin inszeniert, dann natürlich nicht als ironisch-romantische Komödie, sondern als Aufmarsch von Höllengeburten, die dem Publikum Kriegserklärungen einprügeln, stöhnt Peter Laudenbach in der SZ: "Was klingt wie aktuelle Wutbürger-Ausbrüche gegen angebliche 'Volksverräter' in den Parlamenten, stammt aus Büchners Vormärz-Kampfschrift 'Der Hessische Landbote', einem revolutionären Manifest gegen die Herrschaft der Fürsten. Dass Büchners Parolen mit gleichem Aggressionspotenzial, in zeitgenössischer Lesart aber mit exakt umgekehrtem politischem Vorzeichen unselige Wirkung entfalten, ist die erste Irritation, die Rasches Inszenierung bereithält. Allerdings verweist sie auch auf das grundlegende Problem seines archaischen Theaters, dem es immer um Konfliktmuster und nie um historische Genauigkeit geht: So wird aus einem demokratischen Manifest eine antidemokratische Wutbürger-Parole, Hauptsache heftig. Die frei flottierende Hassenergie ist in Rasches Theater für jede politische Codierung nutzbar."
In der FAZ sah Kevin Hanschke dagegen drei Stunden welterschütterndes Theater: "'Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag', schreit der Chor. 'Das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker.' Unwiderstehlich inszeniert Rasche den Zynismus, die Langeweile und den Hedonismus des Adels und die gleichzeitige Hoffnungslosigkeit der Bauern, die einfach nicht erlöst werden." In der tazsieht Katharina Granzin auch die Stärken der Inszenierung, warnt aber: "Diese Ensembleszenen, und darin liegt die größte Herausforderung bei der Rezeption dieses Theaterabends, pflegen sich klanglich aufzubauen wie ein akustischer Tsunami. Immer wieder wird es unerträglich laut. Die Inszenierung wird musikalisch live begleitet von vier MusikerInnen, deren elektronische Sounds den Puls des Geschehens bilden. In jenen Momenten, da die Menschen auf der Bühne sich als skandierender, marschierender Chor zusammengefunden haben, steigern sich Sprache und Musik zu einem trommelfellzerfetzenden Inferno."
Weiteres: Die Theater sind wieder voll, verkünden Christine Lutz und Egbert Tholl in der SZ, erleichtert nach den schweren Corona-Knick: "Und was läuft in den Häusern, wo es jetzt wieder besser läuft? Klassiker, Romanadaptionen, Familienstücke." In der FAZ gratuliert Marc Zitzmann dem Pariser Opernintendanten Stéphane Lissner zum Siebzigsten.
Besprochen werden Yana Ross' Inszenierung von Tschechows "Iwanows" am Berliner Ensemble (dessen Aktualisierung Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung allerdings ziemlich platt geraten ist, auch Nachtkritiker Christian Rakow vermisste Tiefe), Christoph Mehlers Inszenierung von Friedrich Wolfs DDR-Klassiker "Professor Mamlock" am Staatstheater Braunschweig (Nachtkritik), der Karnevalsspaß "Life is but a dream" am Schauspiel Frankfurt (FR), Philipp Stölzls Inszenierung von Finnegan Kruckemeyers Stück "Der lange Schlaf" am Schauspielhaus Hamburg (taz), Saar Magals Tanz-Theater-Stück "10 Odd Emotions" im Schauspiel Frankfurt (FR), Julie Cunninghams Choreografie "How did we get here?" mit Spice Girl Mel C in London (FAZ) und das neue Jugendstück des Berliner Gripstheaters mit dem hübschen Titel "Zum Glück viel Geburtstag" (Tsp).
