Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2022 - Kunst

Hew Locke: The Procession. Foto: Tate (Matt Greenwood)

Einfach überwältigend findet Adrian Searle im Guardian Hew Lockes "Prozession", die er als einen endlosen karibischen Karneval durch die Gänge der Tate Britain ziehen lässt, in dem das Empire, der postkoloniale Handel und Umweltkatastrophen angesprochen werden, ein Mix aus Fest und Protest: "Das alles ist mehr als eine Verkleidung, auch wenn der Karneval selbst Freude am Spiel von Zeit und Ort hat. Stelzenläufer und Bruderschaften von vermummten Büßern, Gestalten in Mänteln, Umhängen, Armeetarnungen, Osterjungfrauen und Heilige, die auf Katafalken und Festagen getragen werden, wie in der Karwoche; Herausgeputzte, Heruntergeputzt, ein verlotterter Mob, eine feier oder ein Trauermarsch. Fahnen und Medaillons, Dublonen und Perlen, mit Aktienzertifikaten und Schuldscheinen geschmückte Kleidung und Banner, Bilder der verfallenen Häuser von Plantagenbesitzern - die Prozession ist schwindelerregend exzessiv, aber genau orchestriert wie ein Festumzug."

Besprochen werden die Maria-Lassnig-Retrospektive im Kunstmuseum Bonn (taz), die kulturgeschichtliche Schau "Im Wald" im Landesmuseum Zürich (NZZ) und eine Ausstellung zu Realistischer Malerei von 1850 bis 1950 im Oberen Belvedere in Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.03.2022 - Kunst

Chales Ray: Fall 91, 1992. Foto: Centre Pompidou

Gleich zwei Ausstellungen zeigen in Paris das Werk des amerikanischen Bildhauers Charles Ray. Fantastische Werke, aber auffällig findet Johanna Adorjan in der SZ die Kluft zwischen François Pinaults privatem Museum in der Bourse de Commerce und dem staatlichen Centre Pompidou: "Die Bourse de Commerce dürfte in ihrem Inneren eines der fotogensten Museen der Welt sein: Alles darin ist schön. Das von Tadao Ando mit grauem Beton ausgestaltete Interieur wirkt elegant und freundlich und lässt die hier gezeigten Kunstwerke glänzen wie Stars auf einer Bühne, die man netterweise ebenfalls betreten darf. Man kann in diesem Museum kein hässliches Foto machen, selbst die anderen Besucher stören nie, sondern wirken wie wichtige Statisten... Im Centre Pompidou dagegen wirkt es ein bisschen nach Alles-muss-raus-Sammelschau. Nichts hat den Platz, den es bräuchte, die Decke wirkt zu niedrig (dafür kann der Kurator natürlich nichts), die Beleuchtung ist so, als hätte man im Hobbykeller Licht gemacht. Und auch die Informationen, die die Besucher an die Hand bekommen, sind liebloser als im anderen Museum."

Besprochen wird Rosemary Mayers Ausstellung "Ways of Attaching" im Ludwig Forum Aachen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.03.2022 - Kunst

Die Kunst und der Krieg gehen in der Ukraine nicht nur eine metaphorische Verbindung ein, betont Stefan Trinks in der FAZ: "So las man von Bildhauern in Lwiw-Lemberg, die in Friedenszeiten elaborierte Skulpturen schaffen, nun aber Altmetall, T-Träger oder rostige Eisenbahngleise zu Panzersperren zusammenschweißen." In der Art Review berichtet Polina Baitsym, wie die ukranische Kunstwelt darum kämpft, ihr Kulturerbe vor der Zerstörung zu bewahren. In der Berliner Zeitung notiert Ingeborg Ruthe etwas gallig, dass es den Investor und Kunstsammlersohn Nicolas Berggruen nun von Berlin wegzieht, nach Venedig: "Eine Liebe, die vor allem Begehren bedeutet." Verena Harzer berichtet in der taz von der Kunstaktion "Patriarchy R.I.P.", mit der die Aktivistinnen von Pussy Riot in konservativen amerikanischen Bundesstaaten feministische Kunst plakatieren, die der Kritikerin aber ein bisschen beliebig erscheint.

