Bild: Carl Bloch, Still Life with Fish, 1878. Der dänische Maler Carl Bloch, einst bekannt für seine expressiven Historiengemälde, war lange Zeit vergessen, zu mythologisch und pathetisch schienen seine Stoffe in der Moderne. Nun zeigt die Nationalgalerie in Kopenhagen die erste Bloch-Ausstellung seit 100 Jahren - und ganz kann sich Paul Ingendaay in der FAS dem Bann der sinnlich-detailreichen Werke nicht entziehen: "Ein besonders provokantes Bloch-Werk ist 'In einer römischen Osteria' aus dem Jahr 1866. Ein junger Mann und zwei junge Frauen sitzen beim Essen, und der Betrachter fühlt sich als indiskreter Störer. Fliegen krabbeln über den Tisch, scharfe Gabelspitzen ragen drohend empor, der Mann schaut uns missgelaunt bis aggressiv in die Augen, während der Ausdruck der beiden Frauen schwerer zu deuten ist, irgendetwas zwischen Koketterie und leisem Spott. Als Betrachter ist man verunsichert, weil man sowohl in das Bild hineingezogen als auch zurückgestoßen wird."
Im Alter von sieben Jahren verließ die russische Künstlerin Diana Markosian mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Moskau Richtung Santa Barbara, den Vater ließen sie zurück. In ihrer gleichnamigen Ausstellung im Museum Fotografiska in Stockholm lotet sie nun die Unschärfen ihrer Erinnerung aus, schreibt Max Florian Kühlem in der SZ: "Alle Familienmitglieder waren in den künstlerischen Prozess miteinbezogen. In der Ausstellung zeugt davon ein Dialog aus dem Drehbuch, den alle Mitglieder vorgelegt bekommen haben: Es geht um ein Gespräch am Küchentisch noch in Russland, das sich um die Schwierigkeit dreht, die Miete zu bezahlen. Streichungen und Ergänzungen in verschiedenen Farben zeigen, dass alle eine eigene Version dieser Begebenheit in Erinnerung haben. Was ist also die Wahrheit? Kann nicht genauso viel Wahrheit darin liegen, die eigene Vergangenheit als Seifenoper zu erzählen?"
Außerdem: Die NZZbringt einen zunächst im City Journal veröffentlichten Text von Heather MacDonald, in dem die konservative Publizistin mit Blick auf die im New Yorker Metropolitan Museum of Modern Art ausgestellte und neu kontextualisierte Büste "Why Born Enslaved!" des französischen Bildhauers Jean-BaptisteCarpeaux beklagt, dass das Museum in seinem Verständnis als "antirassistische" Institution zu einer "ideologischen Anstalt" werde. Dem Museum wirft sie schließlich "Hass auf die westliche Zivilisation" vor. Auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten der FAZ denkt Eduard Rathgeb über Jan Vermeers Gemälde "Die Malkunst" nach. In der NZZschreibt Philipp Meier zum Tod des Auktionators EberhardW. Kornfeld.
