Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

643 Presseschau-Absätze - Seite 63 von 65

Magazinrundschau vom 19.04.2005 - Elet es Irodalom

Der ungarische Filmemacher und großartige Apokalyptiker Bela Tarr (mehr hier und hier) erzählt im Gespräch mit dem ES-Magazin, warum er in seinen Filmen keine Geschichten erzählt: "Ich möchte versuchen, eine Welt mit ihren eigenen Gesetzen zu schaffen. Die Zuschauer setzen sich in einen Raum, in dem es dunkel wird, Bilder werden auf eine Leinwand projiziert, hier startet man von Null. Man weiß nichts. Wenn der Film zu Ende ist, ist man der Totalität begegnet, zumindest darum bemühe ich mich ... Im Grunde ist das ein Erkenntnisprozess: man macht Filme, weil man mehr über die Welt erfahren will. Aber je mehr man erfährt - über die Welt oder darüber, was ein Film ist, was für ein Material man in den Händen hat - desto sicherer spürt man, dass dieser Erkenntnisprozess ewig dauert ... Etwas Neues entsteht, das man aber selbst bereits in Frage stellte, dadurch, dass man es formulierte."

Der Dichter und Herausgeber Attila Jasz feiert den sensationellen ungarischen Erfolg von drei Autoren, die in Romanen, Gedichten oder Essays, aus polnischer oder ukrainischer Perspektive eine "fiktive Landeskunde" Galiziens entwerfen: Juri Andruchowytsch (mehr hier), Andrzej Stasiuk (mehr hier) und Adam Zagajewski (mehr hier): "Sie sehen die (katastrophale) Lage ihrer Region klar, und doch können sie sich ihr mit liebevoller Ironie nähern ... Galizien ist die Peripherie, die wir selbst einmal waren, als sich Europa für Ungarn höchstens als den Wilden Osten interessierte, wenn überhaupt. Wir erinnern uns ungern an diese Zeiten, aber Juri Andruchowytsch zum Beispiel erinnert sich sehr gerne, er mystifiziert sie sogar. Und das geschieht in der Sprache der Literatur: eine äußerst spannende Lektüre!"

Der Literaturkritiker Andras Beck rezensiert die erste ungarische Edition des Comics "Maus" von Art Spiegelman: "Sein Radikalismus erschüttert, denn er scheint den rassistischen Albtraum zu erfüllen, in dem Juden sichtbar anders und erkennbar sind. Als ob er das Gegenteil davon einflüstern würde, was wir (hoffentlich) oft von unseren Eltern gehört haben, und unseren Kindern weitergeben: dass es keine Juden, Roma, Araber und Ungarn, sondern nur Menschen gibt. ... Das Bravourstück dieses Comics ist, dass er eine äußerst komplexe Botschaft in einer visuellen Form wiedergibt."

Magazinrundschau vom 12.04.2005 - Elet es Irodalom

Der berühmte Vrba-Wetzler-Bericht wurde zum ersten Mal in ungarischer Übersetzung veröffentlicht. Er stammt von Rudolf Vrba und Alfred Wetzler, denen es am 7. April 1944 gelang, aus Auschwitz zu fliehen. Unmittelbar nach der Flucht schrieben sie ihre Erinnerungen nieder, um potenzielle Opfer und die Öffentlichkeit der Welt zu warnen. Vergeblich, niemand glaubte ihnen. Lag das vielleicht an ihrem protokollähnlichen Ton? "Dieser Text lehnt sich auf gegen die Apotheose des Leidens, gegen das teleologische Lob der Opfer", schreibt in seiner Rezension der Historiker Attila Novak. "Ihre minuziöse Beschreibung des Todes, ihre Darstellung des historischen Kontextes hätte es uns ermöglicht, die Tötungsmaschinerie des Holocausts klar zu sehen. Der Bericht wurde mit dieser Absicht geschrieben, aber er konnte 'die Welt' doch nicht wachschütteln. Wenigstens wir, verspätete Leser, können jetzt über die traurige Vollständigkeit unserer Perspektive nachdenken."