Besprochen werden eine Ausstellung der kroatischen Künstlerin Dora Budor im Kunsthaus Bregenz (Standard) und eine Schau von Max Liebermanns Druckgrafiken in der Villa am Wannsee (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.03.2022 - Kunst

Mónica Alcázar-Duarte, Here to be caught, aus der Serie Second Nature, 2017-fortlaufend


Den Verflechtungen von Mensch, Natur und Technologie auf der Spur, bespielt die niederländische Gastkuratorin Iris Sikking derzeit in Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen sechs Ausstellungshallen mit Werken von fast vierzig Fotografen und Filmemachern aus vier Kontinenten, erzählt Freddy Langer in der FAZ. Interessant, aber er warnt noch vor den eher pessimistischen Voraussagen der Künstler, bevor er zur "Universal Tongue" der Niederländerin Anouk Kruithof tanzend die Biennale verlässt: "Dem Einfluss von Algorithmen auf das Bild, das wir uns von der Welt machen, oder dem Einfluss von massenproduzierten Bildern auf den Wunsch, den eigenen Körper vermeintlich zu optimieren, gehen die Präsentationen ebenso nach wie Fragen nach Besitzrechten indigener Völker in Ecuador und Nepal oder den gesellschaftlichen Veränderungen angesichts der Genderdebatten, der Migrantenströme, des Klimawandels und der Zerstörung ganzer Naturräume einschließlich daraus folgender Konflikte, die trotz tödlicher Auseinandersetzungen unterhalb des Radars der Weltöffentlichkeit ausgetragen werden. Iris Sikking hat dazu die vier Schwerpunkte 'Protestierende Körper', 'Körperoptimierung', 'Erkundung der Natur' und 'Bearbeitung der Erde' gewählt". Aber am Ende, so Langer, steht immer die Frage: "Wie wollen wir leben?"

Tanzend natürlich, immer tanzend:



Im Interview mit monopol plädiert die russische Kuratorin Ekaterina Degot für Differenzierung beim Boykott russischer Kunst: "Aktuell, während des Krieges, würde ich dazu raten, auf jegliche Zusammenarbeit mit russischen Institutionen zu verzichten. Ein Rückzug ist kein Boykott, es sei denn, man ist so berühmt wie Madonna. Es ist eine stille Wahrung des eigenen Rufs, eine sehr weise und ehrliche Geste meiner Ansicht nach. Nach dem Krieg werden für Russland sicherlich noch dunklere Zeiten des Terrors kommen, und man muss bereits jetzt eine Strategie für diese Zeiten der tiefen Isolation haben. Sie kann zum Beispiel darin bestehen, Dissidenten zu unterstützen oder im passiven Teil der Bevölkerung Informationen über Kurzwellen zu verbreiten. Man muss sich vorbereiten."

Weiteres: Im Guardian stellt Jonathan Jones die beliebteste Künstlerin der Ukraine vor, Maria Prymachenko, deren Werk jetzt von der Zerstörung durch russische Bomben bedroht ist. Besprochen wird die Ausstellung "Rache" im Jüdischen Museum Frankfurt (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.03.2022 - Kunst

Paul McCarthy, A&E, Adolf/Adam & Eva/Eve, 2021. Performance, video, fotografier, installasjon. © Paul McCarthy


