Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.09.2023 - Film

Flucht in Europa: "Green Border" von Agnieszka Holland

Das Filmfestival Venedig neigt sich seinem Ende zu. Valerie Dirk vom Standard fände es hervorragend, wenn Agnieszka Holland für ihr Grenzdrama "Green Border", das die horrenden Zustände an der Grenze zwischen Polen und Belarus in den Blick nimmt, ausgezeichnet würde - gerade auch, weil die polnische Regisseurin "keine klassische Festivalregisseurin" ist. "Unter Cinephilen gilt ihr Kino als formal zu wenig anspruchsvoll, in Polen gilt es als zu aktivistisch, wie sich diese Woche an einer Äußerung des polnischen Justizministers zeigte. Früher hätten die Nazis antipolnische Propaganda gemacht, meinte Zbigniew Ziobro, heute mache das Agnieszka Holland. Holland, die in den 1980ern nach Frankreich emigriert ist und jüdische Wurzeln hat, drohte prompt mit einer Klage wegen des Nazivergleichs. Manchmal ist die Hetze von einer bestimmten Seite schon der Beweis dafür, dass etwas stimmig ist. Doch Hollands mitreißende Geschichte über Geflüchtete, Aktivistinnen und Grenzbeamte an der polnisch-belarussischen Grenze ist auch abseits des Labels der politischen Dringlichkeit ein außerordentlich berührendes, humanistisches Kinoerlebnis."

"Die Bitterkeit tieft aus jedem Bild", schreibt Jan Küveler in der Welt über "Green Border". Am Schluss "heißt es, Zehntausende Araber und Afrikaner seien in den vergangenen Jahren an den EU-Außengrenzen gestorben. Erst als die weißen Ukrainer flohen, habe Polen die Schlagbäume hochgeklappt und Millionen aufgenommen. Man kann mit Recht etwas gegen Hollands suggestive Parteinahme haben, auf dem Unterschied zwischen Kriegsflüchtlingen in ein Nachbarland und politisch oder wirtschaftlich begründeter Migration bestehen. Man kann kritisieren, dass die Regisseurin nur vor Ort nachsieht, wo es nass und kalt und blutig wird, und nicht in den Brüsseler Verhandlungsräumen oder in Syrien, Marokko, Afghanistan, wo die Flucht ihren Anfang nahm. Unabhängig davon bleibt 'Green Border' ein künstlerisch und politisch dringlicher Appell und einer der besten Filme des Wettbewerbs."

Flucht nach Europa: "Io Capitano" von Matteo Garrone

Auch FR-Kritiker Daniel Kothenschulte hält Holland für eine aussichtsreiche Kandidatin, doch könnte ihr "ein thematisch ähnlicher, aber politisch und ästhetisch fragwürdiger Film gefährlich werden. In satten Farben inszeniert Matteo Garrone die Odyssee zweier somalischer Teenager nach Europa als ungehemmte Unterhaltung. Dabei könnte sein 'Io Capitano' sogar Italiens stellvertretendem Ministerpräsidentin Matteo Salvini von der populistischen Lega gefallen. Jedem Gegner des Asylrechts spricht schon der Filmanfang aus der Seele. Der Film beginnt in einem pittoresken somalischen Dorf, wo die Jugendlichen wohlbehütet aufwachsen und sich - wie auch immer das möglich ist - in nur sechs Monaten den immensen Schlepper-Lohn nach Sizilien heimlich erarbeiten. ... Der Film ist unterlegt mit wahllos kompilierter afrikanischer Pop-Musik, angereichert mit ein paar surrealen Traumsequenzen. So imitiert Garrone zugleich eine vage Idee von afrikanischem Kino."

Anders, wenn auch ebenfalls hier und da mit Bauchschmerzen, sieht es Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche: "Vor dem Hintergrund der strikten Abschottungspolitik muss Garrones Drama ... wie ein Affront wirken. Es ist genau jene Sorte von 'linkem' Kino, das man künftig nicht mehr mit Steuergeldern finanzieren möchte." Die beiden Jugendlichen "werden in der Sahara ausgesetzt, von Milizen ausgeraubt und kommen mit letzter Kraft in Libyen an. Lange Zeit erinnert 'Io Capitano' eher an ein Frontex-Abschreckungsvideo: Garrone spart keine Brutalität aus, die verwoben mit seinem magischen Realismus umso zynischer wirkt. ... Es dauert sehr lange, bis "Io Capitano" endlich zu dem Film wird, den Garrone verspricht: der den Menschen auf der Flucht eine Stimme gibt."

Mehr vom Festival: Auf der Zielgeraden hat tazler Tim Caspar Boehme nochmal viel Spaß mit Quentin Dupieuxs Groteske "Daaaaaali" und Giorgio Dirittis "Lubo", in dem der derzeit dauerpräsente Franz Rugowski mitspielt. Felicitas Kleiner liefert hier und dort im Filmdienst Notizen vom Festivalgeschehen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.09.2023 - Film

Nach dem Brandbrief (unser Resümee) von mittlerweile über 400 Filmschaffenden aus aller Welt - darunter namhafte Hollywood-Regisseure bis zu im Festivalbetrieb etablierten Künstlern - ist das Entsetzen über Claudia Roths Entscheidung, Carlo Chatrian als künstlerischen Leiter der Berlinale abzusägen, noch größer. Wie soll auf dieser Grundlage binnen weniger Wochen ein Nachfolger gefunden und das Festival mit Filmen bestückt werden? Egal wie man zu Chatrians Programmreformen für die Berlinale stehen mag, "derart schlechte Umgangsformen seitens der Dienstherrin ziemen sich nicht", findet Christiane Peitz, die im Tagesspiegel Claudia Roth diverse Debakel als Kulturstaatsministerin vorrechnet: "Roth beschädigt die Berlinale auch perspektivisch. Der Druck, unter dem die Nachfolge jetzt binnen weniger Monate geregelt werden muss, ist immens. Die Suche und die Verhandlungen mit geeigneten Kandidaten brauchen Zeit. Diese Zeit hat Roth verspielt, und den Ruf des Festivalstandorts gleich mit."

