Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

643 Presseschau-Absätze - Seite 64 von 65

Magazinrundschau vom 11.01.2005 - Elet es Irodalom

Eine kafkaeskes Abenteuer in Moskau: Der Schriftsteller Adam Bodor bekam eine Einladung zur Buchmesse, weil sein Roman auf Russisch erschienen sei; vor Ort kann er jedoch weder einen Vertrag, noch einen Übersetzer, noch einen Verlag, noch ein Exemplar ausfindig machen. Auf dem Weg zur Buchpräsentation stellt sich heraus, dass das Buch zwar existiert, aber die Veranstalter kein Exemplar dabei haben und der Moderator den Titel nicht kennt. Den russischen Unzulänglichkeiten begegnet er bis zu diesem Punkt mit Humor, aber dann: "Warum rasen wir eigentlich mit diesem verrückten Tempo in nordöstliche Richtung im tobenden russischen Winter? - fragte ich. Die Antwort schlummerte irgendwo in der verschneiten, stummen Einöde, im Halbdunkel der sie gerade verhüllenden, unergündlichen Dämmerung, in der Tiefe der vergangenen Jahrhunderte vielleicht, in der ewigen Nacht."

Das neue Buch des Kulturtheoretikers Laszlo Földenyi bringt die "Nachtseiten der Malerei" an den Tag. Seine auch auf Deutsch erschienenen Unterschungen zu Caspar David Friedrich, Francisco Goya und William Blake (mehr beim Verlag) sind jetzt in einem einzigen Band zusammengefasst. Die Literaturtheoretikerin Magdolna Orosz findet das Buch großartig und die Kunst der Romantik höchst aktuell. Um 1800 sei nichts weniger passiert als die "Fundierung unserer heutigen Kultur durch ein neues Weltbild": In den Landschaftsbildern Friedrichs entdeckt sie die "Suche nach Religion und dem Glauben", in Goyas "Saturn" "die Selbstzerstörung des mit Gott und der Welt entzweiten, von sich selbst entfremdeten Menschen" und in William Blakes "Newton" "die illusorische Weltschöpfung der in sich selbst versunkenen Vernunft".

Freiheit der Literatur contra Freiheit der Presse: Die Literaturkritikerin und Übersetzerin Lidia Nadori resümiert die langen Debatten der deutschen Feuilletons über Autorschaft und Authentizität von "Eine Frau in Berlin" der Anonyma.

Magazinrundschau vom 21.12.2004 - Elet es Irodalom

Für den Schriftsteller Istvan Eörsi haben sämtliche Gesellschaftstheorien ausgedient: "Keine christlich geprägte Partei würde die Bankiers aus der Kirche jagen oder den Reichen den Zutritt zum Himmel verbieten; es gibt keinen liberalen Staat, der die schönen Prinzipien der Gleichheit vor dem Gesetz und der gleichen Würde um das Prinzip der realen und globalen Chancengleichheit ergänzen würde, und es gibt keine sozialistische Partei, die eine lebensfähige, humanistische Alternative zur Marktwirtschaft, dem Hauptgrund aller gesellschaftlichen Ungleichheit bieten kann. (...) Ohne den Anspruch auf eine Weltanschauung werden wir schnell in die Nacht der postmodernen Weisheit galoppieren, wo es keine ernstzunehmenden Kriterien für unsere Bewertungen gibt, wo unsere Handlungen nicht mit ihren Folgen zusammenhängen. Diese Einstellung führt dramaturgisch gesehen dazu, dass auf der Bühne alles passieren kann."

Internet schlägt Fernsehen - stellt der Medienwissenschaftler Peter György fest. Die Online-Medien, zum Beispiel das beliebte Informationsportal Index.hu, berichteten am Abend des Volksentscheids über die ungarischen Minderheiten viel kompetenter und schneller, als die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. "Die Medien können von Politikern ... ein einziges Mal Aufrichtigkeit erzwingen: in den Augenblicken des Schocks. Je mehr Zeit ihnen bleibt, sich zu fassen, desto schlimmer für die Öffentlichkeit. Es wäre deshalb wichtig gewesen, die politische Elite zu jenem Zeitpunkt zu befragen, als die Ergebnisse noch unbekannt waren, statt idiotische deutsche Fernsehfilme zu senden."

