Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 23 von 57

Magazinrundschau vom 22.05.2018 - London Review of Books

Am Freitag stimmen die Iren und Irinnen darüber ab, ob sie das rigide Abtreibungsverbot abschaffen wollen, das seit dem Referendum von 1982 Embryos und Föten ein nahezu bedingungsloses Recht auf Leben garantiert - auf Kosten des weiblichen Körpers. Die irische Schriftstellerin Sally Rooney sieht damals wie heute die gleiche Allianz aus irischen Konservativen und amerikanischen Fundamentalisten am Werk, die mit obsessiven Kampagnen die irische Heuchelei in ihrer ganzen Brutalität verteidigen: "Was auch immer am 15. Mai geschehen wird, weiterhin werden Tausende von irischen Frauen jedes Jahr Abtreibungen vornehmen lassen. Das Referendum von 1992 bestätigte das Recht schwangerer Frauen, für Abtreibungen ins Ausland zu reisen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendein Politiker diesen Verfassungszusatz jemals in Frage gestellt hätte. Wenn aber Abtreibungsgegner wirklich glauben, dass ein Fötus eine Person wie jede andere ist, dann sollte doch ein konstitutionelles Recht inakzeptabel sein, das erlaubt, diese Person über die Grenze zu bringen, um sie dort zu töten. Doch die Abtreibungsgegner befürworten einhellig das Recht zu reisen. Der Zugang zu britischem Abtreibungsdiensten nimmt den Druck aus der Angelegenheit in Irland. Die meisten Frauen, die dazu gezwungen sind, kratzen das Geld für eine Fahrt nach Großbritannien zusammen. Die Ungerechtigkeit des achten Verfassungszusatzes bekommen vor allem diejenigen zu spüren, die unter besonders schweren Bedingungen leben: Arme Frauen, kranke Frauen, Migrantinnen ohne Visum."

Nach jedem Militärputsch konnten die Türkei auf die Rückkehr einer zivilen Regierung und demokratische Erleichterungen hoffen, aber nicht unter Erdogan, schreibt Ella George in einem ellenlange Feature zu den türkischen Verwerfungen. Das Land ist zutiefst traumatisiert, mehr als 100.000 Menschen wurden verhaftet, 150.000 aus ihrem Job geworfen, Milliarden an Vermögen eingezogen: "Die Kulturrevolution dieser Tage bedient sich kräftig der kemalistischen Strategie: Auch sie strebt nach der Einparteienherrschaft, diktiert neue Traditionen und steckt Oppositionelle ins Gefängnis. Wie Kemal will auch Erdogan die Macht des Staates vergrößern und zugleich die Institutionen transformieren. Aber während der Kemalismus viel von der sozialen Ordnung der Ottomanen beibehielt, repräsentiert die neue Türkei, die Erdogan in seiner Rede vom 24. August 2014 ankündigte, einen grundsätzlicheren Bruch. Eine Elite wird durch eine andere ausgetauscht, Eigentum wechselt seine Besitzer, für den öffentlichen Dienst werden neue Kader herangezogen, die Universitäten werden von einer Klasse von Intellektuellen gesäubert und durch loyalere Akteure ersetzt und Regime-freundliches Kapital erhält Zugang zu den staatlichen Pfründen. Die neue Türkei setzt die Uhren nicht auf den Zeitpunkt der Staatsgründung zurück, sondern ein Jahrhundert früher, vor der westlichen Modernisierung im 19. Jahrhundert. Sie lehnt nicht nur kemalistische Eliten ab, sondern auch ihre reformistischen Vorgänger im Ottomanischen Reich."

Weiteres: Tariq Ali spricht im Interview mit David Edgar über sein kommunistisches Leben, seine Zeitschrift Black Dwarf sowie die Kämpfe vor und nach 1968. Henry Siegman gibt Benjamin Netanjahu die Schuld am Tod der Zweistaaten-Lösung.