Nach der Ankündigung der Festival-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek, nach dem Jahrgang 2024 in Rente zu gehen, war Claudia Roth im Zugzwang, gesteht Andreas Kilb in der FAZ der Kulturstaatsministerin zu. Doch ihre Reaktion kam zu spät, zu ungelenk und brüskierte dann auch noch den gesamten Filmbetrieb - und das ohne eine naheliegende Nachfolge. "Dabei sind jene Multitalente, die ästhetisches Gespür mit filmpolitischem Instinkt, Bühnenpräsenz mit Geschick im Umgang mit Sponsoren vereinen und dazu noch einen Sinn fürs Finanzielle haben, so selten wie ein Sechser im Lotto. In Cannes und Venedig werden die Programmchefs von mächtigen Präsidenten flankiert, die ihnen Politiker wie Sponsoren gleichermaßen vom Leibe halten. Aber die Idee einer Präsidentschaft, unter deren Schutz der künstlerische Eigensinn der Filmfestspiele ebenso aufblühen könnte wie ihr filmischer Glamour, ist der Kulturstaatsministerin offenbar nicht gekommen. Stattdessen sucht sie nach dem großen Zampano für ein Festival, das seine Zampanos längst hinter sich gelassen hat."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte findet völlig unklar, wie Claudia Roth sich die Zukunft des Festivals vorstellt. Eine Trennung von Geschäft und Kunst soll es ja nicht mehr geben. Diese könne ja "nur bedeuten, dass Management-Entscheidungen den künstlerischen übergeordnet werden sollen. Diese Entwicklung lässt sich bei Filmfestivals international seit längerem beobachten. Ebenso wie die Filmförderung bereits weitgehend nach wirtschaftlichen Kriterien entscheidet, hat künstlerische Kompetenz auch bei Festivals immer weniger zu sagen. Dabei kann man jedes Jahr im französischen Cannes erleben, wie wichtig es ist, einem weltweit bewunderten Filmkenner wie Thierry Frémaux bei der cinephilen Arbeit zusehen zu können." Auch Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland, der mit Kritik an der Berlinale im Allgemeinen und an Carlo Chatrian im Besonderen noch nie zurückgehalten hat, findet das ganze Schauspiel zumindest stilistisch bodenlos. Die Kulturstaatsministerin "glaubt, sie könne alles selber. Aber Claudia Roth hat nur die Kraft zu zerstören, nicht aber neue Strukturen zu schaffen. Sie verschleppt ihre Aufgaben, ist ungeliebt in der Filmbranche wie in weiten Teilen ihrer eigenen Partei. ... . Nun stellen sich neue, wichtige Fragen: Was heißt Intendanz? Wer wird die Intendanz? Wer sitzt in der Findungskommission? Traut such das BKM zu einer öffentlichen Ausschreibung? Es besteht die Gefahr, dass Roth die Berlinale mit einem weiteren Fehlgriff zerlegt."

Weitere Artikel: Ach so, Filmfestival Venedig ist ja auch noch, aber die Kritiker sind allesamt mit der Berlinale beschäftigt. Rüdiger Suchsland schickt auf Artechock immerhin Notizen vom Festival, in der taz bespricht Tim Caspar Boehme Ava DuVernays "Origina", das auf Isabel Wilkersons Sachbuch "Kaste" beruht. Der frühere Filmproduzent Günther Rohrbach gratuliert in der SZ der Deutschen Filmakademie zum zwanzigjährigen Bestehen, die er bei aller Kritik, die regelmäßig daran geäußert wird, für eine gute Sache hält. Karsten Munt porträtiert für den Filmdienst den Filmemacher Ira Sachs, dessen aktueller Film "Passages" (unsere Kritik) aktuell läuft. Jakob Thaler fragt sich im Standard, wie der ohne Fördermittel entstandene Dokumentarfilm "Kurz" über Sebastian Kurz finanziert wurde. Tobias Mayer vom Tagesspiegel hat ein ganz mieses Gefühl dabei, dass in der neuen "Star Wars"-Serie "Ahsoka" reihenweise Schauspieler Leute spielen, die gerademal halb so alt sind wie sie selbst. Besprochen werden Christine Langs Dissertation über David Lynchs "Mulholland Drive" (Filmdienst), die Serie "The Bear" (NZZ) und die Netflixserie "One Piece" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.09.2023 - Film

Zack, das sitzt: Mittlerweile fast 400 namhafte Filmemacher aus aller Welt, darunter Martin Scorsese, Radu Jude, Maria Speth, Paul Schrader, Margarethe von Trotta und Christoph Hochhäusler kritisieren in einem offenen Brief Claudia Roth für ihren de facto Rausschmiss von Carlo Chatrian aus der Berlinale (hier und dort unsere Resümees). Sie werfen der Kulturstaatsministerin unprofessionelles Verhalten vor und fordern die umgehende Verlängerung von Chatrians Vertrag. "Der Brief bringt Claudia Roth in eine schwierige Situation", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt. "Sollte sie Chatrian nicht zurückholen, wird es nun extrem schwierig für sie, eine neue renommierte Leitung zu finden. Eine Kandidatin, hört man, habe schon vor dem Brief dankend abgesagt."

Fragmentierung der Körper: "The Sun Will Rise"

Zurück zum Filmfestival Venedig. Dort lief mit "The Sun Will Rise" ein unter klandestinen Bedingungen in Iran gedrehter Dokumentarfilm des in Berlin lebenden Regisseurs Ayat Najafi über eine Theaterproduktion in Teheran. Der Film wurde ohne Genehmigung gedreht und spart daher auch die Gesichter der Frauen aus. Zu sehen sind daher nur "Füße, Rücken, Hinterköpfe", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Die Frauen "proben ein Lysistrata-Stück und beziehen die Proteste auf den Straßen mit ein, auch deren gewaltsame Niederschlagung. Frauen, die sich den kriegführenden Männern verweigern: Das antike Aristophanes-Drama ist hochaktuell im Iran. ... Mit der zensurbedingten Fragmentierung der Körper lenkt die Kamera das Augenmerk auf die Körper der Freiheitskämpferinnen, auf ihre furchtlose Weigerung, sie zu verhüllen, und auf ihre Furcht vor den Folgen. Zugleich hinterfragt sie die eigene Position. Was lässt sich erzählen vom Unrecht, ohne die Opfer zu Schauwertzwecken auszubeuten? Wie lässt sich der Falle des Zuschauer-Tourismus entgehen? Was also vermag das Kino über die Solidarität aus sicherem Abstand hinaus?"