Besprochen werden die Ausstellung "Christa Dichgans: Robert" in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts (Tsp), die Ausstellung "Foam Talent" in der Deutsche Börse Photography Foundation in Eschborn (FR), die Ausstellung "Stepping Out! Female Identities in Chinese Contemporary Art" im Museum der Moderne Salzburg (Standard), die Georges-Simenon-Ausstellungen "Simenon, Images d'un monde en crise. Photographies 1931-1935" im Museum Grand Curtius in Lüttich und die Comicausstellung "Simenon, du roman dur à la bande dessinée" im Fonds Patrimoniaux in Lüttich (taz)
Paul Klee, Fenster und Palmen, 1914, 59, Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung 1930
Offenbarungscharakter hatte eine Tunesienreise für Paul Klee, lernt NZZ-Kritiker Philipp Meier in der Ausstellung "Re-Orientations. Europa und die islamischen Künste" im Kunsthaus Zürich. Für den Künstler, der sich zuvor als Grafiker begriffen hatte, wirkte "das Fremde als Geburtshelfer der Avantgarde", das die Transformation hin zum Maler von geometrisch-abstrakten Bildern ermöglicht, die den Orient auch als Projektionsfläche romantischer Fantasien nutzen, wie sich aus postkolonialer Perspektive kritisieren ließe. Eine Kritik, die auch auf andere ausgestellte Künstler wie Ingres oder Gérôme übertragen werden könnte, überlegt Meier: Deren Malerei "vereint die Wertschätzung für islamische Künste und die künstlerische Auseinandersetzung mit diesen. Diese Bewunderung war allerdings häufig auch oberflächlich und fand oft außerhalb jeglicher Kontextualisierung statt. Aus heutiger Sicht könnte man wohl in vielen Fällen von kultureller Aneignung sprechen. Die Schau im Kunsthaus ist dennoch eine Feier europäischer Islamophilie in der bildenden wie angewandten Kunst." Besonders freut sich der Kritiker darüber, dass es mit Henriette Brown auch eine weibliche Perspektive auf das Thema gibt, die er "weit nuancierter als die kitschverdächtigen Visionen" ihrer männlichen Kollegen findet.
Sherry Levine, Meltdown, 1989. Foto: Moma, New York
"Schon wieder Piet Mondrian?", fragt sichBettina Brosowsky in der taz angesichts einer weiteren Ausstellung zu dem Niederländer im Kunstmuseum Wolfsburg. Aber dann hat's ihr doch gefallen. Denn anders als der Name 'Re-Inventing Piet' verspricht, werde zwar das mondriansche Rad nicht neu erfunden, aber die Wirkung seiner neoplastizistischen Kunst auf die Populärkultur bis heute nachgezeichnet: "Ihn interessierte die Überwindung der Illusionskunst Malerei. Sie soll kein Abbild mehr liefern, nicht eine dreidimensionale Realität in die zweidimensionale Fläche überführen. Die Malerei wird autonom, konkret, findet ihre eigenen Gesetze. Für Mondrian bedeutete dies die Selbstbeschränkung auf die Grundkoordinaten der Welt, den rechten Winkel." Ganze Genealogien von Künstlern haben darauf Bezug genommen, so Brosowsky: "Eines der aktuellsten unter den rund 150 in Wolfsburg gezeigten Artefakten ist von Kathryn Sowinski. Ihre kleine Zeichnung ist eine Reprise von Sherrie Levines Druckgrafiken, mit denen sich Levine ihrerseits in den 1980er Jahren Mondrians bekannte Kompositionen aneignete. Sowinskis Titel: 'After Sherrie Levine, After Piet Mondrian II'."
Weiteres: Hat ein Künstler das Recht, seine Werke auf ewig ausgestellt zu sehen, fragt sich Marlene Grunert in der FAZ angesichts eines Streits um ein Wandgemälde in der Vermont Law and Graduate School, das abgehängt werden soll, weil es rassistische Stereotype zeigt, die es kritisiert. Von der Urheberrechtsfrage mal abgesehen, erinnert sie daran, "dass Thematisierung nicht Affirmation bedeutet". Alexandra Wach (Monopol) lässt sich in der Prager Kunsthalle mit den Fotografien von Peter Hujar und Nan Goldin in 'Bohemia. History of an idea. 1950-2000' auf Überlegungen zum wilden ärmlichen und doch freizügigen Leben der Bohème ein, deren Ära für sie trotz Digitalisierung und Cyberspaces längst noch nicht beendet ist. Besprochen wird Fabrice Hyberts Ausstellung "La Vallée" in der Pariser Fondation Cartier (Tsp).
