Magazinrundschau

Zeit ist ein Pfeil

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
23.01.2018. Der New Yorker sucht nach den Spuren des vergessenen Autors William Melvin Kelley. Das New York Magazine untersucht Glenn Greenwalds kuschliges Verhältnis zu Russland. In Magyar Narancs bekennt sich der Maler Ákos Birkás zu  seiner Unberechenbarkeit. In der New York Review of Books denkt Masha Gessen über Wahlmöglichkeiten nach. Intercept präsentiert die umfassenden Stimmerkennungstools der NSA.

New York Review of Books (USA), 22.01.2018

In der New York Review of Books denkt Masha Gessen über Entscheidungen nach: Die Entscheidung als 13-Jährige für das Jüdischsein, die sich gar nicht wie eine anfühlte. Die Entscheidung, von Russland in die USA auszuwandern, die die Eltern für die damals 14-Jährige mit trafen. Und das Gefühl als 15-Jährige, auf einer Tanzparty für Homosexuelle zu erkennen, dass sie eine Wahl hat: Das ist, wer ich sein könnte. "Die Synkope der Emigration bedeutete für mich den Unterschied zwischen der Entdeckung, wer ich war - eine Erfahrung, die ich in den Wäldern bei Moskau [unter jüdischen Sängern] machte - und der Entdeckung, wer ich sein könnte - eine Erfahrung, die ich bei dem Tanz machte. Es war ein Moment der Wahlmöglichkeit und dank der 'Unterbrechung meines Schicksals' [durch die Emigration] war mir das bewusst. Hier trennt sich meine persönliche Geschichte von der amerikanischen Schwulen- und Lesbenbewegung. Letztere gründete darauf, keine Wahl zu haben. Eine Wahl kann man verteidigen müssen - auf jeden Fall muss man bereit sein, sein Recht auf eine Wahl zu verteidigen - während die Behauptung, man sei eben so geboren an die Sympathie der Menschen appelliert oder zumindest an einen Sinn für Anstand. Sie dient auch dazu, die eigenen Zweifel zu besänftigen und zukünftige Optionen auszuschließen. Wir sind meistens zufriedener, wenn wir weniger Wahlmöglichkeiten haben".
Stichwörter: Gessen, Masha, Emigration

Magyar Narancs (Ungarn), 21.12.2017

Der Maler Ákos Birkás, der in den letzten Jahren im In - und Ausland immer bekannter und Ende des vergangenen Jahres mit dem renommierten ungarischen Preis Prima Primissa ausgezeichnet wurde, spricht in einem langen Interview mit Kriszta Dékei über seine Auffassung von Kunst und seine Einstellung zur politischen Situation in Ungarn: "Im Nachhinein wird eines Tages - vielleicht - ersichtlich, was in diesen Jahren passiert ist. Jetzt wissen wir nur, dass wir durch die böse Spaltung der Gesellschaft verblendet sind. Zur Zeit muss sich jeder positionieren, Hass schüren und dadurch zu einer berechenbaren Größe werden. Ich bezweifle jedoch, dass der Mensch ein so simples Wesen ist. Ich habe zum Beispiel eine radikale und linke Seite (...) und eine konservative aus meiner Kindheit, die von der Grunderfahrung der Religiosität durchwoben ist. Darum ist mir Marxens beeindruckende Interpretation so vertraut wie Meister Eckharts atemberaubender Text.  (...) Mein radikales Ich kann sich über unser Karikaturenland amüsieren, manchmal auch laut darüber lachen. Mein konservatives Ich, das zutiefst durch die Politik der Regierung und ihrer verstellten Auswirkungen verletzt ist, fühlt sich kompromittiert. Ich schäme mich und empfinde, dass ich gedemütigt hier leben muss."