Die Kulturwissenschaftlerin Julia Sonnevend zeigt das Jahr 1989 aus der ungewöhnlichen Perspektive eines zehnjährigen Kindes. Sie verbrachte "viele tausend Stunden" in der Schule, doch es half ihr kein bisschen, die sich zunehmend verrätselnde Welt, "die sogenannte Wende" besser zu verstehen. "Die Schule plante im voraus nichts, erwartete nichts, weder von uns, noch von sich selbst. All die politischen, öffentlichen und privaten Veränderungen, die sich um 1989 außerhalb der Schule ereigneten, fand ich großartig und bewegend. Aber sie blieben - den Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen ausgenommen - irgendwie außerhalb. Und wir waren mit ihrer Beurteilung endlos allein, auf uns gestellt." Für die Ratlosigkeit und das geringe Wissen ihrer Generation über die Geschichte macht Sonnevend daher die Schulen verantwortlich.

Magazinrundschau vom 13.12.2004 - Elet es Irodalom

In Budapest erscheint die erste Gesamtausgabe der Werke des Argentiniers Julio Cortazar. Für den Schriftsteller Peter Esterhazy ein Grund zum Jubeln: "Spiegel, Spiegelungen, Narrationen, Gesang und Heldenlied, Fußnoten und Marginalien, Aussagen des Unaussagbaren, Erfassen des Unfassbaren, das Unmögliche als einzige Chance, die Untauglichkeit der Sprache, ihre Perversion, die Sprache als Plan, die Wirklichkeit als Spiel, das Spiel als Dekonstruktion und Revolution." Und wenn Sie schon immer wissen wollten, was einem passiert, wenn man Cortazar nicht liest: "... du wirst womöglich schwermütig, blass wie der Vollmond (oder wie der Lieblingskäse von Kornel Esti, der Pecorino), und es kann passieren, dass unter dem schweren Winterhimmel, plötzlich zu fallen beginnen: deine Haare. Also los! Es gibt hier alles: Leben und Tod, Philosophie und Tango, Sex und City, Burleske und Hoffnung, Freundlichkeit und Wahnsinn, einen faszinierenden Typen und einen melancholischen Erzengel. Und Worte - in einer interessanten, noch nie gesehenen Reihenfolge."

Der Polen-Experte Gabor Körner feiert die erste ungarische Übersetzung der Erinnerungen des polnischen Schriftstellers Gustaw Herling an die "Welt ohne Erbarmen", seine Zeit im Gulag. Körner stellt eine merkwürdige Tendenz im ungarischen Umgang mit der Gulag-Literatur fest: "Viele meinen, nach der Wende seien bei uns 'zu viele' Bücher über die sowjetischen Lager erschienen, deshalb interessiere das Thema heute keinen mehr." Doch mehrere, auch literarisch bedeutende Werke über die Straflager in der Sowjetunion sind immer noch nicht übersetzt, weil sie oft "zu Unrecht als Sachliteratur gelten, ... die heute höchstens als historische Quelle von Interesse sei. So werden diese Bücher zum Vergessen verurteilt".

Weiteres: Der Philosoph und Essayist Miklos Gaspar Tamas schreibt einen langen und komplexen Beitrag zur Debatte, ob die ungarischen Minderheiten der Nachbarländer die ungarische Staatsbürgerschaft bekommen dürfen: Tamas macht darauf aufmerksam, dass die im Volksentscheid am 5. Dezember gestellte Frage "den juristischen Inhalt dieser Staatsbürgerschaft nicht definiert. Über den Inhalt darf paradoxerweise das Parlament der Republik Ungarn entscheiden, und es wird mit Wohltaten wahrscheinlich geizig umgehen." Und der Bach-Biograf Christoph Wolff korrigiert im Gespräch einige Klischees über Johann Sebastian Bach und ermuntert Musiker dazu, Bachs Musik auch mit modernen Instrumenten zu spielen. Allerdings sollte der Pianist zumindest "wissen, wie die polyphon komponierte Musik Bachs auf einem zeitgenössischen, in Deutschland gebauten Cembalo klang. Dann wird er Bach nicht so spielen wollen wie Glenn Gould, der das Cembalo für eine Art Nähmaschine hielt."

