Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.08.2023 - Film

Robert de Niro in "Cape Fear"
Robert De Niro wird 80 Jahre alt. In seiner Blütephase war er "der größte Filmschauspieler seiner Generation" und sowieso, "ungefähr fünfzehn Jahre lang, der größte Schauspieler des Kinos", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Sein mimisches Repertoire, seinen an den Ressourcen zehrenden Stil hat er sich hart erarbeitet. Nie war das exzessiver zu sehen "als 1991 in Scorseses 'Cape Fear', dem Film, der den Wendepunkt seiner Karriere markiert. Noch einmal wirft er als rachsüchtiger Häftling Max Cady sein ganzes Sein in die Waagschale. Sein Körper ist von oben bis unten mit Bibelsprüchen und Symbolen tätowiert, und am Ende der Geschichte geht er in Flammen auf, bevor er in einem reißenden Fluss versinkt. ... Von da an haushaltet De Niro mit seinen Kräften. Er spart sie sich für die seltenen und kostbaren Gelegenheiten auf, in denen er wieder für Martin Scorsese vor der Kamera steht." Dies sehr zum Kummer von SZ-Kritiker Philipp Bovermann, der in De Niros Spätwerk viele Fehltritte und wenig Ruhmreiches entdeckt: "Nie spielt er ganz schlampig, aus der Fülle einer verdienten Arroganz heraus, nie spannt er die schauspielerischen Muskeln an und sprengt damit Filme, denen ein bisschen Sprengung ganz guttun würde. Die ungeheure Intensität, die er besitzt, zeigt sich in seinen faden Rollen nicht - er geht in ihnen auf und mit ihnen unter." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte verzeiht De Niro gerne all die schwachen Filme der letzten Jahre: "Wer immer ihm zu seinem 80. Geburtstag die Hand schütteln wird - ein bedeutenderer Schauspieler als er selbst wird nicht darunter sein."

Im Filmdienst liefert Patrick Holzapfel 80 essayistische Notizen zu De Niros Leinwandpersona: "Was De Niro macht, macht er obsessiv. Er spielt die Getriebenen und Sich-Vernichtenden, die Ehrgeizigen und Übergenauen. Er spielt die, die sich nicht lösen können von ihren schlechten Ideen. Vor allem spielt er auch die Einsamen. Szenen, in denen er alleine ist, wirken oft nachhaltiger als die, in denen er in einer Gruppe ist. ... Die wohl größte Szene dieser Art findet sich gegen Ende von 'Heat', als De Niro es eigentlich bereits geschafft hat und nun zusammen mit seiner Freundin für immer fliehen könnte, um das Land als reicher Mann zu verlassen. Auf der Autofahrt in die scheinbare Freiheit erfährt er jedoch, wo sich ein ehemaliger Kollege, der ihm übel mitgespielt hat, aufhält. Er fährt in einen Tunnel, und auf seinem Gesicht spielt sich die ganze Tragödie einer Prinzipientreue ab. Er ist ganz allein, und er begeht den fatalen Fehler und dreht um. Es ist ihm wichtiger, mit sich selbst im Reinen zu sein als glücklich mit jemandem zusammen." Das britische Filmmagazin Little White Lies wirft in einer Video-Collage Schlaglichter auf De Niros Werk:



Weitere Artikel: Im Tages-Anzeiger spricht Pedro Almodóvar über seinen aktuellen Kurzfilm "Strange Way of Life". Der große Quoten- und Mediatheks-Erfolg des "ARD Sommerkinos" zeige "eben, was dem ARD-Fernsehen fehlt", kommentiert Joachim Huber im Tagesspiegel: "Kinofilme". David Steinitz informiert in der SZ über Social-Media-Turbulenzen rund um ein "Schneewittchen"-Remake von Disney.