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Agnieszka Hollands "Green Border" (taz, FR, SZ), Timm Krögers deutscher Wettbewerbsfilm "Die Theorie von Allem" (Zeit), David Finchers "The Killer" (NZZ), Roman Polanskis "The Palace" und Woody Allens "Chance de Coup" (FAZ) und Sofia Coppolas "Priscilla" (SZ).

Abseits vom Lido: Kamil Moll schreibt auf critic.de über deutsche Beziehungskomödien der Neunziger, die in Frankfurt in einer Retrospektive zu sehen waren. Deren Kuratoren Carolin Weidner und Felix Mende haben im Dlf Kultur über ihre Reihe gesprochen. Fritz Göttler schreibt in der SZ zum Tod des italienischen Filmemachers Giuliano Montaldo.

Besprochen werden Alexei Uchitels im Berliner Kino Arsenal gezeigter Dokuemntarfilm "Rok" über Rockmusik in den letzten Jahren der Sowjetunion (Perlentaucher), Kyle Edward Balls viraler Low-Budget-Horrorfilm "Skinamarink" (taz, Perlentaucher, critic.de), Katharina Mücksteins "Feminism WTF" (taz), Mary Harrons "Dalíland" über Salvador Dalí (Tsp) und die auf einem populären Manga basierende Netflixserie "One Piece" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.09.2023 - Film

In Plüschgewittern: Sofia Coppolas "Priscilla"


Über Sofia Coppolas "Priscilla", der eben in Venedig lief, wird sich die Filmkritik nicht einig. Der Film erzählt, wie sich aus der Romanze zwischen Elvis und Priscilla Presley nach und nach ein Eheknast für sie entwickelt bis die Beziehung auseinander geht. Der Film "ist ein bisschen so, als ob eine Frau einer anderen eine Geschichte erzählt und die antwortet: Ich habe dich verstanden", schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ. "Rein filmisch betrachtet versickert 'Priscilla' im letzten Drittel einfach, bis nichts mehr da ist. Aber genauso ist diese Beziehung vielleicht zu Ende gegangen: mit einem liebevollen, traurigen Abschied, ganz still und leise. Sie ging dann einfach und lebte ihr Leben." Die Regisseurin "inszeniert das alles präzise, ohne es dem Zuschauer allzu penetrant unter die Nase zu reiben", schwärmt Jan Küveler in der Welt. "Es gibt wunderschöne Collagen, die im Zeitraffer eine Welt auferstehen lassen: aus porzellanem Schnickschnack auf dem Fenstersims, Grammofonen, Chevrolets, Haartollen, Friseursalons, Nagellack, schwarzen Dienstmädchen namens Alberta und einer katholischen Schule, auf der Nonnen unterrichten, die sich nur zu gern mit Elvis fotografieren lassen. ... Zu zeigen, wie junge Mädchen erwachsen werden, ist Coppolas Spezialgebiet, von den 'Virgin Suicides' über 'Bling Ring' bis zu 'Marie Antoinette'. Das Porträt Priscilla Presleys ist ein erneuter sensibler Triumph."

Tim Caspar Boehme von der taz hingegen ist nicht ganz so überzeugt: "Die Entwicklung Priscillas von einem entschlossen verliebten Mädchen zu einer jungen Frau, die schmerzvoll lernt, dass in dieser Konstruktion ein eigenes Leben für sie nicht vorgesehen ist, zeichnet der Film in eleganten Strichen. Eigentlich kein schlechter Entwicklungsroman, bei Coppola bleibt die Geschichte trotz guter Darbietungen der Hauptdarsteller Cailee Spaeny und Jacob Elordi trotzdem blass. Das Drama versackt in der sorgfältigen Ausstattung mit all ihrem Plüsch und den penibel akkuraten Kostümen."

Mehr vom Festival: "Wir haben es hier mit einer verkasperten Heldenreise zu tun", sagt Timm Krüger im ZeitOnline-Gespräch mit Anke Leweke über seinen Wettbewerbsbeitag "Die Theorie von allem". Im Freitag bilanziert Thomas Abeltsheuser die erste Hälfte des Festivals und bemerkt: das fantastische Kino hat Festivalkonjunktur - es wimmelt nur so vor Vampiren, Geistern und KI-Wesen.

Abseits vom Lido: Leopold Federmair berichtet für die NZZ aus Hiroshima, wo Christopher Nolans Filmkunst-Blockbuster "Oppenheimer" an alte Wunden rührt. Im Standard empfiehlt Bert Rebhandl die Sidney-Lumet-Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums. Besprochen wird Charly Hübners Komödie "Sophia, der Tod und ich" nach dem gleichnamigen Roman von Thees Uhlmann (taz),

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.09.2023 - Film

"Coup de Chance" von Woody Allen

Beim Filmfestival Venedig wurde Woody Allens in Frankreich entstandener und auf Französisch gedrehter "Coup de Chance" aufgeführt - wegen der (allerdings sehr umstrittenen) Vorwürfe gegen ihn, ist es ihm in den USA nicht mehr möglich, einen Film finanziert zu bekommen. Im aktuellen Film lässt ein Mann seine attraktive Ehefrau beschatten, weil er sie einer Affäre verdächtigt. Der Film "ist kein revolutionärer künstlerischer Akt, aber er zeugt von Allens unverminderter Fähigkeit, Geschichten ökonomisch zu erzählen, Milieus in wenigen Strichen zu zeichnen und Schauspieler zu führen", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt. "Fast spielerisch dunkelt Allen die Stimmung ein, lässt den Zufall - um den es in seinem Film viel geht - in das Geschehen eingreifen und schließlich eine Art Gerechtigkeit herstellen." Dieser "kleine Film will nicht mehr sein, als unterhaltsame Boulevardkomödie", hält Valerie Dirk im Standard fest, der Film entspricht Allens "altbekanntem Mischmasch aus Krimi-Komödie und redegewandtem Liebesdrama".

