Foto: Alexander Anufriev/nGbK "Өмә", baschkirisch für "kollektive Selbsthilfepraktiken", heißt die aktuelle Ausstellung in der Berliner NGBK, die sich zum Ziel gesetzt hat, den russischen Kolonialismus zu untersuchen, berichtet Bernhard Schulz (Tsp). Aber es braucht Vorkenntnisse, meint Schulz, denn "der russische Kolonialismus ist ein noch unausgeleuchtetes Terrain, und wer im heutigen Russland das Thema auch nur anrührt, wie die Menschenrechtsorganisation 'Memorial', wird kriminalisiert." Vom Verlust handelt beispielsweise "die Installation von Patimat Partu. Die Urgroßeltern der Künstlerin, ethnische Laken in Dagestan, einer Republik am Nordrand des Kaukasus, wurden zwangsumgesiedelt, wobei jede Familie nur so viel mitnehmen durfte, wie auf das Drittel eines zweirädrigen Karrens passte. Eine auf Folie aufgebrachte grafische Darstellung eines solchen Karrens lässt Partu vor dem Großfoto einer Gebirgslandschaft Dagestans wehen, wohl als Hinweis auf die Flüchtigkeit der Erinnerung an die Geschichte. Auch diese Deportation des Jahres 1944 klassifiziert die Broschüre als Völkermord, 'den Russland jedoch nicht anerkennt'."
FAZ-Kritikerin Alexandra Wach lernt genau hinzuhören in der Ausstellung "À bruit secret" im Museum Tinguely in Basel, das Klangwelten in der Kunst vom siebzehnten Jahrhundert bis heute ausstellt: "Am verblüffendsten ... an diesem bestens sortierten Parcours ist der Prachtleierschwanz, den der algerisch-französische Künstler Kader Attia in einer BBC-Doku von David Attenborough aufgespürt hat. Der Vogel kann nicht nur Stimmen anderer Artgenossen imitieren, sondern auch technische Geräusche wie das Klicken von Kameraauslösern oder das Surren von Motorsägen. Außerdem baut er störende Töne, die seine Umgebung negativ beeinflussen, in seinen Gesang ein. 'Mimesis as Resistance' nennt Attia deswegen seine Huldigung an diesen ungewöhnlichen Überlebenskünstler und meint, dass der Vogel ein gutes Beispiel dafür sei, 'dass die Natur der Zivilisation immer überlegen sei. Die Überlegenheit der Natur bestimmt die Zeitlichkeit der Gattung Mensch.'"
Weiteres: Der Stülerbau, der das Museum Berggruen beherbergt, wird noch bis 2025 geschlossen bleiben, also reisen die wichtigsten Werke Picassos aus der Sammlung nach Japan und China, berichtet Birgit Rieger, die für den Tagesspiegel das The National Museum of Western Art in Tokio besucht hat. Besprochen werden die David-Hockney-Ausstellung im Londoner Lightroom (SZ), die Ausstellung "After Impressionism: Inventing Modern Art" in der Londoner National Gallery (Tsp) und die Ausstellung "Vittore Carpaccio: Dipinti e Disegni" in der Fondazione Musei Civici, Palazzo Ducale in Venedig (NZZ).
Gunda Bartels (Tsp) erfährt das Sterben geradezu am eigenen Leib in der immersiven Ausstellung "Un_endlich. Leben mit dem Tod" im Humboldt Forum, das sich in fünf Akten nicht nur kulturgeschichtlich mit dem Sterbeprozess auseinandersetzt: Etwa in der Videoinstallation "Konferenz des Sterbens", "in der zwölf Menschen aus aller Welt von ihren Erfahrungen als Sterbebegleiter:innen erzählen. Im Booklet, das einen durch die Schau schleust, ist ihr medizinischer oder spiritueller Background benannt. Im dritten Akt 'Tod' wird es dann gruselig. In einer Kabine schildert eine Stimme bei flackernden Lichteffekten die neurologischen Vorgänge beim Sterben. Du kannst jetzt nicht mehr schlucken, es folgt das Todesrasseln." Wer es nicht aushält, wählt den Exit durch den Vorhang." "Der Tod als Theater des Lebens, darunter macht es die mitunter an die Kursführung einer Geisterbahn erinnernde Ausstellungsdramaturgie nicht", kommentiert Harry Nutt in der Berliner Zeitung.
