Die Kamera als Mitspielerin einer Dreiecksgeschichte: "Passages" von Ira Sachs In IraSachs' "Passages" spielt Franz Rogowski den schwulen deutschen Filmregisseur Tomas, der in Paris einen Film dreht. Fassbinder-Anleihen sind unübersehbar, schreibt Philipp Stadelmaier in der SZ, auch weil der eigentlich liierte Regisseur schließlich mit seiner Hauptdarstellerin im Bett landet. Die Kamera entpuppt sich im Verlauf dieser Dreiecksgeschichte als "weitere Mitspielerin", so etwa "in den beiden fantastischen Sexszenen des Films. In der ersten schläft Tomas mit Agathe, in der zweiten mit Martin. Bei aller Lebendigkeit, SinnlichkeitundNatürlichkeit sind die Szenen so gefilmt, dass stets eine Person eine andere verdeckt. .. Inmitten der Intimität scheint sich den Personen etwas Fremdes auf den Rücken zu setzen, ein Blick, eine Chimäre, die sich an ihnen festgesaugt hat und sie verfolgt. Genau in diesen Momenten wird klar, dass 'Passages' mehr ist als eine moralisierende Studie über Machtmissbrauch durch männliche Künstler, die auf der richtigen Seite der Geschichte stehen will. Das Gift arbeitet im Verborgenen. Es versteckt sich in der Intimität, in den Sexszenen, im Vorsingen eines Chansons vor der Geliebten, in der Badewanne."
A star is born, jubeltFAZ-Kritiker Bert Rebhandl und ist sich sicher, dass dieser Film Rogowski endgültig international bekannt machen wird. "Rogowski ist, nicht zuletzt mit seiner markanten Stimme (er lispelt leicht und wird selten laut), ein sanfter Mann. In 'Passages' sieht man ihn nun in einer Rolle, in der er eine große Spannweite vorfindet, was natürlich auch mit der zentralen Idee von Sachs zu tun hat: dass ein schwuler Mann nicht einfach ein heterosexuelles Abenteuer erlebt, sondern dass für einen Moment eine ganz andere Identität im Raum steht. ... Es macht Freude, sich auszumalen, wo ihn seine Karriere noch hinführen könnte - in eine weltbürgerlicheFreiheit, die sich nicht um Identitäten kümmern muss, weil er immer schon weiß, dass Festlegung nicht das Metier von Schauspielern ist."
Christiane Peitz spricht für den Tagesspiegel (leider verpaywallt) mit dem georgischen Filmmanager GagaChkheidze, der mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet wird. In seiner Heimat wurde er eben von seinem Posten als Leiter des Nationalen Filmzentrums vertrieben, wie die Kulturministerin Tea Tsulukiani die georgischeFilmszene derzeit generell auf Regierungslinie zu drängen versucht. Ihm werde zur Last gelegt, Gelder veruntreut zu haben, erzählt Chkheidze: "Produzenten hätten mit Fördermitteln Festplatten gekauft", doch "eine Festplatte ist ein normales Speichermedium für Filme, man kann eine digitale Datei ja nicht in einer Schublade ablegen." Auch Salomé Jashis Film "Taming the Garden", der zeigt, wie der Oligarch Bidzina Iwanishwili alte Riesenbäume für seinen Privatpark aus dem ganzen Land einkassiert, habe Tsulukiani auf dem Kieker: "Ohne den Film zu kennen, bezichtigte sie ihn der Lüge. Ich versuchte ihr zu erklären, dass es schnell nach Zensur aussieht, wenn eine Politikerin einen mit offizieller Erlaubnis gedrehten Film derart kritisiert - zumal Iwanishwili im Film gar nicht verunglimpft wird. ... Genauso ignorant hat sich die Ministerin gegenüber anderen, ihr unliebsamen Kulturinstitutionen verhalten. Erst vor wenigen Wochen musste Natasha Lomouri gehen, die Gründerin und Leiterin des Schriftstellerhauses, des bedeutendsten Literaturzentrums im Land."
