Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

3737 Presseschau-Absätze - Seite 102 von 374

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.02.2023 - Bühne

Ein Skandal sei es nicht, das Zürich seinen Schauspielhaus-Intendanten Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg den Vertrag nicht verlängert, hält Peter Laudenbach in der SZ fest, erinnert aber auch daran, dass schon Christoph Marthaler und Peter Stein aus Zürich verjagt wurden: "Der Vorwurf der NZZ, Stemann und von Blomberg hätten das Theater ideologisiert ('Die Botschaft stand zu oft über der künstlerischen Umsetzung'), klingt dabei selbst etwas ideologisch. Es wirkt, als sei das Theater Opfer eines Stellvertreterkrieges zwischen einer identitätspolitischen Linken und Freunden tradierter Privilegien geworden. Mit ihrer etwas penetranten politischen Selbstpositionierung haben die Intendanten das ihre zu diesen Grabenkämpfen beigetragen." In der Nachtkritik räumt Valeria Heintges ein, dass Steman und Blomberg nicht nur mit Diversität und Peppigkeit das Publikum vor den Kopf gestoßen haben: "Auch Freunde guten Schauspielertheaters in großen Inszenierungen kamen immer weniger auf ihre Kosten. Halb coronabedingt, halb aus Überzeugung gab es kaum noch Arbeiten mit großer Besetzung. Im Gegenteil: Co-Intendant Stemann verfolgte seine Linie, große Werke wie 'Besuch der alten Dame' oder 'Ödipus' auf zwei Schauspieler:innen einzudampfen. Das Ergebnis überzeugte ästhetisch. Aber insgesamt war das Angebot unausgewogen, zu viel Anspruch, zu viel Moral, zu wenig Humor und Lust am Sprechtheater."

Powersoran: Inga Kalnas in Donizettis "Roberto Devereux. Foto: T+T Fotografie / Oper Zürich

Wohlgefallen findet bei NZZ-Kritiker Christian Wildhagen ganz eindeutig Donizettis Tudor-Oper "Roberto Devereux", die David Alden in Zürich ziemlich vom Ende her als packendes Drama einer alternden Königin Elisabeth I. erzähle: "Wieder einmal hat die Queen einen ihrer Günstlinge der Staatsräson opfern müssen - business as usual, denkt man noch, während das Orchestervorspiel mit bittersüßer Ironie eine Variation über 'God save our gracious Queen' anklingen lässt. Doch zack! Da fahren schon wieder diese Axtschläge dazwischen, von der Philharmonia Zürich unter dem Dirigenten Enrique Mazzola messerscharf exekutiert. Plötzlich ahnt man: Das Leben dieser Königin muss ein einziger Kampf, ein Schlachten und fortwährendes Intrigieren gewesen sein. Das letzte Opfer in dieser langen Reihe gibt ihr nun den Rest. " In der FAZ ist Werner Grimmel hingerissen von den beiden Hauptpartien: "Inga Kalnas warm grundierter Powersopran verfügt über alle Farben für Elisabettas emotionale Achterbahnfahrt. Selbst dort, wo sie ihre Wut herausschreit und Prozessakten dazu theatralisch auf den Boden knallt, bleibt sie dem Ideal des Singens verpflichtet. Messerscharf treffen ihre Spitzentöne. Gehässigkeit schafft sich Luft in erdig tiefen, fast ordinär ausartenden Passagen. Doch auch Verletztheit vermag Kalna anrührend leise zu artikulieren. Als selbstherrlicher Titelheld Roberto beeindruckt Stephen Costello mit geschmeidig stabilem Tenor - ein windiger Hasardeur, der seinen Einfluss überschätzt und sich am Ende verzockt. Mit souverän dosierter Dynamik und betörenden Kantilenen weiß er Elisabettas Vertraute Sara zu verführen.

Weiteres: Der Standard resümiert ein Interview des Senders Ö1, in dem Burgtheater-Chef Martin Kusej sein Agieren im Fall Florian Teichtmeister erklärt. In der Berliner Zeitung fragt Ulrich Seidler, wer sich solchen Quatsch ausdenkt: Ein Kulturzentrum im niederländischen Groningen hat die Aufführung von Samuel Becketts "Warten auf Godot" untersagt, weil zum Casting nur Männer eingeladen wurden. Im Streit um die Auftritte von putinnahen KünstlerInnen wie Anna Netrebko zeigt sich Harry Nutt genervt von wohlfeilen Phrasen über die verbindende Kraft der Kultur (oder des Sports). Michael Bartsch erzählt in der taz, wie die migrantischen Bürgerbühne "Thespis" in Bautzen mit ukrainischen Kindern arbeitet.