Andreas Scheiner von der NZZ hat sich mit Allen zum Gespräch getroffen, der auf den Wirbel um seine Person - in Venedig wird gegen Polanski, Besson und Allen im Festivalprogramm protestiert, zugleich wird in der Pressevorführung frenetisch applaudiert, wenn Allens Name im Vorspann auftaucht - sehr gelassen reagiert und die Möglichkeit lieber nutzt, "sich als Fürsprecher von #MeToo zu outen: 'Cancel-Culture ist etwas anderes als die #MeToo-Bewegung', sagt er. 'Cancel-Culture ist dumm. Die #MeToo-Bewegung ist nicht dumm. Die #MeToo-Bewegung tue eine Menge guter Dinge für Frauen, fügt Woody Allen hinzu. Einige Positionen, die sie vertrete, seien zwar zu extrem. Aber im Grunde habe die Bewegung viel bewirkt. Ganz anders die Cancel-Culture. Allerdings sei Amerika kulturell sowieso an einem Tiefpunkt. 'Die Filmindustrie, das Theater, schrecklich.' Aber auch an den Politikern sehe man den Kulturverfall, an allem. 'Wenn man gecancelt wird', so sagt Woody Allen, 'ist das die Kultur, aus der man gecancelt werden sollte."

Mehr vom Festival: Sofia Coppolas Biopic "Priscilla" über Priscilla Presley und Elvis ist laut Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche eher eine müde Angelegenheit: "Die Garderobe und Frisuren von Cailee Spaeny sehen zwar umwerfend aus, aber hinter den schönen Oberflächen bleibt eine große Leere." Dietmar Dath begeistert sich auf FAZ.net für Timm Krögers deutschen Wettbewerbsbeitrag "Die Theorie von allem": "Nichts passt zusammen. Alles ist aber zwingend. Die Gewalt, die es zusammenhält, geht von der Dunkelheit aus, die den Film langsam frisst." Tazler Tim Caspar Boehme erlebt mit Bertrand Bonellos "La bête" ein wahrhaftiges Biest von einem Film und eine "wüst um alle möglichen Kurven rasende Achterbahnfahrt durch emotionale Stimmungslagen von Romanze bis Psychothriller". Felicitas Kleiner (Filmdienst), Maria Wiesner (FAZ) und Rüdiger Suchsland (Artechock) resümieren die letzten Festivaltage.

Abseits vom Lido: Im Standard stellt Jakob Thaller den Filmemacher Sascha Köllnreitner vor, der mit seinem Porträtfilm über Sebastian Kurz in Österreich für Wellen sorgt. Besprochen werden Antoine Fuquas "The Equalizer 3" (Standard) und die Arte-Doku "Brainwashed - Sexismus im Kino" (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.09.2023 - Film

In einer ersten Mitteilung zum de facto Rausschmiss von Carlo Chatrian als künstlerischer Leiter der Berlinale hieß es noch, er stehe für eine Position im Team weiterhin zur Verfügung (unser Resümee). In einem persönlichen Statement auf der Festivalwebsite erklärt er nun seinen endgültigen Abschied: "Ich dachte, dass Kontinuität gewährleistet werden könnte, wenn ich weiterhin Teil des Festivals bliebe, aber in der neuen Struktur, so wie sie nun vorgestellt wurde, ist ganz klar, dass die Bedingungen für mich, als künstlerischer Leiter weiterzumachen, nicht mehr gegeben sind." Gegenüber Variety findet er noch deutlichere Worte: "Im März hatte ich ein Treffen mit Roth, bei dem wir uns darauf geeinigt haben, meinen Vertrag als künstlerischer Leiter zu verlängern. Offen geblieben war die Frage nach der Leitungsstruktur. Ich habe immer gesagt, dass andere Formen der Steuerung für mich in Ordnung sind, solange ich das Programm weiterhin frei gestalten kann." Diese Möglichkeit sehe er in der neuen Struktur nicht mehr gegeben.

Im Tagesspiegel ist Andreas Busche fassungslos angesichts dieser Entwicklung: Kulturstaatsministerin Claudia Roth "hat das Festival massiv beschädigt" und "einen international angesehenen Festivalleiter ohne Not demontiert. Um nicht zu sagen: brüskiert. ... Es steht zu vermuten, dass unter Roths Ägide die Berlinale programmatisch völlig neu ausgerichtet werden soll. Da ihr Haus über keinerlei Filmexpertise verfügt, ist Schlimmstes zu befürchten. Eine kleindeutsche Lösung." Eine noch ungelenkere Demontage wie diese können sich zwar auch Philipp Boverman und David Steinitz von der SZ nicht vorstellen. Rein der Sache nach finden Sie den Abbruch des Neustarts im Namen eine neuen Neustarts aber schon in Ordnung: Chatrian sitze lieber im Kino als zu netzwerken, finden sie. Von daher ist es schon "richtig, dass jetzt jemand ganz anderes ransoll. Lieber ein klarer Einschnitt als eine halbherzige Neumodellierung der Führungsspitze. Gerade angesichts der Probleme neben diesen Personalfragen braucht es jetzt jemanden, der mit Charme und eisernem Willen um Budget und Filme kämpft. Nur wer?"

