Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 30.08.2005 - New York Times

Jetzt, da die Zeiten der Lyrik vorbei scheinen, wird sie noch einmal in Ruhe durchanalysiert .David Orr hebt in den Briefen von Poeten unbekannte Schätze. "Dichter, die ausschließlich Gedichte schreiben, sind wie Musiker, die nur auf der Kuhglocke spielen: seltsam cool, meistens aber einfach seltsam. Normalerweise arbeiten Poeten an ihrer Lyrik im Verbund mit literarischen und quasi-literarischen Projekten, von Romanen (Hardy) über Dramen (Yeats) und Kunstkritiken (John Ashbery) bis hin zu Werbeslogans für Lay's Kartoffelchips (James Dickey)." Camille Paglia wohnt mit Hilfe von Michael Schmidts "The First Poets" (erstes Kapitel) der Geburt des Individuums in der griechischen Poesie bei.

Benjamin Kunkel könnte der Vorbote einer neuen hippen Ernsthaftigkeit sein, meint Jay McInerney ganz unironisch, nachdem er Kunkels Debütroman "Indecision" über die Wonnen der Verantwortung in der Vergnügungsgesellschaft verschlungen hat (erstes Kapitel). Helen Fisher bestaunt mit Desmond Morris in "The Naked Woman" die evolutionär herausragenden Designmerkmale des weiblichen Geschlechts. Außerdem werden zwei offenbar ganz passable Biografien präsentiert: Charles R. Cross' psychologisch fundiertes Porträt von Jimi Hendrix "Room Full of Mirrors" (dazu gibt es ein kleines Hendrix-Potpourri zum Anschauen und anhören) sowie Leslie Berlins Buch "The Man Behind the Microchip" über Robert Noyce, Mann der ersten Mikrochipstunde und Gründer von Intel.

In der Titelgeschichte des New York Times Magazine inszeniert Jeffrey Rosen den Fall "Roberts vs. Die Zukunft" und fragt sich, ob der von George Bush nominierte neue Verfassungsrichter John G. Roberts den zukünftigen Problemen des Landes gewachsen sein wird. Lauren Kessler beschreibt den Schmuggel mit den nicht unbedingt schönen, dafür aber sehr seltenen Cycadalen. Daphne Merkin ergründet, was Männer hinter Gittern so attraktiv für Frauen macht. Jim Lewis ist überrascht, wie gesittet Soldaten sich heutzutage vom Krieg erholen. Deborah Solomon erfährt vom zukünftigen saudi-arabischen Botschafter in den USA, Prinz Turki Al-Fasal immerhin, dass auch religiöse Männer Anzüge aus Paris tragen können.

Magazinrundschau vom 23.08.2005 - New York Times

Im New York Times Magazine versucht Boris Fishman herauszufinden, warum der britische Arzt Simon Cohen als orthodoxer Jude antisemitische Kunst sammelt und sie nächstes Jahr in London als Warnung ausstellen will. "Jüdische Sammler von antisemitischem Material finden, anders als die meisten anderen ernsthaften Sammler, ihr Thema abstoßend, aber genau wie alle anderen sammeln sie doch wie besessen. Die Nachfrage hat dazu beigetragen, einen Markt zu schaffen, auch wenn der meist im Untergrund stattfindet."

Weitere Artikel: Der Ölverbrauch steigt, die Fördermenge könnte aber bald aus geologischen Gründen stagnieren, wenn nicht sogar fallen, warnt Peter Maass in einer alarmierenden Titelgeschichte. Andrew Rice beobachtet den ehemaligen Starfußballer George Weah, der als Präsidentschaftskandidat für Liberia antritt und hofft, mit seiner Prominenz den seit Jahrzehnten immer wieder aufflackernden Bürgerkrieg beenden zu können. Obwohl sie sich kürzlich praktisch aufgelöst hat, ist die Unterstützerorganisation America Coming Together der Anfang vom Ende der herkömmlichen Parteien, prophezeit Matt Bai. Jack Hitt sieht das steigende Bedürfnis vieler Landsleute, sich einen Indianer im Stammbaum zuzulegen, als Verlangen nach mehr Bodenhaftung im so mobilen und flexiblen Amerika.