Besprochen werden die feministisch grundierte "Woyzeck"-Inszenierung von Kollektiv Glossy Pain am Theater an der Ruhr (SZ) und Verdis "La Traviata" in Darmstadt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.02.2023 - Bühne

Die Feuilletons trauern um Jürgen Flimm, einen der umtriebigsten, aber auch erfolgreichsten Theatermacher der vergangenen fünfzig Jahre, mit Neigung zur sozialdemokratischen Kulturpolitik, wie unter anderem Williy Winkler in der SZ erinnert: "Gegen die immer feinsinnigeren Inszenierungen der Schaubühne unter Peter Stein bot Flimm handwerklicheres Theater und vergaß dabei auch nicht die Wirkungsmöglichkeiten, die politisiertes Theater bot. 1982, als Helmut Schmidt in der Nachrüstungsdebatte zu Fall kam, brachte Flimm in Zürich eine perückenbefreite 'Minna von Barnhelm' heraus, machte aus der Komödie Ernst und aus dem Siebenjährigen Krieg Lessings den drohenden Dritten Weltkrieg." In der FR betont Peter Iden, dass Flimm ein Ideal eines welthaltigen, gegenwartsnahen Theaters hochhielt, ohne auf Poesie zu verzichten. Und: "Über alle Maßen liebte er seine Schauspieler und Schauspielerinnen. Große Namen darunter, von Quadflieg bis zu Hans Christian Rudolph, von Therese Affolter bis zu Elisabeth Schwarz, der Trissenaar und Giulietta Odermatt, Helmut Lohner und Susanne Lothar." Weitere Nachrufe in FAZ, Tsp, NZZ. Dlf Kultur hat ein Gespräch von 2015 über Leben und Werk wieder online gestellt.

Besprochen werden die deutsch-burkinische Produktion "Cotton Club" des Bonner Fringe Ensembles, die Ausbeutung in der Baumwollindustrie beleuchtet (taz), eine Bühnenfassung von Raphaela Edelbauers Roman "Das flüssige Land" im Kasino des Burgtheaters (Nachtkritik, Standard), John von Düffels Stück "Die Wahrheit über Leni Riefenstahl" am Theater Oberhausen (SZ), Alexander Eisenachs Stück "Anthropos Antigone" in Kassel (das Nachtkritikerin Katrin Ullmann zufolge leider nicht mit Eisenachs großem Wurf "Anthropos, Tyrann" mithalten kann), Mateja Koležniks "Antigone" am Münchner Residenztheater (Welt) Thomas Manns Novelle "Mario und der Zauberer" am Staatstheater Darmstadt (FR), das "Archiv der Tränen" im Münchner Marstall (FAZ), Ioannis Mandafounis' Choreografie "Scarbo" im Pariser Théâtre de la Ville (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.02.2023 - Bühne

Bild: Schleiertanz. Szene aus Cyril Testes "Salomé". Bild: Michael Pöhnt. 

Warum ist Cyril Testes Neuinszenierung von Richard Strauss' Oper Salomé an der Wiener Staatsoper so gelungen?, fragt sich Helmut Mauró in der SZ. Natürlich weil Chefdirigent Philippe Jordan ganze "Klangschlachten" schlägt, aber auch weil Teste mit der Tradition bricht, den Schleiertanz zur "Peinlichkeit" werden zu lassen, so Mauro: "Er findet zunächst in der ursprünglichen Theaterfassung des Stücks von Oscar Wilde den Hinweis, dass die junge Prinzessin Salome erst 14 Jahre alt ist. In der Antike durchaus ein heiratsfähiges Alter, heutzutage wäre es Kindesmissbrauch. Aber durch den Auftritt einer 14-Jährigen könnte man natürlich den erotischen Erpressertanz glaubhaft machen, und ebenso die verbrecherische Lust des Herodes. Also tut Teste genau dies. Malin Byström beginnt den Tanz, windet sich wie gewohnt unbeholfen in einem frei imaginierten Ausdruckstanz, und wird in fliegendem Wechsel von einem jungen Mädchen abgelöst, deren geschmeidige Bewegungen von einer Live-Kamera eingefangen und bühnengroß auf die Rückwand projiziert werden."