Der Moskauer Schriftsteller Igor Saweljew gestattet in der FAZ einen Blick in die russischen Kinos, wo derzeit allerlei Propagandafilme die Leinwand bevölkern, von wo aus sie allerdings auf weitgehend leere Säle hinabblicken. Dann sollen die Filme eben im Fernsehen laufen, rufen bereits die Propagandisten. Saweljew erinnert dies alles an die Propaganda-Spielfilme aus der Stalinzeit, die der Diktator zu jedem wichtigen politischen Thema anfertigen ließ und zu denen er selbst die Skripte abnahm und bearbeitete. Heute fristen diese Filme ein Schattendasein auf Youtube. "Obwohl es im 21. Jahrhundert seltsam erscheint, übernimmt Putins Regime zunehmend diese Methodik. Nach siebzig Jahren kehrt der 'große stalinistische Stil' mit dokumentarischer Anmutung in die Kinos zurück - egal, ob diese leer bleiben. Dies ist das Geburtstrauma des russischen Kinos unter Putin: Vor zwanzig Jahren wurde ein System staatlicher Finanzierung eingeführt, das nicht verlangte, dass Geld aus dem Verleih in die Staatskasse zurückfließt. Der Staat gab für bestimmte Filme Geld, und wenn an der Kinokasse etwas eingenommen wurde, war das ein angenehmer Bonus für die Produzenten. So entstanden Filme, deren Qualität den Machern egal war, manchmal handelte es sich bloß um korrupte Geschäfte, und die Filme kamen gar nicht in den Vertrieb. Dieses Kinogenre namens 'Für Geld, nicht für den Vertrieb' wurde mit aktueller Ideologie und den 'richtigen Themen' gefüllt - denn die Staatsaufträge fürs Kino wandelten sich parallel zum Wandel der Regierungspolitik. So stieg das stalinistische Kino aus dem Grab wie ein Zombie."

"Die Theorie von Allem" von Timm Kröger (Neue Visionen)

Derweil geht das Filmfestival in Venedig weiter: Sehr beachtlich finden die Filmkritiker "Die Theorie von allem", den deutschen Wettbewerbsbeitrag von Timm Kröger, ein Pastichefilm aus Mystery-Thriller von Hitchcock bis Lynch und Bergdrama, inklusive Reise ins Multiversum. "Das Spiel mit Klischees und vertrauten Motiven aus der Filmgeschichte erzeugt eine Art Matrix aus Erinnerungsbildern, die zunehmend somnambuler und kryptischer anmuten", erklärt Andreas Busche im Tagesspiegel. Einen "berauschenden Detailreichtum" bezeugt FR-Kritiker Daniel Kothenschulte. "Es ist das Vorrecht der Kunst gegenüber dem Kunstgewerbe, für ihre Rätsel keine Lösungen anzubieten - und dadurch vielleicht sogar eine philosophische Ebene zu betreten. Obwohl es dem Film nicht an Humor fehlt, vermeidet Kröger den einfachen Weg der Ironie. Die epische sinfonische Filmmusik, für die mit Diego Ramos ebenfalls ein noch kaum bekanntes Nachwuchstalent verantwortlich ist - zeigt, wie ernst es Kröger mit dem klassischen Kino ist, das er nicht nur zitiert, sondern um eine eigenständige Position erweitert."

Roman Polanskis außer Konkurrenz gezeigte Sex-Farce "The Palace" lässt die Filmkritiker hingegen völlig fassungslos zurück. "Was hat solch eine Schmierenkomödie auf einem seriösen Festival zu suchen", ruft Andreas Busche im Tagesspiegel: "Unwürdiger kann eine große Karriere kaum enden." Polanski "begeht cineastisches Harakiri", stöhnt Susan Vahabzadeh in der SZ. Auch Zeit-Kritikerin Katja Nicodemus fragt sich, was einen früheren Meisterregiseur dazu bringt, "mit erwachsenen Schauspielern einen derart zynischen Kindergeburtstag zu veranstalten, ein ballermannhaftes Kammerspiel in Gstaad". Andreas Borcholte (Spon) musste dagegen lachen: "Zeitweise birgt 'The Palace' das Potenzial, eine subversive, antikapitalistische Bösartigkeit zu entfalten wie zuletzt in Ruben Östlunds Gesellschaftssatire 'Triangle of Sadness'. Doch Polanski lässt sogar einen bissigen Putin-Kommentar liegen, als im Fernsehen einmal kurz dessen erste Ansprache als neuer russischer Präsident zu sehen ist. Anscheinend genügt es ihm, der feinen Gesellschaft (und den Kritikern beim Festival) noch einmal leichtherzig einen Stinkefinger zu zeigen, statt seinen mutmaßlichen Abschied vom Kino moralinsauer und bitter zu begehen. Fair enough."

Besprochen werden aus dem Festivalprogramm außerdem Yorgos Lanthimos' Kritikerliebling "Poor Things" (Standard, taz, mehr dazu hier), David Finchers "The Killer" (Welt), Pablo Larraíns Pinochet-Film "El Conde" (FAZ) und die Kontroverse um die Nasenprothese in Bradley Coopers Bernstein-Biopic "Maestro" (Welt). Außerdem resümiert Felicitas Kleiner im Filmdienst die ersten Tage des Festivals.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.09.2023 - Film

Sie macht sich die Welt untertan: Emma Stone in "Poor Things" (Plakatmotiv)

Beim Filmfestival in Venedig gibt es mit Giorgos Lanthimos' "Poor Things" einen ersten Kritikerfavoriten. Die Frankenstein-Variante bedient sich sichtbar im Fundus der Horrorklassiker der Universal Studios, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel, und zwar "für eine zeitgemäße und auf verschlungenen Nebenpfaden immer wieder verblüffend derangierte Parabel auf den freien (weiblichen) Willen in einer patriarchalen Gesellschaft." Ein Ereignis dabei: Emma Stone in der Rolle des weiblichen Monsters! Sie "beweist erneut, dass der beißend-trockene Humor des griechischen Regisseurs - mal skurril, mal viszeral in den Eingeweiden wühlend - ihr in den höheren Registern ihres Spiels die herrlichsten Gesichtsentgleisungen entlockt: ob beim Sex mit einer Gurke oder im Moment der Erkenntnis, dass im Leben Grausamkeit und Schönheit einander bedingen."