Außerdem: In der tazwirft Fabian Lehmann einen Blick auf den Erfolg von Kryptokunst, die inzwischen in den großen Museen und Auktionshäusern angekommen ist. In der SZ trifft sich Thomas Kirchner mit den Nachfahren von Vincent van Gogh, die dankbar sind, dass alle Werke einer Stiftung übergeben wurden, auch wenn sie andernfalls heute Milliardäre wären. Besprochen werden die Tehching-Hsieh-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (FAS), die Ausstellung "Flashes of Memory. Fotografie im Holocaust" im Berliner Museum für Fotografie (FAZ) und die Ausstellung "One Can Only Hope and Wonder" der nigerianischen Künstlergruppe The Critics Company im Frankfurter Zollamt MMK (FR).
"Die Verkündigung von Maria", Hugo van der Goes. Bild: Gemäldegalerie Berlin. Ein Gleichgewicht von Pracht und Schönheit bewundert FAZ-Kritiker Andreas Kilb in einer Ausstellung mit Werken des flämischen Malers Hugo van der Goes in der Gemäldegalerie in Berlin. Besonders beeindruckt ist er vom berühmten Monforte-Altar des Malers: "Diese fromme Szene, die von Brokatärmeln, schimmernden Pokalen, Juwelen auf Pelzmützen, blauen Lilien und anderen burgundischen Virtuositäten strotzt, ist erkennbar das Bild eines Hofmalers. Die Heiligen Drei Könige, die zuschauenden Jünglinge, selbst die Pferdeknechte im Bildhintergrund tragen Höflingsgesichter, und wer will, kann in dem knieenden Würdenträger im Zentrum das Porträt eines allmächtigen herzoglichen Beraters wie Philippe de Crèvecœur erkennen. Dabei ist die gleißende Farbigkeit der roten, blauen und violetten Gewänder und das Braun der Pelzaufschläge so ausbalanciert, dass es nie überzüchtet wirkt." Auch im Tagesspiegel ist Nicola Kuhn beeindruckt.
Zum 50. Todestag Pablo Picassos wird gefeiert, über sein Machotum spricht niemand mehr, notiert Kia Vahland in der SZ. Sie findet das ganz in Ordnung: Die "rigide Ablehnung unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der früheren haltlosen Verehrung: beide folgen dem Mythos, den dieser Mann mit Hilfe seiner Bewunderer von sich schuf. Es lohnt ein neuer und neugieriger Blick auf Werk und Person; das Jubiläumsjahr mit seinen zahlreichen Picasso-Ausstellungen bietet die Gelegenheit dafür. Man kann die Geschichte dieses Künstlerlebens auch anders erzählen, als nur die eines Berserkers, der einmal großspurig erklärte: 'Bei mir ist ein Bild eine Summe von Zerstörungen.' Denn nicht das Zerstörende, sondern das Fragende und Suchende zieht sich durch Werk und Leben von - wie die Eltern ihn 1881 in Málaga tauften - Pablo Diego José Francisco de Paula Juan Nepomuceno María de los Remedios Cipriano de la Santísima Trinidad Ruiz y Picasso." Reinhard Brembeck schlendert für die SZ durch die Picasso-Ausstellungen in Paris.
Die neue Findungskommission für die documenta 16 ist berufen, meldet der Tagesspiegel. Und die hat was vor sich: "Denn das neue Team soll nicht bloß in die Zukunft der Documenta 16 im Jahr 2026 denken. Es soll auch hinter sich aufräumen", schreibt Christiane Meixner und warnt mit Blick auf die desaströse documenta 15: "allein der Gedanke, die kommende Documenta ließe sich losgelöst von jenem Skandal realisieren, weil fünf Jahre Zeit dazwischen liegen, wäre irrwitzig. Es wird im Gegenteil voraussichtlich noch einmal alles hochgespült, wenn in Kassel 2027 das nächst kulturellen Großereignis namens Documenta ansteht."