Der amerikanische Künstler Paul McCarthy hat bereits einige Projekte mit der deutschen Schauspielerin Lilith Stangenberg durchgeführt, derzeit ist im Kode Museum in Bergen eine Ausstellung der beiden zu sehen, die von einer Performance begleitet wird. Auch einen Film haben die beiden zusammen gedreht. Die Zeichnungen für die Ausstellung sind "in charakter" entstanden, erzählt Cornelius Tittel, der die beiden für die Welt interviewt hat. Für Stangenberg hat sich durch die Zusammenarbeit ihr Verhältnis zur Sprache verändert, "vielleicht kann man sagen, es hat sich erweitert. Ich kannte zum Beispiel den Marquis de Sade und Georges Bataille und Antonin Artaud schon vorher, von meiner Arbeit an der Volksbühne, und intellektuell habe ich das verstanden, aber während der Arbeit mit Paul, vor allem beim Zeichnen, habe ich etwas erlebt, das jenseits der Logik liegt: Es ist, als ob ich selbst zu Poesie oder zur Sprache werden kann. Vielleicht passiert das, wenn die Worte ihren Sinn verlieren, wenn die Emotion eines Wortes wichtiger ist als seine Bedeutung."

Weiteres: Valerie Schönian lässt sich bei einem Spaziergang in Chemnitz vom Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz Frédéric Bußmann zeigen, wo dieser von Neonazis verprügelt wurde. Besprochen werden die Ausstellungen "Rache" im Jüdischen Museum Frankfurt (FR), Thomas Struths Fotos vom Cern in der Berliner Galerie Max Hetzler (FR) und Wolfgang Ullrichs Band "Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie" (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.03.2022 - Kunst

Tizian, Junge Frau mit Federhut, um 1536, Eremitage


Tizians "Porträt einer jungen Frau mit Federhut" kann derzeit in der wunderbaren Ausstellung "Tizian und das Bild der Frau im sechzehnten Jahrhundert in Venedig" im Mailänder Palazzo Reale bewundert werden. Es ist eine Leihgabe der Eremitage, die das Bild vor wenigen Tagen zurückhaben wollte, nur, um dann zurückzurudern. Cleverer Schachzug, findet Karen Krüger in der FAZ. Jetzt loben in der italienischen Presse alle den Leihgeber! "Viele der Museumsbesucher, die jetzt in den Palazzo Reale kommen und vor der 'Jungen Frau mit Federhut' ihre Smartphones zücken, fotografieren keine 'Geisel des kalten Krieges' mehr, sondern eine 'Botschafterin des Friedens' - auch so nennt die italienischen Presse jetzt das Bild. Das alles spielt natürlich Putin-Verstehern in die Hände, derer es erschreckend viele in Italien gibt. ... Täglich gibt es im Fernsehen mindestens eine Talkshow, in der Verständnis für die 'russischen Gründe' gezeigt wird und Sätze fallen wie 'Die Wahrheit ist nie so, wie es scheint'. Es wird für die 'humanitäre Kapitulation' der Ukraine plädiert und eine moralische Pflicht zur Aufgabe behauptet. Nur sie könne weiteres Leid verhindern. Waffenlieferungen und Russland-Sanktionen? Das könne man sich sparen. Putin gewinne ja sowieso."

Währenddessen versuchen ukrainische Museen ihre Kunstgegenstände vor Zerstörung und Plünderung zu schützen: Laut Tagesspiegel bittet "World Heritage Watch" um Verpackungsmaterial.