Besprochen werden Stefan Westerwelles Kinderfilm "Kannawoniwasein!" (Perlentaucher Jochen Werner reist gerne mit diesem "wundervollen Road Movie durch die in großartigen Kinobildern eingefangenen Weiten der östlichen Bundesländer"), Valeria Bruni Tedeschis "Forever Young" (critic.de, Perlentaucher), Celine Songs Spielfilmdebüt "Past Lives" (taz, FR, FAZ, Perlentaucher) und die DVD-Ausgabe von Emmanuel Mourets "Tagebuch einer französischen Affäre" (taz). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.08.2023 - Film

Retro-affine Bilder: "Forever Young"

Junge Schauspieler, die sich Hoffnungen auf eine Karriere im Theater machen - darum geht es in Valeria Bruni Tedeschis "Forever Young", schreibt Tilman Schumacher im Perlentaucher. "Dass es sich um eine gesellschaftlich relevante Kunstform oder so etwas handle, scheint den Zwanzigjährigen herzlich egal. Spielen heißt für sie, die eigenen Gefühlsregungen zu bändigen, auch, sie krass nach außen zu stülpen (entsprechend häufig schlittern Szenen am Klischee hyperexaltierten Theaterschauspiels und -lifestyles entlang). ... 'Forever Young' ist kein Metafilm über das Verhältnis von Theater und Leben oder gar von Theater- und Filmmedium, sondern einer, der in analogen, auch auf dieser Ebene retroaffinen Bildern junge Menschen darstellt, die nicht wissen, wohin mit ihren Emotionen. 'Ich fühle einfach zu viel', sagt Stella einmal verheult. Das könnte das Motto des Films sein."

Im NZZ-Interview bekräftigt Ulrich Seidl noch einmal, dass nichts dran sei an den Vorwürfen des Spiegel, er habe beim Dreh zum (nun in der Schweiz startenden) Pädophilendrama "Sparta" (unsere Kritik) Kinder schutzlosen Situationen und Überforderugen ausgesetzt. "Es gab offenbar ein paar Menschen im Team, die - weil sie mitten im Dreh dazugestossen sind und nur wenige Tage dabei waren - kaum Einblick hatten und Dinge beim Dreh völlig falsch verstanden und missinterpretiert haben. Ihre Aussagen lesen sich jedenfalls so. Demgegenüber steht unsere monatelange Arbeit mit den Eltern und Buben: Wir haben sie über ein Jahr gekannt und im ganzen Drehzeitraum - es gab einen Winter- und einen Sommerdreh - betreut. ... Alle Eltern und auch die Buben haben den Film inzwischen ja auch gesehen, und niemand von ihnen hatte irgendwelche Einwände. Aber grundsätzlich gesagt: Man kann doch nicht, wenn man einen Film macht, nur Szenen drehen, bei denen die Kinder immer nur glücklich lachen."

Außerdem: Tobias Mayer vergleicht für den Tagesspiegel aktuelle Hollywood-Honorare und bemerkt: Margot Robbie ist mit ihren 50 Millionen Dollar für "Barbie" sogar eher im Mittelfeld. Hanns-Georg Rodek spricht für die Welt mit dem Regisseur Robert Rodriguez über dessen neuen Thriller "Hypnotic".

Besprochen werden Celine Songs "Past Lives" (Perlentaucher, SZ), die Wiederaufführung von Sabus japanischer 90s-Komödie "Dangan Runner" (taz) und eine Netflix-Doku über den Prozess zwischen Johnny Depp und Amber Heard (Tsp),

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.08.2023 - Film

"Hardabasht" von Mohammad Dayekh und Hussein Kaouk Ali Lamaa

Lena Bopp staunt in der FAZ über den Mut der beiden libanesischen Komiker Mohammad Dayekh und Hussein Kaouk Ali Lamaa, die mit ihrer beißenden Satire auf TikTok groß geworden sind und mit der Komödie "Hardabasht" nun ihr Spielfilmdebüt vorlegen. Die erheblichen Turbulenzen des Films erschweren dem Publikum zwar die Übersicht, doch "das ist verzeihlich, weil sich der Wagemut des Films vielmehr in seinen Details offenbart: in der Frau, die den Scheich tötet und mit ihm die religiöse Autorität; in den Slogans der Revolution von 2019, die in den Straßen von Ouzai erklingen; in dem Alltag, der in dem von der Hizbullah und ihren Verbündeten beherrschten Viertel schrecklich ist; in dem christlichen Polizisten, der seinen Kollegen tötet und die Tat genauso verschleiert, wie die schiitischen Kleinganoven es tun. Aus Sicht der einzelnen Mikrokosmen, aus denen sich die Gesellschaft in Libanon zusammensetzt, gäbe es viel Skandalöses zu kritisieren an diesem Film. Die Zensurbehörde des Landes aber beanstandete nur Szenen mit dem Polizisten, weil der raucht."

