9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2023 - Gesellschaft

In dem Moment, wo die AfD in den Neuen Ländern Umfrageergebnisse von 25 Prozent und mehr erzielen, erscheinen gleich mehrere Bücher, die die DDR schönreden. Doch die etwa von Katja Hoyer in "Diesseits der Mauer" als neu verfochtene Binsenwahrheit, dass man sich auch in Diktaturen bequem einrichten kann, verwischt nur den Unterschied zwischen  Rechtsstaat und Diktatur, schreibt Richard Herzinger in seiner Perlentaucher-Kolumne: "Dass sich Menschen in repressiven Verhältnissen mehr oder weniger bequem einzurichten wissen - unter der Voraussetzung, dass sie sich unliebsamer Aktivitäten oder Meinungsäußerungen enthalten und daher keiner unmittelbaren politischen Verfolgung aussetzen -, ist keine Erkenntnis, die autoritäre Systeme in einem milderen Licht erscheinen lassen könnte. Im Gegenteil: Das Angebot der Staatsmacht an ihre Untertanen, eine relativ komfortable Existenz führen zu können, so lange sie sich dem politischen Absolutheitsanspruch der Mächtigen fügen, stellt ein konstitutives Element diktatorischer Herrschaftstechnik dar."

Frauen sollten ihre Opferrolle ablegen, um die Emanzipation zu vollenden, fordert die Philosophin Svenja Flaßpöhler im NZZ-Gespräch mit Birgit Schmid: "Wenn … zeitgenössische Feministinnen allen Ernstes behaupten, sie seien immer noch Opfer des 'Patriarchats', kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie an ihrem Opfersein um jeden Preis festhalten wollen - auch wenn die Realität längst eine andere ist. Natürlich wohnen in uns noch patriarchale Denkmuster, die wir hinterfragen müssen. Aber rechtlich leben wir doch in keinem Patriarchat mehr. Ehrlich gesagt, verhöhnt eine solche Rede all jene Frauen, die wirklich noch unter dem Joch der Männer leben müssen. Was soll eine Frau in Iran denken, wenn eine junge Feministin aus Berlin, der alle Möglichkeiten offenstehen und die vielleicht sogar durch Frauenförderung ihre Stelle bekommen hat, über das Patriarchat klagt?"

Die an einer Polizeihochschule in Duisburg "Interkulturelle Kompetenz" lehrende Dozentin Bahar Aslan hatte am Wochenende über "braunen Dreck" innerhalb der Sicherheitsbehörden getwittert, der Shitstorm folgte - auch Polizeigewerkschafter, CDU- und FDP-Politiker kritisierten Aslan. Nun kündigte die Polizeihochschule an, Aslans Vertrag nicht zu verlängern, berichtet Ronen Steinke, der in der SZ versichert, dass Aslan nicht die Sicherheitsbehörden "in Gänze" meint: "Rechtlich hat Nordrhein-Westfalen gegen die Dozentin Aslan natürlich nichts in der Hand. Deshalb hat die Hochschule wohlweislich auch nicht ihren aktuellen Lehrauftrag gekappt - 'Sonst hätte ich inzwischen ja einen Anruf bekommen', sagt Aslan am Dienstag am Telefon -, sondern nur angekündigt, ihr im nächsten Jahr keinen neuen Lehrauftrag mehr zu erteilen. Der Effekt ist natürlich trotzdem groß. Ein Exempel ist statuiert. Hat Bahar Aslan mit ihrem Wort vom 'braunen Dreck' einen falschen Ton angeschlagen? Steht es einer Dozentin nicht an, krasse Missstände krass zu bezeichnen?"

