Martin Scorsese, 2010 (Foto: Siebbi, CC BY 3.0) MartinScorsese wird 80 Jahre alt. "Ein Gefühl der Reinheit" stellt sich bei SZ-Kritiker Tobias Kniebe ein, wenn er voller Ehrfurcht auf dessen Gesamtwerk blickt. "Hat sich der Mann je bloß strategisch für eine Regiearbeit entschieden, um ein Franchise zu melken oder seine Machtposition im jeweils gültigen System zu stärken? ... Der leidenschaftliche Marvel-Kritiker Scorsese blieb standhaft ein Mann des brillanten Einzelstücks." Doch "anders als die großen Autorenfilmer schmort er nicht nur im eigenen Saft. Wer Schauspieler entfesseln kann wie er, wer die Sprache von Kamerabewegung, Schnitt und Musikeinsatz so dermaßen zu seiner Muttersprache gemacht hat, muss nicht auch noch brillante Dialoge schreiben können. So ist Scorsese die klassische Definition des Regisseurs, der große Autoren wie PaulSchrader neben sich existieren lässt. Wer sonst erlaubt so was noch?"
Als Meister der konfliktreichen Kollaboration feiert ihn auch Claudius Seidl in der FAZ - und als katholischenFilmemacher: Er ist zwar "nicht unbedingt gläubig, nicht kirchentreu. Aber überzeugt davon, dass die Sünden, bevor sie vergeben werden, erst einmal begangen werden müssen. Und dass man davon erzählen soll. Beichten sind das allerdings nicht, wenn Scorsese seine Helden beim Sündigen zeigt - eher Verführungen. ... Katholisch sind diese Filme auch, weil Wortwörtlichkeit ihnen nichts gilt; Sprache ist Klang und Rhythmus, es sind die Bilder, über deren Betrachtung man im Glücksfall zur Erkenntnis gelangt."
Patrick Holzapfel wirft im Filmdienst epische 80 Schlaglichter auf Scorsese und kommt schließlich erschöpft zu dem Schluss: "Dieses Kino bedeutet etwas. ... Es hat sich in ein kulturelles Gedächtnis eingeschrieben mit seiner schieren Wucht und Liebe für das, was es zu leisten im Stande ist. Egal, ob man viel oder wenig mit den Filmen Scorseses anfangen kann; wer auch nur ein Fünkchen an dieses Medium, an diese Kunstform glaubt, wird an diesem Mann nicht vorbeikommen. Ein ewiger Stürmer und Dränger, der größte lebende Filmemacher.", vor dem sich im Dlf auch der Filmhistoriker Rainer Rother in Form eines Radioessays verneigt. ARD und ZDF haben den Geburtstag des Filmemachers für ihre Mediatheken gründlich verschlafen, Arte hat pro forma ein kleines Filmchen aus dem Jahr 2013 über Scorseses Vorspänne aus dem Archiv geholt.
"Der weltweit vorbildliche Filmcluster am Potsdamer Platz steht vor dem Exitus", schreiben Hanns-Georg Rodek und Katharina Dockhorn in der Welt mit Blick auf die Berlinale: Das Filmhaus muss demnächst geschlossen seine Räumlichkeiten verlassen, das große CineStar-Kino ist längst geschlossen, nur der "Berlinale-Palast" als Austragungsort für den Wettbewerb hat seinen Vertrag bis 2029 verlängern können. Ein Neubau beim Gropiusbau für das Filmmuseum wird wohl erst Ende des Jahrzehnts etwas und zu allem Unglück hat das CinemaxX am Potsdamer Platz, als letztes verbliebenes Kino für öffentliche Vorführungen "elektrisch verstellbare Luxus-Ledersessel eingebaut und somit die Sitzkapazität des Hauses halbiert. ... Aus all diesen Provisorien droht ein Dauerzustand zu werden. Es ist leider klar, dass der zwei Jahrzehnte gelebte Traum von einer Berlinale der kurzen Wege endgültig vorbei und das einzigartige Filmquartier am Potsdamer Platz verloren ist."