Magazinrundschau vom 07.12.2004 - Elet es Irodalom

Am 5. Dezember 2004 stimmten 10 Millionen ungarische Staatsbürger darüber ab, ob die ca. 3 Millionen Ungarn, die in den Nachbarländern leben, die ungarische Staatsbürgerschaft bekommen dürfen. Die zahlreichen Beiträge in den ungarischen Magazinen zu dieser Frage sind kaum zu überblicken. Kein Wunder: es geht darum, ob die Auslands-Ungarn vom Land ihrer Muttersprache und ihren Verwandten durch die neue EU-Außengrenze hermetisch abgetrennt werden. Das ES-Magazin druckt Meinungen aus unterschiedlichen Seiten der Grenze: Ein Ungarn-Ungar sagt, dass der Trianon-Vertrag ungerecht war, weil er vom fernen Paris aus Millionen von Menschen in die Minderheitensituation zwang, ohne sie zu fragen. "Es ist deshalb die natürlichste Sache der Welt, durch gesetzliche und friedliche Mitteln die Situation der ungarischen Minderheiten zu verbessern." Ein aus Rumänien geflohener Ungar erzählt von einer Scheinehe, die ihm vor zwanzig Jahren die ungarische Staatsbürgerschaft bescherte und prangert die Arroganz der "Inländer" gegenüber den Minderheiten-Ungarn an. Ein in Ungarn lebender Grieche erzählt von dem langwierigen Einbürgerungsverfahren: er war selbst war drei Jahrzehnte staatenlos, obwohl er in Ungarn geboren wurde.

Die ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern sympathisieren mit den konservativen Parteien Ungarns. Ihr Wahlrecht würde also die jetzige Opposition für mindestens zwei Legislaturperioden in die Regierung katapultieren. Das ließ die eigentliche Debatte in innenpolitische Machtkämpfe ausarten. Den Wählern blieb unklar, was die Chancen und Risiken ihrer Entscheidung sein würde, also worüber sie eigentlich abstimmen sollten. Der Volksentscheid war gestern denn auch ungültig, weil nicht genug Bürger abstimmten. Aber die Probleme der ungarischen Minderheiten stehen weiterhin auf den ersten Seiten der Medien, und sie waren und sind auch Thema der ukrainischen Präsidentschaftswahlkampagne sowie im Europa-Parlament. Wie das ausgegangen ist, berichten wir in der nächsten Magazinrundschau.

Weitere Artikel: György Konrad fragt in vielen schönen Fragmenten nach der "Wahrheit der Autobiografie" und geht dabei von zwei Thesen aus, nämlich "im autobiografischen Roman stimmt alles" und "im autobiografischen Roman stimmt nichts". Istvan Szabos neuer Film "Being Julia", eine Somerset-Maugham-Adaption mit Anette Bening und Jeremy Irons in den Hauptrollen, wird freundlich, aber entschieden verrissen.

Magazinrundschau vom 16.11.2004 - Elet es Irodalom

Verlage aufgepasst! Die Literaturkritik feiert eine neue Stimme der ungarischen Gegenwartsliteratur, den jungen, in Deutschland unbekannten Janos Terey. Sein "Nibelungen-Park" wurde gerade in den Höhlen des über die Budapester Innenstadt ragenden Gellert-Berges uraufgeführt. Der Kunsttheoretiker und Essayist Laszlo Földenyi ist fasziniert von seiner "apokalyptischen Leidenschaft und eiskalten Gleichgültigkeit". Terey assoziiert unter anderem die Zerstörung des World Trade Center mit der Schlacht der Nibelungen. In dieser Welt gibt es jedoch keine Sieger und Besiegten, weil das Stück "die Illusion der zwei- oder mehrpoligen Welt" endgültig verabschiedet. Es spielt in einem riesigen, fiktiven Raum, "der aus Berlin-Mitte, dem Frankfurter Bordellviertel, der Wormser Kathedrale, Manhattan und anderen, immer gesichtsloser werdenden Städten zusammengeknetet ist. Das ist die schöne neue Welt der modernen Zivilisation, wo es keine Bruchlinien mehr gibt. Diese Welt selbst ist ein einziger riesiger Bruch."