Sehr gespannt und mit großer Freude (wenn auch nicht über das Layout) liest Fabian Tietke für den Filmdienst den Gesprächsband "Kino, Festival, Archiv - die Kunst für gute Filme zu kämpfen", in dem die Berliner Filmhistorikerlegenden Ulrich und Erika Gregor aus ihrem Leben und ihren Abenteuern als Arsenal- und Forums-Mitbegründer erzählen - und dies angereichert mit "eine Fülle von Material". Insbesondere die Anfänge der Gregors in den Fünfzigern wirken heute fast außerirdisch und improvisiert: "Als Ulrich Gregor für einen Vortrag über die französische Filmkunst jener Zeit zum Filmclub in Bad Ems reiste, übernachtete er auf einer Parkbank, weil die Hotels schon geschlossen hatten. Was in dem Band besonders deutlich wird, ist der Wendepunkt, den das eigene Kino und die Gründung des Internationalen Forums des Jungen Films nach einer jahrelangen Krise der Berlinale bedeuteten. In wenigen Jahren wurde aus der umtriebigen Initiative mit Gastspielen in der Akademie ein Motor des deutschen und europäischen Kinos mit den Gregors im Zentrum dieser Entwicklung. Möglich wurde dies nicht zuletzt durch die persönliche Nähe zu einer Reihe von Filmemacher.innen, die durch eine bereitwillige Öffnung der Gästezimmer im Haus Gregor vor allem in der Anfangszeit entstand. So wurde István Szabó vom Gast zum temporären Kinderbetreuer, damit die Gregors auch nach der Geburt ihrer Kinder gemeinsam auf Festivals fahren konnten."

Außerdem: Irene Genhart resümiert im Filmdienst das Filmfestival Locarno (mehr dazu hier). Fabian Tietke empfiehlt in der taz die Reihe "Glück auf" des Berliner Zeughauskinos über den Bergbau im deutschen Film. Besprochen werden Celine Songs "Past Lives" (Tsp, SZ), die Serie "The Lost Flowers of Alice Hart" mit Sigourney Weaver (TA) und die Serie "Love Me" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2023 - Film

Nihilistischer Blick auf Iran: "Critical Zone" von Ali Ahmadzadeh

Das Filmfestival Locarno ist mit einem Goldenen Leoparden für den iranischen Film "Critical Zone" zu Ende gegangen. Regisseur Ali Ahmadzadeh konnte den Preis nicht entgegennehmen, da er in seiner Heimat festgehalten wird (unser Resümee). "Selten hat das Wort vom Underground-Film mehr Wahrheit besessen", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR über den mit versteckten Kameras und Laiendarstellern trotz Berufsverbot realisierten Film. "Zentraler Spielort ist das Auto eines Drogenkuriers, dessen gefährliche Fracht zu tragisch-begehrten Fluchten verhilft. ... Es ist ein sensationeller Film. Wie lange haben westliche Festivals der iranischen Diktatur immer wieder den Gefallen getan, sie mit ihren offiziellen Produktionen liberaler aussehen zu lassen, als sie ist. Oscar-Preisträger Asghar Farhadi verließ erst im vergangenen Jahr vorsichtig seinen offiziellen Kurs, als er die Straßenproteste unterstützte. Doch zu welcher Kunst haben unterdessen die verfemten Regiestars Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof den filmischen Untergrund geführt.  Nun einen jüngeren Regisseur mit jungen Darstellern diesen Weg weiterzugehen und diese minimalistische Ästhetik vervollkommnen zu sehen, weckt Hoffnung für die Kunst in finstersten Zeiten.

"Selten war das iranische Kino derart nihilistisch", ergänzt Patrick Wellinski im Tagesspiegel. "Die Verachtung gegenüber einem mörderischen Unterdrückersystem lässt sich kaum hoffnungsloser und resignierter erzählen." Dabei ist dieser Film "mehr als ein bloßes Statement des Ungehorsams unter erschwerten Produktionsbedingungen", schreibt Marian Wilhelm im Standard und bewundert "eindrückliche atmosphärische Bilder." Michael Ranze resümiert in der FAZ den aus seiner Sicht unausgeglichenen Wettbewerb des Festivals: "Da konkurrierten schwarz-weiße gegen bunte, lange gegen kurze, enttäuschende gegen meisterliche Filme. Mal standen Frauen im Mittelpunkt, mal Männer, mal ging es um Gewalt, mal um Trauer und Verlust. Ein roter Faden ließ sich nicht ausmachen."

Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland spricht für den Filmdienst mit Asli Özge über ihren Paranoia-Film "Black Box". Besprochen werden Regina Schillings im ZDF gezeigter Essayfilm "Diese Sendung ist kein Spiel" (taz, mehr dazu hier), die NeoCowboy-Serie "Yellowstone" (Jungle World), die dritte Staffel von "Only Murders in the Building" (Zeit), die ARD-Serie "Everyone is f*cking crazy" (FAZ) und der ZDF-Sechsteiler "Das Mädchen und die Nacht" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2023 - Film

Die rechte Meloni-Regierung ist drauf und dran, den italienischen Film einzuhegen, berichtet Andreas Rossmann in der FAZ. Aktuell eingereichte Anträge sehen eine Zusammenlegung des Centro Sperimentale di Cinematografia (CSC), der Filmakademie und des Filmarchivs sowie die Besetzung wichtiger Posten mit Personal aus der Politik vor. Die italienische Filmindustrie läuft dagegen Sturm. "Das CSC, ein Exzellenzinstitut, das jedes Jahr nur 18 Schauspielstudenten aufnimmt, ist ein kultureller Leuchtturm. Claudia Cardinale, Paolo Sorrentino, Giuseppe De Santis, Paolo Virzi, auch kurz der junge Gabriel García Marquez oder Michelangelo Antonioni gehören zu seinen Alumni; letzterer hatte hier, wie Roberto Rossellini, Andrea Camilleri, Rudolf Arnheim, eine Professur inne. ... Wenn über die Auswahl der Bewerber wie auch über Strategien der Konservierung oder Restaurierung von Filmen Politiker entscheiden, trifft sie das in ihrer Integrität und ihrer Tradition. Der italienische Film hat schon bessere Zeiten gesehen, nun drohen sie sehr viel schlechter zu werden."

Julia Habernagel schaut für die taz auf die russischen Kinos, in denen weiterhin internationale Filme zu sehen sind - ob nun legal oder illegal. Weder in den USA, noch in Deutschland gibt es einen offiziellen Boykott. Wer will, könne fast wie vor dem Krieg in diesen Markt verkaufen. Doch einige Firmen halten sich derzeit zurück. Filme ohne offiziellen russischem Kinostart, werden dann oft als Download aus dem Netz gezeigt. Jedoch seien vor kurzem "Verkaufs- und Lieferwege für illegale Kinofassungen aufgeflogen, weshalb der Schwarzmarkt nun auf Onlineversionen von Filmen zurückgreifen müsse, die erst nach der internationalen Kinopremiere erscheinen. 'Barbie' zum Beispiel wird aufgrund der Kinoeinnahmen in Milliardenhöhe noch eine ganze Weile in den Kinos zu sehen sein, bevor der Film auf Streamingplattformen angeboten wird." Dennoch sei der Film "in der sibirischen Stadt Tyumen gezeigt worden, nicht allzu weit entfernt von der kasachischen Grenze. Zuschauern zufolge muss die Synchronisation jedoch katastrophal gewesen sein. Dass zudem immer wieder Pop-up-Ads für Glücksspiele auf der Leinwand aufgetaucht sind, wird ebenfalls nicht gerade für Kinostimmung gesorgt haben."

Außerdem: "Unsere Branche kann nicht überleben, wenn wir diesen Kampf nicht gewinnen", sagt der Schauspieler David Krumholtz im FAZ-Gespräch mit Patrick Heidmann zum Hollywood-Streik. Die Streamingdienste verkommen mehr und mehr zu klassischem Fernsehen, seufzt Kurt Sagatz im Tagesspiegel. Marcus Stiglegger schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf William Friedkin (hier weitere Nachrufe).

Besprochen werden der Netflix-Agentinnenfilm "Heart of Stone" mit Gal Gadot (Tsp), der neue Eberhofer-Krimi "Rehragout-Rendezvous" (Welt), die ARD-Serie "Everyone is f*cking crazy" (Freitag), die ARD-Doku "Unparteiisch" über Schiedsrichter (FAZ), der Amazon-Film "Red, White & Royal Blue" nach dem gleichnamigen Roman von Casey McQuiston (FAZ), die Paramount-Serie "Slip" (taz) und die zweite Staffel der Amazon-Serie "Good Omes" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.08.2023 - Film