In der NZZ kommentiert Marc Felix Serrao, der die Trennung der Hochschule von Aslan gerechtfertigt findet, indes: "Wer im Zusammenhang mit Menschen mehrdeutig von 'Dreck' spricht, stellt sich selbst ins Abseits. Wer sich so äußert, engagiert sich nicht gegen die - realen und ernstzunehmenden, aber zahlenmäßig überschaubaren - rechtsradikalen Vorfälle in den deutschen Sicherheitsbehörden, sondern reproduziert selbst einen braunen Jargon. Dass es vor allem linke Stimmen im Netz sind, die darüber hinwegsehen, würde noch irritieren, wäre es ein neues Phänomen. 'Hass und Hetze' kommen in diesen Kreisen, wenn, dann immer nur aus dem anderen politischen Spektrum. Man selbst wähnt sich immun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2023 - Gesellschaft

Wenn Klimakleber auch an Feiertagen den Urlaubs- und Ausflugsverkehr behindern, ist das ein Bruch mit der deutschen Protestgeschichte, notiert Gustav Seibt in der SZ. Denn bisher ging es nie in erster Linie gegen beliebig angetroffene Mitbürger. "Auch Aktivisten wissen, dass Handwerker nicht die S-Bahn nehmen können, dass das Taxi zum Flughafen mindestens dann nötig ist, wenn der Regionalzug zum BER wieder einmal in Reparatur ist und dass der Behindertentransport schlicht unumgänglich bleibt, was immer die Verkehrsbetriebe sonst hergeben."

Dennoch ist die "Letzte Generation" keine "kriminelle Vereinigung", wie es in etwa in Brandenburg oder von Berlins neuer Justizsenatorin Felor Badenberg diskutiert wird, meint Wolfgang Janisch, ebenfalls in der SZ: "Die Sache wird nicht besser dadurch, dass man die Absicht dahinter erkennt. Gegen mutmaßlich kriminelle Vereinigungen können die Ermittler alle Register ziehen: Telefonüberwachung, Durchsuchung, Observation. Selbst wenn all die Überwachung nichts zutage fördert, macht sie doch Eindruck - und schüchtert ein. Ein vermutlich erwünschter Nebeneffekt ist die Kriminalisierung des Umfelds. Die 'Letzte Generation' hat bisher offenbar Sponsoren, die bei den Geldstrafen aushelfen. Daraus könnte in der neuen Straflogik die Unterstützung einer kriminellen Vereinigung werden. Da würde der Geldfluss rasch versiegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2023 - Gesellschaft

"Die Geschichte ökologischen Denkens ist vor allem eine deutsche Geschichte", schreibt Salonkolumnist Bernd Rheinberg mit Blick auf die aktuelle Debatte um Heizungsgesetz und Wärmepumpen. Allerdings sei sie gefangen in einer Polarisierung aus der es keinen Ausweg gebe. Bei FDP und CDU sieht Rheinberg "die Verzögerer und Aufhalter einer notwendigen ökologischen Transformation unseres Wirtschaftens und Konsumierens"... Auf der anderen Seite sind die Postwachstumsideologen, die die Wirtschaftsleistung um bis zu 90 Prozent reduzieren wollen und keine Probleme damit hätten, dass auch der wissenschaftliche Fortschritt und die soziale und äußere Sicherheit entsprechend schrumpfen und der Rest der Welt fassungslos und feixend auf das verarmte Museum Deutschland schauen würde." Aber in einem treffen sich Aufhalter und Apokalyptiker: "Sie billigen beide der kapitalistischen Ökonomie keine Evolution zu, keine Entwicklung zu einer ökologischen Marktwirtschaft. Die einen wollen sie so erhalten, wie sie ist: eine zu Gefräßigkeit neigende Maschine. Die anderen wollen sie abschaffen."

In der NZZ fragt sich die nach Tel Aviv ausgewanderte Journalistin Zelda Biller, wie lange der israelische Staat noch überleben kann und blickt dabei auf ihre Freunde in Israel, die vom ganzen Nahostkonflikt die Nase voll haben und darüber spotten: "Dass Menschen sich an Krieg gewöhnen, ist nicht nur verständlich, es ist auch notwendig, damit sie nicht verrückt werden. Aber warum, dachte ich, höre ich meine israelischen Freunde immer nur davon reden, wie normal, nervig, ungerecht oder traurig der ewige Streit mit den Palästinensern ist, aber habe noch nie jemanden darüber nachdenken hören, dass es bald schon wieder vorbei sein könnte mit dem märchenhaften Staatsexperiment in Nahost? Sind sie so geblendet von Israels militärischer Stärke und westlicher Unterstützung, dass sie nicht verstehen, was 75 Jahre Lebensdauer für ein Witz sind, insbesondere in diesem seit Jahrtausenden begehrten und umkämpften Gebiet?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2023 - Gesellschaft

