Außer Atem: Das Berlinale Blog - Februar 2017

Außer Atem: Das Berlinale Blog
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Verlassen und Verlassen-Werden - ein Festivalresümee

Außer Atem: Das Berlinale Blog 17.02.2017 Beziehungskrisen, aber vor allem ein Rückzug in die ästhetische Komfortzone prägen diesen Jahrgang. Liegt es daran, dass das Kino auf der Berlinale wirkte wie eine überalterte Kunst? Aber an den Rändern des Festivals plädieren einige Filme für einen absichtslosen Blick in die Welt. Und in Nebensektionen gab es die Filme, über die eigentlich gestritten werden sollte, Nicolas Wackerbarths "Casting" und Raoul Pecks "I am not your Negro" (Auf dem Bild: Bärenfavorit Aki Kaurismäki, Foto: Malla Hukkanen) Von Thomas Groh, Anja Seeliger

Das Beil schon in der Hand: Liu Jians 'Have a Nice Day' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 17.02.2017 "Freiheit?" lacht eine Figur in "Hao Ji Le" ("Have A Nice Day") einmal verächtlich. Drei Sphären von Freiheit gebe es, erklärt sie dann: die des Bauernmarktes, dort kaufe man, was es gerade gibt. Dann die des Supermarktes, dort hat man die freie Auswahl. Und drittens die Sphäre des Online-Shoppings. Eine Erklärung folgt darauf nicht mehr, aber das Prinzip ist klar. Von Katrin Doerksen

In den saftigsten Farben: Merzak Allouaches 'Investigating Paradise' (Panorama)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 17.02.2017 Wie stellen Sie sich das Paradies vor, fragt die Frau. Als Land, in dem Milch und Honig fließen, sagt der eine, da muss man nicht mehr arbeiten, der andere, es gibt Früchte im Überfluss, so der dritte. Und Wein, darum gibt es nämlich das Paradies, damit wir hier so gottesfürchtig leben, dass wir dort dann im Überfluss genießen können, was uns auf der Erde verboten ist, sagt ein fünfter. Etwa die Hälfte der befragten Männer sind überzeugt, dass jeder Mann im Paradies die Zärtlichkeiten von 72 ihm allein zugedachten Houris empfängt. Und was machen die Frauen im Paradies? Da gucken alle ganz verblüfft, diese Frage haben sie sich noch nicht gestellt. Von Anja Seeliger

Wie ein komplizierter Tanz: Raja Amaris 'Foreign Body' (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 16.02.2017 Die Flucht sehen wir nicht, nur die Ankunft: Die Tunesierin Samia hat es nach Paris geschafft. Sie wohnt - wie einige andere Illegale auch - bei Imed, einem Bekannten aus Tunesien. Imed arbeitet in einer Bar, er hat Arbeit, eine Wohnung, Geld - kurz, er kennt sich aus. Er hat aber auch einen dominierenden Charakter. Er weiß ganz genau, was gut für den Neuankömmling ist und was nicht. Samia lässt sich das nicht lange gefallen, schnell hat sie sich freigemacht und zieht zu Madame Berteau, einer wohlhabenden Witwe, die Hilfe braucht beim Sortieren des Nachlasses ihres Ehemannes. Unten vor der Tür steht bald Imed, der Samias Unabhängigkeit nicht akzeptieren will. Von Anja Seeliger

Über alle Maßen pessimistisch: "El bar" von Alex de la Iglesia

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2017 Millionenfach vergrößerte Zellen, Milben, Bakterien und Viren schieben sich in den Opening Credits von "El bar" über die Leinwand. Im letzten Bild der Sequenz erblühen weiße Sporen aus dem Schwarz. Als der Name des Regisseurs erscheint, versetzt sich die Kamera in eine Rückwärtsbewegung und offenbart: sein Name, von Schimmelblüten umrankt, ist nichts anderes als ein Plakat an einer über und über beklebten Werbewand, an der die Leute vorbeirennen, ohne Notiz zu nehmen. Von Katrin Doerksen

Irgendwann geht das Licht aus: Teresa Villaverdes 'Colo' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2017 Lissabon, Wirtschaftskrise. Eine Familie - von der Einrichtung her: weißgott keine, die man der untersten Schicht der Bevölkerung zugerechnet hätte - bekommt die Folgen eines schleichenden Wohlstandsverlusts konkret zu spüren: Die Mutter verschwindet plötzlich, taucht dann wieder auf. Dann ist der Vater verschwunden, der sich mit sinnlosen Tätigkeiten den Tag vertreibt. Das Geld für den Bus für die Tochter reicht kaum hin. Mit der Bank sei alles geregelt, sagt die Mutter einmal. Nur mit dem Strom ist es so eine Sache. Ein paar wenige Tage leuchten die Lampen zwar noch, doch begleichen kann die Familie ihre Schulden frühestens in ein paar Wochen. Zwischendurch entführt der Vater einen ehemaligen Schulkameraden, der an einer jobtechnisch relevanten Position sitzt, aufs Läppischste. Von Thomas Groh

Absolut albtraumhafte Welt: "Maman Colonelle" von Dieudo Hamadi (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2017 Wenn Colonelle Honorine Munyole auftaucht, wird ihr gehuldigt. Sie ist Maman Colonelle, und die Frauen des Dorfes bekunden ihre Ergebenheit gegenüber der kräftigen Offizierin. In Bukavu hat sie lange Dienst getan, jetzt wird sie versetzt. In Kisangani, V.S. Naipauls legendärer Stadt an der Biegung des großen Flusses, soll sich ihre Polizeieinheit dem Schutz von Kindern und dem Kampf gegen sexuelle Gewalt verschreiben. Groß verkünden es die Lettern über dem Eingang ihres Reviers, neben dem UN-Signet, auf ihrer Uniform prangen zwei stolze Löwenköpfe. Neunzehn Polizisten stehen ihr zur Verfügung, die notdürftig Haltung annehmen, wenn die Kommandeurin es verlangt, aber voll dabei sind, wenn sie ihre Kampfmontur anlegen und die Maschinenpistolen aus dem Schrank holen dürfen. Von Thekla Dannenberg

Lissette Orozcos Doku 'Adriana's Pact' (Panorama)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2017 Die chilenische Regisseurin Lissette Orozco hat einen Dokumentarfilm über ihre Tante Adriana gedreht: eine gutaussehende lebhafte Frau, immer berufstätig gewesen, voller Unternehmens- und Lachlust, die in Australien lebt. Bei einem Besuch bei den Verwandten in Chile 2007 wird sie verhaftet. Der Vorwurf: Sie soll für Pinochets Geheimpolizei DINA gearbeitet, Gefangene "befragt" und gefoltert haben. Adriana streitet das vehement ab, und hier beginnt der Dokumentarfilm. Von Anja Seeliger

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