Magazinrundschau vom 02.05.2018 - London Review of Books

Der Skandal um die Windrush-Generation hat Britannien erschüttert und bereits zum Rücktritt der Innenministerin Amber Rudd geführt. Es geht um Einwanderer aus der Karibik, die seit den sechziger Jahren in Britannien leben, aber keine Nachweise ihre legalen Einreise haben. Das Innenministerium hat diese Belege 2010 vernichtet. Für William Davies liegt das Problem nicht in einem bürokratischen Missgeschick, sondern in der Instrumentalisierung der Bürokratie: "Der Einwanderer-Status der Windrush-Generation hätte niemals in Frage gestellt werden dürfen, der Grund für ihre Notlage reicht nicht weit zurück: Es ist der Immigration Act von 2014, das politische Aushängeschild der damaligen Innenministerin Theresa May. Der Plan war eine 'feindselige Atmosphäre' zu schaffen, um es illegalen Einwanderer schwerer zu machen, in Britannien zu leben und arbeiten. Indem Vermieter, Arbeitgeber, Banken und NHS-Dienste gezwungen wurden, den Status von Einwanderern zu überprüfen, drückte die Polizei den Geist des Grenzschutzes in das tägliche Leben... Wer Politik über Stimmung macht, kann nie genau kontrollieren, wen diese Politik trifft und wie. Es reicht nicht zu sagen, dass die Unschuldigen nichts zu befürchten haben, so funktioniert Furcht nicht. Das Argument für das Schaffen einer 'feindseligen Atmosphäre' basiert auf der Annahme, dass legale und illegale Einwohner auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden sind und nur durch permanente Schnüffelei voneinander getrennt werden können. Die Gerichte haben das Innenministerium immer wieder frustriert, weil sie die Beweislast dem Staat auferlegten. Das Gesetz von 2014 schob sie auf die Einzelnen. Und wenn sie, wie die Windrush-Generation, nicht beweisen können, dass sie Briten sind, werden sie de facto illegal."

Stephen Sedley gibt sich alle Mühe, den Antisemitismus in Britannien und der Labour Party zu relativieren, auch wenn er einräumt, dass sich Jeremy Corbyn nicht immer scharf genug abgegrenzt habe gegenüber jenen, die Israelkritik und Ressentiment verwischen.

Magazinrundschau vom 24.04.2018 - London Review of Books

Boko Haram mag die Truppe des Verrückten Abubakar Shekau sein, der islamische Fundamentalismus im Norden Nigerias ist es nicht. In einem sehr informativen Artikel erinnert Adewale Maja-Pearce daran, dass die Briten bei der Dokolonialisierung das Land nicht an das Volk zurückgegeben haben, sondern an die im Norden herrschende Aristokratie der Hausa, aber sie blickt auch auf die räuberische Eliten im Süden und die Unfähigkeit des Militärs (allein der Sicherheitsberater des vorigen Präsidenten Goodluck Johnson hat zwei Milliarden Dollar veruntreut). "Was immer aus Boko Haram wird, eine größere Bedrohung für die Stabilität des Landes  insgesamt, nicht nur im Norden, bildet sich gerade heraus: Eine Gruppe, die in Nigeria als Fulani-Hirten bezeichnet wird. Dieser große locker verbundene Verbund unternahm laut dem Global Terrorism Index 2016 mehr Anschläge und war für mehr Tote verantwortlich als Boko Haram. Die Fulani bilden eine Ethnie, die sich in Lebensweise und zunehmend auch Religion definieren. Familien und Clans treiben ihre Rinderherden mit dem Einsetzen der Trockenheit nach Süden und sind bereit für Weideland zu kämpfen. Die Zusammenstöße zwischen den Fulani und sesshaften Bauern oder anderen Viehhaltern nähren die Furcht, dass die Armee das Vordringen nicht aufhalten wird, und die Ansprüche der Fulani wachsen... Die Hirten und ihre Familien lebten einst in einem Gebiet im nördlichen Sahel. Die schleichenden Versteppung treibt sie nach Süden. Die 18 Millionen Fulani leben mittlerweile in 21 von 36 Staaten, selbst im südlichen Niger delta. Von 1990 bis 2005 kam es bei Streitigkeiten mit umherziehenden Fulani zu 120 Toten, doch die Zahlen steigen rasant. Allein im Januar waren es 120. Die symbolische Waffen der Fulani, Pfeil und Bogen, wurden auf diesen Wanderungen ersetzt durch das AK47."

Weiteres: Isabel Hull findet es gar nicht verkehrt, dass Oona Hathaway und Scott Shapiro die alte Idee des Kellog-Briand-Plans wieder aufgreifen, den Krieg rechtlich zu verbieten. Und Colin Burrow erklärt, warum es viel schwieriger ist, die "Odyssee" zu übersetzen als die "Ilias".