Die New York Times Book Review: Reichhaltig, aber ein wenig zu chaotisch findet Daphne Merkin Stephen G. Kellmans Biografie "Redemption" des Schriftstellers Henry Roth. Der Mann bleibt ein Geheimnis, da hilft auch die Enthüllung des inzestuösen Verhältnisses mit seiner Schwester nichts. Es gibt nicht mehr viele gute Porträtisten, meint Jeff MacGregor, weshalb er die Auswahl von neun "Character Studies", die der "grandiose" Reporter Mark Singer für den New Yorker über besessene Magier, Bauern oder Bauherren verfasst hat, auch sehr genossen hat. Die Präsidenten der Vereinigten Staaten haben ihre Macht in Sachen Krieg weit über das, was die Verfassung zulässt, ausgedehnt, da stimmt Emily Bazelon Peter Irons zu. Seinen Rat, in Sachen "War Powers" einfach auf die Gerichte zu vertrauen, hält sie aber für naiv. Dass in Robert Littells neuem Spionagethriller "Legends: A Novel of Dissimulation" weder Hochgeschwindigkeitsjagden noch artistischer Sex eine Rolle spielen, beweist Neil Gordon wieder einmal, dass Littell zu den Besten des Genres zählt. Und Christopher Hitchens stellt drei neue Bücher über Piraten in Amerika vor.

"Die Hölle sind die anderen Kunden", wütet Charles Taylor frei nach Sartre, der nicht in Ruhe bei Barnes and Nobles stöbern kann, ohne über am Boden sitzende Buchladenbewohner zu stolpern. Krimispezialistin Marilyn Stasio seufzt dagegen über ein neues Sub-Genre: Mystery-Chick-Lit. "Dünne Geschichtchen. Witzige Titel. Saftige Umschlagskunst. Na, wird hier ein Muster deutlich?" Vielleicht wird es das in dieser netten kleinen multimedialen Beigabe.

Magazinrundschau vom 16.08.2005 - New York Times

Amanda Hesser besucht Bruno Goussault, um für das New York Times Magazine zu erfahren, warum gute Restaurants ihre Gerichte jetzt einschweißen, bevor sie sie kochen. "Sous vide" heißt die Technik, bei der Vakuumdruck, niedrige Kochtemperaturen und Tiefkühlung nach wissenschaftlichen Vorgaben kombiniert werden. "Für Fleisch und Fisch gibt es ein Fenster zwischen 52 und 62 Grad Celsius. Unter 52 riskiert man Bakterien. Über 52 fangen die Proteine an, zu verfallen. Gossault steckte jeweils ein Stück Forelle in Thermalzirkulatoren, die auf 56 und 53 Grad eingestellt waren, um zu sehen, ob man die endgültige Innentemperatur auf 54 beziehungsweise 50 Grad anheben kann, ohne die Textur zu verändern, die in dem Stück erreicht wurde, das auf 47 Grad erhitzt wurde. Das Kochen in einem Thermalzirkulator sieht ein wenig so aus wie eine animierte Skulptur von Damien Hirst - abstrakte Tierteile schweben in einer vibrierenden Flüssigkeit."

Im Titel beschreibt Daniel Bergner die wachsende Rolle von privaten Sicherheitsfirmen, früher bekannt als Söldner, im Irakkrieg. Jeder siebte Soldat dort gehört nicht dem amerikanischen Militär an. David Rieff erinnert an das größte Problem Europas. "Die europäische Vision des Multikulturalismus, in ihrer gleichzeitigen Gutwilligkeit und Selbstbeweihräucherung, ist nicht länger aufrecht zu erhalten." Der ehemalige Sicherheitsberater Richard A. Clarke gibt Ratschläge, wie man Schläferzellen ausfindig machen kann.

Die New York Times Book Review: Breat Easton Ellis' (mehr) neuer Roman "Lunar Park" hat einen Helden mit Namen Bret Easton Ellis (und eine eigene Website). Der Autor verspricht die Wahrheit und nichts als die Wahrheit über Drogen, Frauen und das leidige Prominentendasein, doch A.O. Scott sucht vergeblich. "Das Problem dieses Buches ist nicht, dass es eine schnelle, schlingernde Fahrt ins Nirgendwo ist. Natürlich ist es das, es ist ein Roman von Bret Easton Ellis. Das Problem ist, dass es nicht die Ehrlichkeit hat, zuzugeben, dass es mehr sein will, dass es nicht den Glauben aufbringt, dass den Lesern mehr zugemutet werden kann und dass es nicht den Mut hat, dieses mehr zu versuchen. Es ist das Porträt eines Narziss, der endgültig gelangweilt ist von sich selbst; dass dies auch ein Selbstporträt sein könnte, macht es nicht wahrer." Hier liest Ellis aus "Lunar Park" vor.