Szene aus "Drama". Bild: Thomas Aurin Der Titel verspricht: "Es wird big". Und es wurde big, versichertNachtkritikerin Stephanie Drees nach ihrem Besuch in Constanza MacrasVolksbühnen-Revue "Drama", die sie durch Mythen und Dramenerzählungen der westlichen Kulturgeschichte, Slapstick und viel Shakespeare-Personal führt, allerdings nicht ohne Kritik am Theater: "Macras dreht mit ihrem Team die ganz große Runde um die Ausbeutung des Ichs. Physisch wie psychisch. Tänzer:innen, die Produktionen mit ihrer Kunst bereichern, werden oft schlechter bezahlt als Schauspieler:innen, nicht-weiße Tänzer:innen schlechter als weiße, Frauen mitunter schlechter als Männer. Der Tanz ist divers, die Branche mitunter knallhart-patriarchal."
"Nichts folgt auseinander, alles geschieht gleichzeitig, wenn man nicht hier und da ein kleines Erinnerungsecho in seinem bildungsbürgerlichen Hirnkasten vernehmen würde, hätte man keine Chance auf Orientierung", warnt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung - nicht ohne Verzückung: "Es gibt die Daily-Soap-Roboter, die zu atmender Elektromusik von Robert Lippok durch Eifersuchtskonstellationen rattern, Playmobil-Sequenzen mit Mord und Totschlag, Musicaleinlagen, frontales Revuegeschmetter, mit ordentlich Schmachtsaft gesungen und live begleitet von Katrin Schüler-Springorum und Lucas Sofia, viel schönem Sport, ein paar Kolonialismus- und Machtmissbrauchsreflexionen, zwischendurch auch den Zusammenschnitt von mindestens 30 Versionen von Amy Macdonalds Superhit 'This Is The Life', gecovert und ins Netz gestellt von ihren Fans - pubertierenden Mädchen, selbsternannten Spaßvögeln, potenten Heavy-Metal-Jungs, warmherzigen Barden, traditionsfesten Mariachis, kokaindurchpumpten DJs." Und im Tagesspiegelresümiert Rüdiger Schaper: "Zwei Stunden und fünfzehn Minuten, das zieht sich. Aber dieses Stück macht keine schlechte Laune. Und das ist viel."
Außerdem: Das Burgtheater wird Schadensersatzforderungen gegen seinen entlassenen Schauspieler Florian Teichtmeister, der wegen des Besitzes von Kinderpornografie angeklagt ist, erheben, meldet der Standard.
Besprochen werden Heinz Kreidls Inszenierung von Molières "Menschenfeind" im Frankfurter Fritz Rémond Theater (FR), Milena Baischs Inszenierung "Zum Glück viel Geburtstag" am Berliner Grips-Theater (Berliner Zeitung), Emre Akals "Nachkommen - Ein lautes Schweigen!" am Theater Münster (nachtkritik), Jan-Christoph Gockels Inszenierung "Das Reich: Hospital der Geister" nach der Fernsehserie von Lars von Trier am Schauspielhaus Graz (nachtkritik), Barbara Bürks Inszenierung "Life Is But A Dream" nach Fjodor Dostojewskis "Onkelchens Traum" am Schauspielhaus Frankfurt (nachtkritik) und Ulrich Rasches Büchner-Inszenierung "Leonce und Lena" am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik).
Ueli Bernays berichtet in der NZZ von einem Publikumsgespräch am Theater Zürich angesichts des Rückgangs der Zuschauerzahlen: "Ein wenig war's wie bei einem Blinddate: Wer würde kommen? Wie würde man sich verstehen? Und irgendwo im Hinterkopf die Hoffnung auf eine große Liebe." Daraus wurde dann allerdings nichts.
Besprochen werden Elias Perrigs Inszenierung von Anna Zieglers Familienmelodram "The Wanderers" am Ernst Deutsch Theater Hamburg (nachtkritik) und Olivier Kellers Inszenierung von Alexander Stutz' "Die Entfremdeten" am Theater St. Gallen (nachtkritik).