Der Schriftsteller Peter Esterhazy erzählt im Gespräch mit dem Literaturhistoriker und Übersetzer Wilhelm Droste, wie er seine Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erlebte: Das Telefon klingelte und jemand sagte "einen Satz, den nur die deutsche Sprache hervorbringen kann. So einen mehrfach untergeordneten Satz, dass ihm ist die Ehre zuteil wurde, mir mitzuteilen, dass... und so weiter. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, worum es geht. Und der Satz war noch lange nicht zu Ende." Daneben bringt György Konrad bringt seinem Kollegen ein Ständchen. Er schätzt an Esterhazy die Kühnheit, "niederzuschreiben, was ihm einfällt. Er jagt auf den verästelt auseinanderlaufenden Waldwegen des freien Phantasierens. Wann ist es geschehen: gerade oder vor mehreren Jahrhunderten? Egal, alles jetzt. Jeder seiner männlichen Vorfahren ist sein Vater, und jede seiner weiblichen Vorfahren ist seine Mutter. Er streckt sich in seinen Ahnen aus."

Magazinrundschau vom 08.11.2004 - Elet es Irodalom

Der in Frankreich lebende ungarische Autor Ferenc Fejtö plädiert für eine differenziertere Betrachtung des historischen Verhältnisses zwischen Ungarn und dem Osmanischen Reich, das nicht auf Kriege von Muslimen gegen Christen reduziert werden darf. In diesem Zusammenhang - und vor der Ermordung des Filmemachers van Gogh in Amsterdam - macht Fejtö auf die Chance Europas aufmerksam, für den Kampf gegen den Terrorismus die Türkei und die islamischen Minderheiten der EU als Partner zu gewinnen. "Schon deshalb wäre es nicht von Vorteil, die Tore der Union im Zeichen des sogenannten 'christlichen' - das heißt islamfeindlichen und antisemitischen - Europas zu verriegeln. Dieses 'christliche Europa' ist eine Utopie, die von den Integristen im Vatikan, München und Wien verkündet wird, ein Trugbild, das auch in Ungarn nur für eine rechte Minderheit attraktiv ist, die von den Rechtsextremisten in ihren Bann gezogen wurde."

"Meine Helden sind erniedrigte Menschen" - erklärt der Schriftsteller György Dalos im Gespräch über seinen in Ungarn gerade erschienenen Roman "Seilschaften". Der Sittenverfall seiner Landsleute erinnert ihn an Balzac-Romane, denn im Wirbelsturm des ungarischen Transformationsprozesses benehmen sich die Menschen für Dalos so, wie die Helden Balzacs zwischen den Ären Ludwigs XVI. und Napoleons. "Die persönliche Integrität hilft nichts, wenn sich die Welt um uns herum grundsätzlich verändert. Man wird zu einem Alkoholiker, oder man wird nach rechts bzw. nach links geschleudert. Wir sind elementaren Kräften ausgesetzt." Dalos startet in der ungarischen Edition seines Romans ein intermediales Experiment, um die Interferenzen zwischen den "Galaxien Gutenberg und Gates" auszutesten. Am Ende des Buches sind drei E-Mail-Adressen abgedruckt, über die der Leser die Romanfiguren kontaktieren kann. "Bis jetzt kam eine einzige interessante Nachricht und fünfzehn Werbungen."

Auch in Litauen tobt ein Wirbelsturm - erzählt Marius Ivaskevicius (mehr hier), - und fördert Erstaunliches ans Tageslicht, zum Beispiel die Verzauberung ganzer Stadtteile: Vor kurzem erklärten paar Künstler einen langweiligen Stadtbezirk von Vilnius spontan zu einer autonomen Republik. "Sie errichteten an der Grenze des Stadtviertels eine Grenzstation, ernannten sogar einen Premier und mehrere Botschafter. Regierungssitz wurde jenes Kaffeehaus, dessen Terrasse einen Blick auf den Fluss Vilnele bietet. Die Preise der Wohnungen in diesem Stadtviertel steigen seitdem nicht Tag für Tag, sondern Stunde für Stunde."

