
In der prominentesten kulturellen Wochenzeitung Ungarns
verabschiedet der
Schriftsteller Istvan Eörsi den kürzlich zurückgetretenen ungarischen
Premier Peter Medgyessy. Nach seinem Regierungsantritt von 2002 wehrte sich Medgyessy gegen Vorwürfe wegen seiner Stasi-Vergangenheit mit dem abenteuerlichen Argument, er habe damals als
Geheimagent ein
contra-sowjetisches Ziel im Auge gehabt. "Man nimmt eine solche Erklärung von einem Humoristen lachend zur Kenntnis. Wenn jedoch ein Ministerpräsident so etwas behauptet, ist es
unsere gemeinsame Schmach", schreibt Eörsi. "Ich würde einen abgestürzten Mann nicht noch einmal in seinen eigenen Schmutz tauchen lassen, wenn er nicht gerade jetzt dessen gewahr würde, was ihm als leitenden Funktionär des
Kadar-Regimes nicht aufgefallen ist, nämlich dass die Politik eine
hässliche Sache sein kann. Jetzt, da seine Inkompetenz für alle außer Zweifel steht, wird er plötzlich klug und erklärt: er sei enttäuscht davon, was bis jetzt die Substanz und der wesentlichste Inhalt seines Lebens war."
Der große
Flaneur der ungarischen Gegenwartsliteratur und Mitherausgeber von
Magyar Lettre Internationale Endre Kukorelly denkt über die allmählich auch Ungarn erreichende Nostalgiewelle nach: "
Polizeistaat, sechziger Jahre, es war nicht witzig. Sondern? Jedenfalls war es lange, zumindest in meiner Meinung, zumindest für mich. Für jemanden, der am Beginn 9 und am Ende 19 Jahre alt war, waren die Sechziger unwahrscheinlich lange." Und dann sinniert er über die
"schwindelerregende Anziehungskraft" des Kommunismus nach: "Er setzt uns in die Kindheit zurück. Wir können wieder ein sich willkürlich benehmendes, an der Herrschaft ungerechter Erwachsenen leidendes, sich widersetzendes
Kleinkind sein."
Für
György Gömöri, ungarischer Dichter und
Emeritus Fellow am Darwin College in Cambridge,
endete das 20. Jahrhundert weder am 1. Januar 2000, noch am 11. September 2004, sondern am 14. August 2004, am Todestag von
Czeslaw Milosz (mehr
hier). Gömöri erinnert sich an seine Begegnungen mit Milosz: 1957 in Strasbourg in der Sommer-Universität von
Radio Freies Europa und 1963 an der
Universität Berkeley in Kalifornien, wo beide osteuropäische Lyrik unterrichteten. Milosz war für ihn
"ein gläubiger, polnischer Ketzer", für den der Glaube "nicht als von Anfang an gegeben galt und auch kein konstanter Zustand, aber ein grundsätzliches menschliches
Bedürfnis war." (
Hier geht es zu einem anderen Milosz-Essay des Autors auf Englisch)