168 ora (Ungarn), 22.01.2018

Der Schriftsteller György Spiró meint im Interview mit Zsuzsanna Sándor über die Rolle der Intellektuellen und das Ende der bürgerlichen Gesellschaft in Ungarn: "Bei uns endete die Entwicklung der bürgerlichen Mentalität seltsamer Weise mit dem Ende der Kádár-Ära, das heißt jene Mentalität, die zwar stetig abnahm, aber in gewisser Weise die Schrecklichkeiten des 20. Jahrhunderts erträglicher machte. Diese bürgerliche Mentalität beteuerte, dass es ethische und berufliche Normen gibt, welche auch ohne einen äußeren Zwang eingehalten werden. Es konnte geglaubt werden, dass anständige Arbeit einen Wert hat und mit der beruflichen Weiterbildung früher oder später auch ein Aufstieg möglich ist. Diese Werte gingen langsam verloren. Der mentale Zustand der Gesellschaft wird weiterhin dadurch beschädigt, dass sowohl die Ideen des Nationalsozialismus als auch des Bolschewismus zu ungarischen Traditionen wurden und sich miteinander verwoben. Wenn in Ungarn 'christlich' gesagt wird, dann bedeutet das seit den dreißiger Jahren 'nicht jüdisch'. 'Christentum' wurde zu einem rassistischen Begriff, was einer nationalen Katastrophe gleichkommt. 'Arm' bedeutet seit der Wende Zigeuner. 'Arm' wurde ebenfalls zum rassistischen Begriff. Etwas Schlimmeres hätte nicht passieren können."
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Archiv: 168 ora

New York Magazine (USA), 22.01.2018

In einem etwas zu launig geratenen Porträt schildert Simon van Zuylen-Wood die schillernde Medienfigur Glenn Greenwald, die einst half, einer bestürzten Welt die Snowden-Enthüllungen zu präsentieren. So wichtig das war - seither betätigt er sich mehr auf Twitter als hämischer Medienkommentator, der trotz der 250 Millionen Dollar, die ihm Pierre Omidyar für sein Enthüllungsmagazin The Intercept und andere Medien gab, nicht viel mehr zuwege brachte, als sämtliche Enthüllungen über Donald Trumps Beziehungen zu Russland als Bullshit abzutun. Gegen Ende seine Artikels spricht van Zuylen-Wood endlich aus, wie selektiv Greenwalds Wahrnehmung dabei ist - weil Greenwald zur Not selbst die Enthüllungen seines eigenen Magazins herunterspielt: "Im Juni publizierte The Intercept eine explosive Story, dass Russland in den Tagen vor der Wahl versuchte die Wählerregistrierungssoftware zu inflitrieren, indem es Phishing-E-Mails an mehr als hundert lokale Wahlbeauftragte sandte. Die Information stammte aus einem geleakten NSA-Bericht… Der Scoop macht mit zum ersten Mal deutlich, dass Russland nicht nur Wähler zu beeinflussen trachtete, sondern direkt in die Wahltechnologie eingriff. Greenwald distanzierte sich von dem .. Leak und sagt heute, dass er der Geschichte nicht glaubt."

New Yorker (USA), 29.01.2018

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker geht Kathryn Schulz einem gar nicht seltenen Phänomen nach: Vielversprechende Autoren, die plötzlich von der Bildfläche verschwinden. William Melvin Kelley zum Beispiel, der mit 'A Different Drummer' 1962 den Kampf der Afroamerikaner für ihre Bürgerrechte auf schlagende Weise einfing und mit James Baldwin verglichen wurde: "Schwer zu sagen, was geschah, Ruhm ist trügerisch und basiert auf vielen Faktoren. Vielleicht war es das sich verändernde politische Klima. Als der Schwung der Bürgerrechtsbewegung verebbte, richteten die Verleger ihre Aufmerksamkeit auf anderes. Doch Kelley war nicht so politisch, dass er mit der ideologischen Flut kam und ging. Möglich, dass es daran lag, dass hier ein Schwarzer aus der Perspektive eines Weißen über seinesgleichen schrieb. Eine clevere und wichtige Perspektive. Sie transformierte W.E.B. Du Bois' doppeltes Bewusstsein in ein erzählerisches Mittel, aber sie verkleinerte auch die potenzielle Leserschaft. Weiße Leser waren nicht wild darauf, von einem schwarzen Autor gesagt zu bekommen, was sie dachten, vor allem nicht, da es so vernichtend war. Schwarze Leser mit dem Wunsch nach literarischer Repräsentation waren nicht scharf auf weitere weiße Charaktere. Und weder weiße noch schwarze Leser wollten Kelleys dunkle Vision von Amerika. Schließlich fiel Kelley dem Lauf der Dinge zum Opfer, der ständig Neues hervorbringt und Altes vergisst. Zeit ist ein Pfeil, dem wir alle folgen. Kritiker lieben den Begriff der Zeitlosigkeit, aber die Wahrheit ist, die meisten Autoren, auch die begabtesten, entstammen einer bestimmten Zeit, wenngleich nicht immer ihrer eigenen."