"Dass im Schleiertanz ein Moschusduft, den Parfümeur Francis Kurkdjian entworfen hat, in Zuschauerreihen versprüht wird, trägt dabei durchaus zur Verdichtung der Atmosphäre bei", schreibt Ljubiša Tošić im Standard: "Teste hat sich jedoch nie hinter dem Gag einer Duftoper versteckt und gewährt Salome auch eine Art zweiten Tanz, der die Seelenanalyse vertieft."

Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg, Intendanten des Zürcher Schauspielhauses werden ihren Fünfjahres-Vertrag über 2024 nicht verlängern, meldet Thomas Ribi in der NZZ: "Die Intendanz muss also neu besetzt werden. Wie, das ist die eine Frage. Unter welchen Bedingungen, die andere. In den vergangenen Wochen und Monaten waren die Störgeräusche immer lauter geworden. Geringere Auslastung, sinkende Erträge, ein Defizit in Millionenhöhe. Das Theater produziere am Publikum vorbei, lautet der Vorwurf, vor allem, aber nicht nur vonseiten der bürgerlichen Parteien. Das bürgerliche Publikum konnte sich mit dem progressiven Programm von Stemann und Blomberg nicht anfreunden. Das ist sein gutes Recht. Die Intendanten wiesen jede Kritik von sich."

Besprochen werden das Stück "family creatures" von Janna Pinsker und Wicki Bernhardt im Frankfurter Mousonturm (FR) und Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Magdalena Schrefels "Archiv der Tränen" am Münchner Residenztheater (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.02.2023 - Bühne

Gleich vier mal sind auf österreichischen Bühnen Operetten von Jacques Offenbach zu sehen. Was sagt das über Österreich, fragt sich Reinhard Kager in der FAZ. "Die politischen Ereignisse der letzten Jahre, beginnend mit den prahlerischen Machtphantasien des ehemaligen FPÖ-Politikers Heinz-Christian Strache im sogenannten Ibiza-Video bis zum Fall des Ex-ÖVP-Kanzlers Sebastian Kurz, haben die Alpenrepublik wahrlich in ein Operettenland verwandelt... Angesichts all dieser Turbulenzen halten Offenbachs auch heute noch brisanten Opéras-bouffes der kaum zu überzeichnenden Wirklichkeit den Spiegel vor."

Weiteres: Marco Frei schreibt in der NZZ über den Dirigenten Enrique Mazzola, der an der Oper Zürich Donizettis "Roberto Devereux" dirigieren wird. Besprochen werden die "Bakchen" von Euripides / Raoul Schrott in Wiesbaden (FR), die Uraufführung von Ivana Sokolas "Pirsch" in der Inszenierung von Christina Gegenbauer am Deutschen Theater Göttingen (nachtkritik), "Tristan und Isolde" an der Opéra national de Lorraine in Nancy (nmz) und "Simon Boccanegra" an der Deutschen Oper Berlin (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.02.2023 - Bühne

Szene aus Prokofjews "Krieg und Frieden" in Budapest. Foto: Valter Berecz


"Dreieinhalb Stunden herrschte lähmende Stille im Parkett und auf den drei voll besetzten Rängen des Opernhauses" in Budapest, berichtet in der FAZ Wolfgang Sandner, selbst ganz erschlagen von Sergej Prokofjews Monumentaloper "Krieg und Frieden", deren Inszenierung durch Calixto Bieito er ziemlich aus der Zeit gefallen findet. Allerdings missfällt ihm das Setting eines "prächtig ausstaffierten Salons im gräflichen Palast", das der ganzen Oper als Bühnenbild dient. "Wie in aller Welt soll in dieser nivellierenden Szenerie, in der auch die Kleidung zwischen höfisch korrekt und bürgerlich lässig (Kostüme: Ingo Krügler) durcheinandergerät, die Mitglieder des Adels offenbar ständig in einem kollektiven Veitstanz sich selbst geißeln oder autistisch isoliert zum Wodka greifen, ins Aberwitzige gesteigert noch durch Videoprojektionen (Sarah Derendinger) mit russischen Bären, verzerrten Visagen, grässlichen Geburten und alles kahl fressenden Insekten - wie in aller Welt soll da ein Ensemble die gesangsmäßige Contenance bewahren? Denkt man und ist sogleich hocherfreut ob der darstellerischen wie vokalen Leistungen bis in die kleinste Solistenrolle, dazu noch vorwiegend aus dem eigenen Haus besetzt."

