Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.04.2023 - Kunst


Konnte Helge Achenbach im Grunde gar nicht anders, als den Aldi-Erben Berthold Albrecht um Millionen zu betrügen? Das jedenfalls scheint Birgit Schulz' Dokumentarfilm nahezulegen, in dem Peter Richter in der SZ vor allem Düsseldorf und die Gier des Kunstmarkts am Pranger sieht. Achenbach ist indes zu sehen als "Mann, der erst als Robin Hood und jetzt als PR-Mann in eigener Sache unterwegs ist: bisschen larmoyant, bisschen selbstgerecht, und dann doch unverbesserlich, aber am Ende noch am sympathischsten von allen, die man sonst so zu sehen kriegt. Denn es ist für solche Filme inzwischen geradezu typisch, dass sie ins Genre des Schelmenromans spielen, wo ein dreister, aber doch irgendwie anrührender Held lediglich die Irrsinnigkeit der Welt ausnutzt und offenlegt. In diesem Fall ist das die der Kunstwelt, die oft genug von deren eigenen Protagonisten bekopfschüttelt wird." In der FR vermisst auch Daniel Kothenschulte eine Position zur "Ethik des Kunstmarkts, auch über dokumentarische Ethik ließe sich diskutieren: Weite Strecken des Films, die Achenbach in seiner erfolgreichsten Phase und im Gefängnis zeigen, wurden aus dem Material einer RTL-Produktion gekauft, ohne die Quelle jedoch wie üblich einzublenden. Anderes Archivmaterial, das die Sicht der Albrecht-Witwe Babette wiedergegeben hätte, wurde nicht erworben."

Bild: Marc Camille Chaimowicz: The Hayes Court Sitting Room, October 2022. Courtesy of the artist and Cabinet, London. Foto: Mark Blower. 
"Wie schön anders Kunst sein kann" erfährt Hans-Jürgen Hafner (taz) in der Ausstellung "Nuit américaine" mit Werken von Marc Camille Chaimowicz im Brüsseler Kunsthaus WIELS, etwa in der Arbeit "The Hayes Court Sitting Room" (1979-2023): "In diesem Raum mit handgemachten Tapeten, dem sorgsam ausgewählten, teils selbst entworfenen Mobiliar, den Büchern und Bildern, dem Tisch mit Alkoholika hat der Künstler jahrzehntelang gelebt. Jetzt ist dieses Environment in vier Teile zerschnitten, die Wände wie ein Filmset aufgefächert, die abgenutzten Requisiten dabei fast aufdringlich real exponiert und dennoch künstlich entrückt. Wie bei echten Reliquien auch bleibt Nicht-Eingeweihten unklar, wo ihr Nutzen, wo ihr Wert liegt - was ihre Aura nicht schmälern muss."

Außerdem: Moritz von Uslar ist für die Zeit mit Maike Cruse, Chefin des Berliner Gallery Weekends, schonmal durch ein paar Berliner Galerien gezogen: "Wenig Marktgängiges, Internationalisierung, Politisierung, Diskursnähe (Rassismus, Blackness, Wokeness), das seien so die Stichworte in diesem Jahr, so Cruse." Ebenfalls in der Zeit erzählt Hanno Rauterberg eine kleine Geschichte der großen Kunst-Unfälle.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.04.2023 - Kunst

Verneinung in Farbe. Shirley Jaffe: "X, encore" (2007) © ProLitteris, Zürich. Private Collection New York. Foto: © Alan Wiener

Ulf Erdmann Ziegler denkt in einem kleinen Essay für den Perlentaucher über die nicht mehr ganz so neue amerikanische Kunst nach, die zur Zeit in zwei Baseler Museen zu besichtigen ist, der Popartist Wayne Thiebaud in der Fondation Beyeler und die abstrakte Shirley Jaffe im Kunstmuseum Basel. Thiebaud überzeugt ihn nicht: "Was nicht in die Balance kommen will, ist das Verhältnis von Coolness des Sujets zum einen und malerischer Hitze zum anderen. Da sind Torten, da gibt es Eis in der Waffel, und neckisch werden bunte einarmige Banditen (Glücksspielautomaten) in Einzeldarstellungen aufgereiht. Dieser Art von Vergafftheit in die Konsumwelt fehlt in der Tat der lässige Zynismus von Pop. Andererseits sind die Torten aus der Fresswelle der Nachkriegszeit keine würdigen Nachfolger der Flaschen Morandis oder der Äpfel Cézannes." Und dagegen Jaffe: "Sie hat wirklich keine Möglichkeit ausgelassen. Sie hat die Massierung probiert und die Entleerung; die Zitatecollage und deren Auslöschung; die Dominanz der Farben und deren Relativierung in der Fläche. Sie hat versucht, Spiel und Dogma zu versöhnen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.04.2023 - Kunst