Schöner sterben im Humboldt Forum. Foto: Stiftung Humbold Forum im Berliner Schloss / Alexander Schippel
Schwer enttäuscht kommt Welt-Kritiker Matthias Busse aus der Jahresausstellung des Humboldt Forums"Un_endlich - Leben mit dem Tod", die sich auf fundamentale Weise mit dem Sterben auseinanderzusetzen verspricht. Busse wundert sich über die eingeschränkte Perspektive "westlicher Aufgeklärter", mit der die Ausstellung auf den Tod blickt und beklagt "virtuelles Wissenschaftstheater", bei dem wirkliches Hinterfragen ausbleibt. Der krude Alltag des Sterbens wird dabei ausgeblendet, kritisiert er: "Der Tod verliert in dieser Ausstellung seinen Schrecken. Das Leben entweicht sanft mit dem letzten Ausatmen wie im Atem-Meditiationsworkshop in einem spirituellen Stille-Retreat. ... Bei all dem frommen Geraune vom Tod als dem großen Gleichmacher bleibt alles globale Forschungswissen unerwähnt: Damit die Geister der Verstorbenen den irdischen Wohlstand weiter gönnen, praktizieren viele Gemeinschaften Ahnenverehrung mit teils aufwendigen Sakralobjekten. Doch die einprägsamen, teils einzigartigen Artefakte der im Schloss beheimateten Ethnologischen und Asiatischen Museen verstauben im Depot."
Egungun-Masken Tanman (links) und Bouloukou (rechts). Foto: Stéphan Gladieu taz-Kritikerin Johanna Schmeller ist fasziniert von der Gegenüberstellung ganz unterschiedlicher Maskierungen in der Ausstellung "From Mystic to Plastic" im Museum Fünf Kontinente in München. Die Ausstellung stellt zwei Bilderserien des Fotografen Stéphan Gladieu gegenüber: Für die Reihe "Engungun" hat Gladieu Trachten des Ahnenkults aus der Republik Bénin fotografiert, sie "sind aus glänzenden Nieten und schwingenden Stoffbahnen zusammengesetzt, haben geschnitzte Holzskulpturen wie Affen, Panther oder wilde Hunde wie eine Krone auf dem Kopf", staunt die Kritikerin. Demgegenüber stehen seine Fotografien der Arbeiten des Künstlerinnenkollektivs "Ndaku ya, la vie est belle" aus Kinshasa, "bombastische, an moderne Superhelden erinnernde Kostüme", allesamt aus Müll geschaffen. "Das Künstlerkollektiv lässt eine irre Science-Fiction-Welt entstehen. Doch wie im Ahnenkult auch sind Frauen und ihre spezifischen Lebenswelten nicht abgebildet."
Der Historiker Florian Keisinger stellt in der taz klar, das Max Beckmann zwar die Nazis verabscheute, aber weder Jude war, noch vor den Nazis fliehen musste. Ersteres schrieb Florian Illies fälschlicherweise in seinem Buch "Liebe in Zeiten des Hasses", zweiteres war auf einer Wandtafel in der kürzlich beendeten Ausstellung "Departure" in der Münchner Pinakothek der Moderne zu lesen, ärgert sich Keisinger. "Beckmann hat sich während der NS-Zeit in keiner Weise persönlich kompromittiert. Ein Verfolgter, der um sein Leben bangen musste, war er jedoch nicht. Auch wenn sich dieses Bild hartnäckig hält und jüngst sowohl von den Kuratoren der Münchner 'Departure'-Schau als auch - in besonders gravierender Weise - von Florian Illies einmal mehr übernommen wurde. Offenbar dominiert in der Exilgeschichte weiterhin der Wunsch nach einer klaren Täter-Opfer-Dichotomie."