Ziemlich zornig spricht Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk im Interview mit Stefan Locke von der FAS über Versuche, die DDR als lauschige Idylle zu verklären, in der man Diktatur so mir nichts dir nichts von sich wegschieben konnte. Katja Hoyers Buch "Diesseits der Mauer" feiert mit dieser Darstellung der DDR große Erfolge: "Es taugt nichts, weil es Alltag und Diktatur getrennt voneinander betrachtet. Die Autorin verharmlost nicht das politische System - das kann man ihr nicht vorwerfen -, aber sie entkoppelt es komplett von Gesellschaft und Alltag. Als ob das nichts miteinander zu tun hätte! Von SED über Mauer bis politische Indoktrination fehlt praktisch alles, was ihren Erzählfluss vom kuscheligen Leben stören würde. Dieses Buch ist aus wissenschaftlicher Sicht unmöglich. Gleichwohl bedient es eine Lücke. Wir haben es bisher alle in der Öffentlichkeit nicht geschafft, Gesellschaftsbilder über die DDR tragfähig zu machen, in denen sich viele Menschen wiederfinden. Die meisten fühlen sich ausgeschlossen von historischen Debatten über die DDR. Das ist ein Problem und die Begründung, warum diese populistischen Bücher so einen Erfolg haben."

Diese Lücke beklagt im Gespräch mit Anja Reich von der Berliner Zeitung auch der Historiker Rainer Eckert, der nach einigem Ärger aus dem Stiftungsrat der Bundesstiftung für Aufarbeitung der SED-Diktatur ausgetreten ist. In seinem Buch "Umkämpfte Vergangenheit" schildert er die scharf gespaltene "Aufarbeitungsszene". Das Buch sollte verhindert werden, er musste den Verlag wechseln. Eckert kritisiert, "dass sich die Diskussion viel zu lange und zu intensiv um Repression, Staatssicherheit und das SED-Unrecht drehte. Das waren alles wichtige Themen, aber die Mehrzahl der Ostdeutschen lebte ihren normalen Alltag, und eine starke Minderheit war begeisterter Anhänger der Diktatur. Und was uns wirklich fehlt, ist der Stolz auf unsere Friedliche Revolution."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2023 - Gesellschaft

Nele Pollatschek holt im Aufmacher des SZ-Feuilletons sehr weit aus, um mit Blick auf die Debatte um Boris Palmer (Unsere Resümees) der Frage nachzugehen, in welchem Kontext man das Wort "Neger" benutzen darf. Unter anderem zeichnet sie schwarze Positionen zum Thema nach: Der Autor Ta-Nehisi Coates etwa verteidigt die Benutzung des Wortes durch schwarze Menschen, für den Linguisten John McWhorter steht indes außer Frage, dass jeder das Wort in Zitaten verwenden kann, während die Historikerin Elizabeth Stordeur Pryor darauf beharrt, dass selbst schwarze Menschen dieses Wort nicht aussprechen sollten. Für Pollatschek ist es letztendlich "jedem selbst überlassen, ob man sich in der Frage, die auch den Aspekt des Machtkampfs hat, unterordnen möchte." Denn: "In Wahrheit trifft auch, wer vorgibt, sich nach Betroffenen zu richten, vorab die Entscheidung, welche Betroffenen er ernst nimmt: diesen Juden zu Israel, diese Frau zum Gendern, diesen Schwarzen zu jenem Wort. Auch das ist entmenschlichend: Bestimmten Betroffenen die Kompetenz abzusprechen, weil ihre Meinung stört, andere zu benutzen, damit sie das legitimieren, was man selbst sowieso längst denkt. Statt anzuerkennen, dass man am Ende selbst entscheidet, versteckt man sich hinter Menschen, die echt schon genug um die Ohren haben. Das ist ein bisschen faul und ziemlich feige."