Tilda Swinton in "The Eternal Daughter"
Für den Filmdienstspricht Kira Taszman mit der Regisseurin JoannaHogg, deren neuer Film "The Eternal Daughter" jetzt auf Paramount+ zu sehen ist. TildaSwinton spielt in dem autobiografisch grundierten Drama gleichzeitig eine Mutter und deren Tochter. "Das war Tildas Idee. ... Als sie mir vorschlug, beide Rollen zu spielen, ergab das Sinn. Mein erster Gedanke war: Das ist perfekt. Mein zweiter Gedanke aber war: Wie werde ich es hinbekommen, mit meiner gewohnten Arbeitsweise vorzugehen - also mit viel Improvisation und ohne Tricks? Das war die Herausforderung: Es so zu gestalten, dass Tilda Swinton ein Gespräch mit sich selbst führen konnte."
Außerdem: Susanne Gottlieb wirft für den Standard einen Blick auf die Krise des althergebrachten Blockbusters, dessen etablierte Franchises derzeit der Reihe nach floppen. Marc Hairapetian spricht für die FR mit dem Filmemacher RainerErler, der am Samstag 90 Jahre alt wurde und vor allem in den Siebzigern für seine fürs deutsche Fernsehen umgesetzten Science-Fiction-Arbeiten bekannt wurde. Für die SZ bespricht Sofia Glasl EleganceBrattons "The Inspection" über seine Zeit als schwarzer, schwuler Marine. Dlf Kultur hat mit dem Regisseur gesprochen. Und wer immer schon mal hören wollte, wie WernerHerzog unflätigste Begriffe in den Mund nimmt, ist mit diesem vom Dlf Kultur wieder zugänglich gemachten Hörstück "The Peyote Dance" nach AntoninArtaud bestens versorgt - und PattiSmith ist auch dabei.
Der Doppelstreik in Hollywood, dessentwegen sich nun auch beim Filmfestival Venedig keine großen Stars in den Blitzlichtern der Presse sonnen werden, hat vielleicht auch sein Gutes, verrät Berlinale-Leiter CarloChatrian dem Tagesspiegel: Vielleicht könnte dies "zu einer weniger polarisierten Filmlandschaft führen, in der auch Independent-Filme ohne Stars im Rampenlicht stehen können. Vielleicht wird dies Journalist*innen erleichtern, auch in andere Richtungen zu blicken und weniger bekannten Stimmen Raum zu geben."
Im taz-Gespräch freut sich die Pornoproduzentin und -darstellerin PaulitaPappel, dass sich der Umgang mit Pornografie in den vergangenen Jahren deutlich differenziert hat. Auch könnte die Mainstream-Filmbranche von der Pornobranche einiges lernen, meint sie: "Das glaubt immer keiner, aber die Filmbranche erlebe ich als viel sexistischer als die Porno-Industrie. Meine ersten Jobs als Intimitätskoordinatorin habe ich unter meinem Porno-Pseudonym Paulita Pappel gemacht und da wurde ich im Team absolut nicht ernst genommen, teilweise sogar richtig gemobbt. ... Gerade weil Sexualität in der Pornobranche im Zentrum von allem steht, wird sehr bewusst kommuniziert und auch über die Kommunikation selbst gesprochen. In der Filmbranche sind es die meisten Menschen nicht gewohnt, über Sexualität in einem professionellen Kontext zu sprechen. Außerdem sind die Machtgefälle größer." Zum Thema Pornografie hat sie mit "Pornopositiv" auch gerade ein Buch geschrieben.
Weitere Artikel: Die um Bradley Coopers Nasenprothese im Bernstein-Biopic "Maestro" geführte Debatte um "Jewfacing" hat durchaus ihre Berechtigung, weist Valerie Dirk im Standard hin. Maria Wiesner gratuliert der Schauspielerin TuesdayWeld in der FAZ zum 80. Geburtstag. Besprochen werden JennaHasses Coming-of-Age-Film "Sehnsucht nach der Welt" (Tsp), FloLackners Thrillerkomödie ""Operation White Christmas" (Standard), die zweite Staffel von "The Bear" (Presse) und die neue "Star Wars"-Serie "Ahsoka" (Zeit).