Weitere Artikel: Catrin Lorch berichtet in der SZ über die Dokumentation "Whaam! Blam! Roy Lichtenstein and the Art of Appropriation" in der Comic-Autoren den Pop-Art-Künstler des Plagiats bezichtigen. Absurd und nicht besonders neu, meint Lorch, schließlich ging es ihm gerade darum, alltägliche Motive zu kopieren, um sie "in der Kunst aufzusockeln, zur Analyse frei zu geben". In der Zeit schreiben die Maler Sven Hoppler und Michael Triegel über ihre moderne, religiöse Kunst.
Besprochen werden die Ausstellung "Hugo van der Goes. Zwischen Schmerz und Seligkeit" in der Gemäldegalerie Berlin (Zeit, BLZ), die Gruppenschau "Indigo Waves and other Stories" im Berliner Gropius Bau (Tagesspiegel), Tehching Hsiehs Dokumentation seiner "One Year Performance 1980-1981 (Time Clock Performance)"in der Neuen Nationalgalerie (Tagesspiegel), eine Ausstellung des Malers Giorgio Morandi in der Londoner Estorick Collection (NZZ) und die Ausstellung "1920! Im Kaleidoskop der Moderne" in der Bundeskunsthalle Bonn (monopol).
Filmstill aus Steve McQueens "Grenfell". Die Londoner Serpentine Gallery zeigt Steve McQueens Film "Grenfell", in dem der britische Filmkünstler die Ruine jenes von den Behörden vernachlässigten Hochhauses verewigt, in dem 72 Menschen zu Tode kamen, als es in nur wenigen Augenblicken wie eine Fackel abbrannte. Im Observerhält Laura Cumming den Atem an: "Die Bewegung ist schwindelerregend und wird in Paul Gilroys grandios pamphletistischem Begleittext ganz richtig als Wirbel beschrieben. Aber Bewegung ist alles, was McQueen bietet. Er versucht nicht, mehr zu sehen, als man sehen kann, oder ein Requiem für die Toten zu schaffen. Sein Film ist ein Ritus der reinen Beobachtung in Form einer langen Filminstallation. Ein Zug fährt in einen nahe gelegenen Bahnhof ein. Die Kamera kreist weiter. Ein einsamer Vogel fliegt vorbei. Die Wiederholung ertappt sich selbst und stellt die Fähigkeit auf die Probe, weiter und weiter zu beobachten. Wie wird es enden, dieses Zeugnis?"
Besprochen werden eine Ausstellungen mit Druckgrafiken von "Dürer, Munch, Miró" in der Albertina in Wien (FAZ) sowie die Soloausstellung des Australiers Daniel Boyd und die Gruppenschau "Indigo Waves" im Berliner Gropiusbau (Monopol).
Vor fünf Jahren haben fünf fünfzehnjährige Jungs aus Nigeria unter dem Namen "The Critics Comapny" angefangen, mit ihren Smartphones Filme zu drehen: über Aliens, Halbgötter und kleine Mädchen mit Superkräften. Die Technik für die Special Effects haben sie auf Youtube gelernt. Nachdem 2021 ein Film von ihnen auf der Athen-Biennale gezeigt wurde, hat jetzt auch das Frankfurter MMK zugegriffen. Science Fiction gibts jetzt nicht mehr, dafür das, was europäische Kunstkuratoren heute wohl so erwarten: Raubkunst und Kritik an der Ausbeutung afrikanischer Künstler. Laura Helena Wurth stört die Ironie in der FAS nicht die Bohne. Die Künstler "scheinen selbst etwas überrascht davon, dass ihre Arbeit im Kontext 'Kunst' gezeigt und angeschaut wird und ihnen jetzt Kulturjournalisten gegenübersitzen, die sie fragen, wie das ist, wenn man plötzlich in einem Museum ausstellt. ... Sie hätten sich eigentlich noch nie so richtig mit den geraubten Artefakten ihrer Vorfahren beschäftigt, obwohl das Thema schon immer präsent gewesen sei. Auf die Idee, sich darauf in ihrer neuen Arbeit einzulassen, seien sie gekommen, als sie mit einem befreundeten Kurator über ihre Schau sprachen und er sie in die Pflicht nahm, das Thema nach Europa zu tragen."