Auf den 3D-Effekt des chinesischen Animationsfilmblockbusters "Deep Sea" muss das deutsche Publikum zwar verzichten. Aber die fantasiereiche Odyssee ist dennoch ein Knaller, verspricht Tagesspiegel-Kritikerin Claudia Reinhard: Sie hatte nach dem Film geradezu das Gefühl, es "müsste einem die Farbe aus den Ohren herauslaufen. Für ihre Unterwasserwelt haben Regisseur Tian Xiaopeng und sein über tausendköpfiges Team 3D-Animation mit traditioneller chinesischer Xieyi-Tuschmalerei verknüpft, bei der mit schneller Pinselführung, das Wesen eines Gegenstands abgebildet werden soll. Das Ergebnis ist eine Welt, in der Formen und Farben in einem ebenso ständigen Strom bewegen wie die Emotionen der Helden, die sie durchschreiten. In weiten Teilen präsentiert sich 'Deep Sea', der in China zu den erfolgreichen Filmen des Jahres gehört und in Deutschland bei der Berlinale Premiere hatte, als Hayao Miyazakis 'Chihiros Reise ins Zauberland' auf LSD." Der Trailer vermittelt einen Eindruck:



Weitere Artikel: Heide Rampetzreiter staunt in der Presse über das Comeback, das dem Schauspieler Josh Hartnett mit "Oppenheimer" gelungen ist. Die Krimi-Autorin Rita Falk ärgert sich über die erfolgreichen Verfilmungen ihrer Eberhofer-Krimis, meldet David Steinitz in der SZ. Rüdiger Suchsland (hier) und Lilith Stangenberg (dort) schreiben auf Artechock zum Tod von William Friedkin (hier weitere Nachrufe).

Besprochen werden Regina Schillings im ZDF gezeigter Essayfilm "Diese Sendung ist kein Spiel" (Welt, mehr dazu hier), Celine Songs Romanze "Past Lives" über eine Kindheitsliebe, die sich nach Jahren wieder aktualisiert (Standard, Filmdienst), Asli Özges "Black Box" (FAZ), Robert Rodriguez' Thriller "Hypnotic" (Standard), Neill Blomkamps Videospielverfilmung "Gran Turismo" (FR), die Wiederaufführung von Sabus "Dangan Runner" aus den Neunzigern (Filmdienst), die in der ARD-Mediathek gezeigte MeToo-Serie "37 Sekunden" (Welt) und die Netflix-Serie "Painkiller" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2023 - Film

Sie nannten ihn "Ganoven-Ede": True-Crime-Pionier Eduard Zimmermann (ZDF)

Vor wenigen Jahren traf Regina Schilling mit ihrem Essayfilm "Kulenkampfs Schuhe" über die Vermischung von Mentalitäts- und TV-Geschichte einen Nerv und sorgte für viel Gesprächsstoff. Jetzt zeigt das ZDF ihren neuen Essayfilm, "Diese Sendung ist kein Spiel" über Eduard Zimmermanns True-Crime-Klassiker "Aktenzeichen XY ... ungelöst". Erneut geht es um Mentalitätsgeschichte, wie sie sich in der Fernsehstube formierte, schreibt Thomas Groh im Perlentaucher, aber weniger "um die oft kritisierten ethischen Implikationen der Sendung (Ist der Nachbar zuletzt nicht vielleicht doch auffallend häufig abends aus dem Haus gegangen? Ist die Frau aus dem vierten Stock nicht doch auffallend häufig mit unterschiedlichen Männern im Treppenhaus anzutreffen?), sondern um eine neue Kultur der Angst, die mit 'Aktenzeichen XY… ungelöst' in den Stuben Einzug hielt. Plötzlich lebte man nicht mehr in einer trotz gängiger Alltagsprobleme mehr oder weniger kommod eingerichteten Welt ('Haben wir denn noch was zum Anstoßen zuhause?' - 'Eine Flasche Eierlikör müsste noch da sein', heißt es an einer Stelle im Film, ein Zitatschnippsel aus einem 'XY'-Einspieler), sondern in einer Welt, in der an jeder Ecke nicht nur das Verbrechen, sondern gleich das anonyme Böse lauerte: Raub, Gewalt und Mord im Sumpf zwielichtiger Milieus, die sich allerorten unter dem dünnen Firniss kleinbürgerlicher Idyllen zu bilden schienen. Einschalten wird zur Bürgerpflicht wie heutzutage das Teilen greller Schlagzeilen in AfD-lastigen Facebook-Blasen."