Barbara Ehrenreich wütet über das explodierende Genre der Ratgeber fürs Berufsleben. Sie wittert eine große Verschwörung der Vorstandsvorsitzenden. "Vielleicht sagen uns die Bücher, was diese Typen ihre Untertanen glauben lassen wollen. Oder - und das ist die wirklich beängstigende Möglichkeit - die CEOs glauben selbst an diese Prinzipien, und es sind die Wahnhaften, Unmoralischen und die Sprachbehinderten, die in der Welt am Drücker sind."

Weitere Besprechungen: Curtis Cates Biografie von Friedrich Nietzsche ist zwar erstklassig, versichert William T. Vollmann, aber auch ein wenig zu freundlich zu dem Alleszermalmer, der mit seiner Philosophie "grausam elitären Ideologien" eine Steilvorlage geliefert habe. Ganz begeistert zeigt sich Elizabeth Schmidt von Mohammed Naseehu Alis Debüt "The Prophet of Zongho Street", ein Erzählband (erstes Kapitel), dessen Geschichten zwischen Ghana und Lower Manahttan hin- und herpendeln.

Magazinrundschau vom 09.08.2005 - New York Times

Rachel Donadio besucht den "jähzornigen Propheten" und Schriftsteller V.S. Naipaul in seinem Haus im englischen Wiltshire. Der wird seiner Charakterisierung vollauf gerecht und schimpft über französische Kollegen wie den "nervtötenden" Proust oder den "empörenden" Stendhal mit ebensolcher Verve wie über das "philosophische Gekreische" der islamistischen Gotteskrieger. Er sagt auch, dass die Moderne und mit ihr die Fiktion am Ende sei. "'Wir haben uns verändert. Die Welt hat sich verändert. Die Welt ist größer geworden.' Was uns zu den Beschränkungen des Romans zurückbringt. Der Schriftsteller müsse das Wohnzimmer verlassen und in die aktive, geschäftige Welt hinaus reisen. Es ist eine tragische Vorstellung, die nur ein Romancier haben kann, dass die Welt nicht in einem Roman eingefangen werden kann." Dazu gibt es Auszüge mit der tabakweichen Stimme Naipauls zum Anhören.

In einem ausgesonderten Kommentar unterlegt Donadio Naipauls These vom Niedergang der literarischen Fiktion mit Beispielen aus der Magazinwelt. Atlantic Monthly etwa hat die seit Jahrzehnten etablierten Kurzgeschichten kürzlich aus dem Heft verbannt. "In den vergangenen Jahren haben wir bemerkt", sagt der scheidende Chefredakteur Cullen Murphy, "dass eine bestimmte Art des Berichtens - die lange und erzählende Reportage - enorm wertvoll geworden ist, um einer komplizierten und zersplitterten Welt Sinn zu verleihen."

Aus den Besprechungen: Beeindruckt zeigt sich Gail Levin von Donna M. Cassidys "mutiger" Biografie des Malers Marsden Hartley (Bilder), in der sie die Faszination Hartleys für die Ästhetik wie die Inhalte des Nationalsozialismus schildert. Immerhin ein Dutzend der 49 Kurzgeschichten von Robert Stern aus 50 Jahren, die jetzt alle im Band "Almonds to Zhoof" (erstes Kapitel) versammelt sind, hält Eric Weinberger für erinnerungswürdig: "Das ist keine geringe Leistung." Tony Hendra dagegen mundet Elin McCoys allzu gläubige und unkritische Biografie des amerikanischen Weinkritker-Papstes Robert Parker, "The Emperor of Wine" (erstes Kapitel), überthaupt nicht.