Hier der Kurzfilm "The War is Coming":
Pablo Picasso und seine Kunst wurden so oft auseinandergenommen, dass man ein kubistisches Großwerk daraus formen könnte (wäre man ein Künstler). Und heute, fünfzig Jahre nach seinem Tod? Sagt man immer noch "moderne Kunst", wenn man Picasso sagt, stellt Hans-Joachim Müller in der Welt fest. Vielleicht liegts an seiner Unmäßigkeit, die verunsichert, weil sie so fremd geworden ist: "Noch das tänzerische Idyll, die neoklassizistische Anverwand lung antiken Maßes gerät nicht ohne die Maßlosigkeit der Leiber, die Picasso auf seinen mittelmeerischen Spielplätzen aussetzt. Nie sind die Verhältnisse anders als gewaltsam. Nie ist Verhalten in diesem Werk etwas anderes als Begehren, Verlangen, Verletzung, Übergriff, Schmerz, der aus der Lust stammt. Picasso hat keine Stadtbilder gemalt wie Kirchner, keine Industrielandschaften wie Léger, keine Elendsgrotesken wie Grosz, keine Kriegsberichte wie Dix. Sein meist nach Moll hin gestimmtes Werk ist auf schon rigorose Weise weltabständig geblieben."
Außerdem zu Picasso: Verena Harzer in der taz, Ronja Merkel im Tagesspiegel und Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung bitten darum, bei aller Kunstliebe nicht zu vergessen, dass Picasso ein Macho war. Der Guardianfragt Kunstkritiker und Kuratoren gar: Sollte man Picasso canceln? Besprochen werden die Ausstellung im Pariser Picasso-Museum, die der britische Modedesigner Paul Smith zur Freude von Sabine Röthig vor einem äußerst bunten Hintergrund inszeniert hat (BlZ) und Pascal Bonafouxs Buch über die Selbstporträts Picasso (NZZ).
Weitere Artikel: Ingeborg Ruthe gratuliert in der Berliner ZeitungHarry Lybke zum vierzigsten Geburtstag seiner Galerie Eigen+Art. In der tazunterhält sich Tom Mustroph mit Lybke über dessen Anfänge und die Veränderungen seitdem. Harald Staun begleitet Kulturstaatsministerin Claudia Roth in Istanbul ins Kunstmuseum Arter.
Besprochen werden die Ausstellung "Hardened" von elf Künstlerinnen aus der Ukraine in der Berliner g.art Galerie (Tsp), die Hugo van der Goes-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie (taz), eine Ausstellung mit junger Wiener Kunst im Wiener Belvedere 21 (Standard) und die Ausstellung "Timeless" im Berliner Bodemuseum, die Werken junger ukrainischer Künstler christliche Skulpturen aus dem Mittelalter gegenüberstellt (FAZ).
"Fluidum", Holger Förterer. Foto: ZKM Karlsruhe. In eine außergewöhnlich optimistische Zukunftsvision ist FAZ-Kritikerin Ursula Scheer bei der interaktiven Ausstellung "Renaissance 3.0" des kürzlich verstorbenen ZKM-Direktors Peter Weibel eingetaucht. Für Weibel stand fest, dass Kunst und Wissenschaft in diesem Jahrhundert wie schon einmal inspirierende Allianzen eingehen würden. Natur, Medien und Technik verbinden sich in der Ausstellung zu einer produktiven Symbiose, deren Teil auch die Besucher werden können, staunt Scheer, beispielsweise in der Videoinstallation "Fluidum" des Künstlers Holger Förterer: "Wer in den Lichtstrahl vor der Videowand tritt und einen Schatten darauf wirft, formt durch Bewegungen animierte Farbströme und scheint in flüssigem Licht zu schwimmen: Das kollektive Action Painting steht stellvertretend für zahlreiche technische Schnittstellen, durch die wir mit unseren Körpern inzwischen ganz selbstverständlich computerisierte Geräte bedienen, die Außenwelt auf neue Art wahrnehmen und auch verändern."