Magazinrundschau vom 27.03.2018 - London Review of Books

William Davies, immer noch davon überzeugt, dass die hochmütige Hillary Clinton ihren Wahlkampf selbst vergeigt hat, sperrt sich dagegen, den Einfluss von Facebook und Cambridge Analytica allzu ernst zu nehmen. Außerdem sind sie doch nicht die einzigen, die ihren Kunden Daten abknöpfen, meint Davies: "In der Panik rund um Trump und Cambridge Analytica wird diese brutale kapitalistische Realität als Abfischen bezeichnet. Wenn das Sammeln von Daten per App, ohne dass sich die Nutzer dessen bewusst sind, ein Abfischen ist, dann auch noch viel mehr: Transport for London fischt Daten dadurch ab, dass es ein freies Wlan in der U-Bahn geschaffen hat (das Wlan wurde installiert, um TfL Echtzeitdaten über Passagierströmen zu geben). Der Digital Service der britischen Regierung hat Daten über seine Bürger abgefischt, indem er das Design von Regierungsseiten manipuliert hat (bei den gebräuchlichen A/B-Tests werden Nutzern unterschiedliche Design angezeigt und die Daten darüber gesammelt, wie das die Klicks und Lesedauer beeinflusst). Uber fischt Daten weit über das Fahrverhalten hinaus ab (die App sammelt die Daten der Passagiere, selbst wenn die Fahrt vorbei ist, auch wenn Nutzer die Funktion jetzt ausschalten können). Neue digitale Werbetafeln am Piccadilly Circus fischen Daten ab (sie enthalten Kameras, um den Gesichtsausdruck der Passanten zu analysieren)."

Magazinrundschau vom 03.04.2018 - London Review of Books

Am interessantesten ist Kleidung, wenn Frauen es nicht darauf anlegen, Männern zu gefallen, sondern gesellschaftlich zugleich hineinzupassen und herauszustechen. Das lernt man von Virginia Woolf und Isabelle Huppert, schreibt Rosemary Hill in einem sehr schönen Essay. Überhaupt war das Jahr 1925, als Woolfs "Mrs Dalloway" erschien, ein wichtiges Jahr für die Geschichte weiblicher Kleidung: "Ein anderes wichtiges Erzeugnis von 1925 war der Pullover für Frauen. Heute taugt er in keiner Garderobe mehr als besonders aufregendes Stück, doch damals war er revolutionär. Ein Pullover wird über den Kopf an- und ausgezogen, und die Person, die zieht, ist auch die, die den Pullover trägt. Klar. Aber bis dahin war es Frauen über ein Jahrhundert lang unmöglich gewesen, sich selbst an- oder ausziehen. Die reichen Frauen hatten ihre Zofen, die armen hatten sich gegenseitig, aber die Spitzen, Haken und Ösen, das Zuknöpfen am Rücken erforderte Hilfe. Das galt für Männer nicht. Ein Überbleibsel, eine archäologische Spur lässt die unterschiedliche Geschichte im Einkleiden von Männern und Frauen noch heute erkennen: Die Konvention, dass Frauenkleider die Knöpfe links haben, diente zur Erleichterung der meist rechtshändigen Ankleiderinnen, während Männer Knöpfe rechts haben, um sich selbst zu behelfen."

In einem riesigen Report untersucht James Meek das britische Gesundheitssystem NHS, das einerseits kurz vor dem Kollaps steht, andererseits vor einer echten Revolution und beide Realitäten nicht mehr ganz zusammenbringt:  "Im ersten Universum soll das NHS so umorganisiert werden, dass die meisten Menschen künftig zu Hause oder in ihrer unmittelbaren Umgebung versorgt werden, während nur noch Patienten mit schweren Traumata oder mit Krankheiten, die intensive Pflege, komplexe chirurgische Eingriffe oder biochemische Fachkenntnisse erfordern, in große Krankenhäuser aufgenommen werden. Die großen Krankenhäuser sollen indessen zu Forschungszentren mit Spitzentechnologie, raren Techniken und dramatischen lebensrettenden Interventionen umfunktioniert werden. Alles andere soll auf kommunaler Ebene behandelt werden. Unter der lockeren Führung von Simon Stevens, dem Kopf des NHS England, werden die Gelder, das Personal und neue Investitionen auf die Erstversorgung ausgerichtet - Hausärzte, Gemeindepfleger, aufgebesserte lokale Kliniken, kurz: Systeme um die chronisch Kranken daheim zu behandeln. Im zweiten Universum herrscht eine gegenteilige Wirklichkeit: Die Realität des Winters, die Realität der Not, die Realität einer stetig wachsenden Zahl gebrechlicher, älterer Menschen, die die letzten Zufluchtsstätten überschwemmt, die Notdienste."