Die Sendereihe war im Grunde eine einzige Disziplinierung von Frauen, sich abends besser nicht in Kneipen begeben, sondern Herd und Kinder hüten sollten, beobachtet NZZ-Kritiker Marcel Gyr anhand von Schillings Film: "Auffallend oft brachte 'Ganoven-Ede', wie er alsbald genannt wurde, ein Verbrechen in Zusammenhang mit dem Ausbruch aus dem geordneten bürgerlichen Leben: eine unzufriedene Hausfrau, die ohne Wissen ihres Mannes in den Ausgang geht, oder eine junge Frau, die spätabends per Anhalter nach Hause will, anstatt auf den letzten Bus zu warten. ... In den Gewaltverbrechen, die das Team von Eduard Zimmermann auswählte, war der Täter demgegenüber stets ein unbekannter Fremder. Das Sittlichkeitsverbrechen - das Wort Vergewaltigung gab es in der Sendung lange Zeit nicht - geschah häufig in einem abgelegenen Wald. Dem stellt die Filmemacherin die Kriminalstatistik entgegen, die besagt, dass sich bei der deutlichen Mehrheit von Sexualdelikten das Opfer und der Täter schon zuvor gekannt haben." Im Tagesspiegel bespricht Kurt Sagatz den Film. WDR und Dlf Kultur haben mit der Filmemacherin gesprochen.

Weitere Artikel: FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sieht beim Festival in Locarno neue, düstere Filme von Katharina Huber, Lav Diaz und Radu Jude. Dietrich Leder schreibt im Filmdienst über den Kameramann Hoyte van Hoytema, mit dem Christopher Nolan ("Oppenheimer") bevorzugt zusammenarbeitet. Nadine A. Brügger staunt in der NZZ über den aktuellen Überflug von "Barbie"-Regisseurin Greta Gerwig, die aus dem No-Budget-Kino kam und deren aktueller Film nun schon über eine Milliarde Dollar eingespielt hat.

Besprochen werden Celine Songs Liebesfilm "Past Lives", der bei der Berlinale für viel Aufmerksamkeit sorgte (Zeit, Presse), Tian Xiaopengs chinesischer Animationsfilm "Deep Sea" (taz, FR, FAZ), Aslı Özges Nachbarschafts-Paranoiafilm "Black Box" (taz, Tsp, Welt) Robert Rodriguez' Thriller "Hypnotic" mit Ben Affleck (FAZ) und Ed Herzogs neuer Eberhofer-Krimi "Rehragout-Rendezvous" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2023 - Film

Die Feuilletons reichen ihre Nachrufe auf William Friedkin nach (unser erstes Resümee gestern). Seine Klassiker "'The French Connection' und 'Der Exorzist' brachten einen rauen Realismus in das amerikanische Genrekino", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Nicht zufällig gehören sie zu den Filmen der Siebziger, die hervorragend gealtert sind. ... Sein ganzes Kino war perforiert von einem schonungslosen Existenzialismus." Passend dazu sieht FAZ-Kritiker Claudius Seidl, wenn er sich an Friedkins Filme erinnert, vor dem geistigen Auge zuerst "grobe, brutale, gewissermaßen männliche Männer; dann die Waffen, die diese Männer in den Händen halten und abfeuern, wenn es nötig ist; und dann die Autos, in denen diese Männer sitzen, fahren, alle Regeln ignorieren, und von denen, wenn die Filme zu Ende gehen, nicht viel mehr bleiben wird als von den Egos dieser Männer: ramponierte Formen, Wracks, der reine Schrott." Doch Friedkins Filme "waren, bei aller Freude am Lärm, an dem Tempo, den Karambolagen immer auch moralische Etüden darüber, dass die Guten und die Bösen, je schneller die Fahrt wird, desto schwerer zu unterscheiden sind." Weitere Nachrufe schreiben Hanns-Georg Rodek (Welt), Daniel Kothenschulte (FR) und Tim Caspar Boehme (taz). Dieser Videoessay lehrt uns, was man von "French Connection" über das Filmemachen lernen kann:



Außerdem: Marko Martin reist für die taz ins wüste Hinterland des spanischen Navarra, wo noch haufenweise alte Filmkulissen zu sehen sind - obwohl das Gebiet eigentlich ein Bioreservat ist. David Steinitz schreibt in der SZ zum Tod der Schauspielerin und Regisseurin Margit Saad. Besprochen werden die Paramount-Serie "Ghosts of Beirut" (FAZ), Neill Bloomkamps Computerspielverfilmung "Gran Turismo" (Tsp, SZ), der neue Eberhoferkrimi "Rehragout-Rendezvous" (Standard) und die Doku "Cat Daddies - Freunde für sieben Leben" (Filmdienst).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2023 - Film