Zeit-Kritiker Hanno Rauterberg badet in Berlin in einer Monet-Immersion: Seerosen und Lichtgewässer über ihm, unter ihm und um ihn herum. In Leipzig hat man das mit einem Schlachtengemälde von Werner Tübke probiert, "aufgeführt in einem Kraftwerk der Gründerzeit. Wo einst Dampf zischte, prasselt nun die Sintflut über Wände und Boden, der Turm zu Babel zerbirst unter großem Getöse, dann rufen die Hörner zum Krieg, Teufel locken uns in eine Grube, man sieht, man hört die Druckmaschinen der Reformation, ein mächtiger Kahn treibt heran, als sei es die Arche Noah, und überhaupt will das Strudeln der Szenen, das entfesselte Treiben der Bilder kein Ende kennen. ... Staunen ist alles, verstehen nicht weiter wichtig." Und doch, so Rauterberg, ist das neu und interessant: "Es gibt hier keine Zentralperspektive, diese Erfindung der Renaissance, mit der sich Raum und Welt ordnen ließen. Vielmehr muss der Blick schweifen, und stets hat man auch die anderen Besucher im Blick, die ihrerseits um sich schauen, um bloß nichts zu verpassen. ... Keine Passivität, keine Berieselung: Das überschreitende Prinzip der Immersion provoziert umherschreitende Betrachter, und spätestens damit findet die Idee der Ästhetik zu ihren Ursprüngen zurück, ausgerechnet im medialisierten Medium Kunst. So war sie ja seit dem 18. Jahrhundert gemeint gewesen: Ästhetik als eine Form der sinnlichen Erkenntnis."

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen mit Arbeiten ukrainischer Künstler in Berlin (Tsp) und die New Yorker Ausstellung "A Female Gaze: Seven Decades of Women Street" in der Howard Greenberg Gallery (hyperallergic).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.03.2022 - Kunst

Bild: Ai Weiwei. A Metal Door with Bullet Holes, 2015. Courtesy of the artist. Foto: Courtesy Ai Weiwei Studio. 2022

Schmerzlich aktuell erscheint Katharina Rustler im Standard die heute eröffnende, bisher größte Ai Weiwei Retrospektive mit dem Titel "In Search of Humanity" in der Wiener Albertina, die über die Verbindung von Kunst und Aktivismus in Ais Werk reflektiert: "Nachdem er anfänglich auch malte - wie großflächige Gemälde von Mao Zedong beweisen, die Andy Warhols Motivik zitieren -, begann sehr früh das Objekt (neben der Sprache) die größte Rolle im Werk des Künstlers zu spielen: 'Duchamp hatte das Fahrrad-Rad. Warhol hatte das Mao-Bild. Ich habe ein totalitäres Regime. Das ist mein Readymade.' In diesem Gedanken verflicht der Künstler in Arbeiten wie 'Shovel with Fur' die Geschichte Chinas mit seiner persönlichen: Der Spaten, den Ai mit Fell überzog, erinnert an seinen Vater, den bekannten Dichter Ai Qing, der in seiner politischen Verbannung Latrinen mit einer Schaufel reinigen musste."

Bild: Installationsansicht: Walid Raad, Better be watching some clouds, 2022, bedruckte PVC-Folie, Maße entsprechen den Raummaßen, Courtesy the artist, Foto: Norbert Miguletz

In der SZ lässt sich Till Briegleb verwirren von den "historischen Grauzonen" über die Katastrophen im Nahen Osten, die der libanesische Künstler Walid Raad in der Ausstellung "We Lived so Well Together" in der Kunsthalle Mainz geschaffen hat. Die Besucher stellen sich die Frage "Wahr oder erfunden?" In seinem neuen Werkkomplex beschäftigt sich Raad "mit Denkmälern, deren eingefrorene Herrschaftsposen irgendwann wie der Endzweck kriegerischer Politik wirkten. Walid Raads Geschichte dieser männlichen Selbstdarstellung geht nun so: Angeblich wurden die Monumente Beiruts mit dem Beginn des Bürgerkriegs 1975 zerlegt und in unbeschrifteten Kisten versteckt - leider ohne Demontageplan. In einer sachlich klingenden Erzählung beschreibt Raad dann, wie das Puzzle der Rekonstruktion misslingt und eine libanesische Kuratorin in Deutschland schließlich aus den Kisten Collagen neuer Denkmäler schuf. Die sind nun in Mainz ausgestellt. (…) Walid Raads Strategie gegenüber schematischer Geschichtsschreibung will genau diese Verunsicherung. Die Deutungshoheit, die vor allem autokratische Systeme über die Vergangenheit beanspruchen, um damit weitere autoritäre Handlungen bis hin zu Gewalt zu rechtfertigen, sind das Angriffsziel für seinen subtilen Spott."