Im New York Times Magazine stellt Clive Thompson die neueste Variante des unabhängigen Filmemachens vor. In den wöchentlichen Folgen von Red vs. Blue sind die Computersoldaten aus dem Konsolen-Ballerspiel "Halo" die Hauptdarsteller. "Es das 'Rosenkranz und Güldenstern' Prinzip. 'Red vs. Blue' ist das, worüber die Spielfiguren reden, wenn wir nicht mit ihnen spielen. Wie sich herausstellt, sind sie ein Haufen Neurotiker, direkt aus 'Seinfeld'. Ein Rekrut verrät, dass er innerhalb seiner luftdichten Panzerung Kette raucht, ein Sergeant sagt einem Soldaten, dass seine Instruktionen für die Schlacht darin bestehen, wie eine Frau zu kreischen. Und als boshafter Kommentar zum endlosen Gemetzel des Spiels hat keiner der Soldaten die leiseste Ahnung, warum sie sich eigentlich bekämpfen."

Weiteres: Die kalifornische Firma Enologix hat eine Formel gefunden, mit der Winzer ihren Wein nach dem Geschmack einflussreicher Kritiker wie Robert Parker trimmen können, berichtet David Darlington. Im Titel diskutiert Robin Marantz Henig die Zukunft der Sterbehilfe. A.O. Scott kommentiert das Verschwimmen der Grenzen von Werbung und Unterhaltung, unter anderem sichtbar in den Charterfolgen kommerzieller Handy-Klingeltöne. In ihrer Freakonomics-Kolumne erklären Stephen J. Dubner and Steven D. Levitt die Entwicklung des Crack-Markts.

Magazinrundschau vom 02.08.2005 - New York Times

Konventionelle Medien wie Zeitungen und Fernsehsender stecken in der Klemme, konstatiert Richard A. Posner in einer umfangreichen Bestandsaufnahme. Die wachsende Konkurrenz zwingt dazu, sich politisch eindeutiger zu positionieren. Das wiederum führt zu einem stetigen Vertrauensverlust, weil die Zuschauer hinter der Berichterstattung nur mehr politische Motive vermuten. Und dann sind da noch die Blogs und die anderen neuen Medien, die es mit sich bringen, "dass die etablierten Medien ihre Geschichten schneller herausbringen müssen und für die Überprüfung weniger Zeit bleibt. Während die Blogosphäre also ein wunderbares System ist, um Fehler schnell zu korrigieren, ist es nicht klar, ob sie wirklich dazu beitragen, die Netto-Fehlerquote im Mediensystem zu verringern."

Weiteres: Was haben Herman Melvilles Bartleby (Originaltext und mehr von Melville) und Astrid Lindgrens (mehr) Pippi Langstrumpf gemeinsam? Beide waren Autisten, behauptet Polly Morrice und hat auch eine Erklärung, warum Autismus nach wie vor sehr angesagt ist im Literaturbetrieb: Die Krankheit bleibt ein Rätsel. Liesl Schillinger glaubt, dass Joanne K. Rowlings Erfolg mit Harry Potter darin gründet, dass ihre Fantasiewelten so viel mit der Wirklichkeit zu tun haben. Weshalb die Bücher auch immer düsterer werden.

Aus den Besprechungen: Joe Queenan tut Edward Kleins offenbar recht kritische Biografie von Hillary Clinton als "schmierig" ab. Und Joseph J. Ellis bewundert Harvey J. Kayes Porträt des Journalisten und Verfassungsvaters Thomas Paine, in dem Paine als linker und "klarsichtiger Radikaler" geschildert wird.

Lynn Hirschberg trifft für das New York Times Magazine die Independent-Ikone Jim Jarmusch, der für seinen neuem Film "Broken Flowers" Bill Murray engagiert hat. "Als Jarmusch über seine Vergangenheit sprach, tat er das oft in der abwägenden Manier eines Kulturanthropologen. Sein ganzes Leben hindurch hat er Einflüsse und Mentoren gesucht und kultiviert, und obwohl viele seiner Lehrer nun gestorben sind, scheinen sie in seinem Kopf herumzuschwirren wie weise, eigensinnige und deklamierende Geister."

Außerdem erwartet Noah Feldman von den Irakern keine perfekte Verfassung. Das haben nicht mal die Amerikaner geschafft. Carlene Bauer fragt sich, ob die vielen Mormonen-Komödien auch Ungläubige ansprechen. Richard Rubin erinnert an den berüchtigten Mord an dem vierzehnjährigen Schwarzen Emmett Till vor fünfzig Jahren. Die weißen Täter wurden von einer weißen Jury freigesprochen, um gleich darauf alles gegenüber einem Reporter zuzugeben. Im Titel beschäftigt sich Jonathan Mahler mit der Lateinamerikanisierung des Baseballs.