Roberto Cuoghi: "Imitatio Christi". Foto: Alessandra Sofia / La Biennale di Venezia

Als "Genie des Morbiden" würdigt Till Briegleb in der SZ den italienischen Extremkünstler Roberto Cuoghi, dem das Kasseler Fridericianum eine Schau voller Schönheit, Schrecken und immensem Krach widmet. In ihrem Mittelpunkt steht die "Imitatio Christi", erklärt Briegleb, eine Installation aus Öfen, Tischen und aufblasbaren Iglus als Teil einer Fertigungsstrecke für gekreuzigte Heilande: "Die Nachahmung Christi, die von christlichen Sekten und Mystikern, von Franz von Assisi und der reformatorischen Bewegung der 'Devotio moderna' als Ideal verstanden wurde, bleibt als Aufforderung durch Cuoghis Figuren allerdings ein mystisches Rätsel. Inwiefern sind die gequälten, verformten und gebackenen Körper Gottes, die in Kassel als Kreuzigungsstraße auf beschmierten Museumsstellwänden inszeniert sind, vorbildhaft für das menschliche Leben? Oder geht es Cuoghi um das Nachahmen des Schmerzes als Einspruch gegen menschliche Grausamkeit? Ist die Vielheit dieser künstlichen Reliquien etwa Spott, Memento mori, oder aberwitzige Identifikation?"

In der Welt ahnt Boris Pofalla, warum Debatten oder Kritik den politisch bestens vernetzten Kunst-Unternehmer Walter Smerling nicht erreichen, der jetzt mit der Schau "Dimensions" die digitale Kunst seit 1859 in den Leipziger Pittlerwerken zeigt, Pofalla zufolge recht oberflächlich und unberührt von allen Debatten um den "Kunsthallen"-Eklat (mehr hier): "Es ist auch einfach nicht seine Welt: die offenen Briefe im Netz, die zum Boykott des Projekts aufriefen, die wütenden Künstlerverbände, die freie Szene, die sich beschwert. Geld liegt im guten alten Rheinland doch auf der Straße."

Besprochen wird die Jenny-Holzer-Retrospektive im K21 in Düsseldorf (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.04.2023 - Kunst

Anna-Eva Bergman: Pyramide, 1960. Bild: Musée d'art moderne

Ein "grandioses Werk" entdeckt FAZ-Kritikerin Bettina Wohlfarth in einer Retrospektive der norwegischen Künstlerin Anna-Eva Bergman im Pariser Musée d'art moderne. Wie eigenständig ihr Werk war zeigt sich der Kritikerin auch darin, dass Bergman ihren Mann Hans Hartung verließ, um sich erst eimal selbst eine Künstlerbiografie zu schaffen und ihn dann zwanzig Jahre später wieder zu heiraten: "Von Anfang an gehen Fotografien als eine Form von Entwurf dem malerischen Werk voraus. Sie zeugen von Beobachtungsgabe, einer Vorliebe für klare Linien und Formen oder für die Schattenwürfe, die das Licht ins Bild zaubert. Die Ausstellung dokumentiert Bergmans künstlerische Anfänge, ihr Apriori - wie ein Hingezogensein - für alles Mineralische, für Natur und Kosmos. Schon in den ersten, noch figurativen Gemälden interessierte sich die junge Künstlerin für grundlegende Formen und die Wirkung des Lichts."

Weiteres: In der SZ berichtet Alexander Menden von Gilbert & Georges neuem Kunstzentrum in London, dessen "geschmacksvolle Akkuratesse" auf ihn wie gehabt zugleich arriviert und ironisch wirkt.