"Die BKM-Jury soll sich gefälligst in Grund und Boden schämen", ruft Dunja Bialas auf Artechock im Zorn darüber, dass das von Idealisten betriebene, aufgrund seines einzigartigen Programms im ganzen Land geschätzte Münchner Werkstattkino zum zweiten Mal in Folge vom BKM bei der Vergabe der Kinoprogrammpreise übergangen wurde. Finanziell steht es damit nun ziemlich angeschlagen da. Die Krise engagierter Münchner Kinos weitet sich aus: "Die Stadt muss sich dieses Jahr drei alarmierendenEntwicklungen stellen. Da sind: 1. Der Rückzug von Kinobetreiberin Anne Harder aus dem Maxim-Kino, die angesichts des auf sie zukommenden Wirtschaftsdrucks die Reißleine gezogen hat. ... 2. Die stattgegebene Räumungsklage für das Filmtheater Sendlinger Tor, weshalb die Betreiberfamilie Preßmar wohl aufgeben muss... 3. Das wiederholte Übergehen des Werkstattkinos".
Wer verführt hier eigentlich wen? "Jeanne du Barry" von Maïwenn Im Welt-Gespräch mit Ute Cohen erklärt die französische Regisseurin Maïwenn, warum sie mit "Jeanne du Barry" eine Neuverfilmung der Geschichte der Mätresse Madame Dubarry gedreht hat. Sie selbst spielt die Titelrolle, JohnnyDepp in einer Nebenrolle Ludwig XIV. "Jeannes Lebensgeschichte ist für mich universell. Auch heute noch schaut man Paare mit einem großen Altersunterschied schief an. Macht aber hat etwas sehr Verführerisches. Sie beruhigt auch. Man sagt immer, mächtige Männer hätten eine Macht über Frauen, aber auch Jeanne hat Macht über den König. Die Macht der Verführung ist nicht geringer als die Macht des Geldes. Es ist ein Duell zwischen Geld und Verführung. Es gibt genug Männer, die ihre Karriere ruiniert haben für eine Frau." Und auch "Viktimisierung bedeutet heutzutage auch Macht. Wenn man behauptet, Opfer zu sein, öffnen sich die Türen." Bei Artechockgibt es eine Doppelbesprechung des Films.
Besprochen werden DominikGrafs Essayfilm "Jeder schreibt für sich allein" (Artechock, Welt, Tsp, mehr dazu bereits hier und dort), Elegance Brattons "The Inspection" (ZeitOnline, unsere Kritk), AdeleLims "Joy Ride" (Artechock), JennaHasses "L'Amour du Monde" (Artechock) und die Paramount-Serie "Waco" (taz).
Anatol Regnier (li.) und Dominik Graf: "Jeder schreibt für sich allein" Die Feuilletons befassen sich mit DominikGrafs neuem Essayfilm "Jeder schreibt für sich allein", der sich anhand von AnatolRegniersgleichnamigem Buch mit jenen Schriftstellern befasst, die in Nazi-Deutschland geblieben sind (unser erstes Resümee). Zwar gibt es wenig Neues zu erfahren, schreibt Philipp Rhensius in der taz, "doch hier ist weniger das Was als das Wie entscheidend. Vor allem moralisiert Graf in seinem Film nicht. Er zeigt die Autor*innen im historischen Kontext, statt sie mit Gratismut zu verurteilen. ... Graf verstaut die Thematik nicht in der Schublade, sondern lässt sie offenstehen. ... Das Fragmentarische ist die perfekte Form für besagte historische Überreste. Denn die Faszination des Fragments führt, von Nahem betrachtet, zum Pathos der Ruine, aus der Distanz gesehen." Der Filmemacher "tut dabei alles, um den komplexen Stoff lebendig werden zu lassen", lobt Bert Rebhandl in der FAZ. "Regnier hat die Bühne, sein Buch und seine Beschäftigung ausführlich zu präsentieren. Graf aber nützt seinerseits alle Möglichkeiten des Filmischen, um eine avancierte Form von literaturhistorischer Dokumentation zu schaffen, in der eben nicht nur das gesprochene und das geschriebene Wort eine Rolle spielen, sondern auch jede erdenkliche Form von Dokument."