Außerdem: Nick Paumgarten berichtet von den heiklen Dreharbeiten zu einem Knastfilm, in dem Häftlinge sich selbst spielen. Und Calvin Tomkins stellt den Readymade-Künstler Danh Vo vor. Anthony Lane sah im Kino Greg Barkers Obama-Dokumentarfilm "The Final Year" und Sebastián Lelios Transgenderdrama "A Fantastic Woman". James Wood liest Ali Smiths Roman "Winter". Peter Schjeldahl empfiehlt "Americans", eine Ausstellung über die Allgegenwärtigkeit von Indianern in der amerikanischen Kultur, im National Museum of the American Indian in Washington, D.C..
Archiv: New Yorker

Intercept (USA), 19.01.2018

Gegenüber der NSA sind Amazon, Apple und Google mit ihren neuen Stimmerkennungstools geradezu Frischlinge im Metier: Seit geraumer Zeit macht sich der Geheimdienst Stimmanalysen zunutze, um Politiker, Terroristen, aber auch eigene Angestelle zu überwachen, berichtet Ava Kofman. Die Methode fußt darauf, eindeutige Features individueller Stimmen zu analysieren: "Ein Algorithmus erstellt dann ein dynamisches Computermodell der individuellen Stimm-Beschaffenheit. Üblicherweise nennt man das einen 'akustischen Fingerabdruck'. Dieser Prozess - ein paar gesprochene Wörter abgreifen, daraus einen solchen 'Fingerabdruck' erstellen und diese Darstellung dann mit anderen aus einer Datenbank abgleichen - läuft nahezu zeitgleich ab. ... Dokumente aus dem Snowden-Archiv legen offen, dass Analytiker ihre Algorithmen zur Spracherkennung mit einigen dieser Aufnahmen fütterten, um auf diese Weise Individuen mit ihren früheren Äußerungen zu verbinden, selbst wenn diese unbekannte Telefonnummern, geheime Codewörter oder verschiedene Sprachen nutzten. ... Der NSA dämmerte es bald, dass ihre Fähigkeit, Stimmaufnahmen zu verarbeiten, auch genutzt werden könnte, um Angestellte innerhalb der NSA zu identifizieren. Ein Memo aus dem Jahr 2006 erklärt, dass 'Technologien zum Stimmabgleich für die neue 'Insider Threat'-Initiative aufgegriffen werden ein Versuch, um Spione, die sich unter uns bewegen, auffliegen zu lassen.'"
Archiv: Intercept

Novinky.cz (Tschechien), 22.01.2018

Der unermüdliche Charles Aznavour, der demnächst, 93-jährig, ein Konzert in Prag geben will, erinnert sich im Gespräch mit Šárka Hellerová an das Jahr 1969, als er wegen der Selbstverbrennung Jan Palachs sein geplantes Konzert absagte und stattdessen an Palas' Begräbnis teilnahm: "Das erste Mal war ich als Tourist in Prag gewesen und hatte mich in Land und Leute verliebt. Dann bot man mir in dem amerikanischen Film 'The Games' die Rolle des [tschechischen Wunderläufers] Emil Zátopek an. Und als dann das mit Jan Palach passierte, sagte mir eine innere Stimme, dass ich dabeisein müsse. (…) Es war eine traurige Zeit und ein sehr trauriger Tag. Was Jan Palach getan hatte, erforderte großen Mut, es war das höchste Opfer. Es war ein begründeter Hilferuf für sein blutendes Land. Sein Name wird immer in Erinnerung bleiben, denn es war eine bedeutende Tat." Der 20-jährige Student Jan Palach hatte sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings selbst angezündet.
Archiv: Novinky.cz

New Statesman (UK), 18.01.2018

Amerika ist auf dem besten Weg, eine illiberale Oligarchie nach osteuropäischem Muster zu werden, und die andauernde Empörung über Donald Trumps irrlichternde Persönlichkeit lenkt davon nur ab, fürchtet John Gray nach der Lektüre von Michael Wolffs Report "Fire and Fury". Wolff übersehe, dass von vornherein mehr Macht bei der reaktionären Milliardärin Rebekka Mercer lag als bei Steve Bannon: "Es ist schwer vorstellbar, dass die Russland-Ermittlung eindeutig genug Beweise erbringen wird, um Trump zum Rücktritt zu zwingen. Auf seine Präsidentschaft ist zu viel Geld gesetzt, als dass ein Gerichtsprozess sie beenden würde. Wie viele seiner 'White Trash'-Anhänger insgeheim geahnt haben dürften, hat sich dieser Präsident als ein Diener eben jener Oligarchie erwiesen, die zu verachten er vorgibt. Die Linke, die sich unaufhörlich über seine gestörte Persönlichkeit auslässt, versteht nicht, worum es geht. Während er auf Twitter große Töne spuckt, werden in ganz Amerika neue Bundesrichter ernannt, die gegen affirmative actions sind, gegen Schwulenrechte, Abtreibung und eine intervenierende Regierung. Der regulierende Staat wird zerschlagen und der Umweltschutz abgebaut. Diese politische Veränderungen werden nicht so schnell revidiert werden können. Die amerikanische Regierung wird grundlegend neugeformt - dort, wo konservative Richter das Sagen haben, wahrscheinlich für Generationen. Zugleich wird die Macht des großen Geldes in der Politik festgezurrt."

