Außer Atem: Das Berlinale Blog

Der Wettbewerb: eine tiefinnere Liebe zum Kompromiss

Von Ekkehard Knörer
11.02.2010.

Ein Filmfestival von der Größe der Berlinale ist immer vieles auf einmal. Ein Wirtschaftsunternehmen zuerst, das auf die Gunst von staatlichen Geldgebern und privaten Sponsoren angewiesen und von beiden darum zu einem gewissen Grad abhängig ist. Den Gönnern hat es etwas zu bieten, ein Renommee, das sich Stars auf roten Teppichen sehr viel eher als großer Filmkunst verdankt. Ein A-Festival wie die Berlinale ist zugleich ein Ereignis, auf das die machtvollen Interessen der nationalen Filmproduktion starken Druck ausüben. Man will eine Leistungsschau des im eigenen Land produzierten Kinos, also möglichst viele "eigene" Filme im Wettbewerb. Die Granden der Industrie, die in Deutschland gar keine, sondern ein stark fernsehgestützter Subventionsbetrieb ist, sitzen dem Festivalleiter unweigerlich im Genick. Dazu kommt ein längst globalisierter Verkaufsbetrieb mit den Filmverkäufern als einflussreichen Figuren, die jedes Festival in die Knie zwingen könnten, das sich den in Euro und Cent artikulierten Absichten allzu deutlich verweigert. Damit ist nicht der separat stattfindende Markt angesprochen, sondern insbesondere der Wettbewerb als Börse, die Aufmerksamkeitswerte handelt.


Ein Filmfestival von der Größe der Berlinale ist immer vieles auf einmal. Ein Wirtschaftsunternehmen zuerst, das auf die Gunst von staatlichen Geldgebern und privaten Sponsoren angewiesen und von beiden darum zu einem gewissen Grad abhängig ist. Den Gönnern hat es etwas zu bieten, ein Renommee, das sich Stars auf roten Teppichen sehr viel eher als großer Filmkunst verdankt. Ein A-Festival wie die Berlinale ist zugleich ein Ereignis, auf das die machtvollen Interessen der nationalen Filmproduktion starken Druck ausüben. Man will eine Leistungsschau des im eigenen Land produzierten Kinos, also möglichst viele "eigene" Filme im Wettbewerb. Die Granden der Industrie, die in Deutschland gar keine, sondern ein stark fernsehgestützter Subventionsbetrieb ist, sitzen dem Festivalleiter unweigerlich im Genick. Dazu kommt ein längst globalisierter Verkaufsbetrieb mit den Filmverkäufern als einflussreichen Figuren, die jedes Festival in die Knie zwingen könnten, das sich den in Euro und Cent artikulierten Absichten allzu deutlich verweigert. Damit ist nicht der separat stattfindende Markt angesprochen, sondern insbesondere der Wettbewerb als Börse, die Aufmerksamkeitswerte handelt.

Ein Medienauftrieb großen Stils sind die Filmfestspiele überdies; tausende akkreditierte Journalisten müssen den Blättern und Stationen, für die sie berichten, Bilder und Storys liefern. Außerdem ist das Festival natürlich eine einzige große Party fürs Networken, Kennenlernen, Visitenkartentauschen, Buffettauffahren, informelles Verhandeln und Besaufen und Koksen und möglicherweise sogar Sex.

Ein Festivalleiter muss also all die erwähnten Interessen, und ein paar weitere mehr, balancieren. In Cannes und Venedig gelingt das traditionell gut, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Leiter dort vom Kino in der Regel sehr viel verstehen. Im Fall Marco Müllers, dessen Stuhl in Venedig schon mehrfach wackelte, lässt sich gar der Verdacht nicht von der Hand weisen, dass er die Filmkunst in all ihren Facetten tatsächlich kennt und sogar liebt und fördert, wo es nur geht. Kompromisse bleiben nicht aus, lassen sich jedoch als genau solche vergleichsweise freundlich perspektivieren. Für Cannes gilt Nämliches, allerdings verärgert es eher durch manchmal unbegreifliche Treue zu in die Jahre gekommenen Filmemachern einst erster Güte.



Was immer noch besser ist als die fanatische Begeisterung für die Mittelmäßigkeit, die Berlin in den zehn bleiernen Jahren rasenden Stillstands unter seinem Leiter Dieter Kosslick konsequent an den Tag legt. In den Verdacht, die Filmkunst zu lieben, wird Dieter Kosslick in der Tat niemals geraten. Er ist eine sehr deutsche Gestalt aus den Untiefen des sozialdemokratisch arbeitenden Filmförderbetriebs. Er ist ein Leiter ganz nach dem Geschmack deutscher Politiker und Sponsorenvertreter (aber seine besten Freunde sind Künstler). Und wie jeder genuine Sozialdemokrat angetrieben nicht von der Einsicht in die gelegentliche Notwendigkeit, sondern von der tiefinneren Liebe zum Kompromiss. Wie die Faust aufs Auge passt da das hinreißend sinnlose Motto des neuen Sponsors BMW: "Freude ist großes Kino". Damit ist das Konzept der Kosslick-Berlinale in seinem Wesen umrissen.