Magazinrundschau vom 26.07.2005 - New York Times

"Bob Woodwards Buch über Deep Throat ist die beste Kurzdiskussion über den Unterschied zwischen dem Reporter als Schnüffler und dem Reporter als Stenograf, die je veröffentlicht wurde." Mit einer Prise Sentimentalität beschreibt Christopher Hitchens in seiner begeisterten Besprechung von Woodwards "The Secret Man" (erstes Kapitel), wie er und all seine jungen Kollegen in der Kinovorführung von "All the President's Men" davon träumten, auch einmal einen so potenten Fink, einen "Friendly Insider with Necessary Knowledge" an der Hand zu haben, wie Mark Felt einer war. Bald wurde ihm aber auch klar, wie machtlos die Presse ist, wennn keiner etwas sagen will. "Die folgenden 25 Jahre in Washington überzeugten mich davon, dass es nie einen guten Skandal (hier die offiziellen Dokumente zu Watergate) geben kann, wenn es keine Verwerfungen im politischen Establishment gibt."

Weiteres: Walter Kirn dankt Cormac McCarthy übrschwenglich dafür, dass er es in "No Country for Old Men" gewagt hat, die ehernen Gesetze des Noir-Genres auszudehnen, und feiert ihn deshalb im Aufmacher. Gary Kamiyas Lesesessel wurde bei der Lektüre von William Queens Bericht seiner beiden Jahre als Undercovercop bei der Motorradgang "Mongols" zeitweise zur Harley-Davidson, wenn man seiner respektvollen Rezension von "Under and Alone" glauben darf. Und in ihrem Essay überraschen Naomi Wolf die bösen Kommentare zum Erfolg Hillary Clintons nicht sonderlich. "Wenn man sich ansieht, wie in der Geschichte auf Frauen reagiert wurde, die die Grenzen westlicher Gesellschaften gedehnt oder gebrochen haben, sieht man immer wieder die gleichen Argumente auftauchen, und zwar aus den gleichen Gründen."

Für das New York Times Magazine hat Charles Siebert ein ganz besonderes Altersheim im Dschungel von Lousiana besucht. Dort können, gesetzlich geregelt, Labor-Schimpansen ihr wohlverdientes und recht luxuriöses Gnadenbrot genießen. Mit Animateuren, Spielzeug, CD-Spielern und natürlich Fernsehen. "Jüngere Schimpansen bevorzugen Kinderfilme, Disney-Specials, 'Barney' und so was. Die Vorlieben der erwachsenen Schimpansen tendieren eher zu Melodramen und allem mit viel Action und Aggressivität. Seifenopern wie 'Passions' und 'General Hospital' sind große Hits, letztere wohl, weil Laborschimpansen so an Leute in weißen Mänteln gewöhnt sind. Die 'Jerry Springer Show' und N.F.L. Football-Übertragungen sind ebenfalls ziemlich populär, Golf, Baseball und das Programm des öffentlichen Rundfunks (Natursendungen natürlich ausgenommen) eher nicht."

Weiteres: Jeffrey Rosen beruhigt die Demokraten: Der mit der Ernennung von John Roberts wieder ein wenig konservativer gewordene Supreme Court ist gar nicht so einflussreich wie befürchtet. Robert Mackey wartet auf den Durchbruch von Minigolf als ernstzunehmender Sport. Und Zev Chafets stellt den orthodoxen Rabbi Yechiel Eckstein vor, der es kurioserweise geschafft hat, sich in seiner Mission für die jüdische Sache von republikanischen Christen unterstützen zu lassen.

Magazinrundschau vom 19.07.2005 - New York Times

Während der Präsidentenwahlen war Michael Ignatieff im Iran, um Vorlesungen über Demokratie und Menschenrechte zu halten. Im New York Times Magazine berichtet er von überraschend selbstbewussten Diskussionspartnern, Professoren, die über seinen gottlosen Glauben an die Menschenrechte nur lächeln, und Studenten, denen seine Reformvorschläge zu vorsichtig waren. "Die Frauen in der Klasse waren nicht sehr erfreut über meine Bemerkung, dass sie die Scharia von innen heraus verändern sollten. 'Es muss ein Recht für alle geben, nicht zwei Systeme, ein islamisches Gesetz und daneben ein säkulares', meinte eine Studentin. Ich sagte, dass ich übereinstimme, aber es sei unklar, wie man das im derzeitigen Iran erreichen könne. Die Studentinnen fanden dies zu defätistisch. 'Wir sind sehr froh, dass sie in unseren Kurs gekommen sind, Professor', sagte eine zu mir, 'aber Sie sind zu nett zum Gesetz der Scharia. Es muss abgeschafft werden, nicht verändert.'"