Weiteres: Nachdem die ukrainischen Musiker jetzt wegen des geplanten Auftritts Anna Netrebkos in Wiesbaden abgesagt haben, ist Intendant Eric Uwe Laufenberg unter Druck geraten, berichtet in der Berliner Zeitung Susanne Lenz: Nachgeben will er aber nicht. Peter Kümmel sieht für die Zeit neue Tschechow-Inszenierungen am Hamburger Schauspielhaus und in Berlin am Berliner Ensemble, am Deutschen Theater und am Maxim Gorki Theater. Besprochen werden außerdem Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" am Theater Bremen (nmz) und Giuseppe Verdis "Simon Boccanegra" in Essen und in Berlin (van).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.02.2023 - Bühne

Adonis Foniadakis: "Urlicht" am Staatstheater Kassel. Foto: Bettina Stöß

Dorion Weickmann bemerkt in der SZ, dass immer mehr Tanzhäuser von Kuratoren anstellen von Choreografen geleitet werden. Wenn das Ergebnis aussieht, wie in Kassel, hat sie dagegen nichts einzuwenden. Dort konnte Andonis Foniadakis mit Tänzerinnen und Tänzern des Staatstheaters Kassel seine Choreografie "Urlicht" aufführen, die eine "Seelenwelt in Flammen" zeigt: "Die Uraufführung 'Urlicht' ist eine physische Techno-Symphonie, ein mit den Mitteln des zeitgenössischen Tanzes komponiertes, in verstörende Bilder gerinnendes Requiem auf die menschliche Spezies. 75 Minuten, dann bleibt das Publikum wie erschlagen zurück. Bis Jubel aufbrandet für die knapp zwanzigköpfige Kompanie. 'Urlicht' kommt einem Ritt durch die Hölle gleich. Foniadakis beweist einmal mehr, warum er zu den derzeit gefragtesten Tanzmachern gehört und zugeschüttet wird mit Aufträgen von Antwerpen bis Philadelphia. Einst selbst Tänzer beim Béjart Ballet in Lausanne, hat der Grieche seine Arbeit am Äquator des Gegenwartstanzes angesiedelt, zwischen den frei flottierenden Exerzitien eines Hofesh Shechter und virtuosen Formalismen der Marke Sharon Eyal."

Anlässlich der Affäre um Florian Teichtmeister erinnert der Bregenzer Historiker Peter Melichar in der FAZ an einen anderen pädophilen Burgschauspieler, Alfred Lohner, der 1933 allerdings unter ganz anderen Vorzeichen aufflog: "Er hatte offenbar mit zahlreichen Mädchen, allesamt unter 14 Jahre alt und Schülerinnen eines Gymnasiums in Wien-Döbling, sexuelle Beziehungen. Die Direktorin des betreffenden Mädchengymnasiums hatte sich aufgrund von Aussagen mehrerer Schülerinnen an die Polizei gewandt, die anfangs sehr vorsichtig vorging, weil sie an die Möglichkeit einer Massenpsychose dachte. Erst als sich der Vater einer Schülerin, die eine andere Schule besuchte, an die Polizei wandte, wurde der Schauspieler verhaftet. Er setzte mit seinem Verteidiger zunächst darauf, die Zeuginnen als unglaubwürdig darzustellen. Die Aussagen der Mädchen bezeichnete er als 'Ausgeburten ihrer Phantasien', es handle sich lediglich um krankhafte Schwärmereien. Ein Mäzen bot umgehend 60 000 Schilling Kaution, um Lohners Enthaftung zu erreichen."

Weiteres: In der FR meldet Judith von Sternburg, dass der Intendant des Wiesbadener Staatstheaters, Uwe Eric Laufenberg, nicht Anna Netrebko abrücken will: "Es dürfte also darauf hinauslaufen, dass Netrebko bei den Maifestspielen singt und das Theater aus Charkiw sowie die Ukrainische Nationalphilharmonie nicht auftreten.