FR-Kritker Daniel Kothenschulte findet diesen Film vor allem auch in cinephiler Hinsicht meisterlich: "In einer diskursiv hoch stimulierenden Montage aus Anatol Regniers moderierten Forschungsreisen und pointierten Interview-Auszügen verlässt Graf die Konventionen des großen Kinodokumentarfilms. In einer Art Mehr-Leinwandkino stellt er dem Wortfluss einen Found-Footage-Bildfluss gegenüber. Vielfach sind es Amateuraufnahmen der NS-Zeit, die hier weniger illustrieren als Kontexte setzen oder schlicht die Wahrnehmung stimulieren, die Tongestaltung wirkt ähnlich distanzierend." Fabian Tietke kommt der Film im Perlentaucher ein bisschen zu immunisiert vor: "Regnier, der Produzent Günter Rohrbach, der Sachbuchautor Florian Illies und der Lyriker und Literaturkritiker Albert von Schirnding liegen in vielen Punkten nah beieinander. Vor allem die Literaturkritikerin Julia Voss hebt sich davon ab, aber man hätte sich durchaus auch kritischere Stimmen hinsichtlich Grafs Willen zu Komplexität in dem Film gewünscht. Man kann ja durchaus darüber streiten, wie komplex RanschmeißereiandenNationalsozialismus ist."
Außerdem: Für die tazspricht Chris Schinke mit dem amerikanischen Regisseur EleganceBratton, der in seinem (bei uns und im Tagesspiegel besprochenen) Film "The Inspection" seine Erfahrungen als schwuler Mann im US Marine Corps verarbeitet. Die Nasenprothese, die sich BradleyCooper für sein Biopic über LeonardBernstein aufgesetzt und damit Antisemitismusvorwürfe provoziert hat, hätte er sich auch gut sparen können, findet Andreas Busche im Tagesspiegel. De Agenturen melden, dass IlkerÇataks "Das Lehrerzimmer" (unsere Kritik) für eine Oscarnominierung eingereicht wird.
Besprochen werden Manzoors britische Martial-Arts-Komödie "Polite Society", in der eine junge pakistanische Stuntfrau in London ihre Schwester vo einer arrangierten Ehe retten muss ("Sind solche Kämpferinnen nicht vielaufregender, vielheldenhafter als all die Franchise-Superhelden", fragt sich Annett Scheffel in der SZ, FAZ), Kamil Krawczyckis "Elefant" (taz, FR), Maiwenns "Jeanne du Barry" (Standard), die neue "Star Wars"-Serie "Ahsoka" (FAZ, mehr dazu hier) und die Netflix-Doku "Heard vs Depp" (FAZ), Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Rosario Dawson als Jediritterin Ahsoka (Disney) Die neue "StarWars"-Serie "Ahsoka" wurde von Männlichkeitsdogmatikern, die auf jede Frauenfigur mit hysterischer Panik reagieren, schon vorab in der Luft zerrissen: NurHeldinnen, keine Helden! Euer Pech, ruft Andreas Busche im Tagesspiegel, der die Serie erzählerisch sehr interessant findet: Sie "versucht sich an der Integration von verschiedenen alleinstehenden Serien-Erzählungen in ein größeres 'Star Wars'-Kontinuum, das stärker an die Kinofilme anknüpft." Die ersten beiden Folgen zeigen "alle Anlagen für eine eigenständigeHandschrift innerhalb der 'Star Wars'-Erzählmaschine" und lassen "hoffen, dass die politischenUntertöne, die zuletzt 'Andor' zum vorläufigen 'Star Wars'-Highlight machten, auch auf die erste Serie, die den fragilenFrieden in der 'Neuen Republik' in den Mittelpunkt stellt, abfärbt."