Laszlo Majtenyi, Leiter des Forschungsinstituts Karoly Eötvös plädiert im Interview für mehr elektronische Informationsfreiheit, zum Beispiel für die freie Zugänglichkeit aller Gesetzesentwürfe im Internet. "Vor fünf bis zehn Jahren betrachtete ich nicht den Staat, den Großen Bruder, sondern die 'Kleinen Brüder', die Machthaber des Marktes als die eigentliche Bedrohung der Freiheitsrechte. Nach dem Terroranschlag gegen das World Trade Center ist jedoch die Kontrolle des Staates über die Bürger in der westlichen Welt enorm gewachsen... In diesem Kontext bekommt die elektronische Informationsfreiheit als moderne Form der Freiheit plötzlich eine große Bedeutung ... Wenn die Bürger ihre Undurchsichtigkeit nicht bewahren können, dann sollen sie wenigstens versuchen, eine Gegenkontrolle der staatlichen Überwachung entgegenzusetzen, einen jeden Schritt des Staates kritisch zu beobachten."

Außerdem erinnert das ES-Magazin - wie auch alle anderen ungarischen Feuilletons - in bewegenden langen Artikeln an den hundertsten Geburtstag des Dichters Attila Jozsef.

Magazinrundschau vom 05.04.2005 - Elet es Irodalom

Das historische Bewusstsein der Ungarn findet nicht aus dem "Labyrinth der Traumata, der Amnesie und der Nostalgie" heraus - diagnostiziert der junge Autor Gabor Schein, dessen erstes Buch in deutscher Übersetzung vor kurzem erschienen ist: "Wie sollen wir mit den Verfärbungen der Wörter umgehen, die aus der Vergangenheit stammen? Wie lange bewahren die Wörter ihre ehemals aktiven Bedeutungsnuancen? Sollen wir die klaffenden Lücken in den Artikeln unserer biografischen Lexika stillschweigend akzeptieren? Und überhaupt: Wann ist die Vergangenheit zu Ende?" Der Autor sehnt sicht nach einem offeneren und größeren Raum gesellschaftlicher Debatten, in dem "die Kurzschlüsse dargelegt" werden können, damit "wenigstens die schmerzvollsten Punkte gemieden oder etwas sanfter berührt und wenigstens die borniertesten aller Dummheiten ausgeschlossen werden."

Weiteres: In einem offenen Brief an die Regierung plädieren prominente Wissenschaftler und Intellektuelle Ungarns, darunter Peter Esterhazy und György Konrad, für mehr Hilfe für Obdachlose. Zoltan Vegsö ist bewegt, dass die Konzerttournee von Meredith Monk in Europa nur in Berlin, Bratislava, Prag und Budapest halt machte.

Interessant noch ein Essay in der letzten Ausgabe: György Marosan malt eine erschreckende Vision von der Zukunft unseres Kontinents. "Immer mehr Menschen glauben, ... von unbekannten Gesichtern, merkwürdigen Sitten, nervenden Stimmen, fremden Symbolen, von 'Schwarzfahrern' umgeben zu sein. ... Immer mehr von ihnen denken - auch wenn sie das noch nicht offen aussprechen -, dass das Europa des Vertrauens, der Freiheit und der Leistung bald dahin sei. Ihr Gefühl, zu Hause zu sein, verflüchtigt sich auf einmal. Die Vielfalt, die gestern noch als den Alltag in bunte Farben tauchender Trubel wahrgenommen wurde, scheint heute bloß das störende Fremde zu sein. Europa bereicherte sich bislang durch seine Fähigkeit, Einflüsse aus anderen Kulturen aufzunehmen. Es scheint, als ob ihm diese Fähigkeit allmählich abhanden kommen würde. Auf der Oberfläche ist noch alles beim alten, aber in der Tiefe verbreitet sich eine Verhaltensweise, die bislang nur für egoistische Einzelgänger charakteristisch war."