Dieter Kosslick ist dabei, wie im Milieu der Berliner Republik aber nicht anders zu erwarten, der erfolgreichste Berlinale-Leiter seit Menschengedenken. Er ist ein Weltmeister der Betriebsamkeit, bespielt Zug um Zug neue Schauplätze und erfindet mindestens eine neue Nebenreihe pro Festivaljahr: Die "Perspektive deutsches Kino" mit - größtenteils - all dem Schrott aus deutscher Filmproduktion, der in den anderen Reihen beim besten Willen nicht unterkommt (aber die Filmförderfritzen, aus deren Reihen Kosslick stammt, freuen sich); kulinarisches Kino, weil er ein Slow-Food-Fanatiker ist (nein, sonst kein Grund); der Kunst ein Zuckerchen mit dem "Forum Expanded", damit auch sie Ruhe gibt; seit dem letzten Jahr das komplett beliebig zusammengewürfelte Reste-Potpourri "Berlinale Special", angeblich, weil es das Publikum nicht anders will und verdient; in diesem Jahr geht es hinaus in die Kieze mit inhaltlich völlig unterbestimmter Omnipräsenz; und nichts ist Kosslick lieber als konzeptloses Rumfeiern, da kommt ihm das Jubiläum in diesem Jahr nur zu recht. Unverdrossen predigt er dabei in jedem Interview Reduktion und Entschleunigung und kuratorisches Maßhalten und Verantwortlichkeit. Er verkündet tapfer, dass ihm an Stars wenig liegt und schmeißt bei nächster Gelegenheit einen bereits eingeladenen Film wieder aus dem Wettbewerb, weil der Star den Besuch abgesagt hat (mehr hier).



Dies war keine bloße Vorrede zur Übersicht über den Wettbewerb. Vielmehr ist das Festival in der Hauptsache damit erledigt. Einen irgendwie bedeutsamen oder repräsentativen Überblick über das Filmgeschehen der Welt bietet der Berlinale-Wettbewerb nämlich schon seit Jahren nicht mehr. Er ist eines A-Festivals im Grunde nicht würdig, was nicht heißt, dass nicht hin und wieder ein guter Film liefe. Es heißt nur, dass man der übergroßen Mehrzahl der Filme, die gezeigt werden, vor allem eines ansieht: den Förderfilz-, Sales-Agent-Macht-, Starpotenzial-, Sponsorenkapital- und Lobbygruppenhintergrund, der für ihr Auftauchen sorgt. Eine typische Kosslick-Handschrift gibt es dabei durchaus, und zwar in seinem hoffnungslos unterkomplexen Verständnis davon, was ein politischer Film ist. Ein Werk nämlich, in dem irgendwie Tagespolitik vorkommt, ohne mindeste Rücksicht auf Fragen von filmgeschichtlicher Einordnung und Ästhetik. Ist dann für die Verkaufe noch ein Star im Gepäck, nimmt die Berlinale buchstäblich alles. (Lieblingserinnerung: Der cineastische Straight-to-Video-Leckerbissen "Bordertown" mit Jennifer Lopez. Aber die Zahl der "politischen" Wettbewerbsfilme, von denen man mit gutem Grund nie wieder gehört hat, ist Legion.)


Martin Scorsese, Roman Polanski, Koji Wakamtsu

Alleinstellungsmerkmal des Wettbewerbs unter nicht nur den großen Festivals in diesem wie manch anderem Jahr: Es ist kein einziger der derzeit wirklich spannenden Autorenfilmer oder Hollywood-Regisseure vertreten (man nehme nur die ganz aktuelle Umfrageliste der 25 wichtigsten Regisseure im US-"Film Comment", die von Jia Zhang-ke und Apichatpong Weerasethakul bis Wes Anderson und David Fincher reicht: 0 Treffer in diesem Jahr wie im letzten). Martin Scorsese, der das mit Abstand schlechteste Jahrzehnt seiner Karriere hinter sich hat, bringt - und natürlich sowieso "Außer Konkurrenz" - seinen Thriller "Shutter Island" (Homepage) mit, vor allem deshalb, weil die Berlinale ein gutes Aufmerksamkeits-Sprungbrett für den unmittelbar nach ihrem Ende folgenden Deutschlandstart bietet. Dasselbe gilt für die Bestseller-Verfilmung "Der Ghostwriter" (Homepage) von Roman Polanski; mit dem Unterschied, dass sie sogar noch während des Festivals anläuft, während der Regisseur aus bekanntem Grund in einem Schweizer Chalet festsitzt.

Am interessantesten sicher der dritte nicht mehr ganz junge Mann in diesem Bund: Koji Wakamatsu, ein alter Haudegen des japanischen Untergrundfilms, der mit dem vor zwei Jahren im Forum gezeigten "United Red Army" eine überzeugende Abrechnung mit dem linken Terrorismus der siebziger Jahre vorgelegt hat. Sein "Caterpillar" (imdb), Verfilmung von Edogawa Rampos Krimiklassiker "Die Raupe" (auf Deutsch in dem Band "Spiegelhölle" erschienen, mehr bei tinhouse), verspricht alles andere als filmische Schonkost: ein Mann kehrt versehrt aus dem Zweiten Weltkrieg zurück und gerät in die nicht nur pflegenden Hände seiner Frau.