Peter Huth von der Weltlegt in reger Freude am eigenen Detailwissen dar, welche Position und Rolle diese Serie im für Außenstehende mittlerweile völlig unübersichtlich gewordenen "Star Wars"-Universum einnimmt. Auch ansonsten ist er vom neuesten Wurf begeistert: Er ist "perfekt ausgestattet, dreckigundrostig, wie das Universum von Star Wars, in dem sich jede Landeklappe mit dem gewohnten Zischen und Dampfen hydraulischer Mechanismen öffnet und es im lautlosen Weltall nur so heult, wenn schnelle Schiffe zum Duell antreten, sein soll. Insofern ist - die vorerst fehlenden Männerhelden hatten wir ja schon abgehandelt - 'Ahsoka' nicht modern, nicht woke, nicht divers, sondern sehr, sehrklassischeSpaceOpera."
Außerdem: In China ist GretaGerwigs "Barbie"-Film (unsere Kritik) vor allem auch wegen seiner feministischen Botschaft beim jungen Publikum ein großer Hit, berichtet Fabian Kretschmer in der taz. Der Film zementiere allerdings auch wieder bloß das Schönheitsideal von der schlankenErfolgsfrau, seufzt Jean-Martin Büttner im Tages-Anzeiger. Besprochen werden Maïwenns "Jeanne du Barry" mit ihr selbst in der Haupt- und Johnny Depp in der Nebenrolle (FAZ, Presse), JennaHasses "L'Amour du Monde" (Standard) und die Amazon-Serie "Shelter" nach einem Roman von Harlan Coben (FAZ).
Graustufen der Schuld: "Jeder schreibt für sich allein" von Dominik Graf (Piffl) Diese Woche startet DominikGrafs neuer Essayfilm "Jeder schreibt für sich allein" in den Kinos. Es geht - anhand von Anatol Regniersgleichnamigem Buch - um die Schriftsteller der sogenannten "innerenEmigration", die in Nazi-Deutschland geblieben sind und sich darüber später widersprüchlich äußerten. Mit fast drei Stunden Laufzeit und teils assoziativ angehäuftem Material liegt hier "ein faszinierendes Monster von einem Film" vor, schreibt Lukas Foerster im Filmdienst. Neben der Darstellung des literarischen Verlusts durch den Nationalsozialismus, "geht es um einen differenzierten Blick auf den Nationalsozialismus selbst, vor allem aus der Perspektive des alltäglichen Lebens. ... Die Formel, die der Film für letzteren Aspekt findet, sind die Graustufen. Es gehe darum, heißt es im Voice-Over-Kommentar in mehreren Variationen, neben dem Schwarz-Weiß der totalen Schuld auf der einen und Schuldabwehrbegriffen wie 'innere Emigration' auf der anderen Seite Abstufungen von Schuld zuzulassen. Eine nachvollziehbare Position insoweit man Schuld als eine moralische Kategorie fasst, deren einziger Maßstab das Individuum ist. Nur: Ist eine derartige Subjektivierung von Schuld in diesem Fall angemessen? Gibt es nicht auch eine überindividuelle, historischePerspektive, aus der der Unterschied zwischen Exil und Dableiben eben doch einer ums Ganze ist?" Dlf Kultur hat mit Dominik Graf über seinen Film gesprochen.
In Wien hat derweil der Dokumentarfilmer GünterSchwaiger seinen neuen Film "Wer hat Angst vor Braunau?" vorgestellt, in dem es um HitlersGeburtsthaus geht, vor allem aber um die Braunauer selbst und die anhaltenden Auseinandersetzungen darum, was mit dem Haus geschehen soll. Die Lebenshilfe musste 2011 aus dem Gebäude ausziehen, die Politik hätte dort gerne eine Polizeidienststelle. "Die Ordnungsmacht ausgerechnet dort unterzubringen, wo einer der schlimmsten Diktatoren der Geschichte seinen Anfang nahm, missfiel nicht nur der Mehrheit der Einheimischen", schreibt Hannes Hintermeier in der FAZ. "Überhaupt sind die Braunauer die eigentlichen Helden in diesem Film - mit ihrem Geschichtsbewusstsein, ihrer erklärten Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, den Kopf hinzuhalten, bis ihre Landsleute endlich aufhören, sie als Sündenbock zu missbrauchen. Das hat auch historische Gründe: Mit Ausnahme der zwölf braunen Jahre war Braunau eine Stadt der Arbeiterbewegung." Der Film bringt noch ein pikantes Detail ans Tageslicht: Auch die Nationalsozialisten hätten das Gebäude wohl gerne administrativ genutzt, schreibt Rosa Schmidt-Vierthaler in der Presse. "Dass das Innenministerium, das 2019 die Entscheidung traf, von Hitlers Wunsch nichts wusste oder wissen wollte, ist für Schwaiger kein Ruhmesblatt: 'Wie kann es sein, dass man sich nie gefragt hat, was Hitler mit dem Haus wollte, was die Nazis mit dem Haus wollten?'"