Magazinrundschau vom 01.11.2004 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Peter Nadas denkt über das Geheimnis der ungarischen Fotografie nach. An Laszlo Moholy-Nagy (mehr hier), Andre Kertesz (mehr hier) oder Eva Besnyo (mehr hier) findet er vor allem faszinierend, "mit welcher enormen Kraft und Erfindungsgabe sie ihre metaphysische Bestürzung in Lebensfreude, ihre Mutlosigkeit und Melancholie in sozialkritische Lebenskraft umzuwandeln wussten." Nadas ruft einige "Bilder der Zerstörung" aus seiner eigenen Kindheit hervor. Seine allererste Erinnerung ist die Flucht aus einem Treppenhaus während der Bombardierung Budapests: "wir fliegen gegen eine kalt aufflammende Wand und stürzen hinein." Die Aufgabe des Fotografen ist es, so Nadas, "in die dichteste Dunkelheit hineinblicken zu können. Es reicht nicht, den Unterschied zwischen hell und dunkel zu erkennen, man soll zwischen schwarz und schwarz unterscheiden können. Wenn es Gott gibt, dann findet man ihn vielleicht in den kleinsten Mengen des Lichtes und im auf das Minimalste reduzierte Kompositionsprinzip." Nadas, selbst auch Fotograf, ist Kurator einer Ausstellung über die ungarische Fotografie des 20. Jahrhunderts, die bis zum 3. Januar 2005 in Den Haag zu sehen ist.

Für Istvan Eörsi (mehr hiersind Antiamerikanismus und Antisemitismus die größten Gefahren, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Menschheit bedrohen. "Den Antisemitismus erzeugt nicht Sharon, und den Antiamerikanismus erzeugt nicht Bush. Die Klischees beider Strömungen kann man ja seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Israel, in den USA und in der ganzen Welt beobachten. Sharon und Bush verleihen jedoch diesen - auch ohne sie existierenden - Klischees ein geisterhaftes Dasein. Es erweckt den Anschein, als ob der islamische Fanatismus - als Anführer der Unterdrückten der Dritten Welt sowie der in schlimmster Armut lebenden Menschen in der ganzen Welt - die Menschheit von der Hölle der US-amerikanischen und israelischen Aggression befreien könnte. Diese 'Befreiung' würde die Welt aufgrund von meinem, auf der Aufklärung basierenden, europäischen Wertesystem unbewohnbar machen."

Magazinrundschau vom 25.10.2004 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller und Fernsehjournalist, Miklos Vamos erzählt von den heroischen Versuchen des kleinen Verlags "Ab Ovo", den er bis 1997 leitete, Elfriede Jelinek in Ungarn bekannt zu machen. Obwohl es der Verlag geschafft hat, das ganze Land ins Thomas-Bernhard-Fieber zu setzen, scheiterte er mit Jelinek. Der Grund: Wie sich "das Unglück einer Frau" anfühlt, dafür hat "diese Männergesellschaft" keine Neugier übrig, und die Frauen "kennen das Thema viel zu gut", meint Vamos. Dass Jelineks Auszeichnung in ihrem Heimatland ambivalent aufgenommen wurde, erinnert ihn an die ungarischen Debatten von 2002, nachdem der Nobelpreis von Imre Kertesz (mehr hier) publik wurde: "Die österreichischen Literaturhistoriker werden wenigstens keine Protestbriefe an die Schwedische Akademie schreiben. Wie einer von ihnen in einem Interview erklärte, sind dazu seine sehr verehrten Landsleute zu feige. Was die Angriffe auf Imre Kertesz angeht, kann ich meine Entdeckung nicht unterdrücken, dass das Wort 'Ungar' in deutscher Sprache kleingeschrieben, als Adjektiv so etwas wie 'noch nicht fertig, unreif' bedeutet ..." (Purer Zufall, ehrlich!)

Der einzige Ort, wo sich der spanische Architekt Michael Kubo auf der Biennale in Venedig wohl fühlte, war der ungarische Pavillon. Unter dem Titel "From Beauty to Beauty and Back Again" gelang dem Kuratoren Peter Janesch in den von vier jungen Architekten entworfenen Räumen "eine zurückgehaltene, unendlich persönliche und gleichzeitig außerordentlich bewegende" Ausstellung. Als er dort stand, musste Kubo an die in den dreißiger Jahren aus Ungarn in die USA emigrierten Spitzenforscher denken, die - wegen ihrer noch nie gehörten, exotisch klingenden Muttersprache - "Marsbewohner" genannt wurden. Der Biochemiker und Science-Fiction-Autor Isaac Asimov meinte dazu, dass "die Erde von zwei über Verstand verfügenden Wesen bewohnt wird: von Menschen und von Ungarn." So fallen sie heute noch auf, meint Kubo, "durch die Fremdheit ihrer ausgezeichneten und erstaunlichen Ausstellung".