Magazinrundschau vom 22.03.2005 - Elet es Irodalom

Die bisherigen Reformprojekte der EU - zum Beispiel der Binnenmarkt, die Währungsunion und die Osterweiterung - wurden mehr oder weniger pünktlich Wirklichkeit. Warum klappt es nicht mit der Lissabon-Strategie, fragt der renommierte Wirtschaftswissenschaftler der Ungarischen Akademie der Wissenschaften Janos Gacs. Seine Antwort: einerseits sei die Lissabon-Strategie der europäischen Öffentlichkeit praktisch unbekannt geblieben. Es kam zu keiner öffentlichen Debatte, die für die Durchsetzung beziehungsweise Weiterentwicklung eines Reformprojektes unerlässlich sei. Andererseits erinnere der Glaube an die "Allmächtigkeit der Planung" an Maximen der sozialistischen Planwirtschaft: "Die Absicht, ein anderes System einzuholen, die vielen ambitionierten Pläne, ... die Naivität des 'wenn wir das nur stark genug wollen, wird es schon gelingen' ist uns Osteuropäern leider sehr gut bekannt ... Die Europäische Union ist jedoch keine Planwirtschaft, .. sondern eine Gruppe kooperierender Marktwirtschaften. Keine zentrale Institution kann daher die Volkswirtschaften der einzelnen Mitgliedstaaten vollkommen beeinflussen."

Magazinrundschau vom 08.03.2005 - Elet es Irodalom

Trotz Bedenken des ungarischen Ombudsmanns für Datenschutz wurden in den letzten Wochen drei neue Namenslisten vermeintlicher IM-s und leitender Mitarbeiter der Stasi ins Internet gestellt. Nach der Liste eines unabhängigen Forschungsinstituts und des mysteriösen "Experten 90" erschien am 4. März die Liste der renommierten Wochenzeitung HVG. Zu spät - findet Zoltan Kovacs, Chefredakteur des ES-Magazins: "Diese Zeitung kämpft seit über einem Jahrzehnt für die freie Zugänglichkeit der Stasi-Unterlagen, für die Öffentlichkeit und Verfügbarkeit von Informationen über die Vergangenheit. Wir hatten dabei jedoch eine ernsthafte intellektuelle und von unabhängigen Experten begleitete Beschäftigung in Sinn, nicht das Hobby feiger Internet-Champions. Denn die Sache befindet sich immer noch auf diesem Niveau, auch wenn sogar zwei Gesetzesentwürfe dem Parlament vorliegen. .. Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass vermutlich Tragödien bevorstehen ..."

"Under the Frog" - lautet der Titel des Romans des englischen Autors Tibor Fischer über die ungarische Revolution von 1956, der von 56 britischen Verlagen abgelehnt, dann aber doch zum preisgekrönten Bestseller wurde. Im Gespräch erklärt der Autor, was er an der 56er Revolution faszinierend findet: "Da sie so kurzlebig war, konnte sie rein und romantisch bleiben." Außerdem habe sich diese Revolution in einem historischen Kontext abgespielt, den man in Westeuropa schwer nachempfinden könne: "Ungarn hat meiner Meinung nach eine enorme Menge von Geschichte im 20. Jahrhundert ertragen müssen. London wurde bombardiert, viele Menschen sind gestorben, aber im Vergleich zu dem, was sich in Osteuropa abspielte, war der Krieg in Großbritannien und sogar in Frankreich ein Nachmittagstee im Pastorat."

"Im eisigen Geistesklima gedeiht die Satire am besten", findet der Literaturkritiker Jozsef Keresztesi in seiner Rezension über "Pinguine frieren nicht" des ukrainischen Autors Andrej Kurkow: "Das Wesentliche dieser surrealistischen Weltsicht besteht darin, dass man sich verhält, als ob man in einer sowohl informell als auch formell geregelten, mit gut funktionierenden Institutionen ausgestatteten Gesellschaft leben würde, aber zugleich richtet man sich bequem ein in der Bulgakowschen Welt der 'Lachse mit einer Frische zweiter Ordnung'. Das Unerträgliche gilt in dieser Welt als von Anfang an gegeben und wird mit einer Reihe von Lügen zum Erträglichen verzaubert. ... Die Menschen werden manchmal erschossen, aus verschiedenen, ungeklärten Gründen, aber sie haben ja manchmal auch Krankheiten oder Unfälle. Jedenfalls ist es sinnlos, nach den Gründen zu fragen, die Welt funktioniert einfach so, und damit basta!"