Sonja Anders, derzeit noch Intendantin des Schauspielhauses Hannover, wird 2025 neue Intendantin des Hamburger Thalia-Theaters, meldet der Tagesspiegel: Das passt, ist aber auch eine ziemlich langweilige Entscheidung, findetnachtkritiker Falk Schreiber. Die israelische Choreografin Saar Magal spricht im Interview mit der FR über ihr Frankfurter Tanz-Theater-Stück "10 Odd Emotions", das ursprünglich ein Stück über Antisemitismus sein sollte - so der Auftrag von Intendant Anselm Weber -, dann aber von der Choreografin erweitert wurde: "Ich wollte das Thema Rassismus hinzunehmen. Denn trotz des unglücklicherweise erstarkenden Antisemitismus in Deutschland und der Welt, fühle ich mich in Deutschland nicht mehr sehr als Opfer, sondern glaube, dass heute People of Colour viel mehr Opfer sind." Jan Zier unterhält sich für die taz mit dem Regisseur Lukasz Lawicki über dessen Stück "14 Tage Krieg - eine Momentaufnahme" am Staatstheater Oldenburg.
Der Standardberichtet weiter ausführlich über die Affäre um den Burg-und Filmschauspieler Florian Teichtmeister, der wegen des Besitzes von Kinderpornografie angeklagt ist. Besprochen werden Offenbachs Operette "La Périchole" im Museumsquartier (Standard) und Nico Muhlys Oper "Marnie" am Theater Freiburg (NMZ).
Ewa Marciniaks "Walküre" an der Oper Bern. Foto: Rob Lewis Ein bisschen an den Feuilletons vorbeigegangen ist die "Ring"-Inszenierung durch eine polnische Regisseurin Ewa Marciniak. Vielleicht weil sie in Bern stattfand? Das "Rheingold" haben jedenfalls alle verschlafen, aber bei der "Walküre" ist SZ-Kritiker Egbert Tholl voll dabei, er erlebt hier aufregendes und prägnantes Theater: "Da ist viel Witz, auch Ironie im Spiel, es kann auch betörend schön werden: Finden der zaudernde, wenig Lust auf Heldentum verspürende Siegmund (Marco Jentzsch) und Sieglinde zueinander, spielt ein junges Tanzpaar die Liebe, Küsse und Bisse, irrsinnig reizend. Oder: Wenn Fricka, die mit jedmöglicher Grandezza und dabei auch noch einer zauberhaften Wehmut ausgestattete Claude Eichenberger, mit all ihrer stimmlichen Überzeugungskraft Wotan an die Heiligkeit der Ehe und die Unmöglichkeit eines inzestuösen Paars gemahnt (und damit den Gott in den Abgrund seines Handelns stürzt), tauchen acht Schwangere auf, so elegant gekleidet wie Fricka selbst, umrunden Wotan, bedrängen ihn - und er will nur sehr weit weg sein. Überhaupt dieser Wotan: Seth Carico gibt ein fantastisches Rollendebüt. Er ist jung, schlank, viril, hat einen profunden Bass und kann spielen zum Niederknien."
Besprochen werden außerdem der dreiteilige Ballettabend "On the Move" an der Oper Zürich (bei dem FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster besonders Hans van Manens gleichnamige Choreografie beeindruckt hat, die bei ihr "ein Gefühl von Erkenntnis, von Klarheit" aufkommen ließ), Sebastian Baumgartens Inszenierung von Kafkas "Amerika" (in der taz-Kritiker Michael Wolf nicht nur das Misstrauen gegenüber dem American Dream entgegenschug, sondern auch gegen Kafka selbst), Leo Meiers Fußball-Romanze "Zwei Herren von Real Madrid" am Theater Oberhausen (Nachtkritik) und die Rückkehr Anna Netrebkos an die Wiener Staatsoper in Verdis "Aida" (die Welt-Kritiker Manuel Brug selbst als Mumie zum Schmachten bringt: "In der Nil-Arie wackeln zwar zunächst die Verzierungen, doch das hohe C flutet, ein wenig isoliert angesetzt - traumschön").