Niemand hat so viel Angst vor dem Klimawandel wie die Deutschen (hierzulande die Angst Nr. 1, international die Angst Nr. 10) und ganz besonders viel Angst haben "eher gut gebildete, Linke und Frauen", stellt Ruhrbaron Stefan Laurin nach einem Blick auf die Statistiken fest. Viele von ihnen träumen von einer Postwachstumsökonomie, in der unser Wohlstand auf ein Siebtel (Ulrike Herrmann) oder sogar ein Zehntel (Helge Peukert) schrumpfen soll. Armut ist für diese Menschen kaum ein Thema, im Gegenteil: "Viele Umweltorganisationen wurden von Menschen aus der Oberschicht gegründet. Beim "Bund", aus dem auch die Abmahnorganisation Deutsche Umwelthilfe hervorging, war das zum Beispiel Georg Enoch Robert Prosper Philipp Franz Karl Theodor Maria Heinrich Johannes Luitpold Hartmann Gundeloh Buhl-Freiherr von und zu Guttenberg, der Vater des späteren Schummelministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Der erste Präsident des World Wide Fund For Nature (WWF) war Prinz Bernhard der Niederlande. Heute finanziert und unterstützt ein grüner Adel, der in Privatjets von einer Klimakonferenz zur anderen reist, die Aktivisten: Hinter der Mercator-Stiftung und ihren Nebenorganisationen wie Agora Energiewende, deren ehemaliger Chef Patrick Graichen war, Agora Verkehrswende und Agora Agrar stecken die aus den Besitzerfamilien des Handelskonzerns Metro gegründete Meridian-Stiftung. Die dem Hedgefonds The Children Investment Fond verbundene Stiftung Hedgefonds The Children Investment Fund Foundation finanziert die European Climate Foundation, die auch Agora Energiewende unterstützt, in der Deutschlands Energiepolitik vorgedacht wird. Auch die Ikea-Stiftung, Bloomberg Philatropies und der Rockefeller Brothers Fund sind bei der European Climate Foundation engagiert. Christopher Hohn, der Chef des Children Investment Fond, ist der größte Spender von Extinction Rebellion. Die Letzte Generation und ihre Ableger in Großbritannien, Italien oder Frankreich werden vom Climate Emergency Fund mitfinanziert. Hinter ihm stehen unter anderem Aleen Getty, Öl-Erbin und Schwiegertochter von Elizabeth Taylor, Abigail Disney und Robert Kennedys Tochter Rory sowie die von Hillary Clinton initiierte Onward Together Foundation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2023 - Gesellschaft

Die Demografin C. Katharina Spieß und der Finanzwissenschaftler Marcel Thum kriegen es hin, in der FAZ eine ganze Gegenwart-Seite über den demografischen Wandel in Deutschland zu füllen, ohne das Thema dringlich zu machen. Das liegt unter anderem daran, dass sie so sehr in die Details gehen, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Aber viele interessante Aspekte werden gestreift. So machen sich die beiden etwa Sorgen um den Öffentlichen Dienst: "Aktuell hat die öffentliche Verwaltung im Mittel deutlich niedrigere Nichtbesetzungsquoten als das Verarbeitende Gewerbe und die Dienstleistungssektoren. Dies legt nahe, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Jobs im staatlichen Sektor wegen der Höhe der Löhne, der Arbeitszeit und der Sicherheit im Beruf attraktiv finden. Dringend benötigt wird aber ein Digitalisierungsschub, der auch im öffentlichen Sektor Arbeitskräfte einspart." Dies gelte eben deshalb, weil es in bestimmten Bereichen, etwa Kitas oder Pflege, eben doch Bedarf gibt: "Wenn der Staat in diesen Bereichen Fachkräfte beispielsweise durch bessere Bezahlung gewinnen will, dann muss er erst recht in anderen Bereichen Effizienzgewinne erzielen, indem er auf Digitalisierung setzt."

In der Welt wundert sich Rainer Haubrich nicht über das Ergebnis einer YouGov-Umfrage, die ausgesprochen geringe Sympathiewerte für die Klimakleber ausweist: Drei Viertel der Teilnehmer lehnen Straßenblockaden ab. Noch schmerzhafter: Auch "53 Prozent der Grünen-Anhänger lehnen Straßenblockaden ab; und selbst in der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren haben nur 36 Prozent Verständnis für Straßenblockaden zum Wohle des Klimas. Dabei ist den Bürgern der Klimaschutz nicht egal, ganz im Gegenteil: 47 Prozent finden, dass die Bundesregierung auf diesem Feld immer noch zu wenig tut."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2023 - Gesellschaft