Die Ukrainer räumen ihre Museen, um die Bestände vor Zerstörung zu schützen, berichtet Rolf Brockschmidt im Tagesspiegel mit dpa. Der Direktor des Nationalen Historischen Museums der Ukraine in Kiew, Fedir Androschtschuk "warnt aber auch vor möglichen Plünderungen bei einer Besetzung durch russische Truppen: 'Es gibt keine Garantie, dass das ukrainische Kulturerbe nicht geplündert und in russische Museen gebracht wird, zumal Kiew in Putins Interpretation der russischen Geschichte und ihrer Wurzeln einen besonderen Platz einnimmt. Viele Funde, die um 1800 und Anfang 1900 in der Ukraine gemacht wurden, befinden sich heute in den beiden besten russischen Museen. Und es gibt auch Hinweise darauf, dass Objekte aus archäologischen Ausgrabungen auf der Krim an die Eremitage in St. Petersburg geschickt wurden.'"

Zum Schutz von Kulturgütern in Kriegen hat die Unesco die Organisation Blue Shield International gegründet, gekennzeichnete Kulturstätten dürfen nach der Haager Konvention von 1954 nicht angegriffen werdern, erinnert Jörg Häntzschel in der SZ. Aber Russland hält sich nicht daran, deshalb versuchen Spezialisten zumindest digital zu sichern, was ukrainische Kulturinstitutionen aus ihren Sammlungen ins Netz gestellt haben. Aber auch die Daten im Netz sind nicht sicher, erfährt Häntzschel: "Auch Server können von Bomben getroffen werden oder durch Stromausfälle in die Knie gehen. Russische Hacker greifen gezielt Regierungsserver und ukrainische Provider an. Und wenn ein Netzknoten ausfällt, kollabieren in einer Kettenreaktion andere ebenfalls. Die großen Konzerne verfügen über Sicherheitsmechanismen. Doch Kulturinstitutionen können sich derlei oft nicht leisten. Sie haben teils jahrelang keine Softwareupdates durchgeführt, und selbst wenn es irgendwo Backups gibt - wer wüsste im Chaos des Kriegs, wo sie liegen?"

In der FAZ erstellt der ukrainische Kunsthistoriker Konstantin Akinsha eine eindrucksvolle Liste ukrainischer Kunstschätze: "Diese Vielzahl von Kulturschätzen ist unmittelbar von der Zerstörung bedroht. Kiew verfügt über mehr als dreißig Museen, die alles von der neolithischen Trypillja-Kultur bis zur Geschichte der Toiletten umfassen. Die Kunst- und Geschichtsmuseen der Stadt beherbergen zahlreiche Meisterwerke von internationaler Bedeutung. Das Staatliche Museum für Historische Schätze verfügt über eine der besten Sammlungen skythischen Goldes weltweit."

Außerdem: In der NZZ porträtiert Franz Zelger die Malerin Rosa Bonheur, die als bedeutendste Tiermalerin des 19. Jahrhunderts galt, mit Regierungsgenehmigung Männerkleidung tragen durfte und traditionelle Geschlechterrollen ablehnte. Ebenfalls in der NZZ erinnert Philipp Meier daran, wie sich die "Sehnsucht nach einem dritten Geschlecht" bereits in der Kunst der Renaissance zeigte.

