
Am interessantesten ist
Kleidung, wenn Frauen es nicht darauf anlegen, Männern zu gefallen, sondern gesellschaftlich zugleich hineinzupassen und herauszustechen. Das lernt man von
Virginia Woolf und
Isabelle Huppert,
schreibt Rosemary Hill in einem sehr schönen Essay. Überhaupt war das Jahr 1925, als Woolfs "Mrs Dalloway" erschien, ein wichtiges Jahr für die Geschichte weiblicher Kleidung: "Ein anderes wichtiges Erzeugnis von 1925 war der
Pullover für Frauen. Heute taugt er in keiner Garderobe mehr als besonders aufregendes Stück, doch damals war er revolutionär. Ein Pullover wird über den Kopf an- und ausgezogen, und die Person, die zieht, ist auch die, die den Pullover trägt. Klar. Aber bis dahin war es Frauen über ein Jahrhundert lang unmöglich gewesen,
sich selbst an- oder ausziehen. Die reichen Frauen hatten ihre Zofen, die armen hatten sich gegenseitig, aber die Spitzen, Haken und Ösen, das Zuknöpfen am Rücken erforderte Hilfe. Das galt für Männer nicht. Ein Überbleibsel, eine archäologische Spur lässt die unterschiedliche Geschichte im Einkleiden von Männern und Frauen noch heute erkennen: Die Konvention, dass Frauenkleider
die Knöpfe links haben, diente zur Erleichterung der meist rechtshändigen Ankleiderinnen, während Männer Knöpfe rechts haben, um sich selbst zu behelfen."
In einem riesigen Report
untersucht James Meek das britische
Gesundheitssystem NHS, das einerseits kurz vor dem Kollaps steht, andererseits vor einer echten Revolution und beide Realitäten nicht mehr ganz zusammenbringt: "Im ersten Universum soll das NHS so umorganisiert werden, dass die meisten Menschen
künftig zu Hause oder in ihrer unmittelbaren Umgebung versorgt werden, während nur noch Patienten mit schweren Traumata oder mit Krankheiten, die intensive Pflege, komplexe chirurgische Eingriffe oder biochemische Fachkenntnisse erfordern, in große Krankenhäuser aufgenommen werden. Die großen Krankenhäuser sollen indessen zu
Forschungszentren mit Spitzentechnologie, raren Techniken und dramatischen lebensrettenden Interventionen umfunktioniert werden. Alles andere soll auf kommunaler Ebene behandelt werden. Unter der lockeren Führung von Simon Stevens, dem Kopf des NHS England, werden die Gelder, das Personal und neue Investitionen
auf die Erstversorgung ausgerichtet - Hausärzte, Gemeindepfleger, aufgebesserte lokale Kliniken, kurz: Systeme um die chronisch Kranken daheim zu behandeln. Im zweiten Universum herrscht eine gegenteilige Wirklichkeit: Die Realität des Winters, die
Realität der Not, die Realität einer stetig wachsenden Zahl gebrechlicher, älterer Menschen, die die letzten Zufluchtsstätten überschwemmt, die Notdienste."