Birgit Schmid hat für die NZZ die Basler Künstlerin Miriam Cahnbesucht, die wegen des Bildes "Fuck abstraction!" in ihrer Ausstellung im Pariser Palais de Tokyo verklagt wurde: darauf sieht man eine kleine Figur mit gefesselten Händen vor einer großen sitzenden Figur mit erigiertem Penis knien. Mit dem Bild wollte Kahn die Vergewaltigungen im Ukrainekrieg anprangern. "Der Aufruhr wurde Anfang März von französischen Kinderschutzgruppen und selbsternannten Kämpfern gegen Pädokriminalität initiiert, die in besagtem Bild Kinderpornografie erkennen wollen", erzählt Schmid. "Es verhöhne Vergewaltigungsopfer, lautet ein Vorwurf. Als sich das Bild in den sozialen Netzwerken verbreitete, waren schnell 16.000 Unterschriften zusammen, die in einer Petition seine Entfernung aus der Ausstellung verlangten. Beim Palais de Tokyo gingen Morddrohungen ein, so dass das Museum sich genötigt sah, in einem Statement Stellung zu nehmen zu dem, was offensichtlich ist: Miriam Cahn geht es in keiner Weise darum, Kinderpornografie zu verherrlichen. Sie wolle nicht schockieren, sagt sie, sondern prangere an, was Kriegsrealität sei." Inzwischen hat ein Pariser Gericht die Klage zurückgewiesen, und Cahn hält fest, dass es Rechte waren, die gegen die Ausstellung klagten. Insgesamt ist mit ihr nicht gut Kirschen essen und sie wirft die Reporterin schließlich raus.
Weitere Artikel: Birgit Rieger freut sich im Tagesspiegel über die bunte Bestrahlung der Exponate des Pergamonmuseums durch den britischen Bildhauer Liam Gillick. Franca Klaproth hat sich für die Berliner Zeitung die digitale Ausstellung des WWF "Climate Realism" angesehen, die uns mit Hilfe von KI zeigt, wie die Landschaften auf Van Goghs Gemälden nach der Klimakatastrophe aussehen würden. Die Weltmeldet, dass das Material für viele Benin-Bronzen offensichtlich aus dem Rheinland stammt. Und: Das Humboldt Forum hat jetzt eine Krone, meldet der Tagesspiegel.
Der ukrainisch-amerikanische Kunsthistoriker Konstantin Akinsha erzählt in der FAZ, wie in der Ausstellung "Bilder des militärischen Lebens in der nationalen Kunst des 16. bis 20. Jahrhunderts" im Staatlichen Russischen Museum in Sankt Petersburg jeder Ansatz postkolonialer Kritik durch die russische Zensur getilgt wird: "Alle Kolonialkriege des Russischen Reiches werden von den Schlachtenmalern selbstgefällig in die Liste der Siege aufgenommen. Dem endlosen Kaukasuskrieg (1817-1864) und der langen Eroberung Zentralasiens (1853-1895) wurden besondere Ausstellungsabschnitte gewidmet. Die Gemälde werden als bloße Episoden in der Geschichte eines 'großen Landes' dargestellt und sind nicht mit Beschriftungen oder Wandtexten versehen, die die dargestellten Ereignisse aus kritischer Sicht erläutern würden. Die Kuratoren der Ausstellung erfüllten damit die Anforderungen der zeitgenössischen russischen Zensur - die Geschichte dürfe nicht umgeschrieben (oder gar interpretiert) werden. Aufgrund eines solchen Ansatzes werden der Krieg mit den Tscherkessen und die Eroberung von Samarkand mit dem sowjetischen Sieg über Nazideutschland gleichgesetzt."