Besprochen werden die Ausstellung "Kunst für Keinen" in der Frankfurter Schirn, die Werke von vierzehn KünstlerInnen zeigt, die während des Nationalsozialismus trotz Ausgrenzung in Deutschland blieben (FR), die Ausstellung "Die Fotografinnen Nini und Carry Hess" im Frankfurter Museum Giersch der Goethe-Universität (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.03.2022 - Kunst

Bild: Pierre-Auguste Renoir. Der Spaziergang, 1870. The J. Paul Getty Museum, Los Angeles. Foto: Digital image courtesy of the Getty's Open Content Program

"Aufschlussreicher, unterhaltsamer kann kunsthistorisches Nachdenken nicht sein", jubelt Hans-Joachim Müller in der Welt nach dem Besuch der Ausstellung "Renoir Rococo Revival" im Frankfurter Städel Museum, die ihm vor Augen führt, wie die Kunst des Rokoko Renoir prägte. So "hat man den Impressionismus noch nicht gesehen. So ganz der Fortschreibung jener hochkultivierten Gestik ergeben, mit der eine abgetane Epoche der sozialen Wirklichkeit entgegengemalt hat. Es ist wirklich überzeugend, wenn man zusammen sieht, wie die Ahnen ihre Kostümfeste auf gepflegten Park-Bühnen aufführen, und der Enkel die gleiche zeitlos theatralische Stimmung im Stadtwald und am Seineufer erreicht. In großen Kapiteln verfolgt die Ausstellung die Nachbarschaften - immer Rokoko neben Renoir, Renoir neben Rokoko. Frauen beim Lesen und bei der Handarbeit, Frauen im Boudoir, Frauen beim Baden, Aktdarstellungen, Rollenporträts und wenn man nicht auch noch vor Landschaften und Stillleben stünde, wäre die ganze Ausstellung ein einziger malerlüsterner Blick des faszinierten Mannes auf das Weib."

Die Unterschiede macht Sandra Danicke derweil in der FR aus: "Wahrte man … im Rokoko noch eine gewisse Distanz zum Bildpersonal, geht Renoir in seinen Bildern oft ganz dicht heran. Erstaunlicherweise fühlt man sich dadurch weniger als Voyeurin, denn man sitzt ja schon mitten zwischen den Nakedeis, statt aus der Entfernung die Fernglasperspektive einzunehmen. Die vibrierenden Pinselstriche verstärken noch den Eindruck, dass hier etwas in Bewegung ist, an dem man als Betrachterin oder Betrachter teil hat. Einzigartig ist bei Renoir die fast schon hyperrealistische Strahlkraft der Farben."

Bild: Peter Doig. Echo lake 1998 Tate presented by the trustees in honour of Sir Dennis and Lady Stevenson, later Lord and Lady Stevenson of Coddenham (to mark his period of Chairman 1989-1998.

Die "atemnehmende Modernität" von Edvard Munch erkennt Stefan Trinks (FAZ) in der Ausstellung "Edvard Munch im Dialog" in der Wiener Albertina, die dem Norweger Werke von Miriam Cahn, Marlene Dumas, Jasper Johns Georg Baselitz oder Peter Doig gegenüberstellt: "Bei den Bildern des in der Karibik malenden Schotten Doig ist der Einfluss Munchs am offensichtlichsten. War schon für Munch die Natur die entscheidende Mitwirkende, indem er die Gemälde oft tagelang im Freien wettern ließ und so Sonne, Schnee und Regen in den Entstehungsprozess einbezog, gilt dies erst recht für Doig. Wie im einstigen Quecksilbersee von Bitterfeld schillern die Farben des 'Echo Lake' bei ihm hochtoxisch; alles droht in seinen Farb-Seen binnen Kurzem zersetzt zu werden. Doch nicht nur im Gewässer finden sich die typischen Verlaufsspuren der unbarmherzigen Zeitläufte, die Munch vor über hundert Jahren in die Kunst einführte. Am Ufer von Doigs 'Echo Lake' ruft ein Polizist mit der Geste von Munchs 'Schrei' ins Leere, erhofft die Reaktion einer vermissten Person - oder wartet dort in Ewigkeit auf Godot. Ähnlich gottverlassen hallen die Schritte in Munchs immer wieder aufs Neue unfassbar unheimlichem 'Herbst im Ulmenwald' von 1919."