Besprochen werden Cindy Shermans Schau "Anti-Fashion" in der Staatsgalerie Stuttgart (Tsp) und die Alchemie-Ausstellung "Magie oder Naturwissenschaft?" im Weserrenaissance-Museum Schloss Brake (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2023 - Kunst

Yto Barrada, Tree Identification for Beginners, 2018, film still. © Yto Barrada, courtesy Pace Gallery and Sfeir-Semler Gallery Beirut/Hamburg


Ein ziemlich beeindruckter Till Briegleb trifft sich für die SZ mit der marokkanisch-französischen Künstlerin Yto Barrada in der Kunsthalle Bielefeld, wo sie gerade ausstellt. Sie hat viel zu erzählen, erklärt es aber nicht immer, meint Briegleb und hilft gern: Was die Besucher hier sehen, "ist im Grunde abstrakter Minimalismus in der Tradition der klassischen Moderne. Zum Beispiel Arbeiten, die sich mit den frühen Werken Frank Stellas beschäftigen. Allerdings sind Barradas Reaktionen 'After Stella', die wie Originalarbeiten des amerikanischen Formexperimentators aussehen, von der Straße aufgelesen, vor einer Hauswirtschaftsschule. Stellas helle Linien auf grauem Grund sind Musterblätter, nach denen junge Frauen das Arbeiten mit der Nähmaschine lernen. Die Nadellöcher sind sichtbar. Das ist natürlich ein sehr komplizierter Spott auf den Heroengestus der abstrakten Nachkriegskunst, mit dem so getan wurde, als hätten die Stellas die Kunst neu erfunden. Barrada hat ausgerechnet ihn in ihren Kosmos der subtilen Kritik an der weißen Männerkunst des Westens aufgenommen, weil Stella die Inspirationen für seine Muster in Marokko gefunden haben soll. Und das ist das Land, das im Zentrum von Yto Barradas Kunstsystem liegt."

In der taz verteidigt die Künstlerin Angela Fette entschieden die Vorstellung von einer autonomen Kunst, die von dem Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich bereits verabschiedet wurde. Plötzlich soll's in der Kunst nur noch um Politik und Identität gehen? Das ist  doch nur praktisch für Kunstkritiker: Sie erhalten "schnell zugängliches Textmaterial, aber die intellektuelle Unterkomplexität der benannten Themen, wenn sie auf Kunst übertragen werden, verursacht Unbehagen bis an die Schmerzgrenze. Biologistische und biografische Merkmale der Künstler*innen, die in der Identitätspolitik zum Tragen kommen, sind ja einfach zu verstehen und zu vermitteln: Hautfarbe - check, Alter - check, Nationalität - check, Geschlecht - check, Migrationshintergrund - check. Und schon generiert man Bedeutung, man nimmt an 'bedeutenden Umwälzungen in der Gesellschaft' teil. Die feinfühlige Verarbeitung und Vermittlung des eigentlichen Werkes bleibt dabei oft auf der Strecke ... Lieber mal gucken, ob alles in der Checkliste stimmt, dann kann man sich ein weiteres Befassen mit der eigentlichen Arbeit gleich sparen."

Weitere Artikel: In der FAZ stellt Georg Imdahl die chinesische Künstlerpersona LuYang vor, die gerade in der Kunsthalle Basel ausstellt: Sie "hat an sich selbst die Erfahrung gemacht, dass man durch ein Dasein im World Wide Web 'Identität, Nationalität, Gender und sogar die eigene menschliche Existenz hinter sich lassen kann'. Wer sich hier fragt, ob das in allen Aspekten überhaupt wünschenswert sei, hält offenbar (womöglich ebenso unbewusst wie verzweifelt) an einem tradierten Subjektbegriff fest, der längst und unwiderruflich in Auflösung begriffen ist." Im Tagesspiegel stellt Rita Pokorny den deutsch-britischen Künstler Michael Müller vor, der sich in der St. Matthäus Kirche in Berlin mit Richters Birkenau-Bildern auseinandersetzt. Stefan Trinks gratuliert in der FAZ dem Maler Johannes Heisig zum Siebzigsten. Boris Pofalla besucht für die Welt die Künstlerin Katharina Grosse.

