Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

643 Presseschau-Absätze - Seite 65 von 65

Magazinrundschau vom 04.10.2004 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Istvan Eörsi läutet in der prominentesten kulturellen Wochenzeitung Ungarns sämtliche Alarmglocken: "Unsere Geliebte, die Pressefreiheit, blutet aus mehreren Wunden, wir müssen schon um ihr bloßes Leben kämpfen". Eörsi wurde am 9. September wegen eines Zeitungsartikels angeklagt und hat in einem der spektakulärsten und vielleicht auch lehrreichsten Medienprozesse der neuesten ungarischen Geschichte verloren. Die erfolgreiche Klägerin ist Maria Schmidt, Direktorin des Budapester Museums "Haus des Terrors", die von Eörsi unter anderem "eine auf Geschichtsfälschung spezialisierte Geschäftsfrau" genannt wurde, weil sie laut Eörsi die Horthy-Ära der 1930-er Jahre in unterschiedlichen Foren schön zu reden versuche. So bezeichnete sie das Ungarn dieser Zeit als "eine auf einem Mehrparteiensystem basierende, parlamentarische Demokratie". Eörsi beklagt, dass das Gericht nicht den "Wahrheitsgehalt" seiner Äußerungen überprüfte, sondern ausschließlich ihren Stil.

Magazinrundschau vom 20.09.2004 - Elet es Irodalom

Die Geburt der ungarischen Neoavantgarde aus dem Geist der Musik erzählt in einem erfrischenden Beitrag der Dichter und Aktionskünstler Adam Tabor. Er stellt das Museum für Tragbare Intelligenz zum Quadrat (HI2M) vor, das den Budapester Beitrag zur Ausstellung "Eintritt frei" nach Wien lieferte, die von fünf mitteleuropäischen Hauptstädten anlässlich der EU-Erweiterung organisiert wurde. Das "tragbare Museum" zeigt eine umfassende Sammlung ungarischer neoavantgardistischer Kunst der "langen sechziger Jahre" im Zeichen von Pop Art, Aktionismus und Conceptual Art. Für Tabor war jedoch Dr. Laszlo Vegh, der "ungarische John Cage" die größte Wiederentdeckung der Ausstellung. Der "erste Komponist konkreter Musik" Ungarns und "Improvisationspianist" ist heute emeritierter Radiologe einer Budapester Klinik. Tabor hat noch in bester Erinnerung, wie Dr. Vegh 1963 in einem "kultischen Schildkrötenpanzer" als Gregor Samsa auf die Bühne trat und die ungarische Übersetzung von Kafkas "Verwandlung" in seiner "Wassermann-Maske" vorlas. (Hier einige Sounds der oppositionellen Underground-Szene, der sogenannten ungarischen "zweiten Öffentlichkeit" als Kostprobe.)

Nach Berlin wird jetzt auch in Budapest über ein Holocaust-Mahnmal debattiert. Der Theologe Tamas Majsai stellt die im April 2004 eröffnete Budapester Holocaust-Gedenkstätte vor, die 2005 eine ständige Ausstellung bekommen soll. Diese wird durch ein Projektbüro des Ungarischen Nationalmuseums in Leitung der renommierten Holocaust-Forscherin Judit Molnar im Auftrag einer Stiftung konzipiert. Majsai bedauert es sehr, dass die Erinnerung an den Holocaust in Ungarn zumeist nicht als Gegenstand gesamtgesellschaftlicher Diskussion, sondern als eine Angelegenheit der jüdischen Minderheit betrachtet wird. Deshalb sollte möglichst eine breite Öffentlichkeit in die Debatte um die Gedenkstätte einbezogen werden. "Ihr wesentlicher Inhalt darf kein statisches Verhältnis zur abgeschlossenen Vergangenheit, zum Gestern sein. Ihre Funktion darf nicht definiert werden als Heraufbeschwören einer wegen ihrer Gräuel heute noch erschütternden, doch fernen Vergangenheit, die im Besucher keine tiefere Spuren hinterlässt. Sie soll auch weder ein höflich-ethisches Kopfneigen mit leichter Gemütserregung bewirken noch eine inventarisierende Darstellung des Zerstörens und der Zerstörung werden."

Anlässlich des holländischen Ungarn-Festivals "Ungarn am Meer" werten Rebeka M. Herman und Laszlo Kalman die holländischen Literaturkritiken der Romane von Magda Szabo aus, und fragen sich, warum die Holländer gerade jetzt diese Schriftstellerin so umjubeln, obwohl ihre Romane bereits in den sechziger Jahren in holländischer Übersetzung vorlagen.

Magazinrundschau vom 13.09.2004 - Elet es Irodalom

In der prominentesten kulturellen Wochenzeitung Ungarns verabschiedet der Schriftsteller Istvan Eörsi den kürzlich zurückgetretenen ungarischen Premier Peter Medgyessy. Nach seinem Regierungsantritt von 2002 wehrte sich Medgyessy gegen Vorwürfe wegen seiner Stasi-Vergangenheit mit dem abenteuerlichen Argument, er habe damals als Geheimagent ein contra-sowjetisches Ziel im Auge gehabt. "Man nimmt eine solche Erklärung von einem Humoristen lachend zur Kenntnis. Wenn jedoch ein Ministerpräsident so etwas behauptet, ist es unsere gemeinsame Schmach", schreibt Eörsi. "Ich würde einen abgestürzten Mann nicht noch einmal in seinen eigenen Schmutz tauchen lassen, wenn er nicht gerade jetzt dessen gewahr würde, was ihm als leitenden Funktionär des Kadar-Regimes nicht aufgefallen ist, nämlich dass die Politik eine hässliche Sache sein kann. Jetzt, da seine Inkompetenz für alle außer Zweifel steht, wird er plötzlich klug und erklärt: er sei enttäuscht davon, was bis jetzt die Substanz und der wesentlichste Inhalt seines Lebens war."

Der große Flaneur der ungarischen Gegenwartsliteratur und Mitherausgeber von Magyar Lettre Internationale Endre Kukorelly denkt über die allmählich auch Ungarn erreichende Nostalgiewelle nach: "Polizeistaat, sechziger Jahre, es war nicht witzig. Sondern? Jedenfalls war es lange, zumindest in meiner Meinung, zumindest für mich. Für jemanden, der am Beginn 9 und am Ende 19 Jahre alt war, waren die Sechziger unwahrscheinlich lange." Und dann sinniert er über die "schwindelerregende Anziehungskraft" des Kommunismus nach: "Er setzt uns in die Kindheit zurück. Wir können wieder ein sich willkürlich benehmendes, an der Herrschaft ungerechter Erwachsenen leidendes, sich widersetzendes Kleinkind sein."

Für György Gömöri, ungarischer Dichter und Emeritus Fellow am Darwin College in Cambridge, endete das 20. Jahrhundert weder am 1. Januar 2000, noch am 11. September 2004, sondern am 14. August 2004, am Todestag von Czeslaw Milosz (mehr hier). Gömöri erinnert sich an seine Begegnungen mit Milosz: 1957 in Strasbourg in der Sommer-Universität von Radio Freies Europa und 1963 an der Universität Berkeley in Kalifornien, wo beide osteuropäische Lyrik unterrichteten. Milosz war für ihn "ein gläubiger, polnischer Ketzer", für den der Glaube "nicht als von Anfang an gegeben galt und auch kein konstanter Zustand, aber ein grundsätzliches menschliches Bedürfnis war." (Hier geht es zu einem anderen Milosz-Essay des Autors auf Englisch)