Radikales Formenerfinden: "Inu-Oh" von Masaaki Yuasa MasaakiYuasa gelingt mit seinem Animationsfilm "Inu-oh" der Spagat, aus seiner magisch angehauchten Geschichte im Japan der Vormoderne eine "psychedelischeRockoper" zu gestalten, freut sich Lukas Foerster im Perlentaucher. Den Filmemacher würdigt er als einen "unermüdlichen Erfinder von Formen, der, mit einem schier unglaublichen Arbeitstempo, sowohl Lang- als auch Kurzfilme und außerdem noch regelmäßig ganze Fernsehserien inszeniert." Doch "nachdem er zuletzt, auf freilich betont eigensinnige Art, mit dem Mainstream flirtete - und im Zuge dessen mit 'Lu Over the Wall' (2017) eine der schönstmöglichen Hommagen an die Filme der Ghibli-Studios verantwortete - kehrt er mit 'Inu-Oh' wieder zur Radikalität seines frühen Meisterwerks "Mind Game" (2004) zurück. Die Bilder selbst sind immer frei bei Yuasa. In seinem neuen Film fallen auch wieder die narrativen Rahmungen weg, die sie in einigen seiner anderen Arbeiten zwar nicht bändigen, aber doch kanalisieren. ... Erzählen als permanentes Überschreiben der Erzählung - das ist der Kern des Films, zu dem 'Inu-oh' vorstößt." Weitere begeisterte Kritiken in taz, critic.de, Artechock und epdFilm.
Weitere Artikel: Fiona Berg resümiert für critic.de die DuisburgerFilmwoche. Bert Rebhandl empfiehlt dem Wiener Publikum im Standard die Retrospektive PeterSchreinerim Filmarchiv Austria. In der FRerinnert Daniel Kothenschulte an AstaNielsen. Welt-Kritiker Matthias Heine erkennt im neuen, von TaikaWaititi inszenierten und mit DanielCraig prominent besetzten Wodka-Werbespot nicht nur seinen eigenen Style wieder, sondern auch die Zeit seiner Jugend in den Achtzigern.
Besprochen werden AlejandroGonzálezIñárritus "Bardo" (taz), neue Porträtfilme über LeonardCohen und ElfriedeJelinek (FR, Nachtkritik), KarolineHerfurths romantische Komödie "Einfach mal was Schönes" (es "stellt sich immer wieder jene Leichtigkeit ein, die Prinzip und Ziel aller guten Komödien ist", freut sich Bert Rebhandl online nachgereicht in der FAS, SZ), TilmanKönigs Dokumentarfilm "König hört auf" über den gegen Neo-Nazis engagierten Pfarrer LotharKönig (Tsp), die von den "Dark"-Machern produzierte Netflix-Serie "1899" (ZeitOnline), MarkMylods Satire "The Menu" (Standard) und die DVD-Ausgabe von LilithKraxners und MilenaCzernowskys Debütfilm "Beatrix" (taz).
Im SZ-Gespräch plädiert die Schauspielerin und Regisseurin Karoline Herfurth dafür, weiblicheSexualität im Kino authentisch zu erzählen und den erzählerischen Korridor für alternativeFamilienentwürfe zu weiten. Auch die elternunfreundlichenArbeitsbedingungen beim Dreh sind ihr ein Dorn im Auge: "Meine Produzenten sind sehr wachsam in dieser Hinsicht, sowohl was den Gender-Pay-Gap und die Gleichbehandlung angeht als auch familienfreundlichere Arbeitsbedingungen." Bei ihrem letzten Film wurde "ein Modell ausprobiert, bei dem man nach einer Fünftagewoche immer eine ViertagewocheimWechsel macht, sodass man alle zwei Wochen drei Tage am Stück für die Familie hat. ... KürzereDrehtage wären auch eine Option. Man muss aber auch sagen: Es ist immer eine Budgetfrage, denn das verlängert die Dreharbeiten, und das wiederum kostet viel Geld."
Besprochen wird ChristopheCotteretsvon Arte online gestellte Doku "Terror in Paris: Chronik einer Fahndung" (taz).