Besprochen werden eine Soloschau des NFT-Künstler Rafaël Rozendaal im Folkwang in Essen (taz), eine Ausstellung des Malers Shannon Finley im Mies-van-der-Rohe-Haus in Hohenschönhausen, Berlin (BlZ), die Ausstellung "Sonne. Die Quelle des Lichts in der Kunst" im Potsdamer Museum Barberini (SZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2023 - Kunst

Angenehmen Grusel erleben Nicole Büsing und Heiko Klaas im Tagesspiegel beim Betrachten der Videoinstallation "Nest" der japanischen Künstlerin Tabaimo im Kopenhagener Art Center GL Strand. Das Unheimliche mit Anlehnungen an japanische Holzschnitte und magischen Realismus à la Murakami kennen sie schon aus einigen bedeutenden Ausstellungen der Künstlerin und auch hier begegnet ihnen wieder Verletzlichkeit und Weiblichkeit: "Eine nur mit einem Slip bekleidete junge Frau wäscht sich ebenso exzessiv wie ungeniert an einem Waschbecken. Eine andere gebiert durch ihr Nasenloch einen Embryo, übergibt diesen einer Schildkröte und versucht, beide mit der Klospülung aus der Welt zu schaffen." Nicht nur Holzschnitte werden anzitiert, auch digitale Technik, die deutlich macht: "Das Dämonische siegt." Aber nicht ohne eine sehenswerte, mitreißende Menschlichkeit, die Büsing und Klaas begeistert.

Ausstellungsansicht. Bild: Kunsthaus Zürich
Nahezu ekstatisch erlebt Philipp Meier in der NZZ eine Austellung des Zürcher Kunsthaus, die sich der Freundschaft der Surrealisten Alberto Giacometti und Salvador Dalí widmet. "Giacometti - Dalí. Traumgärten" zeigt ihm die gegenseitigen Einflüsse der beiden, sie "waren ein ungleiches Paar", aber "beide Träumer." Mit sexuellen und gewaltvollen Fantasien gebärdeten sie sich als "Bürgerschreck" "mit ihrem Faible für Tiefenpsychologie und Traumdeutung und ritzten an der schönen Oberfläche vegetabiler Akkuratesse, um die albtraumhaften Biotope leidenschaftlicher Psychosen hervorzulocken." Auch gemeinsame Arbeit strebten sie an: "1931 verfolgte Giacometti das nie im Maßstab eins zu eins umgesetzte 'Projet pour une place': ein begehbarer Traumraum für einen Garten. Darin sollte es möglich sein, eine Kugel zu rollen, sich auf eine Schlangenliege zu legen, sich in einer Mulde zu verkriechen oder sich an einem Kegel festzukrallen. In einem Text aus dem Jahr 1933 schließt Dalí an Giacomettis Gartenprojekt an. Er stellt sich darin die Verwandlung einer Frau in einen Kegel vor und wie wunderbar ein Liebesakt mit diesem wäre - eine Art sexualisierte Umsetzung der räumlichen Träumereien seines Freundes."

Dass die Ausstellung "Dimensions. Digital Art since 1859" (Unser Resümee) in den Leipziger Pittlerwerken auch bei Niklas Maak in der FAZ nicht gerade für Freudenschreie sorgt, liegt nicht nur daran, dass sie durch den Big-Data-Riesen Palantir finanziert und durch den umstrittenen Kulturmanager Walter Smerling protegiert wird, sondern auch daran, dass sie wenig zu sagen hat: "Tut keinem weh, kritisiert nichts." Bloß keine Negativität, bloß keine kritischen Fragen provozieren: "Hier lässt man sich sedieren vom schönen Flackern digitaler Bilder, dort werden die individuellen Freiheiten zurechtamputiert, bis es den Digitalkonzernen und ihren Interessen passt."

Weiteres: Die FR bespricht die große "Hugo van der Goes"-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2023 - Kunst

Idilio, Jávea, Alicante, 1900. Foto:Palacio Real de Madrid.

SZ-Kritikerin Karin Janker badet im Licht der impressionistischen Gemälde Joaquín Sorollas, die der Palacio Real in Madrid in der Ausstellung "Sorolla a través de la luz" zeigt. Zu Unrecht galt der Maler lange Zeit als "oberflächlich", stellt sie fest, denn die Darstellung von Licht in all seinen Formen, der der Maler sich Zeit seines Lebens widmete, hat bei ihm eine tiefere Bedeutung: "Sorollas Malerei vertritt eine leicht als Oberflächlichkeit missverstandene phänomenologische Sicht auf die Welt. Für ihn ist die Oberfläche die Wahrheit. Der Madrider Ausstellungstitel 'A través de la luz' ist daher so passend wie schwer zu übersetzen: Er bedeutet 'durch das Licht hindurch', aber auch dank des Lichts oder 'mit Hilfe des Lichts'." Ganz hingerissen ist Janker auch von der Ausstellungsinszenierung "im Stile der Laterne Magica", mit der der Königspalast Sorollas Bilder zum Leben erweckt: "Der Effekt auf den Betrachter ist der einer Verzauberung: Staunend wie ein Kind steht man inmitten des Raumes und dreht sich, während um einen herum die Bilder ins Tanzen geraten. Ist das naiv? Spektakelhaft? Nicht, wenn man begreift, dass es Sorolla nicht um das Stillstellen von Licht ging, sondern genau ums Gegenteil: um die Erkenntnis, dass die Welt, die uns umgibt, nichts ist als Licht."