Weitere Artikel: Birgit Rieger stellt im TagesspiegelJenny Schlenzka vor, die neue Leiterin des Gropius-Baus. Anselm Kiefer hat den deutschen Nationalpreis erhalten, meldet die FR.
Nicole Büsing und Heiko Klaas haben sich für den Tagesspiegel die Ausstellung "Re-Inventing Piet. Mondrian und die Folgen" im Kunstmuseum Wolfsburg angesehen, die an 150 Exponaten den Einfluss von Piet Mondrians Werk auf Kunst, Design und Alltagsobjekte zeigt. Schon erstaunlich, was man aus Mondrian alles machen kann, finden die Kritiker: "Der Franzose Mathieu Mercier provoziert mit Do-it-Yourself-Mondrians aus brüchigen Sperrholzplatten, die er mit Farbfolie und Isolierband beklebt. Und die queere Österreicherin Jakob Lena Knebl lässt ihre nackten Rundungen mit einem Mondrian-Muster bemalen. Dazwischen Architekturmodelle, Yves Saint Laurents Cocktailkleider, ein Video von Iván Argote, der zwei unter Glas befindliche Mondrians im Pariser Centre Pompidou besprüht."
Weiteres: Die Künstlerin Hito Steyerl hat in der neuen Ausgabe der Zeit einen Teil des Feuilletons gestaltet und zwar nach dem Prinzip eines "neuronalen Netzwerks": "Es ist ein Blick in den Maschinenraum der KI: Wer arbeitet da eigentlich? Wer hat das Sagen? Wie viel Energie wird verschleudert? Und überhaupt, wohin soll das alles führen: Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft hat die neue Technik?", schreibt sie dazu.
Refik Anadol: Satellite Simulations - B, 2021. Bild: KunstpalastIn jeder Hinsicht ein Pflichttermin war für Ursula Scheer Refik Anadols Schau "Machine Hallucinations" im Düsseldorfer Kunstpalast. Der amerikanisch-türkische Medienkünstler ist der Star der KI-Kunst, Schulklassen werden hordenweise durch die Ausstellung gejagt. "Gnadenlos dekorativ" lautet Scheers Verdikt: "Mithilfe enormer Datenmassen, die zwei gegeneinander antretende künstliche neuronale Netzwerke - sogenannte GANs - mit kreativ offenem Ausgang algorithmisch zu neuen Daten verrechnen, hat Anadol seine eigene Bildsprache entwickelt: psychedelisch wirkende Animationen, 'lebendige Gemälde', die sich in einem Prozess der fortlaufenden Transformation befinden. Alles fließt in den Produktionen aus Anadols Studio in L. A. mit gut einem Dutzend Mitarbeitern... In Düsseldorf kann man im 'black cube' der schwarz gestrichenen Ausstellungsräume fast wie in einem Kino in diese Bilderwelten eintauchen. Durch das Dunkel schweben dazu Klänge mystischer Synthetik-Symphonien mit Naturanleihen, wie man sie von Meditations-Apps kennen mag. Und tatsächlich bietet der Kunstpalast Yogakurse für Kinder oder Erwachsene in der Ausstellung an und spricht der Kurator Alain Bieber, Leiter des mit dem Kunstpalast vereinten NRW-Forums, von einer 'fast spirituellen Erfahrung'."
Weiteres: In der SZstutzt Jörg Häntzschel, mit welcher Nonchalance die Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Bauverzögerung beim Pergamonmuseum herunterspielt. Vierundzwanzig Jahre soll die Renovierung jetzt insgesamt dauern, das Ischtar-Tor wird erst wieder 2037 zu sehen sein. In der tazfreut sich Jonas Wahmkow, dass sich die Direktorin des Vorderasiatischen Museums, Barbara Hellwing, nicht ihren Optimismus nehmen lässt. Verständnisvoll berichtet auch Oliver Maksan in der NZZ. Im Tagesspiegel bereitet sich Bernhard Schulz bereits auf die kommende Gerhard-Richter-Ausstellung vor.