Auch SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh hatte Freude: "Eine Kindfrau, noch dazu eine ausgesprochen lüsterne - das ist natürlich eine Männerfantasie, die Lanthimos hier durchspielt, in gnadenloser Konsequenz, und die ist: Frauen haben ihren eigenen Willen. ... Wie Bella auf dem Weg ins Erwachsensein die ganze Welt zu begreifen lernt, das Zusammenspiel von Elend und Reichtum, von Macht und Ohnmacht, und wie sie sich alles untertan macht: Das ist fantastisch gespielt, und Lanthimos hat mit ungeheurem Feingefühl witzige Dialoge, rührende Bekenntnisse und surreale Eskapaden dosiert." NZZ-Kritiker Andreas Scheiner legt sich früh im Festival fest: "Aus dem Body-Horror erwacht verschmitzt eine feministische Erweckungsgeschichte, fantastisch opulent, unverschämt komisch. Im Wettbewerb um den Goldenen Löwen wird Yorgos Lanthimos schwer zu schlagen sein."

Mehr vom Festival: Jan Küveler sah für die Welt Luc Bessons "Dogman", aber auch "Bastarden mit Mads Mikkelsen und einen neuen Kurzfilm von Wes Anderson. Jakob Thaller porträtiert im Standard den US-Schauspieler Adam Driver, der sich als einer der wenigen seiner streikenden Zunft in Venedig blicken lassen darf, weil sein Film "Ferrari" (unser Resümee) unabhängig entstanden ist. Außerdem besprechen Tim Caspar Boehme (taz) und Marian Wilhelm (Standard) den Film.

Abseits vom Lido: Hanns-Georg Rodek erinnert in der Welt an den Filmarchitekten Robert Herlth. Marc Zitzmann durchmisst für "Bilder und Zeiten" der FAZ das französische Banlieue-Kino. Elmar Krekeler erzählt in der WamS von dem Tag, den er mit dem Kameramann und Regisseur Ngo The Chau verbracht hat. Außerdem spricht Gunnar Meinhardt in der WamS mit dem hierzulande kaum bekannten deutschen Schauspieler Eric Braeden, der in den USA aber ein Seifenopern-Star ist. Besprochen werden Panah Panahis in Österreich startende, iranische Roadmovie-Komödie "Hit The Road" (Presse), die auf Netflix gezeigte Realverfilmung des japanischen Erfolgs-Manga "One Piece" (Tsp) und die Serie "Shelter" nach dem Roman von Harlan Coben (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.09.2023 - Film

Zwei Paukenschläge im deutschen Filmgeschehen - der erste, lautere: Carlo Chatrians Vertrag bei der Berlinale endet nach 2024. Das Doppelspitzenmodell ist Geschichte, ab 2025 gilt wieder das Intendantenprinzip wie zu Kosslicks Zeiten. Chatrian selbst hat "konstruktive Gespräche" mit der neuen Leitung angekündigt, um "eine künftige Rolle im Team der Berlinale" einzunehmen - etwa als Kurator. "Das sonst in solchen Zusammenhängen gebräuchliche Wort einvernehmlich fällt nicht, aber es bedarf keiner allzu großen Interpretationskunst, in diesem Fall von einem Rauswurf zu sprechen", schreiben Harry Nutt und Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Die Rückkehr zum Intendantenprinzip findet Christiane Peitz im Tagesspiegel sehr erstaunlich, auch nimmt sie es Claudia Roth nicht ab, dass sie das Festival stärken wolle. "Stärkung? Roth lässt die wegen Kostensteigerungen, Inflation und krisenbedingter Zurückhaltung der Sponsoren in finanzielle Nöte geratene Berlinale alleine, der Zuschuss seitens des Bundes (10,7 Millionen Euro, ein gutes Drittel des Budgets) wird nicht erhöht. ... Schon als Rissenbeek bekannt gab, dass sie ihre Amtszeit im März 2024 beenden wird, drängte die Zeit. Die Leitung eines großen internationalen Filmfestivals ist schwer zu besetzen, dass Roth sich bis jetzt Zeit genommen hat, um die Strukturfrage zu klären, grenzt an Fahrlässigkeit". Dass Chatrian de facto abgesägt wird, ist Hanns-Georg Rodek von der Welt spürbar recht, bedauerlich findet er nur, dass es wohl keine Ausschreibung geben wird: "Darin hätte man festschreiben können, dass der/die Neue des Deutschen in Schrift und Sprache mächtig sein muss."

Der zweite, etwas leisere Paukenschlag: Die Deutsche Filmakademie verschreibt sich ein neues, etwas komplizierteres Auswahlverfahren zur Vergabe der Lolas - wohl auch, um eine Wiederholung des Fiaskos der Nicht-Nominierung von Christian Petzolds von Kritik, Festivaljurys und Publikum gefeiertem Film "Roter Himmel" in diesem Jahr zu vermeiden. "Eine vorgeschaltete Kommission hatte 31 Filme auf die Liste der Werke gesetzt, über die die Mitglieder der Filmakademie bei der Vergabe der Lolas 2023 entscheiden durften - aber Petzolds Drama war nicht dabei gewesen", erinnert sich Hanns-Georg Rodek in der Welt. Jetzt sollen alle eingereichten Filme via statistischer Verteilung direkt durch die Akademie-Mitglieder gesichtet werden. Jedes Mitglied erhält eine zugelotste Liste von zehn Filmen, sodass jede Einreichung von mindestens hundert Mitgliedern gesehen wird. "Dieses Prinzip der individuellen Zulosung kommt auch bei der Wahl der Oscars und BAFTAS bereits seit mehreren Jahren zum Einsatz", erklärt Claudia Reinhard im Tagesspiegel.