In der Zeit fragt sich Hanno Rauterberg, was es zu bedeuten hat, dass ausgerechnet das "geheimnisumwitterte" Datenanalyseunternehmen Palantir zum Hauptsponsor der aufwendigen Digitalkunstausstellung "Dimensions" in den Pittlerwerken Leipzig wurde. CEO Alexander Karps preist in seinem neuen Buch das aufklärerische Potenzial von Kunst, das er ausgerechnet in ihrer Ambiguität verortet sieht, als "Gegengift einer totalitären, weil total ausrechenbaren Digitalwelt", lesen wir. Ist das "nur seltsam", rätselt Rautenberg, oder "eine spezielle Form von Selbstangst? ... Ein Unternehmen wie Palantir, von dem Versprechen lebend, es könne alles und jeden durchschauen, preist am Ende das Undurchschaute, Ambivalente, den künstlerischen Kontrollverlust. Und überhaupt die Idee einer disruptiven Avantgarde. Während sich also andere, politisch konstruktive Teile der Kunstszene gerade um klare Botschaften bemühen und sich allzu große Ambiguität verbitten, weil Ambiguität nur Missverständnisse schüre, hat der gute alte erlösende Kunstglaube wieder eine Heimat gefunden. In Leipzig, in einer Fabrikruine. Unter der Schirmherrschaft einer neuen Macht."

Maria Magdalena in Ekstase: Artemisia Gentillesci. Collezione Gastaldie Rotelli. Foto: Diego Brambilla. 

Taz
-Kritikerin Doris Akrap hat sich im Diözesanmuseum in Freising die Ausstellung "Verdammte Lust. Kirche.Körper. Kunst" angesehen, in der sich die katholische Kirche mit der jahrhundertelangen Tabuisierung von Körper und Sexualität in der religiösen Kunst auseinandersetzt. Man kann natürlich sagen, dass sich die Verantwortlichen lieber mit der Aufklärung der Missbrauchsfälle beschäftigen sollten, so die Kritikerin, aber "die aktuelle Ausstellung muss dennoch mit ihrer Ausrichtung und an diesem Ort als revolutionär gelten. Denn in erster Linie wird hier gezeigt, wie die Kirche über Jahrhunderte lang selbst daran gearbeitet hat, ihre Monster zu erschaffen. Wie sie Geschlechterbilder transportiert hat, die dazu führten, dass die Institution Kirche heute als quasi unreformierbar gilt."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Өмә" des Fata Collective in der Berliner NGbK im Kunstraum Kreuzberg (FAZ), die Ausstellung "Texte und Töne" mit Werken von Käthe Kruse in der Galerie Zwinger (taz), die Ausstellung "Macht, Raum, Gewalt" in der Berliner Akademie der Künste (tsp), die Video-Installation "The Visitors" von Ragnar Kjartansson im Migros Museum Zürich (monopol) und Liam Gillicks Rauminstallation "Filtered Time" im Pergamonmuseum Berlin (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2023 - Kunst

Libuše Jarcovjáková: Ohne Titel, aus der T-Club-Serie, 1980er. 