Besprochen werden die aufregenden Christina-Quarles-Ausstellung im Hamburger Bahnhof (FR), die Schau "Maschinenraum der Götter" über Science-Fiction in der Antike im Frankfurter Liebighaus (SZ), die Yad-Vashem-Ausstellung "Flashes of Memory" mit Fotografien, die während des Holocausts entstanden, im Museum für Fotografie (Tsp).
André Masson: Le sang des oiseaux, 1956, Centre Pompidou Überwältigt kommt FAZ-Kritiker Stefan Trinks aus dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt, das mit der Ausstellung "Urknall der Kunst" jenen Moment zeigt, als die moderne Kunst alle Tradition über den Haufen warf, um sich von den steinzeitlichen Höhlenmalereien inspirieren zu lassen, die der Ethnologe Leo Frobenius in Ägypten und Simbabwe erforscht hatte: "Auch Paul Klee fieberte stets Frobenius' neuen Bildern aus dem Altertum entgegen, wie eine Gegenüberstellung in Darmstadt augenfällig macht: Die Reptilien seines Bildes 'Zweierlei Schildkrot' ähneln verblüffend zwei behäbigen und in die Fläche projizierten Steinzeit-Schildkröten aus Simbabwe der Zeit von 10.000 vor Christus. Wie bei seinem 'Vorbild' füllt auch Klee die Körper der Tiere vollständig mit tiefroter Farbe aus. Er nutzt dafür wie so oft Kleisterfarbe, die besonders spröde und archaisch wirkt. Vielleicht weil die Manieriertheit des Symbolismus in Frankreich und die Endzeitstimmung des dortigen Fin de Siècle in besonders hohen Amplituden ausgeschlagen hatten, gingen die Künstler in Paris weiter zurück in die Vergangenheit als andernorts."
Die Sanierung des Pergamonmuseums wird - nicht überraschend - doch ein wenig teuer als geplant, berichtet unter anderem Andreas Kilb in der FAZ. Statt 240 Millionen Euro werden mittlerweile 1,2 Milliarden Euro für das Vorhaben veranschlagt, dafür soll das Museum teilweise bis 2037 geschlossen bleiben. Kilb räumt ein, dass es gute Gründe für die Kostenexplosion gibt: "Aber je länger das Drama dieser teuersten aller deutschen Kulturbaustellen dauert, desto öfter fragt man sich, warum Politik und Museumsverantwortliche nicht schaffen, was in anderen europäischen Hauptstädten regelmäßig gelingt: eine Sanierung bei laufendem Betrieb. Ist es die Sorge um die Objekte? Oder doch nur die alte deutsche Furcht vor Improvisation?" Der Standardzitiert Stefan Weber, seit 2009 Direktor des Museums für Islamische Kunst: "Ich habe mindestens so viele Wasserschäden wie Dienstjahre." Weitere Berichte in Tagesspiegel oder ZeitOnline.
Weiteres: In der SZ begrüßt Catrin Lorch, dass Kulturstaatsministerin Claudia Roth im Restitutionsfall von Picassos "Madame Soler" Druck auf Bayern ausübt.
Besprochen werden Arbeiten von Jan Machacek und Otmar Wagner zu Ageismus im Wiener Wuk (die Standard-Kritiker Helmut Ploebst schön vor Augen führen, wie "die von der Digitalindustrie ausgebeutete Jugend, die Erwachsenen in ihren Burnout-trächtigen Tretmühlen und die weggestoßenen Alten" gegeneinander ausgespielt werden), die Klimakunst-Ausstellung "Vor dem Sturm" im Privatmuseum Bourse de Commerce des Multimilliardärs François Pinault (Tsp) und Carey Youngs Porträts britischer Richterinnen "Appearance" in der Modern Art Oxford (Guardian).