Schillers "Don Karlos" am Schauspiel Stuttgart. Foto: Thomas Aurin
Stark besetzt findetNachtkritiker Steffen Becker Stefan Böschs Inszenierung von Schillers "Don Karlos" am Schauspielhaus Stuttgart, aber er spürte an dem Abend auch einen Hauch von Nihilismus wehen: "Weltensturm und Politik - auf Spurenelemente reduziert. Der Pathos des Sturm und Drang - entsorgt. Bösch konzentriert sich auf die Menschen - in der Kleinheit ihrer (verhinderten) emotionalen Bedürfnisse. Das Ambiente - so spartanisch wie es nur geht: Neon-Röhren, Stühle, ein Schreibtisch. Das Figurentableau - auf den Kern reduziert. Die Ideale der Figuren schrumpeln im fahlen Bühnenlicht der Inszenierung in die 'das funktioniert doch eh nie-Kategorie. Sie haben die Wünsche, etwas zu verbessern an der Welt. Aber es ist von vorneherein klar, dass diese Aufgabe zu groß ist für sie. Und sie scheinen es selbst zu wissen. Auch der Kindskopf Don Carlos. Regisseur Bösch stattet ihn mit einem schwarzen Federbusch um die Schultern und Kajal um die Augen aus. Aber diese Insignien der Rebellion sind aufgesetzt... Felix Strobels Carlos will nicht lange sinnieren über Ehre, Treue, Freiheitskampf. Er will sich fühlen - in der Liebe zu seiner Stiefmutter. Eine Witzfigur ist er trotzdem nicht." In den Augen von FAZ-Kritiker Jürgen Kaube legt Böschs Inszenierung vor allem die Schwächen der Schiller'schen Vorlage frei: "Schon bei Schiller zerfallen Staats- und Liebesaktion. Das Drama ist durchwirkt mit Jungsphantasien... Und der Marquis von Posa ist kein spanischer Politiker, sondern ein deutscher Idealist. Sein Aufstand fällt sofort in sich zusammen."
Einen großartigen Abend mit dem tollen Titel "Fast ein Hamlet mein Mephisto, ein Ödipus für Jedermann" verbrachteSZ-Kritiker Egbert Tholl mit Klaus Maria Brandauer in der Münchner Isarpilharmonie. Brandauer liest Shakespeare, Goethe etc.: "Es folgt eben dies: eine Stunde Dostojewski, das Kapitel 'Der Großinquisitor' aus dem Roman 'Die Brüder Karamasow', eine Stunde Ethik, Religion, Philosophie und das - wenig optimistische - Nachdenken über das Menschsein an sich. Keine Anekdote, nirgends. Aber freilich: eine Stunde Brandauer-Sound. Alterslos im Klang. Es ist ein Lesen wie ein Singen, zurückgenommen, sehr konzentriert."
Weiteres: In der SZ bringt uns Cathrin Kahlweit auf den Stand in der Affäre um den Wiener Burg-Schauspieler Florian Teichtmeister, der wegen des Besitzes von Kinderpornografie angeklagt ist. Er spielt auch in Marie Creutzers Oscar-nominierten Film "Corsage" mit. Auch der Standardberichtet ausführlich.
Besprochen werden Rieke Süßkows Inszenierung von Hans Henny Jahnns Anti-Atom-Stück "Der staubige Regenbogen" im Staatstheater Mainz (die zum Leidwesen des taz-Kritikers eine lineare Erzählung als patriarchal ablehnt und deswegen jedes Drama verspielt und nur einen "faden Eindruck des Schauerlichen" hinterlässt, FR), der Tanzabend "On the Move", mit dem sich Ballettdirektor Christian Spuck von Zürich nach Berlin verabschiedet (NZZ), Mina Salehpours Hommage "Die fünf Leben der Irmgard Keun" am Schauspiel Düsseldorf (SZ), Nikolaj Rimski-Korsakows "Märchen vom Zaren Saltan" an der Staatsoper Hannover (FAZ) und Verdis "Aida" fast wiegehabt mit Anna Netrebko, Elina Garanča und Jonas Kaufmann an der Wiener Staatsoper (Standard).
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