"Was habt Ihr vor dem Ausbruch des Krieges getan? Und was macht Ihr jetzt?", fragte der ukrainische Künstler Volodymyr Kuznetsov in den sozialen Medien, und wenig später antworteten ihm zahlreiche KünstlerInnen aus der Ukraine. Einige Antworten hat Catrin Lorch für die SZ dokumentiert. "Zhanna ist eine der berühmtesten Künstlerinnen der Ukraine, sie war schon zur Biennale eingeladen und hat international ausgestellt. Als der Krieg ausbrach, musste sie ihre alten Eltern aus deren zerbombter Heimatstadt holen und sie auf den Weg nach Deutschland bringen. Sie waren insgesamt mehr als vier oder fünf Tage unterwegs, durchquerten Kiew mit der gebrechlichen Mutter zu Fuß. 'Kiew ist nicht mehr wiederzuerkennen', schreibt sie, 'es gibt alle paar Meter Wachtposten und Straßenkontrollen. Man kommt nicht voran.' Zhanna ist jetzt in den Karpaten und macht Kunstwerke, die sie verkaufen will, um das Geld dem Kampf zu spenden."

Außerdem: In der taz porträtiert Tilman Baumgärtel den Berliner Künstler Manuel Rossner, der sich sein eigenes Museum fürdigitale Kunst als Virtual-Reality-Simulation gebaut hat. Im Tagesspiegel sorgt sich Robert Klages um eines der letzten Kunstwerke der Berliner Künstlerin Ortraud Lerch: Das Mosaik hängt ungeschützt im Elefantenhaus des Tierparks, das seit 2020 umgebaut wird. Anlässlich der Schau "Yoko Ono, This Room Moves at the Same Speed as the Clouds" im Zürcher Kunsthaus porträtiert Philipp Meier die Künstlerin und Friedensaktivistin in der NZZ.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.03.2022 - Kunst

Bild: Iris Häussler, "SLR-004 um 1908", 2016

Elke Linda Buchholz (Tagesspiegel) lässt sich im Berliner Georg Kolbe Museum in der Ausstellung "Kein Mensch kennt mich" von der Künstlerin Iris Häussler gern in ein biografisches Verwirrspiel verwickeln. Um das unerforschte Leben von Kolbes Frau Benjamine zu beleuchten, hat Häussler zwei französische Malerinnen erfunden, die mit Georg und Benjamine regen Kontakt gehabt haben sollen: "Die am Bodensee 1962 geborene Künstlerin hat schon mehrere fiktive Charaktere, wie den emigrierten Bildhauer Joseph Wagenbach, erschaffen. Sie ersinnt nicht nur höchst detaillierte Lebensgeschichten, sondern fertigt gleich auch noch die materiellen Hinterlassenschaften eigenhändig dazu. Seit es damit nach einer Ausstellung in Kanada viel Ärger gab, weil die Besuchenden der Fiktion auf den Leim gegangen waren und dies ungehörig fanden, spielt Häussler lieber mit offenen Karten. So halten es auch Wallner und ihre Kuratorinnen in Berlin. Die Werke von Florence Hasard hängen auf weinroter Wand. Statt teurer Leinwand nahm sie als Malgrund Holzbretter aus Möbeln. Strudelnde Strichlagen in changierenden Rottönen lassen intensive Körperfantasien entstehen. Mal scheinen die Motive ins Innere menschlicher Blutbahnen und Organe einzutauchen, mal werden weibliche Akte ausschnitthaft bearbeitet."