John Hodgman stellt eine Science-fiction-Serie vor, die das konservative Genre mit weltlichen Bezügen auf den Kopf stellt. In der Neuauflage der Siebziger-Serie Kampfstern Galactica sind die Bösen wunderschön und gläubig, und die Guten betrügen, wo es nur geht. "Die meisten der teuflischen Cylonen sehen aus wie Menschen und haben Gott gefunden. Skrupellos prinzipientreu und tiefreligiös, werden die Cylonen von Fans sowohl mit Al Qaida als auch der evangelischen Rechten verglichen. Und die Menschen, denen sie unermüdlich nachstellen, sind fehlbar und komplex. Ihre Shirts sind nicht hauteng oder farblich codiert; Weltraumreisende tragen Krawatte."

Weiteres: Im Aufmacher rät Matt Bai den Demokraten, ihre Themen wie die Republikaner als Geschichten zu verpacken. Und Christopher Caldwell sinniert im Zusammenhang mit Datensammlern wie Amazon darüber, ob die Freiheit letztlich gegen die Bequemlichkeit verliert.

Vorerst nur im Netz wird der neue Harry Potter besprochen. Schnellrezensent Michiko Kakutani applaudiert brav und stellt Rowlings Zyklus schon mal in eine Reihe mit Baums "Wizard of Oz" und Tolkiens "Lord of the Rings".

In der New York Times Book Review: Paul Gray vermisst in John Irvings neuem Roman "Until I Find You" (erstes Kapitel) die Konflikte und damit auch das Leben: "Nichts fordert Jack Burns heraus oder verwundert ihn, keine schicksalsträchtigen Entscheidungen prüfen seine Seele oder scheuern sie auf." Vom platten ersten Satz noch abgeschreckt, hat David Carr in John Dickers "The United States of Wal Mart" dann doch ein "nuanciertes" Porträt des Konsumgiganten vorgefunden, der mit seinem Umsatz von 288 Milliarden Dollar mehr Geld bewegt als viele Staaten. William F. Buckley Jr. hat seine 1976 begonnene Reihe rund um den Superspion Blackford Oakes nun abgeschlossen, und Charlie Rubin preist "Last Call for Blackford Oates" (erstes Kapitel) als würdiges Finale und einen der besten Bände der Serie. Fantastisch findet Lou Cannon, wie Laurence Leamer in seiner Biografie "Fantastic" Arnold Schwarzeneggers siegreiche Kampagne um den Gouverneursposten in Kalifornien beschreibt, die ausführliche Schilderung der Bodybuilderzeit gefällt ihm weniger gut (erstes Kapitel).

Magazinrundschau vom 12.07.2005 - New York Times

In einem langen Porträt im New York Times Magazine umkreist James Bennet die Frage, ob Syriens Präsident Bashar al-Assad wirklich für Offenheit und Demokratie steht oder einfach ein arabischer Diktator nach traditioneller Bauart ist, dessen westliche Maske langsam bröckelt. "Obwohl er in Washington teilweise als bloße Marionette gesehen wird, behauptet er, dass er kurz davor steht, die alte Garde aus den Zeiten seines Vaters durch pragmatische Technokraten zu ersetzen. Während seine syrischen Kritiker ihn als Gefangenen im Sytem seines Vaters sehen, als Mitläufer oder einfach Unschlüssigen, behauptet Assad, er habe einen Plan, könne ihn aber nur in einer Geschwindigkeit umzusetzen, die Syrien angesichts der turbulenten Vergangenheit und sozialen Spannungen auch aushält. Wie dem auch sei, er handelt wie ein Mann, der viel Zeit hat."