Magazinrundschau vom 01.03.2005 - Elet es Irodalom

Sein und Site - lautet der Titel eines Beitrags über die "Babelmatrix Webanthologie", ein neues ungarisches Internetprojekt. Die Pilotversion enthält Übersetzungen der ungarischen Literatur in sieben Sprachen; die Einbeziehung weiterer Sprachen und Literaturen ist in Planung. Rezensent Sandor Radnoti, Ästhetikprofessor an der Budapester Universität, ist begeistert: "Babelmatrix verbindet einen der ältesten Mythen der menschlichen Unsicherheit, der Sprachverwirrung, mit einem der neuesten, der virtuellen Wirklichkeit." Das Projekt werde unter anderem zeigen, "ob die Vermutung begründet ist, dass die deutsche Sprache wieder zur wichtigsten Entdecker- und Vermittlersprache der ungarischen Literatur avancierte".

Während das ungarische Parlament über das Gesetz zur Veröffentlichung aller Stasi-Akten debattiert, wird die Öffentlichkeit immer wieder durch neue Internetlisten von vermeintlichen Stasi-Spitzeln bewegt (zuletzt hier und hier). Janos M. Rainer, Direktor des renommierten "Instituts 1956" findet im Gespräch mit dem ES-Magazin, dass die hitzigen Debatten über die Listen von den eigentlich wichtigen Fragen ablenken. Aufgrund des neuen Gesetzentwurfes der Sozialisten werde ja sowieso alles aus dem Stasiarchiv ins Netz gestellt. Offen bleibe, was der Nationale Sicherheitsdienst nicht in dieses Archiv stellt und wie lange noch der Staat und nicht die Historiker über die Dokumente verfügen dürfen: "Aufgrund welcher Kriterien bestimmte Dokumente immer noch geheim gehalten werden, ist für Außenstehende unergründlich. Teilweise werden diese Kriterien nicht genannt, teilweise werden sie mit Begründungen versehen, die gar nichts sagen: 'Durch die Öffentlichkeit dieses Dokumentes würden sicherheitsdienstliche Interessen der Republik Ungarn verletzt.'"

Der Schriftsteller Istvan Eörsi fragt sich, warum "Die Briefe aus Snagov", das Tagebuch von Imre Nagy - Anführer der ungarischen 1956er Revolution - auf Rumänisch, aber nicht auf Ungarisch erscheinen dürfen. (Antwort: weil die Erbin Imre Nagy als patriotischen Freiheitshelden verewigen und seinen Glauben an die kommunistischen Ideale verheimlichen will.)

Magazinrundschau vom 22.02.2005 - Elet es Irodalom

"Was tun, wenn sich ein kleineres Übel als unerträglich herausstellt", fragt sich im Gespräch mit dem ES-Magazin der Schriftsteller Istvan Eörsi. Er spielt damit auf das Lebensgefühl der Intellektuellen während und nach der Diktatur an. Der gemeinsame Feind verschwand nach 1989, aber gleichzeitig, so Eörsi, haben die großen Weltanschauungen und die Religion ausgedient. "Heute ist es am bequemsten zu glauben, dass es die Wahrheit nicht gibt oder dass sie unwichtig ist. Auch im zeitgenössischen Theater erwartet niemand, dass nach der Wahrheit gesucht wird ... Alle wollen die Zuschauer verblüffen, aber verblüffen kann man nur durch die Wahrheit.... Die meisten Theater setzen die auf moralische Konsequenzen aufgebaute klassische Dramaturgie in Klammern und liefern Vorstellungen, die keine Folgen haben. Das passt mir eigentlich auch wunderbar, weil ich mich wenigstens wieder in der Opposition fühlen kann."