William Friedkin, 2017 (Bild: GuillemMedina, CC BY-SA 4.0)

Der große William Friedkin ist gestorben - tragischerweise nur wenige Tage vor der Premiere in Venedig seines nunmehr letzten Films, seinem ersten seit über zehn Jahren. Für die meisten Redaktionen kam die Meldung gestern Abend zu spät, aber David Steinitz legt in der SZ einen ersten Nachruf vor und zeichnet Friedkin als zähen Hund, der sich als Junge in einem Armenviertel von Chicago durchschlug, sich ins Kino rettete und sich das fürs Filmemachen nötige Handwerk in der harten Schule des Fernsehens drauf schaffte, bevor er mit Scorsese, Lucas, Bogdanovich und anderen "New Hollywood" aus der Taufe hof. Er "war einer der ersten der neuen Regiegeneration, der großen Erfolg hatte. 1971 drehte er 'French Connection'" und "krempelte das biedere Genre des Cop-Films gründlich um. Gut und Böse sind nicht mehr klar zu unterscheiden in diesem Film, die Action ist hart, ohne heroisch zu sein, und es herrscht ein kalter, desillusionierter Zynismus. Die Zuschauer liebten diese neue Härte (und vor allem die irre Verfolgungsjagd), der Film war ein großer kommerzieller Erfolg und gewann insgesamt fünf Oscars. Friedkin bekam den Oscar als bester Regisseur. ... Ein Grund zum Feiern? Nicht für Friedkin. Er hatte Angst, dass es von nun an nur noch bergab gehen könne: 'Am Tag nach der Oscarverleihung bin ich das erste und einzige Mal zum Psychiater gegangen.'" Weitere Nachrufe schreiben die Branchenblätter Variety und Hollywood Reporter. Der Guardian hat eine große Bildergalerie zusammengestellt. Wer heute ganz viel Zeit hat, kann sich bei der Director's Guild of America ein über neun Stunden dauerndes Gespräch mit Friedkin über Leben und Werk ansehen.

Zeit für eine Zwischenbilanz beim Filmfestival in Locarno: Andreas Scheiner ärgert sich in der NZZ, dass neben Cannes auch Locarno Ken Loach, dessen neuer Film heute Abend im Tessin gezeigt wird, weiterhin hofiert: Nicht nur ist Loach glühender BDS-Anhänger und Israelkritiker, sondern seine Filme auch einfach wenig avanciert: "Filmhandwerklich, von der Kamera- über die Schauspielführung, war und ist Loach schwach." Außerdem findet Scheiner, dass Locarno seinen Wettbewerb nicht so verschämt ins Kino abschieben sollte, während auf der großen Piazza Grande unter freiem Himmel vor allem kuliinarische Kost gezeigt wird. Standard-Kritiker Marian Wilhelm freut sich über Voodoo Jürgens' "kurzen, aber freizügigen Auftritt" in Sofia Exarchous "Animal" mit der "phänomenalen Hauptdarstellerin Dimitra Vlagopoulou. Ihre Karaoke-Performance zu 'Yes Sir, I Can Boogie' hat das Zeug zum schönsten traurigen All-inclusive-Musikmoment seit 'Aftersun' und 'Rimini'." Im Filmdienst wirft Irene Genhart Schlaglichter aufs Locarno-Programm, wo "oft feinste Cineasten-Kost" läuft, darunter neue Filme von Radu Jude und Lav Diaz.

Im Filmdienst porträtiert Ralph Eue den Selfmade-Filmemacher Sobo Swobodnik, der als Ein-Mann-Filmstudio mit niedrigen Budgets und sehr viel Unabhängigkeit Film an Film an Film reiht: "Überhaupt bekennt Swobodnik selbstbewusst sein Fremdeln mit Traditionen, Schulen oder Stilen, 'weil sie in der Regel apodiktisch und dogmatisch sind und der Freiheit die Butter vom Brot nehmen. Für mich gibt es nur zwei, sagen wir mal Referenzen, die für mein Filmemachen eine Rolle spielen. Die eine geht auf Adorno zurück: 'Wertfreie Ästhetik ist Nonsens, Form ist sedimentierter Inhalt.' Die andere orientiert sich an einem Satz von Jean-Luc Godard (der Gottvater!) und heißt: 'Kino ist ein Kinderspiel, das nur der spielen kann, der an keine Regeln glaubt.' Bei jedem Film, den ich mache, inhaliere ich diese beiden Sätze bis zum Abwinken, schmeiße sie dann über den Haufen und fange an.'"