Außerdem diskutiert Jim Holt die Richtlinien, die niederländische Ärzte für das Töten von schwerkranken Neugeborenen fordern (mehr). Gretchen Reynolds fragt sich, ob Spenderorgane von verstorbenen Drogensüchtigen oder Fettleibigen kommen dürfen. Und Rob Walker stellt Marc Ecko vor, der mit Ecko Unltd. Kleider für HipHopper und solche, die es werden wollen, verkauft.

Die Book Review: "Wir vermissen Rudy, sogar einige der Leute, die ihn nicht ausstehen konnten, vermissen ihn." Rudolph Giuliani könnte seinem Londoner Kollegen Ken Livingstone als Vorbild dafür dienen, wie man eine terrorgeplagte Stadt wieder aufrichtet. Gerade rechtzeitig stellt James Traub mit Fred Siegels "The Prince of the City" (erstes Kapitel) das erste ausführliche und dabei "aufschlussreiche" Porträt des New Yorker Ex-Bürgermeisters vor (hier eine mulitmediale Zusammenfassung). Ein wundervolles Buch für den Liegestuhl auf dem Sonnendeck, meint Henry Alford zu Elizabeth Kostovas Geschichte über die zeitgenössiche Jagd nach dem Urvampir Vlad, den Pfähler. Wäre "The Historian" (erstes Kapitel) bloß nicht so unglaubwürdig überladen! Scott Eyman lässt den legendären Hollywood-Mogul Louis B. Mayer (der hinter Metro-Goldwyn Mayer) mit "Lion of Hollywood" (erstes Kapitel) in Fleisch und Blut wieder auferstehen, wenn man Manohla Dargis' Lobeshymnen glauben darf. Steve Leveens Leseanleitung ''The Little Guide to Your Well-Read Life" kommt Ruth Franklin dagegen lebensfremd und konsumorientiert vor, ebenso wie Leveens Firma Levenger, die alles anbietet, was man zum Lesen (nicht) braucht.

Magazinrundschau vom 05.07.2005 - New York Times

Im prallvollen Magazine wogt der religiöse Kulturkampf. Im Aufmacher sieht Noah Feldman sowohl die Evangelikalen wie auch die Säkularisten auf dem falschen Dampfer und schlägt eine Rückbesinnung auf glücklich tolerante Zeiten vor. "Vor dem Aufkommen des Gesetzes-Säkularismus haben die Amerikaner an öffentlichen, symbolischen Manifestationen des Glaubens nicht auszusetzen gehabt. Bevor der wertebasierte Evangelikalismus die Szene betrat, befürworteten die Amerikaner grundsätzlich eine Trennung der Institutionen von Staat und Kirche. Die beiden modernen Bewegungen haben diese Auffassungen jeweils revidiert."

In einem wehmütig-ironischen Kommentar beneidet Charles McGrath die freizeitorientierten Franzosen, die sich gegen den weltweiten Trend zur Arbeitszeitverlängerung und zum Daueraktivismus stemmen. "Die Defense Advanced Research Projects Agency arbeitet daran, den Metabolismus der Soldaten dahingehend zu verändern, dass sie mit Willenskraft Blutungen stoppen und bis zu einer Woche effektiv funktionieren können, ohne zu essen oder zu schlafen. Sie könnten sogar eine kurze Weile ohne Sauerstoff überleben. An so etwas würden die Franzosen nicht einmal im Traum denken." Sie atmen einfach gern!

Außerdem: Stephen Rodrick besucht den englischen Independent-Regisseur Michael Winterbottom bei den Dreharbeiten zu seinem neuen Film "Cock and Bull Story". Angesichts des anstehenden G8-Gipfels in Edinburgh konjugiert James Traub am Beispiel des Kongo noch einmal die Hauptprobleme der Entwicklungshilfe durch: korrupte Regierungen, Gewalt und permantentes Chaos. Und Amanda Griscom Little informiert kurz über Destiny USA, ein Shopping-Unterhaltungs-Forschungskomplex nahe New York, der das größte und umweltfreundlichste von Menschenhand erschaffene Gebilde des Planeten werden soll.