In Ungarn wird in hitzigen Wortwechseln über den Umgang mit der Stasi-Vergangenheit debattiert, nachdem die Sozialisten (MSZP) einen diesbezüglichen Gesetzesentwurf vorlegten. Die Mediensoziologin Maria Vasarhelyi macht auf die Doppelmoral der Politiker aufmerksam: "Die politischen Parteien und die Institutionen, die um Transparenz und Sauberkeit des öffentlichen Lebens bemüht sein sollen, posaunen, einander immer wieder überbietend in die Welt, dass sie den Schleier der Geheimnisse lüften wollen. Gleichzeitig schrecken sie vor den absurdesten Ideen nicht zurück, die Enthüllung zu verhindern. Wie ist es möglich, dass unsere demokratisch gewählten Politiker ohne jegliche Konsequenzen die gesamte Gesellschaft zum Narren halten können?"

Otto Tolnai wurde letzte Woche mit einer der wichtigsten ungarischen Literaturauszeichnungen, dem "Ungarischen Literaturpreis" geehrt. Das ES-Magazin druckt seine Dankesrede.

Magazinrundschau vom 08.02.2005 - Elet es Irodalom

Einer der bedeutendsten Autoren der ungarischen Gegenwartsliteratur, Sandor Tar, ist gestorben. Laszlo Darvasi (mehr hier) im Nachruf: "Es lohnt sich, seine Novellentitel nebeneinander zu schreiben: kurze, schwere Titel in einem dunklen Ton der Ironie, die an den Chronisten einer anderen schrecklichen Welt, den Polen Borowski erinnern. Tars Texte haben einen pochenden, sehr genauen Prosarhythmus, in dem sich Figurenstimmen, gesprochene Sätze und innere Monologe, Reflexionen des Erzählers und Beschreibungen so abwechseln, dass die Spannung allmählich steigt. Wir nähern uns innerhalb einer immer wilder werdenden, doch nie auseinanderfallenden Struktur einem plötzlichen, brutalen Ende. Weder als Schriftsteller noch als Privatperson kannte er Ruhe oder Versöhnung. Ich habe ihm im erfolgreichsten Moment seiner schriftstellerischen Laufbahn, auf der Frankfurter Buchmesse von 1999 getroffen ... Im Innenhof eines Pavillons stand er von sehr vielen Menschen umgeben, fremd und nichts begreifend unter dem grauen Himmel, mit rotem Gesicht, sein Blick glitt wie der eines Vogels hin und her. Er hätte sich über den Erfolg seiner Bücher in Deutschland freuen können, und schon dachte er daran, wie das Kartenhaus der Erleichterung kurz nach der Rückkehr aus Frankfurt wieder einstürzen würde."

Magazinrundschau vom 01.02.2005 - Elet es Irodalom

Gabor Csordas, Chef des renommierten Jelenkor-Verlags, zeichnet ein literarisches Porträt der multikulturellen, zu Serbien gehörenden Grenzregion Vojvodina. Aus dieser Provinz kommt eine faszinierende Literatur - zum Beispiel von Geza Csath, "ausgezeichneter Novellist und Morphinist" und "meteorhafte Himmelserscheinung der ungarischen Literatur", von "seinem genialen Cousin" Dezsö Kosztolanyi ", von dem serbischen "Philosophen des kleinstädtischen Daseins" Radomir Konstantinovic, von Danilo Kis (mehr hier) und von dem "europäischsten Europäer" der ungarischen Gegenwartsliteratur, Otto Tolnai. In der Peripherie, so Csordas, "tragen die Menschen ihre eigene kulturelle Hauptstadt mit bloßen Händen zusammen. ... Wo sich auch die letzten, in südliche und östliche Richtung führenden Straßen im Nichts verlieren, wo auch die engsten Gleise enden, dort findet man im Haus des Priesters, des Lehrers oder des Arztes mit Sicherheit eine dreisprachige Bibliothek. Diese Menschen schaffen die Kultur der Provinz, die wirklich eine Kultur ist, da sie den Sieg über Vergessen, Missverstehen, Fälschen und Veralten bedeutet. Da der Mittelpunkt dieser Kultur von einem jeden Einzelnen individuell zusammengebastelt wird, ist hier alles einmalig und besonders, eigenbrötlerisch, launenhaft und außerordentlich."