Was das Humboldt Forum falsch gemacht hat, macht das das Leipziger Grassi-Museum "noch lange nicht richtig", ruft Andreas Kilb in der FAZ den Kollegen entgegen, die die durch das Projekt "Reinventing Grassi.SKD" neu geordneten ethnologischen Sammlungen als vorbildlich erachteten. (Unsere Resümees) Die wenigen Objekten aus Afrika, Asien und Ozeanien, die noch gezeigt werden, sind weder sortiert noch beschriftet - für Kilb "Gleichmacherei" aus "postkolonialer Empörung": "Seit Jahren stehen alle ethnologischen Sammlungen in Europa unter diskursivem Dauerbeschuss postkolonialer Aktivisten. In deren Lesart ist jeder Gegenstand, der im 'kolonialen Kontext', also im Rahmen der europäischen Expansion seit dem fünfzehnten Jahrhundert, in die Bestände gelangte, Raubgut. Ein Museum, das diese Lesart übernimmt, kann sich auf Dauer nur selbst abschaffen. Will es ihr widerstehen, muss es die Geschichte seiner Erwerbungen zum Thema seiner Ausstellung machen. Das Grassimuseum aber tut das Gegenteil: Es wirft seine Geschichte über Bord und damit auch diejenige der Objekte, die es aufbewahrt. 'Historische Urteilskraft' lautet das Motto, unter das Raphael Gross seine Amtszeit als Direktor am Deutschen Historischen Museum Berlin gestellt hat. Diese Urteilskraft würde man auch den ethnologischen Museen in Deutschland wünschen. Zu ihr gehört die Einsicht, dass sie ihre Existenz einer Sammeltätigkeit verdanken, die Raub und Rettungsaktion zugleich war."

Außerdem: In der FAZ gratuliert Christa Lichtenstern dem Künstler Jürgen Brodwolf zum Neunzigsten.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.03.2022 - Kunst

Bild: Annemarie Heise: Sich kämmendes Mädchen, um 1922.

Fasziniert taucht Andreas Platthaus in der FAZ ein in den 222 Werke umfassenden "Bilderkosmos Leipzig", den das Museum für Bildende Künste Leipzig aus den Beständen zusammengestellt hat. Allerhand gibt es hier zu entdecken, etwa "Irene Kienles 'Haltestelle bei Borna', der desillusionierendste Kommentar zur Braunkohleabbauvergewaltigung der Leipziger Tieflandbucht, den man sich vorstellen kann, obwohl das Bild gar nichts davon zeigt. Überhaupt die Malerinnen. Heute wird überall in den Depots nach ihren Arbeiten gesucht, aber wie häufig gibt es da so etwas zu entdecken wie Elisabeth Voigts 'Beweinung am Kreuz' von 1921 oder - dieselbe Motivtradition, aber unendlich viel drastischer, fast unerträglich - Heidrun Hegewalds 'Mutter-Verdienst-Kreuz in Holz' von 1979? Das sind Glücksfälle, unbequeme Bilder in ihrer jeweiligen Zeit."

Außerdem: Donnerstag startete auf Anordnung des russischen Kulturministeriums der Abzug von mehr als 50 Leihgaben russischer Museen aus italienischen Museen, meldet Olga Kronsteiner im Standard. "Das Victoria & Albert Museum wurde nicht zur Rücksendung von Exponaten aufgefordert, wie man auf Anfrage mitteilte. Vorerst auch nicht davon betroffen sein dürfte die Fondation Louis Vuitton in Paris. Dort hat die Sammlung Morosow bis 3. April ein Gastspiel." Ebenfalls im Standard schreibt Stefan Weiss zur Problematik des Verkaufs von ikonischen Meisterwerken als NFTs: "Gut möglich auch, dass in der Welt der NFTs bald weitere Dämme brechen: So werden bereits einzelne Standbilder aus Filmklassikern als Investment gehandelt. Problematisch wäre all das nicht, wenn es nicht auch Verlierer gäbe: Bei der nie versiegenden "Ölquelle" Songrechte sind es junge und weniger etablierte Musikschaffende, NFTs von Meisterwerken hingegen ähneln tatsächlich fossilen Rohstoffen: Ihre Energiebilanz ist desaströs."

Besprochen wird die Ausstellung "Von Monstern, Mäusen und Menschen. Axel Schefflers fantastische Briefbilder" im Frankfurter Museum für Kommunikation (FAZ).