Kollidierende Glaubenssysteme: "Das Wunder" (Netflix) Thomas Abeltshauser spricht in der taz mit dem chilenischen Regisseur SebastiánLelio, der sich in seinem neuen, auf Netflix gezeigten Film "Das Wunder" (nach dem gleichnamigen Roman von EmmaDonoghue) mit einer streng gläubigen Gemeinde auseinandersetzt. Gleich zu Beginn bricht der Regisseur mit einem Brecht'schen Verfremdungseffekt das Realitätsgefüge seines Films: "Es geht in 'Das Wunder' darum, wie Glaubenssysteme kollidieren, Wissenschaft versus Aberglauben, und Fakten infrage gestellt oder schlicht negiert werden. Und ich wollte den Film selbst als Teil des Problems markieren. Das Publikum soll sich nicht in der Geschichte und den Figuren verlieren, sondern den Film als Konstrukt wahrnehmen. Ich will, dass man sich als Zuschauer*in bewusst ist, dass es eine Illusion ist. Was glauben wir, nicht nur im Film, sondern im Leben allgemein?"
Besprochen werden DavidCronenbergs "Crimes of the Future" (Jungle World, unsere Kritik hier) und QuentinTarantinos Filmbuch-meets-Memoir "Cinema Speculation" (Filmdienst).
"Unrecht und Widerstand" von Peter Nestler Fabian Tietke resümiert in der taz die Duisburger Filmwoche im ersten Jahrgang unter dem neuen Leiter AlexanderScholz, dem er "Mut zu politischen Akzenten" bescheinigt, der in seiner Auswahl aber auch "mehr Mut zu Formexperimenten" haben könnte. Dennoch sehr beeindruckt hat den Kritiker PeterNestlers "Unrecht und Widerstand". Der "imposante Film entfaltet anhand der Familiengeschichte von Romani Rose die Geschichte der Bewegung für die Rechte von Sinti und Roma in Deutschland, die zur Etablierung des Zentralrats führte. Ausgehend von der Verfolgung von Roses Großvater, der als Besitzer eines mobilen Kinos in Hessen früh ins Visier der Nationalsozialisten geriet, macht der Film die Traditionslinien der Verfolgung von Sinti und Roma sichtbar, die aus der Zeit vor 1933 in den Nationalsozialismus überdauerten. ... Nestlers Film bedient sich bewusst einer zurückgenommenen Form, die seinen Protagonist_innen den Raum gibt, der ihnen lange vorenthalten wurde." Bereits im Sommer besprach Patrick Holzapfel den Film für den Filmdienst.
Außerdem: Die SZ spricht mit der deutschen Schauspielerin FlorenceKasumba über deren Mitarbeit am neuen "Black Panther"-Blockbuster und ihre Forderungen nach mehr Diversität im deutschen Film. Simon Strauß (FAZ) und Margarete Affenzeller (Standard) würdigen den Schauspieler OskarWerner, der vor 100 Jahren geboren wurde. Besprochen wird die Serie "Memorial Hospital" (ZeitOnline).
"Meinen Hass bekommt ihr nicht" Das franzöische Kino arbeitet die Anschläge aufs Bataclan in einer ganzen Reihe von Filmen auf. In der FAZ beugt sich Marc Zitzmann über drei von ihnen, CédricJimenez' Polizeithriller "Novembre" (unser Resümee) befasst sich sehr konkret mit dem Anschlag, Alice Winocours "Revoir Paris" und Mikhaël Hers' "Amanda" (von 2018) befassen sich über Bande in Form fiktiver Terroranschläge damit. Insbesondere letztgenannter Film "ist ein kleinesJuwel. Aber der eigentliche Wurf zu der langen Reihe von Attentaten, die Frankreich in den letzten zehn Jahren heimgesucht haben, wurde bereits 2010 konzipiert und im Sommer vor dem 13-Novembre gedreht. BertrandBonellos'Nocturama' handelt nicht von Dschihadisten, sondern von Nihilisten (die klar dem linken Extrem zuneigen). Aber der seherische Film nimmt Szenen vorweg, die man im November 2015 exakt so erlebt hat. ... Das größte Verdienst von 'Nocturama' ist es indes, eine zu Interpretationen, ja zu hitzigen Diskussionen anregende politische Rätselbotschaft in morbid schöne Bilder von toxischer Sinnlichkeit zu zwingen, die ein ebenso schlichter wie mächtig strukturierter Erzählbogen zusammenhält."
