Der Publizist
Gusztav Megyesi findet im
Aufmacher kritische Worte über
Pavel Bem, den
Bürgermeister von Prag. Der hatte, als italienischer Tourist verkleidet, beobachtet, wie die bösen, bösen
Prager Taxifahrer ausländische Fahrgäste betrügen: "Auch die
BBC berichtete, die Prager redeten mit glänzenden Augen und mit tiefem Selbstgefühl über ihren Vorgesetzten, und alle sind jetzt sicher, dass die Taximafia bald aufgelöst wird. Der Bürgermeister forderte inzwischen auch seine Kollegen zu regelmäßigen,
verkleideten Kontrollen auf. Prag wird jetzt bestimmt eine Zeit lang den Schein eines
italienischen Touristenparadieses wecken. Dann
schütteln sich die Taxifahrer, alles bleibt bei altem, in der Struktur wurde ja nichts wirklich verändert. Aber der Bürgermeister wird in sämtlichen Popularitätsumfragen ganz vorne stehen." (Danach bekommt der Budapester Bürgermeister eins aufs Auge.)
Als beste Neuerscheinung des Monats wird
Tatjana Tolstajas "Kys" gefeiert. Der Slawist und Übersetzer
Jozsef Goritity ist begeistert, dass Tolstaja (sie ist die Großnichte von
Lew und Enkelin von
Alexei Tolstoi ) eine "Antiutopie", "einen postmodernen Roman über die
parodistische Selbstwiederholung Russlands schrieb." Tolstaja betrachtet "die russische Geschichte nicht als Geschichte, sondern als etwas, das sich im mythologischen Sinne außerhalb der Zeit befindet ... Das wohlbekannte
Endzeitgefühl der russischen Literatur am Ende des 19. Jahrhunderts war nicht grundlos: die Atomkatastrophe ... wurde tatsächlich Wirklichkeit. Darauf folgte jedoch weder die christliche Utopie a la
Solowjow, noch die 'vollkommene Gesellschaft' - eine von
Dostojewski begonnene und von
Samjatin ausgearbeitete gesellschaftliche Utopie -, sondern ein kultureller Zustand, in dem
alles (oder fast alles) von vorne beginnen muss."
Zu Beginn des neuen Jahres befinden sich die ungarischen Feuilletons in einer Art
Aufbruchstimmung, immer mehr Stimmen fordern eine
gesellschaftliche Erneuerung - eine Konjunktur der bislang vernachlässigten Bereiche Bildung, Kultur und Medien - um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu stärken. Der renommierte Informatikexperte
Miklos Havass schreibt in einem verzweifelten, engagierten Beitrag: "Nachhaltige wirtschaftliche Erfolge und
Wettbewerbsfähigkeit werden uns nur gelingen, wenn die Gesellschaft und die einzelnen Menschen auf den Erfolg vorbereitet sind, wenn die Entwicklung gesellschaftlicher Verhältnisse nicht vernachlässigt wird. Wirtschaftlicher Aufschwung ist nur zusammen mit
gesellschaftlichem Aufschwung möglich." (Siehe dazu auch den Beitrag des Soziologieprofessors Hankiss in der Tageszeitung
Nepszabadsag).