Ein bisschen oberflächlich, aber doch auch aufregend findet Ursula Scheer die Schau "Bohemia" in der Kunsthalle Prag, die das bohemistische Künstlerleben aus Poesie, Rausch und melancholischer Schönheit sucht: "Ziemlich viele Männer in Schwarz-Weiß, die gelangweilt in die Kamera schauen, eine Fluppe zwischen den Fingern oder ein Glas in der Hand, versammelt diese Ausstellung mit Werken von 37 Künstlern. Es fällt ihr oft schwer, mit all diesen Fotos die Wucht körperlicher Erfahrung zu vermitteln, die das Boheme-Leben auszeichnet: den Exzess, das rücksichtslose Sichverbrauchen. Dann wieder scheint genau das auf: in Nan Goldins 1981 begonnener, intime Diashow 'The Ballad of Sexual Dependency', die auch ein Requiem auf Opfer der Aids-Krise der Achtziger ist, in Libuše Jarcovjákovás Fotos ungeschönter Leiber aus der Subkultur der Tschechoslowakei oder in der Aufnahme von einer Performance des chinesischen Künstlers Zhang Huan, der 1994 nur mit Honig und Fischfett bedeckt in einer öffentlichen Toilette ausharrte."

Weiteres: In der SZ runzelt Andrian Kreye die Stirn über den Fall des Berliner Fotografen und Künstlers Boris Eldagsen, der seinen Sony World Photo Award nicht annehmen wollte, weil er das Bild mit einer KI geschaffen hatte, was die Jury auch wusste. Eldagsen wollte sein KI-Bild nicht subsumiert haben in der Kategorie "kreativ", sondern als eigenständige Kunstform anerkannt. Im Standard berichtet Ivona Jelcic vom Streit um Antony Gomleys Landschaftsskulpturen in den Vorarlberger Alpen.

Besprochen werden die Ausstellung der 1943 in Auschwitz ermordeteten Malerin Charlotte Salomon im Münchner Lenbachhaus (FAZ), eine Schau in der Tate Modern, die Hilma af Klint und Piet Mondrian unter dem Aspekt der Spiritualität zusammenzwängt (un die Guardian-Kritiker Jonathan Jones zeigt, dass künstlerisch zwischen den beiden Malern Kontinente liegen), Jana Stolzers und Lex Rüttens Ausstellung "We grow, grow and grow" inm Hartware MedienKunstVerein (taz) sowie Peter Reichenbachs und Sibylle Cazajus' Film "Durchs Höllentor ins Paradies" über das Kunsthaus Zürich (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2023 - Kunst

Besprochen werden die sehr sehenswerte Ausstellung "Alle Wege sind offen" zu Fotografinnen auf Reisen, die leider die letzte im Bielefelder Kunstforum Hermann Stenner sein wird (wie Bettina Brosowsky in der taz bedauert) und die Schau "1920er! Kaleidoskop der Moderne" in der Bonner Bundeskunsthalle (die sich Tsp-Kritiker Bernhard Schulz zufolge jenseits aller Politik ganz auf "das Neue" in der Weimarer Republik konzentriert).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2023 - Kunst

Eli Singalovski: Dubiner, 2015. Bild: Stadtmuseum München

Das Stadtmuseum München zeigt in der Ausstellung "Sunbreakers" Eli Singalovskis Fotografien von brutalistischen Bauten in der israelischen Wüstenstadt Beersheva, und taz-Kritiker Chris Schenke schult dabei die ruppige Seite seiner Ästhetik: "Man solle die größtenteils bei Nacht entstandenen Aufnahmen unvoreingenommen betrachten. Die lange Belichtungszeit lässt die abgebildeten Bauten unwirklich erträumt erscheinen. Die brutalistische Architektur in Be'er Sheva erzählt von einer Zeit, in der ein optimistisches Zukunftsbild herrschte. Singalovskis hochaufgelöste Digitalbilder deuten aber auch eine mögliche Kritik an. In der detailreichen Aufnahme eines langgezogenen Sozialbaus zeigt sich, wie die Bewohner aus der Einförmigkeit der Megastruktur auszubrechen versuchen. Individuelle Erweiterungen und Anpassungen überwuchern hier die Klarheit der Architektur. Wer genau hinsieht, dem erzählen Singalovskis Bilder also auch eine mögliche Geschichte von morgen."

Besprochen werden die Ausstellung "Nebel des Krieges" mit Arbeiten kasachischer und aserbaidschanischer KünstlerInnen zu staatlicher Gewalt und Unterdrückung in verschiedenen Goethe-Instituten (FAZ), Steve McQueens Dokumentarfilm "Grenfell" über die verheerende Brandkatastrophe von 2017 in der Londoner Serpentine Gallery (taz) sowie die Schau "Nachtwach Berlin" von Fotograf Ingo von Aaren und Schriftsteller David Wagner im Haus am Kleistpark (Tsp).