Mit KilianRiedhofs "Meinen Hass bekommt ihr nicht" gesellt sich ein weiterer (allerdings deutsch co-produzierter) Film zu diesem Komplex, schreibt Philipp Stadelmaier auf ZeitOnline. Der Film basiert auf AntoineLeiris' gleichnamigem autobiografischen Roman, in dem der Autor verarbeitet, dass seine Frau bei dem Anschlag auf das Bataclan ums Leben kam. "Der Film wie auch sein Protagonist verwehrt sich dagegen, diese Emotionen zur politischenInstrumentalisierung freizugeben. Leiris schwört sich, das Kalkül der Terroristen ins Leere laufen zu lassen. ... Bei aller Rührseligkeit, die der Film mit sich bringt, vermeidet Riedhof doch jedes übertriebene Pathos. Er umschifft die Gefahr einer reinen Helden- und Erfolgserzählung." Letzten Endes "steuert der Film auf eine schmerzhafteAmbivalenz zu. Ein Sieg gegen die Kräfte der Finsternis erscheint darin durchaus möglich. Doch das Bollwerk gegen den Hass ist gleichzeitig ein Mausoleum für eine Tote, und eine Festung der Einsamkeit."
Außerdem: In der tazspricht der Schauspieler UwePreuss über seine Arbeit. Besprochen werden MichelangeloFammartinos Höhlenfilm "Il Buco" (Tsp, mehr dazu bereits hier), DavidCronenbergs "Crimes of the Future" (Standard, unsere Kritik, mehr dazu hier), die BBC-Dokuserie "Traumazone" über den Niedergang der Sowjetunion (Tsp), die fünfte Staffel von "The Crown" (NZZ), die Netflix-Weihnachtsschmonzette "Falling for Christmas" mit LindsayLohan (Presse), die Serie "Gefährliche Liebschaften" (Freitag), die ARD-Serie "Lamia" (FAZ) und die Amazon-Serie "Die Discounter" (FAZ).
Phänotypische Vielgestaltigkeit: Elfriede Jelinek in jungen Jahren (Farbfilm Verleih) Mit ihrem Porträtfilm "ElfriedeJelinek - Die Sprache von der Leine lassen" collagiert sich ClaudiaMüller durch das Leben der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin und überlässt dieser dabei "ganz das Wort", schreibt Esther Buss im Filmdienst. "Die Sprache steht im Zentrum des Films, sie bekommt ihren Raum, wird ausgestellt und in Bilder hineingestellt, die sich weniger illustrativ als atmosphärisch mit dem Gesprochenen verbinden: Familienfotos, 8-mm-Aufnahmen aus den 1950er- und 1960er-Jahren, die in Filmclub-Archiven in der Steiermark gefunden wurden, aber auch historisches und neu gedrehtes Bildmaterial zu den schockierenden Ereignissen, die Eingang in Jelineks Texte fanden. ... Immer wieder sieht man auch Naturbilder, touristische Szenen, schneebedeckte Wälder, blühende Wiesen. Die Zombies sind bei Jelinek auch all die Leichenberge, die unter der Erde der österreichischen Landschaft vergraben sind."