Besprochen werden die "Götterdämmerung" als Abschluss von Marco Štormans Wagners "Ring"-Inszenierung  an der Staatsoper Stuttgart (fantastische Bilder bekommt SZ-Kritiker Egbert Tholl zu sehen, aber Cornelius Meisters Musikführung bezeichnet er als "befremdlichen Unsinn"), Thomas Manns "Der Zauberberg" am Wiener Burgtheater (SZ), Barrie Koskys Inszenierung des rosaroten Musicals "La Cage aux Folles" an der Komischen Oper Belrin (taz), Wagners "Tristan und Isolde" in Cottbus (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.01.2023 - Bühne

Jakub Skrzywaneks Produktion "Der Tod Johannes Paul II" © Magdalena Hueckel

In einem Theaterbrief aus Polen freut sich Christian Holtzhauer über die Lebendigkeit des polnischen Theaters, das allen politischen Widerständen zum Trotz keine Tabus scheut, wie Hotzhauer beim Krakauer Festival Boska Komedia erlebte: "Keine der Arbeiten, die ich sehen konnte, wollte 'gefallen', keine war auf reine Unterhaltung des Publikums aus. Nur eine der im Wettbewerb gezeigten Inszenierungen beruhte auf einem im weiteren Sinn dramatischen Text, die anderen waren Uraufführungen, Prosabearbeitungen und Stückentwicklungen. Keine Frage: Theater in Polen ist ganz klar Regietheater." Und Jakub Skrzywaneks Stück über den Tod des polnischen Papstes Johannes Paul II. hat Anhänger und Verächter der Kirche gleichermaßen beglückt, versichert Holtzhauer.

Weiteres: In der NZZ porträtiert Christian Wildhagen den Genfer Opernintendanten Aviel Cahn, von dem er sich aufregende Zeiten im Grand Théâtre erhofft. In der Welt unterhält sich Jakob Hayner mit Gerhard Polt über Katholizismus, Rituale und sein Stück "A scheene Leich" in den Münchner Kammerspielen (das in der taz besprochen wird). Im Tagesspiegel macht sich Katrin Sohns Hoffnung, dass nach dem Dry January der Berliner Kulturbetrieb im Februar wieder Fahrt aufnehmen könnte.

Besprochen werden Ted Huffmans radikal reduzierte Inszenierung von Händels "Orlando" an der Frankfurter Oper (FR, FAZ), Wolfgang Rihms Oper "Die Eroberung von Mexico" am Staatstheater Mainz (FR), Mozarts "Le nozze di Figaro" in der Wiener Volksoper (Standard), die beiden Wiener Inszenierungen von Upton Sinclairs "Öl" am Volkstheater und Thomas Manns "Zauberberg" an der Burg (FAZ) und die lange Ukraine-Nacht bei den Lessingtagen in Hamburg (die SZ-Kritiker Till Briegleb als groben Agitprop bedauert).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.01.2023 - Bühne

Entscheiden die Hierarchien von Film und Theater, wer wem glaubt? Oder das Marketing? In der taz fragt Uwe Mattheiss grundsätzlich, was der Fall Florian Teichtmeister bedeutet, schließelich haben Martin Kusej und Marie Kreutzer an ihm festgehalten, als längst gegen ihn wegen Kinderpornografie ermittlt wurde: "In der Praxis der Kunst stößt man dagegen immer wieder auf blinde Flecken, dort wo es um Hierarchien, Machtmissbrauch, Intransparenz und gesellschaftliche Exklusion geht. Der Anspruch auf Autonomie erfordert letztlich, den Produktionsprozess der Kunst zu ihrem Gegenstand zu machen. Die Debatte über moralische Anforderungen der Gesellschaft an die Kunst fällt nicht gerade leicht, auch weil sie noch immer von der Erinnerung an die eigene Durchsetzungsgeschichte gegen falsche Autoritäten und aktuelle Gefährdungen belastet ist. Gegen das Diktat der Religion und die überschießenden Ansprüche des Staates, so die romantische Vorstellung, schien einst nur die Übertretung des von irdischen Regeln ungebundenen Genies der Kunst den Weg zu neuen Ufern zu weisen. Allein, Kriminelle von heute haben mit bahnbrechenden Libertins der Frühaufklärung und genialen Meuchelmördern der Renaissance nichts mehr zu tun."