Bert Rebhandl reist für die FAZ mit den Experimentalfilmen von JonasMekas im Gepäck nach Litauen: "'Reminiscences of a Journey to Lithuania' (1971/72) heißt einer seiner bekanntesten Filme. Man kann ihm dort bei einer Rückkehr an einen mütterlich geprägten Ort zusehen, das 16-mm-Filmmaterial trägt viel zu der Patina bei, mit der die Landschaften seines Herkommens bei Mekas belegt sind. Wenn man heute durch diese Flecken im Baltikum fährt, dann hat man das zwanzigste Jahrhundert der Gewalt überall gegenwärtig. Man sieht aber auch ein wald- und wasserreiches, dünn besiedeltes Land, von dem die Privilegierten dieser Welt wahrscheinlich bald begreifen werden, dass sich hier dem Klimawandel besser trotzen lässt als auf griechischen Inseln." Ein Ausschnitt:
Beim DoppelstreikinHollywood geht es auch darum, wie Hollywood künftig mit den Potenzialen von KI umgeht. Autoren und Schauspieler drängen hier naturgemäß auf Einhegung, Regulierung und Abwehr. Charakterdarsteller hätten wohl nichts zu befürchten, glaubt Claudius Seidl in der FAZ, Komparsen dürften sich auf harte Zeiten einstellen und die Autoren pochen gerade darauf, dass nur echteLebenserfahrung lebendige Drehbücher hervorbringen könne. "Auf der Plattform nofilmschool.com gibt es längst Beispiele für KI-generierte Dialoge zu lesen, deren geist- undwitzlosesGeklapper den Autoren recht zu geben scheint. Bis man sich daran erinnert, dass das deutsche Fernsehen praktisch jeden Abend um viertel nach acht so spricht. Und wenn sich dieser Verdacht im eigenen Denken erst einmal ausgebreitet hat, kann man kaum noch einen Film sehen, ohne sich die Frage zu stellen, wie viel von der behaupteten Menschlichkeit beim Schreiben und Inszenieren wohl unabdingbar war. ... Wer Drehbücher schreibt, setzt meistens bekannte Elemente neu zusammen, konstruiert seinen Plot nach bewährten Bauplänen, lässt seine Leute so sprechen, wie solche Leute immer sprechen im Fernsehen und im Kino. Er tut also das, was der KI jetzt vorgehalten wird."
Es ist eine gute Entscheidung, dass der georgische Filmfestivalmacher GagaChkheidze Ende des Monats in Weimar mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet wird, findet Kerstin Holm in der FAZ. In Georgien werden Kulturschaffende von der Regierung arg gegängelt. Auch Chkheidze wurden die Mittel gestrichen, dazu musste er den Posten als Direktor des Nationalen Filmzentrums räumen - und zwar "nachdem dieser voriges Frühjahr Russlands Krieg verurteilt und sich mit der Ukraine solidarisiert hatte. Kulturministerin Tea Tsulukiani habe zum Krieg geschwiegen, obwohl Russland von Anfang an auch Kultureinrichtungen zerstörte, tadelt Chkheidze. Georgiens Ministerpräsident hat zwar den Krieg verurteilt, Sanktionen wurden aber nicht gegen Russland verhängt. Die Zivilgesellschaft und insbesondere Künstler solidarisieren sich mit der Ukraine, zumal Russland auch rund zwanzig Prozent ihres Landes besetzt hält. Doch die Regierungspartei 'Georgischer Traum', deren Begründer Iwanischwili in Russland reich wurde, will es sich mit dem übermächtigen Nachbarn nicht verscherzen."