Benjamin Heisenberg, Burhan Qurbani, Oskar Roehler

Aus Deutschland drei Filme, darunter am interessantesten der in Österreich produzierte "Der Räuber" (Homepage) des aus dem Münchner Zweig der Berliner Schule stammenden Künstlers und Regisseurs Benjamin Heisenberg. Er erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte eines Bankräubers und Marathonläufers; angekündigt ist eine Bewegungsstudie, vom herausragenden Kameramann Reinhold Vorschneider ins Bild gesetzt. Der Debütant Burhan Qurbani, Deutscher mit afghanischem Migrationshintergrund, wirft in "Shahada" (das Wort bedeutet Glaubensbekenntnis des Islam, mehr zum Film hier), in mehreren Episoden Schlaglichter auf die Situation von Muslimen in Deutschland. In Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" geht es vor allem um das Schicksal des Jud-Süß-Darstellers Ferdinand Marian (mit Tobias Moretti als Marian und Moritz Bleibtreu als Goebbels).


Zhang Yimou, Thomas Vinterberg, Pernille Fischer Christensen

In China bei der Kritik böse gefloppt ist Zhang Yimous Versuch, nach seinen Dienstleistungen für die heimatliche Großdiktatur (namentlich der Inszenierung der Olympia-Eröffnungsfeier) wieder ein wenig Street Credibility zurückzuerwerben. Mit "A Woman, a Gun, and a Noodle Shop" ist er auf die nicht unoriginelle Idee eines Remakes von "Blood Simple", dem Debütfilm der Coen-Brüder, verfallen. Thomas Vinterberg, der an seinen Dogma-Erfolg "Das Fest" bislang nicht mehr anschließen konnte, ist jetzt mit dem Brüder-Drama "Submarino" im Wettbewerb. Rafi Pitts erwies sich zuletzt mit "Es ist Winter" (Berlinale 2007) als überernst-miserabilistischer Kunstfilmer, Pernille Fischer Christensen war mit "En Soap" (Kritik) schon mal da und hat den Vorteil, dass ihr jüngster Film "En Famille" jedenfalls nicht langweiliger als der Vorgänger ausgefallen sein kann. Eröffnet wird das Festival mit "Apart Together", dem jüngsten Werk des chinesischen Regisseurs Wang Quan'an, der mit seinem biederen Vorgänger "Tuyas Hochzeit" zum Entsetzen vieler Beobachter vor drei Jahren den Goldenen Bären gewann.


Lisa Cholodenko, Wang Quan'an, Nicole Holofcener

Solides angelsächsisches Handwerk darf man vom Vielfilmer-Profi Michael Winterbottom erhoffen, der Jim Thompsons Ego-Shooter-Schocker "The Killer Inside Me" mit offenbar adäquatem Gewalteinsatz umgesetzt hat: bei der Vorführung des Films in Sundance wurde er nach der Vorführung vom aufgebrachten Publikum angeschrien. Ebenfalls schon in Sundance gelaufen sind Lisa Cholodenkos "The Kids Are Alright" (ein echter Tipp, glaubt man den ersten Reaktionen), Nicole Holofceners "Please Give" und die vom aller Welt aufs Berühmteste unbekannten Künstler Banksy (Homepage) eigenhändig gedrehte Doku "Exit Through the Gift Shop" - letzteres sorgt immerhin nun auch am Potsdamer Platz für Gelegenheit zur Ausübung einer beliebten, bislang aber noch nicht von Erfolg gekrönten Sportart: Banksy-Spotting. Gespannt sein darf man auch darauf, wie sich der Komiker Ben Stiller in einer nicht-komödiantischen Rolle schlägt, nämlich in Noah Baumbachs "Greenberg".


Noah Baumbach, Banksy, Karan Johar

Und auch der größte Filmstar der Welt ist wieder auf der Berlinale zu Gast. Shah Rukh Khan spielt die Hauptrolle im Bollywood-Film "My Name is Khan" (Homepage) von Blockbuster-Regisseur Karan Johar. Die Fans freuen sich auf die Wiederzusammenführung des Traumpaars Khan und Kajol und der Rest darf mit leichtem Bangen erwarten, wie sich die indische Filmindustrie den Themen Autismus und 9/11 nähert, die im in Bombay und San Francisco gedrehten Film prominent figurieren.

Der aufregendste Regisseur, auf den man im Berlinale-Palast stoßen dürfte, ist dagegen mit keinem eigenen Film am Start. Werner Herzog, dem im letzten Jahr mit "Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans" ein irr-schräges kleines Meisterwerk gelang, sitzt nämlich der ansonsten wieder mal böse opportunistisch zusammengestellten Jury vor. Er ist zum Glück ein tapferer Mann. Wer Klaus Kinski überlebt hat, den zwingt auch ein Berlinale-Wettbewerb nicht in die Knie.