Gerade hat der "Exzellenzcluster Africa Multiple" der Universität Bayreuth die Schließung des von der Ethnologin Susanne Schröter geleitete Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI) angeregt (unser Resümee). Jetzt haben 600 Wissenschaftler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Schröter in einem Aufruf unterstützt, berichtet Susanne Gaschke in der NZZ. Empörung löste bei den Unterzeichner vor allem die unterschiedliche Behandlung der Wörter Neger und Nazis aus: "'Es wundert mich schon, mit welch unterschiedlichem Maß hier zwei sogenannte N-Wörter behandelt werden', sagte die Ex-Ministerin Kristina Schröder gegenüber der NZZ: 'Politische Gegner immer wahlloser als Nazis zu beschimpfen, ist offenbar in Ordnung.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2023 - Gesellschaft

Wenn es um Israel oder um das Gedenken an den Holocaust gehe, hätten die Deutschen nichts als "schöne, leere Worte" parat, sagt der Historiker Michael Wolffsohn im epischen NZZ-Interview, in dem er auch sonst ordentlich gegen Deutschland austeilt. Grundsätzlich sei das Meinungsbild der Deutschen gegenüber Israel "kontinuierlich negativ", meint er und wirft auch Olaf Scholz vor, die "antiisraelische Haltung" der Achtundsechziger weiterzutragen: "Seit dem Sechstagekrieg von 1967, als Israel ums Überleben kämpfte, wurde die Staatsgründung von 1948, die auf den Uno-Beschluss erfolgte, als Kolonialismus bezeichnet. Und dann kommt eben hinzu, dass die Politiker egal welcher Parteien ihr Angebot stark der Nachfrage anpassen. Und eine Nachfrage in Deutschland in Bezug auf Israel gab es seit 1967, spätestens seit dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 nicht. Die Achtundsechziger waren israelfeindlich eingestellt. Das kann man an allen Umfragen belegen, ich habe das systematisch erforscht. Hier lässt sich die Brücke von Olaf Scholz zurückschlagen zu 1973. Damals hatte die sozialliberale Brandt-Scheel-Regierung den USA die Genehmigung verweigert, Waffennachschub an Israel zu liefern, als Israel kurz vor der Auslöschung stand." Zudem sei "eine zunehmende Politisierung gerade in Bezug auf die Nahost-Wissenschaften festzustellen, es gibt Seilschaften, und Karrieren hängen davon ab. Wenn man das falsche Lied singt, dann kriegt man nicht das Brot."

In der FAZ wird es Eva Ladipo ganz schön unbehaglich angesichts der Tatsache, dass Frauen in der Politik vor allem am rechten Rand erfolgreich sind. Und das gilt nicht nur für die bekannten Namen wie die Amerikanerin Marjorie Taylor, die britische Innenministerin Suella Braverman, Frankreichs Marine Le Pen, Deutschlands Alice Weidel und die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni: "Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen: In Finnland hat Riikka Purra gerade für ein spektakuläres Comeback ihrer rechtsnationalen Finnenpartei gesorgt. In Rumänien führt Adela Mirza die rechtsextreme Partei 'Die rechte Alternative' an. In Polen regierte Ministerpräsidentin Beata Szydło jahrelang für die nationalistische Partei 'Recht und Gerechtigkeit'. In Ungarn ist Katalin Novak Staatspräsidentin von Viktor Orbáns Gnaden. ... In Norwegen hat Siv Jensen die rechtspopulistische Fremskrittspartiet aufgewertet, in Dänemark gelang das Pia Kjærsgaard mit der Dänischen Volkspartei, in Holland Marjolein Faber mit der Freiheitspartei." Offenbar lohnt es sich für Frauen, "Politik gegen die eigene Identität zu betreiben. Es zahlt sich aus, die Widersprüche auszuhalten. Dafür, dass sie ihren Parteien als leibhaftige Schutzschilde gegen den Vorwurf dienen, frauenfeindlich oder rassistisch zu sein, werden sie mit bemerkenswert viel Macht und Einfluss belohnt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2023 - Gesellschaft

Die Mafiaforscherin Anna Sergi ist in Kalabrien, dem Land der 'ndrangheta, aufgewachsen. Im Gespräch mit David Klaubert von der FAS beschreibt sie, wie informell Mafiastrukturen durchgesetzt werden, zum Beispiel über die Technik des "caffè pagato": "Mein Vater war früher ein bekannter Journalist, er hat über die 'ndrangheta geschrieben. Wenn mir als Kind also jemand etwas ausgeben wollte, ging es darum, zu zeigen, dass derjenige wusste, wer mein Vater war. Das kann, wenn es aus einer Mafiafamilie kommt, bedrohlich wirken. Und es wird genutzt, um eine Verbindung zu schaffen: Sergis Tochter hat einen Kaffee von mir angenommen! Das weiß bald jeder im Dorf. Es kann zu einer Art stillem Einverständnis hingebogen werden."