Diese "überzeugende Collage" hatWelt-Kritiker Marc Reichwein "von der ersten Minute an verzaubert. Das liegt zum einen an der Akustik: Schauspielerstimmen von SophieRois über SandraHüller bis MartinWuttke lassen Jelinek-Texte aus dem Off erklingen - eine kongeniale Umsetzung der Vielstimmigkeit, die Jelineks Werk so markant wie kaum ein zweites charakterisiert. Zum anderen ist da die phänotypischeVielgestaltigkeit von Jelinek selbst, aus allen Lebensphasen: Jelinek als modische Jungkommunistin; als Kurzhaarpunk; als Hoodie-Demonstrantin mit Trillerpfeife im Mund." Und "womöglich, denkt man bei den sprachgewaltigen Szenen aus ihren Dramen, die von Regie-Legenden wie ClausPeymann und EinarSchleef auf die Bühne gebracht wurden, womöglich hat niemand außer Jelinek aus Traumatisierungen, individuellen wie kollektiven, eine diskursiv so musikalische, im Sinne von Vielstimmigkeit erklingende Literatur gemacht." Das Große und Ganze der existenziellen Geworfenheit: "Il Buco" Dunja Bialas von Artechockverschlägt es schier den Atem, wenn sie mit MichelangeloFrammartinos Film "Il Buco" hinab in die Höhle von Abisso del Bifurto hinabsteigt, die mit fast 700 Metern tiefste Höhle Europas. Der Film stellt die erste historische Erkundung der Höhle in den Sechzigern nach, verliert dabei aber nahezu kein Wort. "Damit siedelt sich 'Il Buco' an der aufregendenUnbestimmtheitsstelle zwischen dem Dokumentarischen und der Fiktion an, bleibt historisch dem Ereignis treu und kann dennoch Imaginäres in das Faktische hineinlassen. ... Das Entdecken teilt sich so als eine Art Lumière-Höhlenmalerei mit, lässt den Gedanken an Platon aufkommen und an sein Höhlengleichnis (so auch der deutsche Verleihtitel) als Uridee von Projektion und Kino. Nur zögerlich offenbart sich das Gesteinsrelief in seinen sinnlich-geologischen Dimensionen." Und "in einer Parallelmontage, in der ein alter Hirte den Lauf der Natur akzeptiert, wird allein durch behutsame Gesten das Große und Ganze der existentiellen Geworfenheit aufgezeigt. Keine Frage: 'Il Buco' ist ein filmisches Ereignis, das einen die Demut lehrt." Für die Weltbespricht Elmar Krekeler den Film.
Weitere Artikel: PolaBeckspricht im Filmdienst über ihre Verfilmung von OlgaGrjasnowasRoman "Der Russe ist einer, der Birken liebt". Dunja Bialas widmet sich bei Artechock dem Programm des RumänischenFilmfestivalsin München.
Besprochen werden DavidCronenbergs "Crimes of the Future" (Zeit, Filmdienst, online nachgereicht von der FAZ, Artechock, unsere Kritik hier), Hong Sangsoos "Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall" (critic.de, Tsp, Filmdienst, Artechock, unsere Kritik), Christian Bäuckers Dokumentarfilm "Heimatkunde" über das Bildungssystem der DDR (Artechock), KilianRiedhofs "Meinen Hass bekommt ihr nicht" über den Anschlag aufs Bataclan (critic.de), RyanCooglers neuer Marvel-Superheldenfilm "Black Panther: Wakanda Forever" (Standard, FAZ) und neue Fußball-Serien (ZeitOnline).
Und die Schweizer "Sternstunde Philosophie" gönnt sich eine Stunde Deep Talk mit WernerHerzog.
Der Sex der Zukunft findet auf dem OP-Tisch statt: "Crimes of the Future" Der Körper-Filmphilosoph David Cronenberg meldet sich mit "Crimes of the Future" nach acht Jahren aus seinem Ruhestand zurück. In einer unbestimmten, vom Verfall geprägten Zukunft wachsen Menschen neue Organe, sie verlieren ihr Schmerzempfinden, können sich auch keine Infektionskrankheiten mehr einfangen und schon beginnen manche damit, Plastikzuverzehren. Performance-Künstler lassen sich auf offener Bühne vor staunendem Publikum ihre neuesten organischen Hervorbringungen amputieren. "Der Fortschritt war für Cronenberg immer schon beides, Utopie und Sündenfall", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel und hält außerdem fest: "'Crimes of the Future' mag in erster Linie Cronenbergs Zukunftsvision sein, er fungiert aber auch als Satire auf einen Kunstmarkt, der des Menschen ureigenste Ressource den Gesetzen des Kapitalismus aussetzt." Einen "SexfilmderZukunft" hat Perlentaucher Thomas Groh gesehen: "Ständig wird in andere reingeschnitten, in andere reingeschaut - man muss offen sein für neue Erfahrungen und auch einmal sein Innerstes zeigen."