"Antigone" nach Sophokles und Zizek am Münchner Residenztheater. Foto: Sanra Then

Mateja Koležnik
hat am Müncher Residenztheater Sophokles' "Antigone" auf die Bühne gebracht und mit Slavoj Žižeks Stück "Die drei Leben der Antigone" gekoppelt. Geradezu ein Geniestreich, findet Christian Lutz in der SZ: Im ersten Teil wird das Familiendrama erzählt, im zweiten dann vom Chor in einem grauen Regierungsgebäufe die Gesellschaftspolitik verhandelt: "Jetzt erst erfahren wir ihre Standpunkte und Rollen im politischen Prozess. Die strenge Dame mit dem Dutt entpuppt sich als die Parlamentspräsidentin (Cathrin Störmer), der Mann, der zu viel Freiheit für eine Gefahr hält, als 'Royalist' (Thomas Lettow), der bis dato stumme Lederjacken-Typ (Thiemo Strutzenberger) als 'Demokrat', der Antigone als privilegierte Person ansieht. Es gibt die Humanistin (Hanna Scheibe), den Sekretär (Florian Jahr), den Veteranen (Michael Goldberg). Während sie den Fall Antigone bei Häppchen diskutieren, läuft draußen im Korridor alles noch einmal so ab wie im ersten Teil. Das ist ein echter Regiecoup in einer Inszenierung, die weniger das Gefühl als den Intellekt anspricht." Nachtkritikerin Theresa Luise Gindlstrasser kommt bewegt aus dem Theater: "Dass am Ende, nach so viel Spannung und nach so viel spannender Diskussion, der Bunker erstürmt wird, als wär's das Kapitol: 'Unheimlich und dämonisch ist viel, doch nichts so unheimlich dämonisch wie der Mensch.'"

Besprochen werden Guy Clemens' Inszenierung von Edward Albees Geschlechterkriegsdrama "Wer hat Angst vor Virgina Woolf" am Bochumer Schauspielhaus (Nachtkritik, FAZ), Gerhard Polts bairisch-heiterer Abend "A scheene Leich" in den Münchner Kammerspielen (Widerstand zwecklos, meint Christian Lutz in der SZ, Polt sei einfach ebenso eine Naturgewalt wie die Brüder Well, Nachtkritik, FAZ), Bastian Krafts Bühnenadaption des "Zauberbergs" im Wiener Burgtheater (dem Standard-Kritiker Ronald Pohl allerdings "eine zündende Idee" fehlte), Michael Thalheimers "Parsifal"-Inszenierung in genz (Welt), ein Abend mit Anna Netrebko und Yusif Eyvazov in der Alten Oper in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.01.2023 - Bühne

Milo Rau wird Intendant der Wiener Festwochen. Er wolle "ein mythisches, gewaltiges, umstrittenes Theater-Fest zu schaffen", verkündete er laut Tsp in seiner Presseerklärung. Im Interview mit dem Standard klingen seine Pläne noch recht unbestimmt.

Besprochen werden Amir Reza Koohestanis und Keyvan Sarreshtehs Adaption von Huxleys "Schöne neue Welt" für das Thalia Theater in Hamburg (nachtkritik), ein Tanzabend mit Lisbeth Gruwez im Frankfurter Mousonturm (FR), Offenbachs "Die Großherzogin von Gerolstein" am Münchner Gärtnerplatz (nmz) und Ivo van Hoves Adaption von Marieke Lucas Rijnevelds Pädophilenroman "Mein kleines Prachttier" am Internationaal Theater Amsterdam (die FAZ-Kritiker Simon Strauß gründlich abgestoßen hat).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.01.2023 - Bühne