Außerdem: Nicholas Shakespeare bescheidet Boris Johnson und allen anderen Briten, die gerade Churchills Führungsstärke herbeisehnen, dass es Loyalität war, die Großbritannien in der vielzitierten "schwersten Stunde" stark gemacht hat - und den alten Haudegen zum Premier und Kriegshelden.

Eurozine (Österreich), 18.01.2018

Kateryna Iakovlenko denkt darüber nach, wie Instagramfotos aus Kriegsgebieten wie der Ostukraine die Berichterstattung verändern und wie man künftig mit diesem Bildmaterial umgehen wird. In Zeiten von Fakenews sieht Iakovlenko das Potenzial einer "Humanisierung des Krieges" in den auf Instagram hochgeladenen Handyfotos, die den individuellen Blick eines Soldaten widerspiegeln. Das heißt aber nicht, meint sie, dass es keine Reflexion mehr über Bildinhalte gebe: "Die ukrainischen Soldaten, mit denen ich sprach, versicherten, niemals Fotos gepostet zu haben, die über strategische Planungen oder militärische Einsätze hätten Auskunft geben können, und dies, obwohl sie keinem offiziellen Verbot bezüglich Fotoinhalten folgen mussten. Um sich abzusichern, ob sie ein Foto in sozialen Medien veröffentlichen können, holten sie die Meinung ihrer Freunde ein, und wenn diese nein sagten, entfernten sie die Bilder von ihrer Seite oder stimmten gemeinsam ab, welches Bildmaterial gezeigt werden dürfte. Diese Form der 'Medien-Hygiene' oder das Bewusstsein für ethische Fragen rührt daher, dass junge Soldaten Bescheid wissen über die heutige Informationsverbreitung."
Archiv: Eurozine

New York Times (USA), 21.01.2018

In der neuen Ausgabe des New York Times Magazines schreibt sich Leslie Jamison den Ärger von der Seele. Weiblicher Zorn, was ist das eigentlich? "Das Phänomen weiblichen Zorns wurde oft gegen sich selbst gewendet, die Gestalt der wütenden Frau nicht als verletzte, sondern als bedrohliche Figur. Sie ruft eine Reihe bedrohlicher Archetypen auf: Die Harpyien mit ihren Klauen, die Hexe mit ihren Zaubersprüchen, die gelockte Medusa. Die Vorstellung, weiblicher Zorn sei unnatürlich oder zerstörerisch, wird früh gelernt. Kinder akzeptieren Wut von Jungs eher als die von Mädchen. Laut einer Berkeley-Studie von 2000 kommt Wut bei Mann und Frau etwa gleich häufig vor, Frauen empfinden in der Folge aber größere Scham. Die Bezeichnungen 'zickig' oder 'feindselig' für weiblichen Ärger ist durchaus gängig. Männliche Wut wird eher als 'stark' konnotiert. Männer agieren ihre Wut an Gegenständen oder verbal an anderen aus. Frauen weinen dann eher, so als würde ihr Körper sie zu dem Gefühl zurückzwingen, mit dem sie in aller Regel assoziiert werden - Traurigkeit."

Außerdem: Steven Johnson erklärt, was Kryptowährungen wie der Bitcoin alles können sollen (z.B. das Netz zu einer dezentralisierten, egalitären Angelegenheit machen). Jennifer Percy besucht das Malheur National Wildlife Refuge in Oregon, das vor zwei Jahren von bewaffneten Mitgliedern des Patriot Movement besetzt wurde, und wittert noch immer viel Wut in der Region. Und in der Tagesausgabe der New York Times vom 21. Januar erscheint Katharine Q. Seelyes aufwühlender Artikel über den Alltag von Drogenabhängigen und ihrer Familien.
Stichwörter: Weiblicher Zorn, Hexen