"Cronenberg-Fans taumeln von Höhepunkt zu Höhepunkt, buchstäblich an jeder schlecht beleuchteten Straßenecke wartet der nächste", schreibt dazu Philipp Bovermann in der SZ, gibt sich dann aber doch als "muffelig" zu erkennen: "Man wird den Verdacht nicht los, Cronenberg habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten, in denen er psychologischen statt körperlichen Untiefen nachging und dabei ein ganzes Stück in den Mainstream hineinwuchs, einen Karteikasten auf dem Nachttisch gehabt. ... Immer wieder theoretisieren die Figuren, was diese körperlichen Veränderungen bedeuten könnten, wodurch sich die Dialoge mal sanft, mal weniger sanft von der Handlung lösen." Weitere Besprechungen in taz und FR. Für die FAZ hat Marian Schaghaghi mit dem Regisseur gesprochen.
Weitere Artikel: Matthias Kalle fragt sich im Essay für ZeitOnline, warum gerade Fernsehserien mit Blick auf "gut gealtert/schlecht gealtert" so eine schnelleHalbwertszeit haben - und plädiert für eine Serienkritik, die den ZeitbezugundKontext berücksichtigt. Die Schauspielerin JuliaKoschitzspricht in der FAZ über ihre Arbeit für die Serie "Souls", in der sie eine Ärztin mit Vorahnungen spielt.
Besprochen werden HongSangsoos "Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall" (Perlentaucherin Katrin Doerksen bewundert "Momente von zarter Schönheit", FR, SZ, mehr dazu bereits hier), RyanCooglers neuer Superhelden-Blockbuster "Black Panther: Wakanda Forever" (taz, SZ, ZeitOnline, NZZ), LiRuijuns in China nach langem Hin und Her verbotenes Armutsdrama "Return to Dust" (NZZ, mehr dazu hier), der Netflix-Film "Enola Holmes 2" mit MillieBobbyBrown (Presse) und die fünfte Staffel von "The Crown" (Zeit, Welt, FAZ), Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Magie des Moments: "Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall" (Grandfilm) Auch "Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall", der neue Film von HongSang-soo, zeichnet sich einmal mehr durch ein "kleines Nichts eines Plots", schreibt Ekkehard Knörer in der taz. Erneut wird an Tischen gesessen, etwas getrunken, erneut geht es um Bücher und Filme, die man drehen will oder nicht, erneut wird oft auch mehr geschwiegen als geredet. Gerade in diesem banalenMinimalismus liegt der Reiz der improvisierten Filme des Koreaners: "Es geht dabei weniger um das Gesagte und das Gezeigte als das Sagen und Sprechen und manchmal mehr noch das Schweigen, das Zeigen und Sehen, die Zwischentöne und das Lesen und mehr noch das Fühlen zwischen den Zeilen. Die Figuren sind nie völlig greifbar, auch nicht für sich selbst, entstehen, verändern sich mit den Situationen, beim Gehen, Reden und Zögern. ... Es geht dabei nicht um Autorenfilm-Größenwahn, sondern um Konzentration. Die Magie von Hongs Filmen ist eine Magie des Moments", oder mehr noch: "die Magie des Haiku".
Weitere Artikel: Im Dlf Kulturspricht Claudius Seidl über seine Helmut-Dietl-Biografie. Besprochen werden SaralisaVolms Thriller "Schweigend steht der Wald" (Tsp), Caroline Links vom ZDFonline gestellte Serie "Safe" (Welt), die neue Staffel von "The Crown" (Presse) und der neue "Black Panther"-Blockbuster aus dem Hause Marvel (Presse).