Altmodisch, ohne restaurativ zu wirken: "Ferrari" von Michael Mann

Das Filmfestival Venedig geht derweil weiter. Gezeigt wurde etwa Michael Manns seit 30 Jahren in Planung befindliches Biopic über Enzo Ferrari. Andreas Busche freut sich im Tagesspiegel über die Rückkehr des Hollywood-Auteurs, dessen Filme in immer größeren Abständen entstehen. "'Ferrari' besitzt bereits die Charakteristika eines Spätwerks, ein überaus agiles allerdings, das noch einmal Manns zentrales Motiv aufgreift: Männer in ständiger Bewegung, von ihrer Arbeit getrieben. Adam Driver als Enzo Ferrari ist dahingehend eine fast kontraintuitive Wahl, weil sich sein Spiel jeder äußeren Dynamik verweigert. Im Actionkino (das 'Ferrari' neben einer Charakterstudie eben auch ist) verkörpert er die Trägheit der Masse, was eine interessante Binnenspannung herstellt. ... "Ferrari" ist domestiziertes Männerkino: Alles dreht sich um das 'Metall', in dem Enzo seine Fahrer in Rennen auf Leben und Tod schickt, aber diesem Stahlkörper wohnt auch eine selbstverschuldete Tragik inne. Das ist auf klassische Weise altmodisch, ohne restaurativ zu wirken." Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek hat Freude an einem diesem "konventionellen, saftigen, melodramatischen Hollywood-Plot". Erstaunlich findet ZeitOnline-Kritikerin Anke Leweke, dass "ausgerechnet die Rennszenen auf Dauer ermüdend wirken."

Pinochet als Vampir: "El Conde" von Pablo Larraín

Tim Caspar Boehme sah für die taz am Lido Pablo Larraíns Groteske "El Conde" über Pinochet, der hier "ein Untotendasein als Vampir" auf einer Ranch pflegt und sich einen Exorzismus wünscht, um endlich sterben zu können. "Das Ganze präsentiert sich als Satire in Schwarz-Weiß, wobei man die Farbe eher als Grau in Grau charakterisieren müsste. ... Schrecken soll bei Larraín mit Schrecken ausgetrieben werden, ergänzt um eine Komik, deren Bitterkeit weniger wütend als zynisch wirkt. Die Abrechnung mit Pinochet gerät darüber etwas zahnlos."

Außerdem: Valerie Dirk spricht für den Standard mit Franz Rogowski über dessen neuen, in FAZ und bei uns besprochenen Film "Passages" von Ira Sachs. Im Tagesspiegel empfiehlt Fabian Tietke eine Reihe des Berliner Kinos Arsenal zu den Tauwetter-Jahren des sowjetischen Kinos. Für den Filmdienst unterzieht Joachim Valentin Lars von Triers "Antichrist" einer theologischen Re-Lektüre. Besprochen werden Josh Greenbaums Komödie "Doggy Style" (Standard, Filmdienst), Charly Hübners "Sophia, der Tod und ich" (Welt), Stephen Frears' "The Lost King" (TA) und die neue "Star Wars"-Serie "Ahsoka" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.08.2023 - Film

Weit entfernt von Pazifismus: "Comandante" von Edoardo De Angeli

Die Filmfestspiele Venedig haben mit Edoardo De Angelis' italienischem Weltkriegsdrama "Comandante" begonnen. Im Mittelpunkt der auf einer wahren Begebenheit basierenden Netflix-Produktion steht ein italienischer U-Boot-Kapitän, der ein belgisches U-Boot erst abschießen und dann dessen Mannschaft retten lässt - wofür er zuhause angefeindet wurde. FAZ-Kritiker Dietmar Dath stöhnt im Kinosaal zuweilen heftig auf: "Der Film ist handwerklich hübsch (Explosionen hinter Quallen! Zeug, das vielsagend verschwimmt! Punktgenau zusammengeschweißte Dramaturgie, kein Teil ist unnütz, keine Szene vertan!) und politisch unter aller Kanone (die beiden einzigen Gestalten, die der Erzählgang explizit ethisch verurteilt, sind zwei antifaschistische Saboteure). Das Resultat wirkt auf verwaschene Weise zeitgemäß (De Angelis stellt seinem Drama ein Motto voran, das daran erinnert, dass sowohl Ukrainer wie Russen letztlich Menschen sind, wer hätte das gedacht?)." Gennaro Sangiuliano, dem Kulturminister der "postfaschistischen" Meloni-Regierung, dürfte dieser Film wohl gut gefallen, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Jedenfalls ist der Film "weit entfernt von pazifistischen Inhalten", sondern entspricht jener "Sorte Film, bei der ein dem Tod geweihter Taucher gerade noch das U-Boot rettet, bevor er sterbend einen inneren Monolog über Meerjungfrauen hält. ... Einen solchen Film kann man sich nur aus einem Land vorstellen, in dem Faschismus für die Menschen, die es regieren, kein Schimpfwort mehr ist." Auch tazler Tim Caspar Boehme findet "das mantraartige Beschwören der italienischen Identität und das Kleinreden des Faschismus zugunsten der Seemannskultur" vor dem Hintergrund der aktuellen italienischen Politik "höchst zweifelhaft."

Die Welt-Kritiker Jan Küveler und Hanns-Georg Rodek führen eine Diskussion über "Comandante": Küveler sieht zwar auch "eine Neigung zur Geschichtsklitterung, aber nur in Spurenelementen". Ist das also ein "Faschisten-Rehabilitations-Movie", fragt sich Susan Vahabzadeh in der SZ. Und schreibt weiter: "Etwas komplexer ist die Sache dann aber doch", denn "eigentlich geht es natürlich um Flüchtlingsboote. Und es fällt auch irgendwann der Satz, dass man, wo man politisch auch steht, als Italiener seine Mitmenschen grundsätzlich nicht ertrinken lässt."

Zeit-Kritikerin Katja Nicodemus empfiehlt in ihrem Vorabartikel zum Festival den preisgekrönten Darsteller am Ende des Festivals, sich zu weigern, "den Preis für die beste männliche und weibliche Hauptrolle entgegenzunehmen: die Coppa Volpi, benannt nach dem faschistischen Politiker, Mussolini-Vertrauten und Unternehmer Giuseppe Volpi, der 1932 die Biennale mitbegründete".