Magazinrundschau vom 20.03.2018 - London Review of Books

Gibt es ein Recht auf Sex, fragt Amia Srinivasan in einem irren Text, der wirklich nichts auslässt: Srinivasan interessiert sich für die "unfreiwilligen Zölibatäre", die für sich ein Recht auf Vergewaltigung reklamieren, für "Fuckability"-Ratings auf schwulen Dating-Sites, für feministische Debatten um weibliches Begehren, Pornografie und Sex-Positivismus oder die mangelnde Attraktivität von Transfrauen auf lesbische Frauen. Ihr Grundthese ist, dass persönliche Präferenzen immer auch politisch sind: "In ihrem klugen Essay 'Männer erklären mir Lolita' erinnert Rebecca Solnit daran, dass man keinen Sex mit jemanden haben kann, solange er oder sie das nicht nicht will', so wie 'man auch mit niemanden ein Sandwich teilen kann, der sein Sandwich nicht teilen möchte'. Keinen Happen vom Sandwich abzukommen, ist keine Unterdrückung, sagt Solnit zudem. Aber die Analogie verkompliziert die Lage eher, als dass sie sie klärt. Angenommen, Ihre kleine Tochter kommt aus der Schule nach Hause und sagt, alle Kinder hätten miteinander Sandwiches geteilt, nur nicht mit ihr. Und dann stellen Sie sich vor, Ihr Kind hat dunkle Haut, ist dick oder behindert, spricht nicht gut Englisch. Auf einmal scheint es kaum ausreichend zu sagen, dass keines der anderen Kinder verpflichtet sei, ein Sandwich zu teilen, auch wenn es richtig ist. Sex ist kein Sandwich. Auch wenn Ihr Kind nicht will, dass man aus Mitleid mit ihm teilt -  so wie auch niemand aus Mitleid Sex haben will, schon gar nicht mit einem Rassisten oder Transphoben - würden wir es nicht als Zwang begreifen, wenn der Lehrer die anderen Schüler auffordert, auch mit Ihrer Tochter zu teilen, oder wenn die Schule sich eine Politik des Teilens überlegt. Doch ein Staat, der analog in die sexuellen Präferenzen und Praktiken seiner Bürger eingriffe, würde grob autoritär erscheinen. (Der utopische Sozialist Charles Fourier schlug einst, dem Grundeinkommen vergleichbar, ein garantiertes 'sexuelles Minimum' vor, für jeden Mann und jede Frau, unabhängig von Alter oder Gebrechlichkeit; denn nur wenn sexuelle Not beseitigt sei, dachte Fourier, würden romantische Beziehungen wirklich frei. Der soziale Dienst sollte von einem 'amourösen Adel' bestritten werden, der sich darauf verstehe, die Liebe dem Diktat der Ehre unterzuordnen.)"

Gaby Wood sieht sich noch einmal Nicholas Rays grandiosen Noir-Film "In a Lonely Place" mit Humphrey Bogart und Gloria Grahame an und erzählt auch die Geschichte der Ehe von Ray und Grahame, die vertraglich seine Überlegenheit festschrieb, allerdings endete, als Ray Grahame mit seinem 13-jährigem Sohn im Bett erwischte.

Magazinrundschau vom 06.03.2018 - London Review of Books

William Davies versucht sich ebenfalls zu erklären, wie der Brexit zur Politik der Tories werden konnte, wo er doch Ökonomie und nationale Interessen so gravierend schwächt. Als Erklärung findet er die alte konservative Doktrin, dass die Briten nur ohne EU, NHS und Wohlfahrtsstaat zu sich selbst und wahrer Größe finden werden. Aber noch etwas fällt ihm auf: Boris Johnson, Michael Gove, Douglas Carswell, Daniel Hannan und Jacob Rees-Mogg sind alle Mitte der sechziger oder Anfang der siebziger Jahre geboren wurde, Söhne berühmter Vätern, mit einer Zeit im Ausland und ersten Karrieren in den Medien: "Das Ergebnis dieser disparaten Charakteristika sind eine komfortable Vertrautheit mit den Mythen und Ritualen des britischen Staaten, aber eine blasierte Indifferenz gegenüber den Auswirkungen von Politik. Wie Ian Jack vor einem Jahr schrieb, scheint die Expat-Perspektive eine wichtige Rolle in der Psychologie des Brexits zu spielen. Hannan und Carswell verbrachten ihre Kindheit im Ausland. Scharfsinnige Beobachter wie Gary Young wiesen darauf hin, dass der Brexist eher imperialen Vorstellungen als nationalen entspringt. Vor allem aber sieht der Expat das 'große Britannien' nicht nur aus der Perspektive der Regierung. Statistiken, Makroökonomie und Politik bedeuten ihm weniger als der Blick auf die Nation von außen, ganz wie bei den Erzrivalen. Wen interessiert die Steuerschätzung, wenn er einen Atlas vor sich hat."