Außerdem: Morticia Zschiesche beschäftigt sich in einem Filmdienst-Essay mit dem Director's Cut von WolfgangPetersens "Das Boot". Besprochen werden die zweite Staffel von "The Bear" (FAZ) und die ZDF-Comedyserie "Ready.Daddy.Go!" (FAZ).
Social Media als Monster: "Afwaah" von Sudhir Mishra (Netflix) Sven Hansen spricht für die taz mit dem indischen Regisseur SudhirMishra, dessen aktueller Film "Afwaah" von hindunationalistischenGewaltexzessen erzählt - in seinem Land ein wagemutiger Akt. Tatsächlich "wundern sich die meisten, dass ich nicht verprügelt wurde", sagt der Filmemacher.: Indien sei wohl doch freier als gedacht, meint er. "Ich zeige eine Gefahr, die in allen Parteien besteht und die zum Beispiel religiöse oder auch geschlechtsspezifische Gründe haben kann. Frauen leiden unter sozialen Medien wie unter ethnoreligiöser Gewalt am meisten. Sind Gefühle stärker als der Verstand, wird es gefährlich und kann als Bumerang auf die Urheber zurückfallen wie im Film. Auch rechte Parteien leiden, wenn das von ihnen losgelassene Monster auf sie zurückschlägt. ... Für mich zählen Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz. Mein Film ist kein Realismus, sondern mischt Satire, Thriller, Dokumentarfilm und Moralgeschichte" und "ich zeige, dass wir in Blasen leben und nicht mit Menschen aus anderen Blasen reden. Auch die Hauptperson, zufällig ein Muslim, lebt in so einer Blase. Er glaubt, dass sie ihn schützt, doch sperrt sie ihn aus. Und der Killer denkt, er dient seinem Herren, wird aber von ihm verlassen. Soziale Medien agieren dabei als Monster, das außer Kontrolle gerät." Nach einer Kinoauswerung in Indien läuft der Film auch bei uns auf Netflix.
Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek erzählt in der WamS von seinem Ausflug ins mecklenburg-vorpommerische Demmin, wo der Filmemacher Hans-JürgenSyberberg seinen aktuellen Essayfilm "Demminer Gesänge" über einen Massensuizid der Stadtbevölkerung am Ende des Zweiten Weltkriegs gezeigt hat. Dunja Bialas berichtet auf Artechock von den Auseinandersetzungen um das Münchner Traditionskino am Sendlinger Tor: Dem Pächter droht nach Streitigkeiten um die Pacht nun endgültig die Räumung. Außerdem bespricht Bialas für ArtechockKatharinaHubers Film "Ein schöner Ort", der beim Filmfestival Locarno eben mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Ihr Artechock-Kollege Rüdiger Suchsland zieht derweil allgemein Locarno-Bilanz. Claudius Seidl macht sich in der FAZ Sorgen um das StudioBabelsberg, wo seit Monaten kaum mehr gedreht wird. Martin Scholz plaudert für die WamS mit dem Schauspieler JaredLeto. In der FAZgratuliert Jürgen Kaube dem Regisseur und Schauspieler NanniMoretti zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden MarkusCMSchmidts Dokumentarfilm "Le Mali 70" über Jazz in Mali (Tsp, mehr dazu bereits hier), Celine Songs "Past Lives" (NZZ, Artechock, Perlentaucher), Valeria Bruni Tedeschis "Forever Young" (Artechock, Perlentaucher), Stefan Westerwelles "Kannawoniwasein!" (Artechock, Perlentaucher), André Øvredals "Die letzte Fahrt der Demeter" (Filmdienst), Ric Roman Waughs "Kandahar" (Artechock), Angel Manuel Sotos "Blue Beetle" (Standard), die Netflix-Serie "Painkiller" (taz), die zweite Staffel der Serie "The Bear" (taz, Zeit) und die Netflix-Doku "Depp vs. Heard" (Presse).
