
In Budapest erscheint die erste Gesamtausgabe der Werke des Argentiniers
Julio Cortazar. Für den
Schriftsteller Peter Esterhazy ein Grund zum
Jubeln: "Spiegel, Spiegelungen, Narrationen, Gesang und Heldenlied, Fußnoten und Marginalien, Aussagen des Unaussagbaren, Erfassen des Unfassbaren, das Unmögliche als einzige Chance, die Untauglichkeit der Sprache, ihre Perversion, die Sprache als Plan, die Wirklichkeit als Spiel, das
Spiel als Dekonstruktion und Revolution." Und wenn Sie schon immer wissen wollten, was einem passiert, wenn man
Cortazar nicht liest: "... du wirst womöglich schwermütig, blass wie der Vollmond (oder wie der Lieblingskäse von
Kornel Esti, der Pecorino), und es kann passieren, dass unter dem schweren Winterhimmel, plötzlich zu fallen beginnen: deine Haare. Also los! Es gibt hier alles: Leben und Tod, Philosophie und Tango,
Sex und City, Burleske und Hoffnung, Freundlichkeit und Wahnsinn, einen faszinierenden Typen und einen
melancholischen Erzengel. Und Worte - in einer interessanten, noch nie gesehenen Reihenfolge."
Der Polen-Experte
Gabor Körner feiert die erste ungarische Übersetzung der Erinnerungen des polnischen
Schriftstellers Gustaw Herling an die
"Welt ohne Erbarmen", seine Zeit im Gulag. Körner stellt eine merkwürdige Tendenz im ungarischen Umgang mit der Gulag-Literatur fest: "Viele meinen, nach der Wende seien bei uns
'zu viele' Bücher über die sowjetischen Lager erschienen, deshalb interessiere das Thema heute keinen mehr." Doch mehrere, auch literarisch bedeutende Werke über die Straflager in der Sowjetunion sind immer noch nicht übersetzt, weil sie oft "zu Unrecht als Sachliteratur gelten, ... die heute höchstens als historische Quelle von Interesse sei. So werden diese Bücher
zum Vergessen verurteilt".
Weiteres: Der Philosoph und Essayist
Miklos Gaspar Tamas schreibt einen langen und komplexen Beitrag zur Debatte, ob die
ungarischen Minderheiten der Nachbarländer die ungarische Staatsbürgerschaft bekommen dürfen: Tamas macht darauf aufmerksam, dass die im Volksentscheid am 5. Dezember gestellte Frage "den juristischen
Inhalt dieser Staatsbürgerschaft
nicht definiert. Über den Inhalt darf paradoxerweise das Parlament der Republik Ungarn entscheiden, und es wird mit Wohltaten wahrscheinlich geizig umgehen." Und der
Bach-Biograf Christoph Wolff korrigiert im Gespräch einige Klischees über Johann Sebastian Bach und ermuntert Musiker dazu, Bachs Musik auch mit
modernen Instrumenten zu spielen. Allerdings sollte der Pianist zumindest "wissen, wie die polyphon komponierte Musik Bachs auf einem zeitgenössischen, in Deutschland gebauten Cembalo klang. Dann wird er Bach nicht so spielen wollen wie
Glenn Gould, der das Cembalo für eine Art
Nähmaschine hielt."