Anlässlich des 60. Jahrestags der Machtübergreifung der Pfeilkreuzer am 15. Oktober 1944 sowie der für diesen Tag angemeldeten, verbotenen Kundgebung der rechtsradikalen Gruppe der "Hungaristen" protestieren mehrere Autoren gegen das Schweigen über die Kontinuität des Antisemitismus, über das "Nachleben des Holocausts" von 1945 bis heute. In diesem Zusammenhang wird die Debatte über die Budapester Holocaust-Gedenkstätte weitergeführt (siehe auch unsere Magazinrundschau vom 20. September 2004).

Magazinrundschau vom 18.10.2004 - Elet es Irodalom

Das ES-Magazin druckt einen Vortrag von Peter Esterhazy (mehr hier), den er im Rahmen eines Schwerpunktthemas des Forum Barcelona 2004 hielt. Die Frage nach den "Sprache und kulturelle Diversität" beantwortet Esterhazy mit dem Paradox, dass "gerade der Gebrauch einer einzelnen Sprache die Vielfalt am meisten unterstützt". Die Literatur taste die Möglichkeiten einer einzelnen Sprache aus, ihre Unendlichkeit und Endlichkeit. Sie strebe nicht Verständigung, sondern Erkenntnisse an - schreibt Esterhazy. "Da ich, grob formuliert, denke, dass ich die Welt über die Sprache und nicht über die Tatsachen der Welt erkennen kann, denke ich auch, dass ich durch den genauesten, - und vielleicht ist gar nicht 'genau', sondern 'fein' das richtige Wort - also durch den feinsten Gebrauch der ungarischen Sprache das meiste über die Welt erfahren und jedermann vermitteln kann."

Magazinrundschau vom 11.10.2004 - Elet es Irodalom

Der Professor für Judaistik der Budapester Eötvös-Universität Geza Komoroczy analysiert die Religionen in Ungarn und empfiehlt schließlich eine Art Religionsmix: "Die von den Religionen vertretenen Wertesysteme sind zwar verschieden, sie schließen aber einander nicht aus.Was würde dagegen sprechen, wenn wir vom Buddhismus lernen oder übernehmen würden, dass das Leben eines jeden Lebewesens gleich wertvoll ist? Warum könnten wir in Hinsicht auf die volle Verantwortung persönlicher Entscheidungen nicht alle jüdisch sein und in unserer Arbeitsethik christlich-reformiert? Oder wenn es darum geht, dass eine jede Tat des Menschen und sein ganzes Leben zählt, altägyptisch und - in einem ganz anderen mythologischen Rahmen - christlich? Und wenn wir das alles nicht sind und werden können: Nehmen wir doch die Wertesysteme der anderen wenigstens zur Kenntnis!"

Fünf Jahre sind vergangen, seit Ungarn das Gastland der Frankfurter Buchmesse war. Der Schriftsteller und damaliger Direktor des Berliner Ungarischen Kulturinstitutes György Dalos zieht eine Bilanz: Die großen Namen der ungarischen Gegenwartsliteratur - Eörsi, Esterhazy, Kertesz, Konrad, Krasznahorkai, Nadas - waren auch vor Frankfurt längst bekannt. Die Marai-Renaissance hängt laut Dalos auch nicht mit dem Ungarn-Schwerpunkt zusammen, dies zeige der Erfolg von anderen Autoren der Vorkriegszeit wie Antal Szerb und Dezsö Kosztolanyi. Die eigentliche Entdeckung seit Frankfurt, so Dalos, sind die Frauen: Schriftstellerinnen wie Agota Bozai (mehr hier), Agnes Gergely (mehr hier) und Zsuzsa Rakovszky. Auch unter den zweisprachigen Autoren sind auffallend viele Frauen vertreten: Zsuzsa Bank (mehr hier), Terezia Mora (mehr hier), Agota Kristof, Zsuzsanna Gahse (mehr hier) und die auch als Kertesz- und Marai-Übersetzerin bekannte Christina Viragh (mehr hier). Die ungarische Kulturpolitik sollte sich laut Dalos vor allem auf kleine Verlage konzentrieren, die sich leidenschaftlich für die ungarische Literatur einsetzen, sich jedoch die nötigen PR-Maßnahmen nicht leisten können (z.B. der Arsenal Verlag in Berlin oder der Tibor Schäfer Verlag). Neben dem Beitrag druckt das ES-Magazin eine von Christine Schlosser hervorragend recherchierte Auswahlbibliografie der auf Deutsch erschienenen ungarischer Literatur ab.