Übermächtige Gewalt: "Motherland"

Zurück zum aktuellen Kinogeschehen in Deutschland: Tief beeindruckt bespricht FAZ-Kritiker Bert Rebhandl (online nachgereicht) Alexander Mihalkovichs und Hanna Badziakas Dokumentarfilm "Motherland", der auf so behutsame wie eindrückliche Weise die Hölle der Gewalt beobachtet, durch die das belarussische Militär seine junge Rekruten schickt. Rebhandl beobachtet Szenen, "die beinahe deckungsgleich sind mit 'Courage' von Aliaksei Paluyan, dem großen Dokumentarfilm über die Demokratiebewegung in Belarus. ... Von der Ukraine aus, wo 'Motherland' entscheidende Phasen seiner Fertigstellung durchlief, kann man nur sagen: Dies ist das System, aus dem sich das Land befreien wollte, in das der Krieg der Russischen Föderation es zwingen will. In einer Situation wie der gegenwärtigen, in der unentwegt über Marschflugkörper, Kampfflugzeuge, Artillerieproduktion zu reden ist, braucht es auch immer wieder Orientierungsmarken, die deutlich machen, worum es eigentlich geht. Belarus hatte seit jeher ein wichtige Rolle in diesem Krieg. 'Motherland' macht nun einerseits deutlich, wie übermächtig die Gewalt ist, gegen die es nach Strategien zu suchen gilt."

Weitere Artikel: Patrick Heidmann spricht für die taz mit Ira Sachs über dessen neuen (im Perlentaucher und in der FR besprochenen) Film "Passages" (mehr dazu bereits hier). Mit dem Hauptdarsteller Franz Rogowski , der sich auch eine Karriere als Zahnarzt vorstellen kann, wenn nur genügend Leute ihm dazu raten, hat Juliane Liebert für die SZ gesprochen. Jörg Taszman schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Filmproduzenten Claus Boje.

Besprochen werden Barbet Schroeders derzeit nur auf Festival gezeigter "Ricardo et la Peinture" ("ein kleiner, freundlicher Film", schreibt Patrick Holzapfel im Perlentaucher), Sönje Storms "Die toten Vögel sind oben" (Filmdienst), Charly Hübners "Sophia, der Tod und ich" (Filmdienst), Yuji Nakaes "Das Zen-Tagebuch" (Filmdienst) und Matthias Luthardts "Luise" (taz). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.08.2023 - Film

Heute beginnt der 80. Jahrgang des Filmfestivals Venedig - aufgrund des Streiks werden kaum Stars aus Hollywood auf dem roten Teppich zu sehen sein. Ausnahmen bilden jene Schauspieler, die in unabhängig von den großen Studios entstandenen Produktionen auftreten. "Diese Strategie soll also zeigen, dass es ein Kino ohne Großkonzerne gibt - und darin steckt die bittere Erkenntnis, dass es nicht mal mehr Festivals ohne Großkonzerne gibt, obwohl die sich doch der Filmkunst verschrieben haben", schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ. "Das rührt an ein Grundproblem, das eben gar nicht so viel mit den großen Festivals in Cannes, Berlin oder Venedig zu tun hat, sondern mit dem normalen Betrieb: Das Kino wurde, wie der Rest der Welt ja auch, von einer wachsenden Ungleichheit erfasst. Einerseits spielen Kassenknüller wie 'Barbie' gleich rekordverdächtige Milliarden ein und werden von vielen Millionen Zuschauern angesehen. Andererseits sind aber die Zuschauerzahlen in den Kinos gar nicht gewachsen, in vielen Ländern gar gesunken, in Deutschland von mehr als 170 Millionen Besuchern im Jahr 2001 auf etwas mehr als 74 Millionen 2022."

Dennoch "strotzt das Line-up vor Hollywood-Power", es mutet gar "fast wie ein Heimspiel des amerikanischen Kinos an", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "So lässt sich an diesem Jahr auch sehr gut das Kräfteverhältnis zwischen Hollywood und dem Venedig Filmfestival beobachten, das von der US-Industrie als Startbahn für die kommende Oscar-Saison benutzt wird. Nur ein Studio, Paramount, hat seinen Film zurückgezogen, weil eine Weltpremiere ohne Stars - vor dem Hintergrund eines Streiks, der sich noch sehr lange hinziehen könnte - werbetechnisch vielleicht doch nicht so viel Sinn ergibt. Luca Guadagninos Tennis-/Beziehungsdrama 'Challengers' mit Zendaya und Josh O'Connor hätte das Festival ursprünglich eröffnen sollen, stattdessen läuft an diesem Mittwochabend nun der italienische U-Boot-Kriegsfilm 'Comandante' von Edoardo De Angelis."

Wer auf Skandale schielt, wird auch in diesem Jahr von Venedig versorgt, glaubt Marian Wilhelm im Standard: "Der langjährige Festivaldirektor von Venedig, Alberto Barbera, provoziert auch mit 73 Jahren gerne. Heuer hat er gleich drei Filmemacher nach Venedig eingeladen, die anderswo unerwünscht sind: Luc Besson, Roman Polański und Woody Allen." Auch wenn die Hollywoodstars weitgehend fernbleiben, gibt es doch ausreichend europäische Stars auf dem Teppich zu sehen, beruhigt Tim Caspar Boehme in der taz. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte hält vor allem Rückschau auf die Glanzleistungen des Festivals.

Weitere Artikel: In der taz empfiehlt Andreas Hartmann eine dem Regisseur Bent Hamer gewidmete Retrospektive in Berlin. Im Freitag schreibt Michael Töteberg einen Nachruf auf Werner Grassmann, der mit dem Abaton in Hamburg einst das Konzept des Programmkinos erfand. Marc Hairapetian plaudert für die FR mit der Schauspielerin Anna Maria Mühe über ihren neuen Film, Charly Hübners (im Standard besprochenes) Spielfilm-Regiedebüt "Sophia, der Tod und ich" nach dem gleichnamigen Roman von Thees Uhlmann.

Besprochen werden Joanna Hoggs "The Eternal Daughter" mit Tilda Swinton (ZeitOnline), Ira Sachs' "Passages" (Tsp, mehr dazu hier), Antoine Fuquas "The Equalizer 3" (Filmdienst) und das Spielfilmdebüt "Hit the Road" von Jafar Panahis Sohn Panah Panahi, das allerdings vorerst nur in Österreich startet (Standard).