"Sollten wir vielleicht einfach ertragen, dass die Meinungsfreiheit für alle gilt - und Diskussionen mit Worten austragen?", fragt Ronen Steinke in der SZ. Boris Palmer wird sich freuen das zu hören, aber Steinke bezieht sich hier auf die feine Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Israelkritik, und die Frage ist an Josef Schuster gerichtet, den Präsidenten des Zentralrats der Juden, der erwartungsgemäß widerspricht und darauf hinweist, dass Israelkritik antisemitisch ist, wenn sie auf eine Auslöschung des jüdischen Staates hinausläuft: "Kein Mensch auf jüdischer oder israelischer Seite spricht sich für die Auslöschung der Palästinenser aus. Das ist aber die Hassbotschaft, die bei Demonstrationen wie kürzlich in Berlin geäußert wird: die Auslöschung des jüdischen Staates. Die Auslöschung der Juden. ... Ich würde jedenfalls niemandem raten, das auf die Probe zu stellen und sich einer solchen Demonstration offen mit Kippa oder Davidstern zu nähern. Die Aggression richtet sich nicht nur gegen einen ausländischen Staat, sondern zugleich auch gegen eine Minderheit hierzulande."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2023 - Gesellschaft

Von einer Cancel Culture wie in den USA will die Politikwissenschaftlerin Hadija Haruna-Oelker in der FR nichts wissen. Sie zitiert zum Beleg den Literaturwissenschaftler Adrian Daub: "Seine Auswertung von Text-Datenbanken der Feuilletons der vergangenen Jahre zeigt, dass das Gesamtbild der als entsprechend markierten Fälle uneindeutig, unterschiedlich, weniger dramatisch, wenn auch nicht unproblematisch ist. Es handle sich, so Daub, um überbewertete Einzelfälle, nicht um eine Kultur. Zumal der Befund meist an Anekdoten festgemacht werde, die oft nur aus der Perspektive der Opfer der Situation erzählten, die Gegenseite werde ebenso ausgeblendet wie der Kontext. Diese Logik und ihren Transfer aus den USA beschreibt Daub in seinem Buch 'Cancel Culture Transfer: Wie eine moralische Panik die Welt erfasst'. Es geht um die Übernahme eines doppelten Diskurses, der eine Lehre über 'die Zustände dort' mit der Angst paare, dass diese auch 'zu uns' kommen könnten." Über Cancel Culture zu reden, helfe dabei, "nicht über Ungerechtigkeiten sprechen zu müssen. Und in den USA bedeutet es inzwischen, damit anti-woke Gesetze durchsetzen zu können".

Vier FR-Redakteure haben sich mit Felix Klein, dem Antisemitismus-Beauftragten des Bundes getroffen, um mit ihm ein zweiseitiges Interview über linken und rechten Antisemitismus zu führen. Damit sich so etwas wie der Skandal bei der Documenta 15 nicht wiederholt, will er in die Förderbescheide "entsprechende Passagen zum Thema Antisemitismus und Diskriminierung" aufnehmen, überhaupt erkennt er einen "weit verbreiteten israelbezogenen Antisemitismus" in Kunst- und Kulturkreisen. Zu BDS sagt er: "Boykott kann ein legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung sein. Aber beim genaueren Hinsehen erkennt man, dass sich - soweit ich weiß - kein Verantwortlicher der BDS-Bewegung für die Zweistaatenlösung ausspricht. Israel soll ganz klar in allen Bereichen isoliert werden, auch Israelis, die ihre Regierung sehr kritisch sehen. Es geht um Stigmatisierung und eine Kollektivhaftung aller Israelis. BDS richtet großen politischen Schaden an."