Die größte Sorge der Künstler ist bekanntlich ihr Urheberrecht. Nun werden Apps entwickelt, die ihre Kunstwerke davor schützen, von KI-Bots ausgewertet zu werden, berichtet Michael Moorstedt in der SZ. KI-Programme können nicht funktionieren, wenn sie sich nicht aus einem Riesenfundus vorhandenen Materials bedienen können, der ihre Ergebnisse verbessert, so Moorstedt. Für Künstler, die sich dagegen wehren wollen, hat etwa die Universität von Chicago eine App geschaffen, "die digitale Kunstwerke vor der KI schützt. Das Glaze - Glasur - genannte Programm funktioniert, indem es jedem Kunstwerk, auf das es angewendet wird, kaum bemerkbare Störsignale hinzufügt. Diese Änderungen beeinträchtigen die Fähigkeit der KI-Modelle, Daten über den künstlerischen Stil zu lesen, und sollen es erschweren, den Stil des Kunstwerks und seines Urhebers nachzuahmen. Stattdessen werden die Systeme dazu verleitet, andere öffentliche Stile zu verwenden, die weit vom ursprünglichen Kunstwerk entfernt sind." Hier die Website von Glaze. Mehr zum Thema bei Techcrunch.
Besprochen werden die Schau der amerikanischen Künstlerin Christina Quarles im Hamburger Bahnhof (Tsp), die Ausstellung "Timeless. Contemporary Ukrainian Art in Times of War" mit Arbeiten ukrainischer KünstlerInnen im Berliner Bode-Museum (taz), Isaac Juliens kapitalismuskritische Filmarbeit "Playtime", die er aber gern im Palais Populaire der Deutschen Bank zeigt (was FR-Kritikerin Ingeborg Ruth freundlich als delikat bezeichnet)
Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) ist hin und weg von der queeren amerikanischen Künstlerin Christina Quarles, die sie anlässlich ihrer Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin getroffen hat: "'Du kannst komplizierter und widersprüchlicher sein, wenn du nicht versuchst, die Leute dazu zu bringen, die Kurzschriftversion von dir zu verstehen', sagt sie. 'Du kannst einfach in deinem Körper sein.' Dieses 'in seinem Körper sein' ist das zentrale Thema ihrer Malerei, in der die Farben verschmelzen und ambivalente Figuren - mit Brüsten, Vagina oder Penis oder auch alles in einem Körper - in anatomisch unmöglichen, geradezu äquilibristischen Positionen agieren. Sie scheinen durch den Raum zu fliegen, weil sie sich von nichts und niemandem, auch nicht vom Museumswänden, eingrenzen lassen. Das mag obsessiv, ja orgiastisch aussehen. Doch pornografisch ist hier gar nichts. Dazu sind zu viel körperliches Leid und seelischer Schmerz im Spiel der Körper präsent, die keinem traditionell normierten Leben folgen wollen oder können und akzeptiert werden wollen und sollen, wie sie eben sind."
Marcus Boxler unterhält sich für monopol mit einem Mitglied des Kollektivs Broke.Today über Künstler, ihren Anteil an der Gentrifizierung und die anschließende Verdrängung der Kunstszene. Derzeit hat das Kollektiv ein Haus in der Münchner Maxvorstadt für ein Kunstprojekt "besetzt" (mit Einwilligung der Eigentümer): "Kurz bevor gentrifiziert wird, sind wir da, sind Künstler da. Das war auch schon immer so in dieser Stadt - und wahrscheinlich auch überall sonst. Bis sich kein Künstler mehr leisten kann, in dem Viertel zu leben. Und dann zieht man halt weiter. Wir treiben diese Hyperdynamik auf die Spitze und haben diese Gentrifizierungsprozesse zu unserer Projektbasis gemacht."
Besprochen werden Ursula Schultze-Bluhms Ausstellung "Ursula: Das bin ich. Na und?" im Kölner Museum Ludwig (FAZ) und eine Ausstellung der Künstlerin Lap-See Lam im Portikus in Frankfurt am Main (monopol).