Fake News und Sexismus gehören seit Adam und Eva zusammen, erinnert die Schriftstellerin Anne Enright, und ziehen sich genau in der Kombination durch Altes und Neues Testament, die Übersetzungen und die ganze Geschichte. Eva hat sich von der Schlange nicht verführen lassen, sie wurde getäuscht und dann von Adam im Stich gelassen: "Genesis ist ein wunderschönes Stück Literatur; halb Gedicht, halb Volksmärchen, es ist schwer, der Idee zu widerstehen, dass es hier etwas Reines gibt, das zum Elend aller Frauen von misogynen Zölibatären verdorben wurde. Als gäbe es einen ursprünglichen edengleichen Text, in dem Mann und Frau gleich sind und niemand Schuld trägt. Die ersten 66 Zeilen der Bibel lang scheint diese Ausgeglichenheit zu bestehen. Dann zeigt Adam mit dem Finger auf Eva: 'Diese Frau, die Du mir an die Seite gestellt hast, die hat mir so eine komische Frucht vom Baum gegeben.' Und Gott verfluchte Eva, diesen Mann trotzdem zu lieben."

Magazinrundschau vom 06.02.2018 - London Review of Books

Unglaublich, was für Visionen Politiker einmal hatten, seufzt Susan Pedersen nach der Lektüre von Chris Renwicks Buch "Bread for All", das die Geschichte des britischen Wohlfahrtsstaats erzählt. Zumindest in Großbritannien ist er vor allem dank des Ministerialbeamten William Bevridge entstanden, der als eine Art "Ein-Mann-Ministerium" die Nachkriegsplanung übernahm, während Winston Churchill noch den Zweiten Weltkrieg ausfocht: "Eine umfassende Versicherung sollte seinen Plänen zufolge durch Beiträge von drei Seiten finanziert werden: den Arbeitergebern, den Arbeitnehmern und dem Staat, doch um genug Geld anzuhäufen und die Versicherungsfonds solvent zu halten, mussten Wirtschaft und Bevölkerung brummen. Das Versicherungssystem erforderte also mehr wirtschaftspolitisches Engagement und Familienplanung. Eigentlich beruhte es auf drei Voraussetzungen, wie Beveridge betonte: Dass die Regierung die Ökonomie so managte, dass sie Vollbeschäftigung garantieren konnte, dass sie ein Nationales Gesundheitssystem einführte, das alle Mitglieder der Gesellschaft gesund und produktiv halten würde, und dass sie Arbeiter, die mit Familien unterschiedlicher Größe lebten, für jedes Kind Unterstützung gewährten und nicht nur mit einem einmaligen Betrag. Beveridges Hybris ist wirklich wunderbar, und eigentlich auch sehr lustig. Er wurde beauftragt, Versicherungen und Pensionen in einem System unter einen Hut zu bringen. Das tat er, aber nur indem er noch viel größere Verpflichtungen - Vollbeschäftigung! Das Nationale Gesundheitssystem! - für selbstverständlich hielt. Das ist so, als würde man heute einem Beamten sagen, er soll sich Gedanken über die nationale Verkehrspolitik machen, und er erklärt zur Voraussetzung, dass wir erst einmal den Klimawandel aufhalten."