Weiteres: Der renommierte Miklos-Meszöly-Preis wurde letzte Woche erstmalig an Laszlo Marton verliehen, einen in Deutschland noch wenig bekannten, jungen und als Romancier, Dramatiker, Übersetzer, Kritiker und Literaturhistoriker gleichermaßen hervorragende Texte schreibenden Autor. Es druckt die Preisverleihungsrede von Josef Takats. In einer Sammelrezension werden die wichtigsten Neuerscheinungen über den Mord an den ungarischen Juden vorgestellt. Und der Schriftsteller Imre Oravecz schreibt zum hundertsten Geburtstag von Attila Jozsef (mehr hier), "der einzige Dichter, dessen Name wirklich ein jeder in Ungarn kennt."

Magazinrundschau vom 25.01.2005 - Elet es Irodalom

Der Publizist Gusztav Megyesi findet im Aufmacher kritische Worte über Pavel Bem, den Bürgermeister von Prag. Der hatte, als italienischer Tourist verkleidet, beobachtet, wie die bösen, bösen Prager Taxifahrer ausländische Fahrgäste betrügen: "Auch die BBC berichtete, die Prager redeten mit glänzenden Augen und mit tiefem Selbstgefühl über ihren Vorgesetzten, und alle sind jetzt sicher, dass die Taximafia bald aufgelöst wird. Der Bürgermeister forderte inzwischen auch seine Kollegen zu regelmäßigen, verkleideten Kontrollen auf. Prag wird jetzt bestimmt eine Zeit lang den Schein eines italienischen Touristenparadieses wecken. Dann schütteln sich die Taxifahrer, alles bleibt bei altem, in der Struktur wurde ja nichts wirklich verändert. Aber der Bürgermeister wird in sämtlichen Popularitätsumfragen ganz vorne stehen." (Danach bekommt der Budapester Bürgermeister eins aufs Auge.)

Als beste Neuerscheinung des Monats wird Tatjana Tolstajas "Kys" gefeiert. Der Slawist und Übersetzer Jozsef Goritity ist begeistert, dass Tolstaja (sie ist die Großnichte von Lew und Enkelin von Alexei Tolstoi ) eine "Antiutopie", "einen postmodernen Roman über die parodistische Selbstwiederholung Russlands schrieb." Tolstaja betrachtet "die russische Geschichte nicht als Geschichte, sondern als etwas, das sich im mythologischen Sinne außerhalb der Zeit befindet ... Das wohlbekannte Endzeitgefühl der russischen Literatur am Ende des 19. Jahrhunderts war nicht grundlos: die Atomkatastrophe ... wurde tatsächlich Wirklichkeit. Darauf folgte jedoch weder die christliche Utopie a la Solowjow, noch die 'vollkommene Gesellschaft' - eine von Dostojewski begonnene und von Samjatin ausgearbeitete gesellschaftliche Utopie -, sondern ein kultureller Zustand, in dem alles (oder fast alles) von vorne beginnen muss."

Zu Beginn des neuen Jahres befinden sich die ungarischen Feuilletons in einer Art Aufbruchstimmung, immer mehr Stimmen fordern eine gesellschaftliche Erneuerung - eine Konjunktur der bislang vernachlässigten Bereiche Bildung, Kultur und Medien - um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu stärken. Der renommierte Informatikexperte Miklos Havass schreibt in einem verzweifelten, engagierten Beitrag: "Nachhaltige wirtschaftliche Erfolge und Wettbewerbsfähigkeit werden uns nur gelingen, wenn die Gesellschaft und die einzelnen Menschen auf den Erfolg vorbereitet sind, wenn die Entwicklung gesellschaftlicher Verhältnisse nicht vernachlässigt wird. Wirtschaftlicher Aufschwung ist nur zusammen mit gesellschaftlichem Aufschwung möglich." (Siehe dazu auch den Beitrag des Soziologieprofessors Hankiss in der Tageszeitung Nepszabadsag).