Die Vorfahren des australischen Künstlers Daniel Boyd stammen aus der Südsee oder waren Aborigines. Mit "Rainbow Serpent (Version)" widmet der Berliner Gropius Bau dem Maler nun die erste große Soloschau in Europa. Im Hintergrund von Boyds Bildern steht die Philosophie von Edouard Glissant, klärt uns Jens Hinrichsen im Tagesspiegel auf: "Glissant argumentierte, dass Imperialismus und Kolonialismus der ganzen Welt westliche Vorstellungen von Transparenz aufgezwungen haben, was für kolonisierte Menschen jedoch bedeutete, kategorisiert und nach Vorurteilen bewertet zu werden." Erkennbar wird Boyds Auseinandersetzung damit für Hinrichsen etwa in einem Gemälde, das auf einer Fotografie seiner Schwester, die sich für einen Tanz zurechtmacht, basiert: "Das Bild erinnert an die 'Gestohlene Generationen', die Kinder, die durch die australische Regierung (seit dem 19. Jahrhundert und bis in die 1970er hinein) gewaltsam von ihren Familien getrennt wurden. Untergebracht in Pflegefamilien oder Missionsstationen wurde ihnen der Kontakt mit kulturellen Praxen der First Nations untersagt. Die Pointe des Bildes: Boyds Schwester wird den ihren Leuten aufgezwungenen Tanz weiter tanzen. Ein Akt, der gängige Vorstellungen von kulturellem Erbe und Autorschaft aushebelt - und Wiederaneignung als Form des Widerstands präsentiert."
Cameron Row: Bug Trap. Bild: Courtesy of Cameron Row. Mit nur neun Exponaten will der amerikanische Konzeptkünstler Cameron Row in seiner Ausstellung 'Amt 45i'im Frankfurter MMK Tower die deutschen Kolonialverbrechen zeigen und "weißdeutschen Rassismus" abräumen, Claus Leggewie glaubt in der taz indes nicht, dass die Schuldfrage so leicht zu beantworten ist: "Sicher gibt es die Abwehrkämpfe weißer Suprematisten und sie werden aggressiver, aber es braucht an einem musealen Nebenschauplatz globaler Kämpfe gegen Diskriminierung keine Sippenhaft hellhäutiger Nachgeborener, sondern deren so einsichtige wie effektive Solidarität mit Unterdrückten und Ausgebeuteten in aller Welt. Zu den Unterdrückern und Ausbeutern zählen heute postkoloniale Autokraten und Oligarchen, was man nicht als billige Ablenkung abtun darf. Konsequent betrachtet wie in diesem White Room sind auch sie späte Nutznießer der Sklaverei. Unter diesen Kautelen ist die Ausstellung sehenswert."
Artemisia Gentileschi: Susanna und die Älteren. Sammlung Schloss Weißenstein. Erstaunlich "mutig" findet Gabi Czöppan, ebenfalls im Tagesspiegel, die Ausstellung "Verdammte Lust - Kirche. Körper. Kunst", mit der das Museum der Erzdiözese München und Freising den Versuch unternimmt, sich anhand von 150 Werken aus 2000 Jahren Kunstgeschichte dem schwierigen Verhältnis der Kirche zur Sexualität zu stellen: "Überall geht es um Sünde, Scham, Buße. Der römische Gott Pan bespringt eine Ziege (nach dem 2. Jahrhundert vor Christus) und greift, mit erigiertem Gemächt, lüstern nach einem Jüngling. Maria Magdalena als Schutzheilige der Prostituierten muss meist als nackte Versuchung herhalten. Es ist ein ausschließlich männlicher Blick, der auf diese religiöse Welt fällt. Bis auf eine Ausnahme. Die Barockmalerin Artemisia Gentileschi malte 1610 in 'Susanna mit den beiden Alten' ihre eigene Vergewaltigung." Allein das sei Grund genug, sich die sorgfältig kuratierte, durchdachte Ausstellung anzusehen.
Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Patrick Bahners von einem Rechtsstreit des Künstlers Lutz Fritsch mit der Kölner Verwaltung, die eine Trasse an der Stelle über die A555 bauen will, an der Fritschs Stele "Standortmitte" aufgebaut wurde. Für die Zeit porträtiert Tobias Timm die Künstlerin Nicole Eisenman, deren Arbeiten derzeit im Museum Brandhorst in München zu sehen sind.
Besprochen werden die Ausstellung "Nam Jun Paik - I Expose The Music" im Dortmunder Museum Ostwall und die Ausstellung "Von Genen und Menschen" im Dresdner Hygienemuseum (Tsp).
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