In der New York Times Book Review bestaunt Stacey D'Erasmo das monumentale Wandgemälde, das Luis Alberto Urrea mit seinem Roman "The Hummingbird's Daughter" (erstes Kapitel) entworfen hat. Das Buch sei alles zugleich: "eine linke Hagiographie, ein mystischer Bildungsroman sowie eine melancholische Nationalhymne Mexikos". Clyde Prestowitz warnt vor "Three Billion New Capitalists" (erstes Kapitel) durch ungebremstes Offshoring, und Henry Blodget kann nur zustimmen. Alan Wolfe gratuliert Louis Hartz' Standardwerk "The Liberal Tradition in America" zum Fünfzigsten, warnt aber vor Hartz' Faible fürs Paradoxe (hier die Rezension von Arthur Schlesinger Jr. aus dem Jahr 1962). A. O. Scott stellt einige neue Bücher zum Boss Bruce Springsteen vor (ein paar Fotos mit gesprochenem Kommentar hier), während Dave Itzkoff und Alan Light sich dem Rest der aktuellen Musik- und Bandliteratur widmen.

Magazinrundschau vom 28.06.2005 - New York Times

Michael Ignatieff diskutiert im New York Times Magazine kundig und historisch weit ausholend die Mission Amerikas, weltweit die Demokratie zu verbreiten. Verschiedene Präsidenten haben es versucht: in Deutschland, in Vietnam, in Osteuropa. Ein nobles Vorhaben, das aber zu zwiespältigen Ergebnissen führen kann, wie George W. Bush gerade erfährt. "Der Terrorismus hat dazu geführt, dass die Freiheit fremder Völker und die nationalen Interessen der USA übereinstimmen. Aber nicht jeder glaubt daran, dass ein demokratischer Naher Osten Amerika sicherer machen wird, nicht mal mittelfristig. Thomas Carothers vom Carnegie Endowment for International Peace etwa zweifelt an der 'leichtfertigen Annahme, dass es eine direkte Verbindung zwischen demokratischem Fortschritt und dem Austrocknen des islamischen Terrorismus gibt.' Eine Demokratisierung in Ägypten könnte zum Beispiel kurzfristig nur die Muslimische Bruderschaft an die Macht bringen."

Weitere Artikel: Nancy Updike porträtiert den israelischen Schriftsteller Etgar Keret, der mit seiner politischen und ideologischen Enthaltsamkeit recht originell und erfolgreich ist. Jaime Wolf stellt den Radiomoderator Nic Harcourt vor, der mit seiner Show Morning Becomes Eclectic zum Herold unbekannter Musiker geworden ist. Im Titel grübelt Jonathan Dee, wie man Kindern erklären soll, dass sie noch vor ihrer Geburt mit HIV infiziert wurden.

In der New York Times Book Review: Die polnische Journalistin Hanna Krall hat in ihrem Erzählband "The Woman From Hamburg" (erstes Kapitel) einen neuen Stil kreiert, den die begeisterte Elena Lappin "Holocaust Gonzo Journalismus" tauft. "Sie berichtet die grundsätzlichen Fakten, versieht sie aber mit einem romanhaften Dreh, was ihre Interviews zu eleganten, vielschichtigen Erzählungen macht. In Madeleine G. Levines subtiler Übersetzung spricht Kralls ausdrücklich kunstlose Prosa mit der Kraft der Fiktion - eine mysteriöse Verschmelzung, die sie in ihrer Geschichte 'Salvation' auch anerkennt. 'Bei meiner Arbeit als Reporterin habe ich gelernt, dass logische Geschichten, ohne Rätsel und Löcher, in denen alles offensichtlich ist, meistens unwahr sind. Und dauernd geschehen Dinge, die man beim besten Willen nicht erklären kann.'"

Weitere Besprechungen: Wer etwas über den skandalumwölkten Dichter Robert Lowell erfahren will, sollte besser Lowells Lyrik lesen statt der jetzt erschienenen Briefe (Auszüge), rät Walter Kirn. Jeffrey Steingarten findet Tom Hodgkinsons Vorschläge, jede Stunde des Tages perfekt mit Müßiggang zu füllen, bis drei Uhr nachmittags ganz nett, dann wird es ein wenig eintönig. Hodgkinson ist übrigens nicht nur Autor von "How to Be Idle" (erstes Kapitel), sondern seit 1993 auch der Gründer der schönen britischen Zeitschrift The Idler. Sollten wir das New York Police Department mit Taschenausgaben der "Sonnette aus dem Portugiesischen" ausstatten, fragt sich David Orr, dem in zwei aktuellen Romanen aufgefallen ist, dass Gewalt auch durch Poesie verhindert werden kann.