Fünfzig Ausstellungen sind europaweit zu Picassos 50. Todestag zu sehen, alle feiern den Meister, dabei ist er doch irgendwie "aus der Zeit gefallen", meint Hanno Rauterberg in der Zeit - auch moralisch: "Er wollte nicht zwischen Werk und Leben trennen; alle, die ihm nun Misogynie vorwerfen, wollen es ebenso wenig. Und sie wollen ihm ebenso wenig seine Begeisterung für Masken aus Afrika durchgehen lassen ... diese Art von Universalismus, von essenzialistischem Denken, will heute kaum noch jemandem gefallen." Aber seine Lust auf Zukunft könnte auch heute noch begeistern, hofft Rauterberg.
Außerdem: Im Tagesspiegelporträtiert Aleksandra Lebedowicz die Berliner Wandmalerin Inka Gierden, deren Arbeiten aktuell in der Ausstellung "Vier Elemente. Handwerk & Design aus Paris und Berlin" im Berliner Kunstgewerbemuseum zu sehen sind. Was bedeutet KI für das Wesen der "echten Fotografie", fragt Robert Mueller-Stahl in der Berliner Zeitung. "Begrüßenswert", aber zu "halbherzig" findet Hubertus Butin in der FAZ die neue Strategie der Sammlung Bührle, (Unsere Resümees) die Provenienz von Raubkunst und "Fluchtgut" zu klären: "Die Stiftung hat mittlerweile zugegeben, dass sich in der Sammlung noch fünf Gemälde von Courbet, Monet, Gauguin, van Gogh und Toulouse-Lautrec befinden, die als Fluchtgut klassifiziert worden sind. Trotzdem hält die Stiftung die Bilder für unproblematisch und lehnt Rückgaben ab."
Besprochen werdend die die Ausstellung "Verdammte Lust - Kirche. Körper. Kunst" im Diözesanmuseum Freising (Originell, meint Manuel Brug in der Welt, auch wenn er die 73 Millionen Euro, die die Katholische Kirche hier für christliche Kunst aus 1700 Jahren ausgegeben hat, eher denn Missbrauchsopfern gegönnt hätte), die Lap-See-Lam-Ausstellung "Tales of the Altersea" im Frankfurter Portikus (taz), die privat initiierte Ausstellung "Franz West privat. Gebrauchsanleitung im Aktionismusgeschmack" in der Wiener Galerie Mauroner (Standard) und die Ausstellung "Mehr Licht. Die Befreiung der Natur" im Museum Kunstpalast Düsseldorf (NZZ).
Bild: Samson Schames, "Anzünden der Chanukka-Lichter", um 1956, Glasscherben, vielfarbig, im Relief geschichtet. Jüdisches Museum Frankfurt Nur zwölf Werke von Samson Schames braucht die Ausstellung "Fragmente des Exils" im Frankfurter Jüdischen Museum, um FAZ-Kritikerin Carlota Brandis den "Schmerz der Schoa und die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs" vor Augen zu führen: "Schames gehörte zu den Künstlern der verschollenen Generation, die dennoch nicht aufhörten, Kunst zu schaffen. Gerade die Alternativlosigkeit der Internierung zwang Schames, die Flucht und das Exil in seine Kunst mit aufzunehmen: So wurden Schuhcreme, Rote-Bete-Saft und Kondensmilch seine Farbpalette, eigene Barthaare an einen Ast gebunden sein Pinsel. Diese Kunst aus der Mitte des Alltags und der Dürftigkeit scheint ihn inspiriert zu haben. Aus dem Lager entlassen, zurück in London, begann Schames Scherben, Porzellan, Holz und Nägel von Gebäudetrümmern einzusammeln, die vom 'Blitz'-Angriff der Wehrmacht zerbombt wurden. Aus dieser Zerstörung und dem resultierenden Schmerz heraus schuf er seine nächsten Kunstwerke, wie 'Die Träne', 'Die Dornenkrone' und 'Unbekanntes Opfer'."