Die Kraft der Bilder: "Invisible Demons" Sehr beeindruckt bespricht Fabian Tietke in der tazRahulJains Dokumentarfilm "Invisible Demons" über die immer krasser werdende Umweltverschmutzung rund um Delhi und die Folgen des Klimawandels. Jain "zeigt den Preis, den Indien für den wirtschaftlichen Aufstieg an Umweltschäden und Krankheiten zahlt. Nur in wenigen Bildern ist die Luft über der Stadt halbwegs klar, meist verhängt dichter Dunst den Himmel. Die lokalen Probleme verbinden sich mit den globalenKlimaschäden zu einem katastrophalenKreislauf. ... Die Kraft von 'Invisible Demons' besteht in den Bildern, die Jain findet. Von den weiß blitzenden unsichtbaren Dämonen der Luftverschmutzung, die sich in den Lungen der Menschen ablagern, bis in die Weite der Landschaften. Als der Film per Kameradrohne dem Fluss Yamuna aus Delhi heraus folgt, wird das Wasser immertrüber."
Außerdem: In der tazempfiehlt Michaela Ott das Berliner FilmfestivalAfrikamera. Matthias Kalle ärgert sich auf ZeitOnline, dass OlliDittrichs "Dittsche" nun im Vorabendprogramm der ARD für müde Satire-Auftritte verheizt wird.
Besprochen werden Claude Zidi Juniors "Tenor" über einen Hiphopper aus den Banlieues in der Pariser Oper (Welt) sowie Milena Czernovskys und LilithKraxners auf DVD erschienener Film "Beatrix" (Jungle World).
Revolte mit der Kamera: "Rebellinnen" (Salzgeber) Breit besprochen wird PamelaMeyer-Arndts Dokumentarfilm "Rebellinnen" über die Fotografinnen CorneliaSchleime, GabrieleStötzer und Tina Bara, die sich als junge Frauen mit der Drangsal der DDR-Staatssicherheit herumschlagen mussten. Tagesspiegel-Kritikerin Gunda Bartels staunt über die Zähigkeit der drei: "Dass die Zermürbungstaktik der Stasi den Künstlerinnen damals schwer zugesetzt hat, ist jedem Statement der 'Rebellinnen' anzumerken. Trotzdem hat die Kunst ihnen Widerstandfähigkeit verliehen und sie zum Weitermachen animiert." Suse Fischer von der Jungle Worldhat viel Freude am Freiheitssinn der Künstlerinnen und ihrer Werke.
Welt-Kritiker Michael Pilz hingegen hat "bei aller Sensibilität und Schönheit" in diesem dennoch auch "ein wenig seltsam" wirkenden Film zuweilen Magenschmerzen: Meyer-Arndt ist Westdeutsche, ihr Director's Statement durchzieht "Entdeckerstolz" und hier und da neigt der Film zum "Westplaining": "Man sieht dem Film sein Staunen über jenen von Pamela Meyer-Arndt beschriebenen Freiheitssinn auch deutlich an. Ein Grund zum Wundern wäre es, hätten die Menschen in der DDR gelebt wie von der DDR gewünscht und wie es sich der Westen immer noch gern vorstellt: Unzufrieden aber einverstanden mit dem fürsorglichen Staat hat sich der DDR-Mensch zwischen Sitzgruppe und Schrankwand eingerichtet mit Nordhäuser Doppelkorn und Würzfleisch, mit den Puhdys und dem 'Kessel Buntes'. Ohne jeden Sinn für Freiheit. Möglich, dass es solche Menschen gab in der kommoden Diktatur der DDR. Die Mehrheit wollte, wie in allen Diktaturen, freier leben als sie war."
Weitere Artikel: Caroline Würfel spricht für das ZeitMagazin mit dem Filmemacher StanleySunday, der ein Animationsprogramm nutzt, um damit schwule Miniaturen wie aus einem Videospiel zu erstellen Christiane Peitz wirft für den Tagesspiegel einen frühen Vorab-Blick auf die Berlinale-Retrospektive, für die Filmschaffende Filme über das Jungsein kuratieren. In der SZ staunt Susan Vahabzadeh über den Erfolg von MargotRobbie, "die derzeit eine Hauptrolle nach der anderen spielt".
Besprochen werden QuentinTarantinos Filmessay-Memoir "Cinema Speculation" (FAZ, Welt), YvanAttals "Menschliche Dinge" (taz), eine Adaption des Romans "Gefährliche Liebschaften" als Seifenoper (taz) und die US-Serie "Shameless" (ZeitOnline).
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