Magazinrundschau vom 23.01.2018 - London Review of Books

In einem etwas bizarren Text setzt sich die radikalfeministische Philosophin Lorna Finlayson mit dem Essayband "Butterfly Politics" der radikal feministischen Anwältin Catharine MacKinnon auseinander und zeigt damit sehr schön, wie tief die Brüche im eigenen Lager sein können. Außer Israel gibt es vor allem einen strittigen Punkt: MacKinnon vergleicht Pornografie, Prostitution und Gewalt gegen Frauen mit dem 11. September (jedes Jahr kommen ähnlich viele Frauen in den USA durch männliche Gewalt ums Leben wie bei den Anschlägen von 2001). Finlayson lehnt diesen Vergleich ab, weil sie damit wiederum die Gewalt relativiert sieht, die muslimischen Männern von Amerikanern angetan wird. Auch dass MacKinnon auf das Recht setzt, um Frauen vor männlichem Terror zu schützen, findet Finlayson fragwürdig: "Viel zu wenig behandelt wird die Frage, ob es für Feministinnen Sinn macht, die Welt verändern zu wollen, indem man die Gesetzeslage ändert. ... Kann das Gesetz überhaupt - zumindest das Recht im liberalen kapitalistischen Staat - ein Vehikel für die Emanzipation von Frauen sein? Diesen Punkt ernstzunehmen heißt nicht, alle Kämpfe um rechtliche Veränderungen abzulehnen. (Die Anarchistin Emma Goldman sprach vom 'Fetisch', zu dem die Frauenbewegung des 20. Jahrhundert das Wahlrecht gemacht habe). Das Gesetz ist kein Epiphänomen - das glauben nicht einmal Vulgärmarxisten. Das Gesetz reflektiert und hält die Gesellschaftsform aufrecht, in der es existiert, und mit dem Wandel der Gesellschaft wandelt sich auch das Recht. Aber das heißt nicht, dass es gesetzliche Reformen sind, die den Wandel einer Gesellschaft vorantreiben. Feministinnen sollten nicht auf rechtliche Reformen setzen, weder als Ziel an sich noch als Motor der Veränderung."

Weiteres: In einem etwas umständlichen, aber feinsinnigen Text verteidigt T.J. Clark Cézannes Frauenporträts gegen Kritiker, die in ihnen nur ausdrucklose oder maskenhafte Stillleben sehen wollen. Colin Kidd zerbricht sich den Kopf, ob und wie Britannien nach dem Brexit zurück in die EU kann.

Magazinrundschau vom 02.01.2018 - London Review of Books

Die Demokratische Partei in Amerika verrennt sich mit ihrer Fixierung auf russische Hacker-Angriffe, meint der Historiker Jackson Lears. Zum einen ist ihm die plötzliche Verehrung von CIA, NSA und FBI suspekt, die auch bisher keine Beweise, sondern nur eine "Einschätzung" erbracht hätten. Zum anderen findet er es politisch fatal: "Indem die Führung der Demokraten ausländische Dämonen für Trumps Aufstieg verantwortlich machen durfte, konnte sie die Schuld an ihrer Niederlage abschieben, ohne ihre eigene Politik in Frage zu stellen. Inmitten des allgemeinen Abscheus vor Trump gerierten sich demokratische Politiker als Dissidenten - nur wenige Tage nach den Wahlen gaben sich Clintons Anhänger das Label #the resistence. Mainstream-Demokraten nennen ihre Plattform jetzt progressiv, obwohl sie wenig mehr fordert als den Erhalt von Obamacare, etwas mehr Einkommensgerechtigkeit und den Schutz von Minderheiten. Dies ist eine recht zaghafte Agenda. ... Russiagate eröffnet den Partei-Eliten einen Weg, die Einigkeit der Partei gegen Trump voranzutreiben und die Anhänger von Bernie Sanders aus der Partei."

Patricia Lockwood sichtet Neues von und über Joan Didion. Griffin Dunnes Dokumentation "The Centre Will Not Hold" ist ihr zwar zu hagiografisch, aber sehenswert findet sie sie doch: "Es wirkt ganz wie eine Dokumentation, die ein Neffe über eine Tante machen würde, die nicht Joan Didion ist... Doch man merkt natürlich immer wieder, wie außergewöhnlich sie als Sujet ist. An einer Stelle fragt Dunne, was sie fühlte, als sie in Haight-Ashbury das fünfjährige Kind auf Acid sah. Es arbeitet erst in ihrem Gesicht, und man erwartet von ihr zu sagen: 'Es war furchtbar.' Stattdessen strahlt sie und sagt: 'Das war Gold wert.'"

Ganz hinreißend findet es Ferdinand Mount, von Craig Browns Band "Ma'am Darling" an die grässliche Prinzessin Margaret erinnert zu werden, die auch bei anderen Menschen nur das Schrecklichste zutage förderte: "Ihr Snobismus konnte barocke Ausmaße erreichen. Als ihr Mann einmal beinahe ihr Kleid in Brand gesteckt hätte und sagte: 'Das wäre nur gut gewesen. Ich hasse dieses Material', erwiderte Ihre Königliche Hoheit scharf: 'Ein Wort wie Material benutzen wir nicht. Wir sagen dazu Stoff.'"