Weiteres: Alistair Hudson folgt auf Peter Weibel als neuer wissenschaftlich-künstlerischer Vorstand am Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe, meldet der Tagesspiegel. Besprochen werden die Gerhard-Richter-Schau in der Neuen Nationalgalerie (ZeitOnline), die nun von dem Berliner Maler Thomas Lucker fertiggestellte 12. Version der im Krieg verschollenen "Auferstehung" in der Berliner Nikolaikirche (Berliner Zeitung) und die Ausstellung "Flashes of Memory - Fotografie im Holocaust" im Berliner Museum für Fotografie (taz).
Foto: Alexander Anufriev/nGbK "Өмә", baschkirisch für "kollektive Selbsthilfepraktiken", heißt die aktuelle Ausstellung in der Berliner NGBK, die sich zum Ziel gesetzt hat, den russischen Kolonialismus zu untersuchen, berichtet Bernhard Schulz (Tsp). Aber es braucht Vorkenntnisse, meint Schulz, denn "der russische Kolonialismus ist ein noch unausgeleuchtetes Terrain, und wer im heutigen Russland das Thema auch nur anrührt, wie die Menschenrechtsorganisation 'Memorial', wird kriminalisiert." Vom Verlust handelt beispielsweise "die Installation von Patimat Partu. Die Urgroßeltern der Künstlerin, ethnische Laken in Dagestan, einer Republik am Nordrand des Kaukasus, wurden zwangsumgesiedelt, wobei jede Familie nur so viel mitnehmen durfte, wie auf das Drittel eines zweirädrigen Karrens passte. Eine auf Folie aufgebrachte grafische Darstellung eines solchen Karrens lässt Partu vor dem Großfoto einer Gebirgslandschaft Dagestans wehen, wohl als Hinweis auf die Flüchtigkeit der Erinnerung an die Geschichte. Auch diese Deportation des Jahres 1944 klassifiziert die Broschüre als Völkermord, 'den Russland jedoch nicht anerkennt'."
FAZ-Kritikerin Alexandra Wach lernt genau hinzuhören in der Ausstellung "À bruit secret" im Museum Tinguely in Basel, das Klangwelten in der Kunst vom siebzehnten Jahrhundert bis heute ausstellt: "Am verblüffendsten ... an diesem bestens sortierten Parcours ist der Prachtleierschwanz, den der algerisch-französische Künstler Kader Attia in einer BBC-Doku von David Attenborough aufgespürt hat. Der Vogel kann nicht nur Stimmen anderer Artgenossen imitieren, sondern auch technische Geräusche wie das Klicken von Kameraauslösern oder das Surren von Motorsägen. Außerdem baut er störende Töne, die seine Umgebung negativ beeinflussen, in seinen Gesang ein. 'Mimesis as Resistance' nennt Attia deswegen seine Huldigung an diesen ungewöhnlichen Überlebenskünstler und meint, dass der Vogel ein gutes Beispiel dafür sei, 'dass die Natur der Zivilisation immer überlegen sei. Die Überlegenheit der Natur bestimmt die Zeitlichkeit der Gattung Mensch.'"
Weiteres: Der Stülerbau, der das Museum Berggruen beherbergt, wird noch bis 2025 geschlossen bleiben, also reisen die wichtigsten Werke Picassos aus der Sammlung nach Japan und China, berichtet Birgit Rieger, die für den Tagesspiegel das The National Museum of Western Art in Tokio besucht hat. Besprochen werden die David-Hockney-Ausstellung im Londoner Lightroom (SZ), die Ausstellung "After Impressionism: Inventing Modern Art" in der Londoner National Gallery (Tsp) und die Ausstellung "Vittore Carpaccio: Dipinti e Disegni" in der Fondazione Musei Civici, Palazzo Ducale in Venedig (NZZ).
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