Besprochen werden die (hier und dort) vom ZDF gezeigten, auf Romanen von Sally Rooney basierenden Serien "Conversations with Friends" und "Normal People" (taz), die auf Netflix gezeigte Blaxploitation-Hommage "They Cloned Tyrone" mit John Beyoga, Jamie Foxx und Teyonah Parris (FR) und die Netflix-Serie "Heartstoppers" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2023 - Film

Bemerkenswert offen spricht die 2024 scheidende Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek in Deadline über die finanziellen Probleme ihres Festivalls: etwa vier Millionen fehlen der Berlinale an Mitteln, 2025 kommen noch drei weitere obendrauf - vor allem aufgrund steigender Personal- und Grundkosten. "Ich verhandle gerade mit der Bundesregierung. Zugleich stellen wir unsere Strukturen neu auf, um die bestmöglichen Synergien von innen heraus zu erzielen. ... Und wir sprechen mit der Stadt Berlin, ob sie ein Budget hat. Derzeit leistet sie keinerlei finanzielle Unterstützung. ... Eine Bank in Berlin hat 2019 errechnet, dass die Berlinale um die 100 Millionen in die Stadt bringt, während unser Budget bei 32 Millionen liegt. Der Senat scheint aber nicht willens zu sein, dieses Argument zu begreifen, oder vielleicht glaubt er, dass der Bund zugänglicher sein sollte. Es ist ein Kampf zwischen diesen beiden Seiten. Bis 2002 war die Stadt Eigentümerin der Berlinale. Damals war die Stadt sehr arm und überließ das Festival für einen Euro an den Bund."

67 statt 68: TV-Sheriff Eduard Zimmermann (Bild: ZDF/Renate Schäfer)

Mit dem Essayfilm "Kulenkampffs Schuhe" sorgte Regina Schilling vor einigen Jahren für viel Aufsehen und Austausch. Mit "Diese Sendung ist kein Spiel" zeigt das ZDF kommenden Donnerstag eine Art Nachfolger: Diesmal geht es um Eduard Zimmermanns Klassiker "Aktenzeichen XY", erklärt Bert Rebhandl, online nachgereicht in der FAS. Die Sendereihe begann etwa zeitgleich mit den Studentenprotesten in Deutschland, Schilling "lässt aber deutlich werden, dass sich im Publikum von 'Aktenzeichen XY . . . ungelöst' schon früh die Gegenbewegungen zu den Liberalisierungen formierten, von denen Deutschland heute umfassend geprägt ist. Oder dass Zimmermann mit seiner Pädagogik der Angst diesen Bewegungen monatlich neue Motive suggerierte. ... Auch Alice Schwarzer legte sich mit Zimmermann an, aus dem guten Grund, dass seinen Moderationen ein konservatives Familienbild zugrunde lag. Frauen, die allein ausgingen, waren grundsätzlich in Gefahr, Prostitution hingegen wurde beschwiegen, als dürfte es sie nicht geben. In den Anhalterinnen, die womöglich nach Mitternacht von einer Disco nach Hause zu trampen versuchten (oder gar von Zuhause einfach mal in die große, weite Welt), fand 'Aktenzeichen XY . . . ungelöst' eine Schlüsselfigur."

Weitere Artikel: Beim Filmfestival in Locarno hat sich der US-Produzent Ted Hope auf die Seite des Hollywood-Streiks gestellt, meldet Pascal Blum im Tages-Anzeiger. Tilmann Schumacher resümiert auf critic.de das Frankfurter Festival Terza Visione, das sich auf italienisches Genrekino spezialisiert hat (unser Resümee). Die Allianz Cinéconomie will den Filmstandort Schweiz stärken, meldet Gerhard Lob in der NZZ.

Besprochen werden Ben Wheatleys Horrorfilm "Meg 2" (Filmdienst), die ARD-Serie "37 Sekunden" (Zeit) und die Paramount-Serie "Slip" (FAZ).