Für die Seite Drei der SZ besucht Phliipp Bovermann einen Pornodreh der ProduzentinPaulitaPappel, die als Botschafterin in Sachen queerfeministischePornografie auch regelmäßig in den Medien auftritt. Ihre neue Firma hat sich auf Gangbangs unter für die Performer akzeptablen Arbeitsbedingungen spezialisiert. Bovermann ist dennoch nicht überzeugt: Das soll feministisch sein? "Sie verwende für ihre Filme inzwischen gar nicht mehr das Label 'feministisch', sagt Pappel. Dadurch entstehe nur der Eindruck, es gebe die gute, saubere, feministische Pornografie einerseits und die bösenMainstreampornos andererseits. Das Problem sei aber die Stigmatisierung von Pornos insgesamt, die einer sexistischen Gesellschaft als Sündenböcke dienten. Schon die Annahme, eine Frau könne es nicht selbstbewusst genießen, sich spielerisch 'benutzen' zu lassen, sei sexistisch, dahinter stehe die Idee, 'dass Frauen im sexuellen Kontext immer Opfer sind', aber das seien sie nicht. 'Das sind superstarkeFrauen, die total viel Lust zeigen.'"
Die nachträgliche, filmhistorisch mitunter verfäschende Kolorierungvon Schwarzweißfilmen kam über gelegentliche Versuche mit neuen, stets sehr aufwändigen Verfahren bislang nie hinaus. KI-Methoden, wie sie derzeit Professor Thomas Pock an der Technischen Universität in Graz entwickelt, versprechen hier nun einen effizienteren, vor allem historisch akkurateren Lösungsansatz, informiert uns Matthias Greuling in seiner Reportage für die Welt. Mit historisch präzisen Informationen zu Farben von etwa Gebäuden, Kleidung, etc. muss die KI aufwändig gefüttert werden. Aber wenn sie "nun historische Aufnahmen einfärbt, die auf Basis heutiger Informationen und Recherchen erstellt werden, ist das dann Realismus, oder ist es nicht viel mehr - das Gegenteil, schnödeGeschichtsfälschung? ... 'Natürlich erschafft die KI keine Realität, sondern errechnet eine Fiktion', sagt Pock. Er meint damit auch: Bilder für bare Münze zu nehmen, wird gerade in Zeiten von KI-Anwendungen immer schwieriger." Hier einige Beispiele:
Außerdem: Andrea Dernbach wirft für den Tagesspiegel einen Blick auf die aktuellen kulturpolitischen Auseinandersetzungen zum italienischenFilm (mehr dazu bereits hier). Madeleine Bernstorff empfiehlt im Tagesspiegel die Reihe "Glück auf" im Berliner Zeughauskino über Bergbau im deutschen Film. Esther Buss resümiert in der Jungle World die Retrospektive des FilmfestivalsLocarno zum populärenmexikanischenKino (mehr dazu bereits hier). Valerie Dirk (Standard), Sandra Kegel (FAZ), Thomas Kramar (Presse) und David Steinitz (SZ) überbrücken das Sommerloch mit Gedanken zur aktuellen Social-Media-Turbulenz, ob die Nasenprothese, die BradleyCooper in einem Leonard-Bernstein-Biopic trägt, unangemessen überzogen und damit antisemitisch sei. Claudius Seidl (FAZ) und Susan Vahabzadeh (SZ) gratulieren RomanPolanski zum 90. Geburtstag.
Besprochen werden AndréØvredals Horrorfilm "The Last Voyage of the Demeter", der auf die in den meisten Verfilmungen von BramStokers "Dracula" meist episodisch abgehandelte Überfahrt von Transsilvanien nach London fokussiert (Standard, FR, FAZ), Maïwenns "Jeanne du Barry" (NZZ, unser Cannes-Resümee), Pedro Almodóvars Western-Liebes-Kurzfilm "Strange Way of Life" (NZZ), MatthewLópez' Romcom "Red White and Royal Blue" (Presse) und der neue "Teenage Mutant Ninja Turtles"-Animationsfilm (ZeitOnline).
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