Die Auswahl, achwas, das ganze Prozedere des Berliner Theatertreffens unter der Leitung des neuen Intendanten Matthias Pees lässt Peter Laudenbach in der SZ laut aufstöhnen. Bei der Pressekonferenz gestern stellte sich die neue "selbstverständlich kollektive" Leitung vor: Vier Frauen, darunter die Polin Joanna Nuckowska und die Ukrainerin Olena Apchel, die beide auch karrierefördernde außertheaterliche Kompetenzen mitbringen in Sachen politischer Aktivismus und ökologische Nachhaltigkeit. Die Frage für Lauterbach ist nur, weshalb "Theaterkuratorinnen mehr vom Problem der Nachhaltigkeit verstehen sollten als zum Beispiel Ingenieure, BWLer oder Schreiner? Und was macht sie für Fragen des Weltfriedens kompetenter als zum Beispiel Bundeswehrsoldaten? Das als große Festival-Innovation verkündete Rahmenprogramm ist in zwei Richtungen parasitär: Es nutzt die politischen Großkrisen, um sich mit Bedeutung aufzupumpen. Und es verhält sich parasitär gegenüber dem Kern des Theatertreffens, den zehn eingeladenen Inszenierungen, indem es so tut, als würde erst die Diskurs-Begleitmusik dem Theater Relevanz verschaffen."

In der Welt stellt Jakob Hayner die zehn ausgewählten Produktionen vor und fragt dann, was die neue Leitung noch so in petto hat: "Zehn Veranstaltungen, die sich 'Treffen' nennen und die die eingeladenen Inszenierungen 'umrahmen, umgarnen und umarmen' sollen, auch als Ersatz für den abgeschafften Stückemarkt. Green, Diversity, Solidarity, Network, Exchange, Herstory, Transfeminist, so lauten unter anderem die Titel der Treffen. Was sich dahinter verbirgt, ist teils haarsträubend: Gemeinsames Essen als 'feministischen, politischen Prozess für transnationale Solidarität' zu etikettieren, könnte man noch für einen Witz halten. Oder für eine Umschreibung des üblichen Besuchs im chinesischen Restaurant am Fasanenplatz. Doch offenbar ist mehr gemeint. Und hinter einem aufgespreizten Titel wie 'Emptiness Treffen - Demokratische Meditation' scheint sich nur ein schnöder Ruheraum zu verbergen, ein schlagendes Beispiel für den lustlos präsentierten Phrasensalat mit Politfloskelsoße."

Patrick Wildermann nimmt's im Tagesspiegel gelassen: Klingt doch spannend, findet er. "Und innovativ! Auch wenn bei der Pressekonferenz im Haus der Berliner Festspiele noch nicht ganz klar wurde, was genau sich dahinter verbirgt. Ein 'Responsibility Treffen' soll sich dem Krieg in Europa widmen, das 'Solidarity Treffen' legt den Fokus auf belarussische Kunst, ein 'Transfeminist Treffen' untersucht die Küche als Ort der Zusammenkunft und der Unterdrückung von Frauen (vermutlich jedenfalls, die Kopfhörer mit der Übersetzung aus dem Polnischen haben ein bisschen geknarzt)." Die Provinz bleibt bei diesem Treffen ziemlich außen vor, notiert Simon Strauss in der FAZ: "Auffällig ist also, dass sich der Fokus rasant verengt. Interessantes Theater, so die implizite Botschaft der Jury, findet im Grunde fast ausschließlich in den Großstädten statt. In der Peripherie ist nichts los." Mehr zum Theatertreffen in der Berliner Zeitung und der nachtkritik.

Weitere Artikel: In der NZZ porträtiert Marianne Zelger-Vogt die Schweizer Koloratursopranistin Regula Mühlemann. Reinhard Brembeck unterhält sich mit der Sopranistin Lisette Oropesa über Mozart. Im Interview mit der taz spricht die Regisseurin Paula Rüdiger über ihr Musiktheaterstück zum "Book of Longing" von Leonard Cohen und Philip Glass, das sie im Forum der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg inszeniert hat. Carolina Schwarz fragt sich in der taz, wie man mit dem künstlerischen Werk des Schauspielers Florian Teichtmeister umgehen soll, der wegen Besitzes von Kinderpornobildern angeklagt wurde

Besprochen werden Jette Steckels Inszenierung von Albert Camus' "Die Besessenen" am Thalia-Theater (nachtkritik, SZ), Michael Thalheimers Inszenierung des "Parsifal" in Genf (FAZ, nmz) und Meyerbeers Oper "Die Hugenotten" in Ludwigshafen (FR), ein Pina-Bausch-Abend in Wuppertal (taz).